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Karl Nebel, Anfang 60, liegt nach einem schweren Verkehrsunfall im künstlichen Koma. Tief in seinem Inneren eröffnet sich ihm die Gedankenwelt der Kindheit. Er durchlebt noch einmal die bewegende Zeit, die zutiefst vom Wesen seiner destruktiven Mutter geprägt wurde. Der Autor beschreibt die Auseinandersetzung mit ihrer zerstörerischen Lebensart und seinen Leidensweg heraus aus den Fängen und Abgründen. Zugleich ist dies sein Versuch, sich alles von der Seele zu schreiben, was sich dort über Jahrzehnte tief und fest eingebrannt hat.
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Seitenzahl: 660
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Gerald Netsch
DAS AKKORDEONSPIEL
Engelsdorfer Verlag Leipzig 2016
Cover
Titel
Impressum
Gedanken zum Buch
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
Die Handlung des Buches beruht auf wahren Begebenheiten. Namen und Personen sind jedoch frei erfunden und die Orte des Geschehens wurden verändert. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und verstorbenen Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.
Quellennachweis:
Die Ausführung zur Thematik Hirntrauma erfolgten unter Zuhilfenahme vonhttps://de.wikipedia.org/wiki/Schädel-Hirn-Trauma.
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
www.engelsdorfer-verlag.de
Am Anfang des Wagnisses ein Buch zu schreiben stand mein Burnout-Syndrom und mit ihm kam zugleich die Erkenntnis: Ich muss mein Leben radikal ändern.
Um zu verstehen, warum ich so bin, wie ich bin, entschloss ich mich zu der psychotherapeutischen Maßnahme, in die Tiefen meines Lebens hinabzusteigen und meine Kindheit zu Papier zu bringen.
Kaum hatte ich die ersten Erinnerungen hervorgekramt, flossen die Gedanken und Ereignisse ohne Halt aus mir heraus, schneller oft, als ich schreiben konnte.
Am Ende lag ein dicker Stapel Papier vor mir und ich wusste, das war mehr geworden, als ich es beabsichtigt hatte. In meinen kühnsten Träumen hatte nicht der entfernteste Gedanke Platz, dieses, mein zum Buch gewordenes Werk, zu veröffentlichen.
Dennoch, oder gerade deshalb, unternahm ich das tollkühne Wagnis, einen Verlag zu finden, der mit mir auf Augenhöhe das Bündnis eingeht und zu fairen Bedingungen die Publikation ermöglicht.
An dieser Stelle sei Herrn Tino Hemmann mit seinem Engelsdorfer Verlagsteam Dank gesagt, ebenso geht mein Dank an Frau Heike Deschle, die das Lektorat und die Korrektur mit Leidenschaft vornahm. Meiner Frau habe ich schon mehrfach gedankt und tue es hiermit noch einmal, denn ohne sie wäre das Buch nie entstanden.
Dezember 2015
Gerald Netsch
Grau. Alles um mich herum ist grau. Neugierig geworden öffne ich die Augen. Grelles Licht blendet mich. Am liebsten will ich wieder in das beruhigende gefahrlose Nichts hinübergleiten. Aber zu neugierig ist mein Wille. Langsam, ganz langsam wird es klar um mich herum, nimmt mich die Wirklichkeit in Anspruch. Da sind die grauen Häuserfassaden gegenüber, mit den trostlosen verdreckten Fenstern der Wohnungen, die nicht mehr bewohnbar sind. Fäulnis und Taubenkot haben in ihrem Inneren Besitz ergriffen. Einige der wenigen sauberen Fenster, die teils bunte Gardinen zieren, gehören zu Wohnungen, die von einfachen Menschen mit wenig Geld gemietet sind, solchen, wie wir es sind. Hier hat man sich so gut wie möglich eingerichtet. Teils getauschte, teils vom Mund abgesparte Möbel lassen einen kleinen Wohlstand erkennen, der so wichtig ist nach der langen Zeit des Verzichtes.
Eine Frau am offenen Fenster mit gelbem Pullover, gelockten blonden Haaren und einer aus dem Dekolleté herausquellenden Brust ruft mit rauchiger tiefer Stimme:
„Hallo, Annemarie, hab dich lange nicht gesehen. Warst du krank? Oder etwa im Urlaub?“
„Ne, mein Alter hält mich an der kurzen Leine, seitdem wir das letzte Mal in der ‚Libelle‘ waren. Er fand es nicht standesgemäß, dass ich als Frau allein tanzen geh. Ich kann ja schließlich nichts dafür, wenn er so ein Muffel ist.“
„Recht haste! Den Männern muss man es richtig zeigen. Wir waren viel zu lange unterm Pantoffel. Ich habe meinen gleich nach dem Krieg, als er ’45 aus der Gefangenschaft kam, zum Teufel gejagt.“
Ein gelber Schmetterling setzt sich sacht auf meinen Mützenrand. Ich finde das Gelb von der dort im Fenster viel leuchtender und sauge mich mit den Augen an den riesigen Titten fest. Meine Mama, Annemarie, jagt mit einer Handbewegung den kleinen Gast auf meiner Mütze weg und damit auch meine kindlichen Gedanken an Brust, Brustwarzen, wohlige Wärme, weiche Haut und süßlich schmeckende Muttermilch. Mit meinen gut zwei Jahren halten sich die sexuellen Ausbrüche meiner Fantasie in klar abgesteckten Grenzen. Etwas schmollend, da des Einblickes beraubt – sie hat mich mit dem Kinderwagen einfach zur Straße gedreht – presse ich mich in mein weiches Lager und widme mich anderen, wenn auch weniger interessanten Dingen. Der böige Wind spielt mit den Tausenden von Staubkörnchen, jagt sie in die Luft, lässt sie im Kreis umherschwirren, zu Boden sinken, um sie im gleichen Moment wieder wie Langstreckenläufer davonzujagen, den Bordstein entlang. Der Himmel hat inzwischen sein leuchtendes Blau eingetauscht gegen graublaue fast schwarze Wolken. Es wird ein Gewitter geben mit Blitz und Donner und der Chance, mich bei Mama einzukuscheln, Geborgenheit zu fühlen, die Angst vor dem Grollen des bösen Gottes zu vergessen. Das schrille Pfeifen der Schwalben schreckt mich auf. Sie jagen tief zwischen den Häusern nach Insekten. Ihre Eile, ihr unsteter Zickzackflug geben den Anschein, als würden sie schnell noch Vorrat schaffen, bevor die Welt gänzlich untergeht. Die rauchige tiefe Stimme der Frau im Fenster fordert meine ganze Aufmerksamkeit.
„Bring doch einfach am Wochenende deinen Mann mit zu mir. Wir feiern meinen Geburtstag nach.“
„Oh entschuldige, Eva, nachträglich noch alles Gute. Wie alt bist du denn geworden?“
„Es sind 26 Jahre, die ich auf Erden verweile.“
„Toll, dann bist du ja auch Jahrgang 1929, wie ich. Bist du in Chemnitz geboren, oder kommst du von woanders her?“
„Ich stamme von Leipzig, bin aber schon vor dem Krieg hierhergezogen. Hab Glück gehabt. Das ist noch die Wohnung von meinen Eltern, mit allem drin, sind ja nicht ausgebombt gewesen. Nachdem sie gestorben sind, bin ich einfach in der großen Wohnung geblieben. Man kann ja nie wissen, vielleicht kommt mal noch ein fescher General, der mich vom Fleck weg heiratet und mir ein Halbdutzend oder mehr Kinder macht. Ich hab das auch der Behörde gesagt, weil die mir doch eine Flüchtlingsfamilie unterschieben wollten. Kein Stück an Möbeln werde ich rücken und auch keinen Zentimeter Wohnung freiwillig hergeben, hab ich denen gesagt. Ich habe den Bürohengst gut eine Stunde vollgegeifert, bis er von dannen gezogen ist. Und weißt du, Annemarie, dann treffe ich den doch vor einigen Monaten im ‚Ballhaus Mollinger‘. So wie zufällig schiebe ich mich mit meinem Vorgarten an ihm vorbei, bleib natürlich stehen und frag, wie es geht. Lädt der Kerl mich doch zu einem Glas an der Theke ein und nach gut drei Stunden lieg ich mit ihm in der Kiste. Einfach so. Hab seitdem nie wieder etwas von dem gehört oder gesehen. Der war bestimmt verheiratet und hat jetzt ein schlechtes Gewissen.“
Ein langes rauchiges, von Hustenanfällen unterbrochenes Lachen, laut und von tief innen heraus, schallt durch die Häuserzeile. Zwei Frauen auf der anderen Seite der Straße schauen erschrocken herüber. Dann stimmt auch Mama wie ein Weihnachtsglöckchen in den Lachgesang ein. Schließlich ebbt das Lachen allmählich ab, wie die Glocken in der Kirche nach dem Gottesdienst. Gerade noch rechtzeitig fange ich den Gesprächsfaden wieder auf.
„Also bis Samstag um acht. Ich bring eine Erdbeerbohle mit. Hab die Früchte gestern von den Schwiegereltern gekriegt, die haben einen Garten.“
Die rauchige Stimme mit einem Schuss Bronchialhusten erwidert:
„Dann können wir ja deinen Walter mal so richtig aufheizen. Vielleicht wird es dann doch noch etwas mit dem Tanzengehen.“
Das schrille Weihnachtsglöckchen kichert.
„Wir werden dran arbeiten. Ich freu mich, bis dann.“
Rappelnd setzt sich mein fahrbarer Untersatz in Bewegung. Mama hält das Ding in allen Ehren, es soll viel Geld gekostet haben mit seinem geflochtenen Korb, den gummibereiften Rädern, die dann und wann laut quietschen. Nicht zu vergessen die geklöppelte Spitze rundherum, an der sich so herrlich zupfen lässt. Langsam wird es grau. Alles um mich herum ist grau. Die Stimmen verstummen. Ich falle tief, immer tiefer und tiefer. In mir dreht sich alles. Mein Kopf will sich auseinandersprengen, Beine, Brust und Arme sind ohne Gefühl. Wie bei einem Plüschteddybär schlägt alles an mir herum. Nein, ich will nicht auseinanderfallen. Bitte lass mich leben, leben, leben …
Der endlose Fall und seine kaum zu ertragenden Drehbewegungen verlangsamen sich allmählich. Ich fühle mich eingeschnürt wie ein Paket, unfähig, aus dieser Hülle herauszukommen. Ich höre um mich herum Stimmen. Kurze klare Kommandos. Armee? – bin ich wieder bei der Armee? Ist Krieg? Bin ich verwundet? Vielleicht fehlen mir Arme und Beine? – weggesprengt? Oder mein Kopf sieht aus wie ein Kürbis, den man mit einem Stein auseinander geschlagen hat? Was ist das? Warum sagt mir keiner etwas, redet doch mit mir – bitte. Ich flehe euch an, tut mir nichts. Ich will leben, leben …
In der Notaufnahme des Klinikums herrscht Hektik. Jeder der Ärzte und Schwestern weiß, was zu tun ist, der Ablauf ist hundertfach erprobt, nach strengen Ablaufschemas eingeteilt und abzuarbeiten.
Der erste Diagnosebericht des Notarztes am Ort des Unfallereignisses ist typisch für Verkehrsunfälle dieser Schwere: „Offene Beinfraktur linker Unterschenkel, Hautschädigungen an Händen, der linken Schulter und im Gesicht, Schädel-Hirn-Trauma mittleren bis schweren Grades verursacht durch Aufschlag der linken Kopfhälfte auf die Fahrgastzelle, seitlich wie auch frontal. Der Patient ist ohne Bewusstsein aufgefunden und reanimiert worden.“ Die Anspannung des Notaufnahmeteams ist deutlich zu spüren.
Der Unfall birgt potenzielle lebensbedrohliche Mehrfachverletzungen, bei denen erst jetzt nicht erkennbare weitere schwere Verletzungen, meist im Brust- und Bauchbereich, offensichtlich werden. Der alles entscheidende Faktor Zeit bestimmt die Prioritäten der Notfalleingriffe. Es ist der Kampf um Leben oder Tod des Patienten. Übel hat es ihn erwischt. Trotz der nur 120 Stundenkilometer auf der Autobahn Richtung Rosenheim hatte er keine Chance gegen den Geisterfahrer, der ihm an der Anschlussstelle Brannenburg wie aus dem Nichts entgegen kam. Aus – für den Einen die Erfüllung seines Wunsches, tot zu sein, für den Anderen der seidene Faden, an dem sein Leben jetzt zu hängen scheint. Es ist ein Stunden währender Kampf. Aufbäumend und an Stärke zunehmend ist die Kraft des Sensenmannes, der diese Schlacht für sich zu gewinnen sucht. Eisern und unerbittlich die Gegenwehr, das Ringen, dieses Leben den Krallen des Todes zu entreißen. Nach einer vierstündigen Notoperation, stabilisierenden Schrauben, Platten und Stiften, die aus dem Körper wieder einen Körper machen sollen, ist das Schlimmste des sichtbaren Schadens versorgt und der Patient stabilisiert.
Ihm, Karl Nebel, konnten die Ärzte das Leben erhalten, doch die speziellen Untersuchungen haben das schwere Schädel-Hirn-Trauma bestätigt. Die operative Entlastung des Hirndrucks und die Verödung von Blutungen im Schädel waren erforderlich. Alles ist soweit erfolgreich verlaufen. Doch niemand weiß, ob dieser Karl Nebel je wieder aus dem Koma erwacht, und wenn, ob es ein Leben, ein lebenswertes Leben dann sein wird.
Von der schlimmen Nachricht informiert, versuchen seine Frau Susanne sowie die Töchter Veronika und Liesa vom leitenden Oberarzt das zu erfahren, worauf sie am meisten hoffen: Ja – es gibt Hoffnung. Dazu wird sich aber Dr. Meissner nicht verleiten lassen. Zu umfassend ist sein Wissen in solchen Fällen, zu unterschiedlich die Verläufe, zu ungewiss deren Ausgang. Die Medizin kann vieles tun, jedoch keine Wunder vollbringen. So bleibt den Dreien nichts weiter übrig als zu warten, zu hoffen, und ja, auch heimlich zu beten. Erst gemeinsam, dann nach Tagen, auf Anraten des Arztes, nur noch Susanne. Immer ist die Hoffnung präsent: Es wird ein eindeutiges Zeichen geben für den Weg zurück ins Leben, ins lebenswerte Leben.
Susanne sitzt weinend, in sich zusammengesunken an seinem Bett. Sie scheint in den wenigen Stunden seit der Nachricht um Jahre gealtert. Tiefe dunkle Schatten haben sich unter den Augen gebildet. Lidschatten und Wimperntusche haben vom vielen Weinen eine breite Spur auf die Wangen gezeichnet und sich auf der weißen Bluse verewigt. Sanft hält sie Karls Hand, streicht ab und zu über seinen Handrücken in der Hoffnung, wenigstens ein kleines Zucken zu spüren. Reglos liegt er im Krankenbett, aufgebart wie für den letzten Gang hinüber in die Ewigkeit.
„Bitte verlasse mich nicht“, flüstert Susanne leise und verzweifelt. „Wir haben doch erst jetzt richtig angefangen zu leben. Wir haben noch so vieles Gemeinsames vor. Wir wollten mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, eine Reise nach Südafrika unternehmen. Du hast es mir fest versprochen. Hörst du? Hör doch! Das kannst du doch nicht machen, dich so einfach aus unserem Leben stehlen. Ich liebe dich doch. Wach bitte auf, bitte, bitte!“
Ein herbeieilender Pfleger zieht Susanne sanft zurück.
„Frau Nebel, das hat keinen Sinn. Er wird so nicht aufwachen. Geben Sie ihm Zeit. Reden Sie mit ihm über die schönen Dinge, die Sie gemeinsam erlebt haben. Geben Sie ihm das Gefühl, dass Sie für ihn da sind, dass Sie auf ihn warten, da sein werden, wenn er zurückkommt.“
„Ich will ja geduldig sein. Es ist nur so furchtbar schwer.“
„Ich weiß, viele Komapatienten und deren Angehörige habe ich hier erlebt. Schicksale, die unterschiedlich endeten. Eines kann ich Ihnen aber versichern, es gab sehr viel mehr Komapatienten, die den Weg zurückfanden. Sie brauchen Mut, Frau Nebel, an das mögliche Wunder zu glauben. Teilen Sie sich ihre Kräfte ein, nutzen Sie Verschnaufpausen, um neue Kraft zu tanken. Wenn Sie Angehörige haben, die diesen Weg begleiten können, so nehmen Sie deren Angebot an. Ich werde für Sie und Ihren Mann beten.“
Susanne ist wieder mit Karl allein. Lange denkt sie über die Worte des Pflegers nach. Er will uns in seine Gebete einbeziehen? Uns, die wir nie an Gott geglaubt haben! Vorsichtig beugt sie sich über das Gesicht von Karl, streichelt es behutsam, liebkost die Stirn, die Augen, den Mund. Sie spürt den salzigen Geschmack der Haut, die Wärme der Lippen. Sie nimmt wahr, dass Leben in ihm ist. Ein fast unmerkliches Lächeln huscht über ihr Gesicht.
„Ich habe den Mut, an das Wunder zu glauben“, flüstert sie ihm ins Ohr.
Ganz vorsichtig legt sie ihren Oberkörper auf den seinen. Sie will ihm nah sein, so nah wie nur möglich. „Ich darf ihm nicht wehtun“, ermahnt sie sich.
Es ist so schön warm in der Sonne. Der gelbe Schmetterling wärmt seine Flügel an ihren Strahlen, der Wind spielt mit den tanzenden Staubkörnern, die verweht werden so wie das Leben. Nein, Leben verweht nicht. Leben lebt, pulsiert, ist spürbar. Ich spüre nichts. Lebe ich? Was ist mit mir? Grau. Alles um mich herum ist grau. Da ist es wieder, dieses absurde Gefühl, die kindlichen Gedanken an Brust, Brustwarzen, wohlige Wärme, weiche Haut und süßlich schmeckende Muttermilch. Ich suche die Geborgenheit in meinem Reich, begrenzt von geklöppelter Spitze, weicher Decke, einem Kopfkissen mit echten Daunen und der Festungsmauer aus geflochtenem Korb. Hier bin ich sicher, hier ist mein Reich. Abrupt werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Mama hebt mich heraus aus meinem Reich, klemmt mich unsanft unter den Arm und steigt die Treppen bis ins vierte Obergeschoss hinauf. Ich fühle mich unwohl. Wo ist die Wärme und Geborgenheit hin? Warum schmiegt sie mich nicht an ihre weiche kleine Brust? Ich beginne zu weinen, will ihr sagen:
„Drück mich an dich, an deine Brust – hab mich lieb.“
In der Wohnung werde ich im Kinderbett zwischengeparkt. Mir selbst überlassen weine ich leise vor mich hin. Mama soll nichts mitbekommen von meiner Traurigkeit, sie nicht. Ein männliches Gesicht, leicht verschmutzt, mit vereinzelten Bartstoppeln, die zu einem gescheiten Bart nie reichen werden, beugt sich über mich, lächelt kurz und verkrampft. Eine ebenso schmutzige, nach Maschinenöl riechende Hand streicht über mein Haar. Ende der Zärtlichkeit. Der alltägliche Zank um Kind, Geld, Arbeit und dem Sinn des Lebens mit all den nie in Anspruch genommenen Annehmlichkeiten wie Geselligkeit, Vergnügen, ausgelebtem Sex geht in die erste Runde. Zur Unterstützung der Argumente werden Zimmertüren lautstark ins Schloss geworfen, Stimmen heben sich wie beim Marktschreier, wenn er seine Waren feilbietet. Stille. Mama schluchzt. Eine Kanonade von Schimpfwörtern aller Art und Deftigkeit pfeift durch Raum und Zeit. Wie so häufig beendet der mit den Bartstoppeln im Gesicht und den ölverschmierten Händen den Disput auf seine Art: schlagkräftig und durchgreifend. Nach einer geraumen Zeit erinnert man sich daran, dass ich nur zwischengeparkt bin, noch zu essen brauche, gebadet und gewindelt werden muss und schließlich ins Bett, das für den heutigen Tag die Endstation ist. Insgeheim freue ich mich, dass ich rein durch meine Anwesenheit – oder anders, durch mein Sein – zur Unterbrechung des Zwistes beigetragen habe. Waffenstillstand!
Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie sich ein solcher Abend in der Familie im Weiteren gestaltet. Kriegt man die Kurve und die handgreiflichen Auseinandersetzungen werden für beendet erklärt, dann kann es schon noch richtig nett werden. Gewöhnlich genehmigt man sich eine Flasche ‚Lockwitzer Mehrfruchtwein‘ für 2,75 Mark. Nach dem ersten, spätestens dem zweiten Glas fällt man übereinander her, anders als zuvor beim Streit. Nach kurzem Kraftaufwand, man hat schließlich den ganzen Tag gearbeitet, lässt man voneinanderab. Der mit den Stoppeln im Gesicht und den ölverschmierten Händen setzt sich in der Küche Wasser auf, um sich, zumindest oberflächlich, zu waschen. Ab ins Bett. Ein Blick ins Kinderbett ist nicht mehr notwendig, denn ich schlafe ja schon, denken sie. Mama, die noch lange nicht schläft, denn sie hat auch nicht den ganzen Tag gearbeitet, sitzt zusammengekauert, die Beine ans Kinn gezogen, auf dem Sofa, wippt sanft hin und her. Wie eine Schlange, die ihre Beute fixiert und zum Fliehen unfähig macht, haftet ihr Blick am ‚Lockwitzer‘, der noch einen kleinen Rest zum Genuss bietet. Mit dem Glas, das noch zur Hälfte gefüllt ist, lässt Annemarie die letzte halbe Stunde, die mit dem Sex, Revue passieren. Verbitterung breitet sich in ihren Gesichtszügen aus. War es das mit 26 Jahren? Soll das alles gewesen sein – Kind, Mann, Sex, wenn er es will oder ich es mir hole?
Ihre Gedanken gehen auf Zeitreise. Es ist das Jahr 1947, sie ist 18 Jahre jung, frisch verliebt in einen starken gutaussehenden Mann, braungebrannt, mit einem bestimmten Charisma, eben der Frauenkenner. Harald, Bauingenieur, von der Front verschont, da er wichtige Aufgaben im deutschen Hinterland zu erfüllen hatte. Ein Bild von einem Mann. Es dauert keine zwei Monate, bis ein schöner goldener Ehering ihre rechte Hand schmückt. Sie hat es ihm nicht einfach gemacht. Sie, die so kindlich wirkt, mit den kaum vorhandenen Brüsten, den unschuldigen Lenden, den straffen Schenkeln, den schlanken Waden und den langen, pechschwarzen lockigen Haaren. Eine Kindfrau wird sie genannt. Stolz zieht sie mit ihrem Harald durch die Bars, lässt sich zuprosten, saugt die geilen Blicke anderer in sich hinein. Sie fühlt sich stark in diesen Männerrunden, in denen sie, nur sie der Mittelpunkt ist. Sie kokettiert, wirft gierigen Mannsbildern, die sie mit den Augen ihrer Hüllen berauben, verstohlene Blicke zu. Blicke, die so manchem Kerl das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, das als Sabber aus den Mundwinkeln tropft. Aber eins ist klar: Außer Harald darf sie keiner anfassen. Seht her, ihr Neider, das ist mein Harald, mein Mann, der gehört mir, mir allein – hämmert es in ihren Gedanken.
Ihn, Harald, schert das wenig. Wollüstig leckt er der einen oder anderen Dame beim Tanz den Hals entlang, beißt sie ins Ohr, drückt ihren Schoß an seinen Freudenspender, der deutlich durch die Hose zu spüren ist. Sein Verhalten hat Methode. Es klappt bei fast allen Frauen, zumindest bei allen, die sich in solchen Bars herumtreiben und denen auf der Stirn geschrieben steht: „Ich will Abenteuer – ich bin heiß vor Verlangen.“
Annemarie fühlt sich zur gleichen Zeit durch den Genuss ihres Ruhmes im Umgang mit Männern berauscht. Sie ist so auf ihr Tun fixiert, dass alles andere um sie herum unwichtig wird. Auch, dass Harald mit dem Barkeeper seit Langem ein stillschweigendes Abkommen hat, für das er ihn gut bezahlt, damit er im Gegenzug das als Liebesnest umfunktionierte Büro im hinteren Trakt nutzen kann. Wenn Harald diesen Rückzugsort mit einer neuen Eroberung in Anspruch nimmt, genügt ein kurzes Zeichen, ein Blickkontakt mit dem Barkeeper, der sodann dafür sorgt, dass Annemaries Sektschale nie leer wird.
An vielen solchen Abenden mit immer diesem Ritual auf allen Seiten ist bisher alles glatt gelaufen. Hat Harald sein „Geschäft“ erledigt und kehrt befriedigt an die Bar zurück, nimmt er Annemarie in den Arm, drückt ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund und erklärt den Herren drum herum, dass es nun Zeit ist, mit seiner Frau nach Hause zu gehen. Nur am 16. August 1947 ist alles anders, erinnert sich Annemarie mit Tränen in den Augen und der Film läuft ab, so, als würde es gerade jetzt passieren.
An diesem Tag, er hat sich in ihre Seele tief eingebrannt, lässt sie sich vorerst wie immer von der Männerwelt betören. Einer der Kerle, den sie von Anfang an nicht leiden kann und der sie ständig eklig anmacht, greift ihr auf dem Barhocker unverhofft zwischen die gespreizten Schenkel, am Slip vorbei, mitten rein in die nasse Vagina. Das geschieht so schnell, dass Annemarie im ersten Moment nicht reagieren kann. Mit seinen Fingern fährt er die Schamlippen entlang und massierte sie. Dann zieht er die Hand zurück, so schnell wie sie zuvor auf Erkundung gegangen ist. Er leckt sich mit der Zunge die Lippen, feuchtet sie an, um im gleichen Moment seine bösen Finger dazwischen verschwinden zu lassen. Wie berauscht scheint er sich am Liebessaft zu erlaben. Das ist zu viel für Annemarie. Mit ihrer kleinen Faust schlägt sie ihm eine Gerade mitten zwischen die Augen, ohne zu überlegen, nur dem Impuls folgend. Man hat sie zutiefst gekränkt, nicht durch die Tat an sich, sondern weil sie es nicht bestimmen durfte. Ihr Gegenüber fällt wie ein nasser Sack vom Barhocker und bleibt regungslos am Boden liegen. Daraufhin erfasst sie Panik. Nur schnell weg hier. „Harald, wo bist du?“, denkt sie noch, als sie mit starrem Blick in Richtung Wirtschaftstrakt läuft. Dort angelangt und vermeintlich in Sicherheit, reißt sie eine der letzten Türen auf, um sich zu verstecken. Unvermittelt steht sie in einem spärlich beleuchteten Raum, der neben einer dürftigen Büroausstattung noch mit einem riesigen Bett versehen ist. In Gedanken wundert sie sich noch über diese eigenartige Konstellation: Was nun, Büro oder Schlafzimmer? Mehr an Gedanken lässt ihr Gehirn nicht zu. Jetzt hat sie die beiden nackten, in sich verschlungenen Körper bemerkt.
„Harald, nein, das darf nicht sein!“, bricht es aus ihr heraus.
Er liegt auf seiner Gespielin, hat die Lippen in ihr vergraben. Sie verbirgt ihren Kopf zwischen seinen Beinen, scheint das dazwischen Befindliche förmlich zu verschlingen. Durch Annemaries Aufschrei lässt er kurz von seinem Tun ab, blickt auf und schreit sie mit erregter Stimme an.
„Hab dich nicht so, bist doch sonst nicht so prüde, komm her und mach mit oder verschwinde.“
Langsam dreht sich Annemarie um, geht auf den Gang hinaus, schließt ganz behutsam und leise hinter sich die Tür.
Sie hat Harald immer geliebt, hat ihm bedingungslos ihre Liebe zu Füßen gelegt, hat mit sich willig alles machen lassen. Sie war unerfahren in Liebesdingen und dankbar für jede Minute, die Harald sie begehrte. An diesem Tag bricht für sie eine Welt zusammen. Nichts ist mehr wie zuvor. „Aus, es ist aus, das Leben ist nicht mehr lebenswert“, denkt Annemarie und schleppt sich zutiefst gekränkt nach Hause. Sie weiß nicht mehr weiter, nur eins ist ihr klar: Sie will nicht mehr leben. Ihr Ausweg sind die vier Griffe am Gasherd.
Sie erinnert sich nicht mehr, wie lange sie mit dem Kopf in der Backröhre kauert. Eine feste, starke Hand ergreift ihr Haar, zerrt sie über den Fußboden hin zum Ausguss. Harald reißt den Körper hoch, drückt den Kopf in das Becken und lässt mit vollem Strahl kaltes Wasser über den Kopf laufen. Der Abfluss schafft den Wasserschwall nicht so schnell wie neues zuläuft. Immer höher steigt der Pegel. Annemaries Gesicht ist unter ihm verschwunden. Mit letzter Kraft ringt sie um Luft zum Atmen. Ihre Lebensgeister kommen langsam wieder. Harald dreht das Wasser ab, lässt sie auf den Boden sacken.
„Ich lasse mich scheiden“, sind seine letzten Worte, bevor er die Wohnung verlässt.
Wenige Tage später erfährt Annemarie, dass sie im dritten Monat schwanger ist. Wieder erfasst sie Panik. Harald hat sich seit ihrem Suizidversuch nicht mehr sehen lassen. In Verzweiflung, weil sie mit einem Kind vollkommen überfordert ist, so meint sie, bleibt ihr nur der Abort, ein Kindsabtrieb. Sie weiß aus dem Elternhaus, wie ihre Mutter das mehrfach erfolgreich angestellt hat. Fest entschlossen, nicht noch ein Kind zu bekommen, trifft sie alle Vorkehrungen. Aber weder heißer Rotwein mit Nelken noch Sprünge vom Küchentisch oder eine Klistierspritze, die sie sich bis zum Gebärmuttermund schiebt, zeigen Wirkung. Auch ein Gesprächsversuch mit Harald ändert nichts an der verfahrenen Situation. Er habe die Scheidung bereits eingereicht, das Kind sei ihm wurscht, so sagte er, Alimente würde er zahlen, aber eine verbotene Abtreibung zu arrangieren, käme für ihn nicht infrage. Er ließe sich sein Leben nicht verpfuschen. Sie solle selber sehen, wie sie zurechtkäme, aber ohne ihn. Schließlich gibt sie den Versuch auf, sich gegen die Natur zu stemmen. Vier Tage zu früh gebärt sie einen gesunden Sohn, Wolfgang nennt sie ihn, und ist nun alleinerziehende Mutter. Die Scheidung ist durch, sie erhält fünfundvierzig Mark monatlichen Unterhalt, und das Leben geht weiter.
Tränen rinnen über ihre Wangen. Längst hat sie auch die eiserne Reserve „Lockwitzer“ zur Hälfte in sich hineingeschüttet. Verbitterung hat sie in Besitz genommen, beeinflusst sie, macht sie zum willenlosen Spielball ihrer Gefühle. Sie denkt an ihre Eltern, an ihre Kindheit. Sie, das ungewollte Kind, zur Welt gekommen mit pechschwarzen Haaren, hellbrauner Haut und dunklen großen Augen. Der Vater hatte sich von der Wiege abgewandt und vor sich hingesagt „Zigeunerkind“. Das war das Brandmal auf der Haut ihrer Seele. Das ungeliebte Kind, zum Achtel abstammend vom Ururgroßvater, Italiener, Zigeuner.
Durch all die Jahre der Kindheit hat sie dieser Makel begleitet. Die Brüder werden vom Vater hochgehalten. Die dürfen so gut wie alles. Die Mädchen, und insbesondere Annemarie, stehen hinten an. Sie ist die Drittälteste der Geschwister und das erste Mädchen in der Großfamilie. Vielleicht deshalb war die Enttäuschung beim Vater so groß, die Verachtung so spürbar. Sollte es doch der dritte Junge werden, und dann das: eine Zigeunergöre. Insgesamt siebenmal probt er noch die Zeugungsfähigkeit, einmal war es eine Totgeburt. Seine Frau hat schon immer Angst, wenn es mit ihm mal wieder durchgeht. Dann hängt Vaters Unterhose über dem Bettende und sie muss fügsam sein, gehorsam und willig. Im Geheimen hofft sie von Monat zu Monat, dass der Kelch an ihr vorübergeht, sie nicht schon wieder schwanger ist. Einige Male muss sie zur „Kräuter-Erna“ gehen, mit Brot, Wurst und Eiern, was doch zuhause kaum entbehrlich ist. Sich krümmend vor Schmerz kommt sie dann am späten Abend zurück mit blutverschmierten Schenkeln. Das sind im Leben der Großfamilie die einzigen Tage, an denen der Vater sich um die Kinder kümmert, sie versorgt und ins Bett bringt. Still, ohne Worte funktioniert die Verständigung zwischen den Eheleuten.
Annemarie wird mit 14 Jahren aufs Land verschickt. Zur Entlastung der deutschen Mutter, deren Mann an der Ostfront kämpft. Das sind zwei gute Jahre. Die Bauern sind freundliche Ersatzeltern, kinderlos, mit kleiner Wirtschaft. Ein Dutzend Hühner, drei Gänse, zwei Schafe und die Milchkuh „Paula“, so hat Annemarie sie heimlich getauft. Sie geht den beiden zur Hand so gut es geht. Sie putzt das Haus, füttert die Kleintiere und zieht mit auf das Feld, um Rüben zu stechen. Zu essen gibt es reichlich, man ist Selbstversorger. Alles, was die Wirtschaft nicht hergibt, wird getauscht, gehandelt oder erworben, indem Familienschmuck, Möbel oder Gerätschaften den Besitzer wechseln. Kurz vor Kriegsende, als die Amerikaner immer näher rücken, muss Annemarie mit einem der letzten Züge zurück nach Chemnitz. Dort wird sie wieder in die Familie aufgenommen, ohne Frage, wie es ihr ergangen ist. Sie spürt die Blicke der Geschwister, die nun das wenige Essen auch noch mit ihr teilen müssen. Sie ist unerwünscht, ungeliebt von der Mutter, vom Vater, der weit weg ist. Vielleicht ist es aber auch die Zeit, die Umstände, das Leben selbst, wovon man nicht so viel erhoffen kann, in den Jahren der Not, stets umgeben vom Tod, dem täglichen Kampf ums Überleben. Was kann man da schon erwarten? Annemarie fügt sich ihrem Schicksal und hofft sehnsüchtig auf bessere Zeiten. In Gedanken ist schon alles vorgezeichnet. Sie will ausbrechen aus diesem düsteren, stinkenden Milieu, begehrt werden von Männern, auf Händen getragen werden. Vermögend, ja, das wäre gut. Ein Ehemann, der erfolgreich ist, sie liebt, verwöhnt, ihr schöne Sachen kauft, mit Schmuck beschenkt. Kinder – nein! Sie will keine Kinder. Das ist Ballast. Das ist eine Last, die sie nicht zu tragen gewillt ist. Tief im Inneren spürt Annemarie wieder die Verachtung, die ihr die Kindheit zur Hölle machte. Sie ist stumpf, ohne Gefühl, verbittert, ausgegrenzt aus dieser Welt. Ja, eine Ausgestoßene, das trifft es.
Mit letzter Kraft setzt sie das Glas an die Lippen, schluckt hastig. Wie eine Verdurstende schlingt sie den Rest „Lockwitzer“ in sich hinein. Dann fällt das Glas zu Boden, hinterlässt auf dem Teppich einen dunklen Fleck, der sich rötlich in die vorhandene Fleckenlandschaft einfügt. Annemarie ist nicht mehr fähig, sich in ihrem Schicksal zu bemitleiden. Die Kraft ist ausgegangen. Heute will sie nicht mehr kämpfen, sich nicht mehr im Streit mit ihrem Ehemann behaupten. Sie will nur noch ihre Ruhe finden, sie, das Zigeunerkind.
Irgendetwas flackert vor meinen fest geschlossenen Augen. Die Grautöne verändern sich. Ich will mich darauf konzentrieren, aber es funktioniert nicht. Je intensiver ich versuche, das Geschehen zu deuten, desto mehr sacke ich ab in den unendlichen Raum, beginnt mein Körper zu kreisen. Immer schneller werden die Bewegungen um meine eigene Achse. Mal kopfüber, dann seitlich mit schlapp herabhängenden Gliedern, einem gefühllosen Rumpf, so geht es immer weiter in den endlosen Abgrund. Ich kann nichts aufhalten, nichts beeinflussen. Ich bin schutzlos ausgeliefert. Ich ergebe mich dem Schicksal.
Grelles Licht blitzt auf, die warme Augustsonne brennt auf der Haut. Ich fühle das Leinenhemdchen auf dem Oberkörper, spüre, wie die Hitze sich darunter breitmacht. Aus meiner Festung heraus, umgeben von geklöppelter Spitze, beginne ich zu erkunden. Mama sitzt auf einer Bank, neben ihr die rauchige Stimme mit dem Bronchialhusten.
„Stell dir vor, Anni, hat mich doch gestern ein Kerl angesprochen und nach dir gefragt“, informiert Eva geheimnisvoll.
„Und weiter?“, fragt Annemarie neugierig.
„Na, er würde dich gern treffen. Er hat uns letzte Woche gemeinsam gesehen. Er ist so abgefahren auf dich, Wahnsinn, eben Südländer. Sieht übrigens aufregend aus, schwarze gelockte Haare und Augen, sag ich dir, wie ein Stier.“
Mit den Fingern bildet Eva Kreise um die Augen, schaut hindurch und ein Lachen, begleitet von kleinen Hustern, deutet die Zwiespältigkeit ihrer Aussage an. Annemarie hat verstanden, denkt: „Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder. Das geht nicht.“
„Hast du ihm gesagt, dass ich gebunden bin und Kinder habe?“, fragt sie mit einer Prise Entrüstung.
„Dass du verheiratet bist, schon. Dass du Kinder hast, muss er ja nicht unbedingt wissen. Also, organisieren wir ein Stelldichein oder nicht?“
„Ist ja gut“, gibt Annemarie zurück, „und wie soll das abgehen?“
„Ganz einfach. Du triffst dich mit ihm in der ‚Libelle‘ am Samstag, nachdem wir deinen Mann k. o. gesetzt haben. Du hast selbst gesagt, er verträgt wenig. Wenn er genügend intus hat, schlummert er friedlich ein und wird durch nichts mehr wach.“
„Das stimmt schon, aber ‚Libelle‘ scheidet aus. Da bin ich bekannt wie eine Straßennutte. Dort bringt mich keiner mehr rein“, resümiert Annemarie mit einem keuschen Augenaufschlag.
„War ja nur ein Vorschlag. Pass auf, ich hab’s“, sprudelt es aus Eva heraus. „Wir drehen die Party einfach um. Ich komme zu euch, bring vorsichtshalber noch Hochprozentiges mit, und wenn dein Mann in die ewigen Jagdgründe entschwunden ist, gehen wir einfach zu mir“, triumphiert Eva, sie ist sich sicher, den perfekten Plan entworfen zu haben.
„Und was ist mit den Kindern?“, fragt Annemarie besorgt.
„Und was ist, wenn der Topf aber nun ein Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich?“, äfft Eva sie nach.
„Tut mir leid, aber ich hab so etwas noch nie gemacht, ehrlich“, rechtfertigt sich Annemarie. „Ich habe noch nie einen Mann betrogen.“
„Hattest ja nur zwei, oder hast du mir was verschwiegen?“
„Nein, nein, ich hatte wirklich nur zwei“, erwidert Annemarie kleinlaut.
„Da wird es aber Zeit, mein Mädel, sonst wachsen dir noch Spinngewebe an deiner Muschi“, lästert Eva.
„So ist es nun auch nicht. Paul besorgt es mir schon, wenn auch nur ab und zu. Aber mir reicht das“, verteidigt sich Annemarie und merkt im selben Moment, dass sie sich soeben belogen hat.
Wie oft lag sie heiß zwischen den Beinen neben ihm, hat ihn berührt, dort, wo es bei jedem Mann sofort funkt. Aber da passierte nichts, außer seinem Kommentar, dass er müde wäre und schließlich zeitig raus müsse. Mit Harald war es anders gewesen. Der hatte sie richtig genommen, von allen Seiten, hatte ihr förmlich die Seele aus dem Leib gestoßen. Oh, oh, hatte sie da schlimme Sachen mit sich machen lassen. Dafür schämte sie sich heute noch, erkennt Annemarie in Erinnerung versunken.
„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragt Eva und rüttelt sie kräftig am Arm.
„Du tust mir weh“, wehrt Annemarie ab, weil sie sich ertappt fühlt.
„Also noch einmal: Wir feiern bei euch, füllen Paul ab, und wenn er schläft, gehst du zu mir rüber. Ich bleibe bei euch, wegen der Kinder. Wenn Paul wach wird, sag ich ihm, dass du dich über seine Besoffenheit geärgert hast und für ein Weilchen das Tanzbein schwingst. Dagegen kann er nichts machen, das hat er sich doch selber eingebrockt. Wenn ich den Typen treffe, vereinbare ich euch für Samstag ab elf Uhr in der Nacht. Ist das ein Wort, mein Mädel?“
Ohne eine Gegenwehr zuzulassen, redet Eva sofort weiter auf ihr Patenkind ein. Sie ist sich sicher, Anni jetzt am richtigen Nerv gepackt zu haben. Gleichwohl fühlt sie sich wie die Meisterin, die der hörigen Schülerin die Flötentöne beibringt.
„Lass es dir doch mal gut gehen. Glaube mir, die Männer verdienen es nicht anders. Hast doch selbst deine Erfahrungen gemacht, mit Harald, meine ich, und wie er dich betrogen hat. Zahl es der Männerbagage heim, die verdienen es nicht anders“, ereifert sich Eva.
Sie merkt, wie der Widerstand stückchenweise bricht.
„Komm, Anni, lass es uns wenigstens ausprobieren. Wenn’s dir nicht taugt, lässt du es eben. Aber einmal musst du das erleben, mein Schätzchen, so richtig fremdgevögelt zu werden – das ist knorke.“
„Ich habe Angst, dass etwas schief geht. Ich würde mir ein Leben lang Vorwürfe machen“, wimmert Anni leise.
In Innersten brennt aber bereits das Feuer. Lichterloh schlagen die Flammen der Begierde, der Lust am Verbotenen in ihr auf. Wie in Trance wendet sie sich Eva zu und küsst sie zärtlich auf den Mund. Erschrocken fährt sie zurück, tut, als ob nichts geschehen wäre. Aber Eva hat den Impuls sofort erkannt. Ihr Mädel ist reif, sie ist nur noch zu pflücken. „Das wird eine schöne Zeit“, denkt sie und gibt Annemarie ein Freundschaftsküsschen auf die Wange zurück.
Mit der Verabschiedung werde ich aus meiner Entdeckertour gerissen. Ich habe wohl gehört aber natürlich nicht begriffen, doch irgendetwas Geheimnisvolles, Schönes musste es sein. Ich sehe es deutlich an dem Gesichtsausdruck von Mama, so strahlend, in den Augen leuchtend habe ich sie noch nie gesehen. Etwas ganz Großes bahnt sich an. Was nur hat eine solche Veränderung in Mama bewirkt? Im Hausflur nimmt sie mich behutsam aus meiner Festung mit dem geklöppelten Spitzenrand. Sie drückt mich an ihre kleine Brust, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, streicht mir mit der freien Hand sachte über den Kopf. Ich verspüre Angst. Was ist nur geschehen? Ich empfinde plötzlich ihre Zärtlichkeit als Schmerz, als ein tief von innen kommendes Brennen. Sie liebkost nicht mich, sondern die Erwartung auf das Unheimliche, das Geheimnisvolle, das Große. Vor Beklemmung beginne ich zu weinen, laut, angstvoll, in Verzweiflung dessen, was geschehen wird, von dem ich weiß, es ist außergewöhnlich, noch nie da gewesen, etwas, was meine Vorstellungskraft übersteigt. Was nur ist das Unabwendbare, Zerstörerische, vor dem ich eine solche unsagbare Angst habe?
Ich spüre, dass heute die Zeit sein muss, da das Unvermeidbare geschehen wird. Mama ist aufgeregt, mit den Gedanken weit fort. Der mit den Bartstoppeln und den ölverschmierten Händen hat sich gebadet, in der Blechwanne in der Küche, mit in großen Töpfen auf dem Gasherd erwärmtem Wasser. Ich habe mit ihm gemeinsam gebadet. Nachdem die Haut aufgeweicht ist, hat er die ölverschmierten Hände mit einer Bürste und viel Seife geschrubbt. Danach, vor dem Spiegel, geht es den Bartstoppeln an den Kragen. Mit Schaum und einer scharfen Klinge haben sie keine Chance. Nun passt die Bezeichnung nicht mehr: „der mit den Bartstoppeln und den ölverschmierten Händen“. Ich erinnerte mich, dass meine Mama öfters Paul oder auch Papa zu ihm gesagt hat. Also ab sofort Papa, zumindest so lange, bis wieder Bartstoppel und ölverschmierte Hände zutreffender sind. Mama nimmt in dem Rest Warmwasser ihr Bad, wäscht sich gründlich und in Gedanken versunken, reibt sich mit dem Waschlappen ihre kleine Brust, den Bauch, die Lenden. Langsam und intensiv gleitet die Hand mit dem Lappen zwischen die Beine, über die straffen Schenkel, fährt über die Pobacken, die prall und rund geformt sind. Sie genießt das Bad. Dabei ist es ihr vollkommen gleich, dass ihr siebenjähriger Sohn Wolfgang das Treiben mit tiefrotem Gesicht und Stielaugen, die man mit der Hitsche abschlagen könnte, beobachtet. Sie ist weit weg, in einer anderen Welt, die voller Erfüllung, bunt schillernd und ohne Sorgen und Probleme ist.
Wir werden zeitig zu Bett gebracht. Mama singt uns ein Schlaflied vom Schaf, was sie noch nie getan hat, Papa, der ohne Bartstoppeln und ölverschmierte Hände, steht im Türrahmen und sieht irgendwie anders aus. Er lächelt, macht Bewegungen so ausladend wie ein Dirigent vor einem hundertköpfigen Orchester. Behutsam schließt sich die Tür und es zieht Ruhe ein.
In der Nacht erwache ich. Mein Bruder schnarcht leise vor sich hin und ich lausche auf das, was im Nebenzimmer, der Wohnstube, zu hören ist. Die mit der rauchigen Stimme, heute ohne Bronchialhusten, dominiert die Runde bestehend aus ihr, meiner Mama und, ah ja – Papa.
„Ich finde es super, wie ihr euch eingerichtet habt. In so kurzer Zeit. Ihr seid ja erst, wenn ich richtig gerechnet habe, knapp drei Jahre verheiratet. Respekt – tolle Leistung“, lobt Eva.
„Darauf müssen wir einen trinken. Prost, Paul, ich heiße Eva, lass uns Brüderschaft anstoßen.“
Ein Klirren, dann Stille. Bis das Gespräch wieder aufgenommen wird.
„He, lass von Eva ab. Du sollst sie nicht gleich verschlingen. Musst ihr keinen Zungenkuss geben“, höre ich meine Mama sagen.
„Jetzt hab dich nicht so, Anni. Einen Kuss in Ehren kann keiner verwehren. Ich will außerdem nur testen, ob dein Mann wirklich so ein flotter Feger ist, wie du immer sagst“, kontert Eva.
„Hab ich nie gesagt.“
„Doch, hast du gesagt.“
„Nein, hab ich nicht gesagt“, frotzeln die Frauen miteinander.
Sie wissen genau, was das Ziel dieses Disputes ist. Paul schwillt der Kamm. Er fühlt sich als Hahn im Korb und lässt sich von den Damen unbemerkt abfüllen. Zuletzt, bevor er ins Alkoholkoma fällt, knutscht er beide Frauen abwechselnd, jedoch mit nachlassender Intensität. Der Alkohol hat seinen Dienst erbracht. Mit einem Turm in der Hose ist er an den prallen Brüsten von Eva eingeschlafen, tief und fest.
Jetzt ist die Zeit für Annemarie gekommen. Ihr Herz pocht bis zum Hals. Sie hat feuchte Hände vor Aufregung. Im Kopf fahren die Gedanken Karussell. Sie will das alles nicht, sie will nur Paul, eine gute Mutter sein, treu, ergeben, aufopferungsvoll, leidenschaftlich. Nein, sie will nicht mehr willig sein, bereitwillig, wenn es dem Mann danach ist. Sie will ab sofort selbst bestimmen, was geht und was nicht geht. Sie mag nicht mehr nur ein williges Stück Fleisch sein, dem Willen des Anderen ausgeliefert. Ab sofort will sie beherrschen, die Richtung bestimmen. Sie wird sich von keinem mehr in ihr Leben hineinreden lassen.
Annemarie bündelt alle Kraft, fasst das letzte Quäntchen Mut, um den Sprung über den Graben, den inneren Schweinehund zu schaffen. Sie schafft ihn. Von sich selbst gelobt über den Mut schreitet sie zur Tat. Jetzt ist es nicht mehr schwierig, jetzt sind alle Skrupel beseitigt. Nur noch frei sein. Selbst bestimmen, das Leben in vollen Zügen genießen, das ist wichtig.
Mit schnellen Schritten erreicht sie die gegenüberliegende Häuserzeile. Den Schlüssel fest umklammert, voller Erwartung dessen, was da kommen wird, eilt sie zum Hauseingang. Ein leiser Pfiff gibt ihr die Richtung. Ihr Auserwählter, der alles Verändernde steht bereit. Es bedarf keiner Begrüßung. Lautlos überwinden die beiden die wenigen Meter bis zum Himmel, oder besser bis zur Hölle. Wie wilde Tiere fallen sie über sich her, reißen sich die Sachen vom Leib. Annemarie denkt im Moment nicht daran, dass sie es wird erklären müssen, wenn sie mit einem Kleid ohne Knöpfe zurückkehrt. Wichtig ist ihr nur noch der Moment. Sie spürt seine Umarmung, die Liebkosung vom Hals abwärts bis ganz nach unten. Sie vibriert, verbiegt sich unter der Last der Gefühle, die sie so intensiv noch nie erlebt hat. Sie schwebt auf einer Wolke aus Wollust. Gierig gleitet sie an ihm herab, ihm Gleiches bereitend. „Komm, nimm mich“, gibt sie ihm zu erkennen. Mit brachialer Gewalt, ungestüm und von dem Drang besessen, den finalen Schuss zu setzen, dringt er in sie ein. Ihr Leib bäumt sich auf, ein Schrei der Begierde löst sich aus ihr. Im Rhythmus der Stöße gibt sie laute Schreie von sich. Er hält ihr den Mund zu, presst sie an seinen Körper, stößt immer fester zu, bis ihr Schreien verstummt und nur noch ein Beben zu verspüren ist. Zum zweiten Mal strömt der Liebessaft tief in sie hinein. Keine Verhütung kann den Strom verhindern. Annemarie ist es egal. Sie genießt das berauschende Spiel der Gefühle. Selbst Harald war ein Anfänger im Vergleich zu diesem Mann. Jetzt erst, etwas abgeklungen, merkt sie, dass sie nicht einmal seinen Namen weiß. Von nun an, so beschließt sie, soll er Herkules heißen. Die griechische Sage kennt sie nicht, aber sie ist sicher, er muss es sein, der mit dem riesigen Glied.
Als es hell wird, räumen sie das Liebesnest. Höflich verabschieden sie sich mit dem Versprechen, in Verbindung zu bleiben. Annemarie ist klar, dass es kein zweites Mal geben wird. Die Gefahr entdeckt zu werden ist einfach zu groß.
Irgendetwas tut sich nebenan. Gedämpftes Licht breitet sich im Wohnzimmer aus. Paul liegt auf dem Sofa, hat die Augen halb geschlossen, und ergibt sich dem Tun von Eva. Ihr ist es zu langweilig geworden, nur darauf zu achten, ob eines der Kinder wach wird. Vielmehr hat sie Interesse, Paul wach zu bekommen. Nur so ist es ihr möglich, sich von ihm zu nehmen, wonach sie Verlangen hat. Ihre prallen Brüste sind entblößt, sie reibt sie auf Pauls nacktem Bauch. Von meiner plötzlichen Anwesenheit aufgeschreckt, lässt sie von dem willigen Opfer ab, ergreift mich derb am Arm und bringt mich dorthin, wo ich hergekommen bin – ins Bett. Leise, aber doch sehr deutlich zischt sie:
„Unterstehe dich, noch mal rauszukommen. Ich dreh dir den Hals um.“
Ich begreife zwar nicht, was sie damit meint, aber ich empfinde es als sehr bedrohlich. Deshalb bleib ich, wo ich bin und vernehme nur aus der Ferne, was geschieht, als Mama in das Geschehen eingreift.
„Was ist denn hier los?“, höre ich Mama empört fragen.
„Ihr Schweine, müsst ihr hier rumvögeln? Das glaube ich nicht. Von dir, Eva, als meine beste Freundin, hätte ich etwas anderes erwartet. Schäm dich. Und du Bock, sieh zu, dass du wegkommst, sonst erschlage ich dich.“
Annemarie spielt die Rolle perfekt und glaubwürdig. Aber ist es überhaupt Spiel, ist es nicht doch ehrliche Entrüstung über die Entgleisung der beiden? Ist sie zurückgekehrt zu ihrer Moral, eine gute Mutter zu sein, treu und ergeben, aufopferungsvoll, leidenschaftlich und brav?
„Lass es gut sein. War’s denn wenigstens schön?“, höre ich die rauchige Stimme sagen.
„Raus, raus alle beide!“, schreit Mama, dann wird es still.
Nach einer Weile setzt ein Wimmern ein, leise, dann lauter. Schluchzen, Schreie, ein Dröhnen und Poltern. Markerschütternd, und bedrohlich zugleich. Meine Neugierde treibt mich wieder aus dem Bett. Vorsichtig öffne ich die Tür zur Wohnstube. Mama sitzt auf dem Sofa, trommelt mit ihren kleinen Fäusten auf die Tischplatte, hat soeben den Leuchter vom Tisch gefegt, der in die Ecke unter dem Fenster kullert, als wollte er sich aus dem Schlachtfeld stehlen. Mit leerem Blick und tränenüberströmt schaut sie zu der offenen Tür. Beide Arme strecken sich in die Richtung aus. Für mich die eindeutige Aufforderung, zu ihr zu kommen. Langsam, verängstigt und unsicher überwinde ich den kurzen Weg. Mama schlägt die Arme um meinen Körper, lässt sich zur Seite fallen und bedeckt mich mit ihrem Leib. Wie eine Wölfin das Junge, so hält sie mich fest, drückt mich an ihre bebende schluchzende Brust.
Nein, ich will diese Nähe nicht! Lass mich los, gib mich frei, du tust mir weh! Mein Körper ist regungslos, wie in Beton gegossen. Ich kann mich dieser Nähe nicht entziehen. Warum hilft mir keiner? Hilfe, Hilfe, Hilfe …
Ein besorgter Pfleger der Intensivstation blickt auf die Geräte, die Karl Nebel umgeben. Er regelt etwas nach, wendet sich Susanne zu und gibt ihr durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass alles in Ordnung ist. Am Bett sitzend wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Soeben hat sie begonnen, Karl die Geschichte ihres Kennenlernens zu erzählen.
„Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal im Hausflur begegnet sind. Ich war mit meiner Familie von Sachsen-Anhalt nach Sachsen umgezogen, in die kleine Zweizimmerwohnung, obwohl die Tochter schon acht Jahre alt war. ‚Eine Wohnung mit Kinderzimmer haben wir nicht, müsst halt so zurechtkommen‘, hatte der Oberleutnant vom Stab gesagt, der für die Wohnraumvergabe verantwortlich war. Du warst seit mehreren Monaten gegenüber beschäftigt, so hatte ich gehört, Löcher in die Wände zu bohren. Ich konnte nicht begreifen, warum die Dreizimmerwohnung nutzlos leer stand und wir nebenan eingepfercht waren. Na gut, ich erfuhr später, dass deine Frau ihre Tochter mitgebracht hatte. Aber ungerecht war es trotzdem. Ich stehe also so vor der Tür, du gegenüber, bewaffnet mit Schrubber und Eimer, im Begriff die Treppe zu wischen. Weißt du noch, was du geantwortet hast, als ich dir meine Hilfe bei der Hausordnung anbot? Ja, mein Lieber, ohne mich anzusehen kam: ‚Das kann ich selber‘, mehr nicht. Was für ein kotzüberheblicher Heini, habe ich damals gedacht. Das habe ich dir aber auch schon ein paar Mal erzählt.“
Susanne hält inne, als warte sie darauf, dass Karl ihr antwortet. Aber er liegt noch immer im Koma und die Ärzte geben keine Prognose. Dass es dauern könne, hat sie nur erfahren, als sie besorgt nachgefragt hat.
Wieder wischt sie sich Tränen vom Gesicht. Sie kann einfach diesen ständigen Fluss nicht unterdrücken. Nach Tagen hat sie es aufgegeben, ihre Weinanfälle zu bekämpfen. Irgendwie erleichtert das auch.
„Ach ja – warst du damals arrogant. ‚Guten Tag‘, das war alles, was man aus dir herausbekam. Es reizte mich schon, dich Muffel umzukrempeln, aber dazu war ich noch nicht bereit. Ja, ich weiß, was du sagen willst: ‚Hast andere Kerle im Kopf gehabt, später jedenfalls.‘ Nein, mein Lieber, da war nichts, ich war brav wie ein Rehkitz. Ich musste mich um eine Arbeit kümmern, in dem Nest, dem trostlosen Dorf. In der Heimatstadt hatte ich eine Stelle bei der Reichsbahndirektion gehabt. Und dann ziehe ich mit meinem Mann und Töchterchen Liesa in dieses Kaff, weil er von der Dienststelle einen Zivilposten in der Kfz-Werkstatt bekommen hatte. Oh, war ich damals doof. Aber etwas Gutes hatte es sonst hätte ich dich, mein Schatz, nie kennengelernt.“
Ein flüchtiges Lächeln huscht über ihr Gesicht.
„Nach einigen Wochen seid ihr dann eingezogen. Mit deiner Frau kam ich sofort ins Gespräch. Manchmal saßen wir auf der Bank vor der Tür, im Schatten der kleinen Birke, weißt du, und sie erzählte mir, wie fleißig du als Hauptfeldwebel warst. Um alles hast du dich kümmern müssen, bis spät in die Nacht hinein, du warst die ‚Mutter der Kompanie‘, erzählte sie immer sehr stolz. Ja, mein Lieber, sie hat dir geglaubt, hat ein unendliches Vertrauen gehabt. Dabei, du Mistkerl, bist du da schon meterweise fremdgegangen. Jeder im Haus wusste es, oder argwöhnte es zumindest. Deine Frau war ahnungslos. Ein guter Schauspieler warst du ja, darauf kannst du dir was einbilden. Nach außen immer der liebe, fürsorgliche Ehemann. Da fällt mir ein, auch deine Schwiegermutter hatte dich in den höchsten Tönen gelobt. Deshalb kam sie auch jeden Früh, euch zu wecken. Ich habe das nie begriffen, dass diese Frau morgens mit dem Fahrrad zu euch geradelt kam, um ans Schlafzimmerfenster zu klopfen, bis drin das Licht anging. Ich hätte euch schlafen lassen. Spätestens nach dem dritten, vierten Mal Zuspätkommen hätten sie dich in der Kaserne behalten. Wie hieß das bei euch, ‚Kasernenarrest‘?“
Susanne hält inne, horcht auf einen Widerspruch aus dem Bett, eine kleine Regung wenigstens. Nichts. Die Apparate summen monoton vor sich hin. Die Kurven auf den Displays sind gleichmäßig. Auch ohne den prüfenden Blick des Pflegers weiß sie, es ist alles in Ordnung. „Nein, in Ordnung ist nichts“, widerspricht sie sich in Gedanken selbst. „Was soll ich tun?“, grübelt sie. „Es ist so schön in letzter Zeit gewesen. Endlich bist du zur Ruhe gekommen, hast deine ständige Hektik abgelegt, dich auf uns, auf mich, die Kinder und Enkelkinder konzentriert. Hast begonnen, zu dir selbst zu finden, nachdem du diesen verfluchten Job gekündigt hast. Ich war so stolz auf dich. Endlich war der Teufelskreis aus Arbeit, Firma, Arbeit, Firma und ganz zum Schluss wir, durchbrochen. Endlich hast du das Wichtigste voran gestellt: deine Familie. Du kannst dich nicht so einfach davonschleichen!“, schreit sie Karl lautlos an. „Du hast gefälligst zu leben. Hast du verstanden? Zu leben!“
Erschrocken zieht sie ihre Hand von seinem Arm zurück. Sie hat ihn geschüttelt, hat ihre Fingernägel tief in das reglose, gefühllose Fleisch vergraben. Wie zur Wiedergutmachung streicht sie ihm zärtlich über die vom Zugriff gekennzeichnete Stelle. „Du darfst uns nicht wegsterben“, signalisieren ihre weichen Fingerspitzen. Nach einer Weile wiederholt sie diese Prozedur, dann tut ihr der Arm weh. Leise steht sie auf, geht zum Fenster. Es hat angefangen zu regnen. Der Wind, der die Regentropfen an die Scheibe drückt, hat sich zu gleicher Zeit auch die große Buche gegenüber dem Fahrweg vorgenommen. Mit ungebändigter Kraft rüttelt er an den Ästen. Bricht hier und da ein Zweiglein ab, kann aber dem Baum nichts antun. Mit ihrem starken Stamm steht sie da, die sturmerprobte Buche, und trotzt dem Spiel der Natur. Susanne nickt unbewusst mit dem Kopf, sie hat Karl mit diesem Baum verglichen. „Bleib standhaft, widersetze dich dem Gevatter Tod. Du schaffst es, da bin ich mir sicher“, beschwört sie ihn lautlos.
Jetzt ruhiger geworden geht sie im Zimmer auf und ab, langsam vom Bett zum Fenster, von da zur Tür, am Geräteturm vorbei und wieder zum Bett. Sie umrundet es und beginnt den Weg erneut. Unzählige Runden vollzieht sie. Es ist inzwischen fast dunkel geworden, die Gegenstände im Zimmer beginnen, ihre Position nur noch schemenhaft preiszugeben. Sie entschließt sich, für heute den Besuch bei ihrem geliebten Mann zu beenden. Die Müdigkeit ergreift Besitz von ihr. Ihre Beine werden schwer. Flüchtig verabschiedet sie sich von Karl, gibt ihm einen zärtlichen Kuss auf seine Stirn und dreht sich in Richtung Tür. Es ist nur ein Abschied für einen kleinen Moment, denn morgen, ja, morgen wird sie ausgeruht wieder zu ihm kommen.
Susanne hat sich am nächsten Tag ihren Lieblingsrock, den weiten braunen aus Italien, und darüber eine leichte rote Leinenbluse, lässig geschnitten, angezogen. Sie liebt diese Art von Bekleidung. Sie mag keine engen Röcke und Blusen mehr, auch keine Schuhe mit hohen Absätzen. Die Zeit ist vorbei.
Im Zug nach Rosenheim hat sie Zeit, darüber nachzudenken: Wie hat sie doch die engen, figurbetonten kurzen Röcke und die etwas keuschen Blusen geliebt. Aber auch lange Kleider, meist ohne Halter um die Brust, dafür breite Gürtel aus Lackleder. Dazu hohe Schuhe, die Haare als Pagenschnitt und blond gefärbt. „Das waren noch Zeiten“, denkt sie vor sich hin und kann ein Lächeln nicht verbergen. „Damals, als ich bei der Stadt angefangen habe, konnte ich mich erstmals richtig ausprobieren, immer der Mode etwas voraus. Ich habe ja gut verdient und mein damaliger Mann brauchte wenig, lief sowieso meist in Schlossersachen herum.“
Susanne wird aus ihren Gedanken gerissen. Der Zug fährt ein und um ein Haar hätte sie das Aussteigen verpasst. Schnell greift sie die, wie immer zu große, Handtasche und den Beutel mit gewaschenen Schlafanzügen und eilt zur Tür. Kaum steht sie sicher auf dem Bahnsteig, schließen sich die Türen und der Zug fährt Richtung München weiter. Es ist noch viel zu zeitig für den Krankenhausbesuch. Sie schlendert durch die Bahnhofshalle, schaut am Zeitungsstand nach einer Illustrierten, um sich nach kurzer Zeit wieder abzuwenden von der schillernden Prominentenwelt, die so gar nicht ihr Interesse weckt. „Kaffee trinken, hier nebenan, das ist eine Idee“, denkt sie und läuft entschlossen in die Richtung.
Am Tisch nimmt sie zwei kleine Schlucke von dem frisch gebrühten Getränk. Ihre Hand gleitet in den Beutel mit den Pyjamas und nach einigem Hin und Her zwischen den Wäschestücken fördert sie das Gesuchte heraus. Sie legt den kleinen Stoffteddy mit dem Verband am Kopf und dem Hemd mit der Aufschrift „Komm bald wieder heim“ vor sich auf den Tisch. Sie hat sich heute früh an dieses Ding erinnert, was seit langer Zeit am Kleiderständer im Wirtschaftsraum sein Dasein fristete. Genau den Teddy hatte Karl vor fast vier Jahren in der Klinik von den Enkelkindern geschenkt bekommen.
Damals hatte er schon einmal auf der Schippe des Todes gesessen. Bei ihm hatten die Ärzte ein Prostatakarzinom diagnostiziert. Viel Zeit wäre ihm nicht mehr geblieben, wenn er nicht sofort operiert worden wäre. Mit aller Kraft hatte er damals den Weg ins Leben zurückgefunden, hatte eisern an seiner Genesung gearbeitet. „Er wird es auch diesmal schaffen“, denkt Susanne und ist sich dessen ganz sicher. Sie umschließt den Teddy mit der Hand, drückt ihn, als wollte sie prüfen, ob er weich genug ist. Sie gibt ihm einen Stups auf die Nase und schaut ihn prüfend an. In Gedanken verabschiedet sie sich von ihm: „Bitte mach deine Sache gut“‚ und legt ihn lächelnd zurück in den Beutel.
Sie lässt sich Zeit für den Weg ins Klinikum, macht noch einen Umweg über den Friedhof. Sie geht zielsicher die Wege zwischen den Grabreihen entlang, biegt um die Mauer mit den Wandgräbern und weiter bis zu dem einen Grab. Hier liegt er, der ehemalige Seniorchef von Karls letzter Firma. Er hatte aus dem Nichts die Firma aufgebaut, sie durch Höhen und Tiefen geführt bis zu seinem Tod mit 89 Jahren. Unermüdlich hatte er gewirkt. Er war stets ein Vorbild für Karl gewesen. Karl hatte ihn gemocht, auch wenn der alte Herr oft keine andere Meinung hatte gelten lassen. Dafür war er Chef gewesen, hatte die Verantwortung für das Ganze getragen. Susanne blickt auf das Bild auf der Grabplatte und leise spricht sie das Abbild an:
„Bitte helfen Sie Karl von da oben, wo Sie jetzt sind. Ich bin so verzweifelt. Tun Sie etwas.“
Eine Weile steht sie vor dem Grab, als warte sie auf eine Antwort von ihm. Ein Spatz setzt sich auf das hölzerne Kreuz vor der Mauer, hüpft aufgeregt auf dem Balken hin und her. Dann hält er inne, legt sein Köpfchen zur Seite und zirpst ein paar Mal. Soll vielleicht heißen: „Hab Mut, es wird alles gut“, redet sich Susanne insgeheim ein. Sie ist in die Realität zurückgekehrt. Mit festem Schritt eilt sie nun den Weg entlang, nimmt direkt Kurs auf die Klinik.
In den verwinkelten Gängen mit den roten, grünen, gelben und blauen Richtungslinien kennt sie sich inzwischen aus. Jede Linie steht für ein bestimmtes Haus, eine bestimmte Station. Einer folgend, mit dem Aufzug zwei Etagen bewältigend, kommt sie leicht außer Atem am Ziel an. Sie muss sich erst konzentrieren auf die Situation, wie sie ihr nun wieder vor Augen treten wird. Da hinter der Glastür mit der Ziffer 312 liegt er, ihr geliebter Mann, nachdem er vor einer Woche innerhalb der Intensivstation hierher verlegt wurde. Nachdem sie sich ein wenig gesammelt hat, geht sie das letzte kleine Stück und öffnet leise die Tür zum Zimmer mit dem Bett von Karl und rundherum den Gerätetürmen, die monoton die Signale in die Welt abgeben. So wie sie das auf den ersten Blick erkennen kann, scheint alles in Ordnung.
Als hätte der Pfleger hinter der großen Glasscheibe, die die Trennung zum Nachbarraum darstellt, ihren Gedanken erraten, hebt er die rechte Hand und gibt mit dem nach oben gerichteten Daumen das Zeichen „alles in Ordnung“.
„Da bin ich. Geht es dir gut? Heute siehst du schon viel besser aus. Schau an, rasiert hat man dich. Wohl extra schmuck gemacht für mich“, spöttelt Susanne und küsst ihn auf Wange, Mund und Stirn.
Sie fühlt, dass sie heute gut drauf ist und bemerkt erst jetzt, dass noch keine einzige Träne ihren Augen entwichen ist. „Na bitte, geht doch“, lobt sie sich.
„Ich habe dir etwas mitgebracht. Du erinnerst dich doch an deine Prostataoperation? Die beiden Zwerge hatten dir einen Teddybären geschenkt, mit einem Verband am Kopf. Hier ist er.“
Stolz zieht sie das kleine Ding aus dem Beutel und legt ihn sacht an das Gesicht von Karl. Er soll ihn spüren, sich erinnern, mit ihr gemeinsam darüber lachen, wie er damals den Tod besiegt hat. Eine Siegesfeier sollte es jetzt werden, aber Karl zeigt keine Reaktion. Reglos liegt er im Bett, die Augen fest geschlossen, Atemgeräte ersetzen seine Lunge. Ein und aus, ein und aus …
„Ich war vorhin bei deinem ehemaligen Chef. Hab ihn gegrüßt von dir, da oben, wo er jetzt ist. Weißt du, was er mir gesagt hat? Du sollst ihm vom Halse bleiben, deine Zeit wäre noch lange nicht gekommen. Also, mein Lieber, halte dich dran und höre auf den Chef. Er meint es gut mit dir, wie immer.“
Jetzt rollt Susanne die erste Träne des heutigen Tages über die Wange und kennzeichnet mit Wimperntusche schon mal den Weg für die Brüder und Schwestern, die ihr folgen werden.
Ich spüre den festen Griff, die Umklammerung, aus der es kein Entrinnen gibt. Ich beginne meinen Körper hin und her zu drehen, versuche, mich unter dem Leib von Mama herauszudrängen. Keine Chance, je mehr ich mich winde, desto fester wird ihr Griff. Ich will deine Mutterliebe nicht. Sie ist falsch, unaufrichtig. Sie ist erschaffen aus Selbstmitleid. Lass mich los. Ich will nicht von dir, von deiner Seele infiziert werden. Nein, du tust mir weh, es schmerzt so sehr, lass mich, lass mich endlich, ich will nicht, will nicht …
Die Strahlen der frühen Morgensonne spielen mit den aufgewirbelten Staubpartikeln in der Luft, die zwischen Sofa und Fenster schweben. Auf und ab, hin und her fliegen sie, bleiben für Bruchteile eines Momentes still und regungslos in der Luft stehen, um dann umso schneller wieder in Bewegung, zu einem anderen Ort zu hasten. Ich beobachte dieses Schauspiel fasziniert. Das möchte ich auch, einfach dahinschweben, weg von dem einen bösen Ort zu einem nächsten, bunten, warmen, friedlichen Ort. Ich will fliegen. Aber so sehr ich mich auch anstrenge, es gelingt mir nicht. Ich schaffe es zumindest, meine missliche Lage etwas zu verbessern. In einem Augenblick der Unachtsamkeit drehe ich blitzschnell meinen Körper auf die andere Seite, bevor der Würgegriff wieder einsetzt. Jetzt schaue ich Mama ins Gesicht. Sie macht einen so friedlichen, schon fast glücklichen Eindruck. Ihr Atem geht leicht, die Fältchen an den Außenseiten der Augen deuten darauf hin, dass sie einst viel gelacht haben muss. Ich betaste mit meinen Fingern die Lachfältchen, streiche über sie hinweg, um jede einzelne dieser kleinen Rillen zu spüren.
„Lass mich in Ruhe“, raunzt Mama mich an.
Erschrocken ziehe ich die Hand zurück. „Ich hab es doch lieb gemeint“, protestiere ich tief im Inneren. Ruhig bleibe ich fortan liegen, um sie nicht noch einmal zu stören.
