Das alte Haus am Meer - Sarah Beth Martin - E-Book

Das alte Haus am Meer E-Book

Sarah Beth Martin

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Beschreibung

Wenn Liebe uns angreifbar macht … Der bewegende Familiengeheimnisroman »Das alte Haus am Meer« von Sarah Beth Martin jetzt als eBook bei dotbooks. Wie lange darf Trauer ein Leben bestimmen? Nach dem Tod ihres Mannes kehrt die junge Jemma in ihre Heimat Maine zurück – voller Hoffnung darauf, dort den Seelenfrieden zu finden, den sie sich so sehr wünscht. Aber wie wird es sich anfühlen, wieder bei ihrer Mutter zu wohnen, mit der sie immer ein seltsam distanziertes Verhältnis hatte? Noch dazu erinnert das alte Haus an der Küste Jemma an ihre geliebte Tante Adeline, die vor vielen Jahren bei einem rätselhaften Unfall starb. Durch Zufall findet Jemma nun alte Briefe, die andeuten, dass zwischen den beiden Frauen etwas vorgefallen sein könnte, von dem sie bisher nichts ahnte – und beschließt, diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen … »Durch Martins einfühlsame Erzählstimme geht uns das Schicksal einer jungen Witwe so nah, dass wir es nie vergessen werden – und macht diesen Familiengeheimnisroman zu etwas ganz Besonderem.« Booklist Jetzt als eBook kaufen und genießen: Das einfühlsam erzählte Familiendrama »Das alte Haus am Meer« von Sarah Beth Martin ist eine Entdeckung für die Fans von Lucinda Riley und Anne Prettin. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 417

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über dieses Buch:

Wie lange darf Trauer ein Leben bestimmen? Nach dem Tod ihres Mannes kehrt die junge Jemma in ihre Heimat Maine zurück – voller Hoffnung darauf, dort den Seelenfrieden zu finden, den sie sich so sehr wünscht. Aber wie wird es sich anfühlen, wieder bei ihrer Mutter zu wohnen, mit der sie immer ein seltsam distanziertes Verhältnis hatte? Noch dazu erinnert das alte Haus an der Küste Jemma an ihre geliebte Tante Adeline, die vor vielen Jahren bei einem rätselhaften Unfall starb. Durch Zufall findet Jemma nun alte Briefe, die andeuten, dass zwischen den beiden Frauen etwas vorgefallen sein könnte, von dem sie bisher nichts ahnte – und beschließt, diesem Geheimnis auf den Grund zu gehen …

Über die Autorin:

Sarah Beth Martin wuchs in Massachusetts auf. Nach ihrem Studium arbeitete sie unter anderem als Website-Redakteurin und freie Texterin, bevor sie begann, sich dem Schreiben zu widmen. Sie lebt heute mit ihrem Mann an der Küste von Maine.

Die Website der Autorin: www.sarahbethmartin.com

Die Autorin im Internet: www.instagram.com/sbethmartin

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eBook-Neuausgabe Februar 2023

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 2003 unter dem Originaltitel »The One True Ocean« bei Source Books, Naperville, Illinois. Die deutsche Erstausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Das Haus an der Küste« im Knaur Taschenbuch.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 2003 by Sarah Beth Martin

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2005 by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München.

Copyright © der Neuausgabe 2023 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von Shutterstock/Potapov Alexander, mark Stephens photography, Eddie J. Rodriquez, NILADRI ADHYA

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (mw)

ISBN 978-3-98690-474-6

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Sarah Beth Martin

Das alte Haus am Meer

Roman

Aus dem Amerikanischen von Helga Augustin

dotbooks.

Dieses Buch ist meinen Eltern, Janet und Jack Martin, gewidmet.

TEIL 1NACHWIRKUNGEN

Kapitel 1

Renee

»Frauen sind zu grauenvollen Taten fähig«, liest Renee McGarry aus dem Lehrbuch in ihrer Hand vor und fühlt sich dabei wichtig und stark. Die pubertierenden Schüler starren sie verblüfft an; dieser Aspekt der weiblichen Psyche ist vielen von ihnen unbekannt. Wahrscheinlich erfahren sie weder in Biologie noch in Geschichte etwas darüber und begegnen solchen Aussagen nur in reißerischen Schlagzeilen über Gewalt und Wahnsinn, über Mord. Aber solche Schlagzeilen sind hier nicht gemeint.

Sie sieht zum Fenster hinaus auf den Schulhof, wo der Winter langsam dem Frühling weicht: schmutziger, schmelzender Schnee und tropfendes Eis, nasse Äste und durchweichtes Laub vom letzten Herbst. Schwer zu glauben, dass das derselbe Hof, derselbe grüne Rasen und dieselben farbenprächtigen Bäume vom letzten Jahr waren. Und der Winter, hat es den überhaupt gegeben? Der Übergang zum Frühling war ein leeres, kaltes blaues Nichts. Ein Vakuum nach dem Tod.

Im Herbst war der Mann ihrer Tochter gestorben. Es war ein wunderschöner Herbst gewesen, mit bunten Blättern, die anscheinend für immer an den Ästen bleiben wollten; wunderschön, bis die Temperaturen sanken, der Nieselregen auf der Straße gefror und die Nachmittagssonne das Eis in ein glänzendes schwarzes Nass verwandelte. Alles endete an einem hellen, diesigen Nachmittag um vier Uhr, vielleicht zur gleichen Zeit, als der seltsam kreisende Wind die frisch zusammengerechten Blätter zurück auf den Rasen blies.

Während Renee auf den öden, grauen Hof hinausblickt, wartet sie auf den Frühling, wenn alles wieder zum Leben erwacht. Und sie denkt an die vielen Dinge und Menschen, die nicht zurückkommen werden, fühlt sich verhöhnt von der nahenden Jahreszeit des Wachstums und der Rückkehr.

Schon bald werden rote und goldene Blattreste in den Boden sickern wie glitzernde Späne, und das Grün wird aus der harten, kalten Erde sprießen. Insekten schwirren im Sonnenlicht, und die Luft riecht nach Gras und feuchter Erde – nach Leben. Die Vögel kehren zurück, die Spatzen und Finken viel früher, als viele glauben, denn sie sind noch stumm und zeigen sich erst später. Und dann die Meisen, die nie fort waren, deren Gesang sich aber je nach Jahreszeit verändert: Auch sie werden zögern mit ihrem Frühlingsgezwitscher, denn der Winter könnte immer noch zurückkehren.

Das Rotkehlchen hoch oben auf dem kahlen Zweig ist früh dran, kann dem starken, nach Eis und Metall riechenden Wind kaum standhalten. Unter ihm auf dem Boden liegen Eicheln, einige selbst nach dem Winter noch mit Hütchen.

Als Kind hatte Renee, die den Frühling und die Bäume und alles Lebendige liebte, Gesichter auf Eicheln gemalt und sie auf kleine Erdhaufen gesetzt, die als Körper fungierten und den Kopf stützten. Dabei dachte sie an den menschlichen Körper, von Gott entworfen, und dass ein Baby erst lernen musste, den Kopf zu heben. Warum hatten Eicheln Hütchen?, fragte sie sich. Vielleicht wusste es ihre große Schwester Adeline; die kannte sich aus mit so was.

Auch Renee würde sich eines Tages damit auskennen. Allerdings galt ihr Interesse nicht der Pflanzenwelt, sondern den Menschen: Was in ihren Köpfen vorgeht, und warum jemand einen Hut trägt. Ihr Lehrmeister würde die Wirklichkeit sein, eine Wirklichkeit, mit der andere erst zehn oder zwanzig Jahre später konfrontiert wurden – oder nie. Und sie war gerade erst sechzehn.

Sie wusste also, wovon sie sprach, als sie Jahre später zu ihrer Tochter die gleichen Worte sagte wie einst Adeline zu ihr.

Ein Kind verändert dein Leben.

Kapitel 2

Jenna

Was passiert mit den Toten?

Ich bin sieben Jahre alt, als ich das denke, und zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert: Meine Tante, eine freundliche Frau, samtweich wie ein Schmetterling, stürzte eingeschlossen in ihrem Auto ins kalte Salzwasser und versank. Sicher hatte sie große Angst und Schmerzen, aber mit sieben denke ich nicht an so etwas; tot sein ist einfach – es bedeutet nur, dass man jetzt an einem besseren Ort weilt, wo alles friedvoll und pastellfarben ist und es keinen Kummer oder unerwartete Stürme gibt. Ich habe keine Zweifel, dass Tante Adeline in Frieden ruht.

Heute bin ich mir nicht mehr so sicher.

Seit ich erwachsen bin, ist mein Leben von Tod und Verwirrung gezeichnet. Meine Welt ist nicht mehr die gleiche. Immer wenn ich in den Nachthimmel blicke, frage ich mich, wie oft ich noch den Vollmond sehen werde, wie viele Thanksgiving- und Weihnachtsfeste noch vergehen, bis meine Zeit gekommen ist. Vermutlich weniger, als ich einmal gedacht habe; früher war mir alles unendlich erschienen.

Das Leben wird von den Lebenden als selbstverständlich hingenommen – so lautet meine Schlussfolgerung.

Ich weiß nicht, ob Seth auch so gelebt hat, ob es für ihn einen Countdown der Vollmonde und Feiertage gab. Hoffentlich nicht; hoffentlich hat er nicht gewusst, dass es seine letzte Fahrt von der Arbeit nach Hause war, dass er nie wieder den Nachthimmel sehen würde.

Über mir rotieren die Holzflügel des Deckenventilators mit dem rhythmischen Summen eines Riesenmoskitos und erinnern mich daran, dass ich aus Fleisch und Blut bin. Ich habe die Augen geschlossen und sehe nur gesprenkelte rotschwarze Linien, doch sobald ich sie einen Spalt öffne, nehme ich ein Flackern über mir wahr: Die Schatten der Ventilatorenflügel, vom Wind in Bewegung gehalten. Flügel, dazu bestimmt, sich immer weiter zu drehen wie die Zeit.

Wie das Leben.

Mein Leben mit Seth begann mit einem Blickkontakt in einem Seminar in Geophysik. Seth liebte diese Wissenschaft, ihre Eindeutigkeit; es ginge immer um Wiedergeburt, sagte er, um Veränderung – die Umwälzung von Land. Und im Leben sei der Tod auch nur eine Veränderung, wenn nämlich unsere Knochen und Zellen Teil des Bodens und der Steine würden. Diese Vorstellung nahm Seth die Angst.

Damals ahnte ich es noch nicht, aber auch ich würde einmal meine Angst überwinden müssen. Eines Tages würde Seth plötzlich nicht mehr da sein, ich würde vor seiner sterblichen Hülle auf der Kirchenbank sitzen und von anderen zum Beten angehalten werden.

Bete, sagten sie, als ich aufsah zu dem eindrucksvollen Deckengewölbe in Elfenbein und Gold, den bunten Fensterscheiben in Bernstein und Blau. Die Sonne Neu-Englands brannte herein, verwandelte die Oktoberkälte in glühende Hitze, verspottete mich, während die Stimmen mir sagten, wo mein Mann war. Er ist jetzt bei Gott, sagten sie, bei Jesus. Eine einfache Lösung, dachte ich, für alle, die Seth liebten und glauben mussten, dass er nicht einfach im Nichts verschwunden war.

Während die Worte in der Kapelle widerhallten, dachte ich an seine sanfte, tiefe Stimme und die dunklen Schokoladenaugen. Aber sehen konnte ich nur den kupferroten Sarg, ausgestellt wie in einem Museum und ausgeschlagen mit einem hauchdünnen, weißen Tuch. Darauf lag sein ordentlich gekleideter und wundersam unversehrter Leichnam. Mein Kopf fühlte sich dumpf an, wie in eine Wolke gehüllt: Die Beruhigungsmittel dämpften die Geräusche und betäubten die Gefühle – gerade genug, um trotzdem Er hat dich auch sehr gemocht erwidern zu können. Ich war wie eine Maschine, die auf Signale reagierte, auf jeden einzelnen Knopfdruck. Vielleicht funktionierte ich sogar besser als sonst, da mein Kopf leer war und nicht angefüllt mit den üblichen Fragen und Analysen im Licht der Moral.

Und wie seltsam es war – geradezu surreal –, seinen Leichnam auf diese Weise zur Schau zu stellen; aber Seth wollte offen aufgebahrt werden, wenn seine Zeit gekommen war. »Es ist gut für die Menschen, das zu sehen«, hatte er einmal gesagt. »Der Körper ist bloß eine Hülle.« Ohne zu wissen, dass sein Tod so nahe war.

Ich hatte schon einmal eine Tote gesehen, vor zwanzig Jahren: Meine Tante Adeline, auch ein junger, zusammengeflickter Körper, angemalt und mit Konservierungsmitteln verschönert. Aber anders als bei meiner Tante, sah Seths Leiche geradezu lebendig aus, als könnte er jeden Moment die Augen aufschlagen, lachen und allen erzählen, er habe sich nur einen Scherz erlaubt. Als könnte so etwas Furchtbares einem netten, humorvollen Mann wie Seth niemals passieren.

Alles war unwirklich.

Wir saßen in der ersten Reihe, mein Vater links von mir. Er hielt meine schweißnasse Hand. Ich fühlte kaum meine Finger, nur seine kalte, feuchte Hand und den sanften Luftzug dort, wo unsere Haut sich nicht berührte. Ich stellte mir die Linien seiner Handfläche vor, wie sie meine eigenen kreuzten wie Brücken über Flüsse – wie unsere Gene. Mein Vater und ich sind auf eine andere, besondere Weise miteinander verbunden. Er tauchte Jahre nach meiner Geburt auf und ersparte mir ein Dasein als uneheliches Kind und meiner Mutter die ewige Schande.

Sein leibliches Kind, Elizabeth, saß zu meiner Rechten und sah mich während der Trauerfeier mehrere Male von der Seite an. Wenn ich ihren Blick erwiderte, schaute ich in das blasse, kleine Gesicht eines Mädchens, das vielleicht zum ersten Mal etwas Schreckliches erlebte. Anstelle ihres weichen Ausdrucks war jenes Entsetzen getreten, wenn ein junger Mensch erkennt, dass ein früher Tod möglich ist. Außer der dreizehnjährigen Elisabeth hatten alle aus unserer Familie vor vielen Jahren schon einmal hier gesessen.

Natürlich auch meine Mutter.

Ich konnte sie nicht sehen. Sie saß links neben meinem Vater, doch ich spürte die Mauer, mit der sie sich heute umgeben hatte, und stellte mir vor, dass der Anblick des Sarges die Erinnerung an ihre Schwester Adeline wachrief. Tante Adeline, die zu früh aus dieser Welt geschieden war, um die Probleme zwischen ihnen beiden zu lösen. Ich dachte an Seth, an unsere eigenen ungelösten Probleme, die wir nicht einmal mehr angesprochen hatten.

Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter, und ich drehte mich um. In der Reihe hinter mir saß meine alte Freundin Paula. Ihr dick mit Rouge geschminktes Gesicht war vom Weinen ganz aufgedunsen und ihr blondes Haar zu einem strengen Knoten gebunden. Paula, die ich noch aus der Zeit vor Seth kenne, ist verheiratet und lebt wieder in Maine. Sie trug einen dezenten marineblauen Hosenanzug mit weißer Paspelierung, der mich in meinem benommenen Zustand an einen Halloween-Matrosen erinnerte und so ganz und gar nicht zu ihr passte. Neben Paula saß ihr Mann Gerald, die Augen stumpf und gelbstichig, Wangen und Nase fleckig. Er sah aus wie einer, der zu viel trinkt. Er und Seth waren sich nur zweimal begegnet – auf Paulas und Geralds Hochzeit vor sieben Jahren und dann wenige Monate später auf unserer eigenen. Aber auch Paula hatte Seth nur einmal getroffen, bei einem bierseligen Zusammensein mit uns auf dem Campus, noch bevor sie schwanger wurde und zurück nach Maine zog. Es war alles so schnell gegangen, dass ich nicht einmal Zeit hatte, ihr vor dem Umzug von meiner eigenen Schwangerschaft zu erzählen.

Vor einem Jahr, als ich sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes im Krankenhaus in Portland besuchte, haben wir uns das letzte Mal gesehen. Damals war ich auf Umwegen nach Hause gefahren, weil ich unbedingt bei unserem alten Haus in Cape Wood vorbeischauen wollte. Als ich dort ankam, war es jedoch so dunkel, dass ich außer den Umrissen des Daches hinter der unheimlichen Silhouette der Fichten nichts erkannte.

Paula umfasste meinen Oberarm. »Wir werden für ihn beten«, sagte sie. Auch ich könnte versuchen zu beten, aber Gott würde mich nicht hören – nicht, nachdem ich viele Jahre nicht gewusst habe, woran ich glauben soll.

Manchmal stelle ich mir andere Todesarten vor, an denen er hätte sterben können, meist schlimmere, damit die wirkliche Todesursache nicht so tragisch erscheint: eine durchschnittene Kehle, eine Schusswunde.

Grausamer als die Wirklichkeit.

Der Pickup war wahrscheinlich aus dem Nichts aufgetaucht, ein getunter blauer Dodge, der sich von rechts direkt vor ihn setzte. Seth muss gewusst haben, was auf ihn zukam; er muss dem Tod ins Auge geblickt haben. Vielleicht war es ja so schnell passiert, dass er keine Zeit für Angst hatte und das nahende Ende einfach akzeptierte. Das hoffe ich jedenfalls – dass Seth sofort in die Sphäre von Frieden und Ruhe eintauchte und keine Zeit für Bedauern, Schuld oder Scham hatte.

Ein würdevoller Tod. Vielleicht erhoffen sich alle Menschen, dass sie am Ende ihres Lebens weder Unrecht getan noch erfahren haben. In meinen Träumen lebt der Mann im blauen Pickup noch, das Gesicht unversehrt – nicht schuldig. Aber im wirklichen Leben ist sein Körper zerquetscht und sein Geist vernichtet. Er ist tot und hat meinen Mann mit sich gerissen.

Seither werde ich nachts und frühmorgens von Sirenen geweckt. Früher hatte ich sie nie wahrgenommen, sie gehörten zur normalen Geräuschkulisse in Cambridge und haben meinen Schlaf nie gestört. Doch wenn ich sie jetzt höre, denke ich an Krankenwagen, Polizeiautos und die Notaufnahme im Krankenhaus. Ich kehre zurück in die Vergangenheit, zurück zum letzten Bild, das Seth wohl vor Augen gehabt hatte: Oktoberfarben, Spätnachmittag, orangefarbene und braune Blätter auf der dunklen Straße, dann das Aufblitzen von Metall, vor seiner Windschutzscheibe ein blauer Pickup, der wie in Zeitlupe immer näher kommt. Die Lichter der Helfer tauchen auf – vielleicht hat er sie nie gesehen –, das grelle Rotlicht der Feuerwehr, das Blaulicht eines Polizeiautos. Ich höre Sirenen, mal nah, mal fern, während ich gemütlich auf dem Sofa dahindämmere und darauf warte, dass er von seinem kurzen Trip zur Arbeit zurückkommt. Es waren alltägliche Geräusche, nichts Besonderes. Jetzt frage ich mich, ob die Sirenen, die ich gehört hatte, auf dem Weg zu ihm waren und ob auch er sie gehört hat. Oder war er da schon tot? Wann genau hat Seth diese Welt verlassen?

Es ist schwer, es nicht zu wissen, nicht dabei gewesen zu sein. Nur zu hören, dass er bewusstlos war, als die Unfallzeugen sein Auto erreichten. Bewusstlos oder tot, das konnten sie nicht sagen. Erst bei der Ankunft im Krankenhaus sprach man von tot.

Mir bleibt also nur die Vorstellung. Jeden Morgen sehe ich zusammengedrücktes Blech, die kaputte Windschutzscheibe – all die Zeitungsfotos von seinem zertrümmerten Wagen, nachdem sie ihn herausgeholt hatten. Ich sehe die orangefarbenen und braunen Blätter auf der Straße und frage mich, ob er sie beim Sterben vor Augen hatte.

So lebe ich jetzt. Jede Stunde, jede halbe oder viertel Stunde bin ich ein paar Minuten lang Seth, sehe, was er vielleicht sah, fühle, was er vielleicht fühlte. Ich male es mir so schmerzhaft und entsetzlich wie möglich aus, denn ich weiß, dass es so schlimm wie in meiner Phantasie nicht gewesen sein kann. Diese Zelebrierung des Grauens, diese Form der Buße hinterlässt stets ein seltsames Gefühl bei mir, denn zu seinen Lebzeiten habe ich mich nie in seine Lage versetzt.

Ich erinnere mich an seine Leiche im Krankenhaus, den Albtraum unter dem weißen Tuch. Als sie das Tuch hoben, waren sein freundliches Gesicht und seine Haare sauber, sein Körper erstaunlich unversehrt. Ich streckte die Hand aus, berührte seinen noch warmen Kopf und seufzte, denn mein nur halb funktionierender Verstand glaubte einen Moment lang, dass er noch lebe. Vor mir lag nicht die blutige, verstümmelte Leiche, die ich mir vorgestellt hatte, während der Polizist mich ins Krankenhaus fuhr. Seth schien unbeschädigt. Aber diese Lüge, dieses Hirngespinst lebte nur kurz und wich schnell der Wahrheit, die mir der Polizist gleich an der Haustür erzählt hatte: Innen drin war Seths perfekter Körper tot, seine Knochen waren gebrochen, die Organe zerquetscht. Aber es war schnell gegangen, tröstete mich der Notarzt. »Ja«, fügte der Polizist hinzu, »er hatte keine Ahnung, was passierte.«

Aber wie können sie das wirklich wissen?

Der Polizist, der mir die furchtbare Nachricht überbrachte, hatte mich mitten aus einem Nickerchen gerissen.

Während er sprach, drohte ich an meinem eigenen Atem zu ersticken. Mein Magen verknotete sich, ich krümmte mich wie ein Shrimp und sackte in der Tür zusammen, sodass er mir aufhelfen und mich zum Sofa führen musste. Ich zitterte am ganzen Leib, und als ich dann saß, hörte ich Laute aus meinem Mund kommen – ein krächzendes, kehliges Schluchzen wie von einem Baby, das stundenlang geschrien hatte. Wenn ich heute weine oder jemanden weinen sehe, besonders ein Baby, höre ich wieder die Worte des Polizisten an der Tür.

»Sind Sie Jenna McGarry, die Frau von Seth Morton?«

Die Frau von Seth, höre ich immer wieder, vermischt mit den seltsamen Geräuschen im Haus. Knarrende Holzfußböden, klopfende Wasserrohre in den Wänden, und jedes Mal erschrecke ich aufs Neue. Der schwach beleuchtete Flur wirkt ungewöhnlich kahl, und Stimmen aus den unteren Etagen hallen im ganzen Haus wider. Dazu die Verkehrsgeräusche von draußen – die Autos und Hupen ungeduldiger Pendler, das entfernte Ächzen der U-Bahn. Nie zuvor hatte ich leise Geräusche als so schmerzhaft empfunden.

Und ich höre die Blätter. Vor dem Wohnzimmerfenster, unten auf der Straße, liegen die verfaulten Überreste vom Herbst, dunkel und vollgesogen mit geschmolzenem Schnee und Abgasen. Sie haben nichts mehr mit dem pergamentenen Herbstlaub gemein, das elegant über den Bürgersteig gefegt war, knisternd wie Feuer. Die spätwinterlichen Blätter werden leise und schwerfällig übers Pflaster getrieben und machen dem Frühling Platz.

Der nahende Frühling versetzt mich in Angst und Schrecken. Dann muss ich meine Überwinterungsfestung verlassen und wieder hinaus in die Welt gehen. Im Winter hatte niemand erwartet, dass es mir wieder besser ging und ich fröhlicher wurde; ich musste nicht wachsen, und die Sonne verschonte mich mit ihrem Licht. Ich konnte mich vor der Welt verstecken, vor der Realität. Natürlich gibt es auch Menschen, vor denen ich mich nicht verstecken musste – die mir aus dem Weg gingen. Aber wenn mich jemand erwartungsvoll anstarrt, muss ich den Blick abwenden. Es tut weh, genau beobachtet zu werden und auf die Frage zu warten, wie es mir geht. Ich warte und weiß genau, was sie mir antworten werden.

Manchmal komme ich morgens nicht aus dem Bett, fühle mich schwer und gelähmt wie in Watte gepacktes Eisen. Zuweilen liege ich stundenlang nur da, wobei meine einzige Befürchtung ist, irgendwann entdeckt zu werden. Ich gehe nicht gern aus dem Haus – die Agentur ruft ständig an und fragt, ob ich wieder arbeiten kann. Zuletzt sollte ich Früchte für ein Malbuch zeichnen. »In einer Woche«, antworte ich jedes Mal.

Wenn das Telefon klingelt, zucke ich zusammen. Ich weiß nicht, ob aus Angst vor Stimmen oder vor schlechten Nachrichten. Der Anrufbeantworter springt sofort an, aber Seths Ansage verwirrt die Leute, und sie machen sich wahrscheinlich Gedanken über meine geistige Verfassung – ich habe den Text nämlich noch nicht geändert. Fünf Monate nach Seths Tod meldet sich noch immer seine tiefe Stimme: Wir sind zurzeit nicht zu Hause ...

Und alle, die das hören, denken, ich muss endlich darüber hinwegkommen. Wann wird sie endlich darüber hinwegkommen?

Ich erwache aus einem meiner Seth-Träume, in dem ich seine Stimme von ganz weit weg am anderen Ende der Telefonleitung höre. Ich kann ihn sehen, aber nur verschwommen, fast zweidimensional wie auf einer entfernten Kinoleinwand. Er sagt, dass er wegfahren will, aber nicht, wohin, und ich will ihn ermahnen, vorsichtig zu sein, einen anderen Weg zu nehmen, aber als ich meinen Mund zum Sprechen öffne, kommen nur seltsam keuchende Laute heraus, ich kann keine Worte formen, und seine Stimme sagt: Bist du da, bist du da? Ich kann sein Gesicht auf der Leinwand kaum erkennen, ein Schleier hat sich darüber gelegt. Ich weiß nicht, ob der Schleier über der Leinwand oder über meinen Augen liegt wie ein grauer Star. Er will auflegen, aber ich versuche immer noch zu sprechen, zu schreien. Ich muss ihm so vieles sagen, aber es ist zu spät. Deshalb also glauben so viele Menschen an Gott und den Himmel und ein Leben nach dem Tod. Wo ein Gott und ein Himmel ist, gibt es kein zu spät.

Sein Atem schwebt noch immer durch die Wohnung, durch dieses Zimmer. Wenn ich ganz still im Bett liege, spüre ich, wie er über meine Wange und meinen nackten Arm streift. Aber der Deckenventilator wird auch dem bald ein Ende setzen und seinen Atem hinauswehen. Und doch spüre ich beim Einschlafen die warme Luft sanft über mein Gesicht streichen, fühle seine Nähe.

Ich bin noch hier.

Jeden Morgen im Bett glaube ich, dass es jetzt bestimmt mit dem Weinen vorbei ist. Jeder Tag ist der letzte, an dem ich weine, aber dann ist es der nächste und wieder der nächste. Die Träume laugen mich aus, ich ertrinke in der Erinnerung an ihn. Meine Seele ist ausgetrocknet.

Und dann diese Wohnung: winzig klein, unterm Dach eines dreigeschossigen Hauses; wie mit Legosteinen gebaut sitzen die farbigen Stockwerke aufeinander und vermitteln das Gefühl von Sicherheit und Anonymität, von Privatsphäre. Ich bekomme keine Luft hier oben, wo es selbst jetzt, Anfang März, schon heiß ist, und liege bewegungslos unter dem rotierenden Ventilator. Ich ersticke in dieser Wohnung, die mir keine Anonymität und Sicherheit mehr bietet.

Doch von hier wegzugehen ist schwer. Es würde bedeuten, ihn hinter mir zu lassen. Aber diese Wohnung ist nur eine Hülle, sage ich mir jeden Tag aufs Neue, schlucke den Satz wie eine Vitamintablette; auch sein toter Körper ist nur eine Hülle. Zu bleiben ist kein Ausdruck meiner Liebe zu ihm; fortzugehen bedeutet nicht, dass ich mich zu schnell erholt habe.

Ich sollte keine Schuldgefühle haben, wegzuziehen.

Es würde sich nur anfühlen, als verließe ich Seth, weil er hier überall gegenwärtig ist. Seine Hautschuppen befinden sich in einer hauchdünnen, unsichtbaren Schicht auf Möbeln und Wänden, stecken in den Ritzen der Fußbodenbretter, im Schlafzimmerteppich. Zarte Härchen sammeln sich in Schubladenecken und das feine Pulver seiner Fingernägel auf der Kommode. Er ist immer noch hier. Blick nach vorn.

Kapitel 3

Die Trauerfeier war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie glich einer Traumszene mit verschwommenen Gesichtern und Beileidsbezeugungen, und ich ertrug den Schmerz wie jemand, der beim Bergauflaufen starken Gegenwind hat.

Selbst die Zusammenkunft nach der Beerdigung war erstaunlich passabel und nicht so albtraumhaft, wie ich gefürchtet hatte. Hauptsächlich wohl deshalb, weil nicht ich es war, die dort zwischen Familienmitgliedern und Freunden umherwanderte und behauptete, dass es mir ganz leidlich ginge. Es war jemand anderes, der fähig war, zu antworten und zu lächeln. Ich hätte nie gedacht, dass ich an so einem Tag lächeln kann.

Ich hatte mir vorgestellt, meine Gefühle unterdrücken zu müssen, mir wie eine Gefangene vorzukommen, die nur darauf wartete, dass alle gingen, um endlich explodieren zu können. Dabei waren die zwei, drei Stunden unter all den Leuten genau das Richtige für mich. An jenem Nachmittag empfand ich das Haus von Seths Eltern wie eine Art Diorama, eine Fassade, und ich hatte das Gefühl, einen Film anzusehen, in dem ich mitspielte. All die Gesichter und die vielen Geschichten, die bei solchen Anlässen erzählt werden, umgaben mich wie eine gepolsterte Wand, eine große Decke.

Aber wenige Stunden später, nachdem all die Gesichter und Geschichten verschwunden waren, wurde ich von Kummer überwältigt, konnte weder atmen noch mich rühren. Ich gehe unter.

Im Warteraum des Therapiezentrums in Brookline läuft schon im März die Klimaanlage. Die Luft ist abgestanden und trocken, es riecht nach uraltem Staub, heißem Metall und kaltem Plastik. An der Wand über der Couch hängt ein Aquarelldruck, ein Farmhaus und Felder, gerahmt in mauvefarbenem Plastik – ein bemerkenswerter Gegensatz. Das Mobiliar des Warteraums passt zum Bilderrahmen, Stühle und Couch aus rauem Nylon haben die gleiche Farbe. Der Raum könnte wirklich gemütlicher sein, finde ich, wärmer. Erdfarben würden ihm gut tun, zum Beispiel Rot, das in Filmen Gefahr symbolisiert und in Restaurants den Appetit anregen soll – irgendetwas, um die unwirtliche Atmosphäre abzumildern.

Wenn ein geliebter Mensch auf tragische Weise umkommt, sind oft hilfsbereite Sozialarbeiter und Ärzte zur Stelle. Sie umschwirren einen wie Bienen, trösten und sprechen Mut zu. Ich kann mich glücklich schätzen, eine eigene Therapeutin zu haben und nicht nur eine unter vielen auf der Hinterbliebenenliste eines Betreuers zu sein. Ich frage mich, ob meine Mutter auch diese Art von Hilfe bekam, als Tante Adeline tot aus ihrem gesunkenen Auto gezogen wurde.

Dr. Chase erinnert mich an meine Mutter: Sie ist schlank, gepflegt und wirkt konservativ. Wie meine Mutter hat sie ihr brünettes Haar in einem Knoten gebunden, und feine Strähnchen hängen ihr in die Stirn; ein schmales Brillengestell umrahmt ihre kleinen, rosinenförmigen Augen. Das Sprechzimmer mit dem dicken smaragdgrünen Teppichboden, einem glänzenden Mahagonischreibtisch und einem Zimmerefeu, der bis zur Decke und weiter am Fenster entlangklettert, strahlt mehr Wärme aus als der Warteraum. Ich setze mich auf einen der schweren Holzstühle vor ihrem Schreibtisch und frage mich, ob es wirklich Leute gibt, die auf der schwarzen Kunstledercouch an der Wand liegen.

Dr. Chase schiebt ihre Brille auf der Nase hoch, blickt auf die Papiere in ihrer Hand und beginnt. »Sprechen wir noch einmal über den Unfall.«

Ich atme tief durch und wiederhole die Einzelheiten, erzähle die Geschichte, die ich schon so oft erzählt habe. Ob ich dabei immer die gleichen Wörter verwende? Der Fahrer des anderen Wagens fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit ... die Straßen waren an dem Tag vereist, was im Oktober selten vorkommt ...

Ein unheilvoller Herbsttag, denke ich, wolkenverhangen und doch leuchtend, ein weiches, samtiges Grau. Und eisig kalt war es ebenfalls, meine Augen waren ganz trocken vor Kälte, und ich konnte Seths Atem sehen, als er vor dem Auto stand und sich von mir verabschiedete.

Love you, waren seine letzten Worte.

Dr. Chase blättert in ihren Unterlagen. »Sie und Seth hatten keine Kinder«, sagt sie.

»Richtig.«

»Aber Sie hatten eine Fehlgeburt.«

Ihre Worte treffen mich wie ein Schlag. Ich habe vergessen, was sie alles über mich weiß. »Ja«, erwidere ich, »vor sieben Jahren.«

»Sieben Jahre«, wiederholt sie, rechnet vielleicht im Kopf nach. »Waren Sie beide damals schon verheiratet?«

»Nein. Noch nicht.« Ich blicke auf eine leere Stelle ihres glänzenden Schreibtischs, in der sich das Fenster spiegelt. Die nackten Äste vor dem Fenster bewegen sich in der Reflektion, und je länger ich sie anstarre, desto realer werden sie, als wären sie gar keine Spiegelung.

»Und«, sagt Dr. Chase, reißt mich aus meinem Tagtraum, »war es Seths Kind?« Ihre Frage klingt nonchalant, als könnte die Antwort sehr wohl auch Nein lauten. Ich frage mich, wie viele der Frauen, denen sie diese Frage gestellt hat, mit mehreren Männern gleichzeitig zusammen waren.

»Ja, es war von ihm«, antworte ich.

»Haben Sie geheiratet, weil Sie schwanger waren?«

»Nein. Na ja ... ursprünglich schon.« Der Holzstuhl, auf dem ich sitze, ist hart. Ich bin mir vollkommen bewusst, wie steif mein Rücken und Nacken sind, spüre die exakte Position meiner Arme und Beine. »Nach der Fehlgeburt haben wir aber trotzdem geheiratet.«

Dr. Chase blickt an mir vorbei zur Wand, geht im Kopf vielleicht die Liste möglicher Fragen durch. »Stand Ihre Heirat nach der Fehlgeburt jemals zur Diskussion?«, fragt sie.

Natürlich würde Seth mich heiraten, das war überhaupt keine Frage. In dieser Hinsicht brauchte ich mir keine Sorgen zu machen: Er war pflichtbewusst, voller Hingabe und würde mich ein Leben lang lieben. Aber wir hatten in jener Zeit auch viele spannungsgeladene Gespräche geführt, mit vielen unausgesprochenen Annahmen, die zu unausgesprochenen Entscheidungen führten. Doch vieles von damals liegt jetzt im Nebel, ich erinnere mich an keine grundlegenden Entscheidungen. »Nein«, antworte ich. »Darüber haben wir nie gesprochen. Aber wir sind ja immerhin verheiratet geblieben.« Ich klinge defensiv.

»Wie ging es Ihnen nach dem Verlust Ihres Kindes?«

»Natürlich schlecht. Aber wahrscheinlich war es besser so. Ich fühlte mich noch nicht reif für ein Kind.«

»Haben Sie es noch einmal versucht?«

»Nein.«

»Warum nicht?« Dr. Chase sieht mich jetzt prüfend an.

»Keine Ahnung.«

Sie legt ihre gefalteten Hände auf den Schreibtisch. »Und wie denken Sie jetzt darüber, in Anbetracht des Unfalls?«

»Ich weiß es nicht. Ich denke immer nur an den verdammten Unfall.«

»Haben Sie Schuldgefühle?«

»Wegen dem Kind?«

»Wegen dem Unfall.«

»Vermutlich«, antworte ich. »Ich habe Schuldgefühle, dass ich noch lebe – jeden Morgen, wenn ich meine Füße auf den Fußboden stelle, wenn ich ein Glas Wasser trinke oder mir die Zähne putze, jedes Mal, wenn ich lächeln oder das Leben genießen möchte. Wenn ich atme.« Es tut gut, ihr das zu sagen, als wäre ich kurz zum Luftholen aufgetaucht. »Ich habe das Gefühl, als fehle mir ein Teil.« Dr. Chase lächelt. »Ihnen fehlt kein Teil, das versichere ich Ihnen«, sagt sie. »Aber es fühlt sich trotzdem so an, weil ein Teil von Ihnen Seth gewidmet war. Und dieser Teil weiß jetzt nicht, was er tun soll. Er hindert sie daran, nach vorne zu blicken.«

Das höre ich nicht zum ersten Mal. »Ich weiß.«

Sie schiebt die Brille auf ihrer Nase ein Stück nach unten und sieht mich an. »Ist Ihnen jemals der Gedanke gekommen«, fragt sie, »dass es Ihnen bereits besser geht und Sie jetzt deshalb Schuldgefühle haben?«

Mir steigt eine Hitzewelle von der Brust zum Hals bis hoch in die Schläfen. Ich frage mich, wie sie so etwas denken kann, geschweige denn sagen. Wie viele trauernde Menschen hat sie das schon gefragt? »Nein, das glaube ich nicht«, erwidere ich. Ich blicke an ihr vorbei aus dem Fenster, durch die Grünpflanzen und die glänzende Scheibe hinaus auf die Straße ein halbes Stockwerk tiefer, wo die Autos scheinbar ziellos vorbeirauschen.

Auch ich bin ohne Ziel.

Als ich am Ende der Sitzung aus Dr. Chases Zimmer trete, breche ich in Tränen aus. Das passiert mir jedes Mal. Meine Tränen darf niemand sehen.

Ich gehe am Warteraum vorbei, wo ich wieder das Aquarell mit dem mauvefarbenen Rahmen anstarre. Ein schwacher Versuch von Stil, stelle ich mit geschultem Künstlerblick fest, betrachte es mir aber trotzdem näher: Ein gelbes Farmhaus inmitten weiter Felder, dahinter ein weißer Lattenzaun um den Garten mit der Wäscheleine. Ein typisches Farmhaus, und doch kommt es mir bekannt vor. Es ähnelt dem alten Haus in Maine, wo ich meine ersten Lebensjahre verbracht habe.

Ich verlasse das Gebäude, laufe die paar Treppenstufen hinunter und steige in mein Auto. Der Verkehr scheint mit Höchstgeschwindigkeit an mir vorbeizurauschen. Ich versuche, mich einzufädeln, schaffe es aber nicht, denn jedes Mal, wenn ich aufs Gas treten will, sehe ich ineinander verkeiltes Blech vor mir und denke an Seth, der unter der Erde liegt.

Und ich denke an noch etwas, eine Stimme am Telefon. Schwanger, du bist schwanger, und ich sehe mich steif und aufrecht auf Seths Wohnzimmercouch sitzen, wie ich zuhöre und mir das kommende Jahr ausmale. Wir würden wahrscheinlich heiraten und in der winzigen Dachwohnung im zweiten Stock wohnen. Und ich würde im selben Wohnzimmer wie jetzt sitzen, wo die Sommersonne durchs Fenster knallt und die Hitze vom Straßenpflaster aufsteigt. Ich würde ein schreiendes Baby auf dem Schoß haben und könnte mir nicht einmal den Schweiß, der mir über Stirn und Dekolletee rinnt, abwischen, weil ich keine Hand frei habe. Ich würde auf der Cordcouch kleben, den Couchtisch voller Milchflecken vor mir.

Ich war noch nicht so weit.

Am Ende musste ich mich keiner dieser Ängste stellen, und ich weiß jetzt auch, wie egoistisch sie waren, belanglos. Ich verlor unser Kind, dessen Körper noch kaum eine Hülle war, zu klein, um begraben zu werden – so jedenfalls hatte es jemand im Krankenhaus entschieden.

Ich blicke zurück zu dem großen Gebäude und denke, wie kalt sich der glänzende Granit in dem rauen Wind anfühlen muss und wie unzerstörbar er gleichzeitig wirkt. Ganz anders als meine winzige Wohnung in der Stadt, die mir jetzt so fragil und vergänglich erscheint. Ich fühle mich schutzlos, wie ohne Haut. Seth hätte gewollt, dass ich vergesse, was ihm passiert ist; dass ich tief durchatme und alles aus meinem Gedächtnis streiche.

Und ich schaffe das auch, wenn ich mich wirklich anstrenge. Wenn ich an etwas anderes denke, das mich von ihm ablenkt. Ich schließe die Augen und sehe das Aquarell im Warteraum, ein Gemälde, das jetzt nicht mehr so kitschig und einfallslos scheint wie beim ersten Anblick. Das gelbe Farmhaus hat nun etwas Sonniges, Tröstliches und erinnert mich an mein Leben vor Seth, als meine Tante noch lebte. Tante Adeline, die, im Gegensatz zu meiner eigenen Mutter, nicht so distanziert zu sein schien.

TEIL 2DER ANFANG

Kapitel 4

Renee

Es gibt Momente, da beginnt sie sich zu erinnern. Wenn zum Beispiel der Wind ihr aus einer bestimmten Richtung ins Gesicht bläst und den salzigen Dunst der dreißig Meilen entfernten Küste mit sich bringt. Dann hat sie wieder Maine vor Augen: Wasser, Wellen, Sand und Klippen. Sie kann dem Meer nicht entkommen. Wenn es ihr ernst damit gewesen wäre, hätte sie viel weiter von der Küste wegziehen müssen. Aber die Sehnsucht nach dem Wasser liegt ihr anscheinend im Blut, und ein stehendes Gewässer im Landesinneren, wo es von Insekten wimmelt, ist kein Ersatz. Es muss frisches, sich ständig erneuerndes Wasser sein. Deshalb hatte sie sich in einer Stadt westlich von Boston niedergelassen, wo sie atmen kann, es aber anders riecht als in Maine.

Renee blickt durch die Haustür hinaus zum Bürgersteig, den Bill gerade von den Spuren des Winters befreit hat, von Streusalz, Sand und matschigem Laub. Im Abfallhaufen schimmert es golden und rostbraun, Überreste durchweichter Eichenblätter vom Herbst, ihrer liebsten Jahreszeit.

Sie denkt an den Herbst in Maine, besonders den Frühherbst vor dem ersten Frost, wenn die kühle Luft nach Äpfeln duftet. Sie erinnert sich, wie schnell Sumach und Ahorn reiften, und an den Waldboden, der bedeckt war mit spröden braunen Nadeln und hütchenlosen Eicheln. Der kalte, harte Regen prasselte auf Kürbisfelder nieder und lädierte späte Tomaten. Spinnen kamen ins Haus, und Moskitos verschwanden; Vögel flogen gen Süden, gefolgt von Autos mit Fahrrädern und Booten auf dem Anhänger. Und plötzlich tauchten auch wieder die gelben Schulbusse auf.

Hier in Massachusetts, einhundert Meilen weit weg, sieht der Herbst kaum anders aus. Selbst die Küstenstädte sind in Rot, Braun und Gold getaucht, das umso intensiver wird, je weiter man in die westlichen Vorstädte kommt. Doch im Sommer fühlt sich Renee hier im Landesinneren wohler als in Maine, sicherer, denn die Küste liegt weit genug entfernt, und die dichten Waldstreifen schützen sie vor dem Meer, das sie nicht länger liebt.

Früher hatte sie nur für den Sommer gelebt – für die Gärten und Sonne und den warmen, glitzernden Sand, die tobende Brandung. Doch auch das liebt sie jetzt nicht mehr, weder die dunklen, blaugrünen Wellen noch deren Schaumkronen. Sie hat alles vor langer Zeit verloren, als der Sommer in Maine einen tödlichen Ausgang fand. Deshalb hat sie den Herbst zu ihrer bevorzugten Jahreszeit erkoren, was angesichts seiner vergänglichen Schönheit ironisch ist, wie sie ihren Schülern im Gemeinschaftskundeunterricht zu sagen pflegt. Denn sie mag Ironie, dieses unpassende Bindeglied zwischen Erwartung und tatsächlichem Geschehen.

Und jetzt, wo Seth nicht mehr lebt, ist vielleicht auch der Herbst für sie verloren.

Auf dem Regal neben der Tür steht ein Foto, das ihn zusammen mit Jenna zeigt. Er hat ihr den Kopf seitlich zugeneigt und blickt mit dunklen Augen eindringlich in die Kamera. Seine breiten Schultern, die tief liegenden Augen und der dunkle Haarschopf haben Renee immer an jemand anderes erinnert. Es ist eine beunruhigende Erinnerung – weder gut, noch schlecht, bloß beunruhigend –, die ein Gefühl in ihr wachruft, das sie ersehnt und gleichzeitig fürchtet. Ein Gesicht aus ferner Vergangenheit.

Sie tritt aus der Tür und riecht den bevorstehenden Frühling mit dem Sommer im Schlepptau – ihr weit entferntes Maine. Doch dieser Moment und die Erinnerung werden vergehen, denkt sie, wie immer.

Kapitel 5

Jenna

Ich jage den Schmetterlingen und den fedrigen Samen von Pusteblumen hinterher, purzle ins weiche Gras. Mitten auf dem Rasen, in dem frisch angelegten Beet, steht Tante Adeline, die Arme ausgestreckt wie Flügel. Sie hat ein blaues Kleid aus Seersucker an, ihr dunkles Haar glänzt rötlich in der Sonne und ihre Haut ist hell wie Elfenbein. Als sie sich den Pony aus der Stirn streicht, verschwimmt ihr Gesicht, der Haaransatz, Nase und Augen sind dunkle Höhlen.

Tante Adeline lässt mich spielen, während sie gebeugt den Boden bearbeitet, und wenn sie fertig ist, vergleichen wir den Schmutz an unserem Körper. Ich frage, ob wir Mom zeigen können, wie schmutzig wir sind, doch sie erwidert jedes Mal das Gleiche.

»Deine Mom ruht sich gerade aus.«

Mom hat sich immer gerade ausgeruht, entweder lag sie im Bett oder sie saß im Sessel. Manchmal hat sie gelesen oder gestrickt, aber gewöhnlich ruhte sie nur. Es gab auch Tage, an denen sie aufgestanden und umhergelaufen ist, manchmal sogar im Garten; doch meistens blieb sie in ihrem Zimmer. Ich fragte Tante Adeline, ob es Mom bald besser gehen würde, und sie meinte, ja, das sei möglich. Aber das hatte sie schon öfter gesagt.

Damals, als es Mom nicht gut ging, kümmerte Tante Adeline sich um mich. Wir fuhren in ihrem großen braunen Auto, um Eiscreme zu kaufen oder Picknick im Stadtpark zu machen. Manchmal gingen wir hinunter zum Kiesstrand – das machte ich am liebsten, denn Mom ging nie mit mir dahin, weil das Wasser kalt war und die Sonne so auf den Sand knallte, dass es blendete. Wir sammelten Muscheln, in die wir Löcher bohrten und sie dann zu Ketten aufreihten.

Doch es gab auch Tage, da fuhren wir nirgendwohin, und ich spielte im dichten grünen Wald, der an den Garten hinter unserem Haus angrenzte und wo Tante Adeline mich noch sehen konnte. An Regentagen saß ich mit Wachsmalstiften oder dem Malkasten am Küchentisch, umgeben vom Duft der Plätzchen im Backofen. Tante Adeline erzählte mir Geschichten, während sie den Teig rührte oder abwusch, meist aus der Zeit, als ich noch ganz klein war. Sie erzählte, wie sie mich abends ins Bett gebracht und so lange mit mir gesprochen hatte, bis ich fast eingeschlafen war, und dass sie dann mein gelbes Nachtlicht ausschaltete. Manchmal verwirrten mich diese Geschichten, denn wenn ich an das erlöschende Licht in meinem Zimmer dachte, sah ich immer Mom am Bett stehen.

»Deine Mutter war auch da«, versicherte mir Tante Adeline einmal. »Aber sie brauchte immer meine Hilfe.«

In dem Moment hatte ich hinüber zu Mom geschaut, die auf einem Stuhl am Wohnzimmerfenster saß, gar nicht so weit weg von uns. Hatte sie gehört, was Tante Adeline gerade gesagt hatte? Wahrscheinlich nicht, denn sie saß schon stundenlang so da, schweigend, während Tante Adeline sich mit mir unterhielt. Ich fragte mich, ob Mom schon immer so gewesen war – anwesend und doch weit weg.

Heute wird meine Mutter zweiundvierzig, aber mit den vielen Falten um Augen und Mund sieht sie wie sechsundvierzig aus. Manchmal würde ich den Leuten am liebsten sagen, sie sei älter, damit sie nicht länger Mitleid mit ihr haben, wenn sie hören, dass sie schon mit sechzehn Mutter geworden war.

Doch selbst mit müden Augen und einem bitteren Zug um den Mund ist meine Mutter sehr schön. Sie hat glänzendes schwarzbraunes Haar und warme, haselnussbraune Augen, die je nach Lichteinfall grau oder golden scheinen. Heute wirkt sie besonders dünn, denn die Bundfaltenhose bauscht sich vorn auf, und der anliegende elfenbeinfarbene Pulli betont ihren krummen Rücken, ihren besiegten Körper. Ihr schlanker Hals ist irgendwie schamvoll gebogen, und das zarte goldene Kruzifix von Dad baumelt an ihrem vorstehenden Schlüsselbein. In letzter Zeit sieht sie immer angespannt und blass aus, wie jemand, der gerade einen Geist gesehen hat.

Jetzt scheint sie noch blasser zu sein, als befürchte sie, von dem kleinen Rosenstrauch, den ich ihr mitgebracht habe, jeden Moment gebissen zu werden.

»Er ist hübsch«, sagt sie mit schwacher Stimme, ohne mich anzusehen. »Aber Schnittblumen hätten es auch getan.«

Stimmt, denke ich. Abgeschnittene Blumen, weil sie tot sind. Oder zumindest bald tot. Etwas mit Wurzeln will sie nicht.

Meine Mutter mag keine lebendigen Dinge. Ich war in der vierten Klasse, als ich ihr das letzte Mal etwas Lebendes geschenkt habe, einen Gummibaum aus dem Biologieunterricht. Ich erinnere mich noch, wie ich mit der glänzenden, wackelnden Pflanze in meinen kleinen Händen die Treppe hinaufging und Moms ausdrucksloses Gesicht durch das Glas der Haustür erblickte. Sie lächelte kurz, als ich ihr die Pflanze überreichte, aber dann wurde ihr Gesicht plötzlich schneeweiß, als wäre alles Blut daraus entwichen. Da wurde mir klar, dass meine Mutter wirklich keine Pflanzen mochte, und zum ersten Mal fragte ich mich, ob diese lebendigen Gewächse sie an ihre tote Schwester erinnerten.

Tante Adeline hatte mich in die Welt der Pflanzen eingeführt. Rund um unser Haus in Maine spross es grün, und das Schlafzimmer im ersten Stock hatte sie in ein reines Pflanzenzimmer umfunktioniert. Sie schenkte mir pflegeleichte Pflanzen, von denen sie wusste, dass sie nicht so schnell eingehen würden: Kräuter und Farne und gelegentlich einen Kaktus, die sie alle selbst aus Samen gezogen hatte. Die Pflanzenwelt war ihr Leben, doch meine Mutter hatte damit nichts am Hut; an jenem Tag in der vierten Klasse, als ich ihr den Gummibaum mitbrachte, hatte sie sich nicht einmal dafür bedankt, sondern nur eine Bemerkung gemacht.

»Er sieht wie eine große grüne Hand aus.«

Das ist jetzt anders. »Vielen Dank«, sagt sie, wobei sich ihre Augenbrauen leicht zusammenziehen, was gleichzeitig neugierig und missbilligend wirkt. »Aber richtige Pflanzen sind voller Pilze und Ungeziefer«, fügt sie hinzu. »Und das ständige Gießen ist eine Plage.«

»Schon gut, Mom«, erwidere ich. »Ich dachte nur, es wäre mal eine nette Abwechslung von den künstlichen Pflanzen, die hier überall rumstehen.«

»Mir gefallen künstliche Pflanzen«, sagt sie mit stolz erhobenem Kinn und bringt den Rosenbusch in die Vorratskammer. Ich weiß jetzt schon, wo er am Ende landet: In einer dunklen Ecke des Arbeits- und Nähzimmers, wo immer die Plastikjalousie heruntergelassen ist.

»Sie sehen echt aus«, ruft sie, die Stimme von der Wand zwischen uns gedämpft. »Und sie brauchen keine Pflege.«

»Tja, ich fürchte, die hier braucht ein bisschen Pflege«, rufe ich ihr zu. Der Sarkasmus in meiner Stimme ist nicht zu überhören. »Und vielleicht sogar ein wenig Liebe.«

Sie kommt um die Ecke. »Was hast du gesagt?«

»Nichts. Alles Gute zum Geburtstag, Mom.«

Mein Vater kommt in die Küche und rettet uns. Er sieht müde aus, hat dunkle Ringe unter den Augen. In letzter Zeit scheint er gealtert zu sein; früher kamen mir seine Schultern viel breiter vor und nicht so hängend, als laste ein schweres Gewicht auf ihnen. Mom und Dad sehen aus, als fühlten sie sich genau so wie ich, als hätte meine Depression auf sie abgefärbt. Doch vielleicht hat es bei ihnen ganz andere Ursachen.

»Hallo, Jen«, sagt Dad und wendet sich dann Mom zu, die mit dem Besteck klappert. »Kann ich irgendwas helfen, Renee?«

»Es ist schon alles fertig«, erwidert sie.

»An ihrem eigenen Geburtstag«, sagt er lächelnd. »Nicht mal an ihrem Geburtstag dürfen wir ihr helfen. Bist du sicher, Renee?«

»Ich bin fertig, Bill.« Sie geht ins Esszimmer, legt Besteck und Servietten auf dem Tisch ab und schiebt den Tafelaufsatz aus künstlichen Blumen und Eukalyptus zur Seite. Dann deckt sie den Tisch, faltet die Servietten zu einem präzisen Rechteck, platziert die Gabel direkt in der Mitte, legt die Serviette parallel zum passenden Platzdeckchen, richtet das Platzdeckchen exakt nach der Tischkante aus und stellt zum Schluss einen glänzenden Teller darauf. Ein ordentliches, glänzendes Arrangement – blitzendes Besteck und schlichtes Geschirr, der leblose Tafelaufsatz in der Mitte. Unordnung hat hier keine Chance, genauso wenig wie auf den Beistelltischen im Wohnzimmer und den Fensterbänken. Hier und da ein Accessoire, ein gerahmtes Foto, eine dekorative Schale oder ein Druck an der Wand. Ganz anders als in meiner Wohnung, wo alles voll mit verstaubten Antiquitäten und billigem Krimskrams ist und in jeder Ecke schmutzige Steine liegen. Natürlich musste meine Mutter die paar Male, die sie mich besuchte, unbedingt ihren Kommentar dazu abgeben.

Wischst du eigentlich nie Staub?, fragte sie mit Blick auf die Möbel. Das ist hier ja wie im Dschungel, meinte sie, angesichts der Pflanzen, die wie Schabracken über dem Wohnzimmerfenster hingen. Ihr bevorzugter Kommentar über den Schnickschnack, den ich so liebevoll auf Regalen und Couchtisch verteilt hatte, war: Wann räumst du endlich das ganze Zeug weg? Das muss ich mir jetzt glücklicherweise nicht mehr anhören. Seit Seth gestorben ist, war meine Mutter nicht mehr bei mir.

Aber mein Vater. Er bringt mir günstig erstandene Malutensilien und Zeitschriften vorbei, und ich schaffe es nicht, ihm zu sagen, dass ich Pinsel oder Stifte momentan nicht mal in die Hand nehmen kann.

Meine Mutter blickt auf und sieht uns beide an. »Bill, zeig Jenna doch die neuen Modelle, an denen du gerade arbeitest.« Den Vorschlag macht sie jedes Mal.

»Jenna hat keine Lust, sich meine Modelle anzusehen«, erwidert er, aber ich zwinkere ihm zu, und er hält inne. »Ist schon gut, Dad, zeig sie mir.«

Wir gehen in den Keller, wo Segelflugzeuge und B-52-Bomber von der Decke hängen und Modellautos die Regale füllen. Auf der Werkbank liegen die Teile seines neuen Projekts, die geschwungene äußere Wandung eines Flugzeugs, quadratische und dreieckige Flügelteile, Gummiräder und Plastikfenster. Alles liegt wie an einer Unfallstelle verstreut herum, als wäre seine Kreation kopfüber in einen Wald gestürzt. Hier ist er ein ganz anderer Vater, denke ich, hier wird er nicht ständig unterbrochen und darf unordentlich sein. Wahrscheinlich ist das der Mann, in den meine Mutter sich einmal verliebt hatte.

Als ich meinen Vater das erste Mal sah, war er nur ein großer Schatten für mich, eine Gestalt am Rande des Gartens, in dem ich spielte. Zuerst stand er hinter dem Zaun, am nächsten Tag beim Briefkasten und tags darauf im Garten unterm Ahornbaum. Jeden Tag kam er dem Haus ein Stück näher, und jeden Tag kam Mom heraus und begrüßte ihn. Schon bald standen sie beide in der Auffahrt bei der Treppe, und eines Tages saß er dann in dem großen weißen Schaukelstuhl auf der vorderen Veranda und trank Moms Limonade. »Das ist Bill«, sagte Mom zu mir, und ich sah ihn zum ersten Mal aus der Nähe. Er war groß und dunkelhaarig wie ein Filmstar. Dieser Mann namens Bill ist der erste Mensch, der Mom zu Hause besucht, dachte ich. Und dass normalerweise Tante Adeline die Limonade macht. Plötzlich war Mom wieder zum Leben erwacht.

Ich höre Elizabeth zwei Etagen über uns im Flur am Telefon. »Deine Schwester telefoniert mal wieder«, sagt Dad. »Wann tut sie das nicht?«, sage ich lachend und muss daran denken, dass ich mit dreizehn nicht so viel am Telefon war und auch nicht so viele Freundinnen wie Elizabeth hatte. Sie ist ganz anders als ich damals, selbstbewusst und lebhaft. Wieso sind wir so unterschiedlich, frage ich mich. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte mich als Jugendliche nicht so sehr in mich zurückgezogen, in mein kleines Loch.

»Ja, sie ist wirklich sehr beliebt«, sagt Dad. »Das warst du natürlich auch, Jen«, fügt er schnell hinzu. Ich gebe ihm mit einem Lächeln zu verstehen, dass das zwar nett gemeint ist, ich in der Hinsicht aber keinen Trost brauche. Er streckt die Hand aus und berührt mich. »Wie geht es dir denn?«

»Ganz okay.« Ich spüre sämtliche Emotionen in mir hochkommen. Ich kann ihn nicht ansehen, weil sie dann aus mir herausbrechen. Aber das weiß er auch.

»Arbeitest du gerade?«, fragt er, das Thema wechselnd.

»Noch nicht.«

»Das wird schon wieder.«

»Ich überlege, mit den Auftragsarbeiten aufzuhören«, sage ich, »und mehr als freiberufliche Künstlerin zu arbeiten. Vielleicht fange ich an, Porträts zu machen.« Ich betrachte mir eingehend das Titanic-Modell auf dem Regal und sehe zum ersten Mal, wie detailliert die winzigen Menschen auf das Deck gemalt sind. »Wie läuft’s in deinem Job?«

»Oje«, stöhnt er. »Die Leute beschweren sich über die fünf Dollar Kontogebühren für ihre Fünf-Millionen-Dollar-Konten.«

»Du würdest wohl auch lieber was anderes machen, oder?«, frage ich mit scherzhaftem Unterton.

»So was hier würde ich gern bauen.« Behutsam nimmt er die graue Plastikverschalung eines Flugzeugträgers in die Hand und hält sie ins Licht. »Aber die Richtigen.« Mit zusammengekniffenen Augen kippt er das Modell hin und her. »Hab ich dir jemals erzählt, dass ich früher zur Marine wollte?«

»Und warum hast du’s nicht gemacht?«

»Es läuft nicht immer alles nach Plan.«

»Stimmt«, sage ich. »Seths Freund David ist auch nicht zur Marine gegangen, obwohl er ewig davon geredet hat.«