Das alte Kramerhaus - Hans Traxl - E-Book

Das alte Kramerhaus E-Book

Hans Traxl

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Beschreibung

Das alte Kramerhaus steht seit mehr als 400 Jahren in der Mitte eines oberbayrischen Dorfes zwischen Kirche und Altwirt. Es ist ein zähes Haus, es hat Besitzerwechsel und Kriege, kleine und große Katastrophen, An- und Umbauten überdauert und dem drohenden Abriss getrotzt. Auf dem Dachboden sammeln sich Gerümpel und kleine Schätze in wüstem Durcheinander. Das Haus lebt und sein Mobiliar erzählt Geschichten. Der Autor baut um und schreibt kleine Glossen zum Gefundenen und Erlebten. Auf den „Spaziergängen durch Zeiten und Räume“ entstehen Streiflichter, die sich ausbreiten, überschneiden und ergänzen. Träume und Schmerzen der Bewohner werden lebendig. Nebensächliches und kleine Leute aus einem unbedeutenden Ort eröffnen einen Blick auf große Ereignisse aus anderer Perspektive. Das alte Kramerhaus wird zum Spiegel der Geschichte.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wanderer, nur deine Spurensind der Weg und weiter nichts;Wanderer, es gibt den Weg nicht,er entsteht, wenn man ihn geht.Erst im Gehen entsteht der Wegund wendet man den Blick zurück,so sieht man auf den Pfad,den niemals erneut man je betritt.

(Antonio Machado)

Hans Traxl

Das alte Kramerhaus

Spaziergängedurch Zeiten und Räume

© 2019 Hans Traxl

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7497-3362-0

Hardcover:

978-3-7497-3363-7

e-Book:

978-3-7497-3364-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Das alte Kramerhaus

Das alte Kramerhaus ist ein Spiegel der Zeit.

Spaziert man durch das Haus und seine Räume, über den Dachboden und das Abgestandene, findet man Hinweise auf die Geschichte des Dorfes und der Region, der Bewohner und der eigenen Person.

Die Besitzer kamen und gingen und mit ihnen ihre Hoffnungen und Ängste. Unwetter und Überschwemmungen, Brände in der Nachbarschaft und Kriege, Umbauten und Abrisspläne hat das Haus überstanden und immer wieder Zuflucht und Heimat geboten. Es steht und wird stehen, zäh und beharrlich.

Funktionen und Aussehen des Hauses und der Räume ändern sich mit den Bewohnern. Die Immobilie wird beweglich, sie lädt zum Dialog ein, und neue Kapitel aus Zeit und Raum werden aufgeschlagen.

Inhalt

Spaziergänge durch Zeiten und Räume

Der Anfang

Das alte Kramerhäusl

Die Wiederverwertung

Der Erlöser

Der Wechsel der ersten hundert Jahre

Der Durchbruch im Obergeschoss

Die Münze

Die Neuanfänge

Die Treppe

Die Kinder

Die Registrierkasse

Der Ort auf dem Weg in die Neuzeit

Das Essigfass

Das Wappen

Der Durchbruch im Erdgeschoss

Die Kommode

Das Treffen von Haus und Familie

Das Nachtkästchen

Die Skier

Der größere Ort

Der Tisch

Die Reste

Das Rätsel

Die Statik

Das Ende

Dank

Literatur

Spaziergänge durch Zeiten und Räume

Das alte Haus wird abgerissen. Fünfzig Jahre nach dem Beschluss meiner Eltern richte ich mich darin ein und schaue nach Wurzeln und Verästelungen dieses Gebäudes. Einem alten, knorrigen Baum gleich scheint es im Laufe der Jahrhunderte ein Eigenleben angenommen zu haben und tritt mir als individuelle Gestalt mit Würde und Anmut entgegen - trotz all seiner Kanten, Macken und Mängel, herausfordernd und einladend. Es breitet ein Panorama von Möglichkeiten vor mir aus, die zum Dialog führen mit gegenseitigen Angeboten und Beschränkungen. Ich taste mich vor, hier schauend und dort tuend, lasse mich auf Ungewisses ein und folge einer Idee, schemenhaft noch, und treffe immer wieder auf ein Gegenüber, das mich begleitet, bremst und anspornt.

Es kommt mir vor, als wolle das alte Kramerhaus Ernst Blochs Satz von der Heimat, die „allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“ lebendig und fassbar machen und mich vor Entscheidungen stellen. Ich flaniere nun durch die Zimmer und durch die Jahrhunderte, ganz im Sinne des italienischen „spaziare“, ich „breite mich räumlich aus“, ich „ergehe mich“.

In den Pausen meines Spazierens durchs Haus lasse ich Gesehenes und Getanes Revue passieren, sinne hier und schaue dort, halte manches schriftlich fest. Dabei entstehen mit der Zeit und in der Auseinandersetzung zwischen dem alten Kramerhaus und mir Skizzen zu einer Biographie des Hauses auf drei miteinander verwobenen Ebenen: es kommt zu einem Trialog zwischen Recherchen zur Familien- und Dorfgeschichte mit Fundstücken vom Dachboden und deren Geschichte und mit Umbauarbeiten, die Statik und Charakter des Hauses verändern. Das Kramerhaus ist bei alledem die Immobilie, die mir seine Bewohner, seine Gegenstände und seine Bauweise darbietet, und durch die Annahme dieser Angebote wird es beweglich und verändert mich. Wir wachsen aneinander.

Der Anfang

… ist ein dunkles Nichts. in der Haus- und Familiengeschichte. Zu unbedeutend die Kramer und Schneider für das Erzbistum Salzburg oder die bairischen Herzöge, zu gering die Abgaben und zu wenig auffällig die Leute in den großen Verläufen der Geschichte.

Das Dorf „villa Pidinga“ mit seinen Höfen gehört urkundlich belegt bereits 735 zum Erzbistum Salzburg und bleibt in dessen Besitz, bis es 1810/1816 im Rahmen der Säkularisation und Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress (1815) zum neu entstandenen Königreich Baiern kommt. Ob sich der Alltag der Dörfler geändert hat? Ich weiß es nicht, glaube es aber auch nicht. Und vermutlich war es den Pidingern recht egal, dass König LudwigI. per Anordnung vom 20. Oktober 1825 die Schreibweise seines Landes änderte und das i durch ein „griechisches y“ ersetzen ließ. Nun also Bayern. Kopfschütteln könnte die Begeisterung für Griechenland aber schon ausgelöst haben, zumal sein 16jähriger Sohn Otto 1832 König von Griechenland wurde. Dieser wurde 1815 im Schloss Mirabell zu Salzburg geboren, das gerade nach Jahrhunderten der Eigenständigkeit als Erzbistum für sechs Jahre zu Baiern gehörte. Als Griechenland seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erkämpft hatte, suchten die Großmächte der Zeit nach einem respektablen, dennoch nicht zu bedeutenden und nicht zu mächtigen Regenten. Die Machbalance im neu geordneten Europa sollten schließlich nicht gefährdet und das monarchische Prinzip gegen Volksbewegungen und demokratische Bestrebungen verteidigt werden. Die Wahl fiel auf Otto, war er doch im Geiste des Philhellenismus und der Restauration erzogen.

All dies und viel mehr konnten die Pidinger aus erster Hand beim Kirchgang, beim Ratschen im Kramerladen oder am Stammtisch beim Altwirt von Matthias Eder aus dem Ortsteil Urwies erfahren. Er hatte sich als gelernter Zimmerer 1833 zur Arbeit in Griechenland anwerben lassen und vier Jahre dort gelebt. Viel Exotisches und Fremdes wird er erzählt haben, wohl auch von finanziellen Engpässen und Widerständen gegen die absolutistische Regierungspolitik Ottos (so manches klingt wie ein Vorläufer der Euro – Krise 2015 ff.). Vielleicht hat er aber auch sehr Vertrautes berichtet, wurde doch das bairische Reinheitsgebot für Bier nun auch in Griechenland eingeführt und eröffnete der Brauer Karl Fuchs ein erstes kleines Bräuhaus in Iraklion, sein Sohn später die heute noch bestehende Athener Brauerei FIX.

Seelsorgerisch war Piding vom Kloster Höglwörth betreut, dann eine Nebenstelle der Pfarre Anger und wurde erst Mitte des 19. Jahrhunderts selbstständige Pfarrei. Und es war Grenzort: Über Staufen und Fuderheuberg hinweg, nach Staufenbrücke hinunter und entlang der Saalach bis Bichlbruck führte die Grenze zwischen Salzburg und Baiern. Noch heute finden sich auf beiden Seiten der Saalach, der „nassen Grenze“, die Grenzsteine aus der Zeit nach 1816 mit KBG (königlich bairisches Gebiet) und mit KKÖG (kaiserlich-königlich österreichisches Gebiet). Der älteste Grenzstein der Region stammt aus der Staufenbrücke („Abteilung Steinbrüche“) und ist mit 1574 datiert, er trägt die jeweiligen Wappen. Parallel zur Saalach führte die Salzstraße von Berchtesgaden über Bad Reichenhall durch Piding am Kramerhaus vorbei weiter Richtung Passau und Prag bzw. Traunstein und München.

Das Konzil von Trient läutete Mitte des 16. Jahrhunderts mit der Gegenreformation und der Offensive der katholischen Mächte auch eine umfassende schriftliche Erfassung der Untertanen ein. Die Urbare bilden dann die Grundlage für Besteuerung (Abgaben und Frondienste) und geregeltes Besitztum, für die Zahl der gläubigen Seelen und Untertanen, für das heutige Katasterwesen und die gerade wieder aktuelle Debatte über Grundsteuer und Besteuerung allgemein. Und sie bilden eine Quelle für Familien- und Dorfgeschichten wie auch für das alte Kramerhaus zu Piding und seine Bewohner.

Etwa zeitgleich werden Bürger ökonomisch wichtiger und etablieren Wirtschaftszweige neben der bäuerlichen Lehenswirtschaft und Selbstversorgung. Bürger ahmen den Adel nach und Wappen wie das Traxlsche Schneider - “Logo“ entstehen. Von Reichenhall aus wird 1619 wegen Holzmangels eine hölzerne Soleleitung nach Traunstein gebaut und nun 400 Jahre später groß als erste „Pipeline“ der Geschichte gefeiert. Zwar gibt es ältere Soleleitungen im Salzburger Land, hier aber wurden mittels Pumpwerken Höhenunterschiede überwunden und die Sole in hölzernen Rohren über 40 km hinweg in die neue Saline nach Traunstein befördert. Die Stadt expandiert und wird reich.

Langsam geht die Bauweise auch der Bürgerhäuser von Holz auf Stein über. Der Högler Sandstein wird abgebaut und findet sich neben der Verwendung in den Salzburger Sakralbauten auch im Alltag wieder, so auch später als Friedhofsmauer in Piding und als Bodenplatten und Fensterstürze im alten Kramerhaus.

Traxls sind als Schneider belegt in Anger und Urwies ab ca. 1600, das Kramerhaus neben der Kirche ist um 1620 erstmals erwähnt.

Das alte Kramerhäusl

Das alte Haus sollte also in den späten 1960er Jahren abgerissen werden. Meine Eltern planten stattdessen einen praktischen und kleineren Neubau mit Heizungsraum, Garage und Lager unten sowie einer Einliegerwohnung für unsere Haushälterin Anni oben. Dies sollte ans neue Haus aus den 1950er Jahren anschließen und mit ihm eine Einheit bilden. Zu unwirtschaftlich schien ihnen das alte Kramerhaus und aus der Zeit gefallen.

Das Haus ist ein eigenartiges Gebilde. Ohne einen einzigen 90° Winkel orientiert sich der Grundriss außen an Straßenverlauf oder Friedhofsmauer und musste sich innen immer wieder den aktuellen Bedürfnissen anpassen. Meist ächzte es dabei wie der Igel im Wettlauf mit dem Hasen, weil sich Erwartungen schneller entwickeln, als sie ein schmaler Geldbeutel umsetzen kann. Zwischenmauern wurden gezogen zur Abdeckung von Heizungsund Wasserleitungen für die einzelnen Zimmer, schiefe Decken begradigt mit Rigips- und Holzverkleidungen, eine Etagendusche eingebaut, die Heizung ausgebaut von den ersten Ölöfen bis zu einer zentralen Versorgung.

Zu viel wäre nun zu tun zwischen dem feuchten Keller und dem durchlässigen Dach, zu unbequem zeigten sich die engen und niedrigen Räume hinter dicken Mauern mit den kleinen Fenstern. Nichts entsprach mehr dem Stil und den Ansprüchen der Zeit. Und auch der altertümliche Charme erschloss sich nicht mehr allen Feriengästen, die über Jahrzehnte hinweg in großer Zahl aus dem Ruhrpott und dem Sauerland anreisten, um hier ihren Jahresurlaub zwischen Altwirt und Kirche mit Blick auf Untersberg und Lattengebirge über die Misthaufen der benachbarten Bauernhöfe hinweg zu verbringen. Ein Neuanfang also, so der Plan, ohne Vermietung und mit Konzentration auf den alt eingesessenen Lebensmittelladen im neuen Haus und die Poststelle im Hintereingang, die mein Vater einrichtete, als er die Maßschneiderei angesichts der übermächtigen Konkurrenz der Konfektionsläden aufgab und zum Posthalter umschulte.

Ich verstand es nicht und ahnte doch. Das alte Haus war eigentlich mein Zuhause, wenn ich auch mein Zimmer im neuen hatte. Aber alles Leben, die Küche und das Essen, das Wohnzimmer und die Hausbank, der Dachboden und die vielen Verstecke in den kleinen Winkel des Hauses waren der Ort meiner Kindheit. Hier fand ich mich blind zurecht. Ich wusste, wo und wie ich Oma und Anni ärgern konnte, stundenlang spielte ich auf dem Wohnzimmerteppich mit meinen Indianer- und Ritterfiguren und das Sofa diente Freunden und mir als Deckung und Fort, als wir einen Fernseher bekamen und eifrig bei „Rin Tin Tin“, „Fury“ oder „Am Fuß der blauen Berge“ mitspielten und hinter den Kissen hervor mit unseren Platzpatronen auf die Bösewichter schossen. All das Traute vermischte sich mit dem schleichenden Verlassen der Kindheit in eine bedrückende Enge. Nun eckte ich an, spürte unbewusst die Mängel, fühlte mich beobachtet und gegängelt. Waren die Feriengäste der Kindheit willkommene Spielkameraden für Scherze und Erzählungen, für „Schwarzer Peter“ und „Mensch ärgere dich nicht“, so kamen sie mir nun wie fremde Eindringlinge und Besatzer vor, die mir mein Eigenes wegnahmen. Das eigene Erleben, das Schwinden von Heimat und Echtheit, von weg gezogenem Boden spiegelt sich in den Auswirkungen des Tourismus, nicht nur in Bayern. Ja, ich verstand den Plan wohl doch und billigte ihn, ungefragt.

"Dieses alte Kramerhäusl an der unversehrten alten Kirchhofsmauer zählt heute zu den wenigen historischen Baudenkmälern unserer Gemeinde. Das siedlungs-geschichtlich interessante Krämerhaus prägt zudem noch unser historisch gewachsenes Dorfbild." So der ehemalige Bürgermeister und Kreisheimatpfleger Max Wieser. Er sorgte dafür, dass der Bauplan im Gemeinderat abgelehnt und das Haus unter Denkmalschutz gestellt wurden. Meine Eltern machten dann - verärgert und doch unverdrossen - weiter, renovierten hier und besserten dort aus. Ein neuer Dachstuhl war nötig und die Ölheizung verlagerten sie vom Keller in einen neuen Heiz- und Waschraum anstelle einer alten Hütte, neue Fenster wurden eingebaut, schalldicht und isolierend. Selber war ich inzwischen ausgeflogen und nach Heidelberg zum Studieren gegangen, ohne die innere Verbindung zum Haus zu kappen. Die Verlagerung der Heizung war verbunden mit der Zuschüttung des Kellers. Ich hab’s bedauert und träumte von einer, damals modischen, Bar in diesem alten und niedrigen Gewölbekeller, der nur durch eine Falltür aus dem ursprünglichen Laden heraus zu betreten war. Als Kind hatte ich an Sauerkrautfässern geschnuppert und später die Ölkannen einzeln hoch in die Zimmer geschleppt. Allein, es war kein Geld für eine vielleicht charmante, sicherlich aber nicht unbedingt nötige Spielerei da. Sanierung und Dämmung wären zu teuer gewesen. Ich nutzte aber etwas später die Chance und begann, den frei gewordenen Raum über dem ehemaligen Keller für mich einzurichten. Das gab mir die Chance, heim zu kommen und nicht ins Kinderzimmer zu müssen, meinen Kram da zu lassen und nicht von Familie oder Feriengästen gestört zu sein. Noch später wurde ich quasi selber enteignet. Meine Kinder Sophie und Luis reklamierten diesen Raum schnell als ihr Kinderzimmer, selbstverständlich und beharrlich, und komplimentierten mich in freie Fremdenzimmer. So war ich wieder Gast im Eigenen und tröstete mich damit, dass sie mir morgens einen Kaffee ans Bett brachten. Sie halfen mir, die Verbindung nicht abreißen zu lassen, und begleiteten meinen Hang zum Abschleifen von alten Kommoden und Schränken mit freundlicher Gelassenheit.

Jetzt, da sie längst eigene Wege gehen und selber dabei sind, Familie zu gründen, werkle ich im alten Kramerhaus und spüre Verknüpfungen nach. Werde ich sesshaft?

Die Wiederverwertung - Rezyklat und Collage

Man nehme ein altes Haus mit all seinen Schrägen und Kanten, Farben und Vorhängen, Engen und Ecken, Geschichten und Chancen, dazu alte Möbel vom Flohmarkt und Gefundenes vom Dachboden, ergänze mit Neuem und Retro-Geräten, schaue sich in der Gegend bei kleinen Geschäften um, habe einen Baumarkt in der Nähe.

Und lasse Abschweifendes zu und fantasiere, wie wohl eine Münze von 1765 auf den Dachboden kam, welchen Weg eine von Kaiserslautern nach Wiesbaden geschickte Kommode bis nach Piding nahm, warum ein Nachtkästchen in Tittmoning hergestellt wurde, was wohl die Zeichen und Zahlen in der Dachkammer bedeuten, wer wohl wann die Treppe mit welchen Hoffnungen baute, welche Träume und Schmerzen die vielen Besitzer des Hauses hatten.

Und man vergesse all die Vorstellungen oder Visionen von Höhe, von Entkernung und Neubau, von Ausbau des Dachbodens, von durchflutendem Licht und mediterranem Flair.

Und man bleibe bei der Sehnsucht nach Weite und Atem für das Haus, für die Ecken und Nischen, für die Möbel – und für sich selbst. Und vertraue darauf, dass es sich schon lichten werde, dass man es schon richten könne.

Und man begnüge sich mit dem Machbaren und Finanzierbaren und nicht zuletzt mit den eigenen Möglichkeiten des Tuns und Organisierens. Und übe sich in Gelassenheit und Wachsenlassen, im Lassen, also Zulassen von Unfertigem und Ungesehenem und Ungeplantem. Es lebe die Dialektik aus Vision und Kompromiss, die oft ungeahnte und ungeplante Synthesen hervorbringt.

Dazu rühre man Farben und Spachtelmasse, föhne und schleife, bohre und hämmere, säge und schraube, streiche und räume, … und werkle vor sich hin.

Und es entsteht eine Collage aus Vorhandenem mit Erneuerbarem und Neuem, ein eigenes Original. Ein neues Heim, eine Heimat.