Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Olaf lebt ein normales Leben, bis er immer wieder Bruchstücke aus einem vorigen Leben erträumt und Teile in seinem jetzigen Leben nachvollziehen kann. Sein voriges Leben hat dabei Auswirkungen auf sein jetziges Leben und langsam überlagern sich die beiden Leben.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 150
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Daniel Nebelhain
Das alte Leben
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
An meine Leser
Impressum neobooks
Ich sitze wieder einmal vor dem PC und durchforste das Web nach günstigen Häusern. Als Programmierer verdiene ich nicht wenig, aber ich gehöre auch ganz sicher nicht zu den Reichen. Eine kleine Familie habe ich schon, nun fehlt uns nur noch das passende kleine und vor allem erschwingliche Heim. Die meisten Preise sind einfach nur unverschämt, halbe Ruinen die dann noch 120.000 oder 130.000 EUR kosten sollen. Unser Mietshaus hier ist allerdings auf Dauer auch kein wirklicher Zustand, mit dem man leben kann. Die Erbauer unseres kleinen Domizils hatten die glorreiche Idee Nachtspeicherheizungen einzubauen. Im Winter wird es nie wirklich warm und die Stromkosten treiben uns noch in den Ruin. Die Lösung ist also ein eigenes Häuschen zu suchen, wo man dann tun und lassen kann, was man will. In der Übersicht sind wieder einmal die altbekannten Kandidaten im Angebot. In dem Bereich, wo ich suche, liest man sehr oft „Renovierungsbedürftig“ oder „Der Handwerkerstraum“. Es zeigt sich wieder einmal ein altbekanntes Haus mit dem schmückenden Hinweis 'Renovierungsbedürftig'. Das Haus kenne ich schon, ich hatte mit dem Makler telefoniert, sodass wir uns zumindest die Besichtigung sparen konnten. 100.000 € soll das Schätzchen kosten, leider ist die Bezeichnung 'Renovierungsbedürftig' weit unter trieben. Die Fenster sind Einfach-verglast, beheizt wird mit traditionellen Kaminöfen und im Keller steht Wasser. Vielleicht sollten die Makler lieber einmal in ihre Anzeigen schreiben „Ruine sucht Arbeitstier“. Das nächste Haus kenne ich noch nicht. Ein altes Fachwerkhaus, 95.000 € und das erste Bild sieht schon einmal sehr gepflegt aus. Also einfach einmal hineinschauen, was da weiter steht. Ich klicke den Link an und ... natürlich 'Loading'. Ich liebe mein Light-DSL. In den größeren Städten sind die Menschen mit dicken DSL Leitungen gesegnet, für uns auf dem Land hat man sich so tolle Dinge wie Light-DSL einfallen lassen. Ich warte also geduldig, dass die Seite endlich geladen wird. Aus Langeweile male ich mir mit meinem Kugelschreiber 2 Wellenlinien auf die rechte Hand zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich weiß nicht, warum ich das überhaupt tue, aber irgendwann in meiner Jugend hatte ich damit angefangen, mir dieses Symbol immer wieder auf die Hand zu malen. Vermutlich ist es einfach nur eine der kleinen Macken, von denen jeder irgendwo eine hat und die einen nicht gleich in die Anstalt bringen. Es soll das Symbol für Wasser sein, auch wenn ich nicht gerade ein begeisterter Schwimmer oder Wassersportler bin. Ich gehe öfters einmal angeln, aber das war es auch schon so ziemlich mit meiner Wasserliebe. Die Seite ist endlich geladen und ich schaue die Bilder durch. Alles sieht sehr gepflegt aus und dem Text entnehme ich, dass es auch ansonsten gut passt. Vier Zimmer, Baujahr 1900, die Wasser- und Elektroleitungen wurden bereits erneuert. Das Haus steht in Kleinendorf, das ist direkt das Dorf nebenan. Kurzerhand rufe ich den Makler an und eine angenehm klingende weibliche Stimme meldet sich. Ich mache mit Ihr einen Termin für den nächsten Tag aus. „Mausi! Morgen haben wir um 16.00 Uhr eine Besichtigung“, rufe ich Richtung Badezimmer. Meine Frau Jenny liegt wieder einmal in der Badewanne. Sie sollte eher die Macke mit den Wellenlinien haben, so oft wie sie badet. „Ist okay, so lang es nicht, wie das letzte Haus ist, dass wir gesehen haben“, ruft es zurück. Das letzte Haus war ein totaler Reinfall. Im Dach befand sich ein kleines Feuchtbiotop. Die Maklerin meinte da nur „Das müssen Sie einfach abdichten und dann haben Sie ein super Schnäppchen gemacht“. Der werte Herr Nachbar von diesem Haus war ein Schrotthändler oder zumindest sah sein Grundstück so aus. Zwei alte Autos vollgestopft mit irgendwelchem Krempel und daneben aufgetürmt Dinge, die vor Ihrem Tod vermutlich einmal Kühlschränke und Waschmaschinen waren. Nein, morgen das Haus wird besser. Das spüre ich einfach. Am nächsten Tag sind wir mit unserer Tochter Xiameh pünktlich vor dem Haus. Jenny mustert das Haus von oben bis unten. „Rein äußerlich hast Du dich mit dem Haus ja schon einmal übertroffen“, sagt sie verschmitzt. Da kommt auch schon eine galante junge Dame ganz in Schwarz gekleidet auf uns zu und sagt „Sie müssen Familie Knatterbart sein, ich bin Frau Röder, wir hatten gestern telefoniert“. „Angenehm“, erwidere ich. „Dann schauen wir uns das Schmuckstück einmal an“ sagt sie zuversichtlich und schließt die Türe auf. Der Flur macht schon einmal einen sehr ordentlichen Eindruck. Auch die folgenden Räume bestätigen den ersten Eindruck von dem Haus. Die Dielenböden scheinen in einem sehr guten Zustand zu sein und die Tragebalken sehen solide und gepflegt aus. Der kleine Garten ist etwas verwildert, aber das bekommt man ohne Probleme wieder hin. Der Dachboden ist ein wenig zugig und es liegt Staub von vermutlich einigen Jahren. Die Dachbalken sehen solide aus und es gibt auch keine Anzeichen auf Holzwürmer oder ähnlich angenehme Mitbewohner. Zum Schluss ist nun der Gewölbekeller an der Reihe. Sollte es da keine böse Überraschung geben, so wäre das Haus damit in unseren Favoriten. Der Keller riecht etwas muffig und eine einzelne Glühbirne tut flackernd ihr bestes, das Gewölbe zu erleuchten. Auf den ersten Blick sieht alles noch ganz passabel aus, dann jedoch fällt mein Blick in eine Ecke, die doch ein bisschen feucht aussieht. Ich gehe näher heran, um das Ganze einmal aus der Nähe zu betrachten. Was ich dann sehe, lässt mich im ersten Augenblick erst einmal erschaudern, im zweiten Augenblick bin ich einfach nur irritiert. Auf einem der Ziegel sind zwei Wellenlinien eingeritzt. Ist das nun ein Zeichen? Sanft streiche ich mit meiner Hand über die Linien und erfühle die Konturen. Wer hat so etwas hier hinein geritzt? Und vor allem warum? Ich fange mich wieder und begutachte nun die ganze Wand. Ein Zeichen zum Kauf ist das Symbol sicher nicht. Die Wand ist eindeutig feucht und es ist ein Leichtes den Mörtel oder was auch immer da benutzt wurde, mit dem bloßen Finger herauszukratzen. Es ist schon ironisch, der ganze Keller trocken, nur hier die Wand mit dem Symbol ist feucht. Ich wende mich wieder an Frau Röder „Gut, dann sind wir wohl soweit durch“. „Und wie ist Ihr erster Eindruck? Haben Sie Interesse?“ fragt sie zuversichtlich nach. Ehrlich, wie ich bin, antworte ich „Das Haus ist toll, aber mit der nassen Wand ist das Haus leider raus“. „Das ist nur eine kleine Stelle, die kann man günstig wieder richten lassen. Ansonsten gefällt Ihnen das Haus doch oder?“ harkt sie nun nach und ich sehe ihre Zuversicht aus dem Gesicht schwinden. „Nein Danke, mit so etwas fangen wir erst gar nicht an. Da ist uns einfach das Risiko zu hoch, dass es doch nicht so günstig wird oder einfach noch mehr kommt“ zerstöre ich nun ihre letzten Hoffnungen vollends. „Gut, da kann man nichts machen. Sollten Sie es sich doch noch anders überlegen, melden Sie sich. Meine Nummer haben Sie ja“ sagt Frau Röder etwas enttäuscht. Wir verlassen das Haus wieder, verabschieden uns und fahren mit meinen alten Astra nach Hause. „Mach dir nichts daraus Olaf, das Haus war wirklich schon viel besser, als die letzten Häuser die wir gesehen haben. Wir finden noch etwas das passt“, versucht Jenny mich aufzuheitern. „Ja Papa, das Haus war eh nichts für uns, oben im Dach habe ich gesehen, dass da eine Spinne wohnt, aber ich hab nicht geschrien. Und überhaupt war da gar kein Stall für ein Pony im Garten.“ kommt es von der Rückbank. Ich lächle „Ihr habt ja recht, irgendwann finden wir schon das richtige Haus für uns“. Zu Hause angekommen essen wir noch gemeinsam Abendbrot am Esstisch. Später lassen wir den Abend gemütlich auf dem Sofa ausklingen. Es läuft wieder einmal Fluch der Karibik. Schon oft gesehen, aber doch immer wieder sehenswert. Auf jedem Fall besser, wie die Highlights die Jenny sonst einschaltet. In der ersten Werbung bringen wir dann Xiameh ins Bett und kuscheln uns anschließend zu zweit auf das Sofa. Kurz vor elf ist der Film dann zu Ende und wir gehen zu Bett.
Es ist warm und die Sonne brennt auf mich herab. Der Schweiß steht mir auf der Stirn und ich habe eine halb fertige Wand vor mir. Zu meiner linken ist ein etwas breitspuriger Zwerg mit dunkelblondem Haar und fast schwarzen Augen. Ich kenne diesen Zwerg, das ist Walter und er begleitet mich schon einige Jahre. „Endlich einmal eine gut bezahlte Arbeit“, gibt er von sich und verdreht dabei die Augen. „Ach komm, wir haben Arbeit und müssen nicht über die Felder krauchen“. „Oh ja, ich schleppe viel lieber Ziegel und mauere einen Keller in einem Erdloch. Zum Glück hat der liebe Gott beschlossen, uns auch noch mindestens 40 Grad im Schatten zu bescheren, damit wir nicht frieren müssen“. Ich mag diesen Zwerg, seine Ironie lässt selbst unangenehme Situationen erträglicher werden. Vielleicht ist es aber auch einfach die Tatsache, nicht alleine irgendwo vor sich hin zu arbeiten. „Du willst Abkühlung? Kannst Du haben“. Ich ritze zwei Wellenlinien auf einen der Ziegel ein. „Bitte schön, hier hast Du Wasser. Du musst nur kräftig saugen“.“Das nennst Du Abkühlung?" Noch ehe ich mich versehe, landet eine gute Kelle Mörtel in meinem Gesicht. Es ist schon erstaunlich, wie abkühlend so etwas sein kann. Gut, der Pferdemist im Mörtel ist nicht ganz so angenehm, aber ansonsten kühlt es doch ganz gut. „Ach so eine Abkühlung meinst Du und ich Depp dachte Du hast Durst“. Nun landet in Walters Gesicht eine gute Kelle Mörtel. „Was treibt Ihr da unten!?“, brüllt es von oben. Der Bauherr, das gibt nun Ärger. „Hagen hat den Mörtel zu dünn angerührt, aber ich habe noch etwas Sand hinzugetan. Der Klatschtest ist in Ordnung“, ruft Walter zurück. „Klatschtest? Wollt Ihr mich veräppeln?“ brüllt er zurück und läuft dabei langsam rot an. „Ja, das haben wir vom Meister in Obersdorf gelernt. Mit dem Mist ist das nicht gerade angenehm, aber so prüft man am besten, ob die Konsistenz stimmt. Wir wollen ja schließlich ordentliche Arbeit abliefern“ brüllt Walter zurück. „Nun gut, Ihr seid die Experten. Weiter mit der Arbeit", erklingt es besänftigt von oben und die rote Farbe weicht langsam wieder aus seinem Gesicht. „Klatschtest?“, blicke ich Walter fragend an. „Ja, Klatschtest“, grinst er. „Meister in Obersdorf?“ frage ich weiter. „Erinnerst Du dich nicht mehr? Du solltest nicht mehr so viel trinken“ flüstert Walter nun zurück und grinst dabei schelmisch. Ich widme mich wieder der Wand und die Szenerie verschwimmt langsam.
Es ist Sonntag und heute treffe ich mich mit Michael zum Angeln am alten Weiher. Am alten Weiher angekommen, bringen wir erst einmal unsere Ruten aus. Die Sonne strahlt, ideal um den Tag schön entspannt an einem See zu verbringen. Wir sind schon ein seltsames Gespann, ein Programmierer und ein langhaariger Künstler. Ich hatte ihn irgendwann im Verein kennen gelernt. Beruflich sind wir vielleicht wie Feuer und Wasser, aber privat verstehen wir uns ganz hervorragend. Gegen Mittag sehen wir einen verwirrten Pizza-boten durch die Büsche stapfen. „Habt Ihr Pizzen bestellt?“ fragt er uns verloren. „Ja, haben wir“, bekommt er im Chor als Antwort. „Ihr hättet mir ruhig sagen können, dass >>Am Weihersteg 1<< kein Haus ist, sondern mitten im Nirgendwo liegt. Dann hätte ich einen Gefahrenzuschlag verlangt!“, gibt der Bote zurück und schnippt sich eine kleine Spinne von der Schulter. „Ja, das hätten wir machen können, aber wo bleibt dann die Überraschung?“, grinst Michael. Wir bezahlen die Pizzen und geben den Boten noch ein großzügiges Trinkgeld, woraufhin er sich dann sogar freundlich verabschiedet. „Für das nächste Mal weiß ich ja dann Bescheid. Petri Heil dann noch“ sagt er nun etwas freundlicher und macht sich unglücklich auf den Rückweg. „Danke, komm gut wieder aus dem Dschungel hier“ geben wir belustigt als Antwort. Nun machen wir uns an unseren Pizzen zu schaffen, angeln und Bier macht doch recht hungrig. Michael isst erst seine Oliven von der Pizza, danach kommt der Käse an die Reihe und dann der Schinken. Ich beobachte das Ganze ein wenig skeptisch, bis ich es mir nicht mehr verkneifen kann: „Was treibst Du da? Am Ende hast Du nur noch ein besseres Stück Brot übrig. Das schmeckt doch so nicht“. „Mir schon, ich weiß nicht, woher ich diese Marotte habe, aber solange ich denken kann, esse ich alles getrennt“ erwidert Michael. „Na, wenn Du meinst, Du bist schon ein komischer Vogel“ schließe ich das Gespräch ab. Wir sind gerade fertig mit der Pizza, als auch schon mein Schwimmer verschwindet. Schnell zur Angel und anschlagen! „Ich hab einen!“ rufe ich. Ich fange an den großen Fang an Land zu ziehen, der ist ganz schön schwer. Nach wenigen Minuten erblicke ich auch schon die Beute. „Der hat mindestens einen halben Meter! Schnell! Komm mit dem Kescher!" „Nö, das ist ein Bresen“ weigert sich Michael. „Wie nö? Komm schon“ fordere ich ihn weiter auf. „Ne, die Viecher sind schleimig wie die Hölle, den Geruch bekomme ich nie wieder aus meinem Kescher heraus“ begründet Michael seine Ablehnung. „Dann nimm meinen Kescher. Der muss dann noch reichen“ gebe ich geschlagen zurück. Mein Kescher ist schon etwas in die Jahre gekommen und das Netz ist nicht mehr ganz Heil, aber für so einen großen Fisch sollte er noch reichen. Zusammen schaffen wir es dann, den großen Fang zu landen. Michael hat recht, das Vieh schleimt doch schon ziemlich heftig. „Super, Du hast einen Schleimer gefangen“, grinst Michael. „Immerhin habe ich was gefangen. Jenny macht prima Fischfrikadellen aus Bresen“. „Was anderes kann man daraus auch nicht machen, so viele Gräten, wie die haben“ stellt Michael fest. Den Rest des Tages fange ich noch einen kleineren Bresen und Michael erwischt auch noch einen, den er mir selbstlos überlässt. Außer Bresen nichts gewesen, aber immerhin gibt es heute Abend Fischfrikadellen. Abends hat es Jenny dann auch tatsächlich geschafft, aus den drei Bresen gute zwei Dutzend Fischfrikadellen zu machen. Zusammen mit etwas Brot genießen meine Mädels und ich den großen Fang. Forellen wären mir schon lieber gewesen, aber die Frikadellen sind auch lecker.
Endlich ist Mittag in Kleinendorf. „Siehst Du, so schlimm ist es nicht, einen Keller zu mauern. Immerhin ist das Gasthaus erreichbar und das Essen erschwinglich“ necke ich Walter. „Stimmt. Dank eines leckeren Eintopfs, einem kühlen Bier und der schönen Sonne werde ich mindestens nicht mehr mitbekommen, wie Du deine Arbeit machst. Zumindest ist es mir dann egal“ gibt Walter mürrisch als Antwort auf meine Stichelei. Eine Menschenmenge an einer Kutsche vor dem fetten Schinken reißt uns aus unseren Gedanken und sinnfreien Gesprächen. Eine Kutsche mit 2 Flamländern, dazu noch gut genährt sieht man nicht häufig hier in der Gegend. „Wer ist denn hier eingekehrt?“, stupse ich den Schmiedelehrling an. „Die Gräfin vom Berg mit Ihrem Sohn Adalbrecht“ antwortet er respektvoll. „Ob vom Berg oder aus der Stadt ist mir egal, ich habe Hunger und gehe da jetzt rein“, erwidert Walter und stapft Richtung Tür. Er hat ja recht, auch der Adel sind nur Menschen und ich schließe mich schnell an. Im Gasthaus selbst empfängt uns auch direkt hinter der Tür die Wirtstochter Sonja: „Mein Vater ist gerade beschäftigt, wir haben hohen Besuch heute. Falls es euch nichts ausmacht, könntet Ihr dort in der Ecke Platz nehmen“. Ich blicke ihr über die Schulter und sehe wie sich Ihr Vater sichtlich bemüht möglichst vornehm zu wirken und die Edelleute zu bewirten. „Kein Problem, bringe uns einfach zweimal den Tageseintopf und zwei Bier“. Wir setzen uns in die uns zugewiesene Ecke. „Toller Platz, direkt neben der Tür zum Abort auf dem Hof. Warum haben wir uns vorher nie hier hin gesetzt?“ gibt Walter Ironie triefend von sich. „Ich vermute und das ist nun gewagt, dass Du einfach einen guten Blick auf die Wirtstochter haben wolltest Walter“. „Erwischt mein Guter“, grinst er. Die Gräfin ist eine Frau mittleren Alters, hat edle Kleidung an und wirkt sehr gepflegt. Ihr Sohn hat kaum das Mannes-alter erreicht und statt eines Bartes hat er nur leichten Flaum. Wie ich gehört habe, ist der Graf schon vor Jahren bei einem Reitunfall ums Leben gekommen. Die Eintöpfe und das Bier kommen und Walter sieht sofort, dass etwas nicht stimmt. „Oh, Du willst mich verwöhnen, da ist doch Fleisch in dem Eintopf!“ flirtet er mit Sonja. Die Wirtstochter lächelt „Sicher, alle Gäste werden bei uns verwöhnt, selbst die Kleinsten. Mein Bruder hat eben 4 Kaninchen für die Gräfin und Ihren Sohn schlachten lassen, sie wollte aber lieber Hähnchen essen“. „Oh und ich dachte schon Du willst um mich werben“ erwidert Walter lächelnd. Beide grinsen sich an. „Lasst es euch schmecken“ wünscht Sonja uns noch und geht dann wieder an ihre Arbeit. Der Eintopf ist hervorragend und Fleisch bekommt man auch nicht alle Tage. Die Gräfin hat Bratkartoffeln, Bohnen und Hähnchen. Adalbrecht hat das gleiche nur mit einem Hasen statt Hähnchen. Die Edelleute können sich schon echt gutes Essen leisten. Da kann man schon neidisch werden. Ich dagegen müsste schon eine Woche arbeiten und 6 Tage hungern, wenn ich mir so ein Essen leisten wollte. Dann lieber jeden Tag etwas Einfacheres und hin und wieder einen Fisch aus dem Weiher. Das ist vielleicht nicht ganz so exquisit, aber satt wird man so auch. Beim Essen erkennt man in Adalbrecht keinen Edelmann, er stopft alles in sich hinein und achtet nicht im Geringsten auf die Ästhetik oder irgendwelche Etikette. Die Gräfin dagegen isst sehr elegant erst die Bratkartoffeln, dann die Bohnen und zum Schluss das Hähnchen. Selbst das Hähnchen isst sie mit Messer und Gabel. Ich für meinen Teil könnte mir das überhaupt nicht vorstellen, da bleibt ja dann noch viel zu viel an den Knochen hängen. Vermutlich ist es einem aber egal, wenn man so ein Essen in Überfluss bekommt. Nach dem Essen bezahlen wir noch unsere Zeche und machen uns wieder auf den Weg zur Baustelle. Die Sonne brennt immer noch und schon nach wenigen Metern wirkt Walter erstaunlich heiter. „Du hast dein Ziel erreicht“ sage ich grinsend zu ihm. „Jupp“, erwidert Walter fröhlich. „Alle Erwartungen voll erfüllt“.
