Das andere Ich - Siegfried Ristau - E-Book

Das andere Ich E-Book

Siegfried Ristau

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Beschreibung

Paul Meyer ist das dritte und jüngste Kind von Heidi und Heinz Meyer. Er stammt aus einem guten Elternhaus, seine Mutter war Rechtsanwältin und sein Vater Chefarzt. Paul ist ein schlaues, verzogenes und unausgelastetes Kind, das mit seiner Freizeit nicht so richtig etwas anfangen konnte. Wenn ihm aus seiner Sicht ein Unrecht geschieht, rächt er sich und überspannt den üblichen Rahmen. Er lebt nach dem Motto "Rache ist mein". Während der Schulzeit lernt er seinen einzigen Freund Klaus und dessen Bruder Georg kennen, der von dubiosen Geschäften lebt. Von Georg lernt Paul viel und arbeitet später mit ihm zusammen. Paul erledigt in seinem Leben viele Aufträge, die nicht immer nach Recht und Gesetz laufen.

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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Geboren bin ich 1974, in dem Jahr, als Deutschland Fußballweltmeister geworden ist. Mein Vater Heinz Meyer, Chefarzt einer Klinik und Fußballfan, erzählt uns heute noch immer, wie toll der 2:1-Sieg gegen Holland war. Meine Mutter Heidi Meyer ist eine anerkannte Rechtsanwältin. Ich, Paul, bin der Jüngste von drei Kindern. Meine Eltern haben ein Landgut in Norddeutschland gekauft, auf dem ich mit meinen älteren Geschwister Detlef und Claudia aufgewachsen bin. Da meine Eltern beide berufstätig waren, hatten wir zu Hause natürlich eine Nanny, einen Gärtner und eine Köchin. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass wir Kinder wohlbehütet aufgewachsen sind. Eigentlich lief unser Leben in ganz ruhigen Bahnen ab. Unsere Wünsche wurden überwiegend erfüllt.

Die Eltern achteten im Wesentlichen darauf, dass wir lernten und etwas aus unserem Leben machten. Mein Bruder Detlef studierte Medizin und wurde Doktor an der Universität in Köln. Meine Schwester Claudia eiferte unserer Mutter nach und wurde Rechtsanwältin in München. Da ich der Nachzügler in der Familie war, denn meine Geschwister waren zehn und acht Jahre älter als ich, war ich das Nesthäkchen. Mir wurde fast jeder Wunsch erfüllt, was mich im Laufe der Zeit zu einem Tyrannen und Sadisten machte. Ich war nicht ausgelastet und übermütig. Mit meiner freien Zeit wusste ich nie richtig etwas an zu fangen. Es begann mit kleinen Bösartigkeiten. Wenn ich es mein Lieblingsessen mal nicht gab und die Köchin nicht aufpasste, habe ich das Essen versalzen, im Garten habe ich die Blumen rausgerissen und über die Nanny habe ich Lügen verbreitet. Da meine Eltern ihrem Nesthäkchen glaubten, kam es über kurz oder lang zum Austausch des Personals. In der Schule trieb ich meine Späße mit Schülern und Lehrer. Heute sehe ich es so, dass meine Eltern mich strenger und konsequenter Erziehen hätten sollen.

Auch meine Geschwister blieben nicht verschont. Kurz vor meinem 6. Geburtstag platzte der Familie der Kragen, denn sie waren es leid, von mir tyrannisiert zu werden. Ich bekam im Beisein meiner Mutter und meinen Geschwistern von meinem Vater eine richtige Abreibung. Ich hatte noch nie von meinem Vater den Hintern voll bekommen. Heulend und voller Wut lief ich in mein Zimmer. Mein Zorn steigerte sich so sehr, dass ich nur noch Rache wollte. Ich musste das Ganze geschickter anstellen. Aus impulsiver Wut und Rache wurde nun eine geduldige und berechenbare Rache. Ich änderte mein Verhalten und wurde für die nächsten Monate ein fleißiger sowie lieber Sohn und Bruder. Meine Eltern erlaubten mir sogar, dass ich in eine Kung-Fu-Schule ging. Sie waren der Meinung, dass das gut für meine Selbstbeherrschung ist und ich mich außerdem sportlich betätigen konnte. Es machte mir sogar Spaß, so dass ich dort drei- bis viermal in der Woche trainierte. Meine Eltern waren richtig stolz auf mich und ich hatte mein Ziel erreicht.

Mein Vater bekam meine Rache als Erster zu spüren. Irgendwo hatte ich gelesen, dass Motoren keinen Zucker vertragen, und deshalb füllte ich bei passender Gelegenheit Zuckerwasser in den Tank. Das Auto verreckte bei der Fahrt zur Arbeit. Der Motor war kaputt und keine Spur führte zu mir. Nachdem sich die Lage beruhigt hatte, war meine Mutter an der Reihe. Sie brachte immer die ein oder andere Akte mit nach Hause, um dort weiter zu arbeiten. Als sich die Gelegenheit bot, packte ich meine Kung-Fu-Tasche und klaute eine Akte, die ich auf dem Weg zum Sport verbrannte. Drei Wochen Arbeit für die Katz.

In unregelmäßigen Abständen spielte ich diese Spielchen weiter. Bei meinen Geschwistern war das schon schwieriger. Meinen mittlerweile 16 Jahren alten Bruder versuchte ich immer, bei seinen Freunden zu blamieren. Seine erste Freundin, in die er total verliebt war, schockierte ich, indem ich behauptete und ihr auch zeigte, dass er öfters eine dreckige Unterhose anhatte, weil er sich den Hintern nicht richtig sauber machte. Das war natürlich nicht wahr, denn das Braune habe ich in die Hose geschmiert. Ohne Kommentar servierte sie ihn ab. Detlef war fertig und konnte es nicht begreifen. Er brauchte sechs Wochen, um darüber hinwegzukommen.

Meiner Schwester immerhin schon 14 Jahre alt, bekam es auf andere Art und Weise mit mir zu tun. Ihre Slips rieb ich mit Juckpulver ein, so dass sie sich immer im Genitalbereich kratzen musste. Meinen Eltern fiel das direkt auf, ich weiß nicht, was sie gedacht haben, aber auf jeden Fall musste sie sofort mit meiner Mutter zum Frauenarzt zur Untersuchung. Claudia war das unangenehm, denn sie hatte noch nie beim Frauenarzt auf den Stuhl gesessen, um sich untersuchen zu lassen. Der Arzt verschrieb ihr ein Puder, mit dem sie sich mehrmals täglich behandeln sollte. Bei jeder Gelegenheit, bei der wir alleine waren, gab ich ein paar passende Sprüche zum Besten.

Mittlerweile ging ich in die Schule. Da ich nicht blöder als meine Geschwister war, fiel mir das Lernen leicht, so dass eine gewisse Langeweile auftrat. Es kam eine Phase, in der ich nicht wusste, was ich machen sollte. Die Scherze machten mir kein Spaß mehr, ich ging zur Schule und lernte nachmittags Kung Fu. Da ich nicht ausgelastet war und meinen innerlichen Frust loswerden musste, ging ich auch noch zum Thaiboxen. Meinen Frust ließ ich dann den Sandsack spüren. Eines blieb aber, meine innerliche Unruhe und Unzufriedenheit.

Im Jahre 1985, als ich elf Jahre alt war, gab es ein Ereignis, dass mich veränderte. Auf dem Nachhauseweg vom Kung Fu fiel ich einer Clique von sechs Jugendlichen in die Hände. Sie wollten Geld und meine Klamotten haben. Es kam zu Handgreiflichkeiten und ich wurde brutal zusammengeschlagen. Da nutzte mir mein Kung Fu und mein Thaiboxen auch nicht viel. Die Jungs und Mädchen der Clique, die zwischen 14 und 16 Jahren alt waren, hatten mich eingekreist und waren viel erfahrener als ich in diesen Dingen. Ich lag zwei Wochen im Krankenhaus. Meine Eltern erstatteten Anzeige, aber die Gerichtsverhandlung ergab keine hohen Strafen, da die Täter zum Teil unter 16 Jahre alt waren. Es bisschen Sozialarbeit, Wochenendarrest und das war die ganze Strafe. Zum Ende der Verhandlung lachten sie mich aus.

Sie ahnten noch nicht, welchen Fehler sie gemacht hatten. Der Jähzorn in mir wurde wieder erweckt. Ich ging zwar zur Schule, steigerte aber meine Aktivitäten beim Sport und in meiner freien Zeit beobachtete ich die Clique, um ihre Gewohnheiten und Abläufe zu studieren. Abends las ich Bücher über menschliche Körper und Folterpraktiken. Nach etwa sechs Monaten kannte ich die Gewohnheiten der Clique. Ich wusste, dass sie Alkohol tranken und Rauschgift nahmen. An den Wochenenden waren sie immer voll und wussten nicht mehr, was sie taten. Meist wurden diese Exzesse in nahen Wald durchgeführt.

An einem Wochenende im Oktober 1985 waren meine Eltern bei Bekannten in Hamburg. Meine beiden Geschwister waren ebenfalls nicht zu Hause. Ich verkleidete mich, malte mein Gesicht schwarz an, packte einige Dinge ein und ging los. Dann traf ich die Clique und beobachtete, wie sie soffen, einen Joint rauchten und mit den Mädels rummachten. Gegen ein Uhr nachts wussten sie nicht mehr, was um sie herum los war. Als Erster machte sich einer der Jungen auf den Weg nach Hause. Ich ging hinter ihm her und als er weit genug von der Clique entfernt war, schlug ich ihn mit einem Baseballschläger nieder, fesselte und knebelte ihn. Dann nahm ich mein Messer und schnitt ihm die Klamotten vom Leib. Mit dem Baseballschläger schlug ich mit aller Macht auf seine Kniescheiben, so dass diese brachen. Danach schnitt ich ihm mit einem Messer in beide Backen, so dass sein Gesicht für immer Narben hatte. In diesem Augenblick war es für mich wie in einem Rausch. Ich fühlte mich wie befreit, der innerliche Druck war weg.

Mein nächstes Opfer in dieser Nacht war ein Mädchen, das offenbar nach Hause torkeln wollte. Sie brauchte ich nicht mit dem Baseballschläger niederzuschlagen, so voll war die. Ich fing sie auf dem Weg ab, fesselte sie und knebelte sie an einen Baum. Danach zog ich das Messer, entkleidete sie und fummelte erst mal an ihr herum, war ja Neuland für mich. Als ich damit fertig war, entstellte ich sie ebenfalls. Ich schnitt in ihr Gesicht und in ihre Brüste, um bleibende Narben zu erzeugen. Zu guter Letzt schnitt ich ihr die Haare mit dem Messer ab. Als ich mir mein Werk ansah, bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich lief weg und hoffte, dass mich keiner gesehen hatte. Ich war in Panik und hatte Angst vor mir selbst. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich zu so etwas fähig war. Zu Hause angekommen, zog ich mich aus, versteckte meine Sachen und ging duschen. An Schlafen war gar nicht zu denken, erst gegen morgen schlief ich ein. Als ich mittags aufwachte, war ich wieder ruhiger und überlegte, wie ich weiter vorgehen sollte. Mein Plan war, meine benutzten Sachen verschwinden zu lassen. Das tat ich auch: Das Messer verschwand mit der Müllabfuhr, den Baseballschläger und meine Kleidung verbrannte ich.

Montags stand ein großer Artikel über die beiden Opfer in der Zeitung. Beide hatten diese schreckliche Tat überlebt, würden aber die Folgen des Überfalls ein Leben lang spüren. Die Kripo untersuchte den Überfall und suchte überall nach Spuren. Ich bekam es wieder mit der Angst zu tun. In meiner Familie war der Vorfall natürlich auch Gesprächsthema Nummer 1. Nach etwa vier Wochen beruhigte sich die Lage und ich wurde ruhiger. Die Kripo fand keinerlei Spuren und die Allgemeinheit war der Meinung, dass es sich um Rache einer anderen Clique handeln musste.

Nach gut einem Vierteljahr sah ich die beiden wieder. Der Junge musste eine Krücke zum Laufen benutzen und das Mädchen schaute kein Junge mehr an. Selbst aus der eigenen Clique wurden sie ausgestoßen.

Als sich aus meiner Sicht die Lage wieder beruhigt hat, beobachtete ich die restlichen vier der Clique wieder. Da ich ja wusste, wo sie ihre Alkoholvorräte im Wald versteckten, machte ich mich in der Woche daran zu schaffen. Ich mischte die Getränke mit einem starken Abführmittel. Beim nächsten Trinkgelage am Wochenende war es so weit. Sie waren so voll, dass sie nicht wussten, ob sie Männlein oder Weiblein waren und hatten sich vollgeschissen. Der ein oder andere setzte sich ab und wurde mein Opfer. Einen Jungen schlug ich mit einem Ast nieder, fesselte und knebelte ihn. Danach benutzte ich das Messer, um ihn auszuziehen. Dabei musste ich vorsichtig sein, damit ich mich nicht mit Scheiße einsaute. Ich beschloss, dieses Abführmittel nicht mehr zu benutzen. Ich nahm den Ast und schlug ihm ein Knie und eine Hand kaputt. Dann nahm ich das Messer und entstellte ihn im Gesicht.

Eines der Mädchen erwischte ich auch noch, und zwar jenes, das mich damals mit extremer Wut zusammengeschlagen hatte. Meine Vorgehensweise war fast dieselbe wie beim ersten Mädchen. Ich schnitt ihr die Haare ab, rasierte sie mit dem Messer im Intimbereich, schnitt ihr in die Backen und in den Busen. Zu guter Letzt wurde ich übermütig und ritze ihr in den Bauch »Rache ist mein« . In die Wunden schmierte ich noch etwas Dreck, damit möglichst große Narben blieben. Als ich mir das Werk ansah, bekam ich ein mulmiges Gefühl und den Gedanken, dass ich es übertrieben hatte.

Zurück zu Hause das gleiche Procedere wie beim letzten Mal. Duschen und dann die Sachen verschwinden lassen. Ein gewisses Unbehagen blieb, denn ich war mir nicht sicher, ob ich Spuren hinterlassen hatte.

Montags stand es wieder in der Zeitung. Die Kripo untersuchte diesen Vorfall noch akribischer. Es kam zu Untersuchungen, Wohnungsdurchsuchungen anderer Cliquen, Festnahmen usw. Ein wahnsinniger Aufwand wurde betrieben, aber ohne Erfolg. Nach dieser Aktion war mir klar, dass ich das Ganze nicht wiederholen kann. Ich wurde vorsichtiger.

Von der Clique blieben noch zwei Jungen übrig, an die ich zurzeit nicht rankam, denn den Treffpunkt im Wald hatten sie aufgelöst. Ich wollte eigentlich aufgeben, aber mein inneres Ich akzeptierte das nicht.

Zu Hause hatte sich auch einiges verändert. Meine Geschwister studierten in Köln und München, waren also selten zu Hause, meine Nanny wurde entlassen und eine Haushälterin eingestellt. Wir hatten also noch einen Gärtner, der je nach Bedarf kam, eine Köchin und eine Haushälterin. Die Haushälterin organisierte praktisch unseren Ablauf im Haus, erledigte die anfallenden Arbeiten wie Reinigung, Botengänge usw. Praktisch Mädchen für alles. Sie kam in der Regel gegen 8:00 Uhr und besprach mit meinen Eltern die täglichen Aufgaben. Meine Mutter kam gegen 17:00 Uhr nach Hause und ließ sich von ihr über den Stand der Arbeiten berichten.

Ich besuchte mittlerweile das Gymnasium. In unserer Klasse gab es zwei Außenseiter. Der eine war ich, Streber genannt und der andere war Klaus, dem die Klassenkameraden aus dem Weg gingen. Das hatte auch seinen Grund, denn Klaus älterer Bruder Georg war der Boss einer stadtbekannten Gang, die dubiose Geschäfte in der Stadt machte. Folglich blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit Klaus zusammenzutun. Im schulischen Bereich konnte Klaus mir nicht das Wasser reichen, also half ich ihm über die Runden zu kommen.

Eines Tages sagte mir Klaus, dass sein Bruder mich kennenlernen wollte. Ich war auf Grund seines negativen Bekanntheitsgrad eher skeptisch, aber schließlich war die Neugierde größer. An einem Freitagnachmittag trafen wir uns also bei Georg, der in einer Halle mit drei Stockwerken wohnte, von denen er die gesamte obere Etage für sich in Beschlag nahm. Die Möbel und die Frauen, die dort waren, waren schon erste Sahne. Die Einrichtung war nicht schlechter als bei uns zu Hause.

Georg fragte mich aus und ich erzählte ihm vor lauter Ehrfurcht alles. Ich berichtete über meine Eltern, welchen Sport ich treibe und über die Schule. Ziemlich am Ende des Gespräches schickte er Klaus unter einem Vorwand weg. Dann sagte er zu mir, dass er mich für ein cleveres Bürschchen hält und deshalb mit mir einen Deal eingehen wollte. Zugleich warnte er mich aber auch davor, den Deal nicht einzuhalten. Der Deal war eigentlich ganz einfach, denn ich sollte Klaus in der Schule weiterhin so helfen, so dass er den Abschluss schaffte. Georg wollte nicht, dass Klaus jemals in seine Fußstapfen trat. Ich versprach es und half Klaus, so gut es ging.

Da ein Deal immer zwei Seiten hatte, fragte Georg, was er denn für mich tun könnte. Ich überlegte kurz und erzählte ihm von meiner noch offenen Rechnung mit den beiden Jungs. Dann fragte ich ihn, ob er mir noch ein Wunsch erfüllen könnte. Er sagte nichts und schaute mich nur an. Unterwürfig fragte ich ihn, ob er mich nicht Streetfighting lehren könne. Er lachte und sagte, dass ich doch schon Kung Fu und Thaiboxen lernte. Schließlich sagte er unter der Bedingung zu, dass das Training samstags stattfand.

An dem folgenden Samstag begann mein Training. Im untersten Stock der Halle war eine Art Parcours aufgestellt, zwischen dem jede Menge Gerümpel lag. Ich bekam die Aufgabe, die beiden anwesenden Mädchen zu fangen und dann mit ihnen zu kämpfen. Ich versuchte eine halbe Stunde lang, die Mädchen zu fangen und zum Kampf zu stellen. Vergeblich. Die Mädchen waren zu flink, sprangen leichter über die Hindernisse und weichten dem herumliegenden Gerümpel besser aus. Nach dieser Trainingseinheit war ich fix und fertig. Die Mädchen sahen mich nur an und grinsten.

Nachdem ich wieder Luft bekam, begann die zweite Lektion. Die Mädchen stellten sich zum Kampf, aber ich konnte sie trotz meiner Kung-Fu-Kenntnisse nicht besiegen. Immer, wenn ich dachte, ein Mädchen gefangen zu haben, störten mich die Hindernisse oder ich bekam etwas von dem herumliegenden Gerümpel ab. Nach weiteren dreißig Minuten war die zweite Lektion beendet. Georg stoppte das Ganze und es kam zur Aussprache. Er sagte mir, dass ich zu langsam wäre, einfach nicht flink genug und dass ich bis dato nur gelernt hätte, im Ring oder in der Kung-Fu-Schule nach vorgegebenen Regeln zu kämpfen. Streetfighting hat aber keine Regeln. Georg sagte, dass alles, was sich in Umgebung befindet, registriert und eingesetzt werden muss. Sein Plan war, dass ich in den nächsten drei bis vier Monaten mit den Mädchen an meiner Schnelligkeit und meiner Flinkheit arbeite.

Diese vier Monate mit den Mädchen waren Stress pur. Jeden Samstag standen mindestens vierstündige Läufe über Berghalden, Kies- und Sandberge an. Ich lernte das Laufen auf Schienen und Seilen sowie das Umkurven und Nutzen diverser Hindernisse. Dann ging es weiter im Programm, ich lernte auf Bäume oder Häuser zu klettern und das Springen von Haus zu Haus. Gefährlich waren diese Übungen bei Regen, wenn alles glatt und rutschig war. Hier galt höchste Konzentration. Meine Prüfung bestand darin, von einer Brücke auf einen fahrenden Zug zu springen und auf den Dächern bis zum Ende des Zuges zu laufen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich es nicht geschafft, wenn ich nicht noch diverse Extra-Trainingseinheiten gemacht hätte.

Georg hielt auch sein zweites Versprechen, denn er setzte jemanden auf die letzten beiden Jungen an. Eines Tages las ich in der Zeitung, dass zwei Jungen fürchterlich verprügelt worden seien und im Krankenhaus lagen. Der Täter wurde nie gefasst.

Meinen Teil der Abmachung hielt ich auch ein. Bis zum Ende der Zeit im Gymnasium half ich Klaus zwei- bis dreimal in der Woche beim Lernen. Klaus wollte später einmal Sportmediziner werden.

Beim Kung Fu begann nun die Zeit in der ich an Langstock, Stöcken, Säbel, Schwert, Halbmondlanze und Sichel ausgebildet wurde. Diese Ausbildung dauerte etwa fünf Jahre. Unser Trainer achtete sorgfältig auf Disziplin, Regeln und Fairness. Meine Aktivitäten beim Thaiboxen reduzierte ich stark, denn ich ging eigentlich nur noch alle 2 Wochen zum Training. Die Termine bzw. Aufgaben wuchsen mir über den Kopf. Mir blieb nichts anderes übrig, als mir einen Zeitplan zu erstellen, an den ich mich strikt halten musste. Montags und freitags ging ich zum Kung Fu, dienstags und donnerstags half ich Klaus, samstags ging ich zum Streetfighting. Nur den Mittwoch und den Sonntag hielt ich mir für die Familie frei.

Klaus und ich waren in der Klasse immer noch die Außenseiter. Da ich ein Spätzünder war begann meine Pubertät erst mit 14/15 Jahren. Ich war zwar mit 1,86 Meter recht groß und durchtrainiert, hatte aber im Gesicht und am Körper eine Menge Pickel. In der Klasse bekam ich deshalb auch noch den Namen Pickelgesicht. Das machte mich so fertig und niedergeschlagen, dass mein Vater mich in die Klinik zur Untersuchung bestellte. Die Ärzte konnten keine Krankheit finden und schoben meine Probleme auf die Pubertät. Zur Hilfe bekam ich diverse Cremes und Duschmittel. Die Zeit war schlimm. Ich ging kaum noch irgendwohin und trainierte dafür noch härter.

Mit 16 Jahren war das Ganze dann endlich vorbei. Meine Schüchternheit blieb aber. Alle anderen Jungen und Mädchen, sogar Klaus hatten schon diverse sexuelle Erfahrungen gemacht. Unsere Haushälterin, zu der ich ein gutes Verhältnis hatte und mit der ich mehr über solche Dinge reden konnte als mit meinen Eltern, merkte das natürlich. Gabi, so hieß die Haushälterin, war 31 Jahre alt, hübsch und geschieden. Ich weiß nicht, ob es Mitleid war, auf jeden Fall half sie mir. Sie ging ganz vorsichtig und einfühlsam zu Werke und führte mich in das Liebesleben ein. Wir hatten ein Verhältnis, wobei sie mir auch klar machte, dass aus uns nichts werden kann. Das Verhältnis hielt etwa sechs Monate, in denen sie mir alles Erdenkliche beibrachte.

Sie beendete die Beziehung . Als wir nach dem letzten Akt nackt auf dem Bett lagen, sagte sie zu mir: »So Paul, ich kann dir nichts mehr beibringen, es war schön mit dir, denn es hat mir auch gefallen, aber jetzt ist Schluss« . Ich war traurig, denn ich habe mich ein bisschen in Gabi verliebt. Da sie mir gegenüber von Anfang an ehrlich gewesen war, hegte ich keinerlei Groll gegen sie. Von nun an akzeptierte ich Gabi wie eine große Schwester, mit der ich über alles reden konnte.

Mir ging es jetzt besser. Selbst meine Eltern merkten das. Gefragt haben sie nie. Ob sie etwas ahnten, weiß ich nicht.

Schulisch hatte ich keine Probleme, meine Zensuren waren top. Sportlich entwickelte ich mich weiter. Beim Kung Fu wurde die Ausbildung an den Waffen fortgeführt und beim Streetfighting arbeitete ich weiter an meiner Schnelligkeit. Wie gesagt, ich trainierte immer noch mit den beiden Mädels. An einem solchen Trainingstag tauchte Georg auf einmal auf. Er fragte die Mädels, wie es mit mir läuft und bedankte sich bei mir für die Unterstützung von Klaus in der Schule. Hier sei noch erwähnt, das Klaus sportlich nicht so aktiv war. Sein Hobby war der Computer.

Dann forderte Georg mich auf, mich auszuziehen. Ich fragte nicht nach dem Warum, sondern zog mich bis auf die Unterhose aus. Sven, der Bodyguards von Georg begutachtete mich von oben bis unten. Er war etwa zwei Meter groß und kräftig, praktisch ein Kerl wie ein Baum. Georg fragte Sven, ob er aus mir etwas machen könne, ohne dass ich meine Schnelligkeit verliere. Sven meinte, dass er das hinbekomme. Ich durfte mich anziehen und bekam den Auftrag, Sven anzugreifen. Die beiden Mädchen grinsten schon. Ich griff Sven mit allem, was ich beim Kung Fu und Streetfighting gelernt hatte, an. Es schien so, als würden alle Schläge bei ihm abprallen. Ab und zu schlug Sven kurz zu und ich lag auf dem Boden. Georg sagte im Anschluss zu mir: »Paul, in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten wirst du lernen, Schläge einzustecken, wir werden deine Muskeln aufbauen, wobei du deine Schnelligkeit nicht verlieren darfst« . Die Trainingseinheit am Samstag wurde umgestellt, so dass ich nun zwei Stunden mit Sven in die Muckibude ging und weiterhin zwei Stunden mit den Mädels meine Schnelligkeit trainierte. Georg warnte mich aber noch, denn er machte mich darauf aufmerksam, dass ich nach der Ausbildung ein sehr gefährlicher Mann sein könnte. Zum damaligen Zeitpunkt glaubte ich es ihm nicht.

Klaus und ich hatten noch etwa achtzehn Monate Schule vor uns. Mein Ziel war es, Psychologie und Physik zu studieren, während Klaus bei seinem Ziel, Sportmediziner zu werden, blieb. Georg gefiel das und er unterstützte ihn in allen Belangen. Er war stolz auf seinen Bruder.

Im letzten Schuljahr verliebte ich mich in ein Mädchen. Sie schien schüchtern zu sein und warf mir gelegentliche Blicke zu. Ich wusste gar nicht, was mit mir passierte, ich war voll und ganz weg. Beim ersten Mal trafen wir uns außerhalb der City. Wir saßen auf der Bank und sie erzählte mir, dass sie sehr strenge Eltern habe und streng katholisch erzogen wird. Ihre Eltern dürften auf keinen Fall wissen, dass sie sich mit einem Jungen trifft. Angeblich müsste sie dann in ein Internat. Ich glaubte es, denn sie hatte mich. Ihre treuen blauen Augen, ihr blondes Haar und ihre Figur hauten mich um. Ich war ein total verliebter Trottel. Wir tauschten die Telefonnummern aus und ich erzählte ihr fast alles von mir. Als sie hörte, dass ich eigentlich nur mittwochs und sonntags nichts Festes geplant habe, sprang sie sofort darauf an und sagte mir, dass sie es langsam angehen möchte und zuvor noch nie einen Freund hatte.

Unser nächstes Treffen war sonntags um 17:00 Uhr an der gleichen Stelle. Wir saßen wieder auf der Bank, ich durfte ihre Hand halten und sie erzählte mir, wie gut es mir doch gehen würde. Meine Eltern hätten Haus, Grundstück und wohl Geld und ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen, ganz im Gegensatz zu ihr. In meiner Verliebtheit fragte ich natürlich nach. Sie sagte mir, dass ihre Eltern nur wenig Geld hatten und weil ihre Klasse einen Ausflug nach Paris planen würde, sie voraussichtlich nicht mitfahren könnte. Dabei liefen ihr die Tränen über ihre Wangen. Um 18:30 Uhr durfte ich wieder ihre Hand nehmen und sie ein Stück nach Hause begleiten. Meine Eltern und unsere Haushälterin merkten natürlich, dass ich verliebt war. Lag vielleicht an meinen roten Ohren.

Mittwochs um 17:00 Uhr saßen wir wieder auf der Bank. Anke, so hieß sie nämlich, sah traurig aus und die Tränen liefen ihr wieder über die Wangen. Als ich fragte, was los sei sagte mir, dass sie aus finanziellen Gründen nicht an dem Ausflug teilnehmen könnte. Sie hätte weder Geld für die Fahrt noch passende Klamotten und kein Taschengeld. Das Schlimmste sei jedoch die Häme der Klassenkameraden. Da ich ja auch Außenseiter in der Klasse war und während meiner Pubertät viel Häme ertragen musste, wusste ich, wie weh das tut. Ich versprach ihr, das ich versuchen würde, zu helfen. Daraufhin fiel sie mir kurz um den Hals. Ich sagte ihr, sie solle mir beim nächsten Treffen sagen, wie viel Geld sie benötigte. Um 18:30 Uhr ging es wieder heimwärts. Die letzten 50 Meter durfte ich sie sogar in den Arm nehmen.

Als ich am Sonntag zu unserem Treffpunkt kam, saß sie schon da und es schien, dass sie sich freute mich zu sehen. Ich hielt ihre Hand, wir plauderten über dies und das, bis das Thema Schulausflug kam. Ich fragte Anke: »Wie viel Geld benötigst du denn?« Plötzlich liefen wieder die Tränen. Sie wollte es mir nicht sagen, denn es sei zu viel Geld und das könne sie nicht von mir verlangen. Ich trocknete ihr die Tränen und bohrte so lange, bis sie es mir sagte. »1000 Euro? Wie kommst du denn auf diese Summe?« Anke antwortete: »500 Euro für Hotel und Bus, 200 Euro für neue Klamotten und 300 Euro Taschengeld, denn Paris ist teuer.« Sie sah, dass ich schluckte und begann sofort, wieder zu heulen. Das konnte ich in meiner Verliebtheit nicht ertragen und sagte ihr den Betrag zu. Jetzt durfte ich sie sogar auf die Wangen küssen. Auf dem Nachhauseweg sagte sie mir noch beiläufig, dass sie das Geld am Mittwoch benötige, um die Klassenfahrt zu bezahlen, denn schließlich sollte es morgen in einer Woche losgehen.

Mittwochs wusste ich gar nicht, was mir geschah. Anke setzte sich auf meinen Schoß und nahm mich in den Arm. Als sie merkte, dass sich in meiner Hose etwas regte, stand sie auf und setzte sich neben mir. Ich bekam einen roten Kopf und sie lächelte mich an. Sie versprach mir nach dem Ausflug eine unvergessliche Zeit. Anke hatte mich verliebten Gockel wieder gefangen. Ich gab ihr das Geld und auf dem Weg nach Hause sagte sie mir, dass wir uns erst Sonntag in einer Woche wieder sehen würden, da sie ja am kommenden Sonntag ihre Tasche packen müsste. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich nichts mehr von ihr hören würde.

Den Sonntag darauf wartete ich wie immer auf der Bank. Die Uhr tickte und ich schaute alle fünf Minuten darauf. Gegen 18:00 Uhr begann ich mir, Sorgen zu machen Viele Fragen schwirrten durch meinen Kopf: Hatte Anke einen Unfall, ist sie krank, wussten ihre Eltern von uns und was weiß ich sonst noch. Um 18:30 Uhr rief ich sie an. Kein Anschluss unter dieser Nummer. Das Telefon war tot. Da ich ja wusste, dass Anke ein Prepaid-Handy hatte, dachte ich, dass kein Guthaben mehr auf ihrer Karte war. Ich lief los und suchte sie. Leider wusste ich nicht, wo sie wohnte, und so irrte ich durch die Stadt. Gegen 21:00 Uhr ging ich sorgenvoll nach Hause und sofort auf mein Zimmer, wo das Kopfkino begann. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.

Ich war fertig und redete mit Klaus darüber. Meine häufigen täglichen Anrufe blieben ohne Erfolg. Die ganze Woche war ich fix und fertig. Gegen Ende der Woche fragte mich unsere Haushälterin, was los wäre. Da ich ja mit ihr über alles reden konnte, erzählte ich ihr die Geschichte. Sie hörte ganz ruhig zu und überlegte sich ihre Antwort lange. Dann sagte sie mir, dass es eigentlich nur zwei Gründe geben könnte. »Erstens, es ist etwas passiert und da du nicht weißt, wie du sie erreichen kannst, kannst du nur warten und hoffen. Zweitens, Anke hat deine Verliebtheit ausgenutzt und dich gelinkt.« Ich war nach dieser Antwort kurz vor der Explosion, nur unsere gemeinsame Vergangenheit hielt mich davon ab.

Als ich mich beruhigt hatte, sagte sie mir, dass wir mal den Ablauf der Treffen durchgehen sollten. Wir gingen Treffen für Treffen durch und zogen nach jedem Treffen ein Fazit. Es war schon seltsam mit Anke. Nach neunzig Minuten musste sie immer wegen der strengen Eltern nach Hause. Kein richtiger Kuss. Nach so kurzer Zeit schon nach Geld gefragt. Treffen nur außerhalb auf einer Parkbank usw. Mir kamen mehr und mehr Zweifel. Ich wollte noch zwei Wochen warten und wenn ich bis dann nichts von ihr gehört hatte, dann hatte sie mich gelinkt. Wenn dem so gewesen ist, dann sollte sie mich kennenlernen. Auf jeden Fall war mir das eine Lehre und die nächsten Frauen taten mir leid, denn nach den zwei Wochen vögelte ich alles, was mir vor die Flinte kam, und zwar ohne jegliche Gefühle.

Kurz vor Ende der Schulzeit kam mir Bruder Zufall zu Hilfe, denn ich sah Anke zufällig in der Stadt mit einem Lover. Mein Jagdinstinkt war geweckt. Ich besorgte mir aus der Klinik meines Vaters eine Spritze mit Betäubungsmittel, ein Ganzkörperkondom sowie die dazu gehörigen Überschuhe und Handschuhe. Zwei Wochen später hatte ich Anke aufgespürt. Sie war abends allein durch den Park gegangen und verfolgte sie. An einer unübersichtlichen Stelle betäubte ich sie und zog sie aus, verbrannte ihre Kleidung und fesselte sie an einem Baum. Dann rasierte ich ihr die Haare vom Kopf und klebte ihr Augen und Mund zu. Ich schnitt ihr in die Backen und in die Brüste. In den Bauch ritzte ich »Rache ist mein« .

Plötzlich hatte ich ein Problem. Ein Spaziergänger mit einem Schäferhund kam und ich lief weg. Als er gesehen hat, was passiert war, hetzte er den Hund auf mich und rief die Polizei an. Ich hatte zwar dreihundert Meter Vorsprung, doch der Hund war schneller. Er holte mich ein und ich musste ihn töten. Polizei und Krankenwagen kamen. Da der Spaziergänger weiter mit der Polizei telefonierte, kam auch kurzfristig Verstärkung, um mich einzukreisen. Ich hatte verdammtes Glück, blieb unerkannt und entkam.

Meine Sachen verbrannten, während ich duschte. Die Asche packte ich ins Auto, fuhr fast bis zur nächsten Stadt und verteilte sie über mehrere Kilometer hinweg. Am nächsten Tag brachte ich die Tonne, in der ich die Sachen verbrannt hatte, zur Mülldeponie. Der Spaziergänger machte eine Täterbeschreibung, die in der Zeitung stand und die Bevölkerung wurde um Mithilfe gebeten. Auch Anke wurde befragt. Sie konnte glücklicherweise nichts zu der Tat sagen, nannte aber einige Namen von Leuten, die ihr das angetan haben könnten. Unter anderem war auch mein Name dabei. Erkannt hatte Anke mich auch nicht.

Zwei Wochen später tauchte die Kriminalpolizei bei uns auf. Ich wurde gefragt, ob ich eine Anke W. kenne und wo ich zur Tatzeit war. Ich antwortete, dass ich eine Anke kenne, mit der ich mich vor einiger Zeit paarmal getroffen habe. Die Beamten zeigten mir ein Bild und ich bestätigte ihnen, dass ich diese Anke W. kannte. Als nächstes fragten sie nach meinem Alibi für die Tatzeit. Bevor ich antwortete, fragte ich erst mal, was das sollte und was passiert wäre. Die Beamten sagten mir, dass Anke W. überfallen wurde und sie nur Hinweisen nachgehen. Ich sagte ihnen, dass ich an jenem Abend zu Hause geblieben war. Sie fragten nach Zeugen, die ich nicht hatte. Folglich hatte ich kein Alibi und gehörte von nun an zu den Verdächtigen. Am nächsten Tag musste ich im Präsidium erscheinen, um Fingerabdrücke und DNA abzugeben. Zu dieser Zeit hatte ich Angst und bereute meine Taten. Ich weis bis heute nicht, warum ich zu solchen Taten fähig bin. Es ist als wenn jemand in meinem Kopf ein Schalter um legt.

Eine Gegenüberstellung mit dem Spaziergänger erfolgte ebenfalls, aber glücklicherweise konnte er mich nicht identifizieren. Als nächstes ging es zum Verhör. Mittlerweile hatten meine Eltern einen Rechtsanwalt eingeschaltet, der rechtzeitig zum Verhör da war. Er riet mir, erst einmal nichts zu sagen, was ich dann auch machte. Die Beamten mussten mich laufen lassen. Zu Hause war natürlich alles in Aufregung. Ich musste meinen Eltern schwören, dass ich das nicht gewesen war.

Die Kriminalbeamten wühlten auch in der Vergangenheit herum. Sie fanden natürlich heraus, dass es vor einigen Jahren so einen ähnlichen Zwischenfall gegeben hatte. Sie versuchten die Schriften auf dem Körper mit meiner Schrift zu vergleichen. Kein Erfolg. Nur die Indizien sprachen gegen mich. Die Beamten rekonstruierten den Fall von vor einigen Jahren und fanden heraus, dass, nachdem ich zusammengeschlagen worden bin, die Täter alle irgendwie geschädigt wurden. Auch hier stand der Satz »Rache ist mein« auf einem der Körper. Nur bei Anke W. passte das Muster nicht. Wir haben uns zwar ein paarmal getroffen, aber zugeben, dass sie mich gelinkt hatte, konnte und wollte sie nicht. Vermutlich war ich nicht der Einzige, mit dem sie diese Nummer durchgezogen hat.

Die Schulzeit neigte sich langsam dem Ende zu. Klaus bewarb sich für das Studium zum Sportmediziner an einer renommierten Universität, wo seine Ausbildung schon vier Wochen nach der Schule begann. Ich bewarb mich an einer Universität für Psychologie und Physik, so dass sich unsere Wege trennten. Zum Abschluss verabredeten wir uns zu einem jährlichen Treffen.

Die Ausbildung zum Streetfighter endete ebenfalls. Georg verabschiedete sich auch von mir und bedankte sich nochmals für die Unterstützung von Klaus. Seine letzten Worte mir gegenüber waren: »Unsere Wege werden sich noch kreuzen.« Zum damaligen Zeitpunkt wusste ich gar nicht, was er damit meinte.

Ich zog nach Münster, um dort Psychologie und Physik zu studieren. Das Ganze war natürlich Neuland für mich. Mittlerweile 19 Jahre alt, weg von zu Hause, die erste eigene Studentenbude und null Ahnung von Haushalt. Die ersten drei Monate waren spannend und stressig. Ich musste lernen einkaufen zu gehen, zu kochen, putzen, Wäsche zu waschen und zu bügeln. Glücklicherweise hatte ich ja genügend Geld. Die Wäsche ließ ich von einer Putzfrau aus der Uni waschen und bügeln. Einkaufen war da schon etwas schwieriger, denn ich wollte meine Figur ja behalten. Also besorgte ich mir ein Kochbuch und kaufte dementsprechend ein. Aber wie gesagt, es dauerte seine Zeit. Fit hielt ich mich erst mal mit Jogging rund um den Aasee, bis ich eine Kung-Fu-Schule fand. Jetzt fehlte nur noch mein Training als Streetfighter, was in Münster nicht zu finden war. Folglich musste ich improvisieren. Ich fand einen Parcours außerhalb von Münster, bei dem eine Strecke durch einen Wald und einen Steinbruch ging und den ich zum Streetfighting nutzte. Ich hatte zwar keine Gegner, musste aber über Hindernisse und konnte auf dem Boden liegende Äste und Steine für meine Übungen nutzen.

Als ich meine Eltern am Wochenende besuchte und ihnen von meinen Schwierigkeiten erzählte, grinsten mich beide an. Mein Vater sagte nur: »Unser Jüngster wird erwachsen und lernt das Leben kennen.«

Im Studium lief es eigentlich wie in der Schule. Das Lernen fiel mir leicht und somit galt ich als Streber und Einzelgänger. In irgendwelche Studentenverbindungen ging ich auch nicht. So plätscherte die Zeit dahin, bis ich eine kleine Gruppe von weiteren Strebern kennenlernte. Diese saßen am Rande der Uni in einer Ecke und hatten fast nichts anderes zu tun, als in ihren Büchern zu lesen. Ab und zu kam es mal zu einer Diskussion. Ich setzte mich mit meinen Büchern einfach dazu und bekam so die ersten flüchtigen Kontakte. Diskutiert wurde über aktuelle Themen, Politik, Wirtschaft und Ziele. Persönliche Themen waren tabu.

Eine Studentin in der Gruppe studierte ebenfalls Psychologie. Ihr Ziel war es, später in der Wirtschaft bei einem großen Unternehmen zu arbeiten. Mit ihr diskutierte ich viel über die Menschen, Schicksalsschläge, Veränderungen und so weiter. Diese Diskussionen brachten uns beide in unserem Studium weiter. Da wir nicht denselben Professor hatten, lernten wir auch voneinander. Es entwickelte sich eine Art Freundschaft. Bei einem Kaffee fragte sie mich dann, ob ich ein Problem mit einer Freundschaft Plus hätte. Ich wusste nicht, was sie meinte. Sie grinste mich an und sagte: »Freundschaft Plus ist ganz einfach. Wir gehen ab und zu miteinander ins Bett ohne feste Beziehung und Verpflichtung. Einfach nur mal Sex haben.« Nach dem Kaffee gingen wir zu mir und hatten Sex. Anschließend ging sie duschen und verschwand. Als ich sie am nächsten Tag traf, diskutierten wir über eine Aufgabe, die ihr Professor ihr gegeben hatte, als wäre nichts gewesen. Wieder etwas gelernt. Freundschaft Plus lief bei uns etwa sechs Semester. Danach wechselte sie die Uni und ich sah sie nicht wieder.

Ich war danach nicht ausgelastet und kam durch Zufall in eine Situation, in der ich eigentlich nichts zu suchen hatte. Ein Studienkollege nahm mich mit nach Dortmund, wo wir in ein verlassenes Fabrikgebäude fuhren. Nach und nach trafen etwa 25 Nobelkarossen ein, die sich im Kreis aufstellten. Ich fragte meinen Studienkollegen, was das sollte. Er antwortete: »Warte es ab.« Aus den Nobelkarossen stiegen Leute, denen man ansehen konnte, dass sie reich waren. Dann kamen acht durchtrainierte Männer dazu. Jeder wurde vorgestellt und man konnte Wetten abschließen.

Ich begriff es nun. Hier fanden illegale Kämpfe ohne Regeln statt. Es wurde gelost, wer gegen wen kämpfen musste. Der Sieger sollte ein Preisgeld von 10.000 Euro bekommen. Ein Kampf endete erst dann, wenn der Gegner am Boden lag und nicht mehr in der Lage war, zu kämpfen. Ich will hier nicht die einzelnen Kämpfe beschreiben, nur so viel, es wurden Unsummen gewettet. Der Verlierer war fertig und bekam nichts. Das Ganze endete nach etwa zwei Stunden und der Sieger stand fest. Das Problem war, dass die Leute noch nicht genug hatten und es wurde noch ein Freiwilliger gesucht, der den Mut hatte gegen den Sieger anzutreten. Das Preisgeld wurde auf 20.000 Euro erhöht.

Ehe ich mich versah, meldete mein Studienkollege mich an. Ich konnte und durfte nicht kneifen, obwohl ich eine Stinkwut auf meinen Kommilitonen hatte. Ich stand nun im Ring mit einem 1,95 Meter großen Hünen. Wie ich zuvor beobachtet hatte, hatte der zwar eine Menge Kraft, war aber langsam und konditionell nicht so gut drauf wie ich. Taktisch musste ihn ermüden und dann niederschlagen. Die Wetten standen 10:1 gegen mich. Nur mein Studienkollege setzte auf mich.

Der Kampf begann. Ich passte auf, dass er mich nicht voll treffen konnte und konzentrierte mich bei meinen Schlägen und Tritten auf seinen Oberkörper sowie seine Beine. In der sechsten Runde hatte ich ihn, denn er war konditionell am Ende. Ich zermürbte ihn weiter, bis er nicht mehr konnte, er gab auf und ich bekam die 20.000 Euro Preisgeld. Natürlich hatte ich einige Blessuren, da er mich auch öfters getroffen hatte. Mein Studienkollege hatte durch die Wette 40.000 Euro gewonnen.

Als wir gehen wollten, hielt neben uns eine dieser Nobelkarren und ein Insasse fragte uns, ob wir Zeit für ein Gespräch hätten. Nichtsahnend stiegen wir ein und wir fuhren in eine abgelegene Gegend im Dortmunder Norden, wo schon ein SUV auf uns wartete. Der Insasse fragte mich, ob ich nicht sein Kämpfer werden wolle, denn er habe heute nicht nur seinen Kämpfer verloren, sondern auch noch 100.000 Euro. Ich schlug sein Angebot aus. »Okay« , kam als Antwort, »dann steigt bitte aus.« Wir verließen das Auto und bekamen es sofort mit den Männern aus dem SUV zu tun. Sie schlugen uns kurz und klein, nahmen uns das Preisgeld und den Wettgewinn ab und ließen uns dann liegen. Das Geld in Höhe von 60.000 Euro bekam der Insasse aus der Nobelkarre, deren Nummernschild ich mir glücklicherweise merken konnte.

Nachdem wir etwa zehn Stunden dort gelegen hatten, krochen wir zu einer Straße. Ob jemand den Krankenwagen gerufen hatte oder es purer Zufall war, kann ich bis heute nicht sagen. Ich lag im Streckverband in einem Dortmunder Krankenhaus mit mein Studienkollegen, als die Kriminalpolizei auftauchte und uns befragte. Wir erstatteten Anzeige gegen Unbekannt, sagten aber, dass wir von hinten überfallen worden waren und wir uns an nichts mehr erinnern konnten. Nach zehn Tagen wurde ich entlassen und ging zurück in meine Studentenbude. Ich ging wieder die Uni, denn ich wollte keine Studienzeit mehr verlieren.

Vier Wochen später fuhr ich mal wieder meine Eltern besuchen, aber nicht ohne vorher Georg anzurufen und ihn um Hilfe bezüglich des Autokennzeichen zu bitten. Meine Eltern hatten den Überfall natürlich mitbekommen. Meine Mutter als Rechtsanwältin versuchte der Dortmunder Polizei die Hölle heiß zu machen, aber ohne Erfolg, denn ich schwieg weiterhin. Ich wurde mit Fragen bombardiert und hatte Schwierigkeiten, die Fragen mit Lügen zu beantworten. Mein Vater bestand auf einer weiteren Untersuchung in seiner Klinik. Auch dagegen konnte ich mich nicht wehren.

Samstagabend fuhr ich zu Georg. Er hatte den Besitzer der Nobelkarre und seine Adresse herausgefunden. Er kannte mich gut und wusste, was jetzt passierte. Ich musste ihm die Wahrheit sagen, denn sonst hätte ich die Informationen nicht bekommen. Der Besitzer der Nobelkarre (Mercedes S 600) hieß Dr. Günter Klein, wohnt in Essen und ist Großinvestor in der Industrie. Ein in Nordrhein-Westfalen sehr bekannter und gefährlicher Mann. Er wohnt am Baldeneysee, ist mit einer hübschen jungen Frau verheiratet und hat zwei Kinder. Über seine dunklen Machenschaften wusste seine Familie natürlich nichts. In Bochum besaß er ein abgelegenes Haus, in dem seine Geliebte wohnt, die er zu den Kämpfen mitnahm. Georg mahnte mich zu äußerster Vorsicht, denn, wie schon erwähnt, Dr. Klein war gefährlich.

Die nächsten drei Monate arbeitete ich bzw. bereitete meinen Abschluss vor und war auf der Suche nach einer Stelle oder einem Thema für meine Doktorarbeit, denn mein Ziel war es, nach zehn bis zwölf Semestern fertig zu sein. Übrigens, mein Studienkollege, mit dem ich in Dortmund gewesen war, wechselte die Uni und verschwand aus Münster und dem Ruhrgebiet.