Das Antlitz des Schmetterlings - P.M.J. Hinrichs - E-Book

Das Antlitz des Schmetterlings E-Book

P.M.J. Hinrichs

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Beschreibung

Dies ist ein Buch der Überraschung. Deshalb wirst du hier keine ausführliche Beschreibung finden. Denn um zu wissen, worum es geht, wirst du dieses Buch aufschlagen und lesen müssen. Es ist Sammy's Geschichte. Die Geschichte einer Frau, die viel stärker ist, als sie glaubt. Und jetzt, solange du zwischen diesen Zeilen verweilst, gehört sie für den Hauch eines Momentes dir.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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P.M.J. Hinrichs

Das Antlitz des Schmetterlings

© 2018 P.M.J. Hinrichs

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7469-9525-0

Hardcover:

978-3-7469-9526-7

e-Book:

978-3-7469-9527-4

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Lass die Worte meine Begleiter sein und lass die Buchstaben mit mir einen Fox Trott tanzen, bis die Sätze vor mir stehen wie eine Reihe kampfgefeiter Soldaten und dann lass uns Geschichten schreiben.

„Lass mal werden, wer wir sein wollen.“ - Julia Engelmann

Für uns.

Flaschenpost, 30.09.2017, Elbstrand

Ich fühle mich wie ein kleines Papierschiffchen auf azurblauer See.

Und ich habe Angst, dass das was man das Leben nennt, mich einfach verschluckt. Dass das Schiffchen aus Zeitungspapier sich mit dem Wasser vermengt und in die Tiefe versinkt, wo es sich langsam auflöst. Ich habe Angst, dass ich keine Insel finde, dass ich mich verliere im unendlichen Blau. Und ich weiß, dass Angst ein schlechter Berater ist, aber mal leiser, mal lauter bleibt sie ein ständiger Begleiter. Jetzt bin ich mitten auf dem Meer der unendlichen Wellen, des wechselnden Azurblau.

Als ich anfing davonzutreiben, stand vielleicht ein kleines Mädchen am Strand. Mit roten Wangen und wilden, blauen Augen, die Füße vergraben im kühlen Sand und schaute dem Schiffchen hinterher. Vielleicht denkt sie sich: Das ist Freiheit. Was gäbe ich darum, eines Tages so frei zu sein. Denn vom Strand aus betrachtet sieht das Meer nach unendlicher Freiheit aus. Und mitten auf dem Meer ist es dann doch Verzweiflung, weil es kein Ende und keinen Anfang gibt.

Vielleicht deshalb ist das Leben endlich, weil Unendlichkeit verloren macht.

Ich sah sie das erste Mal vor der Eisbande in der Sternschanze. Sie musste mir einfach auffallen in ihren bunten, vielleicht für manche unter uns unpassend erscheinenden Klamotten.

Mit ausgestreckten Beinen saß sie auf der Holzplanke, deren Sinn ich noch nie verstanden hatte. Die aber seit jeher als kurzer, da nicht allzu gemütlicher, Sitzplatz gebraucht wurde. Ich amüsierte mich, denn sie hatte die Augen geschlossen, als sie sich mit ihrer spitzen Zunge um die Lippen fuhr und dann die Kugel Eis zum Mund führte. Vanille? Auf jeden Fall etwas zartes, samtig-sanftes in Cremeweiß. Zu dunkel für Zitrone, zu hell für Haselnuss. Sie sah aus, als ob es das erste Eis ihres Lebens wäre. Warum sonst hielt sie die Augen so lange geschlossen, um alle Konzentration ihrem Geschmackssinn zu widmen?

Erfasst von plötzlicher Neugierde verlangsamte ich meine Schritte und ich vergaß, wie eilig ich es hatte und wie bald die S-Bahn abfuhr. Wie in Zeitlupe, so als ob die Uhr ihren Rhythmus kurz unterbricht, oder doch zumindest verlangsamt, um mir einen Moment zu schenken, nahm ich ihre Erscheinung in mir auf. Erdbeerblondes Haar, das sich um ihre Wangenknochen wandte, zurückgehalten von einer Spange oder einem Zopfband. Das konnte ich mir aus der Frontalperspektive nicht erschließen. Sommersprossen. Solche, die bleiben, egal welche Jahreszeit es ist. So stellte ich mir die hartnäckigen Pünktchen jedenfalls vor, denn sie passten zu ihr, als ob sie sonst nicht existieren könnte, als ob ihr Gesicht sonst nicht ihr gehörte. Dann die vollen, fast schon roten Lippen, die sich sinnlich begegneten, als sie das Eis mit ihnen umschloss. Um ihren Hals trug sie eine rote Schleife und ich muss sagen, dass diese Samtschleife mich irritierte. Sie warf die Frage in mir auf, ob sie sich wie ein menschliches Weihnachtspaket verpackt hatte, bereit verschenkt zu werden. Die Enden des Bandes verschwanden in ihrem Ausschnitt, seltsam schwer und steif. Ich wusste gar nicht wohin ich zuerst schauen sollte, auf die kanariengelben Lackschuhe oder auf den kaminroten Pullover. Getrennt von einer weiten, dezent gemusterten Hose, die ich zuerst fast für einen Rock hielt, derart weit schlugen die Hosenbeine aus. Weich und weit der Stoff, frisch und beißend die Farben, die sie trug.

Sie sieht fast ein bisschen aus wie ich, dachte ich, wenn sie denn nicht so anders wäre. Aber die Statur und das Gesicht waren mir in etwa bekannt. Ich sah etwas Ähnliches, wenn ich mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe erblickte.

So kam es, dass ich, obwohl ich es doch so eilig hatte, an einem Samstagnachmittag mitten in der Schanze stehen blieb und mich entschloss, ein Eis zu essen.

„Welche Sorte soll es denn sein?“, fragt mich der schwarzafrikanische Eisverkäufer hinter dem Tresen. Ich schaue ihn an, ratlos. „Mousse au Chocolate“, sage ich und komme mir bei dieser Einfallslosigkeit irgendwie rassistisch vor. Ich lege meine Münzen in seine Hand und er streckt mir die Waffel mit links entgegen. Als ich hinausgehe, sitzt sie dort immer noch, die Augen geschlossen und ich frage mich, wie lange ein Mensch die Augen geschlossen halten kann, ohne sie plötzlich aus purer Neugierde wieder aufzureißen, gespannt auf das, was das Auge zu erzählen verspricht.

Ich setze mich mit einigen Zentimetern Abstand neben sie und sie muss es wohl gemerkt haben, denn sie stockt, nur für eine Sekunde, aber ich sehe diese kurze Schwelle, die ihre Hand überwinden muss, bevor sie damit fortfährt, ihr Eis zu essen. Es klimpert kurz, als ich meine Leinentasche auf den Boden stelle. Der herbe, süßliche Geschmack der Schokolade macht mir ein bisschen Mut.

„Hallo“, sage ich.

Und ärgere mich ein bisschen darüber, wie hoch meine Stimme ist. Sie wendet den Kopf in meine Richtung und nickt kurz. Ihre Haltung versteift sich ein wenig. Ich widme mich, ein leichtes Unwohlsein im Bauch verspürend, dem Rand der Waffel.

„Mousse au chocolate?“, fragt sie plötzlich und ich erschrecke mich fast, weil es mir so vorkommt, als hätte sie stundenlang geschwiegen. „Ja!“, sage ich.

Viel zu laut diesmal. Sie lächelt, sofern sich dieses leichte Anheben der Mundwinkel als ein Lächeln interpretieren lässt.

„Vanille?“ frage ich.

Sie nickt und hält mir ihr Vanilleeis fast schon unter die Nase.

„Dann lass uns tauschen“, sagt sie.

Und diesmal kann es kein zufälliges Verziehen der Mundwinkel sein. Diesmal bin ich mir sicher, dass sie lächelt.

Und so kam es, dass ich, 26 Jahre, jung und vielleicht ein bisschen verzweifelt, an einem Samstagnachmittag in Hamburg um 16:02, einen Menschen fand, der die seltene Gabe besaß, mich zu faszinieren. In Form einer jungen Frau, die nicht merkte, wie bunt sie war, da ihre Augen verlernt hatten, ihr die Farben zu zeigen.

1.10.2017, Elbstrand, diesmal ohne Flaschenpost, 21 Uhr

Die Sterne sind kaum zu sehen, so sehr leuchtet der Hafen und Wolken aus Licht vernebeln den Blick in das Universum über unseren Köpfen. Es ist schon so kalt, dass es ohne eine dicke Jacke oder eine Decke kaum auszuhalten ist, wenn man im Sand sitzt und das Blut anfängt zu stocken.

Wir sitzen am Strand und schauen auf das, was noch vom Elbwasser zu erkennen ist. Falsch, ich schaue. Sie lauscht. Wir treffen uns, lernen uns kennen. Wir nähern uns an.

Ich stoße versehentlich gegen meinen Beutel, als ich mein Bein drehe, weil mein Fuß anfängt zu kribbeln und ein bisschen einschläft. Glas berührt Glas. Es scheppert.

„Ich frage mich, was du in deiner Tasche hast“, sagt sie.

Ich schaue in ihr Gesicht, mache die Umrisse aus, beleuchtet von rot-gelben Hafenlichtern in dunkler Nacht.

„Ich frage mich, warum du deine Augen nie öffnest“, erwidere ich.

Sie schweigt. Ein Dampfer schippert über die Elbe und kündigt mit lautem Ton seine Ankunft am Hamburger Frachthafen an. Nicht nur ein, sondern gleich zwei Mal. Laut und durchdringend gibt es seine Ankunft zu verstehen.

Zuerst denke ich, sie wartet mit ihrer Antwort, bis sich die nächtliche Ruhe wieder hinab senkt auf unser kleines Lager am Elbstrand. Doch sie schweigt und im Schweigen liegt eine Botschaft. Ein klares Darauf-Bestehen, dass derjenige, der die erste Frage stellt auch als Erstes das Vorrecht auf eine Antwort hat. Also beginne ich und sie erfährt mein erstes Geheimnis.

„Ich glaube, es ist jetzt ein dreiviertel Jahr her. Da bin ich an einem sonnigen Tag, noch recht früh am Morgen an der Elbe entlang spaziert. Für Hamburger Verhältnisse war es ein strahlend schöner Tag, einer der letzten, bevor der Sommer dem Herbst seinen Platz überlässt. Da es noch so herrlich einsam war, genoss ich den Moment und kniete mich ans Wasser, wo ich dem Rauschen und dem Geräusch der kleinen, sich überschlagenden Wellen näher war.

Und plötzlich bemerkte ich etwas. Treibgut. Oder doch nicht? Je näher ich es mir anschaute, desto mehr machte ich eine alte Weinflasche aus.

Ein Pinot Noir, denn das Schild hatte dem Wasser wohl hartnäckig getrotzt. Also kein Treibsondern eher Strandgut. Vielleicht hatte jemand einen Wein getrunken und ihn anschließend irgendwo in der Elbe versenkt, das kommt nun mal vor. Und wahrscheinlich hätte ich bald davon abgelassen, hätte sich nicht just in dem Moment ein kleiner, frecher Sonnenstrahl den Weg bis zum Flaschenbauch gebahnt und mir, ja, so kann man das wohl sagen, Erleuchtung gebracht.

Ich hatte tatsächlich eine Flaschenpost gefunden! Irgendjemand, den ich noch nie gesehen hatte, irgendjemand auf dieser weiten Welt hatte Kontakt zu mir aufgenommen ohne sich dessen bewusst zu sein.

Mittlerweile habe ich ein kleines, geheimes Weinregal im Keller, gefüllt mit poetisch-melancholischer Flaschenpost. Denn was mir zunächst wie ein großer, einmaliger Zufall erschien, wiederholte sich einige Male. Jeden letzten Samstag im Monat liegt genau an derselben Stelle, vielleicht mit einigen Metern Abweichung, eine neue Flaschenpost. Mal eine Botschaft in Cabernet Sauvignon, mal in Merlot. Nur ein einziges Mal bin ich leer ausgegangen und die Flasche ist davon getrieben oder mir weggestohlen worden. Ansonsten muss der Winkel oder die Strecke entlang des Flusses so exakt berechnet worden sein, dass sie immer wieder hier landet. Oder es ist eben Schicksal, wenn man denn an solchen Ungewissheiten glauben mag.

Nunja, das ist jedenfalls die Geschichte davon, wie ich zur Sammlerin einsamer Flaschenpost wurde. Und seit gestern trage ich eben jene mit mir herum, weil ich sie noch nicht öffnen mochte, der passende Moment war noch nicht da. Ich habe diese Flaschenposten offen gestanden noch mit niemandem bisher geteilt, ich hoffe du eignest dich als gute Geheimnishüterin.“

Sie hat die besondere Art, Geschichten nicht zu kommentieren. Nicht, wenn die Antwort noch nicht wohlüberlegt ist oder wenn ein Nicken reicht, um zu zeigen, dass sie alles gehört hat. In einer Welt, in der Menschen ununterbrochen sprechen und Schweigen ein Anlass für Scham bietet, erscheint sie mir damit wie ein Exot. Stattdessen besteht ihr Kommentar in der Beantwortung meiner Frage, die ich zuvor an sie gestellt hatte.

„Als kleines Mädchen habe ich den kleinen Prinzen geliebt auf seinem fernen Planeten mit der roten Rose. Ich habe mir alle schönen Worte und Zitate von Antoine de Saint-Exupéry aufgeschrieben. Er sagte einmal: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen verborgen.

Es ist mein Lieblingszitat. Bis heute.

Wenn man die Dinge nicht sieht, dann fängt man an, sie zu spüren. Bis ich 18 Jahre war, war ich Sammy, die Flüchtende. Sammy, die alles um sich herum verabscheute. Die graubraunen Fassaden, erleuchtet von zu grellen Lichtern machten mich krank. Ich wollte innerlich schreien und als ich dann das Sehen verlor, fing alles an sich neu zu zentrieren.

Ich muss meine Augen nicht öffnen, denn sie zeigen mir nichts, verstehst du?

Ich fing an in einem Dunkellabor für Fotoentwicklung zu arbeiten und es war eine unfassbar befriedigende Tätigkeit. Es ist als ob man tanzen würde im immer gleichen Rhythmus und dabei Wellen erzeugt, die den Raum erfüllen und auf andere Wellen treffen, die andere Menschen aussenden. Jeder taucht den Film ein, zieht ihn durch die Flüssigkeit, hängt ihn auf.

Aber meine Sinne führten mich woanders hin. Ich begegnete in einer Boutique, in der ich mich durch die Kleider tastete, einer Modedesignerin und kam auf die Idee mich als Modell zu versuchen. Ich trage ihre Entwürfe, schlüpfe hinein und kann völlig unabhängig vom verfälschten Bild eines Spiegels sagen, welches Gefühl der Stoff und die Form mir übermitteln. Ich kann mich frei fühlen in weiten Leinenhosen und umarmt in engen Stretch-Pullovern. Ich kann mich sexy, gemütlich oder stark fühlen und darum geht es. Nicht um den Look, sondern um das Gefühl.

Das Gefühl fällt stets die letzte Entscheidung. Augen übermitteln nur Fakten, die jeder selbst interpretiert und in unterschiedliches Licht wirft. Nicht zu sehen bedeutet für mich, Dinge klarer wahrzunehmen. Ich taste und höre und schmecke anders und präziser, weil mein fehlender Sinn mich bereichert. Ich muss nicht mehr fliehen bis zum Kap von Südafrika, um der Tristesse zu entkommen. Ich habe mich jetzt eingefunden.“

Eingefunden. Das Wort hinterlässt einen schalen Geschmack im Moment. Dennoch bin ich fasziniert von ihrer Geschichte wie ein Weltumsegler, der plötzlich nie dagewesenes Land entdeckt.

Manchmal muss man eine Frage nicht stellen, um zu wissen, dass jemand sie nicht hören möchte. Und ich hatte tausende Fragen im Kopf. Wie bist du blind geworden? Wie lebst du, wenn du nicht weißt, wohin du deine Fernbedienung verlegt hast? Wie findest du dich zurecht zwischen den Menschenmassen und hupenden Autos? Wie weißt du, ob jemand lügt, wenn du ihm nicht in die Augen schauen kannst?

Doch ich hatte das Gefühl, dass sie nicht darüber weitererzählen wollte. Das sie eine runde Geschichte um ihre eigene Person gebaut hatte und dass das genug Einblick in ihr Leben geben sollte. Zumindest für den Moment.

Also fragte ich nur eins: „Was vermisst du am meisten?“

4.10.2017, Wohnung in Ottensen, Dachgeschoss, nach Mitternacht

Sammy lacht und es ist wunderbar, sie so lachen zu hören. Ganz leise und perlend. Dabei fährt sie sich mit einer Hand über das Gesicht. Vom Haaransatz links oben kreisförmig bis rechts unten zum Kinn. Sie liegt auf der Couch und sieht aus wie eine Figur im Märchen. Ein langes rotes Samtkleid, mit Schleifen am Rücken, die man erst sieht, wenn sie aufsteht. Die Ärmel sind gepufft und sehen ein wenig aus wie in den 80er Jahren. Nur ihre Wollsocken mit Avocado-Muster passen nicht ganz ins Märchen-Image. Aus ästhetischen Gründen bleibt mir nichts anderes, als ihr Outfit für stilmäßig fragwürdig zu halten. Gleichzeitig finde ich es wahnsinnig interessant. Es ist ein typischer Sammy-Look. Er stiftet Verwirrung.

Seit 20 Uhr helfe ich ihr ein bisschen, das nachzuholen, was sie am meisten vermisst. Lesen. Einfach mal lesen. Für sie gibt es kaum etwas Schlimmeres als die getrimmte Stimme der Sprecher bei Hörbüchern. Selbst lesen ist unmöglich. Aber vorlesen kann ich ihr. Authentisch vorlesen. Mit Räuspern und Verhaspeln. Jetzt kommt es mir zugute, dass ich manchmal zu schnell lese und dabei das Atmen vergesse und dann erstmal innehalten muss, um die versäumte Atempause nachzuholen. Dann diskutieren wir ein bisschen. Ob ich leiser werden muss, um Edward einen ängstlichen Unterton zu geben. Nicht der Vampir. Die Rede ist von Jane Austens stillem Helden. Wir lesen Verstand und Gefühl. Sammy hat noch nie von Jane Austen gehört und ich kann es nicht ertragen, wenn jemand starke Frauen nicht kennt.

Jane hat um 1800 Romane geschrieben, obwohl es sich für eine Frau nicht schickte. Sie blieb ihr Leben lang allein und nach ihrem Tod sagte ihr Bruder, sie hätte nicht viel erreicht. Dabei war sie unglaublich gesellschaftskritisch und hat seit jeher dafür gesorgt, dass ihre Figuren zueinander finden, obwohl sie augenscheinlich alles andere als perfekt sind.

Vielleicht musste ich dabei an Sammy denken, weil sie auch fern von Perfektion ist und trotzdem so unglaublich stark. Sie sieht ihre Blindheit als Stärke an, wo andere sie als größte Schwäche kaum ertragen könnten.

Sammy macht mir mal wieder bewusst, wie subjektiv jeder Mensch nimmt die Welt wahrnimmt. Wie wir etwas sehen beruht auf Erfahrungen, auf der momentanen Stimmung und den Menschen, die uns umgeben. Als ich Sammy zum Taxistand hinunterbringe, beschreibt sie mir, was um uns herum geschieht. Dadurch, dass ihre übrigen Sinne viel mehr geschärft sind als meine, begreift sie die Dinge völlig anders.

„Hörst du den Helikopter, der Richtung Westen fliegt?“

Doch egal wie sehr ich meine Ohren anstrenge, da ist nichts außer das Geräusch von Autos, die spät nach Mitternacht die Straße hinunterrattern.

„Ich glaube, du meinst das Geräusch der anfahrenden Autos vor der Kreuzung, Sammy. Da ist kein Helikopter, wirklich.“

Und als ich meinen Kopf hebe, sehe ich den Rettungsheli Richtung Kinderkrankenhaus davonfliegen. Ich bin so stark mit meinem Sehsinn verbunden, vertraue ihm so sehr, dass ich etwas oberhalb meiner Sichtlinie nicht wahrgenommen habe. Meine Sinne fanden es schlichtweg nicht bemerkenswert. Stattdessen beschreibe ich ihr die Farben der Autos. Wie ein roter Fiat sich zwischen den unzähligen grauen, blauen und schwarzen Mercedes und VWs hindurchschlängelt.

Sie fragt nach der Farbe des Kirchturms, als die Glocken leise eins läuten und nach dem Haarschnitt eines wütenden Fahrradfahrers, der einen Autofahrer anblökt, welcher ihm fast die Vorfahrt genommen hätte.

Das Summen der Fahrzeuge ist für mich ein einheitlicher Schwarm an nicht auszumachenden Auspuffen und Autos. Sie hingegen nimmt einzelne Autos dazwischen wahr, kann am Geräusch der Beschleunigung die Automarke ausmachen, wenn ich erst auf das Markenzeichen schauen muss. Fast spielend erkennt sie den Unterschied zwischen einem Skoda Octavia und einem Audi.

Als ich sie frage, woher sie sich so mit Autos auskennt, überhört sie mich und meint, zu merken, wie ein Taxifahrer in die Parkbucht fährt. Tatsächlich parkt ein etwas in die Jahre gekommenes Taxi vor uns und eine syrische Frau erkennt Sammy, die eine leidenschaftliche Taxifahrerin ist, wieder.

Mit überraschend strahlendem Lächeln und fast unscheinbarem Akzent öffnet sie Sammy die Tür und hilft ihr beim Einstieg. Ich ertappe mich dabei, zu überlegen, ob Sammy ihren Akzent bemerkt. Oder ob ich ihn, so minimal wie er auch ist, nur bemerke, weil ich ihr eben ansehe, dass sie nicht von hier ist, dass sie aussieht wie ein Kind des Orients.

Als das Taxi nicht mehr zu sehen ist und zwischen den Stadtlichtern in der Nacht verschwindet, die alles fast taghell erleuchten, denke ich über unsere Gespräche nach. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Sammy mich sehr gut verstanden hat, als ich fragte, woher sie sich so gut mit Autos auskennt. Dass sie absichtlich nicht gehört, nicht geantwortet, hat. Und ich weiß, dass es ein weiteres kleines Geheimnis ist, dass sie in sich birgt. Ein weiteres kleines Geheimnis, in dem Mysterium, dass sich um sie gebildet hat wie schwarze Materie, die um sie wirbelt. Man sieht es nicht und doch ist es da. Das Unlösbare, das Faszinierende. Und ich komme nicht drum herum, mich zu fragen, wer sie wirklich ist.

6.10.2017 Flughafen Hamburg, eine Stunde vor Abfahrt

Mir ist es immer unangenehm, in der Öffentlichkeit zu telefonieren. Besonders, wenn es um private Themen geht. Ich bin bereits durch den Check-In durch. Um mich herum müde Menschen. Nachteulen und Langschläfer, die sich durch irgendeinen Termin oder günstigen Urlaubsflug gezwungen sehen, bereits um sieben Uhr morgens am Flughafen zu sein. Mein Telefon klingelt. Meine Nichte hat peinlicherweise irgendeinen Bibi und Tina Klingelton eingestellt und meine technische Affinität ist nicht ausreichend, um diese Tücke aus dem Weg zu räumen. Peinlich berührt ziehe ich mein Smartphone aus den engen Vordertasche des straffen, schwarzen Bleistiftrockes.

„Henry, ich bin gerade auf dem Weg zu einer Konferenz.

Ja genau, am Flughafen.

Nein, Hamburg, nicht Berlin. Ich muss nach München.

Es tut mir leid, dass ich nicht zurückgerufen habe. Ich hatte vorgestern noch Besuch.

Eine junge Frau- Nein. Nein, ich verrenne mich da nicht und es nicht mein Helferinstinkt.

Ich erzähle dir von ihr, wenn du zurück bist. Pass auf, ich rufe dich morgen nochmal an, wenn die Konferenz vorbei ist.

Ja, genau.