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»Willkommen im Haus von Machado. Treten Sie ein in den verbotenen Raum. Genießen Sie den Augenblick, wenn der Boden unter Ihren Füßen wegbricht.« Parul Sehgal, The New York Times Das Archiv der Träume ist Carmen Maria Machados ganz persönliche Geschichte und literarische Auseinandersetzung mit toxischen Beziehungen. Aber auch eine Geschichte des Heranwachsens und des sexuellen Erwachens im ländlichen Amerika. Endlich scheint in den USA etwas in Bewegung zu geraten: Die gleichgeschlechtliche Ehe rückt in greifbare Nähe und Carmen Maria Machado stürzt sich in ihre erste große Beziehung zu einer Frau, die sich sehr bald als toxisch herausstellt. Kann man darüber schreiben, was wirklich passiert ist, und wenn ja, wie? Machado hat ihre Form gefunden. Mit jedem Kapitel durchschreitet sie ein anderes literarisches Topos: Gespensterhaus, Erotika, Bildungsroman. So entsteht ein Kaleidoskop, das sich genauso mit ihrer religiös geprägten Jugend wie den Stereotypen queerer Beziehungen oder popkulturellen Bezügen auseinandersetzt. Machado gelingt es, sich auf einzigartige Weise, voll Witz, Spielfreude und Lust am Ausprobieren, der harschen Realität von Gewalt in einer queeren Beziehung zu stellen. Am Ende steht ein fesselndes Buch, das die Grenzen autofiktionalen Erzählens sprengt und einmal mehr beweist, dass Machado eine der talentiertesten jungen literarischen Stimmen der USA ist.
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Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2021
Carmen Maria Machado
Das Archiv der Träume
Roman
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll
Tropen
Die Zitate auf S. 19 und 93 stammen aus:
Sappho, »Strophen und Verse«, übs. u. hsg. v. Joachim Schickel. © der Übersetzung Insel Verlag Leipzig 1978. Patricia Highsmith, »Carol oder Salz und sein Preis«, übs. v. Melanie Walz. © 2005, 2021 Diogenes Verlag AG Zürich.
Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.
Tropen
www.tropen.de
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »In the Dream House« im Verlag Graywolf Press, Minneapolis
© 2019 by Carmen Maria Machado
Für die deutsche Ausgabe
© 2021 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Cover: Zero-Media.net, München
unter Verwendung einer Abbildung von © Mark Fearon/Arcangel
Gesetzt von C.H.Beck.Media.Solutions, Nördlingen
Gedruckt und gebunden von GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-608-50450-7
E-Book ISBN 978-3-608-11705-9
Wenn du dieses Buch brauchst,dann ist es für dich
Assoziationen schichtet man wie Ziegelsteine übereinander. Erinnerung an sich ist eine Form der Architektur.
Louise Bourgeois
Wenn du deine Schmerzen verschweigst, wird man dich umbringen und noch sagen, du hättest es genossen.
Zora Neale Hurston
Und wie müde dein Kopf ist. Dein Kopf ist so müde, dass er gar nicht mehr funktioniert. Du denkst nicht. Du träumst. Träumst den lieben langen Tag. Träumst nur noch. Träumst bösartig und ohne Ende. Ist dir das denn immer noch nicht klar?
Patrick Hamilton, Gaslight
Ich lese Vorworte nie. Ich finde sie langweilig. Wenn es so wichtig ist, was die Schreibenden zu sagen haben, warum verbannen sie es dann in den Paratext? Was haben sie zu verbergen?
In ihrem Essay »Venus in Two Acts«, in dem es um fehlende Zeitzeugenberichte zur Sklaverei aus afrikanischer Sicht geht, spricht Saidiya Hartman von der »Gewalt des Archivs«. Dieses Konzept, das auch »das Schweigen der Archive« genannt wird, veranschaulicht eine schmerzhafte Wahrheit: Manchmal werden Geschichten vernichtet, und manchmal werden sie gar nicht erst geäußert. So oder so tut sich eine sehr große Lücke in unserer kollektiven Geschichtsschreibung auf.
Der Begriff Archiv, erklärt uns Jacques Derrida, kommt vom altgriechischen ἀρχεῖον: arkheion, »das Haus des Herrschenden«. Als mir diese Erklärung zum ersten Mal begegnete, war ich ganz begeistert, dass der Begriff Haus darin vorkommt (als große Freundin von Spukhausgeschichten habe ich eine Schwäche für Architekturmetaphern), aber den eigentlichen Aufschluss gibt das Element der Macht, der Autorität. Die Entscheidung darüber, was ins Archiv aufgenommen und was ausgelassen wird, ist ein politischer Akt, den die Archivarin und der politische Kontext bestimmen, in dem sie lebt. Egal, ob es sich dabei um einen Elternteil handelt, der bestimmt, welche Dinge aus Kindheit und früher Jugend des Aufhebens wert sind, oder – wie im Falle der überall in Europa verlegten Stolpersteine – um einen ganzen Kontinent, der sich öffentlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt. Hier hat Sebastian die ersten Schritte mit seinen kleinen dicken Patschefüßchen gemacht; hier ist das Haus, in dem Judith gewohnt hat, als wir sie in den Tod geschickt haben.
Manchmal werden die Zeugnisse gar nicht erst ins Archiv aufgenommen – sie werden nicht als wichtig genug angesehen, um sie zu erfassen, oder falls doch, nicht wichtig genug, um sie aufzubewahren. Manchmal gibt es einen vorsätzlichen Akt der Zerstörung: zum Beispiel im Fall der recht unzweideutigen Briefe zwischen Eleanor Roosevelt und Lorena Hickok, die von Hickok ihres offenherzigen Inhalts wegen verbrannt wurden. Jener war ziemlich sicher erotischer Natur und gay bis zum Gehtnichtmehr, vor allem wenn man bedenkt, was alles nicht verbrannt wurde. (»Ich verzehre mich schon danach, dich wiederzusehen.«)1
Der kürzlich verstorbene Queer-Theoretiker José Esteban Muñoz erklärte, Queerness habe »ein besonders gestörtes Verhältnis zu Zeugnissen. […] Wenn man als Historiker*in queeren Erlebens versucht, eine queere Vergangenheit zu dokumentieren, gibt es oft einen Pförtner, nämlich eine heterosexuelle Gegenwart.« Was bleibt also? Lücken, in denen Menschen sich nicht wiedererkennen, keine Informationen über sich finden. Löcher, die es unmöglich machen, sich in einen Kontext einzuordnen. Spalten, in denen Menschen verschwinden. Undurchdringliches Schweigen.
Das vollständige Archiv ist ein Mythos, nur möglich in der Theorie; irgendwo in Jorge Luis Borges’ Totaler Bibliothek vielleicht, begraben unter der detaillierten Geschichte der Zukunft und seinen Träumen und Halbträumen im Morgengrauen des 14. August 1934. Aber versuchen können wir es. »Wie erzählt man unmögliche Geschichten?«, fragt Hartman und schlägt verschiedene Methoden vor: »fundierte Spekulationen anstellen«, »die Kapazitäten des Konjunktivs ausschöpfen (eines grammatischen Modus, der Zweifel, Wünsche und Möglichkeiten ausdrückt)«, Geschichte schreiben »mit dem Archiv und dagegen an«, »imaginieren, was nicht belegbar ist.«
Die misshandelte Frau gibt es selbstverständlich schon so lange, wie der Mensch zu psychologischer Manipulation und zwischenmenschlicher Gewalt fähig ist, aber als allgemein bekanntes Konzept existiert es – genau wie die Misshandelte – erst seit etwa fünfzig Jahren. In der queeren Community ist der Diskurs über häusliche Gewalt sogar noch jünger und noch verschatteter. Wenn wir uns die Formen anschauen, die Gewalt in Beziehungen heutzutage annehmen kann, entpuppt sich jedes neue Konzept – das männliche Opfer, der weibliche Täter, queere Misshandelnde und queere Misshandelte – als ein weiteres Gespenst, das schon immer da war und im Haus des Herrschenden herumgespukt ist. Heutige Akademiker*innen, Schriftsteller*innen und Denker*innen haben neues Handwerkszeug, mit dem sie sich durch die Archive wühlen können, genau wie Historiker*innen und Gelehrte die Vergangenheit auf ihr Verständnis von zeitgenössischer queerer Sexualität abgeklopft haben. Überleg mal: Was haben diese Löcher für eine Struktur? Wo verstecken sich die Textlücken? Wie bewegen wir uns in Richtung Vollständigkeit? Wie gehen wir richtig mit den falsch behandelten Menschen der Vergangenheit um, ohne handfeste Beweise für ihr Leiden zu haben? Wie können wir unsere Geschichtsschreibung in eine gerechtere Richtung lenken?
Ein autobiografischer Text ist im Grunde auch ein Akt der Wiedererweckung. Wer über seine Erinnerungen schreibt, stellt Vergangenheit wieder her, rekonstruiert Wortwechsel. Gibt Ereignissen, die lange geruht haben, eine Bedeutung. Verflicht Erinnerung, Essay, Fakt und persönliche Wahrnehmung miteinander, ballt sie zu einer Kugel zusammen und rollt sie aus. Man manipuliert die Zeit, reanimiert die Toten. Setzt sich selbst und andere in den notwendigen Kontext.
Ich trage ins Archiv ein, dass häusliche Gewalt zwischen Partner*innen mit der gleichen Geschlechtsidentität möglich und nicht unüblich ist und dass diese in etwa wie folgt aussehen kann. Ich spreche in die Stille hinein. Ich werfe den Stein meiner Geschichte in eine gewaltige Schlucht, ermittle das Ausmaß der Leere anhand des leisen Aufschlags.
Eros löst meine Glieder und stört mich auf,bittersüßes, entmachtendes Ungetier.
Sappho
Du hast sicher schon mal vom Traumhaus gehört. Wie du also weißt, ist es ein realer Ort. Es steht aufrecht. Neben einem Wald, am Rand einer Wiese. Es hat ein Fundament, aber die Gerüchte über einbetonierte Leichen sind ziemlich sicher erfunden. Früher gab es eine Schaukel, aber jetzt baumelt an dem Ast nur noch ein Seil mit einem einzelnen Knoten im Wind. Vielleicht hast du Geschichten über den Vermieter gehört, aber ich versichere dir, sie sind nicht wahr. Schließlich ist der Vermieter kein einzelner Mensch, sondern eine ganze Universität. Mit den Vermietern könnte man eine Kleinstadt füllen. Stell dir das mal vor!
Die meisten deiner Annahmen sind korrekt: Es hat Böden, Wände, Fenster und ein Dach. Und wenn du annimmst, dass es zwei Schlafzimmer gibt, dann hast du sowohl recht als auch unrecht. Wer sagt, dass es nur zwei gibt? Jedes Zimmer kann Schlafzimmer sein, man braucht nur ein Bett – nicht mal das. Man muss bloß darin schlafen. Den Zweck eines Zimmers bestimmt, wer es bewohnt. Dein Handeln ist mächtiger als die Pläne jedes Architekten.
Ich betone das so, weil es wichtig ist, im Kopf zu behalten, dass das Traumhaus echt ist. Es ist so echt wie das Buch, das du in der Hand hältst, wenn auch weniger angsteinflößend. Wenn ich wollte, könnte ich dir die Adresse geben, dann könntest du selbst hinfahren und dir auszumalen versuchen, was sich in diesem Traumhaus abgespielt hat. Ich würde es nicht empfehlen. Aber du könntest es machen. Niemand würde dich daran hindern.
Bevor ich die Frau aus dem Traumhaus kennenlernte, wohnte ich in einem winzigen Dreizimmerhaus in Iowa City. Die reinste Bruchbude: Sie gehörte einem Slumlord, fiel allmählich auseinander und war mit einem bunten Strauß an Alptraumrequisiten gespickt. Es gab einen von oben bis unten roten Kellerraum – wir nannten ihn die Mordkammer –, der zu allem Überfluss auch noch mit einer Geheimluke und einem toten Festnetztelefon ausgestattet war. An anderer Stelle im Keller streckte eine lovecraftsche Heizungsanlage ihre Tentakel ins übrige Haus hinauf. Bei hoher Luftfeuchtigkeit schwoll die Haustür in ihrem Rahmen an und ließ sich nicht mehr öffnen wie ein blaues Auge. Als Pockennarbe prangte eine Feuerstelle auf dem riesigen Grundstück, das von Giftefeu, Bäumen und einem vor sich hin rottenden Zaun umgeben war.
Ich wohnte dort mit John und Laura und ihrer Katze Tokyo. Die beiden waren ein Paar, langbeinig und blass, in Florida zusammen aufs Hippie-College gegangen und nach Iowa gekommen, um ihren Master zu machen. Sie waren der Inbegriff von Florida Camp und Verschrobenheit, und am Ende der einzige Grund dafür, dass Iowa post-Traumhaus nicht völlig unten durch war bei mir.
Laura sah aus wie ein altmodischer Filmstar: großäugig und ätherisch. Sie hatte einen trockenen, verächtlichen, bitterbösen Humor, sie schrieb Gedichte und studierte Bibliothekswissenschaft. Sie wirkte auch wie eine richtige Bibliothekarin, wie ein weises Vermittlungsportal allgemein zugänglichen Wissens, als könnte sie einen jederzeit überall hinbringen. John hingegen sah aus wie eine Mischung aus Grunge-Rocker und exzentrischem Professor, der Gott gefunden hat. Er legte Kimchi und Sauerkraut in riesigen Schraubgläsern ein, die er wie ein durchgeknallter Botaniker auf der Anrichte in der Küche aufreihte. Einmal verbrachte er eine ganze Stunde damit, mir die Handlung von Gegen den Strich bis ins kleinste Detail nachzuerzählen, inklusive seiner Lieblingsszene, in der der exzentrische, unsympathische Antiheld den Panzer einer Schildkröte mit exotischen Edelsteinen besetzen lässt, woraufhin das arme Tier unter dem Gewicht zugrunde geht. Als ich John kennenlernte, sagte er: »Ich hab ein neues Tattoo, willst du mal sehen?« Ich sagte: »Klar«, und er: »Okay, das sieht jetzt erst mal aus, als würde ich meinen Schwanz rausholen, aber das mach ich nicht, ich schwör«, und als er daraufhin ein Bein seiner kurzen Hose hochzog, kam auf seinem Oberschenkel eine selbstgestochene umgedrehte Kirche zum Vorschein. »Ist das eine umgedrehte Kirche?«, fragte ich, und er lüpfte grinsend die Augenbrauen – nicht anzüglich, sondern ehrlich verschmitzt – und sagte: »Umgedreht für wen?« Als Laura einmal in Bikinioberteil und abgeschnittenen Jeans aus ihrem gemeinsamen Zimmer kam, schaute John sie voll echter, unkomplizierter Liebe an und sagte: »Alter, wie gerne ich dir gerade ein Wasserloch graben würde.«
Wie eine Schelmin habe ich mein Erwachsenenleben damit zugebracht, von Stadt zu Stadt zu ziehen und an jedem Stopp Gleichgesinnte aufzugabeln, eine Gruppe (ein Fähnlein, ein kleines Getümmel) von Beschützer*innen, die auf mich aufpasste. Meine Collegefreundin Amanda, mit der ich zusammenwohnte, bis ich zweiundzwanzig war, und die mich mit ihrem scharfen, logischen Verstand, ihrer unerschütterlichen Art und ihrem trockenen Humor bei meiner Entwicklung von der aufgelösten Jugendlichen zur aufgelösten halbwegs Erwachsenen begleitete. Anne – Rugbyspielerin mit pinken Haaren und die allererste Vegetarierin und Lesbe, der ich begegnete –, die wie eine gütige Homo-Göttin über mein Coming-out wachte. Leslie, die mich mit Brie, Zwei-Dollar-Wein und Schmusestunden mit ihren Haustieren durch meine erste schlimme Trennung coachte. Eins dieser Tiere war eine gedrungene braune Pit-Bull-Dame namens Molly, die mir das Gesicht ableckte, bis ich vor Lachen nicht mehr konnte. Alle, die mein LiveJournal lasen und kommentierten, das ich zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig gewissenhaft führte und dabei mein Herz einem bunten Haufen aus Dichter*innen, queeren Freaks, Programmierer*innen, Rollenspielnerds und Fanfictionschreiber*innen ausschüttete.
John und Laura gehörten auch dazu. Sie waren immer da, miteinander auf die eine und mit mir auf eine andere Art vertraut, als wäre ich ein geliebtes Geschwisterkind. Natürlich war es nicht ihre Lebensaufgabe, über mich zu wachen, sie waren die Hauptfiguren in ihren eigenen Geschichten.
Aber diese Geschichte hier? Die gehört mir.
Mit acht spielte ich im Sportunterricht oft ein Spiel, wenn ich beim Baseball ins Outfield geschickt wurde. Ich entfernte mich so weit von den anderen, dass die Bälle, die sie schlugen, nie bis zu mir flogen, und unserer Sportlehrerin schien gar nicht aufzufallen, dass ich die ganze Zeit breitbeinig im hohen Gras saß.
Miss Lily war klein und gedrungen und hatte kurzgeschorene Haare, und ein Junge aus meiner Klasse nannte sie eine Lesbe. Ich wusste nicht, was das hieß. Ich glaube, er auch nicht. Es war 1994. Miss Lily trug weite Trainingshosen mit abstraktem Augenkrebsmuster in Neongrün und Neonpink. (Als ich in der Sonntagsschule die Geschichte von Josef und seinem bunten Mantel hörte, hatte ich sofort Miss Lilys Outfit vor Augen.) Der Synthetikstoff zischte bei jedem Schritt, man hörte sie immer schon von Weitem. Ich erinnere mich noch genau, wie sie versuchte, uns die isolierte Bewegung der Körperteile zu erklären – sie zog eine Linie durch ihren Körper, die am Kopf begann. Als sie im Schritt ankam, kicherten ein paar Kinder. Von da aus zeigte sie uns unsere linke und rechte Hälfte und erst, wie man sie getrennt voneinander bewegt, dann zusammen. Sie ließ die Arme kreisen wie ein Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt.
Fitness!, rief sie und berührte erst mit der rechten Hand den linken Fuß und dann mit der linken Hand den rechten Fuß. Ihr habt nur einen Körper! Kümmert euch drum! Vielleicht war sie wirklich eine Lesbe.
Wenn ich beim Baseball so im Gras saß, riss ich alles um mich herum aus, sodass meine Hände nach Erde und Zwiebelkraut rochen. Ich knickte Löwenzahnstiele und bestaunte die klebrige weiße Milch. Das Spiel geht so: Man nimmt die Löwenzahnblüte und reibt sie sich unters Kinn – in meinem Fall genau über die schmale weiße Narbe, die ich mir als Kleinkind bei einem Sturz in der Badewanne zugezogen habe –, so fest, dass die Blütenblätter sich auflösen. Wird dein Kinn gelb, bist du verliebt.
Mit acht war ich gertenschlank und ängstlich. Ich war die meiste Zeit zu angespannt, um vor mich hin zu träumen, aber dieses Sitzen im Gras verschaffte mir eine gewisse innere Ruhe. Jede Stunde nahm ich einen Löwenzahnkopf und rieb ihn mir unters Kinn, bis er nur noch ein warmer, feuchter Knubbel war, wie eine ungeöffnete Knospe.
Der Trick, oder vielleicht eher die Pointe, ist natürlich, dass das Gelb immer abfärbt. Der Löwenzahn gibt immer nach. Er kennt keine List, keine Geheimnisse, keinen Selbsterhaltungstrieb. Und so kommt es, dass wir schon als Kinder etwas verstehen, das wir noch gar nicht artikulieren können: Die Diagnose ändert sich nie. Wir werden immer irgendeinen Hunger verspüren, immer etwas wollen. Körper und Geist werden sich immer nach etwas verzehren, selbst wenn wir nicht erkennen, wonach.
Und so wie die Löwenzahnzerstörung etwas über uns aussagt, tut es auch die Zerstörung unserer selbst: Unser Körper ist ein Ökosystem, das sich bis zu unserem Tod häutet, erneuert und repariert. Wenn wir sterben, speist unser Körper die hungrige Erde, unsere Zellen werden Teil anderer Zellen, und in der Welt der Lebenden, in der wir nicht mehr vorkommen, küssen sich die Leute weiterhin, halten Händchen und verlieben sich, vögeln, lachen und weinen, verletzen einander und pflegen gebrochene Herzen, bringen Kriege ins Rollen, heben schlafende Kinder aus Kindersitzen und schreien einander an. Wenn man diese Energie bündeln könnte – diesen dauerhaften, vagabundierenden Hunger –, könnte man damit Wunder vollbringen. Zentimeter für Zentimeter könnte man die Erde durch den Kosmos schieben, bis sie mit dem Herzen voran in die Sonne fiele.
Du warst nicht immer nur ein Du. Ich war ein Ganzes – eine Symbiose meiner besten und schlechtesten Seiten – und wurde dann in gewisser Weise gespalten: Ein sauberer Schlag, und die erste Person – die selbstbewusste, souveräne Frau, die Detektivin, die Abenteurerin – war von der zweiten abgetrennt, die immer ängstlich zitterte wie eine zu klein gezüchtete Hunderasse.
Ich ging weg und lebte: Ging an die Ostküste, schrieb ein Buch, zog mit einer schönen Frau zusammen, heiratete sie, kaufte ein verwinkeltes viktorianisches Haus in Philadelphia. Lernte: Manhattans zu machen und Nudelwasser für Soßen zu verwenden, Sukkulenten am Leben zu halten.
Aber du. Du nahmst einen Job als Korrektorin für standardisierte Tests an. Du fuhrst ein Jahr lang alle zwei Wochen sieben Stunden nach Indiana. Du produziertest in der zweiten Hälfte deines Masterstudiums größtenteils Müll. Du weintest vor vielen Leuten. Du verpasstest Lesungen, Partys, den Supermond. Du versuchtest, Menschen deine Geschichte zu erzählen, die nicht wussten, wie man zuhört. Du machtest dich in vielfacher Hinsicht lächerlich.
Ich dachte, du wärst gestorben, aber jetzt, wo ich das hier schreibe, bin ich mir gar nicht mehr so sicher.
Du lernst sie unter der Woche kennen, beim Abendessen mit einer gemeinsamen Freundin in einem Diner in Iowa City, dessen Wände Fenster sind. Sie ist verschwitzt, kommt gerade aus dem Fitnessstudio, trägt das weißblonde Haar zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Sie hat ein umwerfendes Lächeln, eine raue Stimme, die klingt wie eine über Steine schleifende Schubkarre. Sie ist genau die Mischung aus Butch und Femme, die dich wahnsinnig macht.
Ihr redet gerade übers Fernsehen, als sie ankommt, du regst dich über Männergeschichten auf, Männergeschichten, weit und breit gibt es nur Geschichten von Männern. Sie lacht und gibt dir recht. Sie erzählt, dass sie gerade erst aus New York hergezogen ist, Arbeitslosengeld bekommt und sich für Masterstudiengänge bewirbt. Sie ist auch Schriftstellerin.
Jedes Mal, wenn sie spricht, spürst du, wie dir etwas in die Hose rutscht. Du wirst dich an sehr wenig von diesem Abend erinnern, eigentlich nur daran, dass er nicht zu Ende gehen soll und du deswegen ausgerechnet Tee bestellst. Du trinkst einen großen Schluck heißes Kräuterwasser, verbrennst dir den Gaumen und versuchst, sie nicht anzustarren, stattdessen charmant und nonchalant rüberzukommen, während dir das Verlangen in den Gliedern kribbelt. Die Frauen, in die du dich bisher verknallt hast, schwebten immer außerhalb deiner Reichweite an dir vorbei, aber sie berührt dich am Arm und schaut dir in die Augen, und du fühlst dich wie ein Kind, das zum ersten Mal etwas mit seinem eigenen Geld kauft.
Wir kommen von der Straße, hier ist das Haus. Da ist die Eingangstür, aber die benutzt du nie.
In der Einfahrt stehen Spalier: Alle Jungs, die dich als Mädchen gemocht haben. Colin, der Zahnarztsohn, der dir leise sagte, dass dein Kleid schön sei. Du schautest an dir herunter, um dich selbst davon zu überzeugen, und hüpftest dann fröhlich davon. (Schon damals eine Diva! Diese Geschichte hat dir deine Mutter erzählt, du warst noch so klein, dass du dich nicht selbst daran erinnern kannst.) Seth, der dir in der sechsten Klasse das brandneue Animorphs-Buch kaufte – das mit dem Cover, auf dem Cassie sich in einen Schmetterling verwandelt – und sich von seiner Mutter zu dir nach Hause fahren ließ, um es dir zu übergeben. Adam, der Gute, der im Kino arbeitete und Müllsäcke voll Popcorn vom Vortag mit nach Hause brachte, wo ihr euch Filme ansaht, die deine Eltern dir niemals erlaubt hätten: Memento und Dancer in the Dark und Pulp Fiction und Mulholland Drive und Y Tu Mamá También. Adam brannte dir Unmengen an CDs. Manche davon waren dir zu krass. Eine Band zerstörte zum Beispiel einfach nur Instrumente in die Mikrofone, und du verdrehtest die Augen und sagtest: »Das ist doch total stumpf.« Aber dann fuhr Adams Mom euch im Januar nach Philadelphia auf ein Konzert von Godspeed You! Black Emperor. Die Band verspätete sich, und ihr schlüpftet zusammen in einen Kapuzenpulli, um nicht zu frieren. Die Musik war kompliziert, kaleidoskopisch, unsagbar schön. Du konntest nicht in Worte fassen, wie Komposition und Klang zusammenspielten, wie diese Symphonie über dich hinwegspülte, jeden Teil deines Körpers in Schwingung versetzte. Einmal schrieb Adam eine Geschichte über dich und später einen Song, als du wegzogst, um aufs College zu gehen. Du wusstest nicht, wohin mit Adams Liebe, dieser stetigen, genügsamen Zuneigung. Dann Tracey, der einen Zwillingsbruder hatte, Timmy. Sie waren Mormonen und nett, und du warst in Timmy verknallt, aber Tracey in dich. Irgendwann bestelltest du das Buch Mormon als kostenloses Leseexemplar im Internet und führtest am Ende ein zweistündiges Telefonat mit einem jungen Mann – er klang total gutaussehend –, der aus Salt Lake City anrief, um sich nach deinem Interesse an seiner Religion zu erkundigen. Du konntest schlecht sagen: »Ich hab’s bestellt, weil ich in die eine Hälfte eines Mormonenzwillingspaars verliebt bin und die andere Hälfte in mich.« Stattdessen plaudertest du also zwei Stunden lang über Theologie und warst am Ende traurig, dass du auflegen musstest. Aber zurück zu den Jungs. Du trautest ihren Gefühlen nicht, weil du keinen Grund hattest, dich selbst zu lieben – weder deinen Körper noch deinen Geist. Du lehntest so viel Zuwendung ab. Was wolltest du denn?
Die Terrasse: College. So oft unerwidert verknallt und am Ende der schlechteste Sex. Einmal fuhrst du mitten im Winter durch vier Bundesstaaten, um mit einem Mann in Upstate New York zu schlafen. Es war so kalt, dass deine porenverfeinernde Waschlotion aus der Drogerie in der Tube gefror. Der Sex war natürlich schlecht, aber am deutlichsten erinnerst du dich daran, was du von diesem Abend gewollt hattest. Du wolltest diese Begierde, für die man durch vier Bundesstaaten fährt. Du wolltest, dass jemand von dir besessen war. Wie konntest du das erwirken? Du lagst die ganze Nacht wach und starrtest die Laterne auf dem Parkplatz vor seinem Schlafzimmerfenster an. Warum hatten Männer eigentlich nie Vorhänge? Wie bringt man jemanden, den man will, dazu, einen auch zu wollen? Warum liebte dich keiner?
Die Küche: OkCupid, Craigslist. In Kalifornien leben und versuchen, Frauen kennenzulernen, aber scheitern, weil die Lesben in der Bay Area ziemlich gereizt auf die Sache mit der Bisexualität reagieren. Deswegen also eine Parade von Männern: netten Männern und schrecklichen Männern und älteren Männern. Berufstätigen und Studenten. Ein Astrophysiker, mehrere Programmierer. Ein Typ, der ein Boot in der Marina von Berkeley liegen hatte. Dann der Umzug nach Iowa und ein Haufen schrecklicher Dates, unter anderem mit einem Mann, den du später öfter im Wartezimmer deines Therapeuten trafst. Er spielte Klavier. Medizinstudent vielleicht? Du kannst dich kaum noch erinnern.
Wohnzimmer, Arbeitszimmer, Bad: feste Freunde, oder so was in der Art. Casey, Paul und Al. Casey war der schlimmste. Al war der liebste. Paul war spektakulär perfekt, er vögelte dich und machte dir Essen und versuchte dir zu zeigen, wie man Kalifornien liebt. Alles, was du dir je erhofft hattest. Er war so schön. Du liebtest seinen flaumigen Hintern, seinen überraschend weichen Dreitagebart, die Kraft seiner Hände. Du wolltest dich in ihm verkriechen und ihn sich in dir verkriechen lassen. Er gab dir das Gefühl, etwas Besonderes und sexy und smart zu sein. Er machte Schluss, weil er dich nicht liebte, was ein sehr guter Grund ist, mit jemandem Schluss zu machen, auch wenn du deswegen damals sterben wolltest.
Das Schlafzimmer: Geh da nicht rein.
Eine der Fragen, die dich verfolgen, ist: Hätte es dich schlauer oder dümmer gemacht, wenn du alles vorher gewusst hättest? Wenn sich eines Tages ein milchiges Portal in deinem Schlafzimmer aufgetan hätte, eine ältere Version deiner selbst herausgetreten wäre und dir gesagt hätte, was du jetzt weißt, hättest du auf sie gehört? Du glaubst schon, aber das ist wahrscheinlich gelogen – als deine schlaueren, weiseren Freunde dir gestanden, dass sie sich Sorgen um dich machten, hörtest du ja auch nicht auf sie. Warum in aller Welt solltest du also auf eine Version deiner selbst hören, die sich durch ein Loch in der Zeit gequetscht hat wie ein Baby?
Es gibt eine Zeitreisetheorie, die sich Nowikow-Selbstübereinstimmungsprinzip nennt, und darin stellt Nowikow die These auf, dass man, wenn Zeitreisen möglich wären, immer noch nicht in der Zeit zurückzureisen und die Dinge ändern könnte, die sich bereits ereignet haben. Wenn das Du von heute in die Vergangenheit zurückkehren würde, könnte es natürlich Beobachtungen machen, die sich neu anfühlen – die das Privileg der Rückschau in Echtzeit hätten –, allerdings könnte man zum Beispiel nicht verhindern, dass die eigenen Eltern sich kennenlernen, denn das ist ja per Definition bereits passiert. Das wäre laut Nowikow so unmöglich, wie durch eine Ziegelmauer zu springen. Die Zeit ist in ihrem Verlauf unumkehrbar.
Nein, Nowikows Zeitreisende ist die tragische Betrogene, die zu spät feststellt, dass ihre Reise in die Vergangenheit das Schicksal besiegelt hat, das sie doch gerade verhindern wollte. Vielleicht hast du deine Stimme, die aus der Zukunft durch die Wände schallte, für etwas anderes gehalten: einen rasenden Puls, der sich vor Verlangen überschlägt, ein Schnurren.
Irgendwann schreibt sie dir eine Nachricht, in der sie dich bittet, sie zum Cedar Rapids Airport zu fahren. Sie will ihre Freundin abholen, die zu Besuch kommt: Val. Du sagst zu, weil: klar. Für eine schöne Frau hast du schon immer so ziemlich alles gemacht. (Jahre zuvor in Kalifornien rief dich deine atemberaubend schöne Arbeitskollegin mal um sieben Uhr morgens an, weil sie Starthilfe brauchte. Innerhalb von zehn Minuten warst du aus dem Bett und auf der Straße, und als du die Motorhaube ihres Autos aufmachtest, schautest du dir die Maschine demonstrativ an, als hättest du auch nur den geringsten Schimmer davon.)
Im Auto verquatschst du dich derart, dass du die Ausfahrt verpasst und an einem Stripclub namens Woody’s und dem Flughafenwegweiser vorbeirauschst. Als ihr endlich ankommt, parkst du das Auto, ihr geht zur Gepäckausgabe, und dann beobachtest du, wie die beiden schönen, zierlichen Frauen aufeinander zurennen. Eine brünett, eine blond, wie Jane Russell und Marilyn Monroe. Die Blonde setzt sich hin und die Brünette legt sich auf ihren Schoß, sie lachen und küssen sich. (Das wäre mal eine Version von Blondinen bevorzugt, die du dir anschauen würdest.) Du wendest dich ab und inspizierst ein Werbeplakat für die University of Iowa von oben bis unten.
Im Auto lacht die Brünette bereitwillig und ungeniert über alle deine Witze. Du beobachtest sie verstohlen im Rückspiegel. Du setzt die beiden in der Stadt ab.
Ein paar Tage später sprichst du mit einer gemeinsamen Freundin. »Ich glaube, sie mag dich«, sagt sie.
»Sie ist echt heiß«, sagst du. »Aber sie hat eine Freundin. Die hab ich gerade eben erst vom Flughafen abgeholt.«
»Jaja«, sagt die gemeinsame Freundin. »Aber die beiden haben eine offene Beziehung. Hat sie mir jedenfalls so erzählt. Ich mein ja nur.« In gespielter Unschuld hebt sie die Hände. »Sie hat dich mehrfach erwähnt.«
Dein Herz wirft sich gegen deinen Brustkorb wie ein wildes Tier.
Ihr verabredet euch bei ihr zu Hause. Ihr wollt Der Tapfere Kleine Toaster gucken, einen Film, den du seit deiner Kindheit nicht mehr gesehen hast, aber in deiner Erinnerung hast du ihn gleichermaßen geliebt und gefürchtet.
Zentimeter voneinander entfernt sitzt ihr auf einer grünen Samtcouch, die Getränke schwitzen auf dem Wohnzimmertisch. Als deine Lieblingsnummer läuft – die Autos singen auf dem Schrottplatz traurig von ihrem früheren Leben und erinnern dich daran, dass sie jetzt keinen Wert mehr haben und gleich sterben müssen –, berührt ihr Zeigefinger deine Hand, und du spürst, wie sich alles in dir vor Verlangen zusammenzieht. Du kennst die Masche. Die hast du schon tausendmal abgezogen: »Ich bin zu schüchtern, um dir zu sagen, was ich will, also tue ich stattdessen so, als hätte ich diesen einen irrlichternden Finger irgendwie nicht richtig im Griff.« Der Film ist zu Ende, und ihr sitzt im Dunkeln da. Nervös fängst du an, Hintergrundinformationen über den Film runterzurattern: »Wusstest du, dass die Geschichte, auf der der Film basiert, für einen Nebula-Award nominiert war? Es …«
Sie küsst dich.
Ein Stockwerk höher fallt ihr auf ihr Bett. Sie küsst dich an keiner Stelle zweimal. Dann sagt sie: »Ich würde dir gern das Oberteil ausziehen. Darf ich?« Du nickst, und sie tut es. Ihre Hand hält an deinem BH-Verschluss inne. »Ist das okay?«, fragt sie. Der Raum duftet nach Lavendel, vielleicht aber auch nur in deiner Erinnerung, weil die Tagesdecke auf ihrem Bett die Farbe von Lavendel hat. Jedes Mal wenn ihre Hand an eine andere Stelle wandert, flüstert sie: »Darf ich?«, und der Kitzel des Jasagens, ja, ja, brandet dir übers Gesicht wie Wellen, und auf diese Weise Erlaubnis erteilend würdest du bereitwillig ertrinken.
»Wir können vögeln«, sagt sie, »aber wir dürfen uns nicht verlieben.«2
Sie war klein, blass, spindeldürr und androgyn mit feinem blonden Haar und diesbezüglich extrem eitel. Blaue Augen, unbeschwertes Lächeln. Inzwischen ist es dir peinlich zuzugeben, dass sie dich auf seltsam altmodische Art beeindruckte. Obwohl sie aus Florida war, hatte sie eine ausgeprägte Oberklassenausstrahlung, als käme sie aus New England. Sie hatte in Harvard studiert, sah schick aus im Blazer und trug immer einen lederbezogenen Flachmann bei sich, so was Schnöseliges hattest du noch nie gesehen.
Du hattest schon immer den Verdacht, oberflächliche sexuelle Begierden zu haben, und das war der Beweis: Alle diese Faktoren drehten dein Hirn auf links und ließen dir das Herz in die Möse rutschen. Vielleicht bist du die ganze Zeit Hedonistin und Emporkömmling in einem gewesen (oder solltest du lieber sagen: Emporkommerin?), und es war dir nur nicht klar.
Obwohl ihr gleich alt wart, hattest du den Eindruck, sie wäre älter: weiser, erfahrener, weltgewandter. Sie hatte in der Verlagsbranche gearbeitet, im Ausland gelebt, sprach fließend Französisch. Sie hatte in New York gewohnt und war auf Premierenfeiern von Literaturmagazinen gewesen. Außerdem hatte sie, wie sich herausstellte, eine Schwäche für kurvig-bis-fette Brünette mit Brille. Gott, die Allmächtige, hätte es sich nicht besser ausdenken können.
Du liebst es, ihr beim Schreiben gegenüberzusitzen, wenn ihr beide angeregt und hochmotiviert in die Tasten haut, zwischendurch immer wieder über den Rand eures Laptops schaut und dabei alberne Grimassen zieht. Als ihr zum Essen ausgeht, bestellt sie Thunfisch-Sashimi und besteht darauf, es dir auf die Zunge zu legen. Es ist fest, wie eine Schamlippe. Es schmilzt auf deiner Zunge. Sie bestellt den Martini dirty und du lernst die Olivenlake darin lieben. Sie liest deine Geschichten, staunt über die Schönheit deiner Sätze. Du lässt dir von ihr einen alten Essay vorlesen, in dem es darum geht, dass es bei ihren Eltern nie gezuckerte Cornflakes gab. Du sagst ihr oft, sehr oft, wie schreiend komisch sie ist.
Teil des Problems war, dass du als etwas spezielle Dicke glaubtest, unheimliches Glück gehabt zu haben. Sie tat, was du dir von Millionen anderen auch gewünscht hättest – sie sah über die soziale Währung willkürlich festgelegter Erscheinungsmerkmale hinweg und erkannte deinen Intellekt, dein unerbittliches Talent, deine Schlagfertigkeit und deinen streitlustigen Umgang mit Arschlöchern.
Als du anfingst, übers Fettsein zu schreiben – vor Urzeiten in deinem LiveJournal –, kommentierte jemand, du seist zwar hübsch, klug und charmant, aber solange du mollig seist, würdest du dir nie aussuchen können, mit wem du ins Bett gehst. Du erinnerst dich, dass du zuerst empört warst, dir dann aber langsam dämmerte, dass er recht hatte, dass es in der Praxis genau so war. Du warst so wütend auf die Welt.
Als sie auftauchte, fragtest du dich, ob es so für die meisten anderen immer lief: eine gerade Linie vom Wunsch bis zur Befriedigung, das eben entstandene Verlangen einigermaßen unmittelbar gestillt. Das hattest du vorher nie erlebt, es war immer schwierig gewesen. Wie oft hattest du gesagt: »Wenn ich doch nur ein bisschen anders aussähe, würde ich in Liebe nur so schwimmen«? Und jetzt schwammst du, ohne auch nur eine einzige Zelle an dir verändern zu müssen. Du Glückspilz.
Es ist deine Idee gewesen, in den Osterferien nach Georgia zu fahren. Du bist noch nie im Süden gewesen, nicht richtig, und du schreibst gerade an einer Kurzgeschichte über Juliette Gordon Low und ihr Haus in Savannah. Die Fahrt dauert zwölf Stunden, ein Katzensprung. Außerdem ist es März und eiskalt, und der Winter ist lang gewesen. Du brauchst ein bisschen Sonne. Also fragst du, ob sie nicht mitkommen will. Sie sagt Ja. Du kaufst neue Unterwäsche im Einkaufszentrum.
Sie setzt sich ans Steuer deines Autos, und ihr fahrt vor Sonnenaufgang in Iowa los. Du schläfst fast sofort ein, und als du aufwachst, schneit es, und sie fährt zu schnell. Du setzt dich auf, reibst dir den Schlaf aus den Augen. Schilder weisen auf das Spurende hin, an dem sie sich einfädeln muss, was sie viel zu spät macht, und dann erwischt sie mit dem eingeschlagenen Reifen auch noch ein Schlagloch. Der Reifen platzt.
Ihr seid irgendwo vor St. Louis. Sie fährt rechts ran, ihr ruft die Pannenhilfe. Die kommt und zieht das Ersatzrad auf, und der Typ empfiehlt eine Werkstatt in der Nähe, in der ihr einen neuen Reifen kaufen könnt. Dort fahrt ihr hin, und als alles fertig ist, setzt sie sich wieder ans Steuer, aber nach ein paar Meilen auf dem Highway ist auch der neue Reifen platt. Ihr haltet bei einer Werkstatt, die auf Lkw spezialisiert ist, und es ist schon ziemlich witzig, wie euer winziger Hyundai mit den ganzen linken Aufklebern da zwischen diesen Ungetümen steht. Es ist Anfang 2011, das Thema Ehe für alle schwelt vor sich hin, fängt in manchen Bundesstaaten langsam Feuer und wird in anderen mit reichlich Wasser gelöscht. Das Justizministerium teilt mit, dass es den Defense of Marriage Act nicht mehr zur Anwendung bringen wird. Es bewegt sich was.
Während ihr beide so dasitzt, fängst du an zu weinen. Es ist dir peinlich, dass dein Auto euch schon so früh auf eurer Reise im Stich lässt. Sie entschuldigt sich, sagt, es sei alles ihre Schuld, aber du widersprichst: »Ist halt einfach eine Schrottkarre.«
Sie lacht. »Das gehört wohl zu so einem Abenteuer dazu. Und wir sind noch nicht mal am Ziel angekommen.«
Ihr fallt dem Mechaniker auf – vielmehr fällt ihm wohl eure kaum auszuhaltende Queerness und die körperliche Nähe zwischen euch auf, zusammen mit den Aufklebern ist die Sache dann klar, vielleicht hat er aber auch einfach einen siebten Sinn –, aber er sagt nichts, und du bist froh. Er erklärt, dass der Reifen, der euch verkauft wurde, voller unflickbarer Riesenlöcher ist. Er würde gerne einen neuen aufziehen, aber dein Auto hat komische Spezialreifen in einer seltenen Größe, und dafür müsst ihr in eine größere Stadt. Er zieht das Ersatzrad wieder auf. Diesmal fährst du. Irgendwo in Illinois findet ihr einen Reifen, der passt.
Als du auf dem Parkplatz vor dem Hotel hältst, lehnt sie sich zu dir rüber und küsst dich. Sie küsst deine Oberlippe, dann die Unterlippe, als hätte jede für sich zärtliche Aufmerksamkeit verdient. Sie löst sich von dir und schaut dich andächtig konzentriert an wie ein Gemälde. Sie streichelt die weiche Innenseite deines Handgelenks. Irgendwo ganz weit weg spürst du dein Herz schlagen, wie hinter Glas.
»Ich kann einfach nicht fassen, dass du mich ausgesucht hast«, sagt sie.
Auf dem Zimmer zieht sie dir die neue Unterwäsche aus und vergräbt das Gesicht zwischen deinen Schenkeln.
