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Ein zutiefst bewegender Roman über drei Frauen, deren Schicksale unausweichlich miteinander verbunden sind
Ein Moment der Leidenschaft, der alles verändert. Ein Schritt voller Zweifel. Eine Lüge, die das Glück zur Illusion macht. Fünf Jahre nachdem Tia von dem verheirateten Nathan schwanger wurde und ihr Kind zur Adoption freigab, führt ein Brief die Schicksale der Menschen zusammen, die ein unsichtbares Band längst untrennbar miteinander verbindet.
Kurz nachdem sich Tia auf eine Affäre mit dem verheirateten Nathan eingelassen hat, wird sie schwanger. Als klar wird, dass sich der Vater nicht um das Kind kümmern wird, trifft Tia die schwerste Entscheidung ihres Lebens und gibt ihre Tochter zur Adoption frei. Fünf Jahre später erfährt Nathans Frau Juliette in einem Brief von der Existenz der kleinen Savannah. Ist ihr Leben mit Nathan eine einzige Lüge? Wird sie ihrem Mann je wieder vertrauen können? Juliette kämpft für ihr Glück und nimmt Kontakt zu den beiden Müttern von Savannah auf: zu Tia, der biologischen Mutter, und zu Caroline, die das Mädchen adoptiert hat. Die Wege dreier ganz unterschiedlicher Frauen kreuzen sich – mit Folgen, die ihr Leben von Grund auf ändern werden …
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Seitenzahl: 517
Veröffentlichungsjahr: 2013
RANDY SUSAN MEYERS
Das Band der Wünsche
Roman
Aus dem Amerikanischen von
Charlotte Breuer und Norbert Möllemann
Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel The Comfort of Lies
bei Atria Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New York
Copyright © 2013 by Randy Susan Meyers
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013 by Diana Verlag,
München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Redaktion | Heiko Arntz
Umschlaggestaltung | t.mutzenbach design, München unter Verwendung
der Originalcovergestaltung von © Laywan Kwan;
Foto | © Katya Evdokimova /Arcangel Images und Shutterstock
Autorenfoto | © Jill Meyers
Satz | Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-641-10280-7
www.diana-verlag.de
Für Jeff, immer und ewig.
Besser eine schmerzliche Wahrheit als eine bequeme Lüge.
Am Ende kommt die Wahrheit doch ans Licht
und schmerzt umso mehr.
Sprichwörtlich
TEIL 1 – DAVOR
1. Kapitel – Tia
Glück auf Kosten anderer hat seinen Preis. Seit sie Nathan das erste Mal geküsst hatte, rechnete Tia damit, dass etwas Schlimmes passieren würde. Seit mittlerweile einem Jahr wartete sie auf irgendeine Art von Strafe – die Strafe dafür, dass sie verliebt war. Und wie immer diese Strafe aussehen würde, sie war überzeugt davon, dass sie sie verdient hatte.
Nach ihrem gemeinsamen Restaurantbesuch an diesem späten Sonntagmittag kam sie sich vor wie gemästet. Deftige Vorspeisen, schwere Salatsoßen und durchwachsenes Fleisch, all das rumorte jetzt in ihrem Magen. Von der Schwarzwälder Kirschtorte hatte sie noch einen ganz klebrigen Mund. Als Nathan sich reuevoll den Bauch tätschelte, dämmerte ihr, dass sie mit ihm in mehr als nur einer Hinsicht sündigte.
Seit ihrer Kindheit hatte sie eine Abneigung gegen schwere Kost. Anstatt sich zum Mittagessen zu treffen, hätte sie lieber bis zum nächsten Tag gewartet und sich mit ihm an der Uferpromenade auf eine Decke gesetzt, um sich das Feuerwerk anzusehen und die Musik der Boston Pops anzuhören. Der 4. Juli war ein Feiertag, an den nicht allzu große Erwartungen geknüpft waren; der perfekte Tag für sie beide.
Nathan drückte ihr die Hand, als sie zu ihrer Wohnung gingen. Sein offensichtlicher Stolz beglückte sie. Sie war vierundzwanzig, er siebenunddreißig, und es war das erste Mal, dass ein gestandener Mann sie liebte. Jedes Mal, wenn sie sich trafen, entdeckte sie liebestrunken etwas Neues an ihm – Besonderheiten, von denen sie nie jemandem erzählen würde, wie zum Beispiel, dass seine Hände eher an die eines Cowboys erinnerten als an die eines Professors. Vielleicht hätte sie an derlei Dingen nichts Besonderes gefunden, wenn sie als Kind nicht ohne Vater hätte aufwachsen müssen, doch so waren sie für Tia Anlass zu grenzenloser Bewunderung.
Vergangene Woche war er ihr wie Superman erschienen, als er mit einer Werkzeugkiste kam, um einen Duschkopf anzubringen, der am Ende sogar einen ordentlichen Wasserstrahl produzierte. Mit einer roten Schleife hatte er eine Karte am Griff der Kiste befestigt, auf der stand: »Die bleibt hier!«
Aus der Karte hatte sie geschlossen, dass er vorhatte, das Werkzeug noch öfter zu benutzen.
Kein Geschenk hätte ihr eine größere Freude bereiten können.
Alles an Nathan schien ihr perfekt. Muskulöse Arme. Breite Schultern. Mit seinem trockenen New Yorker Humor, der sich so wohltuend von den ordinären Albernheiten der Jungs in South Boston unterschied, mit denen sie früher ausgegangen war, brachte er sie zum Lachen, während seine natürliche Autorität ihr das Gefühl gab, bei ihm sicher und beschützt zu sein. Sie brauchte ihn wie die Luft zum Atmen. Wenn sie mit dem Daumen an seinen Fingern entlangfuhr, bestand ihre Welt aus dieser körperlichen Verbindung. Ihr Leben drehte sich nur noch um ihn.
In dem Jahr, seit sie zusammen waren, hatte sie viele Tränen vergossen. Ein verheirateter Familienvater konnte nicht viel Zeit erübrigen.
Als sie das Zweifamilienhaus erreichten, in dem sie wohnte, trat Nathan hinter sie. Sie lehnte sich nach hinten, damit er ihren Hals küssen konnte. Er fuhr mit den Händen über ihren Körper. »Ich möchte dich immer berühren«, sagte er.
»Ich hoffe, dass sich das nie ändert.«
»Die Menschen ändern sich immer.« Tia bemerkte einen Anflug von Unbehagen in seinem Gesichtsausdruck, als er sich von ihr löste. »Du hast nur das Beste verdient.«
Meinte er damit, sie hätte es verdient, dass er immer bei ihr blieb? Tia schob den Schlüssel ins Schloss. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass sie ihm wichtig war.
In der Wohnung ging Tia als Erstes ins Bad; neuerdings musste sie andauernd aufs Klo rennen. Hinterher trocknete sie sich ausgiebig die Hände ab und rückte einen antiken Parfümzerstäuber zurecht, den er ihr geschenkt hatte. Der Flakon aus rosafarbenem Kristallglas sollte optimal zur Geltung kommen in ihrer Einrichtung aus IKEA-Regalen und ausrangierten Möbeln ihrer Mutter. Wenn Nathan sie besuchte, verwandelte sich Tias Wohnung in ein Bühnenbild. Schon Stunden bevor er kam, lief sie herum und arrangierte alles neu, betrachtete jeden Gegenstand, jedes Buch, jede Vase mit seinen Augen.
Nathan hielt ihr ein Glas Wein hin, als sie ins Wohnzimmer kam. »Es ist nicht zu fassen«, sagte er. »Heute Morgen in der Einführung in die Soziologie habe ich am Rande einen Scherz von Groucho Marx zitiert – ›Ich weigere mich, einem Club beizutreten, der mich als Mitglied akzeptieren würde‹ –, und da hat mich doch tatsächlich ein Student gefragt, wer Groucho Marx ist.«
Tia hob eine Hand, um den Wein abzulehnen. »Danke. Ich bin nicht in der Stimmung.«
»Ich kam mir plötzlich uralt vor. Jetzt mal ganz ehrlich: Du weißt doch, wer Groucho Marx war, oder?« Wieder hielt er ihr das Glas hin. »Probier ihn wenigstens. Einen derart weichen Merlot hast du noch nicht getrunken.«
Als sie zum Mittagessen keinen Wein getrunken hatte, hatte er das nicht kommentiert. »Ich habe heute eher Lust auf Pepsi«, hatte sie gesagt. Vielleicht war es ihm vorgekommen, als benähme sie sich wie ein Teenager, und er hatte das süß gefunden. Er fand alles Mögliche an ihr süß, und manchmal ging ihr das auf die Nerven.
»Eine Nacht in Casablanca«, sagte sie. »Die Marx Brothers im Krieg. Skandal in der Oper.«
»Danke. Mein Glaube an die Jugend ist gerettet.«
»So viel älter als ich bist du auch wieder nicht.« Sie mochte es nicht, wenn er auf ihren Altersunterschied anspielte. »Ich bin weiß Gott älter als deine Studenten.«
»Und klüger«, sagte er.
»Ganz genau. Vergiss das nicht.«
Sobald sie mit ihrer Neuigkeit herausrückte, würde sich alles von Grund auf ändern. Andererseits konnte es sowieso nicht bleiben, wie es war. Seit sie zum ersten Mal zusammen geschlafen hatten und er gestöhnt hatte: »Ich bin vollkommen verrückt nach dir«, hatte sie mehr gewollt. Anfangs hätte sie ihn am liebsten jede Nacht in ihrem Bett gehabt, dann hatte sie angefangen, davon zu träumen, dass der Ring an seinem Finger die Ehe mit ihr symbolisierte. Ihre Besitzansprüche waren immer schlimmer geworden. Sie wollte, dass die Bügelfalten seiner Hosen aus einer Reinigung stammten, die sie ausgesucht hatte, dass seine Hemden nach einem Waschmittel dufteten, das sie gekauft hatte.
Tia sah ihm direkt in die Augen. »Ich bin schwanger.«
Nathan hielt das Glas immer noch in der ausgestreckten Hand. Er zuckte kurz zusammen, und der Wein schwappte beinahe über.
Tia nahm das Glas. »Gib her, bevor du es noch fallen lässt.« Sie stellte es neben seins auf den Sofatisch.
»Deswegen hast du also zum Essen keinen Wein getrunken«, sagte er.
Er sagte es sehr langsam, so langsam, dass es Tia eiskalt über den Rücken lief. Obwohl sie kaum damit gerechnet hatte, wünschte sie sich ein schüchternes Lächeln – ein Fernsehlächeln, gefolgt von einem Kuss wie im Kino. Sie legte eine Hand auf ihren noch immer flachen Bauch, als ihr wieder flau wurde. Den Gedanken an Nathans Frau versuchte sie beiseitezuschieben, doch vergeblich. Ständig musste sie an Juliette denken – fragte sich, wo sie gerade war, wo sie ihren Mann vermutete. Nathan hatte von Anfang an klargestellt, dass das Thema tabu war.
»Seit wann weißt du es?«, fragte er.
»Seit ein paar Tagen. Ich wollte es dir nicht einfach am Telefon sagen.«
Er nickte, trank seinen Wein aus, setzte sich aufs Sofa. Er verschränkte die Finger ineinander und stützte die Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. Er schaute zu ihr hoch, mit strenger Miene, ganz der Professor. »Du lässt es doch wegmachen, oder?«
Tia ließ sich in den Sessel ihm gegenüber sinken. »Wegmachen?«
»Ja, natürlich, wegmachen.« Er schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, richtete er sich auf. »Was bleibt uns denn anderes übrig?«
»Ich kann es bekommen.« Sie würde nicht weinen. Auch wenn an diesem Abend in dieser verdammten Welt nichts Gutes passierte, sie würde nicht weinen.
»Und allein großziehen? So wie deine Mutter?« Nathan rieb sich das Kinn. »Ausgerechnet du müsstest doch wissen, was für ein steiniger Weg das ist, meine Süße.«
»Und wo wirst du sein? Hast du vor zu sterben? Oder zu verschwinden?« Hinter ihrer tapferen Fassade schrumpfte Tia auf die Größe einer Walnuss. Sie wusste, wo Nathan sein würde. In seinem schönen Haus bei Juliette. Seiner Frau. Der Frau, die sie einmal heimlich beobachtet hatte. Der Frau, die aussah wie Sonne und blauer Himmel, deren blonder Glanz Tia geblendet hatte.
»Ich übernehme natürlich alle Kosten, die anfallen, wenn du es wegmachen lässt …«
»Wegmachen, wegmachen«, äffte Tia ihn nach. »Was wegmachen?« Sie wollte ihn dazu zwingen, die Sache beim Namen zu nennen.
»Meine Söhne sind noch so klein.«
Tia klammerte sich an die Sessellehne. Am liebsten hätte sie von dem verbotenen Wein getrunken.
»Ich kann mich nicht zwischen zwei Familien aufteilen. Bitte. Überleg doch mal, was das bedeuten würde«, flehte er sie an.
Händeringend saß sie da und betrachtete die rissige Haut an ihrem Daumen. Die Schwangerschaft hatte bereits angefangen, ihren Körper zu verändern. Ihre Haut trocknete aus, und sie musste zweimal stündlich aufs Klo rennen.
Nathan legte ihr einen Arm um die Schulter. »Wenn Frauen schwanger werden, sehen sie plötzlich alles durch eine rosa Brille«, sagte er. »Du glaubst, wenn ich das Kind erst mal gesehen habe, werde ich von väterlicher Liebe überwältigt sein und es mir anders überlegen. Aber das kann ich nicht. Ich werde meine Familie nicht verlassen. Das habe ich doch von Anfang an klargestellt, oder?«
O Gott. Er weinte.
Seine Familie.
Sie hatte gedacht, sie würde mit ihm eine Familie gründen.
Wie hatte sie nur so naiv und dumm sein können?
Schließlich fand sie ihre Sprache wieder. »Ich kann das nicht, Nathan. Was du von mir verlangst – das kann ich nicht.«
Nathan richtete sich auf. »Es tut mir leid, aber wir können unmöglich zusammenkommen. Bitte, Tia. Lass es wegmachen. Es ist das Beste für uns beide. Glaub mir.«
Als sie im sechsten Monat war, hatte sich das Unwohlsein für sie zum Normalzustand entwickelt. War sie früher so mager gewesen, dass man ihr Milkshakes aufgedrängt hatte, schleppte sie sich jetzt mühsam durch die Gegend. Sie stopfte sich ein Kissen in den Rücken, als sie sich aufs Sofa setzte und sich mit ihrer Post beschäftigte: Bittbriefe, Fotos und Lebensgeschichten von Paaren, die liebend gern ihr Kind nehmen würden.
Sie hatte sich geweigert, »es wegmachen zu lassen«, wie Nathan es von ihr verlangt hatte. Die Nonnen von St. Peter und ihre Mutter hatten ganze Arbeit geleistet. Aus Angst vor übergroßen Schuldgefühlen brachte sie es nicht über sich, ihre Schwangerschaft abzubrechen. Für den Tod des Kindes wollte sie nicht verantwortlich sein, aber auch nicht für sein Leben. Und so stand sie jetzt im sechsten Monat vor der Aufgabe, eine Mutter und einen Vater für ihr Kind auszusuchen.
Zu entscheiden, welche die richtigen Adoptiveltern für ihr Kind waren, erwies sich als schier unmöglich. Tia arbeitete sich durch Hunderte von Briefen von Männern und Frauen, die unbedingt das Kind haben wollten, das in ihrem Bauch wuchs. Sie sah so viele potenzielle Mütter und Väter vor sich, dass sie irgendwann nicht mehr wusste, wer die Bibliothekarin aus Fall River war und welches Paar sie an ihre furchteinflößenden Sonntagsschullehrer erinnerte. Sie alle sprachen von Liebe und Fürsorglichkeit, von Gärten so groß wie Minnesota und dermaleinst einem Studium an einer Elite-Universität.
Nach drei Tassen süßem Pfefferminztee, der sie bei jedem Schluck daran erinnerte, wie sehr sie ihren Kaffee vermisste, hatte Tia drei Paare ausgesucht, die infrage kamen. Sie sah sich ihre Briefe und Fotos noch einmal an und verteilte sie auf dem Tisch wie Tarotkarten. Dann, um es hinter sich zu bringen, gab sie sich einen Ruck und wählte den Mann und die Frau aus, die ihr am ehesten dazu geeignet schienen, gute Eltern zu werden. Sie balancierte ihre Fotos auf ihrem dicken Bauch und bewegte sie wie Papierpuppen. Beide hatten am Telefon so selbstsicher geklungen, so klug, ein perfekt eingespieltes Team.
»Hallo Tia«, ließ sie die Papier-Caroline quieken. »Ich möchte dein Kind. Ich bin Pathologin und in der Krebsforschung tätig, Spezialgebiet Kinder. Mein Mann stammt aus einer sehr großen Familie, und er hat sich schon immer zu Kindern hingezogen gefühlt.«
»Erzähl ihr, dass du als Beraterin in diesem Heim von Paul Newman arbeitest. Wie heißt das noch? Du weißt schon, was ich meine. Das für krebskranke Kinder«, sagte der Papier-Peter zu der klugen Papier-Caroline und legte ihr eine Hand auf den Arm.
»Es nennt sich Hole in the Wall Gang Camp.« Die Papier-Caroline senkte bescheiden den Kopf.
Einen Monat später, als Caroline und Peter erfuhren, dass es ein Mädchen werden würde, teilten sie Tia mit, dass sie dem Kind den Namen Savannah geben würden. Ein alberner Name. Tia nannte das Kind in ihrem Bauch Honor, es war der zweite Vorname ihrer Mutter – auch ein alberner Name, aber er war ja auch nicht dazu gedacht, außerhalb des Uterus benutzt zu werden, und außerdem, albern oder nicht, er war immer noch besser als Savannah. Warum konnten sie ihre Tochter nicht einfach Britney nennen und fertig? Wenn sie nicht alle Hände voll zu tun gehabt hätte, ihre kranke Mutter zu pflegen, hätte sie sich nach anderen Eltern für ihre Tochter umgesehen.
Tia watschelte gerade durch den Korridor des Hospizes, in dem ihre Mutter jetzt untergebracht war. In Gedanken ganz bei der verrückten Namenswahl, stolperte sie und stieß gegen einen Teewagen. Sie wurde immer unbeholfener. Ihr Leben war bestimmt von Müdigkeit, ständigem Harndrang und von Einsamkeit. Vorher hatte sich alles um ihre Treffen mit Nathan gedreht, jetzt trug sie sein Kind mit sich herum als eine unbarmherzige Erinnerung an ihn. Jedes Mal, wenn sie ihren Bauch streichelte, war es ihr, als würde sie ihn streicheln. Sosehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht, statt Traurigkeit Hass zu empfinden.
Ihre Mutter war der einzige Mensch, mit dem sie sich noch traf. Alle anderen Freunde aus ihrem früheren Leben – bis auf Robin, die in Kalifornien wohnte, viel zu weit weg, um sie zu besuchen – glaubten, sie sei für ein Jahr nach Arizona gegangen, um ihren Masterabschluss in Gerontologie zu machen, als Weiterbildung für ihre Arbeit mit alten Menschen. In Wirklichkeit war sie in den Bostoner Stadtteil Jamaica Plain gezogen, der mit South Boston nicht viel gemein hatte.
In ihrem alten Viertel lief man ständig irgendwelchen Freunden oder Bekannten über den Weg. Jamaica Plain war dagegen ein wahrer Schmelztiegel. Hier mischten sich nicht nur die unterschiedlichsten Ethnien, sondern es waren auch alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen vertreten. Der einzige Mensch, den sie hier kannte, war die Bibliothekarin der hiesigen Bücherei. Der Kontakt zwischen ihnen beschränkte sich allerdings auf ein freundliches »Hallo«, wenn sie sich begegneten. JP war das ideale Viertel für jemanden, der es vorzog, anonym zu bleiben.
Sie wollte an einem Ort wohnen, wo niemand ihren Namen kannte, denn sie hatte nicht vor, sich zum Opfer von Klatsch oder Mitleid zu machen. Da Tia kaum vor die Tür ging, hatten sie beide von den Ersparnissen ihrer Mutter leben können. Ihre Tage verbrachte sie damit, Romane zu verschlingen, vor der Glotze zu hocken und ihre Mutter zu pflegen, die zu ihr gezogen und bei ihr wohnen geblieben war, bis ihr Zustand sich so verschlimmert hatte, dass Tia mit der Pflege überfordert gewesen war.
Auf Engelsfüßen schlich Tia ins Zimmer ihrer Mutter. So hatte ihre Mutter es immer genannt, wenn Tia als Kind in die Küche geschlichen war, um sich einen Keks zu stibitzen. »Liebes, eine Mutter kann ihr Kind immer hören, auch wenn es auf Engelsfüßen angeschlichen kommt.«
Noch immer versuchte Tia, die Tatsache zu verdrängen, dass ihre Mutter im Sterben lag, während in Tias Bauch das Kind wuchs.
»Mom?«, flüsterte sie.
Im Zimmer blieb es still. Tia grub die Nägel in ihre Handfläche, beugte sich über das Bett, bis sie sah, wie der Brustkorb ihrer Mutter sich kaum merklich hob und senkte. Ihre Mutter war erst neunundvierzig. Leberkrebs hatte sie innerhalb weniger Monate zu einem Schatten ihrer selbst werden lassen. Allerdings vermutete Tia, dass ihre Mutter ihr die Wahrheit eine ganze Zeit lang vorenthalten hatte.
Seit dreiundzwanzig Tagen war ihre Mutter jetzt in dem Hospiz untergebracht. Vielleicht hielt man länger durch, je jünger man zum Zeitpunkt der Erkrankung war, oder vielleicht waren dreiundzwanzig Tage ganz normal, die durchschnittliche Spanne – wie auch immer man den Zeitraum bezeichnete zwischen der Einlieferung ins Hospiz und dem Tod. Sie konnte sich nicht überwinden, sich danach zu erkundigen. Vielleicht, wenn sie Geschwister hätte, die mit ihr zusammenhalten würden, hätte sie den Mut aufgebracht, solch unbarmherzige Fragen zu stellen, aber es hatte immer nur sie beide gegeben, sie und ihre Mutter.
Das Sterben konnte ein langsamer Prozess sein, was Tia überraschte. Man hätte meinen sollen, dass ihre Arbeit im Seniorenheim sie einiges über den Tod und das Sterben gelehrt hätte. Aber sie war vor allem für die Unterhaltung der alten Leute zuständig gewesen. In ihrem Arbeitsbereich lief das ganz simpel: Jemand erschien nicht wie verabredet zum Scrabble-Spielen, und kurz darauf stellte sich heraus, dass er oder sie verstorben war.
Man sah die Menschen nicht sterben.
Ihre Mutter zu verlieren, schien ihr undenkbar. Es war, als versuchte jemand, die Taue zu durchtrennen, die Tia im sicheren Hafen hielten. Sie würde abdriften, allein auf sich gestellt. Tia hatte sonst keine Verwandten: keine Tanten, Onkel, Kusinen, Vettern – ihre Mutter füllte alle diese Rollen aus.
Tia setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett ihrer Mutter. Sie fragte sich, warum das Hospiz, das doch so großen Wert auf Komfort legte, nicht in der Lage war, einer Schwangeren einen Stuhl zur Verfügung zu stellen, auf dem sie schmerzfrei sitzen konnte. Sie nahm ein Taschenbuch aus ihrer Umhängetasche: ein simpel gestrickter Krimi, der keine große Konzentration beim Lesen erforderte. Die alte Ausgabe ihrer Mutter von Jane Eyre hatte sie auch mitgebracht, aber das Vorlesen hob sie sich für nach dem Abendessen auf.
Ihre Mutter öffnete die Augen. »Bist du schon lange hier, Liebes?« Sie nahm Tias Hand. »Müde?«
Tia rieb sich den dicken Bauch. »Immer.«
»Du brauchst wirklich nicht jeden Abend herzukommen, hörst du?«
Das sagte ihre Mutter jeden Tag. Es war ihre Art auszudrücken: »Ich mache mir Sorgen um dich.«
»Müdigkeit ist nicht lebensbedrohlich.«
»Wenn man schwanger ist …«
»Wenn man schwanger ist, ist man dauernd müde. Kannst du dich noch daran erinnern?«, fragte Tia. »War es bei dir auch so? Habe ich dir schon das Leben schwer gemacht, bevor ich auf der Welt war?«
Ihre Mutter setzte sich mühsam auf. Tia half ihr dabei und stopfte ihr dann ein Kissen in den Rücken. Die Haut ihrer Mutter, einst so hübsch rosig – blasse irische Haut, die beim ersten Sonnenstrahl verbrannte, hatte ihre Mutter immer gesagt –, hob sich jetzt hässlich gelb von den Laken ab.
»Ich erinnere mich noch genau, wie es war, schwanger zu sein«, sagte sie. »Glaubst du, du wirst es vergessen können?«
»Mom, bitte nicht«, sagte Tia.
»Doch, es muss sein, Liebes.« Ihre Mutter nahm ihre Brille von dem Metalltablett, das am Bett befestigt war. Nachdem sie sie aufgesetzt hatte, wirkte sie gleich gesünder. Die Brille, Schmuck und andere Accessoires waren wie Totems, die vor dem Tod schützten. Tia kaufte ihr ständig neue Klunker, um sie abzulenken. Leuchtend blaue Perlen, auf Silberdraht aufgezogen, klimperten an ihrem Handgelenk. »Das Blau passt schön zu deinen Augen«, hatte Tia gesagt, als sie ihr das Armband in der vergangenen Woche mitgebracht hatte.
»Soll ich dir ein Glas Eiswasser holen?«, fragte Tia.
»Lauf nicht weg. Hör mir zu. Du musst dir darüber klar werden, wie leid es dir später tun wird, wenn du bei deinem Vorhaben bleibst.«
Mit Vorhaben meinte ihre Mutter Tias Absicht, ihr Kind zur Adoption freizugeben.
»Ich würde eine miserable Mutter sein«, entgegnete Tia.
»Das glaubst du jetzt. Warte ab, bis du dein Kind in den Armen hältst.«
Jede Auseinandersetzung mit ihrer Mutter über das Thema führte dazu, dass Tia sich noch schlechter fühlte als zuvor. Die Gründe, die sie vorbrachte, klangen selbst in ihren eigenen Ohren lahm.
Ich wäre eine schlechte Mutter.
Ich habe nicht genug Geld.
Ich schäme mich, weil ich nicht weiß, wer der Vater ist.
Anstatt die Wahrheit zu sagen, hatte Tia ihre Mutter glauben lassen, sie sei mit so vielen Männern ins Bett gegangen, dass sie nicht wusste, wer der Vater ihres Kindes war. Die Last der Lüge war immer noch leichter zu ertragen als die Wahrheit. Sie brachte es nicht über sich, ihrer Mutter zu gestehen, dass sie ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann gehabt hatte – und versucht hatte, ihn seiner Frau auszuspannen.
Egal was sie sagte, es klang alles lächerlich. Vielleicht würde sie tatsächlich eine schlechte Mutter sein, sie hatte tatsächlich kein Geld, und sie war fürchterlich unreif. Aber wenn das ausreichte, um ein Kind wegzugeben, wäre die Welt voller Waisen.
Tia streichelte ihren Bauch. Mein süßes, kleines Baby, es tut mir leid.
Tias Vater war kurz nach ihrer Geburt verschwunden. Ihre Mutter vermutete, dass er sich für eine andere Frau entschieden hatte – und für ein Leben, das mehr Vergnügungen bot, als Tias puritanische Mutter es jemals akzeptiert hätte. In den Augen ihrer Mutter war nur Abtreibung eine noch schlimmere Sünde als Sex mit einem verheirateten Mann.
Aber solange sie nicht mit der Wahrheit herausrückte, konnte Tia kein überzeugendes Argument anführen. Wie konnte sie zugeben, dass sie das Kind weggeben wollte, weil es sie immer an einen Mann erinnern würde, den sie liebte, den sie aber nie würde haben können? Wie konnte Tia ihrer Mutter das erzählen, wo sie selbst nicht wusste, ob das, was sie vorhatte, ein Akt von Selbstlosigkeit oder von Egoismus war.
»Meine Tochter wird ein besseres Leben haben, als ich es ihr je bieten könnte«, sagte Tia. »Wirklich, Mom. Du hast doch den Brief der Leute gelesen, hast die Fotos gesehen. Sie wird gute Eltern bekommen.«
Die Augen ihrer Mutter füllten sich mit Tränen. Tias Mutter weinte nie. Sie hatte keine Tränen vergossen, als Tia sich das Bein so schlimm gebrochen hatte, dass der Knochen herausragte. Nicht, als sie von ihrer Krebserkrankung erfahren hatte. Und auch nicht, als Tias Vater verschwunden war – jedenfalls nicht in Tias Gegenwart.
»Tut mir leid.« Ihre Mutter blinzelte, und die Tränen waren verschwunden.
»Es tut dir leid? Du hast doch nichts Falsches getan!«
Ihre Mutter verschränkte die Arme vor der Brust und umklammerte ihre Ellbogen mit den Händen. »Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben, wenn du davon überzeugt bist, dass es deinem Kind besser geht ohne dich. Gehst du davon aus, dass deine Lebenssituation sich nie verbessern wird? Siehst du denn nicht, dass deine Zukunft noch vor dir liegt?«
Tia zuckte die Achseln wie ein Kind, das sich schämt. Der Gedanke, dass ihre Mutter sterben könnte in dem Glauben, sie hätte bei der Erziehung ihrer Tochter versagt, bedrückte sie.
»Mom, das ist es nicht.«
»Was dann?«
»Ich glaube einfach nicht, dass es der richtige Weg für mich ist.« Tia bedeckte ihren Bauch mit beiden Händen. Mit jeder Lüge schien sie ihre Mutter weiter von sich wegzustoßen, und das ausgerechnet jetzt, wo sie beide mehr denn je die Nähe der anderen brauchten. »Ich glaube nicht, dass das Kind für mich bestimmt ist.«
»Bitte, warte noch mit deiner Entscheidung. Irgendetwas quält dich, auch wenn du mir nicht sagen willst, was es ist. Das ist in Ordnung. Aber glaub mir, wenn du dich dafür entscheidest, dein Kind zu opfern, um dich deinem Schmerz nicht stellen zu müssen, wirst du dich nie wieder davon erholen.«
2. Kapitel – Juliette
Normalerweise hörte Juliette Musik bei der Arbeit, aber heute nicht. Die Sonntage gehörten eigentlich der Familie, erst recht bei so schönem Wetter, aber diesmal saßen die Jungs unten und schauten sich ein Video an.
Sie hatte ein schlechtes Gewissen, obwohl sie und Nathan den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag mit den Kindern verbracht hatten. Sie hatten im Beaver-Brook-Park eine kleine Wanderung unternommen, hatten mittags gepicknickt – Juliette war extra um sechs Uhr früh aufgestanden, um Rice-Krispies-Kekse zu backen – und sich dann mit Ballspielen vergnügt. Nach dem Ausflug hatte Nathan sich zurückgezogen, um Seminararbeiten zu korrigieren, und sie war nach oben gegangen, um Papierkram zu erledigen.
Eigentlich pflegten sie ein reges Familienleben; morgen Abend würden sie nach Boston fahren, um sich das Feuerwerk anzusehen. Trotzdem war sie nervös. Draußen schien die Sonne, und ihre Kinder hockten im Wohnzimmer vor dem Fernseher.
Großartig. Juliette konnte nur hoffen, dass ihre Kinder sich über all die faltenlosen Frauen auf den Straßen freuten, wohl wissend, dass es ihre Mutter war, die diesen Frauen das nötige Anti-Falten-Serum verkauft hatte.
Anti-Falten-Serum.
Anti-Aging-Serum.
Anti-Falten.
Anti-Aging.
Anti-Falten.
Anti-Falten hatte sich als werbewirksamer erwiesen. Vielleicht erinnerte das Wort Falten die Frauen eher an Denkfalten als an das Altern.
Vielleicht sollten sie es Intelligenz-Serum nennen. Das wäre doch was.
Sicher. Sie hörte Gwynne, ihre Geschäftspartnerin, schon lachen, wenn sie den Namen bei ihrer nächsten Marketingsitzung vorschlug. Juliette und Gwynne hatten sich im Mutter-und-Kind-Schwimmkurs kennengelernt, beide am Rand des Nervenzusammenbruchs wegen der tödlichen Langeweile, die ihnen das Dasein als Hausfrau und Mutter bescherte, gepaart mit einer Tendenz, ihre Kinder zu vergöttern. Sie hatten sich sofort wie magnetisch zueinander hingezogen gefühlt, so wie beste Freundinnen sich manchmal finden, Seelenverwandte, die sich instinktiv erkannten.
Juliette hielt die Ohren gespitzt, ob bei den Kindern auch alles in Ordnung war. Wenn sie arbeitete, war sie mit den Gedanken bei Max und Lucas. Wenn sie sich ihren Kindern widmete, war sie mit den Gedanken bei der Arbeit. Nathan riet ihr stets, sie solle sich entspannen, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung. »Konzentrier dich ganz auf das, was gerade anliegt«, sagte er dann. Als könnte sie per Willenskraft aufhören, sich Gedanken zu machen. Vielleicht war es ein genetisches Muster, das Männern nicht nur Haarausfall bescherte, sondern auch dafür sorgte, dass sie einfach zur Arbeit gehen und ganz bei der Sache sein konnten.
Sie wusste, dass Nathan ihr nur helfen wollte. Er versuchte, für jedes Problem eine Lösung zu finden; das war schon immer so gewesen. Sich anderer Menschen anzunehmen verschaffte ihm Befriedigung, und zwar so sehr, dass sie das Gefühl hatte, ihn zu enttäuschen, weil sie ihn in Bezug auf ihre Arbeit fast nie um Hilfe bat. Aber wie sollte er sie in einem Unternehmen beraten, das Hautpflegemittel für Frauen vertrieb? Nathan lehrte Soziologie an der Brandeis University und erforschte die Situation älterer Menschen in der Gesellschaft, und das hatte garantiert nichts mit deren Falten und Runzeln zu tun.
Seit Jahren hatte sie jede freie Minute in ihre Arbeit investiert, hatte – obwohl sie stets vorgab, ihr ausgeprägtes Interesse an Kosmetika und Hautpflegemitteln sei kaum mehr als ein Hobby – nächtelang bis drei Uhr Mittelchen gemixt und dann um sieben Uhr für alle Frühstück gemacht. Doch jetzt war die Zeit gekommen, wo sich alle Mühen endlich auszahlen würden – davon war sie insgeheim überzeugt.
Aber natürlich: An erster Stelle kamen die Kinder. An zweiter stand Nathans Terminkalender. Dann Kochen, Waschen, Putzen, Geburtstage, Halloween, Pessach, Chanukah und Weihnachten – die Familie verankern. So nannte sie das. Juliette war zwar völlig vernarrt in ihre Arbeit, setzte jedoch alles daran, sich ihren Übereifer nicht anmerken zu lassen, denn sie plagte ständig das schlechte Gewissen wegen der Leidenschaft, mit der sie ihr Unternehmen betrieb.
Biologische Kosmetika und Hautpflegemittel herzustellen, war ja nicht gerade weltbewegend wichtig. Man konnte juliette&gwynne sogar vorwerfen, unmoralisch zu handeln, da das Unternehmen sich die Angst der Frauen vor dem Altern zunutze machte, auch wenn sie und Gwynne nicht versuchten, den Frauen etwas vorzugaukeln. Sie hatten keine dubiosen Verjüngungscremes mit embryonalen Stammzellen für eine garantiert faltenfreie Haut im Angebot, sondern versicherten in ihrer Werbung, dass ihre Produkte das Beste aus dem machen würden, was Mutter Natur den Frauen mitgegeben hatte. In ihren Broschüren waren keine ewig jungen Gesichter abgebildet, sondern lediglich mit Weichzeichner aufgenommene reifere Frauen. Nichts deprimierte Juliette mehr als alte Frauen mit glatt gelifteten Gesichtern in Teenie-Klamotten.
Die Marke juliette&gwynne hatte sich einen Platz in der Welt erobert, das versicherten sie und Gwynne jedenfalls einander, und jedem, der es hören wollte, zählten sie auf, was sie unternahmen, um Frauen auch auf anderem Wege zu helfen:
Sheabutter (nur beste Qualität) bezogen sie von einem Frauenkollektiv in Ghana.
Die Verpackungen ließen sie von einem Frauenkollektiv in den Appalachen herstellen.
Ein Teil ihrer Produkte ging als Spende an ein Frauenhaus.
Nachdem sie in der vergangenen Woche den letzten Punkt auf die Liste gesetzt hatten, hatte Gwynne einen großen Schluck von ihrem Bier getrunken und gesagt: »Machen wir das nicht nur, um unser Gewissen zu beruhigen, Juliette? Feuchtigkeitscremes und Lippenstifte für misshandelte Frauen? Ich meine, wäre denen nicht eher mit einem Scheck geholfen?«
»Okay, du hast ja recht.« Juliette hatte sich in dem alten Ledersessel zurückgelehnt, den die Anwaltskanzlei von Gwynnes Mann ihnen gespendet hatte. Zwei Zimmer in Juliettes renovierungsbedürftigem Haus in Waltham dienten als Büroräume für juliette&gwynne//flush de la beauté. »Wenn wir erst mal richtig im Geschäft sind, können wir auch einen Scheck spenden.«
Vielleicht würden sie eines Tages das ganz große Geld machen. Sie hatte nie jemandem gestanden, nicht einmal Nathan, wie sehr sie davon träumte, reich zu sein. Das war eindeutig ihre Mutter, die da in ihr durchkam. Aber Juliette liebte es nun einmal, schöne Dinge zu besitzen. Edle Klamotten. Hauchdünnes Porzellan und dicke Daunendecken.
Und außerdem natürlich gesunde, glückliche Kinder.
Vor allem gesunde, glückliche Kinder.
Juliette hütete sich davor, Stolz zu zeigen. Als Kind war es ihr furchtbar lästig gewesen, dass ihre Mutter sie unablässig ermahnt hatte, ihre Haut zu pflegen und darauf zu achten, dass sie ordentlich gekleidet war, was dazu geführt hatte, dass sie ins andere Extrem verfallen war und sich als unabhängige Frau ausgegeben hatte, die frei war von derlei Äußerlichkeiten. Doch das war nicht sie. Ihr fehlte das Selbstbewusstsein ihrer Mutter, und zu ihrer Schande musste sie sich eingestehen, dass sie großen Wert auf ihre äußere Erscheinung legte.
Zumindest für ihr Unternehmen war ihr heimliches Laster jedoch von Vorteil. Das Unternehmen juliette&gwynne verdankte seine Existenz allein Juliettes Eitelkeit. Nachdem sie ihre Mode-Kolumne in der Zeitschrift Boston aufgegeben hatte, um mit Lucas und dann mit Max zu Hause zu bleiben, konnte sie sich irgendwann die teuren Kosmetika, die sie für gewöhnlich verwendete, nicht mehr leisten. Mit Nathans Professorengehalt kamen sie so gerade über die Runden. Sie begann, zu Hause zu experimentieren, benutzte Zutaten von Weihrauch bis Kamille für ihre Feuchtigkeitscremes und stellte Peelings her, für die sie Zucker, Haferflocken und sogar Kaffeesatz verwendete.
»Mommy!« Der fünfjährige Max stürmte ins Zimmer und warf sich auf das ramponierte Sofa, sodass die Broschüren und Produktmuster, die darauf lagen, durcheinanderrutschten. »Ich hab Hunger!« Er kuschelte sich an Juliette.
Lucas erschien in der Tür. »Ich hab dir doch gesagt, du sollst im Spielzimmer bleiben.« Er packte seinen Bruder am Kragen. »Komm, ich hol dir einen Müsliriegel.«
Das Geld, das er fürs Babysitten bekam, förderte zweifellos seine Motivation, dennoch beeindruckte es Juliette, wie ernst ihr Großer seine Aufgabe nahm, auch wenn sie zugleich fürchtete, dass er seinem jüngeren Bruder vor lauter Übereifer am Ende den Kopf abreißen könnte. Sie löste Lucas’ Finger von Max’ T-Shirt und lächelte. »Ist schon in Ordnung. Ich glaube, wir gehen am besten alle nach unten. Ihr zwei könnt im Esszimmer malen, während ich das Abendessen mache.«
Juliette nahm das Gemüse aus dem Kühlschrank – Blumenkohl, Zwiebeln, Pilze, Möhren –, das sie bereits um sieben Uhr früh für eine Graupensuppe mit Hähnchenfleisch vorbereitet hatte, während Nathan und die Kinder noch geschlafen hatten. Sie stellte die Plastikbehälter in der Reihenfolge auf die Arbeitsfläche, in der sie das Gemüse andünsten wollte, bevor sie die Hühnerbrühe hinzugoss.
Sie schnitt die Hähnchenbrust in Würfel und ließ gerade genug Haut daran, dass sie der Suppe Geschmack gab, ohne Nathans Herz zu belasten.
Nathan. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Er war gerade von Brooklyn ins Hudson Valley gezogen, wo Juliette aufgewachsen war. Er hatte am Bard College, wo Juliettes Vater den Fachbereich Politikwissenschaft leitete, seine erste Stelle als Dozent für Soziologie angetreten.
Sie hatten sich auf der traditionellen Weihnachtsfeier im Haus ihrer Eltern kennengelernt. Sie wohnten damals in Rhinebeck, einer Stadt im Hudson Valley, in der sich viele New Yorker niedergelassen hatten. Herbe Aftershaves wetteiferten mit schweren Damenparfüms von Chanel und Joy. Die Frauen trugen Strass und Samt, die Männer Anzüge oder Norwegerpullover. Juliette erregte allgemeines Aufsehen in einem kurzen saphirblauen Kleid.
Nathan trat zu ihr, als sie mit einem Glas Eierlikör in der Hand dastand und zusah, wie ihre Mutter in ihrer Rolle als Gastgeberin aufging. Seine Krawatte, die von Weitem aussah, als wäre sie aus einem in Blautönen changierenden Stoff, war bei näherem Hinsehen mit winzigen Davidsternen gemustert.
Sie berührte einen der Sterne mit der Fingerspitze. »Ein Bekenntnis?«
»Ein Geschenk meiner Eltern zu Chanukah.«
»Wollen Ihre Eltern Sie brandmarken?«
»Ich bin einfach zu weit weg von Brooklyn: Sie wollen solche Schicksen von mir fernhalten, die kleine goldene Kreuze um den Hals tragen.«
Reflexartig berührte Juliette ihren Hals. »Da hab ich ja Glück. Ich bin nur eine halbe Schickse.«
Er zeigte auf den mit Lichtern behängten Christbaum, der so groß war, dass er fast die Zimmerdecke berührte. Das Treppengeländer war geschmückt mit Girlanden aus roten Schleifen und mit Tannenzweigen, die mit glitzernden Schneeflocken verziert waren. Er berührte eine der blonden Locken, die ihr Gesicht einrahmten. »Und wo in Gottes Namen versteckt Ihre Familie die andere Hälfte?«
Juliette nahm seine Hand. »Kommen Sie. Ich zeig es Ihnen.«
Sie führte ihn in die stille Bibliothek, die zum Glück vom Weihnachtsschmuck verschont geblieben war.
»Sehen Sie?« Sie zeigte auf den Kaminsims, auf dem ein Chanukah-Leuchter aus blauem Glas zwischen zwei ebenfalls gläsernen Dreideln stand.
»Ich nehme nicht an, dass Sie jemals damit gespielt haben.«
Juliette berührte die gläsernen Kreisel mit den Fingerspitzen. »Nein.«
Sie hatte als Kind kaum mit etwas gespielt, was sich außerhalb ihres Zimmers befand. Ihre Eltern hegten und pflegten das Haus fast wie ein Heiligtum. Das Haus war Juliette immer wie ein Konkurrent vorgekommen, mit dem sie um die Gunst der Eltern wetteifern musste, und Juliette war es meist so vorgekommen, als hätte das Haus gewonnen.
»Wohnen Sie hier bei Ihren Eltern?«
»Nicht mehr, seit ich die Semesterferien hier verbracht habe.«
»Sie mögen Rhinebeck nicht?«, fragte er.
»Hier gibt’s nicht viel zu tun, wenn man nicht gerade am Bard College studiert.« Sein Haar war dicht und glatt. Und Hollywood-schwarz.
Noch in derselben Nacht schlief sie mit ihm.
»Gott, du bist ja wie liebestrunken«, bemerkte ihre Mutter trocken, als Juliette am nächsten Tag nach Hause kam.
Liebestrunken. Ihre Mutter hatte das richtige Wort getroffen. Die Nacht mit Nathan hatte stürmisch angefangen und war dann in berauschenden Zärtlichkeiten ausgeklungen. Sie waren füreinander entflammt und hatten sich am Nachmittag gar nicht voneinander trennen können. Kaum hatte Nathan sie nach Hause gebracht, wäre sie am liebsten wieder zu ihm gefahren.
Juliette glättete ihr zerknittertes Abendkleid. »Ganz genau.«
Ihre Mutter klaubte eine Fluse von ihrem Rocksaum. »Lass ihn das nicht merken – jedenfalls noch nicht. Es gibt einem Mann zu viel Macht, wenn er sieht, wie sehr eine Frau ihn anbetet.«
Während Juliette Olivenöl in eine Pfanne gab, dachte sie, wie traurig die Worte ihrer Mutter waren. Wie konnte man denn seine Liebe verbergen? Tat ihre Mutter das etwa immer noch nach fast vierzig Jahren Ehe? Ihre Eltern waren auf eine Weise miteinander verbunden, die Juliette schrecklich fand und um die sie sie zugleich beneidete, aber dass diese Verbundenheit auf Taktik basierte, konnte sie nicht glauben. Als Jugendliche hatte sie die Ehe ihrer Eltern als eine verschworene Gemeinschaft empfunden, zu der sie keinen Zutritt hatte. Ihr ganzes Leben spielte sich am Rand der Liebe ihrer Eltern ab.
Das Öl qualmte. Sie tat die Zwiebeln in die Pfanne. In dem Augenblick kam Nathan herein. Juliette schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, wie jedes Mal, wenn er auftauchte. Sie liebte ihn immer noch wie am ersten Tag. Vielleicht sogar noch mehr. Kinder mit jemandem zu haben, war für sie das Erotischste, was einen mit einem anderen Menschen verbinden konnte.
Sie küssten sich. Er fuhr ihr mit der Hand zärtlich über den Rücken, dann legte er ihr die Hände auf die Schultern. Die jahrelange Erfahrung als Ehefrau sagte ihr, dass die Art, wie seine Finger auf ihren Schultern ruhten, nichts Gutes verhieß. Etwas lag ihm auf der Seele.
»Wo sind die Jungs?«, fragte er.
»Sie sind im Esszimmer und malen.« Die Zwiebeln waren inzwischen glasig, und sie gab den Knoblauch und die Pilze in die Pfanne. »Ich glaube, Lucas hat heimlich den Fernseher eingeschaltet, aber ich bin eine schlechte Mutter und lasse die beiden gewähren, bis ich mit dem Kochen fertig bin. Aber jetzt, wo du da bist, kannst du gern rübergehen und die Kinder zurechtweisen.«
Sie wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, das sie sich in den Hosenbund gesteckt hatte, dann drehte sie sich zu ihm um und umarmte ihn. Sie erschrak, als sie seine angespannten Muskeln spürte.
»Was ist los?« Sie schob ihn von sich, damit sie sein Gesicht sehen konnte. In seinen Augen spiegelten sich Gefühle, die sie nicht deuten konnte, nur dass Angst dabei war. »Ist etwas mit deinen Eltern? Geht es deinem Vater gut?« Hatte sein Vater einen weiteren Herzinfarkt erlitten? Oder Schlimmeres?
Nathan schüttelte den Kopf.
»Ist in der Arbeit etwas vorgefallen?«
»Nein.« Nathan holte tief Luft.
»Was ist es dann? Du siehst furchtbar aus. Bist du krank?«
Er ging zum Schrank und nahm eine Flasche Brandy heraus. Wie üblich, wenn er nach Hause kam, schenkte er sich einen Doppelten ein.
Juliette legte ihren hölzernen Kochlöffel weg. War etwas mit ihren Eltern passiert? Mit ihrem Vater? Hatte ihre Mutter Nathan angerufen und ihn gebeten, Juliette irgendeine schlimme Nachricht zu überbringen? Vor Angst krampfte sich ihr Magen zusammen. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen. Sie setzte sich ihm gegenüber an den Tisch, so nah, dass ihre Knie sich berührten.
Als sie seine Hände nahm, fühlten sie sich kalt an. Sie drückte eine Hand an ihre warme Wange. »Liebling, was ist denn los?«
Er ließ den Kopf hängen, legte seine Hände auf ihre. Seine Schultern zuckten, als er anfing zu weinen. Juliette erstarrte.
»Erzähl’s mir.«
»Ich habe eine Affäre gehabt, Juliette. O Gott, es tut mir so leid.«
3. Kapitel – Caroline
Nach fünf Jahren Ehe schlief Peter immer noch so leidenschaftlich mit Caroline, als wäre Sex mit ihr die Erfüllung seines Lebenstraums. Das Objekt seiner Begierde zu sein, weckte auch ihre Lust. Wenn sie auf dem Laufband trainierte, machte sie sich Gedanken über Probleme auf der Arbeit und hielt ihre Ideen in einem kleinen Notizheft fest, das sie immer in der Tasche hatte. Auf dem Weg mit dem Zug zur Arbeit las sie medizinische Fachzeitschriften, im Auto auf dem Weg zu ihren Eltern hörte sie Audiobücher. Nur wenn sie mit ihrem Mann zusammen war, besann sie sich darauf, ein körperliches Wesen zu sein. Zu keinem anderen Zeitpunkt verließ sie ihren Kopf und lebte wirklich in ihrem Körper.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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