Das Berliner Fenster - Saša Ilić - E-Book

Das Berliner Fenster E-Book

Saša Ilić

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Beschreibung

Wie eine Berliner U-Bahn taucht der Roman „Das Berliner Fenster“ rasch in eine andere Welt ab, die man schwer wieder ausblenden kann, an die man sich aber dennoch nie genau erinnert. So verhält es sich mit den Geschichten, die hier zum Leben erweckt werden. Auf dramaturgisch brillante Weise laufen Schicksale aus dem Dritten Reich, der DDR, dem Jugoslawienkrieg der Neunzigerjahre und der Berliner Gegenwart zusammen, stets mitreißend und dennoch unaufdringlich. Vor der Kulisse aus Stationslärm, Musikanten und der Vielsprachigkeit der Passagiere schreibt Saša Ilić gegen das Verdrängen und Verleugnen an; mal rot, mal schwarz, oft schmerzhaft ehrlich und zugleich bezaubernd unterhaltsam. Ein Berliner Buch mit Nachhall, das niemanden zum “Zurückbleiben!” auffordern wird.

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Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Die Herausgabe dieses Werks wurde gefördert durch TRADUKI, ein literarisches Netzwerk, dem das Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres der Republik Österreich, das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, KulturKontakt Austria (im Auftrag des Bundeskanzleramts der Republik Österreich), das Goethe-Institut, die Slowenische Buchagentur JAK, das Ministerium für Kultur der Republik Kroatien, das Ressort Kultur der Regierung des Fürstentums Liechtenstein, die Kulturstiftung Liechtenstein, das Ministerium für Kultur der Republik Albanien, das Ministerium für Kultur und Information der Republik Serbien, das Ministerium für Kultur und nationale Identität Rumäniens, das Ministerium für Kultur von Montenegro, das Ministerium für Kultur der Republik Mazedonien, die Leipziger Buchmesse und die S. Fischer Stiftung angehören.

Elvira Veselinović dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für die Unterstützung durch ein Arbeitsstipendium.

Saša Ilić - Das Berliner Fenster

1. Auflage 2019 © eta Verlag Schönhauser Allee 26 10435 Berlin

Titel der Originalausgabe: “Berlinsko okno” 2005 Verlag Fabrika knjiga, Belgrad, Serbien

Übersetzung aus dem Serbischen: Elvira Veselinović Lektorat: Marie-Luise Alpermann Titelgrafik: Olga Reljić Designkonzept: Stefan Müssigbrodt

Foto im letzten Kapitel: Duo-phon-records, Berlin

ISBN 978-3-9820030-3-0

Die Vergangenheit des Anderen und in gewisser Weise auch die Geschichte der Menschheit, an der ich nie teilgenommen habe, bei der ich nie gegenwärtig war, sind meine Vergangenheit.

Emmanuel Levinas

Sie sind verwirrt, meine Damen und Herren? Sie fragen sich, um was für ein Fenster es sich hier handelt? Ständig diese Neugier! Immer wollen Sie alles sofort erfahren und dann wieder gehen! Das geht aber nicht ... Bitte? Sie meinen, ich wüsste es? Ich weiß es aber gar nicht! Sie müssen sich schon ein bisschen den Hals verrenken, um das Ende dieser Geschichte zu erfahren. Ja, genau! Ich soll sie Ihnen vorlesen? Um Himmels Willen! Das ist doch kein Hörbuch!

Ein Knopfdruck, den Hintern gemütlich im Sessel platziert, Augen zu, und jemand anders arbeitet für Sie. Er liest und liest.

Aber wissen Sie was? Meine Stimme würde Ihnen gar nicht gefallen. Das kann ich Ihnen sagen! Sie ist irgendwie rau. Sie kratzt.

In der Grundschule bin ich schon bei der ersten Chorprobe rausgeflogen. Die Lehrerin sagte zu mir: »Weg mit dir, du kleines Dickerchen!« Und – Schluss! Und Sie wissen ja sicher noch gut, was es damals bedeutete, im Chor zu singen. Was? Etwa nicht? Schämen Sie sich!

Na gut, wenn Sie unbedingt wollen, kann ich Ihnen einiges anvertrauen. Einfach nur, um Sie zum Umblättern zu bewegen. Ich sehe schon, Sie sind zu faul zu allem: zum Denken, zum Lesen, zum Erinnern ... was kann ich da schon machen. Das ist dann wohl eher ein Fall für den Arzt, nicht für die Literatur.

Aber dieses Buch interessiert Sie, ja? Was Sie nicht sagen! Also:

Es ist ein Bericht über die Begebenheiten (worüber auch sonst) eines Frühlings in Berlin. Direkt zu Beginn sehen Sie einen jungen Mann und seinen Vermieter am Alexanderplatz sitzen, die sich genau dasselbe fragen wie Sie gerade. Und dann beginnt dieser junge Mann, von Neugierde ergriffen, seine Arbeit immer mehr zu vernachlässigen. Bald sehen wir ihn kopflos mit der Berliner U-Bahn herumfahren. Anstatt etwas zu tun, bildet er sich ein, sein verschwundener Freund sei in der Stadt, und so verwendet er seine ganze Zeit für die Suche. Ohne Ergebnis, könnte man sagen. Dabei bleibt ihm im Leben wirklich nichts erspart. Er verliert seine Arbeit, und wird, im Gegensatz zu Ihnen, erneut mit den Dingen konfrontiert, vor denen er geflohen ist.

Zum Schluss sehen wir einen derart schmerzhaften Abschied von Berlin, dass einem das Herz schwer wird. Dem jungen Mann fällt, obwohl das gar nicht beschrieben wird, der Schleier von den Augen, und er begreift, dass viele Dinge ganz anders aussehen.

Aber diese Geschichte wird Ihnen nicht er selbst erzählen, sondern die Menschen, denen er begegnet: Professor Greber, die Schauspielerin Ana, ihre Tochter Lucija, die Schwestern Hodžić und der Anarchist Drago.

Jetzt dürfen Sie getrost umblättern. Wenn ich mit den Fingern schnippe – schnipp! –, werden Sie begreifen, dass die wahre Geschichte gerade erst beginnt ...

Erstes Kapitel

Schnipp! Sie sind am Alex. Es ist das Jahr 2002. Wenn Sie hinunterschauen – nicht dahin, sondern zum Springbrunnen –, sehen Sie zwei Menschen auf einer Bank. Sie können sie auch hören, es sei denn, Ihr Gehör hat Sie bereits im Stich gelassen. Der junge Mann ist nach Berlin gekommen, um Gespräche mit Migranten aufzuzeichnen. Eine Belgrader Nichtregierungsorganisation zahlt ihm dafür fünf Euro die Stunde. Glauben Sie mir, das ist gar keine so schlechte Summe, wenn man bedenkt, dass seine Unterkunft bezahlt ist. Bratwurst im Brötchen, mit reichlich Senf, gibt es am Alex schon für einen Euro. Ein Kaffee kostet eins fünfzig. Somit kann sich dieser junge Mann für eine Stunde aufgezeichneter Gespräche satt essen und sogar zu guter Letzt noch mit einem mit Marmelade gefüllten Pfannkuchen belohnen. Vielleicht wäre dies sogar geschehen, wenn Professor Greber ihm nicht seine »Weltanschauung« dargelegt hätte.

1

Die Überlebenden dunkler Zeiten erinnern sich noch immer daran, wo sich die Katakomben befanden – für die Berliner waren sie in der Lutherstraße, für die anderen in einer verlassenen Gegend im Belgrader Stadtteil Karaburma oder der Altstadt von Sarajevo, völlig egal. Als die Bewohner überstürzt ausziehen mussten, ohne sich im Türrahmen ihrer Wohnung noch einmal umdrehen zu können, hinterließen sie Zeitungen, die sie nicht ausgelesen und in denen sie einzelne Sätze in den bleiernen Spalten unterstrichen hatten, zerfledderte Zahnbürsten im Waschbecken und zerknüllte Hemden mit Flecken von der letzten Feier im offenstehenden Schrank. Unter vielen überflüssigen Dingen finden sich hier auch Hefte mit surrealistischen Zeichnungen: Langbeinige und Langohrige im Vorbeimarschieren auf einer Brücke, die keine Ufer, sondern Wolken miteinander verbindet. In einer Ecke, hinter einem umgeworfenen Stuhl, liegt ein vergessener Koffer mit einem kleinen Akkordeon und eine schwarze Jongleurshose mit weiten Hosenbeinen. Es ist nicht so einfach festzustellen, wem diese gehörte, denn die Hosenbeine könnten jeden aufnehmen – einen Erwachsenen oder aber ein Kind, das beschlossen hat, mit dem Wachsen aufzuhören.

In einer dieser Wohnungen, in der alle Relikte der früheren Mieter noch erhalten waren, wurde in Berlin das Kabarett Die Katakombe eröffnet, in dem 1933 Isa Vermehren als fünfzehnjährige Akkordeonistin auftrat. Nachdem sie sich eines Morgens in der Schule geweigert hatte, die Hakenkreuzflagge zu grüßen, war sie gezwungen, ihr Gymnasium in Lübeck zu verlassen und sich nach Berlin aufzumachen, um dort Arbeit zu suchen. Heute erinnert sich kaum noch jemand an Isa Vermehren, noch nicht einmal die Studenten, die sich die lange U-Bahn-Fahrt von Pankow nach Ruhleben mit der Lektüre der Kalendergeschichten vertreiben. Dennoch wird sich just auf diesem Gleis, irgendwo kurz hinter dem Bahnhof Eberswalder Straße, wo der Zug wieder unter die Erde abtaucht und das U-Bahn-Fernsehen Berliner Fenster den Wetterbericht sendet, jemand an dieses Mädchen erinnern: Herr Viktor Greber.

Er sitzt mir gegenüber und blinzelt jedes Mal, wenn sich unsere Blicke begegnen. Dann sagt er, er wolle mich nicht weiter belästigen, ich aber bitte ihn, auf jeden Fall fortzufahren, denn diese Geschichte über das Mädchen aus der Katakombe ist nicht nur eine deutsche Geschichte aus den Dreißigerjahren, es ist auch eine Geschichte aus den Neunzigern, von denen mir nichts geblieben ist als ein Kloß im Hals und ein unaufhaltbarer Rhythmus in den Fingern, der im Takt ihres Liedes klopft: Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön ...

Niemand glaubt heute mehr, dass diese Verse tödlicher waren als Brechts Stücke oder Manns Kritik am Dritten Reich, und zwar nur aus einem Grund: Die junge Isa Vermehren führte ihre Kabarettnummern in Berlin auf, während Herr Mann seine Interviews beim Spaziergang am Zürichsee gab und Brecht mit Helene Weigels bebender Hand auf der Schulter gen Amerika segelte.

Nur wer selbst finstere Zeiten im Leben durchgemacht hat, erkennt Jene, die diesen gerade erst entflohen sind. In dem Fall wissen sie nur zu gut, was genau sie an jene winzige Unannehmlichkeit erinnert, die von den Ärzten foetor ex ore genannt wird, wogegen diese regelmäßiges Gurgeln empfehlen, als könnte man dieses etwas mit einer antiseptischen Lösung beseitigen. Schon nach ein, zwei Stunden auf der Straße, im Geschäft oder in Gesellschaft, quillt es aus ihnen hervor wie Mundgeruch, wie das Schicksal. Dies unterscheidet sich vom Blickwinkel des Emigranten, auf dessen Beschreibung sich ganze Generationen von Schriftstellern verbraucht haben.

Dies hat – so sagt mir Herr Greber –, da sie die Maschinerien von Ravensbrück, Buchenwald und Dachau durchlaufen hat, auch Isa Vermehren gekennzeichnet.

Solchen Menschen begegne ich manchmal in der Berliner U-Bahn. Ich sehe sie mit massiven alten Akkordeons der Marke Dallapé durch die Wagen ziehen und dabei etwas spielen, das an Fallsucht erinnert. Wenn ihnen jemand ein Geldstück in die Mütze wirft, lachen sie, sagen »Danke« und »blagodaria«.

Eine winzige Frau, in einen riesigen Mantel gehüllt, wendet zum Zeichen des Protests ihren Kopf ab. Da ich mich nicht von ihnen trennen kann, fahre ich bis zum Alexanderplatz mit, wo sie gewöhnlich aussteigen. Während wir die U-Bahn verlassen, hält Herr Greber die Krempe seines schwarzen Hutes fest, um ihn gegen die unterirdischen Windstöße zu verteidigen.

Er lacht über meine Beharrlichkeit. Dann lässt er scheinbar nachlässig den Hut los, um mir zu zeigen, dass alles, was ich da mache, sinnlos ist. Plötzlich steht er tatsächlich barhäuptig da, weil ein Luftstrom seinen Hut hochfliegen lässt. Ratlos steht Herr Greber dort und berührt instinktiv seinen kahlen Hinterkopf. Deswegen bleiben wir beide als Letzte auf dem Bahnsteig übrig; wir warten, bis das Gedränge sich verflüchtigt hat. Nachdem er schließlich den Hut zwischen den Bänken gefunden hat, schüttelt Herr Greber ihn gut aus, drückt die Ausbeulung wieder zurück und sagt, er werde sich nie an das Gewühl in der Berliner U-Bahn gewöhnen, und das, obwohl ein Verwandter von ihm, ein gewisser Rudolf, den Großteil seines Lebens unter der Erde verbracht hat, als U-Bahn-Fahrer.

Am Alexanderplatz, in der Nähe des Springbrunnens, in dem ein bronzener Poseidon mit den Sirenen spielt, treffen wir die Musikanten; sie sitzen, trinken und reden auf Kroatisch über die schönen Adriainseln, die sie schon so lange nicht mehr gesehen haben. Dann gehen sie auseinander bis zum nächsten Tag, an dem sie das unterirdische Volk wieder den ganzen lieben langen Tag mit ihrer Musik beglücken werden.

Auch sie wissen weder, wer Isa Vermehren war, noch, wer sie heute ist, – aber das interessiert sie auch nicht; alles, was sie wollten, haben sie in ihrem Land, in ihren Ländern gemacht. Jetzt bleibt ihnen nur noch das rote Gelächter des Akkordeons.

2

Herr Greber brachte mir bei, wie man die Abende auf der Bank beim Neptunbrunnen am Alex verbringt. Er nimmt dann immer seinen Hut ab, legt ihn zwischen die Knie und beobachtet die Kolonnen, die aus der U-Bahn kommen: Er will mir glaubhaft machen, dies sei der einzige Anblick, der ihm im heutigen Berlin überhaupt noch irgendeine Art von Genuss bereite. Alles andere sei falsch, sagt er. An uns laufen, ohne zu wissen, dass wir auf sie warten, auch die müden Musiker vorbei, die ihre Tagschicht beendet haben und jetzt mit großen Bierdosen in der Hand nach einem angenehmeren Ort Ausschau halten. Herr Greber, ehemaliger Slawistikprofessor der HumboldtUniversität, genießt es, ihnen zuzuhören. So übt er sein Serbokroatisch. Mit Jugoslawien verbindet ihn eine große Liebe, und das schon seit den späten Siebzigern, als er auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Dubrovnik eine gewisse Katarina Zlatarić kennenlernte. Wegen der Erinnerung an diese wunderbare Woche nahm er mich bereitwillig in seiner Wohnung auf. Oft beginnt er auch von ihr zu erzählen, wobei er eigentlich über sich redet, wie er damals war und wie schwierig es war, aus der DDR nach Jugoslawien zu gelangen. Er selbst schaffte es erst, nachdem er ordentlicher Professor geworden war. Wenn ich ihm jedoch sage, dass es die Städte aus seiner Erinnerung so nicht mehr gibt, setzt er den Hut zum Zeichen des Protests wieder auf: Ich werde niemals einverstanden sein! Der alte Onofrio-Brunnen steht doch aber noch, oder?

Viktor Greber gehört zu der Sorte Mensch, die ihre Weltanschauung in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gefestigt und ihre Bildung aus Büchern, die in Osteuropa zirkulierten, bezogen hat. All diese Bücher besagten, er selbst sei seines Glückes Schmied, was er zu Beginn noch aufregend fand, später aber versiegte dieses Gefühl und hinterließ nur noch tiefen Zweifel. Nach dem Mauerfall wurde Herr Greber zum unverbesserlichen Skeptiker. Er unterhielt sich mit seinen Kollegen, war aber niemals ihrer Meinung, wenn es um die Berliner Republik ging, noch sah er einen Unterschied zwischen Ulrich Briefs und Willy Brandt. Zum Schluss zog er sich gern in den Ruhestand zurück. Er blieb in seiner kleinen Wohnung, gefangen in seinen Büchern und der rigiden Anschauung, auf dieser Welt würde nichts Neues geschehen, jedenfalls nichts so Sichtbares wie der Fall der Mauer oder Jugoslawiens.

Während wir im Café am Neptunbrunnen zu Abend essen, zerschneidet er einen großen grünen Apfel auf dem Tablett und versucht dabei, mir einige Erscheinungen zu erläutern: Pars pro toto! sagt Herr Greber, während er ein Stück Apfel in den Mund nimmt. – Jedes Stück bewahrt eine Erinnerung an das Ganze, nicht wahr? Ich nicke und nehme den anderen Apfel. Als ich ihn geschält habe, zeige ich ihm mit der Messerspitze die lange grüne Spirale: Da, das ist übriggeblieben von Jugoslawien, nur die Schale – der Apfel wurde herausgenommen. Der Professor lacht bitter und zermalmt weiter die Apfelstückchen mit seinen großen falschen Zähnen. Meine Metapher ist ihm nicht ganz klar, aber er verspricht, in den nächsten Tagen darüber nachzudenken. Er hoffe mich überzeugen zu können, dass nichts der Veränderung unterworfen sei.

Zur Wohnung kehren wir mit der U-Bahn zurück. Nach langem Schweigen fragt mich Herr Greber, wie ich mit meiner Arbeit vorankomme, deretwegen ich nach Berlin gekommen sei, aber ich zucke nur mit den Schultern. Die Menschen, die ich suche, wollen sich mit niemandem mehr unterhalten. Niemand hat mehr Vertrauen. Mein Wohnungsgeber schaut mich fragend an, dann krault er sich am Kinn. Während die gelbe Wagenreihe Richtung Pankow rast, wechseln sich hinter den Scheiben Werbung, Seitennischen und Dunkelheit ab.

3

Ich habe die Angewohnheit, spät nachts, wenn der hartnäckige Husten meines Wohnungsgebers im Nachbarzimmer sich beruhigt hat, die Fotos und Notizen des zurückliegenden Tages zu sortieren. Auf meinem Tisch liegt dann eine Welt, die so zerrissen ist, dass ich mich frage, ob sie jemals existiert hat.

Dann fallen mir Grebers Worte ein und ich lache angesichts dieses Bilder- und Papierhaufens über mich selbst. Je weiter die Nacht voranschreitet, desto nervöser werde ich. In dieser Unordnung versuche ich, eine tiefere Ordnung zu finden, die meine Hoffnung am Leben erhält, allen diesen Gesichtern würde etwas Ewiges anhaften. Aber Spuren sind trügerisch, und ich frage mich immer öfter, ob ich unverrichteter Dinge zurückkehren werde. Ich befürchte auch, dass der Bericht, den ich Herrn Č. demnächst nach Belgrad schicken muss, zu einer persönlichen Beichte werden wird. Aber die NGO wird das nicht so hinnehmen. Es gibt Formulare mit präzisen Vorgaben für das Ausfüllen. Und da sind ja auch noch die durchnummerierten Kassetten mit aufgezeichneten Gesprächen. Alles andere ist wertlos. Ich glaube auch nicht, dass Viktor Greber sonst noch etwas für mich tun kann. Die Menschen, die ich treffe, schweigen am liebsten über das, was sie erlebt haben, und leider sind sie meine einzige Fährte. Sie leben zurückgezogen und laden mich nur selten in ihre Zimmer ein, denn sie fürchten sich vor der Anwesenheit eines Menschen, der ihre Sprache versteht. Sie sind misstrauisch, es fällt ihnen schwer zu sprechen, und meistens gehen sie nicht ans Telefon. Herr Greber nennt sie die Verschwundenen, denn ihm scheint, niemand könnte sie mehr finden. Einmal fragte ich ihn, was mit seiner Katarina passiert sei, ob sie auch zu dieser Gruppe gehöre, aber er blieb mir die Antwort schuldig, indem er so tat, als verstehe er mich nicht. Am nächsten Tag bekam ich die Antwort in Form eines Bündels von Briefen. Herr Greber blinzelte bedeutungsvoll und bot mir seine Korrespondenz an, aber ich warf nur einen Blick auf die Handschrift und gab sie ihm zurück. Er sagte, sie hätten sich lange geschrieben, der Kontakt sei jedoch 1991 abgebrochen, als sie beschloss, Dubrovnik zu verlassen. Im Übrigen frage er sich, warum er mir das alles erzähle, wenn ich ihm ja doch nicht glaubte. Eines Tages würde ich mich schon noch von der Wahrheit seiner Worte überzeugen können, sagte er. Ich lachte. Dieses Lachen machte mich jedoch alles andere als froh. Ich tat das aus Gewohnheit, aus Unfähigkeit, irgendetwas zu antworten. Ich wusste sehr wohl, was er mir da sagte.

Spät nachts, als sein Husten sich beruhigt hat und ich in den Fotos keine Ordnung mehr erkennen kann, schiebe ich sie mit einer Handbewegung vom Tisch in eine große Tüte und gehe hinaus. Ich setze mich in die U-Bahn und fahre zum Potsdamer Platz, von dort aus gehe ich zu Fuß durch den windigen Tiergarten bis zur Siegessäule. Als ich oben bin, kralle ich meine Finger in den Maschendraht und betrachte die Stadt wie ein Greifvogel. Ich glaube, die Menschen, die ich suche, kommen erst nachts hinaus, wie die Fledermäuse. Sie kommen langsam aus ihren kleinen Zimmern gekrochen, schütteln den Staub ab und fliegen aus. Wenn ich mein Gehör anstrenge, scheint es mir, als würden sie die Äste in den Berliner Wäldern brechen und zu den Spreekanälen eilen.

4

Eines Morgens sah ich Herrn Greber auf der Bettkante sitzen und stellte fest, dass sein linkes Bein kürzer war als sein rechtes. Er bat mich um Hilfe, aber eigentlich wollte er nur reden, denn die Einsamkeit bekam ihm, wie er sagte, schon lange nicht mehr. Er stand auf, machte einen unsicheren Schritt und drehte sich zu mir herum: Sehen Sie, sagte er, dies ist mein kleines Geheimnis. Ohne geht es nicht ... Dabei öffnete er eine Schranktür und drei Paar orthopädische Schuhe kamen zum Vorschein. Die Sohlen aller linken Schuhe waren dick, ausgefüllt mit einer Plastikmasse, um den körperlichen Mangel meines Wohnungsgebers auszugleichen. Er zog einen der Schuhe heraus und hob ihn auf Augenhöhe: Riesig? Ziemlich groß, nicht wahr?! Ich nickte. Aber er sei nicht so zur Welt gekommen. Seine Eltern, Renate und Helmut, waren von gesundem Körperbau und hätten niemals ein solches Kind bekommen. Diese Anomalie hatte er erst später erworben, was keine Seltenheit ist bei den Menschen: Die einen beginnen vor lauter Neugier zu schielen, Verkäufer bekommen vom Stehen Krampfadern, er hingegen hatte wegen einer Jugendsünde ein zu kurzes Bein. Als Student hatte er versucht, über die Mauer nach Westberlin zu gelangen, da er glaubte, dort drüben sei die Welt anders. Er hatte die Aktion sorgfältig vorbereitet, tagelang die Seile ausgesucht, sie in verschiedenen Geschäften gekauft und nachts hinter geschlossenen Vorhängen geflochten. Um all das aushalten zu können, hatte er beschlossen, zu trainieren, er lief jeden Morgen zum alten Judenfriedhof und zurück. Er musste gut in Form sein. In jenen Tagen schloss er sich oft in sein Zimmer ein und nahm aus dem zweiten Band der Bösen Geister eine gepresste Seite der Berliner Zeitung heraus, auf der ein Text über Clowns aus Rom abgedruckt war. Sie hatten nach einem Gastspiel in Ostberlin unter dem wachen Auge der Armee unbemerkt in einer großen Pauke ein Mädchen herausgeschmuggelt. Während er die fröhlichen Gesichter dieser Musiker und Jongleure betrachtete, die ihre Kegel in die Luft warfen, verspürte der junge Greber Lust, diese Welt hinter dem Vorhang zu besuchen. Er lag dann lange so auf dem Fußboden und phantasierte, von einer inneren Glücksflamme erwärmt, die seine Wangen erröten ließ. Einmal erwischte ihn sein betrunkener Onkel Rudolf auf dem Boden liegend, aber in seinem umnebelten Verstand deutete er dies als Folgen von Liebesleid, sodass er nur lachte und einen weiteren zünftigen Schluck nahm. Für den jungen Greber jedoch war dies eine weitaus größere Pein als jeder Liebeskummer, und nach zwei missglückten Versuchen vom Wohnhaus seiner Kommilitonin Elke Kowolik aus, die direkt neben der Mauer wohnte, schwor er sich, keinen weiteren Fehler zu machen. In der folgenden Nacht warf er das Seil erfolgreich hinab, setzte sich in die improvisierte Trage, band sich mit dem Gurt fest und begab sich langsam, indem er mit seinen bandagierten Händen bremste, in die andere Welt. Er seilte sich langsam ab, bis er plötzlich von einem Lichtstrahl getroffen wurde, woraufhin er sich, teils aus Angst, teils wegen der Gewehrsalven, plötzlich fallen ließ und am Seil herabrutschte. Als er auf dem Boden aufkam, war das erste, was er wahrnahm, der Ledergeruch neuer Soldatenstiefel, die ihn umgaben. Wie sich herausstellte, war er in den linken Knöchel getroffen worden, doch die Wachleute deportierten ihn, ohne ihm Erste Hilfe zu leisten, zurück in den Osten. Der junge Greber landete im Krankenhaus, bewusstlos, und als er wieder zu sich kam, war schon alles vorbei: die Operation beendet und sein linkes Bein, aus dem Stahlstifte herausragten, um eine Handbreit kürzer und eingegipst. Auf das Krankenhaus folgten zwei lange Jahre Zuchthaus. Auf dem harten Lattenbett seiner Einzelzelle, der linke Fuß in einem Kothurn, begriff er die Lektion, die er aus seiner eigenen Dummheit lernen musste.

Auch seine Kommilitonin Elke Kowolik kam nicht unbescholten davon. Noch in derselben Nacht wurde sie verhaftet und verhört. Sie verbrachte dreieinhalb Monate im Gefängnis. Später gestand sie ihm, dem Ermittler schon nach der ersten Backpfeife alles gestanden und alle Schuld auf ihn geschoben zu haben. Das war auch richtig so.

Es ist nichts Neues, dass die Welt voller Dummköpfe ist, aber er wollte mir diese kleine Anekdote aus seiner Vergangenheit erzählen, einfach um mir vor Augen zu führen, wie verschiedenfarbig sich die Dinge diesseits und jenseits der Mauer darstellten.

Ich bedankte mich und schickte mich an, zu gehen, als er mich zurückhielt und meinte, er habe mir noch etwas zu sagen: Gestern Abend habe jemand nach mir gefragt. Eine unbekannte Frauenstimme hatte eine Adresse hinterlassen: Carmerstraße 11. Das war in Charlottenburg. Herr Greber vermutete dahinter eine falsche Fährte, hatte die Angaben aber dennoch notiert. Auf dem Zettel stand in schlecht lesbaren, verformten Buchstaben unter der Adresse der Name Ana Dajdić.

5

Seit ich in Berlin angekommen bin, sind mir zwei wichtige Dinge passiert: Ich habe Viktor Greber kennengelernt und mich eine Woche später in der Stadt verlaufen. Ich war vergeblich einem Menschen gefolgt, dessen Gesicht mir bekannt vorkam.

Dann stellte ich fest, dass ich nicht wusste, in welcher Straße ich mich befand, und dass mir die Altbaufassade vorgaukelte, ich sei dort schon einmal gewesen. Kurz darauf rannte der Mann über die Straße, stieg in eine Straßenbahn und verschwand so aus meinem Sichtfeld. Ich befand mich in einem Dilemma, und wie immer, wenn so etwas geschieht, verhielt ich mich wie so viele Ausländer: Ich stieg in die U-Bahn und starrte während der Fahrt auf die unterirdischen Stadtpläne.

Im Waggon erklang die bekannte Musik, und die Menschen hoben ihre Köpfe, wenn die Musiker an ihnen vorbeiliefen.

Mit dem Blick folgten sie diesen Karnevalsfiguren, die das Berliner Unglück zu vertreiben suchen. Ich weiß nicht, wie viele Haltestellen ich auf diese Weise verstreichen ließ, in der Hoffnung, irgendwann auf eine Anschlussverbindung zum Alexanderplatz zu stoßen, als ich einer Frauenstimme hinter mir gewahr wurde. Die Frau war fast fünfzig und mit einem schweren Wintermantel gepanzert. Als mein Blick den ihren traf, wurde ihr klar, dass ich sie verstanden hatte, was sie jedoch nicht allzu sehr beunruhigte. Ruhig stand sie auf und bereitete sich darauf vor, an der nächsten Station auszusteigen. Sie war schnell und wäre mir, als die Tür aufging, fast entkommen.

Ich folgte ihr zum gegenüberliegenden Bahnsteig. Schon bald verschwand sie im Gedränge, als wüsste sie, dass ich sie verfolge, um dann, als die U-Bahn einfuhr, inmitten einer Gruppe lärmender Türkinnen wieder aufzutauchen. Wir fuhren im selben Wagen weiter. Aus irgendeinem Grund fürchtete ich, ich könnte sie verlieren, obwohl ich gar nicht wusste, ob diese Suche überhaupt Sinn hatte. Ich hatte mich verirrt, und meine einzigen Wegweiser waren die Stimmen aus der U-Bahn.

Die Frau stieg aus, aber diesmal zog sie ihren Mantel aus, nahm ihn unter den Arm und eilte davon, um sich meinem Blick zu entziehen. Ich lief ihr hinterher und rannte dabei einen Mann an der Tür fast um. Erst auf der Straße holte ich sie wieder ein. Angelehnt an das Metallgitter der Bushaltestelle stand sie ruhig da und blätterte in einer Zeitung. Ich hatte mir wohl eingebildet, sie würde vor mir fliehen. Im Tageslicht zerstoben alle meine Zweifel. Sie war bestimmt zehn Jahre jünger als gedacht und hatte ausgesprochen unruhige Gesichtszüge.

Ich ging auf sie zu und fragte, ob sie aus Jugoslawien sei. Die Frau schaute noch eine Weile auf die aufgeschlagenen Blätter des Freitags, dann bejahte sie, ohne den Blick zu heben. Genau wie viele andere, die ich in Berlin getroffen hatte, war sie nicht an einem Gespräch interessiert. Ich verlagerte mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen und wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann kam der Bus und sie stieg ein, ohne noch einmal in meine Richtung zu schauen. Ich folgte ihr ohne nachzudenken. Ich schob mich durch die Menge und stellte mich in ihre Nähe. Sie schaute aus dem Fenster und tat so, als bemerkte sie mich nicht. Der Bus glitt durch unbekannte Straßen, vorbei an hohen Kränen, die von Zeit zu Zeit sichtbar wurden. Auf einmal drehte sich die Frau zu mir um. Sie tat dies vertraulich, als würden wir uns kennen, sie berührte sogar meine Wange mit ihrer Nasenspitze. – Ich steige jetzt aus, sagte sie, und wenn du mir weiter folgst, könntest du in Schwierigkeiten geraten!

Ich war verwirrt und schaute sie aus unmittelbarer Nähe an: Ihr Gesicht sah anders aus als in der U-Bahn. – Ich brauche Hilfe, sagte ich. Ich suche einen Mann. – Ist das so? lachte sie und drehte sich Richtung Tür. – Ja, bestätigte ich, er ist verschwunden ... – Viele sind verschwunden, unterbrach sie mich und schob sich durch die Menge. Ich sagte ihr, es gehe um einen Marineoffizier, aber sie drehte sich nicht noch einmal um. Die Tür ging zu und sie blieb an der Haltestelle zurück. Ich schaute ihr noch eine Weile nach. Der Bus fuhr einen großen Bogen, sodass ihr Gesicht noch einmal für kurze Zeit auf mich zukam, um sich dann schnell zu entfernen.

Am nächsten Abend erzählte ich das meinem Wohnungsgeber. Er rieb sich die Stirn und sagte, Berlin sei voll von solchen Leuten und ich solle mich über nichts wundern. Seit Kriegsende füllt sich diese Stadt mit Menschen, die irgendwo als vermisst geführt werden. Aber seit 1989 kümmert sich niemand mehr darum. Diese Leute sind jedoch alle im Irrtum, denn auch hier können sie nicht finden, was sie suchen. Sie denken, in Berlin scheine irgendeine europäische Sonne, doch von diesem Irrtum kann man Kopfschmerzen bekommen. Er kennt solche Leute, unter seinen Nachbarn sind auch welche von denen. Ihre Nachnamen enden wie meiner, er hat das auf den Briefkästen gesehen. Allerdings schreibt ihnen niemand, nur die Zeitung bekommen sie regelmäßig: Sie verfolgen die Ereignisse. Sie lesen den Stern. Manchmal begegnet er ihnen auf der Treppe. Sie haben trübe Gedanken und eine eingerollte Zeitung unterm Arm. Sie unterschieden zwischen besseren und schlechteren Welten. Ihm sind sie dennoch sympathisch, da sie ihn zeitweilig an diese Frau aus Dubrovnik erinnern.

6

An diese Begegnung in der U-Bahn erinnerte ich mich, als mir Herr Greber erzählte, jemand habe nach mir gefragt, aber am nächsten Tag, an einer kleinen Kreuzung unweit des Savignyplatzes, war ich fast schon sicher, dass ich mich getäuscht hatte, und je mehr ich mich der Hausnummer 11 näherte, über der die Holzschnitzerei eines Piranhas hing, desto sicherer war ich mir. Offensichtlich hatte sich jemand auf meine Anzeige gemeldet; dies war der erste und auch – wie sich herausstellen sollte – einzige Anruf.

Die Wohnung befand sich im zweiten Stock eines grünen Hauses gegenüber der Apotheke. Entlang des Hausflurs waren Fahrräder angekettet, mit denen man hier durch Berlin fährt, voller Verachtung für den öffentlichen Nahverkehr. Diesen nutzen, wie man sagt, nur Ausländer und verlorene Seelen, sonst niemand!

Die Tür, an der der Nachname Dajdić stand, öffnete ein großer bärtiger Mann, aus dessen Leib statt Armen zwei dünne Äste ragten, die in langen Fingern endeten. Er schaute mich misstrauisch an und wollte gerade schon die Tür wieder schließen, als ich ihn mit einer Frage unterbrach: Wohnt hier Ana Dajdić? Der Mann hob die Augenbrauen. Ich sagte, Ana habe mir eine Nachricht hinterlassen und ich würde sie gerne sprechen, wenn das möglich sei. Der Bärtige drehte sich für einen Moment um, dann musterte er mich mit einem langen Blick und bat mich schließlich mit näselnder Stimme hinein.

– Hör mal, sagte er, während er mich einließ, du kannst mich Drago nennen. Ich reichte ihm die Hand, er aber wies nur auf die Stühle. Er gebe nicht gerne die Hand, sagte er, während er sich unterhalb einer mit Schwarzweiß-Fotografien gekachelten Wand niederließ, dies sei eine Angewohnheit, die er schon seit langem abgelegt oder vielleicht auch nie angenommen habe. Jetzt versuche er gerade Anas Tochter das Händeschütteln abzugewöhnen, weshalb diese böse sei. Die Menschen sind sehr schwach, schloss Drago und schaute zur Tür, in der ein schmächtiges Mädchen mit Brille stand: Da ist ja unsere Lucija, zeigte er mit seinem langen Arm auf sie. Sie mag die Gesellschaft älterer Leute, weißt du ... Lucija machte einen Schmollmund und kehrte protestierend in ihr Zimmer zurück.

Drago sagte mir, ich solle sie nicht beachten, dann stand er auf und schloss die Tür hinter ihr. – Weißt du, die ist schwierig, die Kleine, sagte er mit gedämpfter Stimme, wirklich schwierig.

– Wie meinst du das? – Keine Ahnung, entgegnete er, wahrscheinlich bekommt ihr Berlin nicht so gut oder so. Ich begriff, dass er unvorsichtigerweise etwas angesprochen hatte, was er eigentlich nicht erklären wollte, und so versuchte ich, das Gespräch umzulenken: Ana ist also nicht da? Drago schaute mich mit seinen kleinen schwarzen Augen an: Natürlich nicht, aber sie kommt bald wieder. Sie arbeitet, weißt du, also eigentlich sucht sie einen Job ... Ich weiß ja nicht, wenn du es eilig hast, dann ... Ich antwortete, dass ich es nicht eilig habe und warten könne, dann zeigte ich auf die Fotos: Und dieses Partisanentum hier? – Partisanentum, wiederholte Drago, was soll das denn heißen, Partisanentum? Ich versuchte zu erklären, aber er unterbrach mich. Diese Fotos seien aus seinem Familienarchiv. Sein Großvater habe sie ihm hinterlassen. Es sei das einzige, was er aus Jugoslawien mitgenommen habe. Aber den Menschen sei es unangenehm, wenn sie sie heute sehen. Ist ja auch klar, schließlich zeigen sie etwas, wovor alle fliehen wollen, wedelte Drago mit seinen langen Armen herum. Es ist eine ganze Serie von Aufnahmen aus der Revolution, begann er zu erklären, während er langsam auf einige der Fotos, zu denen er offensichtlich in einer Art mystischem Verhältnis stand, zuging und sich wieder entfernte. Nur mit Mühe und Not habe er Ana an diese Fotos gewöhnen können, ja eigentlich sei das eine Bedingung gewesen, denn die Fotos konnte er weder im Keller noch in einem Koffer aufbewahren. Es waren Reliquien, an denen seine Familie sich fünfzig Jahre lang die Finger gewärmt hatte. Aufgenommen hatte sie sein Großvater, ein Kämpfer des Dritten Korps, der im Zweiten Weltkrieg in Bosnien Operationen durchführte.

Ich schaute in die Richtung, in die Dragos ausgestreckte Hand wies. An der Wand sah man Kriegsszenen aus Bosnien, und unter jedem Foto stand eine Textzeile, die erklärte, was auf dem Bild zu sehen war: Partisanenkolonne Sokolac-Sarajevo, Überquerung der Drinjača, Marsch der ersten Krajina-Brigade, Ein Kurier ruht sich aus, Šekovići, Eine verkohlte deutsche Kanone, Ein gefangener SS-Mann in Kladanj, Auf dem Konjuh-Gebirge ...

Dragos Großvater Grgur Janić war vor Kriegsausbruch Lehrling im Fotogeschäft »Finci & Sohn« in Sarajevo, schon bald nach Beginn des Aufstands befand er sich jedoch im befreiten Užice, wo er den ersten Kriegsherbst verbrachte. Nach den insgesamt siebenundsechzig Tagen der Republik gehörte er zu den letzten, die sich über die Drina zurückzogen. Er wollte um jeden Preis die erotische Fotoserie vollenden, mit nackten Partisaninnen, die er überredet hatte, Uniformteile getöteter deutscher Soldaten anzuziehen.

Drago ging zu einer großen schwarzen Holztruhe, nahm die Matratze runter, die darauf lag, öffnete sie und warf die großformatigen Fotografien, die zum Vorschein kamen, auf den Tisch. – Bitte sehr, da sind die Fotos aus der Republik Užice, kannst ja mal durchblättern. Ich senkte den Kopf und legte die vergilbten Fotos wie ein Kartenspiel vor mir aus: Von diesen betrachteten mich die theatralisch lachenden Gesichter nackter Mädchen. Der alte Grgur hatte ein gutes Auge gehabt.

Alle Mädels, also eigentlich drei sich abwechselnde Gesichter, hatten hochgebundene, streng geflochtene Haare; diese revolutionäre Strenge war mit den kargen Details der deutschen Uniform kombiniert: eine trug Offiziersstiefel und -hosen, während sie obenherum über den nackten Brüsten nur das dunkle Koppelzeug anhatte, gestrafft von ihren eingehängten Daumen. Die andere verbarg, schamhaft wie Eva, ihren Lustgarten hinter einem Wehrmachtshelm, während ihr rechter Oberarm von einer roten Armbinde mit Swastika geziert wurde. Das dritte Mädchen, vom Fotograf wohl überredet, nicht ins Objektiv, sondern in die Zukunft zu schauen, saß auf einem schwarzen Motorrad mit Beiwagen und schwenkte eine Reichskriegsflagge. Die übrigen Fotos waren Variationen zum Thema, abgerundet wurde der Zyklus von Gruppenfotos, auf denen die Schauspielerinnen wie Grazien mit leichtem Hüftschwung anzüglich lächelnd posierten.

Als ich meinen Blick von den Bildern hob, sah ich den dürren Drago mit verschränkten Armen vor mir stehen. – Siehst du, sagte er, das war also diese Republik. Nackter Quatsch, was?

Grgur hat nach dem Krieg echt Panik geschoben wegen dieser Fotos. Hat sie im Keller aufbewahrt. Erst kurz vor seinem Tod zeigte er mir seine Schatzkammer. Ich fragte ihn: Hör mal, Grischa – so nannten wir ihn –, was machen wir denn damit? Aber er zuckte nur mit den Schultern, weißt du. Ich erinnere mich noch genau daran, als wäre es gestern gewesen. Bald darauf starb er. Und dann ging das alles los. Du weißt ja ...

Drago brach in Gelächter aus, die Zahnreihe, die er dabei offenbarte, war krumm und schief. – Was ging los? fragte ich. – Na, hör mal, das mit den Ärschen aus der Republik von Užice natürlich. – Du übertreibst, stammelte ich, während ich mich vom Stuhl erhob. – Wer übertreibt denn hier, Mann?! fragte er und schritt auf die Fotowand zu. Er blieb eine Weile so stehen, genau wie einst wahrscheinlich auch Grgur in dem Fotogeschäft in Sarajevo zwischen seinen Arbeiten gestanden hatte. – Gar nichts ist hier übertrieben, bekräftigt er, im Gegenteil, es ist sogar noch schlimmer, hundertmal schlimmer. Und ich lebe jetzt mit dieser einen Hoffnung, dass es irgendwann wieder so wird, wie es früher war. – Das ist unmöglich, sagte ich, während ich zur Tür ging. Drago musterte mich mit misstrauischem Blick: Doch, doch, es ist möglich! Und dann fuhr er mit immer leiser werdender Stimme fort: Wenn doch nur jemand in Belgrad eines schönen Tages eine neue Revolution anzetteln würde.

Sprachlos klammerte ich mich an die Türklinke. Drago stand mit geneigtem Kopf da, ohne jedoch den Blick zu senken. Er beobachtete mich mit glühenden Augen, irgendwo hinter seinem zerzausten Bart lächelte er. Ich wollte noch fragen, warum ausgerechnet in Belgrad, begriff aber, dass jede Frage überflüssig gewesen wäre, und so öffnete ich die Tür und verließ grußlos die Wohnung.

7

Mein Aufenthalt in dieser Stadt hätte eine völlig andere Richtung genommen, hätte ich nicht just beim Verlassen des Hofes dieselbe Frau aus der U-Bahn wiedergetroffen, von der ich aus irgendeinem Grund vermutete, sie könnte etwas mit dem Telefonanruf zu tun haben. Vielleicht wäre ich sonst nie wieder zu dieser Adresse zurückgekehrt. Zufallsbegegnungen in Berlin haben ihre eigene Logik. So verwandelte sich auch meine Suche nach dem Marineoffizier Janko Baltić – der 1992 vom Schiff DBM 141 verlorenging, als er mit der Fähre von Vis nach Split und danach wer weiß wohin fuhr – in eine Reihe unverhoffter Begegnungen. Keiner von diesen Menschen konnte mir irgendetwas über den ehemaligen Leutnant der Jugoslawischen Kriegsmarine sagen, der nach seiner Ausschiffung irgendwo in Bosnien verschwunden war. Am Ende des Krieges fand sich sein Name auf einigen Vermisstenlisten, aber jede dieser Listen eröffnete einen neuen möglichen Lebensweg des Leutnants Baltić. Einer davon führte nach Nürnberg, dann nach Göttingen und schließlich nach Berlin. Am Wannsee endete der Weg und überließ das weitere Leben des Janko Baltić dem riesigen städtischen Organismus.

– Was schaust du mich so an? Hast du erwartet, dass jemand anders sich auf deine blöde Anzeige meldet? fragte die Frau, die schon seit geraumer Zeit vor mir stand, ihren riesigen schwarzen Mantel unter den Arm geklemmt. – Sie sind Ana? presste ich hervor. – Ja, sagte sie kurz, nur bitte ohne das »Sie«. – Ich war bei dir in der Wohnung, fügte ich hinzu. – Das habe ich vermutet. Du hast Drago kennengelernt? – Hab ich. – Ich dachte, du wolltest mich etwas fragen ... – Will ich auch, eigentlich suche ich jemanden ... – Alle suchen gerade jemanden, du bist nicht der Einzige ... Wollen wir ein Stück gehen? – Ja, gerne, willigte ich ein und beschleunigte meinen Schritt, um ihr, die es gewohnheitsmäßig eilig hatte, zu folgen.

Wir kamen zum Steinplatz und setzten unseren Spaziergang dann größtenteils schweigend entlang einer Straße fort. – Warum folgst du mir? fragte sie ein wenig später. – Nicht nur dir. Ich folge allen aus dem ehemaligen Jugoslawien. – Manie oder Nostalgie? spöttelte Ana. – Weder noch, entgegnete ich, das ist die einzige Möglichkeit, diesen Menschen wiederzufinden. – Irgendeinen Offizier? – Ja, den ehemaligen Leutnant zur See Janko Baltić. – Warum ausgerechnet ihn? – Er war mein Freund. – Wie kommst du auf die Idee, ihn in Berlin zu suchen? – Die Spur hat mich hierher geführt ..., eigentlich war es eine Vermisstenliste. – Du bist ja echt blöd, wandte sich Ana zu mir um, diese Listen taugen doch überhaupt nichts. Die sind meistens inkorrekt. – Und wenn sie doch korrekt sind? widersprach ich. Sie schaute mich an, blieb mir die Antwort jedoch schuldig, stattdessen wies sie mit der Hand auf den Park.

Sie gehe gerne am Kanal spazieren, besonders, wenn sie mit schlechten Nachrichten nach Hause zurückkehre, so wie jetzt. Es gebe keine Arbeit, gerade auch für Leute wie sie, die nicht so einfach auf ihren Beruf verzichten wollen. Dies erzählt sie mir, während wir auf dem Metallzaun sitzen, hoch über dem Wasser, in dem wir uns gelegentlich spiegeln. Sie arbeite mit Puppen, spiele, wann immer man sie engagiere, erzählt sie mir, während sie den Kragen des Mantels um ihre rechte Hand knöpft, die sich sogleich in den Kopf eines surrealen Vogels verwandelt. – Siehst du, sagt sie, indem sie die Gestik ihres Gesichts auf die mit dem Mantel umhüllte Hand überträgt, ich besuche täglich verschiedene Vorsprechen in Berlin, probiere es vor verschiedenen Jurys, und – nichts! Ich lachte über dieses Schauspiel, wurde aber plötzlich ernst, als mir die Bedeutung des ausgesprochenen Satzes bewusst wurde. – Und du lachst, mahnte mich ihre Hand: Schreck-lich! Al-le lach-en ü-ber mich in Ber-lin. Aber ich muss al-les al-leine tun ... Die Hand drehte sich zur Seite, starrte auf das Wasser und fuhr mit etwas ruhigerem Ton fort, mehr zu sich selbst: Ana war einmal ein guter Mensch, und die Puppen liebten sie, solange die Menschen sie liebten. Jetzt ist sie hässlich, hat eine spitze Nase, Glotzaugen, männliche Hüften und – oh, schrecklich: kleine Brüste. Ich mag das nicht! krähte die Hand. – Die Männer hätten gerne, dass Ana eine griechische Nase hat, kleine blaue Augen, runde Hüften und, na-tür-lich, große Brüste. Aber das ist in meinem Alter unmöglich. Eigentlich stimmt das gar nicht. Ich hatte ja nie welche. Ich schiebe die Schuld nicht auf das Alter, schnaubte die Hand, schuld sind allein die Chromosome: die Brüste, die Hüften und die Nase. So sagt man. Die Einen bekommen eine bessere, die anderen eine schlechtere Kombination. Hey, Dummkopf. Ich spreche mit dir! Bist du zufrieden mit deiner Kombination? Nicht? Das ist schlecht. Al-le Leu-te sind un-zu-frieden. Noch nicht einmal die große Marlene war zufrieden und hat sich wegen des zu breiten Kiefers alle Backenzähne ziehen lassen. Und hopp – die Hand machte einen Sprung –, schon war sie der Blaue Engel. Die Hand schaute mich an und machte eine kleine Pause. – Ana mag ihre Backenzähne zu sehr, schloss sie, darin liegt also das Problem. Aber, fuhr sie plötzlich aus der Melancholie auf, viele Menschen laufen ohne ihre Backenzähne herum, aber noch keiner hat sich in einen Engel verwandelt. Anas Tochter fehlen zwei Backenzähne, und Drago bereitet sich schon seit langem auf ein Stahlgebiss vor. Meine Freundin lacht mich ohne Zähne an, die Nachbarin ebenfalls, und in Jugoslawien hat Ana viele Zahnlücken gesehen. Haben all diese Menschen, frage ich mich, denen sie wegen ein wenig Gold die Backenzähne ausgerissen haben, angefangen mit den Flügeln zu schlagen? Ich fürchte, nein. Kannst du dir diese Legion zahnloser Engel vorstellen? Ich kann es nicht, selbst wenn sie alle wie Marlene aussehen würden ...

Die Hand verstummte plötzlich und starrte das Wasser an, wippte aber weiter, als würde sie ihre eigene stumme, unaussprechliche Geschichte fortsetzen. Schließlich schaute sie mich noch einmal an und sagte misstrauisch, sie werde mir helfen. Dann zog sie sich zusammen und zurück in den Kragen, aus dem danach ein schwarzer Hohlraum starrte, wie ein Mensch ohne Kopf oder ein Mantel, der durch ein Wunder zum Leben erwacht war.

Ana kam vom Zaun herunter und warf sich den Mantel über die Schulter. Schweigend schritten wir weiter. – Weißt du, sagte sie nach einiger Zeit, weißt du, warum ich auf deine blöde Anzeige reagiert habe? – Keine Ahnung. – Ich dachte, du hättest ein ähnliches Problem ... – Problem? – Na ja, das mit der fremden Erinnerung. – Verstehe ich nicht. – Niemand versteht es, lachte sie ironisch, und dann erzählte sie mir, wie alles begonnen hatte.

Zum ersten Mal passierte es ihr kurz vor Lucijas achtem Geburtstag. In jenem Winter wohnten sie bei der Malerin Sofija in Alt-Mariendorf, gegenüber des großen Parks. Es lag kein Schnee, aber die Tage waren frostig weiß. Diese Farbe hatte Einfluss auf ihre Stimmung. Zuerst dachte sie, es handele sich um Entzücken, dann aber kippte das Gefühl während der Nacht vor dem Geburtstag. Lucija schlief im Nachbarzimmer. Ana saß mit Sofija in jenem Raum, der als Küche, Esszimmer und Atelier diente. Sie hatte zwei Staffeleien, ein Bett, Tisch und Stühle und eine kleine Gasflasche, auf der sie kochen konnte. Sie führten das übliche Gespräch, das Sofija schon bald auf ihre Bilder umlenkte. Ana merkte an, dass sie Sofija mehr mochte als deren Bilder. Sofija fauchte sie an, dies würde sie verletzen. Ana sagte, sie scherze nicht und Sofija sollte sich vielleicht überlegen, etwas anderes zu machen. Während das Gespräch voranschritt, wurde Sofijas Stimme rauer, fast männlich. Sie sagte, sie möge sie nicht und wolle sie hier nicht mehr sehen, weder sie noch ihre Tochter. Ana versuchte sie umzustimmen, aber die Malerin bestand darauf. Nur eine Stunde später saßen Ana und die verschlafene Lucija, begraben unter ihren auf die Schnelle gepackten Taschen, in der U-Bahn – ohne klares Ziel. Ana hatte beschlossen, die Nacht am U-Bahnhof Hallesches Tor zu verbringen. Und dort, auf der Bank, mit dem Kopf auf Lucijas Knien, zugedeckt mit dem Mantel, während sie dem Dröhnen der U-Bahn lauschte, spürte Ana zum ersten Mal, dass etwas sie bedrückte, was nicht ihr gehörte und was in den letzten Tagen zum Leben erwacht war: zuerst als Entzücken, fast Freude, danach wurde es immer schwerer und zog sie in die Tiefe, um schließlich als Echo von jemandes Erinnerungen zu ihr zurückzukehren.

Dann spürte sie, dass sie begann, sich an etwas zu erinnern, das sie nie erlebt hatte. Sie stand auf einer Brücke und betrachtete die Brechung des Mondlichts im Wasser. Es war kalt, ihre Knochen taten weh, vor Kälte spürte sie ihre Finger nicht. Da begriff sie, dass sie noch nicht einmal Socken anhatte und die Kälte nicht lange würde aushalten können. Kurz darauf hörte sie das Trampeln schwerer Stiefel. Sie drehte sich um und sah zwei sich nähernde Gestalten. Sie kamen in etwa zwei Schritt Entfernung vor ihr zum Stehen und begannen sie zu befragen. Sie sagte, sie warte auf niemanden, was diese wütend machte. Sie sagte, sie habe nichts in den Taschen, noch nicht einmal einen Ausweis, und dann kam die eine große Gestalt auf sie zu. Sie hatte eine Aura von beißendem Gestank. Sie befahl ihr, den Mantel auszuziehen, doch sie sträubte sich. Daraufhin wurde sie geschlagen. Der erste hatte sie bereits zu Boden geworfen. Sie schnappten sie beim Kragen und zerrten an ihr. Sie fuchtelte herum und grub die frierenden Finger in den Schnee. Sie zogen ihr den Mantel und die Schuhe aus, dann schaukelten sie sie über dem Wasser. Bevor sie fiel, sah sie das Spiegelbild der schwarzen Dächer im Wasser. Sie fiel genau dazwischen, ohne irgendeinen Schmerz zu verspüren. Der Schmerz kam später, als sie zum wer weiß wievielten Male empor tauchte und nach Luft schnappte. Das Wasser trug sie immer schneller, es dröhnte dabei wie die U6, die in jener Nacht an ihr und Lucija vorbeidonnerte.

Ana beobachtete mich einen Moment lang in Erwartung meiner Reaktion. Ich weiß nicht, was sie in meinem Gesicht gelesen hat, jedenfalls brachte es sie zum Lachen.

– Was ist denn? – Du glaubst mir auch nicht, sagte sie schließlich, dann drehte sie mir den Rücken zu und ging.

8

Mitten in der Nacht weckte mich ein fürchterlicher Hustenanfall, der Greber im Nachbarzimmer plagte. Zuerst hörte ich es zweimal gegen die Wand klopfen, dann zerbrach das Glas, das er auf dem Nachtkasten stehen hatte. Ich wartete eine Zeitlang in der Hoffnung, dass alles gleich wieder aufhören würde, wie sonst auch. Der Husten wurde jedoch immer schlimmer und verwandelte sich am Ende in einen langen Erstickungsanfall. Ich sprang aus dem Bett und eilte ins Nachbarzimmer. Ich fand ihn auf dem Boden liegend vor, eingewickelt in seine Bettdecke, in der er zappelte wie in einem klebrigen Spinnennetz. Ich packte ihn an der Schulter und drehte ihn zu mir. Ich erschrak vor seinem aufgequollenen Gesicht, das sich anstrengte, etwas aus der Brust auszuwerfen, das offensichtlich gar nicht vorhanden war. Ich begann ihn zu schütteln und suchte nach einem weiteren Glas, warf dabei jedoch in Panik einen Bücherstapel vom Tisch. Als ich dann mit dem Wasser wiederkam, schien mir, als hätte Herr Greber aufgehört zu atmen. Sein Gesicht war aufgedunsen und blau. Mit einer Hand hob ich seinen Kopf, dann atmete er plötzlich ein, ohne dass ich irgendetwas getan hätte, und atmete stoßweise weiter, als hätte ich ihn vor dem Ertrinken gerettet. Als er wieder zu sich kam, packte er mich am Schlafanzug, dessen Knöpfe im Staccato zu Boden fielen. Ich lehnte das Glas an seine Unterlippe und er schlürfte zwischen den Atemzügen, während ihm das überschüssige Wasser die Mundwinkel hinunterlief. – Mehr, mehr! wiederholte er, wenn ich das Glas wegnahm. Offenbar fürchtete er einen weiteren Anfall. Trotz alledem schoss nur einen Augenblick später ein wahrer Geysir aus ihm hervor, das ganze soeben getrunkene Wasser sprudelte in die Höhe. Da ich nicht wusste, was ich tun sollte, ging ich, während sich Herr Greber immer fester in das zerrissene Bettlaken einwickelte, zum Tisch und nahm den Telefonhörer in die Hand.

Viktor Greber zitterte noch immer, als wir im Krankenwagen die Straße verließen. Ich saß an seinem Fußende, angelehnt an die Heckscheibe. Darin sah ich von Zeit zu Zeit die Stadt, die sich entlang der Lichtgürtel der Schönhauser Allee immer weiter entfernte. Mein Blick traf bisweilen den des Arztes und der Sanitäterin, die die Infusionsflasche über Herrn Greber hielt. Der Patient wurde immer ruhiger, sodass ich in einem Moment Angst um ihn bekam. Der Arzt beruhigte mich mit einem Kopfnicken, die Sanitäterin lächelte durch die transparente Flüssigkeit, die vor ihrem Gesicht schaukelte. Sie hatte schiefe und starke Schneidezähne, die in der täuschenden Optik der Flasche noch größer wirkten. – Cousin? fragte mich der Arzt. – Freund, korrigierte ich ihn und starrte Herrn Greber weiter an. Der Arzt fragte mich noch etwas, aber ich hörte nicht mehr zu. Ich schaute mich um und hinter dem Auto her, dessen Blaulicht Brandflecken auf der Straße, den Autos und den Wänden um uns herum hinterließ. Ich dachte mir, wie kompliziert mein Aufenthalt in Berlin geworden war und wie ich immer tiefer in etwas Ungewolltes hineingeriet. Vielleicht gerade auch mit diesem Unbekannten, den ich ins Krankenhaus begleitete. Seine Geschichte verpflichtete mich dazu. Wer war Viktor Greber eigentlich? Die Sanitäterin schaute mich durch die Flasche an, als könnte sie Gedanken lesen. Wer war er eigentlich? Mein zufälliger Wohnungsgeber. Der Liebhaber einer Frau aus Dubrovnik. Ein alter Mann, den die roten und schwarzen Maschinen der Geschichte überrollt und ihm dabei lediglich die rigide Überzeugung gelassen hatten, dass sich nichts Neues unter der Sonne ereignen würde. Mir schien, als hätte ich dies schon einmal von jemandem gehört. Vor langer Zeit. Und jetzt kehrte es zu mir zurück wie ein verspätetes Echo. Wer war denn eigentlich dieser halbtote Deutsche, den ich begleitete, als hätte ich niemand sonst auf der Welt? Die Menschen in Berlin brauchen diese Art Begleitung gar nicht. Sie wissen, dass Einsamkeit der wirkliche Zustand des Menschen ist. Wusste das auch Isa Vermehren, als sie im Frühjahr des fernen Jahres 1933 vor der Berliner Katakombe stehen blieb? Herr Greber würde das bejahen, glaube ich.