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Eine Familie ist nur so stark wie ihre Geschichte Matelda Cabrelli ist das Oberhaupt der Familie. Die alte Damen ist durchsetzungsfähig und meinungsstark, lässt sich nichts gefallen. Doch sie merkt selbst, dass ihr Leben zu Ende geht. Daher beschließt sie, ihr größtes Geheimnis zu lüften: Die Wahrheit über ihren Vater. Doch sie ahnt nicht, dass die Enthüllung der bewegenden Geschichte ihrer Mutter Domenica auch die Zukunft ihrer Familie verändern wird. Gemeinsam mit Enkelin Anna steht sie bald vor denselben Fragen wie einst ihre Mutter: Was hinterlassen wir, wenn wir nicht mehr da sind? Wofür lohnt es sich zu kämpfen? Was ist Glück? Adriana Trigiani gelingt ein bewegender Familienroman vor schönster Kulisse.
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Seitenzahl: 518
Veröffentlichungsjahr: 2023
Adriana Trigiani
Das Beste in uns
Roman
Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München
Für Lucia
Wer sich danach sehnt, das ewige Leben im Himmel zu erlangen, möge das Folgende beherzigen.
Wenn ihr die Vergangenheit betrachtet, bedenkt diese Dinge:
Das Böse, das getan wurde
Das Gute, das nicht getan wurde
Die Zeit, die verschwendet wurde
Karur, Indien Vor langer, langer Zeit
Der Berg war ein Tabernakel mit einer einzigen Tür. Hinter dieser Tür, unter kühlen schwarzen Höhlen, die tief in die Erde gemeißelt waren, lagen die reichsten Adern von Korund, Pyrit und Rubinen in ganz Südasien.
Vor dem Eingang der Mine brannte die Sonne auf die rote Erde, die mit Fußabdrücken jeglicher Größe übersät war. Der Geruch von Nelken und Lehm bildete einen so dichten Dunst, dass man die Straße nicht sah. Edelsteinhändler hatten sich in der Nähe des Dorfes Karur versammelt, um auf die Ausbeute zu warten. Plötzlich ertönte das Geschrei des Elefanten, ein klagendes, sehnsuchtsvolles Geräusch, wie das tiefe Donnern einer Trompete in der Dunkelheit. Als der gewaltige Kopf des Tieres im Eingang der Mine erschien, wurde das Heulen lauter und hallte über die Hügel.
Die Augen der Elefantenkuh waren vom weißen Film des Altersstars getrübt. Burgunderrote Flecken getrockneten Blutes zeichneten ihre Haut, wo man sie mit Ketten geschlagen hatte. Ihre Vorder- und Hinterbeine waren mit dicken Hanfseilen gefesselt, gehalten von Eisenklammern, die sich in die weiche graue Haut bohrten. Sie zog eine massive Pritsche, auf der sich Steinbrocken türmten, die mit Rohrubinen gesprenkelt waren.
Der Mahut war von schlanker Statur, seine Haut hatte die Farbe von Zimt. Er schmiegte sich an den Rücken des Elefanten und führte ihn mittels Ketten an der Kandare. Die Elefantenkuh schüttelte den Kopf, um dem Druck des Gebissstücks auszuweichen. Ihr Herr zog die Zügel noch fester an.
Die Elefantenkuh verharrte reglos unter dem Stützbalken über dem Eingang.
»Jao!«, rief der Mahut. Die Elefantenkuh ignorierte den Befehl. Der Mahut peitschte sie mit der schlaffen Kette. »Jao!«
Das Tier blieb unbeirrt stehen.
Zum ersten Mal in ihrem langen Leben gehorchte die Elefantenkuh nicht dem Befehl des Mahuts. Sie knickte nicht unter dem Peitschenschlag der Kette ein, sondern hob Kopf und Rüssel, um voranzuschreiten.
Sie erinnerte sich an das Süßgrasfeld an den Ufern des Amaravati-Flusses. Dieser Blick zurück verlieh dem Tier die Kraft, die Pritsche aus der Mine hinaus ins Licht zu ziehen.
Viareggio Jetzt
Matelda Roffo schloss die Augen und versuchte sich zu erinnern. Irgendetwas war dem Mahut zugestoßen, so viel wusste sie. Leider waren die Einzelheiten der Gutenachtgeschichte, die der Großvater ihr erzählt hatte, zusammen mit all den anderen unwesentlichen Informationen, die sie nicht mehr behalten konnte, davongeglitten. Das Alter war eine Wundertüte, und keine schöne. Warum hatte sie die Geschichte vom Elefanten nicht aufgeschrieben? Sie hatte es sich oft vorgenommen, war aber nie dazu gekommen. Warum schob sie immer alles vor sich her? Wer könnte das Ende kennen? Nino! Sie würde ihren Bruder in Amerika anrufen! Aber sein Gedächtnis war auch nicht mehr das beste. Wer würde die Geschichte vom Elefanten erzählen, wenn sie nicht mehr da war? Eine Familie war nur so stark wie ihre Geschichten.
Mateldas Großvater Pietro Cabrelli, ein gebürtiger Toskaner, war Goldschmied und Edelsteinschleifer gewesen. Er hatte Kelche, Patenen und Hostienschalen für den Vatikan gefertigt und dafür die wertvollsten Juwelen und Metalle der Welt verwendet, die ihm jedoch nicht gehörten. Cabrelli arbeitete im Auftrag, den Lohn bestimmte der Auftraggeber. Seine Frau Netta war nicht begeistert. »Du könntest ebenso gut die Straßen von Rom fegen.«
Jeden Tag nach der Schule ging Matelda zu ihrem Großvater in die Werkstatt. Sie setzte sich auf die Fensterbank, die Füße auf dem Heizkörper, und beobachtete ihn still. Cabrelli lötete die Goldfassungen über einer offenen blauen Flamme oder maß, schliff und polierte die Steine, die in die Fassungen kamen. Er trug eine lederne Arbeitsschürze, dazu eine Lupe um den Hals, einen Bleistift hinter dem Ohr und einen Meißel in der Gesäßtasche. Die erste Musik, die Matelda je gehört hatte, war das Summen der Schleifscheibe gewesen, ein schriller Ton, ähnlich einem Détaché auf der Violine. Cabrelli hielt einen Steinsplitter, nicht größer als ihr Fingernagel, an die raue Oberfläche. Um ihr die Zeit zu vertreiben, lehrte Cabrelli seine Enkelin, Edelsteine mit der Lupe zu betrachten. Matelda war immer aufs Neue begeistert, wenn das Licht in den Facetten ein Kaleidoskop erzeugte, das den Stein in allen Farben funkeln ließ. Sie hatte Spaß in der Werkstatt, aber auch Pflichten. So musste sie die Fenster öffnen, wenn Cabrelli Metalle lötete, und danach wieder schließen.
An der Wand hing eine Weltkarte, auf der Cabrelli die ergiebigsten Rubinminen eingezeichnet hatte. Er zeigte ihr Orte in Südamerika, China und Afrika, doch zuletzt wanderte sein Finger unweigerlich nach Indien, wo er die meisten Stellen markiert hatte. Cabrelli arbeitete mit Rubinen, weil die Heilige Römische Kirche die Farbe Rot bevorzugte. Er war sicher, dass seine Schöpfungen göttlich inspiriert waren. Eine Monstranz, in der das Allerheiligste aufbewahrt wurde, mit Juwelen zu verzieren, bedeutete, ihr die Eigenschaften von Zeit und Glauben zu verleihen.
Matelda kniff die Augen zu, hielt sich an der Kirchenbank fest und atmete den Duft von Bienenwachs und Weihrauch ein, der ihr Gedächtnis wachzurütteln schien. Statt in der Stille zwischen heiliger Kommunion und Schlusssegen zu beten, scrollte sie auf der Festplatte ihres Gehirns zurück in die Zeit, als ihre Eltern, ihre Großeltern und ihr kleiner Bruder noch im selben Haus gewohnt hatten und sie jeden Sonntag gemeinsam in diese Kirche gegangen waren.
Bruchstücke aus dem Indien ihres Großvaters tauchten wieder auf. Bergleute, die Honigwaben kauten, um bei der langen Arbeit in der Dunkelheit wach zu bleiben. Taubenblutrubine von der Farbe reifer blauer Trauben. Rosa Wolken an einem Lapislazulihimmel.
Nachdem die Familie gemeinsam zu Abend gegessen hatte, gingen ihre Eltern spazieren, und der Großvater erzählte den Kindern eine Gutenachtgeschichte. Pietro Cabrelli türmte Kissen auf dem Boden zu einem Berg, während Bauklötze als Steinbrocken aus der Mine dienten. Er zog ein Taschentuch hervor und drückte es ans Gesicht, um die brütende Hitze darzustellen. Er spielte alle Rollen mit unterschiedlichen Stimmen, wie ein Schauspieler in einem Theaterstück. Cabrelli wurde sogar zum Elefanten. Er taumelte durch den Raum und schwang den Arm hin und her, um den Rüssel des Tieres zu imitieren.
»Matelda!«, flüsterte ihre Freundin Ida Casciacarro und versetzte ihr einen sanften Schubs.
Matelda öffnete die Augen.
»Du bist eingeschlafen.«
»Ich habe nachgedacht«, flüsterte Matelda zurück.
»Du bist eingeschlafen.«
Es hatte keinen Sinn, mit Ida zu streiten. Die beiden saßen täglich bei der Messe in derselben Kirchenbank, die Abläufe waren so fest gefügt wie die Fleur-de-lis-Kacheln im Granitboden der Kirche. Sie standen auf, neigten die Köpfe und bekreuzigten sich, während der Priester ein Kreuz in die Luft zeichnete. Sie knieten gemeinsam nieder, wenn die Glocken der Chiesa San Paolino die uralte Melodie läuteten. Diese hatte die Frauen schon zur Laudes gerufen, als sie noch Mädchen waren.
In Viareggio brauchte man keine Uhr; man lebte nach den Glocken und dem Bäcker. Umberto Ennico zog Bleche mit butterweichen Cornetti aus dem Ofen, wenn Don Scarelli die Messe begann. Wenn sie endete, waren die Hörnchen abgekühlt und mit Aprikosenglasur bestrichen, sodass die Gläubigen sie auf dem Heimweg mitnehmen konnten.
»Lass uns auf einen Kaffee und was Süßes hingehen«, schlug Ida vor und band im Gehen ihr Kopftuch.
»Heute nicht.«
»Aber du hast Geburtstag.«
»Tut mir leid, Ida. Anina kommt vorbei.«
»Na, dann ein anderes Mal.« Ida neigte den Kopf nach hinten und betrachtete ihre Freundin durch die Bifokalbrille. »Versprochen?«
»Versprochen.«
Ida griff in die Tasche und reichte Matelda ein kleines, mit einem Band verschnürtes Päckchen.
»Warum tust du das?«
»Reg dich nicht auf. Ist nur eine Kleinigkeit.« Ida vergrub die Hände in den Ärmeln ihres Wollmantels. »Na los. Mach schon auf.«
»Was ist das?« Matelda schüttelte das weiße Plastikfläschchen mit den Kapseln.
»Probiotika. Die verändern dein Leben.«
»Mir gefällt mein Leben.«
»Mit Probiotika gefällt es dir noch besser. Glaub nicht mir, frag deinen Arzt. Heutzutage dreht sich alles um Darmgesundheit.«
»Warum gibst du Geld für mich aus?«
»Dir kann man ja sonst nichts kaufen. Du hast doch alles.«
»Ida, wenn du mit einundachtzig nicht alles hast, was du willst, bekommst du es wahrscheinlich auch nicht mehr.«
Ida küsste ihre Freundin rasch auf beide Wangen, drehte sich um und wanderte die steile Kopfsteinpflasterstraße zu ihrem Haus hinauf. Das rosafarbene Tuch rutschte ihr vom Kopf, ihr weißes Haar kräuselte sich im Wind. Die Metriones und Casciacarros waren robuste, kräftig gebaute Menschen gewesen, die in der Seidenfabrik gearbeitet hatten, als diese noch ein bedeutender Betrieb gewesen war. Matelda erinnerte sich, wie ihre Freundin, damals noch schwarzhaarig, nach einer langen Schicht den Hügel hinaufgerannt war. Wann sind wir alt geworden?, fragte sie sich.
Viareggio lag an der Küste des Ligurischen Meeres, südlich des Golfs von Genua und nördlich der Amalfiküste. Die bonbonbunten Villen mit Meerblick standen im Schatten eines Pinienhains mit hohen, knorrigen Stämmen und grünen bauschigen Kronen. Der Strand von Viareggio entrollte sich wie eine Smaragdkette an der Westküste Italiens.
In der Luft hing noch der Geruch von verkohltem Eukalyptusholz und Schwefel, als Matelda die wackeligen Stufen zum Pier hinaufstieg. Am Abend zuvor war der Carnevale offiziell zu Ende gegangen, das Feuerwerk am schwarzen Himmel zu Asche zerfallen. Die letzten Touristen hatten den Strand vor Sonnenaufgang verlassen. Das rosa Riesenrad stand still. Die Karussellpferde waren in der Luft erstarrt. Sie hörte nur das Knattern der Planen über den leeren Verkaufsständen.
Matelda lehnte sich ans Geländer des verlassenen Piers und betrachtete die Rauchfähnchen, die von den erkaltenden Feuerstellen am Strand zum Himmel stiegen. Am Horizont verschwamm der bewölkte Himmel mit dem silbernen Meer. Ein Nebelhorn tutete, ein schnittiger Ozeandampfer wühlte die Brandung zu schaumigen Streifen auf. Das Schiff glitt anmutig vorbei und zog den Tagesanbruch wie eine Fahne übers Wasser. Ihr ganzes Leben lang hatte Matelda auf die großen Schiffe gewartet und geglaubt, es bringe Glück, eins zu sehen. Sie wusste nicht mehr, wer ihr das erzählt hatte; sie hatte es immer gewusst.
Komm zurück, dachte Matelda, als das weiße Schiff mit dem rotbraunen Rumpf und dem mitternachtsblauen Besatz nach Süden fuhr. Zu spät. Es war unterwegs an einen warmen Ort. Matelda hatte den Winter satt. Bald käme der Frühling, dann würden die türkisfarbenen Wellen unter dem wolkenlosen Himmel wiederkehren. Wie sehr sie sich darauf freute, bei warmem Wetter am Strand spazieren zu gehen.
Gewöhnlich drehte Matelda nach der Kirche eine kleine Runde, bei der sie für die Mahlzeiten des Tages einkaufte, und unternahm nachmittags einen langen Spaziergang, um nachzudenken. Diese Rituale prägten die Tage im letzten Kapitel ihres Lebens, das angebrochen war, als sie die Arbeit als Buchhalterin im Juweliergeschäft aufgegeben hatte. Matelda wollte ihr Haus bestellen und ihre Kinder nicht mit Bergen von Papier und Zimmern voller Möbel belasten, die sie schon von den Eltern geerbt hatte. Sie wollte ihre Kinder so gut wie möglich auf das Unvermeidliche vorbereiten.
Matelda war froh, dass sie dem Virus, das Bergamo im Norden heimgesucht hatte, entkommen war – ein Virus, das ältere Menschen traf, hätte sie ganz sicher im Visier gehabt. Sie war froh, weil ihr nichts anderes übrig blieb. Das Schicksal war wie eine Abrissbirne. Sie wusste nicht, wann sie vorbeischwingen und Schaden anrichten würde; sie wusste aus Erfahrung nur, dass es passieren würde.
Sie hatte nie aufgehört, ihr Gewissen zu prüfen. Dies zu tun, hatten ihr die Nonnen als Kind eingeimpft. Sie dachte an den Schmerz, den sie erlitten, aber auch anderen zugefügt hatte. Die Toskaner mochten im Augenblick leben, aber die Vergangenheit lebte auch in ihnen. In jedem Winkel ihrer Heimatstadt verbargen sich Erinnerungen. Sie kannte Viareggio und seine Menschen so gut wie ihren eigenen Körper; in gewisser Hinsicht waren sie eins.
Die Stimmung im Ort wurde trostlos, wenn der Karneval endete und die Fastenzeit begann. Die nächsten vierzig Tage würden eine düstere Zeit voller Besinnung, Fasten und Buße. Als sie klein war, hatte sich die Fastenzeit wie eine Ewigkeit angefühlt. Der Ostersonntag, der Tag der Erlösung, konnte gar nicht früh genug kommen. »Du kannst die Freuden des Ostersonntags nicht ohne die Qualen des Karfreitags haben«, hatte ihre Mutter sie gemahnt. »Ohne Kreuz keine Krone«, sagte sie in einem Dialekt, den nur ihre Kinder verstanden.
Die Auferstehung des Herrn erlöste den Ort und befreite die Kinder. Die schwarzen Säcke wurden von den Heiligenstatuen gezogen. Der kahle Altar wurde mit Myrte und Gänseblümchen geschmückt. Die einfache Brühe, die man während des Fastens zur Stärkung trank, wich süßem Brot. Wenn Mama in der Karwoche den Teig fürs Osterbrot knetete, munterte der Duft von Butter, Orangenschalen und Honig sie auf. Das weiche, mit Eiern gebackene Brot, das noch heiß zu Zöpfen geflochten und mit Honig getränkt wurde, bewies, dass die Zeit der Opfer bis zum nächsten Jahr vorüber war. Matelda erinnerte sich an ein besonderes Pranzo di Pasqua, an dem sämtliche Familienmitglieder beider Seiten teilgenommen hatten. Papa hatte für das Osteressen einen langen Esstisch aus Holztüren aufgebaut, damit die ganze Familie zusammensitzen konnte. Mama hatte den Tisch mit einem gelben Tuch gedeckt und Körbe mit ihrem frisch gebackenen Brot daraufgestellt.
»Wir sind eins.« Das waren die Worte ihres Vaters gewesen, als er sein Glas erhob, worauf Cousins, Tanten, Onkel und Geschwister ebenfalls die Gläser erhoben hatten.
Es hatte viele glückliche Momente in Mateldas Leben gegeben, doch dieser Ostersonntag nach dem Krieg zählte zu den besonderen. Selbst wenn ihr Gedächtnis sie irgendwann völlig im Stich ließe, würde Matelda sich immer an die Szene erinnern, wie ihre Familie im Garten unter der gleißenden Sonne die Fastenzeit beendete. In der Jugend war Matelda der Zeit hinterhergejagt, um zu bekommen, was sie wollte. Heute jagte sie der Zeit hinterher, um sie festzuhalten.
Die Holzlatten knarrten unter ihren Füßen, als sie den Pier entlangging. In der Mitte drehte sie sich um und blickte zurück auf die breite graue Fläche. Warum war sie ihr als Mädchen so endlos erschienen?
Matelda erinnerte sich, wie sie an einem Sommerabend während der Passeggiata Mare neben dem Kinderwagen ihres Bruders auf dem Pier spazieren gegangen war. Nino war 1949 geboren. (Zahlen behielt sie – typisch Buchhalterin.) Der Krieg war vorbei. Ihre Mutter trug ein Kleid aus apricotfarbenem Organza und ihr Vater einen Strohhut mit einem breiten Band aus himbeerroter Seide. Matelda legte die Hand aufs Herz, als sich die Details vor ihrem inneren Auge zusammenfügten. Bald gesellten sich die Geister zu ihr und färbten den tristen Pier bunt. Sie stellte sich Männer in karamellbraunen Anzügen vor und Frauen, die Hüte mit Pfauenfedern trugen. Ihre Mutter zwirbelte den verblichenen Sonnenschirm aus Leinen. Als Matelda sich auf eine Bank setzte, um sich auszuruhen, und die Augen schloss, hätte sie beschwören können, dass sie die Stimme ihrer Mutter hörte. Domenica Cabrelli hatte ihrer Tochter die Liebe zum Meer vererbt. Matelda spürte die Wärme ihrer Mutter, wann immer sie unter der korallenfarbenen Sonne am Wasser entlangging.
Sie fragte sich, warum sie sich mühelos an Einzelheiten aus ihrer Kindheit erinnerte, während sie kaum noch wusste, was sie am Abend zuvor gegessen hatte. Vielleicht würden Idas Probiotika ja helfen! Sie musste ihren Arzt danach fragen. Beim letzten Termin hatte er einen Gedächtnistest durchgeführt, ohne auch nur eine Frage zu ihrer Vergangenheit zu stellen. Stattdessen war er vom Hier und Jetzt besessen gewesen. Wer ist der Ministerpräsident von Italien? Welcher Wochentag ist heute? Wie alt sind Sie? Matelda hätte am liebsten gesagt: »Wen interessiert das schon?«, hütete sich aber, sich mit ihrem Arzt anzulegen. Er versicherte ihr, dass die Visionen und Träume über die Vergangenheit zwar normal, aber völlig irrelevant seien, wenn es um den aktuellen Zustand ihres Gehirns ging. »Vergangenheit und Gegenwart sind im menschlichen Gehirn nicht miteinander verbunden«, hatte er erklärt. Matelda war sich da nicht so sicher.
Sie überquerte den Strandboulevard und ging zu dem Modeladen, in dem sich früher das Juweliergeschäft ihrer Familie befunden hatte. Es erfüllte sie mit Stolz, dass der Schriftzug Juwelier Cabrelli noch am Gebäude prangte, auch wenn die Buchstaben verblasst waren. Ihr Ehemann hatte das Geschäft vor fast zwanzig Jahren von Viareggio nach Lucca verlegt.
Matelda hielt schützend die Hand vor die Augen und spähte durchs große Schaufenster. Die Tür zum Hinterzimmer stand offen. Die ehemalige Werkstatt, in der ihr Großvater Edelsteine geschliffen hatte, war jetzt voller Kleiderstangen.
Die Ladenbesitzer bauten die Karnevalsdekorationen ab, ließen die Girlanden herunter und nahmen die Lichterketten ab. Ein Mann balancierte auf einer Leiter und hakte die rot-weiß-grünen Wimpel entlang der Strecke aus, die der Umzug genommen hatte. Der Lebensmittelhändler fegte Konfetti in den Rinnstein und nickte grüßend, als sie vorbeiging.
An einem Brunnen schöpfte Matelda mit der Hand eiskaltes Wasser, das hier den Berg hinab in die uralten Zisternen floss. Die Zapfhähne wuchsen aus den Händen geschnitzter Engel, an deren Gesichtern die Zeit genagt hatte. Das Wasser enthielt wertvolle Mineralien, die den Körper stärkten. Matelda dachte an ihre Mutter, als sie sich die Hände an ihrem Taschentuch abtrocknete. Domenica Cabrelli hatte nicht nur darauf bestanden, dass ihre Kinder von dem Wasser tranken, sie hatte Matelda auch das Zählen beigebracht, während sie an den Engelsbrunnen vorbeigingen, die den Schulweg säumten. Viareggio war ihr erstes Lehrbuch gewesen.
Matelda öffnete das Portemonnaie, als der Obstverkäufer sechs makellose goldene Äpfel aus der Auslage nahm und behutsam in eine Papiertüte legte.
»Wie läuft das Geschäft?«, fragte sie. »Buona festa?«
»Nicht wie früher«, klagte er.
In der Via Firenze kam Matelda an sechs Männern vorbei, die ein riesiges blau gestreiftes Zelt zusammenlegten, als würden sie ein Bettlaken falten. In den bunt gestrichenen Häusern, die längs der Straße wie Bücher im Regal standen, hatten die Cousins und Cousinen der Cabrellis gewohnt. Matelda erkannte die Häuser ihrer Verwandten an der Farbe der Haustür: Rosa für die Mamaci-Cousins, Gelb für die Biagettis und Grün für die Gregorios. Manche Farben dienten auch als Warnung. In dem Haus mit der blauen Tür war Matelda nicht willkommen, weil zwischen den Familien Cabrelli und Nichini seit Langem eine Fehde herrschte, an deren Beginn sich niemand mehr erinnerte. Der Streit ging auch noch weiter, nachdem die Nichinis das Haus mit der blauen Tür verlassen hatten und nach Livorno gezogen waren. Matelda erinnerte sich an die Sommer ihrer Kindheit, als sie am Fuß des Hügels gestanden und gepfiffen hatte, um ihre Cousins und Cousinen an den Strand zu rufen. Die Haustüren öffneten sich gleichzeitig, und die Kinder kamen die Straße heruntergerannt.
Aus Spaß steckte Matelda zwei Finger in den Mund und pfiff. Das laute Trillern erregte die Aufmerksamkeit der Männer, die das Zelt zusammenlegten, doch keine einzige Tür flog auf. Leider waren auch ihre Cousins und Cousinen nach Lucca abgewandert. Matelda und ihr Mann Olimpio lebten als Einzige noch im Ort. Sie waren die letzten Cabrelli-Roffos in Viareggio.
Mateldas Handy summte in der Tasche. Sie blieb stehen und las die Nachricht.
Alles Gute zum Geburtstag, Matelda! Vielen Dank für den netten Besuch.
Sie schrieb ihrer Schwägerin: Danke. Es hat Spaß gemacht. Nur nicht lang genug!
Matelda hatte ihre Schwägerin Patrizia wirklich gern. Sie war eine Friedensstifterin und hatte Nino ermutigt, sich mit Matelda zu vertragen; schließlich hatten sie nur einander. Beim letzten Treffen hatte Matelda sich kein einziges Mal mit ihrem Bruder gestritten.
Kannst du Nino fragen, ob er sich an die Elefantengeschichte von Nonno Cabrelli erinnert?, schrieb Matelda.
Patrizia schickte ein Zwinker-Emoji.
Matelda hasste Emojis. Bald würden die Menschen gar keine Worte mehr brauchen, um sich zu verständigen, weil animierte Köpfe mit Käferaugen das Sprechen für sie übernahmen.
Matelda blieb am Tor des Gemeindegartens stehen, den die Familie Boncourso vor hundert Jahren angelegt hatte. Auch jetzt trug das Grundstück noch ihren Namen, obwohl die Familie nach dem Ersten Weltkrieg ausgestorben war. Der brachliegende Garten war mit Mist bedeckt, die mehrjährigen Pflanzen waren zum Schutz vor dem Frost in Sackleinen gehüllt. Die weiße Pergola stand einsam da wie eine im Schlamm versunkene Hochzeitskutsche.
Matelda erinnerte sich an ihren ersten Kuss unter der Pergola. Es war Sommer gewesen, sie hatte die Augen geschlossen und den Duft der Weintrauben eingeatmet, die sich über den Bogen rankten. Rocco Tiburzi hatte es als Zeichen genommen, um sie zu küssen. Matelda war vierzehn Jahre alt gewesen und hatte gedacht, dass ihr nie etwas Schöneres passieren würde; sie war praktisch nach Hause geschwebt. Dort wurde sie von ihrer Großmutter Netta getadelt, weil sie das Obst vergessen hatte, das sie aufsammeln sollte. Zärtlichkeit und Scham blieben ihrem Herzen eng verbunden, bis sie schließlich erkannte, dass es sie daran hinderte, wahrhaft zu lieben.
Die Esskastanienbäume an der Rückwand des Gartens trugen noch immer reichlich Früchte. Die Nachbarn sammelten sie in Jutesäcken, doch Matelda verzichtete auf ihren Anteil. Während der Lebensmittelknappheit nach dem Krieg hatte sie so oft Maronen in Pasten, Füllungen und Teigen gegessen, dass sie sich geschworen hatte, sie nie zu verwenden, wenn sie erwachsen war und für die Familie kochte. Matelda konnte nicht begreifen, dass italienische Gerichte mit Kastanien neuerdings so beliebt waren. Wie schnell die Menschen Not und Leid vergaßen.
Matelda und Olimpio wohnten im Dachgeschoss der Villa Cabrelli in der Viale Giosuè Carducci. Die Roffos lebten als dritte Generation im Haus der Familie. Nachdem Mateldas Eltern gestorben und ihre erwachsenen Kinder ausgezogen waren, hatten sie und Olimpio das Haus neu gestaltet und sich für das Penthouse entschieden. »Wir haben es endlich ganz nach oben geschafft«, scherzte Olimpio.
Matelda hatte das Leben in der Villa Cabrelli aus jeder Perspektive erlebt. Schade, dass die Generationen nicht mehr in einem Haus lebten, nur durch wenige Stufen getrennt. Ihre eigenen Kinder waren ausgezogen, als sie geheiratet hatten. Ihre Tochter lebte im nahen Lucca, ihr Sohn weiter nördlich an der Küste. Matelda hätte nur zu gern ihre ganze Familie unter einem Dach gehabt.
Der Ort entwickelte sich weiter, die Familien veränderten sich mit ihm. Die meisten Nachbarhäuser mit Meerblick wurden in Wohnungen aufgeteilt, als die Besitzer starben. Die Erben, die das Familieneigentum behalten wollten, finanzierten es mit lukrativen Vermietungen im Sommer. Auch die Villa Cabrelli hatte man in Wohnungen aufgeteilt, weil die alternden Roffos weniger Platz brauchten. Bei der Renovierung hatten sie einen Aufzug installiert, von dem Olimpio behauptete, dass sie ihn eines Tages brauchen würden. Wie recht er gehabt hatte. Wer mit sechzig ein Haus renovierte, sollte die Achtzig im Auge behalten. Es ging schneller, als man dachte.
Matelda fischte in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel. Orange bedeutete, dass sie zu Hause war. Die Tür hatte sich seit ihrer Kindheit nicht verändert.
»Signora! Ich habe etwas für Sie.« Giusto Figliolo, Mateldas weißhaariger Nachbar, kam winkend durchs Tor. »Meine Tochter hat einen Ausflug nach Pietrasanta gemacht.« Er reichte Matelda ein in Wachspapier gewickeltes großes Stück Parmesan. »Ich habe noch mehr, falls Sie was brauchen.«
Matelda stemmte den Käse wie eine Langhantel. »Können Sie den wirklich entbehren?«
»Sì, sì«, gluckste er. »Sie hat mir einen ganzen Laib mitgebracht. Der reicht bis zum nächsten Carnevale.«
»Ich danke Ihnen, Signore. Bitte, nehmen Sie ein paar Äpfel.« Matelda öffnete die Papiertüte.
»Ich nehme einen.«
»Sicher? Ich habe genug.«
»Einen, mehr brauche ich nicht. Buon compleanno.« Figliolo lächelte.
Typisch Figliolo, ihr zum Geburtstag ein Stück Käse zu schenken. Der Familie hatte früher das beliebteste Restaurant der Stadt gehört, in dem die Familien des Ortes feierten. Seine Mutter war eine gute Köchin gewesen, sein Vater ein guter Geschäftsmann. Alle Figliolo-Kinder hatten im Restaurant gearbeitet. Es waren gut aussehende Menschen, was dazu beitrug, Gäste anzulocken. Figliolos Schwestern waren schon lange tot, aber Matelda erinnerte sich an ihr schwarzes Haar, ihre schlanke Figur und die rot lackierten Nägel.
»Werden Sie Ihren Geburtstag feiern?«, fragte Figliolo.
»Ganz bescheiden. Mein Ziel ist es, morgen um diese Zeit noch zu leben. Und übermorgen, wenn Gott mir gnädig ist.«
»Möge er Sie segnen und Ihnen geben, was Sie brauchen, denn was Sie wollen, bringt Sie nur in Schwierigkeiten.« Figliolo bekreuzigte sich. »Die Cabrellis waren schon immer Kämpfernaturen. Sie schaffen das.«
Matelda hob die Zeitung auf. »Hier, die können Sie haben.«
»Wirklich?«
»Es gibt keine Nachrichten mehr, nur noch Nachrufe. Man muss mich nicht an das erinnern, was kommt.«
»Sie sind doch noch ein Kind, Matelda.« Giusto war dreiundneunzig. »Ihr Leben fängt gerade erst an.«
Die letzte Apfelschale fiel wie ein goldenes Band in die Spüle. Matelda schnitt die Frucht mit dem Schälmesser in Scheiben. Dann drückte sie den Teig auf dem Backblech platt und verteilte kunstvoll die Apfelscheiben darauf. Sie gab Butterflöckchen und Zucker darüber. Zuletzt bestäubte Matelda alles mit Zimt und schlug die vier Ecken des Teigs zur Mitte ein, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte. Dann schob sie den Strudel di mele in den Ofen.
Matelda fütterte die Haustiere. Beppe, ihre Promenadenmischung, fraß schnell und schlief unter dem Sofa ein. »Du bist genau wie dein Herrchen. Fressen. Nickerchen. Fressen«, neckte sie den Hund. Argento lief über das Bücherregal im Wohnzimmer, das war ihre tägliche Zirkusnummer. »Und du!« Sie drohte der Katze mit dem Finger. »Du bist doch verrückt! Zu alt für solche Höhen.« Die Katze ignorierte sie wie üblich. Argento benahm sich, als wohnten die Roffos bei ihr und nicht andersherum.
Matelda zog die Schürze aus und räumte das Wohnzimmer auf.
Vier niedrige graue Sofas, schlicht und modern, auf denen die gesamte Familie Platz fand, bildeten ein Quadrat um den Couchtisch. Zwischen Mateldas Büchern fanden sich eine alte Leica, eine Skulptur und Gläser mit Muscheln, die die Enkelkinder gesammelt hatten. Sie ging mit dem Staubwedel über die Regale.
Als sie fertig war, zupfte Matelda einen vergilbten Papierschnipsel aus der Capodimonte-Vase auf dem Tisch. Sie nahm ein kleines Gemälde vom Haken unter der Treppe, hinter dem sich die Metalltür des Wandsafes befand. Sie hielt das gesunde Ohr daran, folgte der Zahlenreihe auf dem Zettel und drehte den Knopf wie eine erfahrene Safeknackerin. Das Rädchen klickte. Die Tresortür sprang auf. Sie hob ein samtbezogenes Schmuckkästchen heraus, ließ den Tresor offen und stellte das Kästchen auf den Tisch.
Matelda nahm den Strudel aus dem Ofen und stellte ihn zum Abkühlen auf die Arbeitsplatte. Dampf stieg aus den goldenen Falten der zuckerglasierten Kruste. Sie schlug ihr Notizbuch auf und notierte Zutaten und Backanleitung für den Strudel. Ihre Tochter Nicolina sammelte Familienrezepte. Matelda kochte nie nach Rezept; sie bereitete die Gerichte so zu, wie ihre Großmutter und ihre Mutter es ihr beigebracht hatten: die besten Zutaten verwenden. Nichts abmessen. Dem Instinkt folgen.
Matelda schraubte den Deckel der Moka Express ab, nahm das Sieb heraus und gab frisch gemahlene Espressobohnen in den Trichtereinsatz. Sie füllte den Kessel darunter mit Wasser. Mit dem runden Ende des Löffels klopfte sie das Kaffeemehl gleichmäßig flach und schraubte das Oberteil vorsichtig auf den Kessel. Dann stellte sie die Moka Express auf den Herd und zündete ihn an.
Die Küche füllte sich schon mit dem erdigen Morgenduft, als Matelda bemerkte, dass sie Kaffee auf den Teppich unter der Spüle verschüttet hatte. Sie bückte sich fluchend und rollte den Teppich wie eine Zigarre auf. Dann trug sie ihn auf die Terrasse, schüttelte ihn aus und hängte ihn übers Geländer.
Matelda fröstelte in der Kälte, sie zog den Pullover fester um sich und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Brandung wurde stärker. Der frische Wind, der über die Gipfel der Alpi Apuane wehte und durch die Pania della Croce pfiff, signalisierte mindestens noch einen Sturm, bevor das Frühjahr kam. Es war der strengste Winter in der Toskana, an den sich Matelda erinnerte. Sie schüttelte noch einmal den Teppich und faltete ihn zusammen.
Sie wollte wieder hineingehen, als ein Kreischen über ihr ertönte. Sie schaute auf und entdeckte eine fette Möwe, die durch den Nebel herabstürzte. »Husch!«, rief sie und wedelte mit dem Teppich. Doch statt wegzufliegen, sauste der Vogel auf sie zu und zwickte sie mit der scharfen Spitze seines gelben Schnabels in die Wange.
»Beppe!«, rief Matelda. Der Hund sprang durch die offene Glastür und bellte den Vogel an. Die Katze glitt neugierig auf die Terrasse. Die Möwe stürzte herab, um die Katze zu ärgern, die fauchend einen Buckel machte.
»Argento! Rein mit dir!« Sie hob die Katze mit dem Teppich auf. »Beppe! Andiamo!« Der Hund sauste zurück in die Wohnung. Matelda knallte die Glasschiebetür zu und deponierte die Katze auf dem Stuhl, während der Hund hechelnd an ihren Beinen hochsprang.
Matelda zog das Taschentuch unter ihrem BH-Träger heraus, tupfte sich behutsam den Schweiß von der Stirn und legte die Hand auf ihr rasendes Herz. Dann spähte sie durch die Glastür und suchte den Himmel ab, doch die Möwe war verschwunden. Matelda fühlte sich ganz sonderbar, als sie sich keuchend hinsetzte.
Zu viel Aufregung für eine alte Dame, sagte sie sich. »Und für euch auch«, murmelte sie in Richtung Hund und Katze.
»Nonna?« Matelda zuckte zusammen, als die Stimme ihrer Enkelin Anina aus der Sprechanlage ertönte. »Ich bin’s. Ich habe den Schlüssel dabei.«
Anina telefonierte, als sie aus dem Aufzug in die Wohnung trat. Sie hauchte ein Ciao, Nonna, schürzte die Lippen zu einem Luftkuss, reichte ihrer Großmutter eine Tüte mit frischem Obst und deutete an, dass sie noch zu Ende telefonieren müsse. Sie warf ihren Mantel über einen Stuhl und ließ sich aufs Sofa fallen.
Anina Tizzi war mit ihren fünfundzwanzig Jahren eine Augenweide. Sie hatte den Cabrelli-Mund, eine gerade Nase, einen bräunlichen Teint und eine schlanke Figur. Ihre Haare waren so dicht und braun, wie Mateldas früher gewesen waren. Aninas Augen standen weit auseinander wie die ihrer Großmutter, waren aber nicht braun, sondern grün wie die der Tizzis aus Sestri Levante, von denen ihr Vater Giorgio abstammte.
Anina trug weiße Jeans, die von den Oberschenkeln bis zu den Knöcheln zerrissen waren und so viel Bein freiließen, dass ihre Großmutter sich fragte, warum Anina überhaupt eine Hose anzog. Der enge hellblaue Pullover reichte Anina kaum bis zur Taille und gab den Bauchnabel frei. Ein Wunder, dass sie noch nicht erfroren war.
Anina zwirbelte ihr Haar zu einem Dutt, während sie telefonierte. Ihr Verlobungsring, Platin mit einem schlichten Diamanten in Smaragdschliff, funkelte im Licht. Für Matelda war der Ring der einzige Hauch von Raffinesse an der jungen Frau. Sie hätte eigentlich viel eleganter sein müssen, immerhin waren die Cabrellis die Kunsthandwerker der Stadt.
Matelda brachte das Obst in die Küche. Ihr Handy summte auf der Arbeitsplatte, sie stellte es auf Lautsprecher. »Pronto«, begrüßte sie ihren Mann.
»Was hat Anina sich ausgesucht?«, wollte Olimpio wissen.
»Noch nichts. Sie telefoniert. Wenn ein junger Mensch einen alten besucht, nimmt er an, dass der alte Mensch nichts anderes zu tun hat, als auf die Uhr zu schauen und auf den Tod zu warten.«
Olimpio lachte. »Sag ihr, sie soll aufhören zu telefonieren. Atme durch. Entspann dich.«
»Das fällt mir schwer.«
»Ich weiß. Ich habe dich seit dreiundfünfzig Jahren nicht atmen sehen. Jedenfalls nicht tief.«
»Wann kommst du nach Hause?«
»Wie immer. Bete für mich. Ich habe einen Termin bei der Bank.«
»Überzeuge sie mit deinem Charme.«
»Sì. Sì. Ich gebe ihnen dass Gefühl, dass sie was Besonderes sind. Und du machst das Gleiche mit Anina.«
Matelda bereitete ein Tablett mit Geschirr, Silber und Leinenservietten vor. Sie platzierte den Strudel di mele in die Mitte und schob ein Serviermesser darunter.
»Telefonierst du immer noch?«, beschwerte sich Matelda, als sie das Tablett auf den Tisch stellte und mit der Hand über die Marmorplatte fuhr.
Als ihre Eltern vor zwanzig Jahren im Abstand von fünf Monaten gestorben waren, hatten sie vier Stockwerke voller Möbel und Kram hinterlassen. Der Esstisch mit der Marmorplatte hatte eine Geschichte. Sie hatten überlegt, ihn zu verkaufen, als sie nach dem Krieg Geld gebraucht und darum gekämpft hatten, das Geschäft zu halten. Aber antike Möbel waren so ziemlich das Letzte, was die Leute in schweren Zeiten kauften.
Matelda hatte nicht gewusst, was sie mit den Besitztümern ihrer Eltern anfangen sollte. Signora Ciliberti, eine weise Frau, die in der Via Castagna wohnte, hatte ihr geraten, nur einen besonderen Gegenstand zu behalten, der sie an ihre Mutter erinnere. Alles andere kann weg, hatte sie gesagt. Von Schuldgefühlen befreit, hatte Matelda die Erbstücke ihrer Mutter ohne die Hilfe ihres Bruders verkauft. Nino war zur Beerdigung gekommen, hatte mit Viareggio um sie getrauert und war bald darauf abgereist. Alles, was zu erledigen war, hatte er seiner Schwester überlassen, den Abwasch nach dem Traueressen eingeschlossen. Was den Haushalt betraf, kümmerten sich italienische Frauen um alle wichtigen Angelegenheiten zwischen Geburt und Tod.
Matelda stellte das Schmuckkästchen an den Platz, den sie für ihre Enkelin vorgesehen hatte. »Anina.«
Sie drehte sich lächelnd um, hob den Finger und redete weiter.
»Leg auf«, befahl Matelda.
»Ciao. Ciao. Ich muss Schluss machen.« Anina beendete das Gespräch. »Tut mir leid, Nonna. Wenn Paolo reden will, muss ich alles stehen und liegen lassen.« Anina setzte sich zu ihrer Großmutter an den Tisch. »In letzter Zeit will er nur noch reden.«
»Ich habe deinen Lieblings–«, setzte Matelda an.
Aninas Handy klingelte. »Entschuldigung.« Sie griff danach.
»Gib es mir.« Matelda streckte die Hand aus. Anina reichte ihrer Großmutter das vibrierende Gerät. Matelda ging zum Safe, warf es hinein, schlug die Tür zu und schloss ab. »Es ist unhöflich, seine Großmutter zu besuchen und die ganze Zeit zu telefonieren.«
»Kann ich bitte mein Handy zurückhaben?«, fragte Anina verblüfft.
»Später.«
»Du willst es jetzt da drin lassen?«
»Sì.« Matelda goss Kaffee ein. »Du kannst später zurückrufen.«
»Nonna, was ist denn passiert?« Anina betrachte prüfend Mateldas Gesicht. »Du hast ja Blut an der Wange.«
»Wo?« Matelda stand auf und sah in den Spiegel. Anina hatte recht. Ein schwacher weinroter Streifen zog sich über ihr Gesicht. »Habe ich etwa die ganze Zeit geblutet?«
»Du musst dich geschnitten haben. Hast du es nicht gemerkt?«
»Nein, habe ich nicht. Ach, Moment mal. Das könnte von der kleinen Auseinandersetzung mit der Möwe sein.«
»Wie meinst du das?«
»Ich war auf dem Balkon und habe auf dich gewartet. Eine Möwe stürzte aus dem Nichts herab. Ich dachte, sie hätte mich verfehlt.«
»Hat sie nicht.«
»Vielleicht war es nicht der Vogel. Vielleicht habe ich mich auch gekratzt.«
»Ohne es zu merken?«
Anina machte sich Sorgen um ihre Großmutter, obwohl ihre Mutter glaubte, Matelda werde sie alle überleben. Gewiss, es schien, als wäre sie nicht wie andere Großmütter gealtert. Wie vulkanisiertes Gummi schien sie mit der Zeit nur noch stärker zu werden. Wenn sie hinfiel, sprang sie wieder auf. Matelda war die einzige Nonna, die nicht in sich zusammensackte, sondern sich aufrecht wie ein Soldat bei der Parade hielt. Sie kleidete sich klassisch stilvoll, Wollröcke und Kaschmirpullover, dazu immer eine geschmackvolle Brosche und eine Perlenkette. Matelda sah aus wie eine wohlhabende berufstätige Frau aus der Großstadt, obwohl sie in Rente war und als Hausfrau am Meer lebte.
»Hör auf, mich anzustarren.« Matelda tastete mit den Fingerspitzen nach dem Schnitt. Er war nicht breiter als ein Faden und verlief vom Wangenknochen bis zum Ohr.
»Wenn dich ein Vogel angegriffen hat, sind Keime in der Wunde. Sie übertragen Krankheiten; außerdem bringt es Pech.«
»Da würde ich mir keine Sorgen machen. Es ist mein Pech, nicht deins.«
Anina öffnete das Schmuckkästchen. Der Inhalt glitzerte wie bunte Bonbons. »Als ich klein war, hast du mich mit dem Schmuck spielen lassen.«
»Das klingt nicht nach mir.«
»Na ja, ich durfte dir beim Polieren helfen.«
»Das klingt schon eher nach mir. Untätige Kinder arbeiten lassen, damit sie keinen Unfug anstellen.«
»Mit dir machte sogar das Arbeiten Spaß.«
»Du hattest Spaß mit mir?« Matelda lachte leise.
»Ab und zu.« Anina klappte das Schmuckkästchen zu und schaute Matelda an.
»Was ist los?«
»Hast du eine Salbe und ein Pflaster? Ich kann die Zeit mit dir erst genießen, wenn du die Wunde versorgt hast.«
»Madonne.« Matelda schob den Stuhl nach hinten und ging ins Bad. »Es ist doch nur ein Kratzer.«
»Es ist eine Wunde!«, rief Anina ihr hinterher. »Ich würde es googeln, aber du hast mir ja das Handy geklaut.«
Matelda öffnete den Erste-Hilfe-Kasten, den sie unter dem Waschbecken aufbewahrte. Sie wusch sich die Hände und bestrich die Wunde dünn mit antiseptischer Salbe. Dann drückte sie einen Mulltupfer darauf, damit die Salbe einziehen konnte. Matelda kam an den Tisch zurück. »Alles klar, ich bin geheilt.«
»Grazie mille.« Anina betrachtete den Inhalt des Kästchens. »Wie war das genau mit dem Vogel?«
»Ist das so wichtig? Ich kann ihn wohl kaum bei der Polizei anzeigen.«
»War es ein Vogel oder ein ganzer Schwarm?«
»Nur einer. Ich verstehe, worauf du hinauswillst. Es hat irgendeine Bedeutung. Aber ich fürchte, ich weiß nicht, welche. Meine Mutter kannte sich mit italienischer Folklore aus, sie war eine Expertin. Sie sagte immer, wenn ein Vogel im Fenster säße und ins Haus schaute, würde jemand im Haus sterben.«
»Was hätte sie über einen Vogel gesagt, der eine unschuldige Frau am helllichten Tag grundlos angreift?«
»Keine Ahnung.«
»Wir könnten eine strega fragen«, schlug Anina vor.
»Alle stregas, die es hier gab, sind tot«, gestand Matelda.
»Vielleicht kennt Mama eine in Lucca.«
»Wir werden nicht in Lucca herumtelefonieren, um eine Hexe zu finden.«
»War nur so eine Idee.« Anina wählte einen Ring und streifte ihn über. »Ich will ja nur helfen.«
»Es hat nichts zu bedeuten«, versicherte Matelda, war sich aber selbst nicht ganz sicher. Das war das Schlimmste am Altsein: Es gab niemanden mehr, den Matelda anrufen konnte, wenn sie Antworten brauchte. »Dein Kaffee wird kalt. Wie wäre es mit dem Strudel di mele?«
»Ich kann nicht.«
»Das ist dein Lieblingskuchen.«
Anina tätschelte ihren straffen Bauch. »Ich muss mich in ein Hochzeitskleid zwängen.«
»Du trägst also was Enges?« Matelda konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen.
»Ich trage keins mit weitem Rock. Ich will bei meiner Hochzeit nicht wie ein Bombolone aussehen.«
»Stattdessen trägst du ein enges Kleid wie eine Gameshow-Moderatorin, bei der alles herausquillt.«
»Bei mir quillt schon nichts heraus. Darum wird es ja geändert.« Anina hielt eine Platinbrosche mit einer Schleife aus winzigen blauen Saphiren ins Licht.
»Der Priester wird ein Wörtchen dazu sagen.«
»Hat er schon. Ich war mit Paolo beim Brautunterricht und habe ihm ein Foto vom Kleid gezeigt. Er fand es schön.«
»Es gibt Regeln. Eine Braut muss in der Kirche Kopf und Arme bedecken. Und keine Brust zeigen.«
»Ich habe aber eine.«
»Sittsamkeit. Es ist ein Zeichen von Selbstrespekt, sich zu bedecken. Etwas, das es nur für dich und deinen Mann zu bewahren gilt.«
»Ich weiß nicht, wovon du redest.«
»Dann ist es zu spät, es dir beizubringen.«
»Ist es wichtig?«
»Vermutlich nicht.« Matelda lächelte. Die meisten Dinge, die ihr wichtig waren, waren sonst niemandem mehr wichtig. Matelda hatte kein Recht, sich zu beschweren, erinnerte sich aber an eine Zeit, in der Ältere das gedurft hatten. »Anina, zieh an, was immer dich glücklich macht.«
Immerhin würde Anina kirchlich heiraten. Viele von Mateldas Freundinnen hatten Enkel, die in Parks oder am Strand geheiratet hatten, ohne dass Gott auch nur erwähnt wurde. Es gab lediglich eine Braut, die barfuß ging, einen Sonnenbrand und Prosecco im Pappbecher. »Weißt du, was heute für ein Tag ist?«
»Der Tag, an dem ich zu dir kommen und mir ein Schmuckstück für meine Hochzeit aussuchen soll.« Anina legte die Brosche wieder in das dazugehörige Wildlederetui. »Eine Familientradition der Cabrellis. Deine Großmutter hat dir ein Schmuckstück für deinen Hochzeitstag geschenkt, deine Mutter hat meiner Mutter Schmuck geschenkt, und jetzt bist du an der Reihe, mir etwas zu schenken.«
»Ich habe auch Geburtstag.«
»Nein.« Anina legte die Hände auf den Tisch und überlegte kurz. »Doch! Es tut mir so leid! Buon compleanno!« Sie stand auf und küsste Matelda auf die unverletzte Wange. »Gestern habe ich noch daran gedacht und es heute Morgen einfach vergessen. Ich hätte dir ein Geschenk mitbringen müssen!«
»Das hast du doch. Du hast mir Obst mitgebracht, ein Geschenk, das man sofort verwenden muss. Perfekt für eine Einundachtzigjährige, falls ich nicht sterbe, bevor es verdirbt.«
»Es tut mir leid, Nonna. Bei dir mache ich einfach alles falsch.«
»Das ist nicht wahr. Ich würde dich nur gern öfter sehen, und das ist nicht als Kritik gemeint.«
»Wenn jemand sagt: ›Das ist nicht als Kritik gemeint‹, ist es immer genau das.«
»Besuchst du mich deswegen nicht öfter? Weil ich zu kritisch bin?«
»Ja.« Anina versuchte ein Lächeln zu unterdrücken. »Soll ich ehrlich sein? Ich habe viel zu tun.«
»Womit?«
»Ich plane eine Hochzeit.« Anina fuchtelte frustriert mit den Händen.
»In deinem Alter habe ich meinem Vater die Bücher geführt.«
»Ich springe für Orsola ein, wenn sie in Mutterschutz geht.«
»Ausgezeichnet. Wenn du nicht die Kunden bedienst, kannst du in der Werkstatt Zeit mit deinem Großvater verbringen. Dort passiert die eigentliche Arbeit. Lerne das Handwerk von einem Meister. Es könnte deine Kreativität beflügeln.«
»Erst mal sehen, wie ich mich als Ersatz für Orsola mache. Dann reden wir über meine Kreativität.«
»Nutze die Gelegenheit, und mach etwas daraus. Du solltest über deine berufliche Zukunft nachdenken.«
»Zuerst möchte ich ein Zuhause für Paolo und mich schaffen. Du weißt schon, Strudel backen und die Wände streichen. Einen Garten anlegen.«
»Du solltest mehr können als Rucola anbauen. Manchmal passieren Dinge, und dann musst du für die Familie sorgen. Dafür brauchst du Geld.«
»Geld interessiert mich nicht«, konterte Anina. »Können wir über was anderes reden? Ich dachte, wir wollten heute Spaß haben.«
Scham überkam Anina. Ihre Großmutter gab sich Mühe. Nonna hatte sich auf diesen besonderen Besuch vorbereitet und alles genau geplant. Anina griff nach Mateldas Hand und tätschelte sie sanft. »Danke, dass du das alles für mich tust. Aber ich weiß nicht, was ich mir aussuchen soll. Kannst du mir helfen?« Anina hielt eine kleine goldene Medaille hoch.
»Das ist eine wundertätige Medaille.«
»Ist das deine?«
»Sie hat meiner Mutter gehört. Ich wusste auch mal, was sie bedeutet. Aber ich kann mich nicht erinnern. Und wenn es mir dann einfällt, spielt es keine Rolle mehr. Altsein ist schrecklich.«
»Es muss doch auch etwas Gutes haben, alt zu werden.«
Matelda dachte nach. »Ärmel.«
Anina lachte.
Matelda nahm eine Medaille der heiligen Lucia in die Hand. »Zu der hier gibt es eine Geschichte. Sie hat auch meiner Mutter gehört.«
»Ich möchte sie hören.«
Anina holte einen kleinen Umschlag aus dem Kästchen. Ein einkarätiger Rubin im Peruzzi-Schliff fiel wie ein kleiner roter Kaugummi in ihre Hand. »Wow.«
»Das ist der Speranza-Rubin. Mein Großvater behauptete felsenfest, sein Freund aus Venedig sei der beste Edelsteinschleifer Italiens. Wenn du magst, kannst du dir etwas aus dem Stein machen lassen.«
Anina legte den Rubin zurück in den Umschlag. »Es war schon schwer genug, meinen Verlobungsring zu entwerfen. Überlassen wir ihn jemandem mit mehr Fantasie.«
Matelda nahm einen Holzzylinder, auf dem drei Ringe steckten, aus dem Kästchen und zog einen dicken Goldring ab. »Der hier hat der Mutter meiner Mutter gehört, Netta Cabrelli. Es war ihr Ehering.«
Anina probierte ihn an. »Ich kriege ihn nicht mal über den Knöchel!«
»Nonno kann ihn für dich anpassen, wenn du magst. Da ist genügend Gold dran. Sie war kleiner als du, für mich aber eine Riesin, und nicht von der sanften Sorte. Ich habe ein Foto von ihr auf meinem Nachttisch.«
»Das kenne ich. Es macht mir Angst. Menschen in Sepia sehen immer so unglücklich aus.«
»Weil sie sich nicht bewegen durften. Sie mussten stillhalten, damit der Fotograf das Bild aufnehmen konnte. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Netta Cabrelli war aus anderen Gründen streng.«
»Was ist das?« Anina hatte eine Uhr gewählt, eingefasst in ein Rechteck aus grünem Aventurin.
»Wo hast du die gefunden?«
»Sie lag ganz unten.«
Die Uhr mit dem blassblauen Perlmutt-Zifferblatt baumelte an einer ziselierten Brosche aus Gold. Die Zwölf, die Drei, die Sechs und die Neun waren mit einem Baguette-Stein markiert.
»Ich dachte, die wäre im Bankschließfach.«
»Ist sie wertvoll?«
»Nur für mich.«
»Das filigrane Muster auf der Brosche wäre ein tolles Knöcheltattoo.«
»Du hast ein Tattoo?«, stöhnte Matelda.
»Mama hat gesagt, ich soll es dir nicht verraten.«
»Wo?«
»Ich habe ein Herz an der Hüfte.«
»Du hast doch schon eins in der Brust.«
»Aber das an der Hüfte ist süß.« Anina hielt die Aventurin-Uhr in die Höhe. »Nonna, die möchte ich haben. Darf ich?«
»Such dir was anderes aus.«
»Du hast gesagt, ich kann mir alles aussuchen, was im Kästchen ist.«
Matelda reichte Anina einen zierlichen Ring aus Gelbgold mit Rubinen im Brioletteschliff. »Der würde wunderbar zu deinem Diamanten passen. Dein Großvater hat ihn mir zum vierzigsten Geburtstag geschenkt.«
Anina steckte den Ring an den Mittelfinger ihrer rechten Hand. »Er ist wunderschön, aber zu auffällig für mich, Nonna.« Sie legte den Ring zurück ins Kästchen und nahm wieder die Uhr heraus. »Warum steht das Zifferblatt auf dem Kopf?«
»Damit meine Mutter die Zeit ablesen konnte.«
»Warum musste sie die Zeit verkehrt herum ablesen?«
»Weil sie beide Hände zum Arbeiten brauchte. Sie trug die Uhr an ihrer Tracht. Sie war Krankenschwester.«
»Hab ich das gewusst? Ich glaube nicht. Du sprichst nie über deine Mutter. Warum nicht?«
»Ich spreche ja über sie.« Matelda faltete die Hände im Schoß. »Du hörst nur nicht zu, wenn ich Geschichten erzähle. Ihr jungen Leute seid zu sehr mit euren Handys beschäftigt.«
»Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst blass aus. Sollen wir das hier verschieben? Wir könnten das auch ein anderes Mal machen.«
»Es ist zu spät.«
»Wofür?« Anina sah sich um. »Musst du irgendwohin?«
Matelda wünschte, es wäre so. Ihr Herz raste. Frustration, der Treibstoff der Angst, stieg in ihr auf. Sie konnte die Zukunft sehen. Sie würde sterben, die Kinder würden sich um diesen Tisch versammeln. Ihre Tochter Nicolina würde den Inhalt das Kästchens durchgehen. Ihr Sohn Matteo würde sich zurücklehnen; wenn seine Schwester fertig war, würde er das Kästchen durchstöbern. Ihre Kinder hätten bestenfalls ein lückenhaftes Wissen über die Geschichten, die sich hinter den Stücken verbargen. Ohne diese Geschichten hatten die Schmuckstücke keine Bedeutung, und ohne Bedeutung besaßen sie auch keinen Wert. Sie würden die Sammlung an den Meistbietenden verkaufen, die Steine würden aus den Fassungen gerissen, das Gold gewogen, verpackt und eingeschmolzen, um wiederverwendet zu werden. Was intakt blieb, würde man als Sammlerstücke auf einer dieser Websites wiederfinden, die von reichen Leuten besucht wurden, Menschen, die nichts Besseres zu tun hatten, als immer noch mehr Zeug zu kaufen. Matelda drehte sich der Magen um.
»Nonna, geht es dir gut? Ich meine es ernst. Du siehst schrecklich aus.« Anina ging in die Küche.
Matelda versuchte, sich wieder zu fassen. Wenn eine Mutter alt wurde, stellte sie sich vor, was von ihrem Lebenswerk bleiben würde. Sie war es, die die Ziele der Familie prägte, und wenn sie versagte, versagte die Familie mit ihr. Matelda ahnte, dass ihr nicht gefallen würde, was ihre Kinder nach ihrem Tod täten, doch daran war allein sie selbst schuld. Sie hatte die Wahrheit nicht mit ihnen geteilt, ihre Familiengeschichte nicht genügend gewürdigt. Matelda war nicht mit ihren Kindern an ihren Geburtsort gefahren und hatte ihnen nicht die Geschichte ihres Vaters erzählt. Urlaub in Montenegro war wichtiger gewesen als eine Reise nach Schottland. Matelda hatte ihre Gründe. Sie wusste wenig über ihren Vater, doch das war keine Entschuldigung. Ihre Kinder und Enkel mussten bestimmte Dinge erfahren, bevor Matelda sie ganz vergaß oder unvermittelt starb. Um das zu begreifen, musste kein Vogel vom Himmel stürzen.
Anina kam mit einem Glas Wasser zurück. »Trink das, Nonna.«
Matelda nippte an dem Wasser. »Grazie.«
Anina nahm die Uhr ihrer Urgroßmutter Domenica Cabrelli und hielt sie ans Ohr.
»Sie ist seit Jahren nicht aufgezogen worden«, sagte Matelda.
Anina betrachtete sie. Der Aventurin war anders als die übrigen Edelsteine im Kästchen: nicht warm wie die magentafarbenen Rubine aus Indien in dem Geburtstagsring, nicht weich wie die Goldwirbel der Capri-Koralle. Er fing nicht das Licht ein wie ein Diamant, er war nicht italienisch. Der Stein war dunkelgrün und grüblerisch, in einem fernen Land gewonnen, an einem Ort, an dem die dicken Wurzeln hoher Bäume die steten Wechsel von Monsun und heißer Sonne in sich trugen. Auch die filigrane Verzierung auf der Brosche war vom Stil her nicht italienisch. Die Uhr war die unbeholfene Schönheit der Kollektion, die Fremde.
»Ich glaube, sie war schon antik, lange bevor Bisnonna sie bekam«, sagte Anina. »Sie stammt mit Sicherheit aus dem neunzehnten Jahrhundert.«
»Woher weißt du das?«
»Nonno hat mir beigebracht, so etwas zu erkennen.« Anina drehte die Uhr herum und hielt sie Matelda hin. »Das Gold ist gestempelt. Und es gibt noch weitere Anhaltspunkte. Die Uhr stammt nicht aus der Schweiz, auch sind weder Zifferblatt noch Zahnräder typisch für die italienische Bauweise. Sie ist auch nicht deutsch oder französisch. Woher kommt sie?«
Matelda antwortete nicht.
»Schau. Sie ist graviert. Da ist ein D, dann ein Und-Zeichen und dann ein J. Wer ist das, J?«
»Ich bin noch nicht bereit, mich von ihr zu trennen.«
Anina legte die Uhr zurück ins Kästchen. »Ich will immer das, was ich nicht haben kann.«
Matelda stützte nachdenklich das Gesicht in die Hand. Ihre Finger streiften die Wunde an ihrer Wange. Sie brannte gerade genug, um sie daran zu erinnern, dass sie verletzt war.
Draußen brach trommelnder Donner über den Spätwintertag herein, gefolgt von Blitzen.
»Oh, oh.« Anina drehte sich zur Terrassentür. »Gewitter im Anmarsch!«
Schwerer, kalter Regen prasselte wie Silberpfeile auf den Terrazzoboden.
»Die Schlafzimmerfenster!«, rief Matelda.
»Ich geh schon!« Anina rannte die Treppe zum Schlafzimmer ihrer Großeltern hinauf.
Matelda zog die Stecker der Elektrogeräte im Wohnzimmer heraus. Beppe lief aufgeregt bellend im Kreis, während Matelda die Notlampe vom Regal nahm.
»Alles gut.« Anina setzte sich atemlos wieder hin. »Ich habe alle zugemacht. Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der im Winter die Fenster offen lässt.«
»Meine Mutter hat mir beigebracht, morgens die Fenster zu öffnen, um die bösen Geister hinauszulassen. Ich vergesse immer, sie zu schließen.«
»War deine Mutter eine strega?«
»Ich glaube nicht.«
»Woher wusste sie dann diese Dinge?«
»Domenica Cabrelli war eine weise Frau. Sie besaß gesunden Menschenverstand und schätzte die Wissenschaft, akzeptierte aber auch die Geisterwelt. Die Nachbarn riefen eher sie als den Arzt.« Beppe sprang auf und setzte sich auf Mateldas Schoß.
»Ich wüsste gern mehr über sie.«
»Meine Mutter wurde in diesem Haus geboren und ist dreiundneunzig Jahre später darin gestorben. Sie hat ihr ganzes Leben in Viareggio verbracht. Bis auf die Zeit, in der sie als junge Krankenschwester für eine Weile ihre Familie verlassen musste.«
»Warum musste sie das?«
»Schau mal, wie wild das Meer ist. Das ist der große Sturm, den sie uns versprochen haben.«
»Nonna, ich möchte wissen, warum meine Urgroßmutter den Ort verlassen hat. Ich heirate. Ich möchte meinen Kindern etwas über ihre Vorfahren erzählen.«
Ein Streifen orangefarbenen Lichts verweilte am Horizont und beleuchtete die tosende Brandung, als der Sturm aufzog. Auch das Ligurische Meer hatte eine Geschichte. Anina sollte bald erfahren, wohin das Meer Domenica Cabrelli geführt hatte, bevor es sie mitsamt ihrer wahren Liebe und ihrem Geheimnis davontrug.
Viareggio 1920
Domenica Cabrelli legte die Hände wie einen Trichter an den Mund, wandte sich zu den Dünen und schrie: »Sil-vii-ooo!« Das elfjährige Mädchen hatte die Lungenkapazität einer Operndiva. Der Strand gehörte ihr allein, keine Menschenseele war zu sehen. Der Himmel war Tiepolo-blau, der Horizont mit flamingofarbenen Wolken getupft, ein sicheres Zeichen dafür, dass es später regnen würde. Das Meer kräuselte sich friedlich in der Mittagssonne, die Brandung rollte sanft ans Ufer. Domenica rieb sich den Bauch. Sie hatte Hunger und wurde langsam ungeduldig, rief erneut Silvios Namen. Sie hatten zu tun. Wo war er nur?
Mit eindringlichen schwarzen Augen inspizierte sie den Dünenkamm wie ein General seine Armee vor der Schlacht. Sie verschränkte die Arme über der frisch gewaschenen, gebügelten Arbeitsschürze, die ihre Mutter mit bunt zusammengewürfelten Fleckchen Sackleinen und Stoffresten geflickt hatte. Die meisten Mädchen im Dorf trugen so etwas. Die Schürze hatte einen quadratischen Ausschnitt und breite Träger, die hinten mit zwei Knöpfen geschlossen wurden. Vorn waren Taschen aufgenäht, die tief genug waren, um ein Lineal, eine kleine Schere und eine Garnspule mit Nadel darin unterzubringen, und breit genug, um einen Stickrahmen und zusätzliche Utensilien zu verstauen. Signorina Cabrelli hatte in ihren Taschen auch immer Platz für Muscheln und Steinchen, für die sie irgendwann Verwendung finden würde.
Domenica lief wie alle italienischen Kinder im Sommer barfuß. Ihre Fußsohlen waren hart, der weiße Sand unter ihren Füßen weich wie ein Perserteppich. Das dunkelbraune Haar war ordentlich geflochten und oben auf dem Kopf zu einem Kranz gesteckt. Ein paar Locken hatten sich aus den Zöpfen gelöst. Sie schob die losen Strähnen weg, wenn die Meeresbrise damit spielte. Unter dem Trägerkleid hatte sie einen abgelegten Baumwollunterrock und lange Unterhosen von einer Cousine, doch in ihren Ohrläppchen funkelten goldene Creolen, die ihr Vater, der Juwelierlehrling, angefertigt hatte. Die Ohrringe waren aus einem feinen Goldgeflecht, das man nur aus nächster Nähe erkennen konnte.
Dann tauchte Silvio Birtolini oben auf dem Hügel auf. Der schwarzhaarige Junge war so alt wie sie, aber einige Zentimeter kleiner, wie die meisten Jungen in der Schule. Domenica winkte ihm. »Beeil dich!«
Silvio rutschte die Düne hinunter und rannte so schnell auf sie zu, dass der Sand in alle Richtungen flog.
»Hast du sie bekommen?«
Silvio zog einen dünnen, mit einem Band verschnürten Papierzylinder aus dem Hosenbund und gab ihn ihr. Er ließ sie nicht aus den Augen, wollte ihr gefallen und hoffte auf eine positive Reaktion. Domenica löste die Schnur und entrollte das Papier. Ihre Augen flogen über die Karte von Viareggio.
»Hat dich jemand gesehen?«, fragte sie, ohne den Blick von dem schwarz auf beige gezeichneten Raster zu wenden.
»Nein.«
»Gut.« Sie nickte. »Wenn wir den Schatz finden wollen, dürfen sie nicht wissen, dass wir danach suchen.«
»Verstehe.« Wenn Silvio mit Domenica Cabrelli zusammen war, wusste er nie so genau, was Fantasie und was Wirklichkeit war. Gab es tatsächlich einen Schatz? Wer genau waren »die«? Silvio hatte keine Ahnung.
Domenica rollte die Karte zusammen und deutete damit auf eine ferne Düne. »Komm mit.« Sie stapfte los in Richtung Pineta di Ponente. »Das Schicksal aller Dinge hängt von uns ab.«
Silvio ging neben ihr her. »Wie kann das sein?«
»Darum.«
»Aber das Schicksal aller Dinge? Du bist nicht der Schöpfer.«
Im Katechismusunterricht hatten sie den Willen Gottes studiert, um sich auf das Sakrament der Firmung vorzubereiten. Silvio war aufgefallen, dass Domenica dazu neigte, Dinge zu tun, die in direktem Gegensatz zu den in der Schule gelernten Dogmen standen.
»Hat Don Fernando nicht gesagt, dass wir das Recht haben, im Notfall jemanden zu taufen, wenn kein Priester verfügbar ist?«
»Ja, aber das macht dich nicht zum Priester.«
»Er hat uns erlaubt, die Ungetauften zu taufen. Wir sind heilig genug, um das zu tun! Ein Sakrament ist ein äußeres Zeichen der inneren Gnade. Jeder hat innere Gnade. Sogar ich. Sogar du.«
»Ich würde niemanden taufen. Die Nonnen haben uns beigebracht, einen Priester zu holen.«
»Hör auf die guten Nonnen von San Paolino, aber glaub nicht alles, was sie sagen.«
»Meint wer?«
»Papa. Ich sollte es eigentlich nicht mitbekommen, aber er hat es zu meiner Mutter gesagt, also muss es stimmen.«
Silvio hatte keinen Vater und war somit im Nachteil, wenn es darum ging, ihr zu widersprechen. Manchmal wünschte er sich schon aus Prinzip, er könnte Mein Papa hat gesagt verkünden.
»Wenn meine Eltern flüstern, bleib ich immer nah genug dran, um sie zu verstehen. Ich beobachte, wie sie das Haushaltsgeld aufteilen, und höre zu, wenn sie über den Priester reden. Ich bleibe drinnen, wenn sie Besuch haben, und halte mich in Papas Nähe, wenn er im Laden mit den Kunden spricht. Wenn wir Gäste haben, bringen sie Zitronen oder Tomaten mit, aber auch Geschichten aus Lucca. Du glaubst gar nicht, was dort alles passiert. Es gibt einen Mann, der Schweinsfüße aus Latium mitbringt. Der weiß, was mit dem Geld aus der Armenkasse von San Sebastiano passiert. Und da ist Signora Vanucci, die meiner Mutter ihren überschüssigen Zucker schenkt, aber auch Geschäfte machen will. Die Signora kenne so viele Geschichten.«
»Die Heiratsvermittlerin?«
»Ja, genau die! Sie verkuppelt nette Männer mit Klumpfüßen mit Frauen, die das Heiratsalter überschritten haben und sonst keinen Antrag bekämen. Aber das weiß ich nur, weil ich mir ihre langen Geschichten anhöre. Sie hat zu Mama gesagt, sie wäre keine Heiratsvermittlerin, wenn sie noch jung wäre. Dann würde sie lieber nach vergrabenen Schätzen suchen. So habe ich von der Beute aus Capri erfahren.« Domenica beschrieb mit der Karte einen Kreis in der Luft. »Signora Vanucci fand, dass an der Geschichte etwas Wahres sei. Das reicht mir.«
»Und wenn wir ihn nicht finden?«
»Wir finden ihn.«
»Hast du keine Angst, dass ihn schon jemand gefunden hat?«
»Wer einen Schatz findet, prahlt damit.«
Silvio fragte sich, woher Domenica die Gewissheit nahm. »Ich habe noch kein Wort über den Schatz gehört, also vielleicht –«, überlegte er laut.
»Wurde er noch nicht gefunden! Das ist der Beweis!« Domenica war ungeduldig und konnte die Worte gar nicht schnell genug herausbringen, um ihrem Freund zu zeigen, wie dringlich ihre Mission war. »Als die Perlen und die Diamanten vor dem Ersten Weltkrieg von Piraten auf Capri gestohlen wurden, haben sie den Schatz zuerst auf Sardinien versteckt. Dann auf Ischia. Dann auf Elba. Sie machten halt in Ustica. Auf Korsika. Und zuletzt sind sie genau hier an diesem Strand gelandet und haben die Juwelen versteckt.«
»Aber der Strand ist viele Kilometer lang. Es gibt Hunderte von Buchten«, beklagte sich Silvio. »Die Dünen haben zwei Seiten, wie die Berge. Sie könnten ihn überall vergraben haben. Und was, wenn sie in den Wald oder in die Alpi Apuane geflohen sind? Wenn sie ihn irgendwo dort oben gelassen haben? Woher sollen wir wissen, wo wir graben sollen? Das ist unmöglich.«
Domenica blieb stehen und dachte nach. Ihre Füße sanken in den weichen Sand am Ufer. Die sanfte einlaufende Flut füllte die Vertiefungen um ihre Füße, und sie sank immer tiefer ein, bis sie auf Augenhöhe mit Silvio war. Sein lockiges Haar war vom Meeresnebel aufgeplustert, er wirkte dadurch größer als sie. Domenica richtete sich auf, um das zu korrigieren. »Willst du den vergrabenen Schatz finden oder nicht? Wenn nicht, mache ich es eben allein. Und wenn ich ihn allein finde, muss ich ihn nicht mit dir teilen.«
»Ich will das Fest in der Chiesa della Santissima Annunziata nicht verpassen«, klagte Silvio. »Heute ist der Tag der Bomboloni.«
»Ist das dein Ernst? Dir ist ein Krapfen wichtiger als ein Leben voller Reichtum?« Domenica versuchte, das Gleichgewicht zu halten, indem sie ihm die Hand auf die Schulter legte, doch ihre Füße steckten wie zwei Gummistopfen im nassen Sand. Silvio zerrte kräftig an ihr, um sie zu befreien, doch stattdessen purzelten sie lachend in den Sand.
»Die Karte!« Domenica hielt den Pergamentzylinder in die Höhe, damit er nicht nass wurde.
Silvio schnappte ihn und stand auf. »Hab ihn.«
»Dieb!«, brüllte eine Stimme von der Düne hinter ihnen. Die Kinder drehten sich um und entdeckten Signore Aniballi, den Stadtbibliothekar, der in zerknitterter Weste und Wollhosen drohend über ihnen stand. »Bringt mir die Karte zurück! Subito!« In diesem Moment tauchte neben ihm eine Reihe Jungen auf, wie Krähen auf einem Draht aufgereiht.
Domenica nahm die Karte wieder an sich und rannte den Strand entlang.
Silvio stürmte ihr hinterher.
»Ich dachte, dich hätte keiner gesehen!«, keuchte Domenica, als Silvio sie einholte.
Der Mob war ihnen jetzt auf den Fersen. Domenicas Herz hämmerte. Es fühlte sich an, als wollte es durch die Haut brechen, aber sie genoss auch die Gefahr, den Nervenkitzel der Verfolgung. Sie hörte, wie jemand ihren Namen rief, und rannte schneller. Sie hielt die Karte wie einen Staffelstab in die Höhe, warf die Fersen hoch und pumpte mit den Armen. Ihr Kleid, das laut ihrer Mutter zu kurz war und am Saum ausgelassen werden musste, war ideal für eine Verfolgungsjagd. Sie war richtig schnell.
Die Sticheleien der Jungen übertönten das Rauschen der Brandung. Domenica ignorierte die Drohungen, doch Silvio hörte sie und hatte Angst. Sein Herz klopfte aus einem anderen Grund als ihres. Der Mob hatte ihn schon öfter gejagt. Wenn er allein war, musste er nur für sich selbst Sorge tragen. Er wusste ziemlich genau, wie lange es dauerte, bis die fiesen Kerle die Lust verloren, und auch, wo er sich bis dahin verstecken konnte. Domenica hielt ihn auf, aber er würde sie nicht im Stich lassen. Er bewegte sich im Tempo seiner Freundin, um sie zu schützen.
»Hier lang!« Domenica rannte zu den Stufen, die zum Pier hinaufführten.
Silvio blieb stehen. »Nein, hier lang!« Er zeigte auf die Düne, über die man in den Pinienwald gelangte, in dem es viele Verstecke gab.
»Mir nach!« Sie rannte weiter.
Silvio folgte ihr. Die Jungen, die größer und schneller waren, holten rasch auf.
»Papas Laden! Komm schon!« Domenica keuchte, als Silvio sie am Fuß der Treppe einholte. Sie wollten gerade die Treppe hinauflaufen, als ein dumpfer Schlag ertönte.
Blut spritzte wie rote Perlen in die Luft.
Der Stein hatte Silvio im Gesicht getroffen und die Haut aufgerissen.
