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Als die ungleichen Schwestern Ruth und Romana sich in zwei befreundete Männer verlieben, gerät ihr bisheriges Leben völlig aus den Fugen. Um ihre Liebe leben zu können, müssen die beiden Paare zuerst eine verhängnisvolle Vergangenheit bezwingen, die sie auf schicksalhafte Weise miteinander verbindet. Denn alles scheint sich in dramatischer Weise auf eine Wiederholung der Geschehnisse hinzubewegen. Der romantisch-spannende Roman spielt im Heidelberg und Paris der Neunziger Jahre.
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Veröffentlichungsjahr: 2017
LAVINIA UNGER
Das Bildnis der Schwester
Ein kluger Kopf hat einmal gesagt: „Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten.“ Diesen Rat beherzigt der Künstler Antonio, der unerschütterlich an die zerrissene Ruth glaubt, die ihn immer wieder vor den Kopf stößt. Er spürt, dass sie etwas verbirgt, und drückt dies auch in seinem Gemälde aus.
Ruth ist jedoch nicht die Einzige, die vor der Wahrheit davonläuft. Auch ihre Schwester und Antonios bester Freund werden gezwungen, sich mit ihrem Leben und der Vergangenheit auseinanderzusetzen, denn alles scheint sich in dramatischer Weise auf eine Wiederholung der Geschehnisse hinzubewegen.
schrieb schon als Kind Geschichten und erfand eine fiktive Sprache. Später studierte sie Germanistik und Spanisch und lernte die Deutsche Gebärdensprache, für die sie eine Schrift entwickelte. Sie liebt es, etwas Neues zu schaffen, und kam so auch zum Schreiben. Nebenher zog sie zwei Kinder groß und einen Kater. Am liebsten arbeitet sie zu Hause in ihrem Garten im Münsterland.
Lavinia Unger
© 2016 Lavinia Unger
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
Umschlagfoto: © Lavinia Unger
Umschlaggestaltung:
Jürgen Nicolaus Steppat,
Lavinia Unger
ISBN 978-3-7345-5223-6
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Sie stand auf einer Dachterrasse hoch über der Stadt. Unten verbreiteten die Straßenlaternen ein diffuses Licht, das hier und daDetails aus der Dunkelheit hervortreten ließ, doch die junge Frau achtete nicht darauf. Sie sah kein Licht. Sie schaute geradeaus in die pechschwarze Finsternis eines sternenlosen Himmels und spürte nichts als eine namenlose Leere.
Doch mit einem Mal ergriff sie die untrügliche Gewissheit einer fremden Anwesenheit und sie drehte sich erschauernd um. Ein Schatten löste sich aus der Nacht, näherte sich ihr langsam und bedrohlich. Er nahm Gestalt an, bekam einen Körper, gekrümmt erhobene Hände, einen schwarzen Kopf, der sie gesichtslos anstarrte. Dann fiel ein fahler Lichtschein auf ihn undsie blickte in eine grässlich verzerrte Fratze, ganz dicht vor ihr. Sie wich zurück, vorsichtig einen Fuß hinter den anderen setzend. Nur noch wenige Schritte und das Geländer würde ihr Einhalt gebieten. Der Schatten folgte ihr, bis sie das kalte Eisen des Handlaufs in ihrem Rücken spürte. Sie hielt den Atem an. Sie konnte nicht weiter. Sie war gefangen und hinter ihr lag der Abgrund. Regungslos verharrte sie an ihrem Platz und wartete auf das Unausweichliche. Ein kräftiger Stoß würde genügen. Sie würde sich nicht wehren können.
Der Schatten übergoss sie, bis sie vollkommen in sein Schwarz getaucht war – und plötzlich war es gar nicht mehr sie selbst, die dort stand, sondern der Mann, zu dem der Schatten gehörte. Er starrte in die Tiefe. Wieder tauchte das verzerrte Gesicht auf. Eine Hand rüttelte am Geländer. „Es muss ein Ende haben!“, hörte sie den Mann schreien. „Es muss ein Ende haben!“
Jetzt hatte sie Mitleid mit ihm und sah mit Schrecken, wie sich eine zweite Schattengestalt von der Hauswand löste. Eine männliche Silhouette modellierte sich heraus und ging auf den Mann am Geländer zu, bis sie unmittelbar vor ihm stand.
„Ja, es muss ein Ende haben“, sagte die Silhouette mit ruhiger Stimme, streckte die Hand aus und stieß den Schatten hinab.
„Neiiin! – – – “
Schweißgebadet schreckte die junge Frau hoch. Der gellende Schrei verhallte nur langsam. Siekonnte nicht feststellen, ob sie selbst ihn im Schlaf ausgestoßen oder es nur geträumt hatte. Es hatte sich alles so echt angefühlt. Was für ein scheußlicher Albtraum! Vermutlich eine Folge ihrer überreizten Nerven.
Es war mühsam für sie, sich wieder zurechtzufinden. Sie wusste zunächst nicht einmal, wo sie sich befand und erkannte schließlich, dass sie auf dem Wohnzimmersofa lag, neben sich ein verblättertes Buch, das ihren Händen entfallen war. Noch ganz benommen zwang sie ihren Körper in eine sitzende Position und fuhr sich durch das halblange, glatte Haar als würde es ihr helfen, sich zu erinnern, welcher Wochentag war. Als es ihr endlich gelang, reagierte ihr Solarplexus sofort mit einem Flattern. Es war Sonntag. Sonntag, der zwanzigste August. Diesem Tag hatte sie in den letzten drei Wochen mehr mit Unbehagen als mit freudiger Erwartung entgegengesehen. Und nun, da er gekommen war, wäre sie am liebsten zu Hause geblieben. Aber sie musste hingehen. Sie hatte es versprochen und außerdem war es ihre selbstverständliche Pflicht. Ach, warum konnte sie sich nicht einfach auf die andere Seite drehen, alles vergessen und das Leben verschlafen?
Ihre Glieder waren bleischwer, als sie aufstand. Wie hatte sie nur mitten am Tag in so tiefen Schlaf fallen können? Sie ging zum Fenster, öffnete es und atmete ein paar Mal tief durch. Die Sonne berührte aufmunternd ihr Gesicht, als wolle sie sie davon überzeugen, dass es sich lohnte, hinauszugehen und sich den Ereignissen zu stellen. Gierig sog sie das Licht auf, bis der Schrecken des Albdruckes verblasste. Dann seufzte sie und straffte entschlossen die Schultern.
Es ging bereits auf Abend zu, als sie mit ihrem Begleiter die Galerie betrat. Warmes Licht drang durch die großen Fenster und durchflutete die beiden Ausstellungsräume. Hier und da standen leere Sektgläser herum. Das Kommen und Gehen hatte nachgelassen. Nur noch wenige Besucher tauschten ihre Meinungen über die Bilder aus, von denen die meisten in Paris entstanden waren. Andere zeigten Impressionen aus der spanischen Heimat des Malers. Es waren sehr dynamische Darstellungen. Man hatte das Gefühl, dass sie sich vor dem Auge veränderten wie Momente im Leben. Selbst die Landschaften ruhten nur auf den ersten Blick. Wenn man sich hineinvertiefte, schienen die Bäume sich im Wind zu wiegen und die Wolken fortwährend neue Formationen zu bilden.
Die junge Frau hatte sich vorübergehend von ihrem Begleiter entfernt, da er Bekannte getroffen und mit ihnen ein Gespräch begonnen hatte. Langsam schritt sie die Exponate ab, blieb hin und wieder stehen, um eines genauer zu betrachten.
Der Maler bevorzugte Aquarelle, die mit ihrer Leichtigkeit und Transparenz die Flüchtigkeit eines Augenblicks am besten einfingen. Er arbeitete mit klaren, unvermischten Farben und ließ Zwischentöne nur zu, wenn sie sich durch Überlagerung ergaben. Sie bewunderte seinen sicheren Umgang mit Licht und Schatten, der verblüffende Effekte erzielte, sodass sich unter seiner Hand auch die alltäglichsten Details in aussagekräftige Kunstwerke verwandelten. Es überraschte sie nicht, dass dem Künstler eine große Zukunft vorausgesagt wurde.
Doch bei allem Interesse für die Ausstellung konnte sie ihre Nervosität nicht ablegen. Sie hinderte sie daran, wirklich aufzunehmen, was sie sah. Immer wieder schaute sie sich ängstlich um und lenkte dann ihre Schritte in den zweiten, etwas kleineren Ausstellungsraum, in dem sich bereits keine Besucher mehr befanden. Das Stimmengewirr verlor sich im Hintergrund; die junge Frau war allein. Sie vergewisserte sich noch einmal, dass niemand ihr gefolgt war und entspannte sich ein wenig. Hier fühlte sie sich sicherer.
Der Raum war in erster Linie den Graphiken zugedacht. Umso unerwarteter fiel der Blick sofort auf ein wundervolles, impressionistisch gemaltes Ölbild, das eine ganze Wand für sich beanspruchte – nicht nur aufgrund seiner Größe, sondern weil ihm der konkurrenzlose Platz gebührte.
Es war die Darstellung eines jungen Mädchens, das barfuß im halbhohen Gras einer Frühlingswiese saß. Ein Bein hatte es an den Körper herangezogen und die Arme darum gelegt. Der Saum eines weiten, pastellfarbenen Kleides umspielte die Wade. Das noch kindliche Gesicht war vom Sonnenlicht erhellt, der Blick der verträumten Augen auf einen dem Betrachter entzogenen Punkt in der Ferne gerichtet. Das dunkle, ungebändigte Haar brachte Temperament in das Bild, einen reizvollen Kontrast, der jedoch nicht hart wirkte, sondern gemildert wurde durch den Widerschein des Lichtes. Fast glaubte man die wärmenden Strahlen der Sonne am eigenen Leib wahrzunehmen, die Frische des kühlen Grases auf der Haut und sogar den Duftder Blumen in der Luft. Es sah aus, als würde das Mädchen sich jeden Moment erheben und aus dem Rahmen treten.
Die Besucherin wusste, dass schon viele Interessenten versucht hatten, den Künstler zum Verkauf zu bewegen und dass er sich von diesem Bild niemals trennen würde. Der persönliche Wert, den es besaß, war mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Das Gemälde verzauberte auch sie, sodass sie sich gewaltsam losreißen musste, um auch den Graphiken Beachtung zu schenken.
Beim Betrachten einer Montmartre-Szene kamen ihr wehmütige Erinnerungen an die zurückliegende Reise, auf der Glück und Trauer so nah beieinander gelegen hatten. Die kleine Pastellzeichnung war bereits verkauft und so sehr sie sich auch für den Künstler freute, bedauerte sie es gleichzeitig. Es warenihreErinnerungen, die nun an einen Fremden gingen.
Plötzlich zuckte sie zusammen, weil sie Schritte zu hören glaubte. Sie drehte sich um, doch niemand war da. Herrgottnochmal! Sie musste aufhören, in jedem Geräuschihnzu vermuten und ihn in jedem Besucher zu sehen! Doch kaum hatte sie es gedacht, fiel ihr Blick auf ein kleines, eher unscheinbares Bleistiftportrait, das ihrer Aufmerksamkeit bisher entgangen war und sie erschrak. Es warseinPortrait!
Gegen ihren Willen und dennoch magisch angezogen, trat sie näher heran. Ihr Herz begann zu rasen, auch wenn sie sich selbst versicherte, dass es nur ein Bild war. So verblüffend lebensecht bildete jeder Strich den Dargestellten nach, dass sie nichts mehr außer ihm sah. Wie gebannt starrte sie auf die Zeichnung.
Das Gesicht kam näher, immer näher. Das Glas spiegelte ein wenig und gaukelte ihr die Bewegung vor. Das Bild verschwamm vor ihren Augen, wurde wieder klarer und schien sich zu teilen; sie sah plötzlich zwei Gesichter. Drehte sie jetzt völlig durch? Bekam sie Halluzinationen? Nein, es stimmte, das eine Gesicht bewegte sich, es wurde größer und die Gewissheit durchfuhr sie, dasserden Raum betreten hatte.
Minuten später spürte sie noch immer das flaue Gefühl im Magen und den Schwindel, der sie auf einen Stuhl gezwungen hatte.Die wenigen Augenblicke der gefürchteten Begegnung hatten ausgereicht, um all die mühsam verdrängten Emotionen wieder an die Oberfläche zu zerren. Würde sie jemals darüber hinwegkommen? Hatte sie richtig gehandelt? Während ihre Sinne allmählich zurückkehrten, waren ihre Gedanken weit weg. Wie ein Film spulte sich die Vergangenheit vor ihrem inneren Auge ab, als solle sie sich noch einmal über das Geschehene klar werden, das sie an diesen Punkt ihres Lebens gebracht hatte. Erst nach einer ihr unendlich lang erscheinenden Zeit fand sie die Kraft aufzustehen.
Sie wandte sich wieder dem großen Gemälde zu, anfangs angestrengt darauf bedacht, den Blick nicht zu der kleinen Portraitzeichnung abschweifen zu lassen.Aber es dauerte nicht lange, bis das Werk sie aufs Neue gefangen nahm. Sie hatte lange nicht verstanden, was der Maler hatte ausdrücken wollen, doch jetzt wusste sie, was er von Anfang an gesehen hatte. Liebevoll glitt ihr Blick über die anmutige Gestalt derDargestellten, mit der sie sich auf besondere Weise verbunden fühlte. Die schwere, gemeinsam durchgestandene Zeit hatte sie einander nahe gebracht. Doch nun würde sie nicht mehr da sein.Sienicht und ... Nein, sie wollte nicht daran denken. Wie oft hatte sie sich nach etwas mehr Ruhe gesehnt und plötzlich hatte sie Angst davor. Angst vor der Leere im Haus und in sich selbst. War es wirklich erst ein Jahr her, dass sie noch nicht einmal geahnt hatte, was auf sie zukommen würde und wie sehr sich ihr Leben verändern sollte? – – –
„Ich hätte mir denken können, dass ich dich hier finde.“
Die Stimme ihres Begleiters ließ sie wie aus einer anderen Welt auftauchen und sie bemühte sich um einen harmlosen Konversationston, um ihre Verfassung zu verbergen.
„Es ist wunderschön, nicht wahr?“, fragte sie mit einer Kopfbewegung auf das Gemälde hin.
„Das ist es“, bestätigte er. „Aber du hast doch immer gewusst, dass er es schaffen wird. Du bist sicher stolz auf ihn.“
„Natürlich, wie könnte ich das nicht?“
„Komm jetzt! Es ist keiner mehr da. Wir sollten auch gehen.“
„Ja, wir sollten gehen.“
Sie fröstelte und nahm Halt suchend seinen Arm. Sie brauchte jetzt die Illusion eines Beschützers, auch wenn kein Sterblicher in der Lage war, die Art von Gefahr abzuwehren, die ihre Seele bedrohte.
Als sie auf die Straße hinaustraten, blieb ihr kalt, obwohl die tief stehende Sonne ihr den Rücken wärmte. Die ganze Abendszenerie war in ein goldenes Licht getaucht. Ein Hoffnungsschimmer lag über allem – Hoffnung auf eine unbeschwerte Zukunft, die sich die junge Frau nicht mehr vorstellen konnte.
Oktober, ein Jahr zuvor
Romana Bruckner hatte einen anstrengenden Vormittag gehabt. Die Schüler waren unaufmerksam und schwierig gewesen und hatten ihre Geduld enorm strapaziert. Entsprechend ausgelaugt fühlte sie sich, als sie das Auto in die Garage fuhr und den schmalen Fußweg zu ihrer Wohnung entlangging. Sie bemerkte weder die leuchtende Pracht der Bäume über ihr, noch die Herbstsonne auf ihrem Scheitel. Ihr Kopf schmerzte und sie sehnte sich nach einigen Stunden Ruhe, bis Ruth nach Hause kommen würde. Einzelne Blätter lösten sich mit jedem Windstoß von den Bäumen und wehten sacht auf die Erde. Das bereits herabgefallene Laub raschelte unter ihren Füßen. Romana dachte daran, dass sie es noch zusammenkehren musste.
Als sie durch das niedrige Vorgartentor trat, sah sie das Rad ihrer Schwester, achtlos auf den Rasen geworfen, und bereits durch die Haustür hindurch dröhnten ihr die dumpfen Bässe einer bis zur Schmerzgrenze aufgedrehten Rockmusik entgegen. Ruth war also schon zu Hause, was Romana ziemlich verdächtig vorkam, da ihre Schwester eigentlich um diese Zeit als Aushilfe in einem Modehaus arbeitete. Während sie die Tür aufschloss, ahnte sie bereits, dass Ruth, wiesiees ausdrücken würde, den Job geschmissen hatte.
Mit einer Hand ihren Mantel aufknöpfend, trat Romana ins Wohnzimmer. Nicht nur, dass der harte Beat in ihren Ohren schmerzte, auch das Bild, das ihre Augen übermittelten, tat ihr weh, als sie ihr gemütliches Heim in ein Schlachtfeld verwandelt sah. Sie deutete die akrobatischen Verrenkungen, in denen Ruth sich mit einem rothaarigen Jungen übte, als Tanz und bangte um die am Boden liegenden Sachen.
Ruth hob nur kurz den Kopf. „Ach, du schon?“
„Ichhabe Dienstschluss“, meinte Romana. „Was ist mitdir?“
Romana glaubte ein ungerührtes Geständnis gehört zu haben, das ganz ihren Erwartungen entsprach. „Was soll das heißen?“, rief sie mit drohendem Unterton in den Lärm hinein.
„Ich habe den Job nicht mehr – kapiert? Ich habe die Schinderei satt.“ Ruth kam keinen Moment aus dem Rhythmus.
„Wassagst du?“ Romana hoffte wider besseres Wissen immer noch, aufgrund der lauten Musik nicht richtig verstanden zu haben. Mit einem Ruck stellte sie die Stereoanlage ab und Ruth blieb gezwungenermaßen stehen. Romana blickte auf den jungen Mann, der nicht unbedingt Zeuge eines Familiendramas werden musste, und legte ihm höflich nahe, sich zu verabschieden, da sie mit ihrer Schwester ein persönliches Gespräch zu führen habe.
„Du kannst ruhig hierbleiben, Teddy“, widersprach Ruth. „Es gibt nichts zu sagen, was du nicht hören könntest.“
Aber der Junge, der vernünftiger als Ruth zu sein schien, stand bereits an der Tür. Er sah schüchtern zu Romana herüber, warf Ruth einen letzten bewundernden Blick zu und sagte: „Ich gehe dann lieber.“
Die Tür klappte. Romana sah ihre Schwester herausfordernd an, sodass diese achselzuckend bestätigte: „Es ist wahr.Dirgefiel es doch nicht, dass ich dort arbeite.“
Aber es war Romana offenbar nicht recht zu machen, denn sie reagierte zu Ruths grenzenlosem Erstaunen keineswegs erfreut, sondern ziemlich unbeherrscht.
„Was denkst du dir eigentlich? Soll ich etwa in Jubel ausbrechen, dass du deine Arbeit hingeworfen hast? Natürlich bin ich der Meinung, dass du lieber eine ordentliche Berufsausbildung abschließen solltest, aber immerhin war die Arbeit die einzige, bei der es dich länger als sechs Wochen gehalten hat. Sie war besser als gar nichts. Vor einer eventuellen Kündigung wären eingehende Überlegungen nötig gewesen, was aus dir werden soll.“
„Ich habe den Job nicht einfach hingeworfen“, entgegnete Ruth erbost. „Das war schon lange fällig! Wenn diese dumme Pute denkt, sie kann mich den ganzen Tag schikanieren, dann hat sie sich geirrt!“ „Vielleicht entsprachen deine Leistungen nicht ganz ihren Erwartungen oder, was noch wahrscheinlicher ist, die Anforderungen eines Arbeitsalltages nicht ganz den deinen.“
„Fang bloß nicht wieder an zu philosophieren! Ich bin fertig damit und basta!“
„Aha. – Und was gedenkst du nun zu tun?“
„Ich suche mir einen neuen Job.“
„Und dann wieder einen und noch einen ...“
„Dann schlag was Besseres vor!“
„Wir werden morgen darüber reden“, wehrte Romana müde ab. „Ich habe Kopfschmerzen.“
Ruth war das ganz recht. „Du kannst in Ruhe ausspannen, ich werde dich von meiner Gegenwart befreien.“
„Wo willst du hin?“
„Obwohl es dich überhaupt nichts angeht: zu Teddy, wenn du es unbedingt wissen willst.“
„Und wer, bitte, denkst du, beseitigt die Verwüstungen hier?“, fragte Romana, mit einer ausholenden Armbewegung auf das Durcheinander weisend.
„Ich habe jetzt keine Zeit. Wenn du nicht bis heute Abend warten kannst, kann ich nichts dafür.“
Ruth verließ aufrechten Hauptes den Raum und Romana seufzte. Das hieß also,siewürde aufräumen. Sie erwartete am Nachmittag noch einen Klavierschüler; sie konnte die Wohnung unmöglich bis zum Abend in diesem Zustand lassen. Wenn sie Ruths Mutter gewesen wäre, hätte sie vielleicht ganz anders auf sie einwirken können, aber als ihre Schwester konnte sie sie höchstens vor die Tür setzen, und weiß Gott, diese Möglichkeit zog sie nicht zum ersten Mal in Betracht. Vom pädagogischen Standpunkt her war das die einzig richtige Maßnahme, aber was würde dann aus Ruth werden? Nein, sie konnte es einfach nicht. Sie hatte Mutter versprochen, auf sie aufzupassen. Aber sie hatte es sich nicht so schwer vorgestellt. Mit dem bisschen Schulpädagogik, die man ihr eingetrichtert hatte, kam sie nicht weit. Dabei war sie bei ihren Schülern gar nicht so unbeliebt. Natürlich gab es zermürbende Tage wie den heutigen, aber im Großen und Ganzen hatten sie ein recht kameradschaftliches Verhältnis und kamen ganz gut miteinander aus. Warum nur fand sie zu Ruth keinen Zugang?
Ärgerlich betrachtete Romana die Unordnung. Wie oft hatte sie Ruth gebeten, in der Wohnung nicht zu rauchen! Wie oft hatte sie ihr gesagt, dass ihre persönlichen Dinge, und dazu zählten auch ihre Photoalben, kein Allgemeingut waren!
Als sie ein aufgeschlagenes Album vom Boden aufhob, fiel ein Photo, das lose darin gelegen hatte, heraus. Der Vater hatte es an Ruths letztem Geburtstag aufgenommen und Romana hatte es vergrößern lassen, weil es besonders gut gelungen war. Neid war ihr fremd, doch wenn sie diese Aufnahme ansah, kam sie selbst sich immer besonders farblos vor. Hübsch war sie nun einmal, ihre Schwester, das ließ sich auch dann nicht leugnen, wenn man gerade sehr wenig Wohlwollen für sie empfand.
Sie war trotz weiblicher Wohlgeformtheit schlank wie eine Gazelle – eine betörende Mischung aus kindlicher Unschuld und Femme fatale. Die halblangen Locken hätten unerschöpflicher Gegenstand poetischer Betrachtungen sein können. Je nach Lichteinfall reichte ihre Farbskala von schwarz bis gold-bronzen. In der Regel, wie auch auf dem Photo, waren sie von einem lebhaften Kastanienbraun. Den überraschend blauen Augen mochte man ihre Farbe kaum glauben, schon gar nicht in einer solchen Intensität. Es war ein außergewöhnliches Gesicht. Nichts an Ruth war vorhersehbar, nicht einmal äußerlich. Man hätte auch nicht diese kecke Stupsnase erwartet, die sich gegen allzu makellose Schönheit zur Wehr setzte und dadurch nur umso liebenswerter wirkte. Es gab kaum jemanden, der nicht Ruths Ausstrahlung erlag, ihrer sprühenden Lebendigkeit, ihrem unbekümmerten und doch so schwer begreiflichen Wesen. Auch Romana konnte es nicht. Sie liebte ihre Schwester von Herzen, trotz allen Kummers, den sie ihr bereitete. Wirklich böse sein konnte sie ihr nie, auch wenn sie mitunter genügend Anlass dazu hatte und sich im Augenblick durchaus bemühte, wütend auf sie zu sein.
Sie legte das Photo in das Album zurück, klappte es zu, stieg vorsichtig über einen am Boden liegenden Haufen CDs und Videokassetten, die zum größten Teil auch ihr gehörten, und ging zunächst in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen. Dort sah es nicht weniger haarsträubend aus als im Wohnzimmer. Offenbar hatten Ruth und Teddy versucht, zu kochen. Überall fand sich schmutziges Geschirr, dazwischen Gemüsereste und aufgeschlagene Kochbücher. Eine Küchenschranktür stand sperrangelweit offen, der Mülleimer quoll über. Die abgegessenen Teller auf dem Tisch standen in merkwürdigem Kontrast zu den Blumen und dem Leuchter, die wohl für so etwas wie eine intime Atmosphäre hatten sorgen sollen.
Einen kurzen Moment brauchte Romana, um sich von dem Anblick zu erholen, dann räumte sie mit raschen Handgriffen das Gröbste aus dem Weg und wischte den Tisch ab. Die Reste vom Vortag, die sie sich hatte warm machen wollen, waren wohl in Ruths Menü eingeflossen, sie griff daher auf eine Fertigsuppe zurück. Der nachfolgende Abwasch nahm einige Zeit in Anspruch. Ruth hatte es nicht einmal für nötig befunden, das Kochgeschirr einzuweichen.
Anschließend widmete Romana sich dem Wohnzimmer. Ihr Kopf pochte beim Bücken und die Gedanken, mit denen sie Ruth bedachte, waren keine freundlichen.
Sie hörte, wie ein Schlüssel in das Schloss der Wohnungstür gesteckt wurde. Wahrscheinlich war Teddy nicht zu Hause gewesen, denn Reue konnte wohl kaum der Grund für Ruths frühe Rückkehr sein. Romana legte sich sofort ein paar passende Worte für sie zurecht und hob erst den Kopf, als sie einen flüchtigen Kuss auf ihrer Wange spürte.
„Ach, du bist’s, Martin!“ Sie erwiderte den Gruß, indem sie mit einer freundlichen Geste über seinen Arm strich.
„Wie sieht es denn hier aus?“, fragte er mit leichtem Entsetzen. „Ich nehme nicht an, dass dudas verursacht hast.“
Romana schwieg.
„Ruth, nicht wahr? Und wo ist sie jetzt?“
„Gegangen.“
„Dieses kleine Miststück! Lass nur, ich mache das schon!“
Er griff sofort sachgemäß in das Durcheinander ein und Romana war ihm im Augenblick wirklich dankbar dafür. Stöhnend ließ sie sich auf dem Sofa nieder.
„Geht es dir nicht gut?“
„Ach, nur Kopfschmerzen.“
Martin warf ihr einen besorgten Blick zu. „Soll ich dir etwas bringen?“
„Danke, das ist lieb von dir, aber es ist nicht nötig. Ich habe mich nur so über Ruth aufgeregt.“
„Was war denn wieder?“
„Sie hat ihren Job gekündigt.“
„Das ist doch nichts Neues.“
„Nein, aber was soll ich denn nur mit ihr machen?“
„Das habe ich dir doch schon oft genug gesagt. Heirate mich und lass sie sehen, wie sie alleine zurechtkommt. Sonst lernt sie es nie. Was sagt denn euer Vater dazu?“ „Er weiß es noch gar nicht. Ich frage mich, ob ich es ihm überhaupt erzählen soll. Du kennst ihn ja. Er ist in Bezug auf Ruth keine große Hilfe für mich.“
Martin kniete neben dem Sofa, auf dem Romana lag, nieder und ergriff ihre Hand.
„Und was ist mit meinem Vorschlag? Wann heiraten wir endlich?“
„Ich weiß es nicht.“ Sie sah ihn mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Mitleid an. „Ich weiß es wirklich nicht.“
„Du kannst doch nicht dein ganzes Leben Kindermädchen für Ruth sein. Wann siehst du das endlich ein?“
„Ich sehe es doch ein.“
„Warum heiratest du mich dann nicht?“
„Ich habe es ja vor.“
„Aber wann? Wir sind schon drei Jahre verlobt. Meinst du nicht, das genügt endlich? Ich bin gewiss auch kein Mensch, der überstürzt handelt, aber nach drei Jahren weiß ich, dass wir zusammengehören. Ich knie sogar vor dir nieder. Pathetischer geht es doch kaum.“
Romana lächelte und streichelte sein Gesicht.
„Pass nur auf, dass ich mich nicht nach einer anderen umsehe!“, fuhr er fort, aber er wusste genau, dass er das nie tun würde. Er betrachtete Romana als seine Frau, auch jetzt schon. Es war unvorstellbar für ihn, mit einer anderen zusammen zu sein. Sie kannten einander genau, sie waren die besten Freunde, und er liebte sie. Er war recht ärgerlich auf Ruth, dass sie Romana derart für sich beanspruchte. Solange sie mit ihr zusammenlebte und so von ihr abhängig war, würde Romana mit der Heirat nicht einverstanden sein. Romanas Gedanken gingen in eine ähnliche Richtung, aber sie fragte sich hin und wieder, ob wirklich nur Ruth die Ursache ihres Zögerns war. Martin war ein zuverlässiger Freund. Sie hatte ihn aufrichtig gern. Sie würde ihn heiraten. Natürlich würde sie es tun. Irgendwann.
Sie stand auf. „Ich habe gar keine Zeit zum Faulenzen. Ich muss noch Hefte korrigieren bis mein Schüler kommt.“
„Du unterrichtest heute? Wie schade! Ich wollte dich eigentlich entführen, wenn ich hiermit fertig bin.“
„Es geht leider nicht. Ich musste eine Stunde verlegen. Möchtest du einen Kaffee?“
Während sie ihn aufsetzte, staubsaugte Martin den Boden und machte es sich dann in einen Sessel bequem.
„Danke fürs Aufräumen.“ Romana stellte die dampfende Tasse vor ihn hin und sank mit einem Stapel Schulhefte aufs Sofa. Als Martin zu einer Zeitung griff, sah sie kurz auf und musste lächeln.
Er blickte über den Rand seiner Lektüre. „Was ist denn?“
„Ach nichts. Es ist nur, wie wir hier so sitzen. – Wie ein uraltes Ehepaar. Eigentlich brauchen wir gar nicht mehr zu heiraten.“
„Du willst dich nur drücken. Ist der Gedanke denn so schrecklich für dich?“
„Mir ist manchmal, als hätten wir einen Teil unseres Lebens versäumt. Als wären wir bereits vor der Zeit alt geworden.“
Martins Gesicht nahm einen erstaunten Ausdruck an. „Was meinst du denn damit?“
„Ach, ich weiß nicht. Vergiss es wieder!“
„Ich sage dir doch immer, dass dudeinLeben leben sollst und nicht Ruths. Mir kannst du keinen Vorwurf machen.“
„Das tue ich auch gar nicht. Es hat überhaupt nichts mit Ruth zu tun.“
„Ich verstehe dich nicht.“
„Ja, ich weiß.“ Romana seufzte es ganz leise, sodass Martin, der den Blick bereits wieder auf die Zeitung gerichtet hatte, sie nicht hörte.
Sie versuchte, sich auf die Korrekturen zu konzentrieren, aber ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Hoffentlich würde Ruth wirklich am Abend zurück sein. Man konnte nie wissen, was ihr einfiel, wenn sie im Zorn auseinander gegangen waren. Dieser Teddy schien ein recht schüchterner Junge zu sein. Es war eigentlich kaum zu erwarten, dass sie bei ihm blieb. Andererseits sind stille Wasser bekanntlich tief. Konnte man sicher sein, dass er sich nicht plötzlich in einen Werwolf verwandelte?
Romana versuchte energisch, ihren nutzlosen Gedanken Einhalt zu gebieten. Martin hatte ganz recht. Sie war nicht Ruths Kindermädchen. Ruth war volljährig. Sie hatte eigentlich kein Recht, ihr etwas vorzuschreiben. Aber Sorgen machte sie sich trotzdem. Die ließen sich nicht einfach so abstellen, wie sie es gerne getan hätte. Sie würde doch mit dem Vater reden. Vielleicht hatte er eine Idee, wie man Ruth dazu bringen konnte, ihre Zeit künftig nützlicher auszufüllen.
Der zweite Seufzer war so laut, dass Martin aufmerksam wurde.
„Soll ich dir helfen? Ein bisschen Englisch kann ich auch noch.“
Romana klappte das Heft, das aufgeschlagen auf ihren Knien lag, energisch zu und schüttelte den Kopf.
„Es hat keinen Zweck. Mir brummt der Schädel.“
„Und dann willst du dir gleich noch das unmelodische Gehämmer auf dem Klavier anhören?“
„Ich will nicht, ich muss. Es ist ja nur eine Dreiviertelstunde, die wird auch vergehen.“
Martin faltete seine Zeitung zusammen und stand auf.
„Weißt du was? Ich komme heute Abend wieder. Dann gehen wir ein Stück spazieren. Du kommst in letzter Zeit zu wenig an die Luft. Das wird es sein.“
Romana nickte dankbar.
Er beugte sich zu ihr herunter. „Gib mir einen Kuss! – Und nimm ein Aspirin!“
Romana sah ihm nach, wie er die Wohnung verließ. Dann warf sie einen Blick auf die Uhr. Es war fast vier. Ihr Klavierschüler würde gleich da sein. Sie gab einige Privatstunden, um die Finanzen aufzubessern. Derzeit hatte sie vier Schüler, das war nicht schlecht. Der zehnjährige Junge, der gleich darauf Sturm klingelte, war allerdings das typische Beispiel eines Kindes, das ehrgeizige Eltern besitzt, die der Ansicht sind, dass ihr Sohn es unbedingt auf dem Instrument zu etwas bringen müsse. Romana hatte sich bereits vorgenommen, mit ihnen zu reden, auch wenn sie dadurch eine Einnahmequelle verlor. Der Junge tat ihr leid. Er hatte weder Talent noch das mindeste Interesse am Klavierspiel. Seine holprigen Tonleitern waren ihr besonders heute eine Qual. Das nachfolgende Stück war so grauenhaft vorgetragen, dass sie versucht war, sich die Ohren zuzuhalten.
„Hast du denn nicht geübt?
„Doch.“
Sie konnte sich ungefähr vorstellen, wie sich das tägliche Drama zu Hause abspielte und so verbrachte sie, zu ihrer – und vielleicht auch seiner – Schonung den Rest der Stunde damit, ihm Intervalle vorzuspielen, die er erkennen sollte. Es war so eine Art Ratespiel, das er ganz lustig fand. Und ein bisschen Gehörschulung konnte schließlich nicht schaden.
Zu Romanas größtem Erstaunen tauchte anschließend Ruth wieder auf. Sie verschwand ohne ein Wort in ihrem Zimmer und Romana ließ sie in Ruhe. Dass sie wieder da war, genügte ihr vorerst.
Zum Abendessen erschien Ruth wider Erwarten bei Tisch, obwohl ihr recht unbehaglich zumute war. Sie wusste selbst, dass sie sich nicht ganz korrekt benommen hatte, wenigstens, was das Aufräumen anging. Sie hätte es natürlich nie zugegeben. Aber weil Romana ihr keine Vorhaltungen gemacht hatte und sie auch jetzt noch nicht darauf ansprach, fühlte sie plötzlich ein Schuldbewusstsein, das ihr nicht angenehm war. „Ich kann ja nachher die Teller abwaschen“, lenkte sie zögernd ein.
Romana nickte. Man verstand sich – in diesem einen Punkt wenigstens. Die Wogen hatten sich vorübergehend geglättet und wären vielleicht an diesem Abend nicht wieder aufgewirbelt worden, wenn Martin nicht erschienen wäre.
Er wohnte nicht bei Romana, aber er hatte einen Schlüssel und ging in ihrer Wohnung ein und aus. Ruth, die dafür am ehesten Verständnis hätte haben müssen, gefiel das gar nicht. Sie konnte ihn nicht ausstehen. Nicht, weil er sich so gar nicht von ihr beeindrucken ließ; damit konnte sie zur Not leben, denn es ging selbst in ihren kleinen, egoistischen Kopf, dass es auch für Romana jemanden geben musste, und ihn gönnte sie ihr mit Wonne. Aber dass er sie nicht ernst nahm, das verzieh sie ihm nicht. Sie spürte seine Geringschätzung und brachte sie ihm in verstärktem Maße entgegen. Es herrschte offene Feindschaft zwischen ihnen, unter der Romana sehr litt. Sie versuchte stets auszugleichen und geriet nicht selten zwischen die Fronten. Zwar liefen die Kämpfe eher einseitig ab, da die hitzige Ruth bei Martin auf Granit stieß, aber seine kühlen Bemerkungen konnten so schneidend sein, dass auch Romana sie als verletzend empfand, selbst wenn sie eigentlich ihrer Verteidigung dienten und Ruth im Unrecht war.
Umsonst versuchte sie an diesem Abend, Martin einen Wink zu geben. Er reagierte manchmal etwas schwerfällig und machte Ruth harte Vorwürfe wegen der hinterlassenen Unordnung. Mit Ruths Schuldbewusstsein war es schlagartig vorbei.
„Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden!“, fuhr sie ihn an. „Du bist nicht mein Vater, nicht mal mein Bruder!“
„Sobald du dich ungehörig gegen Romana benimmst, geht es mich etwas an. Ich dulde das nicht, hörst du?“
Sein schulmeisterlicher Tonfall und die Tatsache, dass er nicht einmal die Stimme erhob, wirkten wie Dynamit auf Ruth. Sie hasste es, wenn er so ruhig blieb. Hätte er sie angeschrien, dann hätten sie den Kampf auf gleicher Ebene austragen können. So aber machte er ihr ihre Unterlegenheit besonders deutlich und demütigte sie erst recht.
„Du Ekel!“, schrie sie ihm ins Gesicht. „Wenn du uns doch bloß in Ruhe lassen würdest!“
Martin griff fest nach ihrem Handgelenk, das sie mit einer Faust gegen ihn erhoben hatte.
„Weißt du eigentlich, was du deiner Schwester damit antust?“, fragte er eindringlich.
„Ich verstehe überhaupt nicht, wie sie es mit dir aushalten kann! Wahrscheinlich tut sie es gar nicht. Wenn sie dich lieben würde, hätte sie dich längst geheiratet!“ Plötzlich merkte Ruth selber, dass sie nicht mehr die Kontrolle darüber hatte, was sie in ihrer Erregung sagte. Sie hielt erschrocken inne, rannte dann aus dem Zimmer und warf die Tür hinter sich zu.
Martin war vor Ärger bleich geworden. Das war einer der seltenen Momente, wo auch bei ihm eine Explosion bevorstand. Er machte ein paar Schritte auf die Tür zu.
„Ich werde ihr beibringen, wie sie dich zu behandeln hat“, sagte er mit noch mühsam beherrschter Stimme, aber die Drohung darin war nicht zu überhören. „Ihr habt offenbar einiges bei ihrer Erziehung versäumt.“ Bestürzt hielt Romana ihn fest.
„Tu es bitte nicht!“, rief sie alarmiert. „Sie hat es nicht so gemeint.“ Sie musste einige Kraft aufwenden, um ihn zurückzuhalten. Als sie merkte, dass er nachgab, setzte sie sich erschöpft hin.
„Wie kannst du sie noch in Schutz nehmen?“, fragte er fassungslos.
„Sie weint.“
„Wastut sie?“
„Sie weint jetzt. Ich weiß es.“
„Überschätzt du sie da nicht ein bisschen?“
„Ich kenne sie.“
„Sie hat dir weh getan mit ihren Worten.“
„Nein, sie wolltedichverletzen, weil sie wütend war. Das kann ich unmöglich ernst nehmen. Und du solltest es auch nicht tun. Außerdem tut es ihr leid. Das würde sie sich natürlich nie anmerken lassen.“
„Sie weiß offenbar nicht, was sie an dir hat“, sagte er kopfschüttelnd. „Ich bewundere dich wirklich. Aber es muss aufhören, dass sie so mit dir umspringt. Es ist mir egal, was sie mir an den Kopf wirft, aber nicht, wenn du darunter zu leiden hast.“
„Das weiß ich doch. Aber es ist vielleicht besser, du überlässt mir die Verhandlungen mit ihr. Wir hatten einen Waffenstillstand erreicht. Ich wollte dich noch warnen, aber du hast es nicht gemerkt.“
„Tut mir leid.“
„Mach dir keine Gedanken! Sie kommt drüber weg.“
Romana ging zu Ruths Zimmer, aus dem leises Schluchzen drang. Sie tat, als höre sie es nicht und klopfte an.
„Wir gehen ein Stück spazieren“, rief sie mit neutraler Stimme durch die Tür. „Es ist herrliche Luft draußen.“ Dann zog sie wenig später aufatmend die Wohnungstür ins Schloss.
Sie gingen ein Stück am Fluss entlang, auf die alte Brücke zu, einen Weg, den sie oft als Abendspaziergang wählten, weil man von hier aus einen bezaubernden Blick auf die Lichter der Altstadt und auf das erleuchtete Schloss hatte. Heute allerdings war Romana noch zu sehr mit Ruth beschäftigt, um uneingeschränkte Freude daran zu haben.
„Sei bitte nicht mehr so zurechtweisend ihr gegenüber!“, bat sie Martin. „Das bringt sie nun mal auf die Palme.“
„Sie bringt mich auch auf die Palme! Wie kann sie dich so ausnützen? Weiß sie eigentlich, was du für sie tust? Ist ihr das bewusst?“
„Ich will gar keine Dankbarkeit. Ich wünsche mir nur, dass sie endlich lernt, die Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen.“
„Das wird sie nie, wenn du sie derart bemutterst.“
„Soll ich vielleicht darauf warten, dass sie einem zwielichtigen Subjekt in die Hände fällt oder zu Drogen greift? Es gibt viele Möglichkeiten, was einem Mädchen wie ihr passieren kann. Nein, Martin! Daran will ich mir nicht die Schuld geben müssen. Sie ist nicht schlecht. Ihr Problem ist, dass sie noch nicht weiß, was sie will. Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie sie sich selbst alle Chancen verbaut. Natürlich muss sie ihre eigenen Fehler machen. Das heißt aber nicht, dass ich sie nicht davor bewahren darf, einen verhängnisvollen Weg einzuschlagen. Später wird sie mir vielleicht dankbar sein. Wenn sie trotzdem darauf besteht, sich das Leben schwer zu machen, dann habe ich es wenigstens versucht. Leider fange ich es auch nicht immer geschickt an. Sie regt mich manchmal genauso auf wie dich. Heute zum Beispiel. Es ist völlig klar, dass ich dann nichts bei ihr erreiche.“
„Du sprichst wirklich wie eine Mutter.“
Romana lachte. „So ähnlich komme ich mir auch vor. Aber Ruth hört nicht auf mich. Wenn sie doch nur einmal einen charakterfesten Menschen kennenlernen würde, der ihr wirklich etwas bedeutet! Dann vielleicht. Ihre Freunde sind meistens nicht reifer als sie oder so hoffnungslos in sie vernarrt, dass sie alles tun, was sie sagt. Es gibt offenbar keinen unter ihnen, der geeignet wäre, den Mund aufzumachen und ihr den Kopf zurechtzusetzen. Der ständige Wechsel ihrer Verehrer ist übrigens auch etwas, was mir Sorge macht. Sie ist doch erst neunzehn.“
„Es ist völlig natürlich, dass die Männer ihr nachlaufen“, meinte Martin. „Die Natur hat nun mal dafür gesorgt, dass deine Schwester mit allen notwendigen Reizen ausgestattet ist.“
„Na, na!“, machte Romana scherzhaft, wurde jedoch gleich wieder ernst. „Die Natur ist aber völlig unschuldig daran, wie sie mit ihren Verehrern umgeht. Sie betrachtet sie offenbar als eine Art Schmuck, mit dem sie sich zieren, den sie aber auch nach Belieben wieder ablegen kann.“
„Ruths Leben ist ein Problem. Aber deins ist ein anderes. Du musst auch mal an dich denken!“
„Ich bin nicht unzufrieden. Es geht uns doch gut.“
„Du weißt, was ich meine.“
Romana antwortete nicht darauf. Sie sog die frische Abendluft ein und deutete auf den Sternenhimmel.
„Sieh nur, wie klar es ist! Es wird ein schöner Tag morgen.“
„Möchtest du keine Kinder haben?“, fragte er unvermittelt.
„Doch – “, sagte sie gedehnt, „ – irgendwann.“
Es war ein Samstag, an dem jene schicksalhafte Begegnung stattfand, die die Zukunft der Geschwister in ungeahnter Weise beeinflussen sollte. Man hätte erwarten können, dass sich irgendein Vorgefühl eingestellt, eine unbestimmte Ahnung bemerkbar gemacht hätte, doch Ruth war, wie stets, ohne überflüssige Gedanken an die Zukunft aus dem Haus gegangen und Romana nutzte den schulfreien Tag für ihre Haushaltspflichten. Gerade hatte sie ihrer Schwester saubere Wäsche in den Schrank gelegt und schaute sich nun, während einer kurzen Atempause, ein wenig in deren Zimmer um.
Es war ein sehr hübsches, helles Zimmer, vorausgesetzt, man sah etwas davon. Von Ordnung hielt Ruth auch in ihrem eigenen Reich nicht viel. Aber sie besaß gestalterisches Geschick. Sie hatte sich alte, ausrangierte Möbel und Sachen vom Trödler zurechtgemacht und sogar einen echten Regiesessel aufgetrieben. Auf dem Holzfußboden lag ein großer Hirtenteppich, der Romana ein Dorn im Auge war, weil er sich so schwer sauber halten ließ und unermüdlich Fusseln hervorbrachte, dennoch musste sie zugeben, dass er gemütlich wirkte. Auf dem Fensterbrett fristeten Ableger von dem großen alten, grob gerippten Kaktus, der im Wohnzimmer stand und von den Geschwistern liebevoll „Opa“ genannt wurde, ihr karges Dasein. Die wüstenerprobten Gewächse waren immerhin anspruchslos genug, dass ihnen Ruths nachlässige Pflege nichts ausmachte.
Die Wände waren unkompliziert weiß gestrichen und mit Bildern zugehängt, auf denen sich Ruths Lebensanschauungen und Ideale äußerten. Photos von Filmstars vermittelten einen Eindruck davon, wie Menschen in ihren Augen zu sein hatten: Die Frauen schön und selbstbewusst, die Männer draufgängerisch und stark. Doch die Zeiten, in denen Ruth sich mit Leinwandhelden begnügt hatte, waren längst vorbei; sie besaßen nur noch Dekorationswert. Allerdings blieb es fraglich, ob Ruth unter den gewöhnlichen Sterblichen jemals einen finden würde, der ihren Ansprüchen gerecht werden konnte. Vermutlich hätte es ein zweiter Mel Gibson sein müssen, wie auf dem Filmposter als Offizier Christian von der Bounty, wo er malerisch vor dem Hintergrund des Schiffes stand, in historischer Kleidung mit halboffenem Hemd und windzerzaustem Haar, welches in einem Zopf mit schwarzer Schleife gebändigt war. Die stolze aufrechte Haltung, das leicht unrasierte Gesicht, die hellen, ausdrucksvollen in die Ferne gerichteten Augen drückten Verwegenheit und Sanftheit zugleich aus. Immer war es der männliche Typ, mit einer deutlichen Spur Romantik, der es Ruth angetan hatte.
Das Bild war bezeichnend, aber Ruth schätzte Stärke vor allem im Sinne echten Heldentums und gewaltlosen Durchsetzungsvermögens im Kampf für Freiheit und Gerechtigkeit. Bilder von Menschenrechtlern zeugten davon. An der Tür hing, neben Greenpeaceund Anti-Atomstrom-Aufklebern auch ein Plakat gegen Rassismus: die Darstellung einer weißen und einer schwarzen Hand, die in Freundschaft verbunden waren.
Das waren sicher lobenswerte Ideale und Vorbilder, aber Romana hätte es begrüßt, wenn Ruth es sich zur Aufgabe gemacht hätte, nach ihren Idealen auch zu leben und die Toleranz, die sie bei anderen bewunderte oder von ihnen beanspruchte, erst einmal gegenüber ihrer eigenen Familie zu üben. Man muss im Kleinen anfangen, wenn man große Ziele erreichen will, sonst bleiben es leere Worte.
Seufzend gab Romana ihre Betrachtungen über Ruth und deren Lebensinhalte auf und wandte sich wieder ihren Pflichten zu. Noch ahnte sie nicht, dass ungefähr zur selben Zeit die Weichen für die Zukunft gestellt worden waren. Doch dass einige Zeit später Ruth bei ihrer Rückkehr regelrecht aufgedreht in der Küche erschien und Romana mit einem liebenswürdigen „Tag, Schwesterchen!“ begrüßte, gab bereits einen Hinweis darauf, dass irgendetwas vorgefallen sein musste. Nur als Ruth neugierig den Deckel des Kochtopfes anhob, wich die sprühende Heiterkeit auf ihrem Gesicht für einen kurzen Moment einem angewiderten Ausdruck.
„Ähh! Du weißt doch, dass ich Rosenkohl hasse.“
„Ich esse ihn aber gern“, gab Romana unzufrieden zurück. „Du wirst doch gestatten, dass ich in meiner Wohnung auch einmal ein Essen mache, das mir schmeckt.“
„Ist ja schon gut! Werd’ bloß nicht empfindlich! Es sei dir gegönnt!“
Keineswegs getroffen vom vorwurfsvollen Ton der Schwester wirbelte Ruth um Romana herum, und spätestens jetzt erhärtete sich deren Annahme, dass es sich um einen dieser besonderen Tage handeln musste, an denen kaum etwas Ruths erfreulich gute Laune zu erschüttern vermochte – nicht einmal Rosenkohl.
Romana wartete. Wenn Ruth in Hochstimmung war, brauchte man sie zum Reden nicht aufzufordern. In der Regel handelte es sich in solchen Fällen um einen neuen Verehrer. Bis er uninteressant werden würde, würde sie sich dann wieder täglich anhören müssen, wie wundervoll er Ruth finde und wie sehr er sie bewundere. Es hätte ihr eigentlich ganz recht sein müssen, dass Ruth mit ihren Liebschaften nicht hinter dem Berg hielt und auch recht offenherzig berichtete, was sie anstellte. Sie trumpfte gern ein wenig auf. Es war auch weniger das,wassie erzählte, als das, was sienichterzählte, was Romana Angst machte. Sie konnte nur ahnen, was sich im Verborgenen abspielte.
Offenbar hatte Ruth vor, den Spannungsbogen diesmal ziemlich lange zu halten. Man sah ihr an, dass sie gleich platzte, aber erst beim Essen hielt sie es nicht mehr länger aus.
„Bist du gar nicht neugierig, was mir heute passiert ist?“
Romana sah sie lächelnd an. „Na, dann erzähl mal! Wen hast du denn kennengelernt?“
„Er ist einfach ein Traum! Er heißt Antonio.“ Ruth drehte verzückt die Augen nach oben. „Antonio García Marinero. Ist das nicht himmlisch? Er findet mich ‘maravillosa’ und – oh! Es ist ja schon zwei Uhr! Ich muss ihn anrufen. Wir wollten uns treffen, aber er wusste noch nicht ... – Bin gleich wieder da!“
„Vielleicht könntest du erst einmal zu Ende essen?“, rief Romana der Davonstürmenden nach.
„Bin fertig!“, klang es zurück.
Darüber konnte man allerdings geteilter Meinung sein. Romana betrachtete betrübt Ruths halb vollen Teller und wartete geduldig das Ende des Telephonates ab. Ruth fand sich schneller als erwartet wieder am Tisch ein, allerdings nur, um ihrer Schwester Gesellschaft zu leisten, wie sie behauptete. Das Essen rührte sie nicht mehr an.
„Ich kriege doch jetzt keinen Bissen runter.“
„Ihr trefft euch also.“
Ruths strahlendes Gesicht ließ keinen Zweifel daran.
„Ja,“ hauchte sie.
„Ach deshalb war das Gespräch so schnell zu Ende“, spöttelte Romana gutmütig.
Ruth ließ sich davon nicht beirren.
„Du müsstest ihn sehen! Er sieht phantastisch aus. Wie ein griechischer Gott – oder so ähnlich.“
„Ich bezweifle, dass du weißt, wie griechische Gottheiten auszusehen haben“, lachte Romana sie aus.
„Ist doch egal! Jedenfalls sieht er großartig aus. Er hat ganz schmale Hüften, breite Schultern ...“
„Hoffentlich hat er auch einen Kopf und vor allem: Hoffentlich hat er etwas inseinem Kopf.“
„Ach, du bist unmöglich! Natürlich hat er einen Kopf. Den schönsten, den ich je gesehen habe.“
„Ruth, du bist ein Kind! Man beurteilt einen Menschen doch nicht nach seinem Äußeren.“
„Ich beurteile ihn gar nicht, ich versuche, ihn zu beschreiben. Aber wenn es dich nicht interessiert ...“
„Natürlich interessiert es mich, mit wem du zusammen bist. Aber ich möchte vor allen Dingen wissen, was er für ein Mensch ist.“
„Ich habe ihn ja gerade erst kennengelernt. Aber er ist bestimmt ein guter Mensch“, beteuerte sie eifrig. „Du bist immer gleich so misstrauisch.“
„Und du zu vertrauensselig. Ruth, ich möchte doch nur, dass du etwas kritischer bist. Es genügt nicht, gut auszusehen. Bitte, lass dich davon nicht blenden! Wenn du nicht vergisst, auch dahinter zu sehen, dann bin ich beruhigt.“ Sie machte eine kurze Pause, bevor sie weitersprach. „Er ist Spanier, nicht wahr?“
„Was hat das denn damit zu tun? Wenn du mir jetzt mit Vorurteilen kommst, sind wir fertig miteinander!“ Ruth sprang erregt auf.
„Du weißt genau, dass ich nichts gegen Ausländer habe. Aber es ist ein anderer Kulturkreis, ein anderes Temperament. Man kann sich viele Enttäuschungen und Missverständnisse ersparen, wenn man sich das vorher klar macht.“
„Temperament?“ Ruths Augen bekamen einen schwärmerischen Glanz. „Ja, Temperament hat er. Spanisches Temperament. Das ist ja das Tolle an ihm. Er ist nicht so verklemmt wie die Deutschen. Was er denkt, das sagt er auch.“
„Das meinte ich eigentlich nicht damit“, seufzte Romana. Ein feuriger Spanier! Der hatte Ruth gerade noch gefehlt.
Romana maß dem zunächst keine allzu große Bedeutung bei. In weniger als zwei Wochen würde es keinen Antonio mehr in Ruths Leben geben. Aber vier Wochen vergingen und er blieb das Hauptgesprächsthema. Und noch etwas war ungewöhnlich. Während Ruths Wohlwollen ihren Verehrern gegenüber normalerweise eher der Bewunderung entsprang, die sie ihr entgegenbrachten, und dieser direkt proportional war, schien es mit Antonio anders zu sein. Ganz offensichtlich galt Ruths Interesse auch ihm selbst, und das war immerhin neu. Keiner ihrer bisherigen Freunde hatte Ruth so viel Beachtung abgewinnen können. Sie hatte ihre Huldigungen zwar mit Genugtuung, aber doch mehr oder weniger herablassend hingenommen. Die Männer hatten ihr eben zu Füßen zu liegen. Das war ihr Anspruch. Und während sie dieses taten, hatte sie sich ihren kühlen Kopf bewahrt. Antonios Aufmerksamkeit dagegen bedeutete ihr offensichtlich mehr.
Romana beobachtete die Wirkung, die er auf sie hatte, mit Verwunderung und wurde allmählich neugierig auf ihn. Als sie erfuhr, dass er Künstler war, machte sie sich intensivere Gedanken über ihn. Romana war durchaus für eine dauerhaftere Beziehung, wenn es nur nicht gerade ein griechischer Gott und Maler gewesen wäre. Es lag doch auf der Hand, dass sein Aussehen, seine südländische Abstammung und sein Beruf in Ruths Augen der Inbegriff der Romantik war. Und das genügte aus ihrer Sicht vollkommen. Romana hätte viel dafür gegeben, diesen Mann einmal kennenzulernen, aber bis jetzt hatte Ruth ihr keine Möglichkeit dazu verschafft.
„Warum bringst du ihn nicht mal mit, deinen Antonio?“, schlug sie hoffnungsvoll vor.
„Damit du ihn mir schlecht machst? Oh nein!“
„Ich denke, er ist so großartig?“
„Ist er auch. Aber du lässt ja nichts gelten, außer deinem Martin.“ Ruth spuckte den Namen verächtlich aus, was Romana zu überhören beschloss.
„Das stimmt nicht. Ich bin die erste, die sich freut, wenn du einen vernünftigen jungen Mann kennenlernst.“
„Vernünftig, das ist es ja! In deinen Augen ist niemand vernünftig.“
„Du musst doch zugeben, dass die meisten deiner bisherigen Freunde diesbezüglich zu keinen allzu großen Hoffnungen berechtigten, abgesehen davon, dass du sie nie lange genug hattest, um ihre Qualitäten kennenzulernen.“
„Ich weiß nur, dass ich dich umbringe, wenn du auf Antonio herumhackst!“
„Wenn du befürchtest, dass er Anlass dazu geben könnte, kann er so großartig nicht sein.“
„Oh, du bist ekelhaft! Lass dir gesagt sein, er ist tausendmal besser als dein blöder Martin!“
Damit war das Thema für Ruth beendet, und es dauerte etwa drei Tage, bis sie überhaupt wieder von Antonio sprach, und das eigentlich auch nur aus Versehen.
Romana war aufgefallen, dass Ruth, wann und wo immer sie sie antraf, damit beschäftigt war, ihren hübschen Körper in absurde Positionen zu bringen. Ihre derzeit häufigste Bewegung war ein Zurückwerfen den Kopfes, die vielleicht sexy wirken sollte, jedoch eher an einen nervösen Vogel erinnerte. Der Gesichtsausdruck, nicht weniger unnatürlich, wurde fortwährend mit Hilfe eines Handspiegels der Kontrolle unterzogen. Ruths Frisur änderte sich am Tag etwa stündlich, ebenso ihre Garderobe, die im Übrigen eher knapp und aufreizend ausfiel.
Als Romana ihre Schwester sich am Boden wälzend vorfand, hielt sie es für angebracht, sich nach dem Grund dieses absonderlichen Benehmens zu erkundigen.
„Ich übe, das siehst du doch“, war die höchst informative Antwort.
„Darf man fragen, was du übst? Willst du jetzt etwa Schauspielerin werden?“
„Keine schlechte Idee, aber daneben geraten.“
„Ich fürchte, da versagt meine Phantasie. Für bloße Körperkultur finde ich deine Darbietungen jedenfalls etwas übertrieben.“
„Du hast doch immer gesagt, ich solle mehr aus mir machen.“
„Aber so habe ich das nicht gemeint.“ Romana brachte sich in Sicherheit, weil Ruth mit den Armen ausholte und sie beinahe Opfer ihrer Fitnessübungen, oder was es sonst darstellte, geworden wäre.
„Du lässt mich ja nicht ausreden“, erklärte Ruth. „Ich bin gerade dabei, meine Karriere aufzubauen.“
„Deine was?“ Romana hatte Mühe, bei dieser freimütigen Äußerung nicht laut loszulachen. „Und wie sieht deine Karriere bitte aus? Ich meine, nachdem du nichts gelernt hast, dürfte es schwierig damit werden. Allmählich glaube ich, das Beste für dich wäre es, einen dummen aber reichen Mann zu heiraten, der deine Eigenarten vielleicht nicht zu schätzen, aber wenigstens zu ertragen weiß.“
„Ich werde Model“, verkündete Ruth großartig. „Ich sehe gut aus, habe eine gute Figur – das kannst nicht mal du leugnen und ...“
„Das ist nicht dein Verdienst“, warf Romana trocken ein.
„Als ob das eine Rolle spielte! Es ist so, und man soll Perlen nicht vor die Säue werfen. Mein Aussehen ist mein Kapital, und das gedenke ich anzulegen.“
Romana stöhnte. „Du bleibst nicht ewig jung und hübsch.“
„Aber bis dahin habe ich genug Geld verdient.“
„An zu wenig Selbstbewusstsein scheint es dir nicht zu mangeln. Und was ist, wenn der erwartete Erfolg ausbleibt?“
„Kann er gar nicht. Antonio sagt, ich habe einen perfekten Körper.“
„Na, er muss es ja wissen.“
„Ja, allerdings!“, entgegnete Ruth aufbrausend. „Er will mich schließlich malen!“ Dann begann plötzlich ein Gefühl des Stolzes ihre Empörung zu beschwichtigen. „Ist das denn nicht phantastisch? Er will mich malen! Mein Bild wird vielleicht berühmt. Stell dir das vor!“
„Das tue ich gerade. Er hat nicht zufällig davon gesprochen,wieer dich malen möchte?“
„Na, wie schon! Wie Maler das zu tun pflegen – wahrscheinlich.“
„Ruth!“
„Was ist denn schon dabei?“
„Das fragst du noch? Ich habe Mutter auf dem Totenbett versprechen müssen, auf dich aufzupassen.“
„Ich finde, das tust du ausreichend. Ich bin über achtzehn, folglich kann ich tun und lassen, was ich will. Ich bin es ziemlich leid, von dir wie ein kleines Kind behandelt zu werden.“
„Dann benimm dich nicht so!“
„Ich werde mich von ihm malen lassen! Das wirst du nicht verhindern!“
Romana beschloss in diesem Moment, genau das zu tun. Wenigstens würde sie verhindern, dass ihre Schwester im Evaskostüm irgendwo in einer Galerie hängen würde. Außerdem brauchte es nicht übermäßig viel Phantasie, sich vorzustellen, was sich bis dahin im Atelier abspielen würde. Sie tat innerlich einen tiefen Seufzer.
„Du kennst ihn noch gar nicht richtig“, nahm sie einen neuen Anlauf. „Woher willst du wissen, dass er die Situation nicht ausnützen wird?“
„Er ist einfach süß. Das macht er sicher nicht.“
Ruths Gesicht verriet genau, was sie jetzt dachte. Romana konnte jeden einzelnen Buchstaben ihrer Gedanken dort ablesen. Da stand: „Ich hätte aber auch nichts dagegen, wenn er es täte.“
Romana stöhnte, diesmal hörbar. Sie war wild entschlossen, diesen Maler aufzusuchen. Das war sie ihrer seligen Mutter schuldig. Ruths Vorhaben Model zu werden, nahm sie nicht ernst. Sie hielt es für eine ihrer Marotten, die so schnell vergingen, wie sie entstanden waren. Sie ahnte nicht, dass Ruth zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich ein Ziel vor Augen hatte und ihr Ehrgeiz, etwas zu erreichen, plötzlich geweckt war.
Der nächste Tag fing außerordentlich vielversprechend an. Romana befand sich in Zeitdruck, da sie den Wecker überhört hatte und folglich nicht rechtzeitig erwacht war.
Vor der Badezimmertür prallte sie ab, da sie sie unerwartet verschlossen fand. Ruth, die nie früh aufstand, hatte ausgerechnet an diesem Tag den Eifer entwickelt, das Bad vor ihrer Schwester in Besitz zu nehmen und okkupierte es mit Beharrlichkeit.
„Ruth, kannst du dich nicht später fertig machen? Ich komme ohnehin schon zu spät!“, rief Romana mit leiser Verzweiflung in der Stimme durch die Tür.
„Dann kommt es auf ein paar Minuten mehr oder weniger auch nicht mehr an“, war die seelenruhige Antwort. Aber es folgte noch der beruhigende Nachsatz: „Ich bin gleich fertig.“
Unter „gleich fertig“ verstand Ruth jedoch für gewöhnlich etwas völlig anderes als Romana, daher schlug diese jetzt mit der geballten Faust gegen die Tür. „Wenn du nicht auf der Stelle herauskommst ...!“
„Würde ich ja gerne, aber es geht gerade nicht.“
Romana ließ von der Tür ab. „Warum hast du mich übrigens nicht geweckt, wenn du schon mal wach warst?“
„Hab nicht daran gedacht“, klang es zurück. „Außerdem hätte es ja sein können, dass du heute später los musst, dann wärst du mir doch an die Gurgel gesprungen.“
„Du weißt genau, dass ich seit Beginn des Schuljahres jeden Donnerstag um dieselbe Zeit aufstehe. Denn ich bin zufällig ein Mensch mit geregelter Arbeitszeit. Was dir natürlich völlig unverständlich sein dürfte.“
„Es hätte ja mal eine Stunde ausfallen können.“
„Die fällt nur aus, wenn ich nicht da bin, so wie heute zum Beispiel.“
„Siehst du, also hatte ich doch recht!“ Ruth blieb keine Antwort schuldig.
Sie ließ auf sich warten, aber noch bevor Romana überlegte, ob sie ihr ein Mittel gegen Darmträgheit empfehlen sollte, kam sie endlich heraus, schüttelte ihre dunklen Locken in den Nacken und hielt die gespreizten Finger weit von sich.
„Hast du dir etwa die Nägel lackiert?“, fragte Romana entgeistert.
„Ich habe gleich einen wichtigen Termin“, war die kurze Erklärung.
„Und meiner ist in einer Viertelstunde, obwohl ich gestehen muss, dass es nicht halb so wichtig ist, seiner Arbeit nachzugehen wie seinem Rendezvous. Es ist nicht zu fassen!“ Mit gequältem Gesichtsausdruck erhob Romana die Hände zum Himmel.
„Ich habe kein Rendezvous“, kam es zurück.
„Und das soll ich dir natürlich glauben?“
„Tu es oder lass es, ganz wie es dir beliebt.“ Damit ließ Ruth sich in einen Sessel fallen und die Arme zu den Seiten herunterhängen. Sie bewegte sie an der Luft hin und her und trällerte dabei eine undefinierbare Melodie vor sich hin.
„Du könntest wenigstens inzwischen einen Kaffee aufsetzen. Ich bin noch nicht richtig wach“, schlug Romana vor.
Ruth hielt wortlos ihre Hände hoch, um ihre Hilflosigkeit zu demonstrieren und Romana platzte beinahe der Kragen. Aber sie war darin geübt, sich zu beherrschen. Sie begnügte sich damit, Ruth einen wütenden Blick zuzuschleudern und die Badezimmertür hinter sich ins Schloss.
„Immer diese Gemütsausbrüche!“, rügte Ruth. „Sag doch den Herrschaften einfach, ich sei Schuld an deinem Zuspätkommen!“, rief sie ihr nach. „Dann bist du fein raus!“
Doch Romana hörte sie nicht mehr. Als sie nach dem Duschen das Bad verließ, waren Ruths Fingernägel offensichtlich inzwischen trocken genug, dass sie frühstücken konnte. Der Kaffee allerdings war auf wundersame Weise ihrem Gedächtnis entschlüpft, vielleicht auch deshalb, weil sie selbst keinen zu trinken pflegte.
Nachdem Romana damit getröstet worden war, dass zu viel Kaffee ohnehin ungesund sei, und sie dagegen gehalten hatte, dass sie bei der liebevollen Betreuung durch ihre Schwester wohl kaum gesundheitliche Schäden dieser Art zu befürchten habe, griff sie ärgerlich nach ihrer Tasche und ging ohne Kaffee aus dem Haus.
Als Nächstes sprang ihr Auto nicht an, was das Fahren mit der Straßenbahn notwendig machte und sie mindestens weitere zehn Minuten kostete. Die erste Stunde wäre demnach tatsächlich zu Ende gewesen, bevor sie die Klasse erreicht hätte. Das Beste war sicherlich in diesem Fall, sie gar nicht erst zu betreten. Auf die unbändige Freude ihrer Schüler darüber, dass sie derart gründlich zu spät kam, konnte Romana verzichten. Da war es ihr doch lieber, sie sahen sie im Geiste bereits für einige Tage auf dem Krankenlager. Diese Illusion konnte sie ihnen ruhig bis zum nächsten Morgen lassen. Englisch fiel also aus. Wozu hatte sie sich dann eigentlich mit den Korrekturen abgeplagt?
In der letzten Stunde wurde Romana wegen eines Anrufes aus dem Musiksaal gerufen, mit dem Hinweis, es sei sehr dringend. Sie glaubte nicht recht zu hören, als sie Ruths Stimme vernahm, die ihr mit geradezu unverschämter Gelassenheit mitteilte, dass sie den Schlüssel vergessen habe und nicht in die Wohnung könne.
„Du treibst dich doch sonst auch den ganzen Tag bei irgendjemandem herum, geh solange zu Verena!“, erwiderte Romana ungerührt.
„Die ist in der Schule.“
„Wohin du eigentlich auch gehörtest.“
Ruth ging darauf vorsichtshalber nicht ein.
„Was soll ich denn jetzt machen?“
„Lass dir was einfallen! Ich bin im Unterricht und habe gleich noch eine Konferenz.“
„Kann ich mir deinen Schlüssel holen?“
„Wenn du ihn nicht verlierst – meinetwegen.“
Es knackte in der Leitung. Ruth hatte aufgelegt.
Romana ging seufzend zum Musiksaal zurück und wartete nach der Stunde vergeblich auf ihre Schwester. Es war anzunehmen, dass diese inzwischen zu Antonio gegangen war. Wenige Minuten nachdem die Konferenz begonnen hatte, wurde Romana aber wiederum herausgerufen, weil Ruth es sich offenbar anders überlegt hatte und zwecks Abholung des Schlüssels auf der Schwelle zum Lehrerzimmer erschien.
Mit den Worten: „Bedenke, dass ich jetzt keinen habe“, legte Romana den Schlüssel mehr oder vielmehr weniger vertrauensvoll in Ruths Hände.
„Bestell deinen Paukern einen schönen Gruß von mir. Sie sollen sich kurz fassen!“, rief Ruth laut und fröhlich zum Abschied, ungeachtet der nur angelehnten Tür.
Als Romana schwitzend ins Lehrerzimmer zurückkehrte, wandten sich die Blicke aller ihr zu. Sie lächelte entschuldigend und nahm sich vor, Ruth später gehörig den Kopf zu waschen.
Die „Pauker“, wie Ruth sich ausgedrückt hatte, fassten sich an diesem Tag alles andere als kurz, und so war es bereits drei Uhr, als Romana endlich das Schulgelände verließ. Sie erwartete nicht, dass ihre Schwester umsichtig genug gewesen war, für ein Essen zu sorgen oder auch nur dafür einzukaufen, daher nahm sie unterwegs das Nötigste mit.
Als sie mit vollgepackten Taschen vor ihrer Wohnungstür stand und darauf wartete, dass Ruth öffnete, wartete sie umsonst. Ruth war nicht zu Hause. Ihre Laune war nicht mehr die beste, als sie Martin benachrichtigte. Es wunderte sie beinahe, dass sie ihn erreichte und er sofort kommen konnte.
Schon wenige Minuten später war er da und schloss mit seinem Schlüssel auf. Romana sagte ihm nur, dass sie sich ausgesperrt habe und verschwieg, dass Ruth die Schuld daran trug. Der Sinn stand ihr nicht mehr so sehr nach Konflikten.
Martin nahm ihr die Taschen ab und stellte sie auf den Küchentisch. „Wie war dein Tag sonst?“
„Ach, sprechen wir lieber nicht davon. Wenn er so weiter geht, bin ich heute Abend grauhaarig.“
„Und wo ist Ruth?“, fragte er mit einem Blick auf seine Armbanduhr. „Nein, erzähl mir das alles lieber später! Ich komme nach Dienstschluss vorbei.“
„Ich weiß gar nicht, wann ich zu Hause sein werde“, wandte Romana ein. „Ich habe noch etwas zu erledigen – falls ich das Auto wieder in Gang kriege – und wollte eigentlich auch Vater besuchen.“
„Was ist denn mit dem Wagen?“
„Ich weiß es nicht. Er springt nicht an.“
„Mal sehen, ob ich ihn dazu überreden kann. Wo ist er?“
„Er hat sich geweigert, die Garage zu verlassen, folglich steht er noch drin.“
Es gibt dieses bekannte Phänomen, dass ein kaputtes Ding plötzlich nicht mehr kaputt ist, sobald man sein Versagen an kompetenter Stelle zur Sprache bringt. Kaum saß Martin am Steuer, schnurrte der Wagen wie ein Kätzchen und Romana traf ein fragender Blick.
„Erspar dir den Hinweis, dass es nur einer männlichen Hand bedurft habe!“, drohte sie vorbeugend.
„Habe ich etwas gesagt?“
„Nein, aber gedacht.“
„Es war ziemlich kalt heute Morgen. Vielleicht lag es daran. Aber ich würde die Batterie bei Gelegenheit mal nachsehen lassen.“ Es war zwecklos, ihn necken zu wollen, er ging mit absoluter Zuverlässigkeit nicht darauf ein.
Romana grinste. „Danke, für den guten Willen. – Ich rufe dich an. Vielleicht kannst du zum Essen kommen. Ich habe gerade beschlossen, am Abend zu kochen. Jetzt lohnt es doch nicht mehr.“
Martin war kaum außer Sichtweite, da erschien fröhlich summend Ruth auf der Bildfläche. Romana war zwar ganz dankbar dafür, dass sie Martin nicht über den Weg gelaufen war, aber die Tatsache, dass sie sein Kommen genaugenommen völlig überflüssig machte, wirkte wenig erheiternd auf sie.
„Wo hast du nur gesteckt?“
„Ich war mit Antonio zusammen.“
„Habt ihr etwa schon angefangen?“
„Angefangen womit?“
„Mit dem Aufbauen deiner Karriere.“
„Bist du noch ganz richtig im Kopf?“
„Ich denke, du wolltest ihm Modell stehen.“
„Aber das hat dochdamit nichts zu tun! Die Probeaufnahmen hatte ich heute Morgen.“
„Was für Probeaufnahmen denn?“
„Ich sagte dir doch, ich hatte einen wichtigen Termin. Ich werde Model, schon vergessen? Die nehmen mich vielleicht. Ist das nicht aufregend?“
„Wer sind die?“
„Na, die in dem Photoatelier, natürlich.“
„Könntest du etwas präziser werden? Wofür machen sie denn die Bilder?“
„Für so ’n Modemagazin – was ganz Seriöses, nicht, was du wieder denkst. Du kannst dich getrost abregen.“
„Na gut, wir werden später darüber sprechen. Ich habe jetzt nicht viel Zeit.“
„Du führst ja auch ein ziemlich unstetes Leben. Wo geht’s denn schon wieder hin?“
„Wenn du etwas vernünftiger wärst, wäre mein Leben gar nicht so unstet.“
