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Amir, der die vielleicht schwerste Entscheidung seines Lebens treffen muss, um sich selbst zu retten. Hetty und Fanny, die sich zufällig begegnen und feststellen, dass sie mehr gemeinsam haben, als ihnen lieb ist. Walter, der erst spät lernt, dass Ordnung und Pünktlichkeit nicht alles im Leben sind. Anna, die als Kind einen schweren Schicksalsschlag erleidet, doch dadurch einen Freund für‘s Leben findet. Genau so unterschiedlich wie die Farben des Meeres sind die Geschichten, die Heike Auel und Steffi Müller in diesem Lesebuch zusammengestellt haben. Sie handeln vom Glück, von der Freiheit, von der Freundschaft ... und immer vom Meer. Die Begegnung mit dem Meer verändert das Leben der Menschen in den Geschichten, manchmal hart und fordernd, manchmal auch ganz sanft.
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Seitenzahl: 253
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Zwei Stunden
Die Dame in Weiß
Strandspaziergang
Gestern war ich tot
Erste Liebe
30 Sekunden bis zur Ewigkeit
Im Wattenmeer
Entscheidung am Balaton
Tanz am Meer
Das Blau des Ozeans
Meeresrauschen, Wellenklang,
Über Fischerbooten Möwengesang.
Die Luft voll schwerer Düfte.
Mit frischer Brise
Der Wind mich grüßt.
Ich verweile kurz und staune:
Welch wundersame Laune
Erschuf hier die Natur!
Steffi Müller
Die Zeiger der Bahnhofsuhr sprangen auf 18.47 Uhr. »An Gleis 4 bitte einsteigen, Türen schließen selbsttätig, Vorsicht bei der Abfahrt.« Heiner hastete über die Plattform des Frankfurter Kopfbahnhofs. Gleis 8, Gleis 7, Gleis 6...... Als er atemlos an Gleis 5 vorbeisprintete, hörte er die Pfeife des Schaffners, direkt darauf das satte Geräusch, mit dem Zugtüren ins Schloss fielen. Endlich bog er um den letzten Prellbock und stürzte auf den Bahnsteig, doch er sah nur noch die roten Rücklichter des Zuges, der langsam aus dem Bahnhof fuhr.
Auch das noch! So sehr Heiner Pünktlichkeit liebte - hätte der InterRegio heute nicht ausnahmsweise ein paar Minuten Verspätung haben können? Mit diesem Zug war auch seine letzte Chance auf einen Abend mit seiner Frau aus dem Bahnhof geglitten. Die nächste mögliche Verbindung war der Regionalexpress nach Limburg, der aber erst in knapp zwei Stunden abfuhr und auch viel länger unterwegs war. Das hieß, er wäre weit nach 22.00 Uhr daheim. Zu spät für den versprochenen Abend in Susannes Lieblingsrestaurant.
Er hinterließ eine Nachricht auf Susannes Handy, froh um die unpersönliche Stimme des Anrufbeantworters, die ihm Aufschub vor dem berechtigten Ärger seiner Frau gewährte. Dann schlenderte er in das kleine Bistro und ließ sich müde auf einen Stuhl fallen. Zwei Stunden! Heiner Garbsen war Anwalt in Weilenburg, einem kleinen Ort ca. eine Autostunde von Frankfurt entfernt. Zwei bis drei Mal im Monat fuhr er zum Gericht nach Frankfurt. Immer mit dem Zug, denn Autofahren hatte er noch nie geliebt. Meist reichte die Zeit gerade noch für einen hastigen Kaffee, bevor er in seinen Sitz im InterRegio fiel und sofort seinen Aktenkoffer mit den Unterlagen hervorholte. Er konnte sich kaum erinnern, wann er das letzte Mal zwei Stunden Zeit gehabt hatte. Reflexartig griff er nach seinen Notizen vom Gericht. Der kleine italienische Kellner, den er schon kannte, fragte nach seinen Wünschen.
Ohne nachzudenken bestellte er »Kaffee, bitte, mit viel Milch, wie immer«. Aber halt, wollte er wirklich Kaffee, wie immer? Er ließ die Papiere sinken.
»Nein, bringen Sie mir einen Rotwein. Ja, einen Rotwein, keinen Kaffee heute. Einen trockenen, französischen.«
Der Kellner nickte.
»Aber gern, mein Herr. Wir haben einen hervorragenden Bordeaux, der wird Ihnen schmecken, nach dem langen Arbeitstag.«
Ja, ein langer Tag. Länger als erwartet, nicht nur wegen des verpassten Zuges. Auch die Verhandlungen im Gericht hatten sich hingezogen, und dann wollte ein Kollege unbedingt noch über eine umstrittene Entscheidung des Oberlandesgerichts diskutieren, die derzeit in aller Munde war. Da ging es um eine Scheidungssache, genau wie sein erster Fall. Wie hatte der noch geheißen? Richtig, Meiser gegen Strobel. Eine ziemlich klare Sache, aber es war eben sein allererster Fall. Er war so nervös gewesen vor der Verhandlung. Das erste Mal eigenverantwortlich vor Gericht. Eigentlich hatte er nie Anwalt werden wollen. Er war kein Rhetoriker, in Diskussionen halfen ihm oft nur sein immenses Fachwissen und seine genaue Vorbereitung. Aber sein Vater und auch sein Großvater waren erfolgreiche Anwälte gewesen. Selbstverständlich sollte der Sohn diese Tradition fortsetzen, und er hatte sich nicht gewehrt.
Noch während seines Referendariats in einer Frankfurter Kanzlei lernte er Susanne kennen. Sie war vielleicht nicht die große Liebe, aber er schätze ihre Selbständigkeit, ihre Fröhlichkeit. Nach ihrer Heirat lebten sie zunächst in Frankfurt, doch schon nach kurzer Zeit wurde in ihrem Heimatdorf, in Weilenburg eben, ein Anwalt gesucht. Susanne wollte unbedingt zurück, weg aus der Großstadt, in der sie kaum jemanden kannte. Ihr Vater, der Arzt der kleinen Gemeinde, unterstützte Heiner dabei, die ländliche Kanzlei zu übernehmen. Und so war Heiner, ehe er richtig wusste, wie ihm geschah, selbständiger Anwalt in Weilenburg. Kein Wunder, dass ihn alle zu seinem ›großartigen Coup‹ beglückwünschten. Während seine Studienkollegen noch immer die Knochentour durch die großen Anwaltskanzleien machten, hatte er bereits eine gefestigte Stellung mit vielen Mandanten.
Susanne selber hatte in Frankfurt Sprachen studiert, Englisch und Französisch, aber nie mit ganzem Herzen. Als sie nach Weilenburg zogen, fand sie nichts, was ihr zusagte. Am Anfang hätte er gern ein zusätzliches Einkommen gehabt, zur Absicherung der vielen Ausgaben, die seine Stellung mit sich brachte, aber als sein Schwiegervater ihnen ein Haus zur Verfügung stellte (»Meine Tochter kriegt das Geld ja doch irgendwann!«), fiel auch das finanzielle Argument weg. Stattdessen orientierte sich seine Frau schnell anders. Heute ging sie voll auf in ihren karitativen Kreisen, bei der Vorbereitung von Festen und Gesellschaften. Immer öfter wies sie Heiner darauf hin, dass ein erfolgreicher Anwalt auch im öffentlichen Leben mitwirken müsse. Er weigerte sich lange, doch schließlich gab er nach und wurde Mitglied im örtlichen Schützenverein. Immerhin hatte er noch verhindern können, jemals Schützenkönig zu werden.
Gern hätte Susanne auch in der Frankfurter Gesellschaft Fuß gefasst. Seine Kontakte zum Gericht wären sicher ein guter Ausgangspunkt gewesen, aber seine Karriere hatte sich nicht so weiterentwickelt, wie der Glanzstart hoffen ließ. Er war kein brillanter Staranwalt, der die Richter in seinen Bann zog. Er war ein guter Arbeiter mit soliden juristischen Kenntnissen, mehr nicht. Immer häufiger warf seine Frau ihm mangelnden Ehrgeiz vor. Sie erwartete mehr von ihrem Ehemann, als dass er sich mit den Dorfstreitigkeiten zufriedengab.
Aber auch, wenn er sich in den Diskussionen mit Susanne immer wie ein Versager vorkam, er kannte seine Schwächen zu gut, um sich der Blamage eines publicity-wirksam verlorenen Prozesses auszusetzen.
Er nippte an seinem Rotwein. Wirklich vorzüglich. Seinen ersten Bordeaux hatte er in Südfrankreich getrunken. Mit drei Kommilitonen waren sie spontan losgefahren, hatten Zelt und Schlafsäcke in seinen uralten Opel geworfen. Am Lac de Lacanau, nicht weit von Bordeaux, verbrachten sie 14 traumhafte Tage. Er mietete eine Segeljolle, und gemeinsam erkundeten sie den See. Sie lagen in der Sonne, tranken Wein und aßen Meeresfrüchte, bis ihr Urlaubsbudget zusammengeschmolzen war. Manchmal stellten sie sich vor, wie es wäre, auf einem Segelboot die Weltmeere zu befahren. Und versprachen sich, nie so zu werden wie ihre Eltern. Sie wollten etwas machen aus ihrem Leben. Sie wollten die Juristerei nutzen, um den Menschen zu helfen.
Die typischen Ideen von Studenten eben. Heute waren sie alle angesehene Juristen, mit Eigenheim und Frau und Mittelklassewagen, und nichts von den Jugendträumen war übrig geblieben. Statt einer Weltumseglung kamen bei ihm das Referendariat und Susanne und die Anwaltskanzlei. Und dann der Schützenverein.
Energisch vertrieb Heiner die trüben Gedanken. Er leerte das Weinglas, warf ein paar Münzen auf den Tisch und schlenderte zur Bahnhofsbuchhandlung. Er könnte sich ein gutes Buch gönnen. Vielleicht einmal etwas anders lesen als Akten auf der langen Heimfahrt. Seine Augen wanderten über die Regale. Plötzlich blieb sein Blick auf dem Bild eines Segelschiffs hängen. »Wilfried Erdmann zurück auf seiner Katena Nui - Weltumsegler jubelnd in Cuxhaven empfangen.« Heiner lächelte. Da war sein Jugendtraum aus Studienzeiten: einmal segelnd um die Welt. In einem Anfall von sentimentaler Nostalgie kaufte er das noch druckfrische Heft. Im Gehen blätterte er schnell über die bunten Bilder, las die Überschriften der Texte. Der Anzeigenteil war voller Angebote für Segelschiffe, von der kleinen Jolle bis zur hochseetauglichen Fahrtenyacht. Einmal hatte er Susanne zu einem Segeltörn in Dänemark überredet. Aber die Tour war ein einziges Fiasko gewesen, und so hatten sie ihre Urlaube wieder in den Ferienzentren des Mittelmeers und der Kanaren verbracht.
Plötzlich blieb Heiner stehen. Sein Blick fiel auf eine Anzeige. »Dringend: Hand für Koje! Erfahrener Skipper sucht schnell entschlossene Mitsegler für Überführungstörn nach Costa Rica, Dauer ca. 3 Monate, Segelschein erwünscht, aber nicht Voraussetzung, Einschiffung und Vorbereitung ab 24.09. in Hamburg-Wedel«
Na, das war aber wirklich sehr dringend. Der 24.09. war übermorgen und die Zeitung erst vor wenigen Tagen erschienen. So schnell würde kaum jemand mitkommen können. So etwas hätte er damals tun sollen, nach dem Studium, statt gleich zu heiraten und zu arbeiten. Jetzt war es zu spät, um auf Kolumbus’ Spuren zu wandeln.
Aber war es denn wirklich zu spät? Warum sollte er nicht einfach jetzt seinen Traum verwirklichen? Er ließ sich auf eine Bank fallen und schüttelte den Kopf. Wie kam er nur auf so einen Gedanken? Er war doch verheiratet. Er wollte Susanne nicht wehtun. Aber würde er das überhaupt? Sie hatte ihre Vereine, ihre Familie. Sie hatte ihm oft genug vorgeworfen, nicht repräsentativ genug zu sein.
»Wenn Du erfolgreich bist, musst Du das auch zeigen«, sagte sie immer.
Sie käme leicht drei Monate ohne ihn zurecht. Und wenn er zurückkehrte - welcher Anwalt hatte schon den Atlantik überquert? Sie wäre wohl sogar stolz auf ihn - nachher. Und seine Kanzlei? Die könnte sicher von Dieter, dem Anwalt aus dem Nachbarort, für drei Monate übernommen werden. Sie vertraten sich seit Jahren regelmäßig während der Urlaubszeit.
Natürlich war das alles Unsinn. Aber wenn er schon zwei Stunden auf diesem verflixten Bahnhof warten musste, dann konnte er doch auch einmal träumen. Das hatte er sich wirklich verdient. Also - er könnte diese Nummer anrufen. Oder, noch besser, direkt nach Hamburg fahren. Sich persönlich vorstellen und sagen, dass er zu allem bereit sei. Der nächste Zug - mal sehen: ja, in 30 Minuten ging der ICE ‘Altona’ nach Hamburg. Ankunft Hamburg Hauptbahnhof 0 Uhr 14. Er könnte ein Hotel nehmen und nach dem Frühstück die angegebene Adresse im Yachthafen von Wedel aufsuchen. Was würde er brauchen? Sicher nicht seinen dunklen Anzug. Stattdessen Ölzeug, Segelschuhe, Gummistiefel, Medikamente, einen Schlafsack. Nun, das gab es alles in Hamburg. Und dann segelte er einfach nach Costa Rica. Er, Heiner Garbsen aus Weilenburg, würde seinen Jugendtraum wahr machen, würde Eigenheim und Frau und Mittelklassewagen den Rücken kehren und - ja was eigentlich? Anfangen zu leben?
Die Lautsprecherdurchsage weckte ihn aus seinen Träumen. »Auf Gleis 4 wird bereitgestellt: Stadtexpress nach Limburg über Hochstadt und Weilenburg, Abfahrt 20.31.«
So spät schon. Heiner ergriff seine Aktentasche und ging energisch zum Gleis. Da stand der Zug, der ihn zurückbringen würde in sein geordnetes Leben, zu Frau und Klienten, zu Mittelklassewagen und Schützenverein. Schluss mit den Träumereien und dem Selbstmitleid. Schließlich gab es keinen Grund für eine Midlife-Crisis. Er war zurück in seinem Leben. Er sah wieder, wie die Menschen um ihn herum hasteten, die ankommenden ebenso wie die abfahrenden. Er hörte das Quietschen der Bremsen und sogar das Gurren der Tauben, die sich um Krümel stritten.
Und ebenso hörte er die nächste Durchsage der freundlichen Lautsprecherstimme: »Auf Gleis 3 fährt in wenigen Minuten ein: Der InterCityExpress ‘Altona’ von München nach Hamburg über Kassel-Wilhelmshöhe und Hannover. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt des Zuges.«
Er sah die weiße Lok einfahren, dann kamen die 1-Klasse-Wagen, dann das Bordrestaurant, dann die 2.-Klasse-Großraumwagen. Laut kreischend kam der Zug zum Stehen, direkt gegenüber von dem, der ihn zurück nach Weilenburg bringen sollte. Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Wenn er einfach in den Hamburger Zug stiege? Würde er je den Mut dazu haben? Einfach weggehen? Wie gelähmt stand er zwischen den beiden Zügen, der eine Richtung Süden, der andere Richtung Norden.
»An Gleis 4 zum Zug nach Limburg über Weilenburg bitte einsteigen - Türen schließen selbständig, Vorsicht bei der Abfahrt.«
Bewegungslos stand er da und starrte auf die sich schließenden Türen. Er musste doch mit - mit nach Weilenburg. Aber er konnte sich nicht rühren. Die Pfeife des Schaffners schrillte. Die Türen fielen ins Schloss. Ächzend setzte sich der Zug in Bewegung. Immer schneller begannen die Räder sich zu drehen. Erst als der letzte Wagen vorbeifuhr und die roten Rücklichter des Nahverkehrszugs kleiner wurden, kam das Leben zu Heiner zurück. Mit festem Schritt ging er auf den Hamburger ICE zu, öffnete die Tür und stieg die Stufen hinauf.
*****
Fabian legt seinen Stift zur Seite, lehnt sich zurück und blickt über seinen Schreibtisch durch die staubigen Fenster auf Berlin hinunter. Die Stadt erscheint ihm fremd und kalt. Der Himmel vor seinem Fenster umwölkt die Stadt in bleiernem Grau. Menschenmassen schlängeln sich wie ein bedrohlicher Wurm durch die Straßen. Rastlos, mit gehetztem Blick und leeren Herzen. Tote Seelen, so scheint es ihm, die verlernt haben zu lachen und zu leben. Er erstickt im Sumpf dieser Großstadt. Fabian sehnt sich nach einem Ort, der nach Meer und Sommer duftet. Dorthin, wo er nie sein wollte. Er hatte keine Lust gehabt auf die Abi-Abschlussfahrt. Doch dann kam alles anders...
Liebes Tagebuch,
als ich dieser Frau begegnete, konnte ich kaum ahnen, wie sehr sie mich berühren würde. Christelle. Die Zauberhafte. Die Wunderschöne.
Sie stiegen geräuschvoll aus dem Reisebus. Es war ein später Vormittag. Die Julisonne brannte und weckte die Lebensgeister der Gruppe 18jähriger, die mit ihren beiden Begleitern zum Ende der Schulzeit an der Côte d'Azur gemeinsam Ferien machten. An der Ladeluke des Busses herrschte hektische Betriebsamkeit. Jeder wollte unbedingt der Erste an dem kleinen Zwei-Sterne-Haus sein. Ein weiß getünchtes Haus mit zwei Türmchen rechts und links neben der Freitreppe. Die Eingangstür aus getöntem Glas bot einen einladenden Blick in das Foyer. Alle waren in Eile. Alle, bis auf einen. Fabian stand etwas abseits der Meute und betrachtete das Schauspiel mit verschlossener Miene. Er wartete ab, er hatte es nicht eilig.
»Na, was ist? Nimm deinen Koffer, Junge. Auf mich wartet ein frisch bezogenes Bett und ein kühles Bier. Das habe ich mir verdient. Also, hurtig, hurtig«, grollte der Busfahrer. Sein Kollege hatte längst den Weg zum Hotel eingeschlagen. Fabians Klassenkameraden waren auch unter viel Getöse am Eingang angekommen. Sie verschwanden vor seinen Augen durch das große Glasportal.
Also machte sich Fabian mit seinem Gepäck auf den Weg und haderte noch immer mit seinem Schicksal. Warum musste diese blöde Fahrt gerade jetzt stattfinden. Er wurde doch zu Hause gebraucht!
Liebes Tagebuch,
Ich habe begriffen, dass man sich selbst oft viel zu wichtig nimmt. Vielleicht benötigte meine Mutter einfach ein paar Tage für sich. Was war Schlimmes daran?
Nach der Zimmerverteilung fand sich Fabian zwischen drei Jungs und zwei Etagenbetten wieder. Seine Mitschüler hatten ihm ohne viel Federlesen das untere Bett an der linken Wand zugewiesen. Er nahm es zur Kenntnis, es war ihm sowieso egal. Dort saß er nun und beobachtete das Treiben der anderen, die lachend ihre Klamotten im Schrank verstauten. Um ihn kümmerte sich keiner. Das kam ihm gelegen, war er doch mit seinen Gedanken daheim bei seiner Mutter. Seit sein Vater ihr die neue Freundin präsentiert hatte, war sie völlig durch den Wind. Fabian beschloss, sie später anzurufen.
Im Vorübergehen rempelte Kolja ihn an und riss ihn aus seinen Gedanken.
»He, was ist los mit dir? Deine Miene löst gleich eine Sturmflut aus. Wir wollen jetzt zum Strand. Die französischen Mädels sollen sehr sexy sein. Wie steht es mit dir? Willst du nicht mitkommen?«
»Geht schon mal voraus. Muss mein Zeug noch wegräumen. Ich finde euch dann schon.«
Johlend verschwanden die drei Jungs durch die Tür.
Endlich war Fabian allein. Er ließ sich nach hinten auf das Bett fallen und starrte auf den Lattenrost über ihm. Kein besonders schöner Anblick. Er schloss die Augen. Sofort riss ihn die Erinnerung zurück in das Geschehen der letzten Tage. Er sah seine Mutter vor sich, die nicht verstand, warum sich ihr Sohn so gegen seine Abschlussfahrt sträubte.
»Fabian, du musst diese Fahrt machen. Côte d'Azur! Davon träume ich nur. Und du willst nicht fahren. Warum? Ich verstehe dich nicht. Wir haben lange darauf gespart. Und jetzt, wo es endlich soweit ist, hast du plötzlich keine Lust mehr. Was ist nur in dich gefahren?«
»Ich würde eben gerne in deiner Nähe bleiben. Jetzt, wo dein Mann, mein Vater, ständig betrunken ist. Und überhaupt, wer weiß, was er noch anstellt. Ich will einfach nicht, dass du alleine bist, Mama. Ich will da sein, wenn...«
»So, mein Sohn will also ein Held sein. Als ob das meinen Ehemann daran hindern würde, sein Flittchen mit in unsere Wohnung zu schleifen.«
»Aber darum geht es ja gerade. Ich will da sein, bei dir. Er soll wissen, dass du nicht alleine bist.«
Gelächter vor der Zimmertür brachte Fabian in die Gegenwart zurück. Schwerfällig erhob er sich vom Bett und machte sich daran, seine Sachen zu verstauen. Er zog sich eine kurze Hose an, streifte seine Sandalen über und tat einen tiefen Seufzer, bevor er das Zimmer verließ. Wenn er nun schon hier war, konnte er ja wenigstens mal den Strand begutachten. Für den heutigen Nachmittag gab es kein geplantes Lehrerprogramm mehr. Ab morgen würde sich das ändern.
Liebes Tagebuch,
die Côte d'Azur ist wunderschön. Doch erst durch Christelle habe ich das erkennen können. Sie hat mir beigebracht, mit allen Sinnen zu erleben. Alles. Alles!
Der Teenager blinzelte ins Licht. Er war so aufgewühlt gewesen, dass er seine Sonnenbrille im Zimmer vergessen hatte. Und an Sonnenschutz hatte er schon gar nicht gedacht. Es war früher Nachmittag, und alle Welt verbrachte die heißen Stunden in kühlen Räumen. Die wenigen Menschen die, ihm begegneten, waren Touristen, die schon immer alles besser wussten. Sie stöhnten über die unerträgliche Hitze, fächerten sich mit Taschentüchern Luft zu und suchten vergebens nach einem schattigen Plätzchen. Er überquerte eine schmale Straße, die etwas höher lag als der Strand, und stand vor einer halbhohen Mauer aus Natursteinen. In regelmäßigen Abständen von Stufen unterbrochen, die ihn einluden. Er stieg hinab und zog seine Sandalen aus. Warmer Sand zwischen den Zehen ermutigte ihn, weiterzugehen. Schneller jetzt. Der feuchte Streifen vor der Gischt, kühl und schmeichelnd. Weißer Schaum verschluckte Fabians Füße. Seine Augen gefesselt von azurblauem Wasser, das sich nahtlos an den Himmel knüpfte. Flirrender Sand vor schäumender Gischt. Ein zarter Wind richtete den feinen Flaum auf seiner Haut auf. Etwas löste sich in seiner Brust. Er nahm einen tiefen Atemzug salziger Luft. Ja, er konnte noch lächeln. Konnte noch spüren, dass er am Leben war.
Er wusste nicht so recht, in welche Richtung er sich wenden sollte. Von seinen Schulkumpanen war weit und breit nichts zu sehen. Nur die Segelboote zogen draußen über's Meer, wie an einer Schnur aufgereiht. Gemächlich und ruhig. Unter weißen Federwölkchen, die wie hingepustet wirkten. Fabian kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, um klarer sehen zu können. Ziellos und ohne Zeitgefühl schlenderte er weiter. Seine Füße spielten mit den Wellen, die sich mit dem Sand verpaarten. Möwen zogen zufrieden ihre Runden und blickten neugierig auf den einzigen Besucher hinunter.
Ohne zu wissen, wie weit er gegangen war, stieß er auf eine Landzunge. Sie ragte ein Stück ins Meer hinein. Strandflieder zierte in leuchtendem Lila den Sand, der hier gröber wurde. Fabians Schritte wurden schneller. Dieser sich wandelnde Küstenstreifen zog ihn magisch an. Aus Steinen wurden Felsbrocken, die aus einem Kliff herausgebrochen waren. Er lief um eine Biegung herum und blieb erstaunt stehen. Eine kleine Grotte im Felsen weckte seine Neugier. Fabian riskierte einen Blick hinein. Doch seine Augen konnten nichts Ungewöhnliches finden. An einem größeren Stein neben der Höhle ließ der Teenager sich nieder. Der Singsang des Meeres und die Hitze machten ihn schläfrig. Meer und Himmel verschmolzen miteinander, und die weißen Möwen rückten in weite Ferne. Er wehrte sich nicht dagegen, als seine Augenlider schwer wurden.
Liebes Tagebuch,
nie vergesse ich diesen Augenblick, als ich sie das erste Mal erblickte. Ein Engel in einem weißen Kleid. Statuenhaft im Gegenlicht der Sonne.
Er konnte später nicht sagen, wie lange er dort im Schlummer gesessen hatte. Als er zu sich kam, stand die Sonne bereits tief über dem rot gefärbten Meer und warf lange Schatten in den Sand. Er fröstelte und bemühte sich, das Strandnickerchen abzuschütteln. Der Junge rappelte sich auf, um aus dem Schatten wieder in das wärmende Licht zu gehen. Er beschloss, den Rückweg anzutreten.
Da sah er sie! Sie stand mit dem Rücken zu ihm und bis zu den Unterschenkeln im Wasser. Ihr Blick suchte das Meer, während sich ihr Körper im Takt des Windes wiegte. Fabian duckte sich hinter den Felsen, an dem er geruht hatte, und beobachtete sie. Die Frau war hochgewachsen und gertenschlank. Ihr blondes Haar fiel ihr in Wellen über die Schultern und wurde von einem großen weißen Hut gehalten. Das lange Kleid war so hauchdünn, dass der Wind deutlich ihre Silhouette abzeichnete und mehr verriet, als das Kleid zu verbergen vermochte. Gebannt schaute Fabian zu dieser Frau hinüber. Dann suchten seine Augen den Strand nach Gefährten ab. Doch niemand außer ihm und ihr waren hier. Warum war so eine schöne Frau ganz allein hier? Was suchte ihr Blick dort draußen am Horizont? Was gab es dort, was Fabian nicht sehen konnte?
Er beobachtete, wie sie mit einer grazilen Bewegung eine rote Rose hinaus auf das Meer warf. Dann stand sie wieder nur still da. Der Junge rührte sich nicht vom Fleck. Er spürte plötzlich ein Kribbeln in der Nase und konnte das darauffolgende ›Hatschi‹ nicht verhindern.
In diesem Moment wandte sich die Frau zu ihm um und kam langsam auf ihn zu. Der Junge zog den Kopf ein und wagte keinen Blick mehr. Er machte sich so klein wie es eben ging und kauerte im Sand, während er sich dicht an den Felsen drückte und den Atem anhielt. Hatte sie ihn bemerkt? Sie ging mit leichten Schritten in die Grotte hinein. Der Felsbrocken, hinter dem Fabian hockte, hatte ein kleines Loch, durch das Fabian sie beobachten konnte. Endlich sah er ihr Gesicht. Gebräunte Haut zog sich glatt über hohe Wangenknochen. Sie hatte eine schmale, sehr gerade Nase. Ihr Mund wurde von vollen Lippen eingerahmt. Ihr makelloser Hals ließ die Schönheit ihres nackten Körpers erahnen.
Fabian erwischte einen Blick in ihre wasserblauen Augen und vergaß beinahe, dass er sich vor ihr verbarg. Nie hatte er eine schönere Frau gesehen. Ein ihm fremdes Gefühl ergriff Besitz von ihm. Ein nervöses Kribbeln auf der Haut. Einen Herzschlag lang pures Staunen. Er wusste, dass ihm nicht nur von der Sonne heiß war. Die Frau hatte in der Höhle unter einem Stein ihr Handtuch und eine Strandtasche abgelegt. Sie griff danach, trocknete sich die Beine, schob das Handtuch in die Tasche und ging an ihm vorüber. Fabian wagte keine Bewegung. Sie schritt langsam aber beharrlich in Richtung Dorf. Sie schaute nicht zurück.
Sogleich fühlte Fabian Enttäuschung, gepaart mit einer großen Portion Erleichterung, dass er unbemerkt geblieben war. Er saß noch eine Weile dort im kühler werdenden Sand. Erst als die Dame in Weiß nur noch ein Punkt am Horizont war, rappelte er sich auf und machte sich auf den Heimweg.
Liebes Tagebuch,
ich habe die Tage mit dem Zählen der Stunden verbracht, bis wir nach anstrengenden Exkursionen am Abend in die Freizeit verabschiedet wurden. Nichts zog mich magischer an als Christelle.
Der nächste Tag brachte einen Ganztagesausflug nach Cannes. Alle 13 Mädels der Klasse schnatterten bereits beim Frühstück aufgeregt wie junge Hühner durcheinander. Sie hatten zu diesem Zeitpunkt schon zig-mal ihr Taschengeld gezählt und sich vorgeplappert, was sie von ihrem Geld alles kaufen würden. Alle erzählten sie von dem schönsten Ort der Region, obwohl noch keine von ihnen je dort gewesen war. Man geriet ins Schwärmen und überbot sich mit Beschreibungen, die man zu Hause vorsorglich im Internet recherchiert hatte. Die Jungs verfolgten ein anderes Ziel: die Töchter der Reichen und Schönen zu bestaunen, was ihnen sonst nur vor dem Fernseher möglich war.
Für Fabian zog sich der Ausflug endlos dahin. Seine Gedanken kreisten um den gestrigen Tag. Als die kleine Menschentraube sich in Bewegung setzte, um das Grab von Klaus Mann (dem Sohn des Dichters Thomas Mann) zu suchen, trottete Fabian lustlos hinterher. Seine Zeit steckte in einem verstopften Stundenglas fest. So fühlte er sich. Wieder einmal genötigt, an einem Ort zu sein, an dem er nicht bleiben wollte.
Nachdem die Klasse das Pflichtprogramm hinter sich gebracht hatte, ging es endlich zur berühmten Flaniermeile, dem ›Boulevard de la Croisette‹. Während die Jungs über die Wärme und müde Füße stöhnten, schwärmten die Mädchen in alle Richtungen davon. Seine Kumpels sah Fabian mit hochgekrempelten Ärmeln und dunklen Sonnenbrillen, Baggy-Jeans, die einen Blick auf ihre Unterhose frei gaben, und Baseballkappen von dannen ziehen. Er verlangsamte seine Schritte und suchte den nächsten Souvenirshop auf, um eine Ansichtskarte zu kaufen. Die würde er später an seine Mutter schreiben.
Obwohl die Promenade einiges zu bieten hatte, besorgte er sich nur noch zwei Kugeln Eis und schlenderte in Richtung Busparkplatz. Die kleine Rasenfläche dort reichte ihm, um sich auszuruhen. Immer wieder wanderten seine Augen auf die Armbanduhr. Die Rückfahrt war auf 17 Uhr festgesetzt, doch die Zeit war wie festgenagelt. Seine Gedanken liefen voraus zum Strand, zur Bucht. Ob sie heute auch dort war? Ob sie jeden Tag kam? Wohnte sie vielleicht in der Nähe? Oder gar im gleichen Dorf? Nein, eine solche Schönheit passte nicht in ein Fischerdorf. Wer war sie nur? Und warum schaffte er es nicht, seine Gedanken von ihr abzuwenden?
Der Teenager flitzte über die Uferstraße. Niemand hatte sein Verschwinden bemerkt. Er lief, so schnell er konnte, durch den noch warmen Sand Richtung Bucht. Er wünschte sich inständig, die schöne Frau wieder zu sehen. Doch was, wenn sie ihn bemerkte, bevor er sich verstecken konnte? Was tat er da überhaupt? Während sein Kopf noch zweifelte, liefen seine Beine weiter. Außer Atem erreichte er die Landzunge. Die Höhle lag bereits völlig im Schatten. Er drückte sich an den Steinen entlang, und da stand sie tatsächlich. Den Blick auf das Wasser gerichtet, wie gestern. Fabian war von Ehrgeiz gepackt, herausfinden, was diese Frau so beharrlich suchte. Er duckte sich wieder hinter den Felsen und beobachtete sie. Kaum hatte er sich dort niedergelassen, kam sie auch schon auf die Höhle zu. Sie ging zu ihren Sachen. Fast schon glaubte er, zu spät gekommen zu sein. Doch heute tat sie etwas, womit Fabian nicht gerechnet hatte. Zuerst trocknete sie ihre Beine, dann zog sie den breiten Hut vom Kopf. Sie schüttelte ihre blonde Mähne und sah in Fabians Richtung.
»Willst du mir nicht guten Abend sagen, statt dich hinter diesem Stein zu verstecken wie ein Dieb?«
Fabian setzte sich vor Schreck auf den Hintern. Sie hatte ihn also doch bemerkt. Er schluckte, nahm dann all seinen Mut zusammen und stand langsam auf. Jetzt war er es, der reglos dastand und keine Antwort wusste. Sie schaute ihn mit freundlichen Augen an und lächelte sanft. Er versuchte sein Glück.
»Sie sprechen deutsch. Woher wissen Sie, dass ich aus Deutschland komme?«
»Nun, ich habe heute Morgen dein Gesicht wiedererkannt, als eine Horde ziemlich lauter Teenager im Dorf in einen Bus stieg.
»Sie haben mich also gestern auch schon bemerkt?«
»Natürlich. Hier kommt sonst kaum jemand her. Und die wenigen Menschen, die das tun, kenne ich alle. Du gehörst nicht dazu.«
»Und woher wussten Sie, dass ich wiederkommen würde?«
»Oh, das wusste ich nicht. Aber ich habe deinen Blick im Rücken gespürt. Da war ich mir sicher, dass du der Junge von gestern bist.«
Jetzt schämte sich Fabian.
»Tut ... mir leid... ich wollte nicht ... spionieren. Ich hatte nur Langeweile und keine Lust auf meine Kumpels.«
Die Frau setzte sich in den Sand und tippte mit der Hand leicht auf den Boden. Wollte sie wirklich, dass er sich neben sie setzte? Er schluckte den Kloß im Hals hinunter und ging zögernd um den Felsen herum. Langsam ließ er sich neben ihr nieder. Seinen Blick hielt er gesenkt, legte die Hände in den Schoß und suchte nach den passenden Worten. Da fiel es ihm wieder ein.
»Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«
»Welche?«
»Ich sagte, Sie sprechen deutsch.«
»Das ist keine Frage, sondern eine Feststellung. Aber wenn du es wissen möchtest, meine Großeltern kamen aus Deutschland. Kriegsemigranten. Sie lebten hier draußen am Meer. Meine Großmama gab sich sehr viel Mühe, mir ihre Muttersprache beizubringen. Heute bin ich ihr dankbar. Es gibt hier im Sommer sehr viele deutsche Touristen.«
»Ja, ich bin einer von ihnen.« Was redete er nur für Mist. Ich bin einer von ihnen? Das weiß sie doch selbst! Er unternahm einen neuen Versuch ein sinnvolles Gespräch zu führen.
»Warum sind Sie hier? Ich meine, wie es aussieht jeden Tag, ganz allein, an derselben Stelle?«
»Ganz schön viele Fragen für eine so kurze Begegnung. Meinst du nicht?«
Fabian spürte die Röte, die über seine Wangen schoss. Er musste jetzt etwas Sinnvolles sagen. So sehr er sich auch mühte, seine Gedanken liefen ins Leere.
»Tut mir leid. Ich wollte nicht neugierig sein.«
»Du musst dich nicht entschuldigen. Ich kann verstehen, dass es einem Fremden seltsam erscheinen mag.«
Sie sah auf ihre Uhr und stand auf.
»Ich muss jetzt zurück. Auf dem Parkplatz wartet mein Chauffeur, um mich in mein Haus zu bringen.«
»Sie wohnen also hier? Ja … dann … vielleicht bis morgen?«
Die Frau lächelte und ging.
Fabian sah ihr lange nach. Er war fasziniert und glücklich zugleich. Er konnte sich mit ihr verständigen. Sie würde wiederkommen. Das war fantastisch. Morgen würde er es besser machen. Morgen würde er nicht so dummes Zeug reden und herum stammeln. Ja, morgen. Die Schöne war aus seinem Blickfeld verschwunden.
Fabian klopfte sich den Sand von der Hose und ging zurück zum Dorf. Ein Schmunzeln umgab seine Mundwinkel, als er Max entdeckte, der ihm aufgeregt entgegenlief.
»Wo bist du gewesen? Kunze dreht gleich durch. Er ist dabei, die Gendarmerie zu rufen.«
»Du übertreibst mal wieder.«
»Das war mein Ernst.«
»Dann sollte ich mich jetzt beeilen.« Fabian entschied sich dagegen, sich Sorgen zu machen. Er war glücklich. Das konnte ihm keiner nehmen. Er würde sich bei seinem Lehrer einfach entschuldigen.
»Wissen Sie eigentlich wie spät es ist, junger Mann?«
»Ehrlich gesagt, nein. Ich habe keine Uhr dabei.«
Kunze rümpfte die Nase. Er musste sich ein wenig auf die Zehenspitzen stellen, um dichter an Fabians Gesicht heran zu kommen. Der Lehrer versuchte eine drohende Miene. Heraus kam dabei eher eine alberne Fratze.
»Wo sind Sie gewesen?«
»Keine Sorge, Herr Kunze, ich habe nichts getrunken, ich habe nicht geraucht und es gibt auch sonst nichts Aufregendes zu berichten. Ich war spazieren, sonst nichts.«
»Das soll ich Ihnen glauben?«
»Ja.«
Kunze musterte Fabian ganz genau. Er suchte nach einem Hinweis in seinen Augen, schnupperte an ihm und fand nichts.
»Warum grinsen Sie so? Wollen sie mir vielleicht doch etwas sagen?«
»Ich habe es bereits erklärt. Ich war spazieren.«
»Hmm, zischen Sie ab. Ich behalte Sie im Auge. Nur damit Sie es wissen.«
Kunze hatte nie einen Draht zu diesem Schüler gefunden. Er war einfach zu verstockt.
Fabian verabschiedete sich und ging. Da tauchte Max an seiner Seite auf.
»He, Alter, mir kannst du es sagen.«
»Was denn?«
