Das Blaue Wunder - Daniel Reiff - E-Book

Das Blaue Wunder E-Book

Daniel Reiff

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Beschreibung

Farbenfroh zeichnet Daniel Reiff in dieser positiven Utopie den Verfall unserer bekannten Welt und das Entstehen einer neuen, viel schöneren. Sommersprossen breiten sich auf der Erde aus und bedrohen das Überleben unserer Spezies. Kann der Indianerschamane Osario das noch verhindern? Die Blumenverkäuferin Karina möchte indessen dem drohenden Chaos in Deutschland entfliehen. Sie besucht den Weltenbummler Dave auf den Kanaren und sie verlieben sich. »Geile Scheiße, geht das ab hier!«, sagte Dave euphorisch. »Prost Karina!« Eine Gute-Laune-Kur mit Tiefgang. Packend, witzig und romantisch. Ein Hoch auf die Liebe!

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Seitenzahl: 268

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

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Epilog

Prolog

Das Siegel war gebrochen. Die Chefstrategen unserer Milchstraße waren wegen der großen Scheiße, die bei den Menschen herrschte, ratlos geworden. In den unermesslichen Weiten des Nirwanas konnten sie das Schmerzensgeschrei und Wehklagen der gequälten Kreaturen vom Planeten Erde nicht mehr länger ertragen und baten das allumfassende Brahman um Hilfe.

Das Brahman empfahl ihnen Umbamal, den weisesten Gott unter ihnen, der bereits viele Ewigkeiten alt war und sich mit so etwas auskannte.

Umbamal weilte gerade oben im Barbelo auf dem Sonnendeck, als sie ihn riefen. Umgeben vom zartgoldenen Flackern der Atmosphäre ließ er sich's gutgehen und summte zufrieden vor sich hin. Umbamal war die Güte in Person und hatte stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Götter, die in den zahllosen Universen, Galaxien und Sonnensystemen lebten. Ewigkeit für Ewigkeit zogen sie an ihm vorbei - sie entstanden und vergingen.

Umbamal sagte ihnen seine Hilfe zu und wollte, wie es in solch einem Fall üblich war, gleich unser komplettes Sonnensystem mit einer Supernova auslöschen - hier war schon zu viel abstoßendes und für die restliche Schöpfung nicht mehr länger mit anzusehendes Elend hervorgebracht worden.

Auf seinem Weg zur Erde kam Umbamal jedoch in einem viele Lichtjahre entfernten Sonnensystem voller Harmonie und Frieden bei Jinama vorbei. Dieser kleine Umweg hatte schicksalhafte Folgen für uns alle, die im folgenden beschrieben werden sollen. Jinama war eine blaue Sonnenfrau von unglaublicher Liebe und Strahlkraft, die eine besondere Sympathie für die weit entfernt lebenden Menschen hegte.

Mit ihrer Liebe zog sie den alten Umbamal sofort in ihren Bann und wie das Leben so spielt, war es schnell um die beiden geschehen und wir befinden uns mitten am Anfang dieses Buches, denn wer den Anfang kennt, der kennt auch das Ende.

1.

Der Baron Horst Roland von Kappenberg hatte sie bereits. Doch gierig wie er war, bemerkte er sie nicht. Mit seinem Imperium aus Fernsehsendern, Mobilfunkanbietern und vielschichtig verflochtenen Mediengruppen war er ausnahmslos damit beschäftigt, Geld und Gewinn anzuhäufen und dann ins Ausland zu schaffen. Er war seit über zwanzig Jahren auf der Überholspur und wollte noch immer hoch hinaus.

Er war ein auf Erfolg getrimmter Spross aus vornehmen Haus, stilecht mit Adelstitel und Dienerschaft - altbayerisch, unternehmerisch und gruselig kalt. Er gab zeitlebens Vollgas und keiner wusste, woher jener überdimensionale Antrieb überhaupt kam. Zuerst baute er das bestehende Transportunternehmen der Familie deutschlandweit aus und so gab es bald keine Autobahn mehr, auf der nicht ein dicker LKW mit seinem neongelben Werbeslogan »Kappenberg, wir fahren für Deutschland!« vor einem herfuhr und die Luft verdreckte. Gleichzeitig erkannte er sehr früh die neue Medienwelle auf die Welt hereinbrechen und stattete mit einer Mobiltelefon-Firma auffallend visionär, zuerst München und dann den kompletten Freistaat Bayern mit Funkmasten und Handyantennen aus. So wurde er zum Primus in der Handybranche. Danach gründete er den ersten deutschen Privatfernsehsender überhaupt, RTV, und ging an die Börse. Sein roter Porsche war lange Zeit das Adrenalin und Aushängeschild Münchens.

Seiner Frau Rosa gefiel der Titel einer Baronin und ihre Gier nach Luxus und Ansehen kam mit ihm ganz und gar auf ihre Kosten. Die von Kappenbergs waren unersättlich. Sie luden die Reichen und Mächtigen ein und feierten wilde Orgien, die bald in aller Munde waren. Die Prominenz aus Adel, Showbusiness, Politik und Wirtschaft ging bei ihnen in Bogenhausen alsbald ein und aus. Über dem Eingangstor seiner Villa thronte das alte Familienwappen - ein röhrender Hirsch mit einem roten Kreuz zwischen dem Geweih. Das Anwesen verfügte über einen luxuriösen Gästebereich samt Hubschrauberlandeplatz und wurde von einer Sicherheitsfirma rund um die Uhr bewacht. Von Kappenberg spielte in einer scharfen Liga. Reibungslos liefen von dort aus die Geldflüge in die Schweiz und nach Liechtenstein ab. Der Baron betrieb kompromissloses Management, traf geheime Absprachen, schmierte Politiker und fuhr gepanzerte Limousinen. Die neuen Medien, gerade frisch geboren, dröhnten und ballerten begierig mit, denn eine neue Ära war gerade geboren, das digitale Computer-, und Medienzeitalter war da und der Baron aus München war ihr Dealer. Er gab ihnen jahrelang den Stoff, den sie brauchten. Die Handys, das Internet, das Wifi, Privatfernsehen, Börsenkurse, alles frei Haus, immer und überall. Anfangs angelte er sich die Menschen noch unschuldig mit seinen kostenlosen Klingeltönen, später schickte er ihnen die Pornos ins Haus. Das BKA in Wiesbaden und die NSA in Bad Albig spannten genauso mit, wie alle anderen auch.

Doch jetzt war es spät in der Nacht und er hatte sie. Unauffällig und klein, ja fast niedlich. Doch sie waren so sonderbar, dass es der Chefsekretärin seiner einflussreichen Media Solutions Zentrale, Simone Schwab, 38, schlagartig übel wurde und sie einen heftigen Brechreiz in der Magengrube verspürte, als sie die zartbraunen Punkte zum ersten Mal sah. Der Baron hatte über Nacht Sommersprossen bekommen.

Wie gewöhnlich bumste er sie dort oben, wenn er nicht mehr nach Hause fuhr. Das oberste, sechste Stockwerk seiner verglasten Hauptfiliale im Zentrum Münchens war sein Hoheitsbereich und strahlte Macht, Moderne und Erfolg aus. Dort war er der Boss und die Manifestation eines Machers. Simone tat generell, was er wollte. Eben das alte, über Jahrhunderte eingespielte Ritual und Rollenspiel der Frau, unten zu sein, zu dienen und gefügig zu sein. Hauptsache, der Mann bekam seinen Willen. Dem Baron ging es darum, die Frauen in seinem Leben unten zu halten und sie zu unterwerfen. Wehe, wenn sie nicht parierten, dann gab es die Peitsche.

Simone gefielen hingegen die üppigen Geschenke, die sie dafür bekam. Diamanten funkelten an ihren Ohren. Ihr Apartment war zur Hälfte abbezahlt und auf ihr schwarzes Mazda-Cabriolet, mit ordentlich Dampf unter der Haube, wollte sie nicht mehr verzichten. Das regelmäßige Gehalt, hier und da ein Blankoscheck, ihr fester Arbeitsvertrag, die Spesen für die Geschäftsreisen und sonstigen Vergütungen wogen für sie Vieles auf. Ihre blindes Gehorchen empfand sie mitunter als mystisch und sie genoss den Sex generell sehr. Nur die fortdauernden Grobheiten des Barons irritierten sie. Büro, Manager, Konferenzen, Café-Bars, Beauty, Wellness, Aerobic, und High Society waren ihre Welt. Sie ließ sich regelmäßig sugarn, samt Pofalte, damit sie auch immer sauber und gefällig war und gut roch.

Der Baron wälzte gerade seine Nase in ihren vollen Brüsten, als sie die Punkte zum ersten Mal sah. Simone Schwab erblickte die Sommersprossen nur ganz kurz und riss erschrocken die Augen auf. Was war das?! Urplötzlich war ihr speiübel. Da spritzte der Baron ab, doch Simone war nicht mehr da. Sie befand sich in einer Spalte aus Raum und Zeit, bevor sie sich unter ihm heraus wühlte, zur Toilette stürmte und sich in einem Schwall übergab. Sie würgte und röchelte die Überreste ihres Mageninhaltes heraus und blickte kreidebleich in den Spiegel. Was war das bloß? Noch immer hatte sie die braunen Pünktchen vor Augen. Ihr Kreislauf schwankte.

2.

»Bum, Bum, Bum, Bum...«, fielen zur gleichen Zeit in New Mexiko, Nordamerika, die Trommelschläge aus der Hand des Schamanen auf seine mächtig Rahmentrommel aus getrocknetem Hirschfell nieder und ließen sie vibrieren. Der Mann, er hieß Osario, war in Trance.

»Ni nanja hey Ah wa, Ni nanja hey Ah wa, Ni nanja hey Ah wa...«, sang er mit monotoner Stimme und verwob sie mit dem schnellen und lauten Rhythmus der Trommel.

»Bum, Bum, Bum, Bum...«

Das runde Zelt war in dicke Rauchschwaden gehüllt. Es roch nach Tabak, Zedernholz und Salbei. Auf einem kleinen Eisenherd, der in dem behaglichen Wigwam die Energie des Feuers verbreitete, stand ein Sud aus Birkenrinde, Beifuß, Schafsmilch, Ahornsirup und Mimosengewächsen. Leise schlängelte sich eine Rauchfahne aus dem Ofenrohr in die klare Bergluft New Mexikos empor. Drinnen saß ihm eine junge Indianerin gegenüber. Sie stand unter Schock. Dicke Tränen liefen ihr die Wangen hinab. Ihr Name war Rianna und sie hatte rabenschwarzes Haar, das ihr in einem langen Zopf über die Jeansjacke fiel. Dazu trug sie traditionellen Silberschmuck mit Türkisen und roten Korallen. Wie Osario gehörte auch sie dem Stamm der Apoixol-Indianer an und arbeitete im Mountain Feather Casino, das eine sprudelnde Einnahmequelle für ihr Volk darstellte, da in ihrem Reservat Steuerfreiheit galt und die reichen Amis dort ihrem Spielwahn frönten und massenhaft schwere Dollars zurück ließen. Rianna arbeitete im Service. Tags zuvor war ein übel aussehender Mexikaner mit zwei Gefährten angereist und hatte schnell ein Auge auf sie geworfen. Rianna fiel gleich seine kalte Ausstrahlung auf, von jener Sorte gab es im Casino genügend. Er war reich, besaß in Mexiko eine Supermarktfiliale und handelte mit teuren Autos. Der Mexikaner hatte dünne Finger, einen ebenso dünnen Oberlippenbart und Sommersprossen auf seinem blassen, durch Akne vernarbten Gesicht. Am Abend lud er sie dann zum Essen auf indianisches Hasengulasch ein. Rianna sagte zu, neugierig wie sie war, und sie speisten vornehm. Es kam, wie es kommen musste, und er lud sie auf seine Suite ein. Dort zeigte er ihr prahlerisch die Fotos seiner weitläufigen Ranch und die schmierigen Finger seiner dünnen Hand griffen bereits lüstern nach ihr. Da klopfte es plötzlich an der Tür und seine zwei betrunkenen Gefährten kamen lallend in die Suite herein gestolpert und sahen sie überrascht an. Der Mexikaner lachte jetzt böse. Riannas Herz schlug hart und laut gegen ihre Brust, Adrenalin schoss ihr ins Blut. Schnell weg! Er hielt sie grob am Handgelenk fest und sah sie geistesgestört an. Ihr stockte der Atem. Obszön wollten alle drei ihren Spaß mit ihr haben.

»Du kleine Dreckshure!«, raunte er ihr unvermittelt ins Ohr und schlug ihr ins Gesicht. Rianna riss sich aber los und stürmte an den Betrunkenen vorbei. Bloß raus hier! Vulgär lachten ihr die Männer hinterher. Schluchzend rannte sie davon. Zu Hause stellte sie sich erst einmal unter die heiße Dusche und dankte Manitu, dass ihr nicht mehr passiert war. Danach verkroch sie sich unter ihre Decke und zog die Knie ganz eng an sich. In der Nacht hatte sie einen Alptraum. Der grässliche Mann mit dem fiesen Gesicht sagte, dass er dem Tod geweiht war. Er packte sie und wollte sie mit sich in die tiefste Hölle reißen. Dabei lachte er verrückt. Rianna wehrte sich. Als es ihr schließlich gelang, sich loszureißen, wachte sie schweißgebadet auf.

Nach ihrem Morgenkaffee brach sie von der Ranch ihres Vaters auf und fuhr zu Osario, dem Schamanen und langjährigen Freund ihrer Familie, in die Mesa hinaus. Der alte Mann hörte ihr aufmerksam zu. Der Alptraum hatte ihn stutzig gemacht. Kurz darauf begann Osario mit der althergebrachten Zeremonie. Er zündete ein Bündel Salbei an und räucherte von oben nach unten die Frau ab. Damit es besser qualmte, fächerte er mit dem Flügel einer Eule. Dann flößte er ihr Abatonga-Tee, den heiligen Pflanzentrank der Apoixol-Indianer ein und ermahnte sie: »Rianna, sprich das Gebet, und es wird wieder rein werden, was verschmutzt worden ist!«

»Welo welo han yaya, Welo welo han yaya«, sang er.

»Welo welo han yaya«, stieg Rianna mit ihrer ruhigen Stimme ein.

»Welo welo han yaya«, sang sie. »Welo welo han yaya. Großer Geist, bitte mach mich wieder rein. Großer Geist, bitte mach mich wieder rein.«

Rianna lauschte dem vertrauten Klang der Trommel und erreichte den Punkt ihrer Gesundung, als plötzlich ein schriller Pfiff ertönte und ein lichtvoller Adler aus der Luft herab geschossen kam. Er umkreiste sie dreimal und landete direkt auf ihrer Brust. Der Greif krallte sich in ihrer Jeansjacke fest und zog mit seinem Schnabel einen Wurm aus ihrem Herzen. Dann schwang er abermals seine mächtigen Schwingen, stieg in den Himmel hinauf und flog über die Berge davon.

3.

Zu jener Stunde saß Dave Wagner in Jordanien und entfachte ein Feuer. Es war tiefschwarze Nacht. Laut knisterten die Flammen und brannten das dürre Reisig nieder, das er unter den spärlichen Büschen gesammelt hatte. Der heiße Schein der Flammen erhellte sein Gesicht. Dave hatte dunkelblonde Locken und eine Narbe am Kinn. Sein Blick schweifte in die Ferne und er dehnte sich in die volle Breite des Tales aus. Er spürte die dunkle und überaus mächtige Ruhe, die still und lebendig zwischen den massiven Bergflanken lag. Über seinem Haupt funkelten Myriaden von Sternen. Das Lagerfeuer wärmte ihn und ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Er würde Edeltraud, seiner Verlegerin, einen aufpolierten Reisebericht über das »Wadi Rum«, das Tal der hohen Berge in Jordanien, wo er gerade war, und die Ägypten-Tour schreiben, seinen Scheck einkassieren und kein Sterbenswörtchen über die kleine Quelle verlieren, neben der er gerade kampierte. In einer kleinen Steingrotte am Fuß jenes Felsmassives tropfte seit Jahrtausenden kostbares Nass aus der mit Moos bewachsenen Decke herab und füllte ein uraltes Becken, das von Hand in den Stein gehauen war. Somit gab es dort Wasser in der Wüste. Dave war Reisejournalist und verdiente sein Geld mit der Schönheit der Welt. Am Morgen würde er mit den Beduinen sprechen, Fotos schießen und Kameltrips organisieren, das Übliche eben. Inschallah, so Gott will, werde ich diese gebeutelte Region bald hinter mir lassen und auf Ali und Beas Hochzeit in Köln aufschlagen und mal wieder richtig feiern! In jener Nacht schlief er gut und die Mücken ließen ihn auch in Ruhe.

4.

Nebenan, in Israel, tobte nämlich der Krieg. Im Gazastreifen rollten Panzer wie Kellerasseln durch die Straßen. Nachts flogen Raketen wie Giftpfeile der Teufel durch den Himmel und schlugen in den öden Wohnsiedlungen der Palästinenser ein. Stundenlang heulten dann die Sirenen. Zwei Wochen ging das Ganze schon und die Menschen waren verzweifelt. Zu hart waren die Detonationen, wenn wieder eine Rakete nieder ging und der Boden unter ihren Füßen bebte, als dass sie es länger ignorieren konnten. Aufgebrachte Männer mit struppigem Haar beschwerten sich, Hände fuchtelnd, über das großes Unglück, das über sie hereingebrochen war. Sie weinten in die Kameras und flehten die Außenwelt um Hilfe an. Alle hatten Tote und Verwundete zu beklagen.

Doch unnachgiebig und verrückt war der Widerstand der Hamas und ihrer Unterstützer. Ben Mirat, der israelische Premierminister, wollte sie endgültig auslöschen. Palästina wurde in Schutt und Asche gelegt. Als Auslöser des Krieges war in Jerusalem ein jüdischer Schüler bei lebendigem Leibe verbrannt worden. Als Rache waren dafür zwei arabische Mädchen zerstückelt und getötet worden. Hass und Vergeltung, Auge um Auge, bis alle blind waren, war das Motto. Die alten Testamentarier trieben den glutheißen Hass aus der Hölle auf die Erdoberfläche herauf, ließen ihn im Heiligen Land frei umher marschieren und weideten ihn großzügig.

Die Weltöffentlichkeit war entsetzt, doch wie so oft gelähmt und ohne Kraft. Sie brachte ein paar hilflose Appelle zustande, mehr aber nicht. Seit Tagen waren die örtlichen Krankenhäuser überfüllt und es gab keine Blutreserven mehr. Verbissen feuerte die Hamas, aus ihren geheimen Ritzen, ihre wackeligen Scuds auf Israel ab. Überall weinten Menschen, die Alten, die Mütter, die Väter und vor allem die Kinder, alle weinten sie. Traumatisierte Kinder kletterten verwirrt über die Trümmerreste ihrer ehemaligen Häuser und nässten nachts vor Angst in ihre Betten. Zerstörung und Tod suchten die Menschen in Palästina heim. Sie wurden nicht gezielt beschossen, aber auch nicht verschont, wenn ein israelischer Armeetrupp los preschte und einen Hamas-Kämpfer durch die Straßen jagte.

Simone Schwab sah dies gebannt auf dem drei Meter breiten Bildschirm, der an der Wand ihres modernen Großraumbüros in der Münchener Media Solutions Zentrale hing. Zur Mittagspause versammelte sich dort immer ihre Crew, um die Nachrichten zu verfolgen.

Das Fernsehen brachte gerade die groß und breit angekündigte Pressekonferenz. Der jüdische Premierminister Ben Mirat wollte seinen Krieg rechtfertigen, die Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus bekanntgeben und ausführlich auf die Fragen der aufgebrachten Journalisten eingehen, denn die Unterstützung für seinen Krieg schwand, auch im eigenen Volk. Nachdem sein Verteidigungsminister Kriegsbilanz gezogen hatte, war er an der Reihe. Geschickt wartete der Premierminister die Reaktionen auf seinen Vorredner ab, bis wieder Ruhe im Saal eingekehrt war und sich die Kameras auf ihn konzentrierten. Bedeutungsschwer erhob er sich von seinem Stuhl und ging auf das Rednerpult zu. Millionen Zuschauer sahen live im Fernsehen, wie der Politiker nach wenigen Schritten in der Mitte des Saales innehielt, plötzlich strauchelte und zusammenbrach. Wie eine Marionette, der man mit einer Schere die Seile durchgeschnitten hatte. Zack, und der Premierminister lag vor den Journalisten auf dem Boden. Panik brach aus, die Menschen schrien und das Blitzlichtgewitter der Fotografen explodierte förmlich - alles war live.

»Was ist denn da los?«, fragten die Zuschauer.

Die Bodyguards zogen ihre Pistolen, rannten zum Premierminister, checkten seinen Puls und schirmten ihn ab. Sie forderten den Notarzt an und sicherten die Ausgänge, während die Kameras munter weiter filmten und die Bilder ins Fernsehen strahlten. Das Geschrei wurde nun hysterisch und laut, bis nach wenigen Minuten die Sanitäter erschienen und sich um Ben Mirat kümmerten, der mit seinem schütteren Haar noch immer regungslos am Boden lag. Rasch stellten sie aber nur noch den Tod des Politikers fest. Sie konnten keinerlei Anzeichen für ein Attentat oder Gewaltverbrechen erkennen und die Lage beruhigte sich. Simone tippte auf einen Schlaganfall und schüttelte sich vor dem Bildschirm.

»Oh mein Gott!«, stöhnte sie. »Der stirbt da vor laufenden Kameras, mitten im Krieg!«

Noch einmal blendete das Fernsehen eine Nahaufnahme vom Gesicht des Toten ein und Simone entfuhr ein schriller Schrei. Sie war entsetzt. Sie hatte Punkte auf Ben Mirats rechter Stirn gesehen, die gleichen, wie bei ihrem Chef auch, als es ihr am Vorabend so übel wurde und sie sich direkt übergeben musste.

5.

Karina Wollnschläger war gerade dabei, Blätter und Zierfarne an einem Beerdigungsgebinde anzubringen, als die Glocke in ihrem Kölner Blumenladen läutete, »Ding-Dong«, und es kam ein gut aussehender Mann um die vierzig herein.

»Grüß Gott«, sagte er.

»Grüß Gottchen auch. Womit kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie.

Verdutzt sah sie der Kunde an und bestellte einen Blumenstrauß für die Hochzeit seines Freundes. Dave hatte Ali und Bea aus dem Bazar von Amman ein arabisches Teeservice mitgebracht, doch er wollte nicht ohne Blumenstrauß auftauchen.

Die Blumenverkäuferin war eine seltene Augenweide. Ihre ruhigen, grünen Augen wurden von einem freundlichen Lächeln umspielt, zudem war sie voller Sommersprossen, die sich auf ihrem jungen Gesicht wohlzufühlen schienen. Sie trug ein schwarzes Top und hatte ein farbiges Rosen-Tattoo, das sich um ihr Handgelenk und ihren Handrücken wand. Eine Bauch lange Löwenmähne umrandete ihr Gesicht. Wow, ist die schön! Dave hatte lange keine so attraktive Frau mehr gesehen, wie jene.

»Oh, einen Hochzeitsstrauß«, sagte sie. »Kein Problem. Wir haben rote Rosen, die passen immer. Gespickt mit ein paar weißen dazu, vielleicht noch ein paar fröhliche Tulpen dazwischen. Was meinen Sie?«

Dave war baff. Zu seiner Überraschung war sie auch noch gesprächig.

»Sehr gut«, sagte er. »Ganz, wie Sie meinen. Bunt, mit Rosen, und genial, wenn das dann auch noch duftet.«

»Das dauert ungefähr eine halbe Stunde. Möchten Sie solange hier warten? Ich kann Ihnen in der Zwischenzeit eine Tasse Tee anbieten, wenn Sie möchten. Der hilft in dieser kalten Jahreszeit.«

»Ja«, sagte er. »Da warte ich gerne. Mir ist es auch viel zu kalt hier. Ich lebe normal auf den Kanaren, dort ist es wesentlich wärmer.«

Ah, der ist ja nett. Von den Kanaren hatte Karina schon gehört. Die lagen gleich neben Afrika im Atlantik und waren das ganze Jahr über angenehm warm.

»Da muss ich Ihnen recht geben. Hier ist es wirklich zu kalt, besonders im Winter«, sagte sie.

Eine seltsame Traurigkeit legte sich auf ihr Gesicht.

»Oh je, ist die schön!«, dachte Dave noch, dann war es um ihn auch schon geschehen. Seine Spiegelneuronen blitzten auf und die Schmetterlinge in seinem Bauch flogen aus. Jener liebevollen Traurigkeit konnte er nichts mehr hinzufügen oder entgegensetzten, denn sie war in tiefer Resonanz zu der seinen. Wie gewohnt tönte er los und erzählte ihr von seinem Job mit den Reiseberichten, von den Kanarischen Inseln und seinem Häuschen mitten im Atlantik. Ihm war es immer wohl ums Herz, wenn er von seinem Leben erzählte, auch wenn ihn die neue Einsamkeit oft schmerzte und er sich nach seiner Tochter Noellja, die seit einem Jahr mit ihrer Mutter in der Schweiz lebte, und einer neuen Frau an seiner Seite, in seinem Bett und seinem Leben sehnte.

»Ich heiße übrigens Dave«, sagte er und reichte ihr die Hand.

»Karina«, erwiderte sie.

Das war herzlich. Wärme floss aus ihrer Hand in die seine. Die beiden grinsten sich an und freuten sich auf eine neue Bekanntschaft.

»Lecker«, lobte er den Tee.

»Ja, oder? Griechischer Bergtee aus den Wäldern rund um den Olymp. Aus echter Wildsammlung.«

»Hm, das riecht man.«

Dave sah sich entspannt in ihrem Laden um. Überall waren Pflanzen. Es standen Gladiolen, Efeu, Stockrosen, Palmen, Tulpen, Nelken, Rosen und Farne in Töpfen, Vasen und Pflanzkübeln herum. Sie ruhten zu dutzenden in Eimern und Wasserwannen und gaben dem Ganzen seinen Flair. Es roch feucht und erdig. Das Licht war mild gebrochen und kam aus der breiten Glasfront von der Straßenseite herein. Die Mitte des Ladens war der große Bindetresen neben der Kasse, wo die Sträuße geflochten, gebunden und geschnitten wurden. Drumherum lagen verschiedene Messern, Scheren und Packpapiere, darunter stand die Komposttonne mit den Abschnitten. Sogar an den Wänden rankten die Blüten verschiedener Jasmine und Trichterwinden empor. Weiß, violett, gelb und blau. Eine schöne Baustelle, lebendig und kreativ. Und nicht stressig oder schwer.

Karina wirkte mit ihrer wallenden Mähne, dem Rosen-Tattoo und der grünen Schürze sehr sicher und ruhig und verlieh dem Laden Schönheit und Anmut. Da hielt sie ihm frische Duftrosen vor die Nase.

»Riech' mal!«, forderte sie ihn auf. «Sind die nicht herrlich?« Dave sog das Blütenaroma ein.

»Frisch aus dem Iran«, sagte sie, »meine Lieblingssorte«.

Dann begann sie mit dem Binden des Straußes. Dave machte es sich auf einer kitschigen Gartenbank in der Ecke des Ladens bequem, trank seinen Tee und sah ihr zu.

»Möchtest du heute Abend mit zur Hochzeit kommen?«, fragte er spontan. »Wir könnten uns schön den Bauch vollschlagen und dann ordentlich abtanzen. Ali ist ein lebenslustiger Mensch, das wird bestimmt eine coole Party.«

Dave war über seine forsche Art überrascht.

»Oh, das ist ja eine tolle Idee«, sagte Karina. »Ich war lange nicht mehr aus. Vielleicht komme ich mit.«

Karina lächelte. Jetzt wurde es ihr warm ums Herz. Jener Dave gefiel ihr, wie er so salopp mit seinen tiefblauen Augen hereinkam und nach einem Hochzeitsstrauß fragte. Die Duftrosen mochte er ebenfalls. Sie widmete sich nun ganz dem Hochzeitsstrauß und hatte eine Freude dabei, wie lange nicht mehr und summte vor sich hin. Dave schmunzelte, das machte sie ihm nur noch sympathischer. Auch er trällerte oft tagelang den gleichen Ohrwurm vor sich hin - sehr zum Leidwesen seiner Freunde. Die irischen Liebesballaden, die aus Karinas Stereoanlage durch den Blumenladen tönten, vermengten sich mit ihren ruhigen und gekonnten Bewegungen beim Blumenbinden, dem Lärm draußen auf der Straße und seinen neugierigen Blicken, die ihr gebannt folgten. Dann war es soweit und sie hielt ihm den feudalen Strauß vor die Nase.

»Et voilà!«, sagte sie. »Er ist fertig.«

»Wow, wirklich nicht schlecht! Geradezu herrlich«, sagte er und steckte seine Nase hinein. Süßes Rosenaroma durchdrang seinen Kopf.

»Hm, und so ein toller Duft!«

Karina wickelte den Strauß in weinrotes Geschenkpapier und lächelte.

»42,80 €«, sagte sie.

Das war ein stolzer Preis, wie Dave fand. Wortlos legte er das Geld auf den Tisch.

»Die offizielle Prozedur auf dem Standesamt samt Ehevertrag und Urkunde beginnt um eins«, sagte er. »Die Party hingegen steigt heute Abend. Wenn du Lust hast, würde ich dich so gegen sieben abholen und dir das Brautpaar vorstellen. Dann könnten wir feiern. Wäre das eine Möglichkeit für dich?«, fragte er.

»Ja, okay!«, sagte sie. »Einverstanden. Das könnte doch hübsch werden, ein bisschen Bewegung schadet nie. Dann bis um sieben. Ich wohne gleich hier über dem Laden, die Tür neben dem Eingang. Karina Wollnschläger steht auf der Klingel«.

Sie mochte ihn und freute sich auf ein wenig Abwechslung. Lustig würde es bestimmt werden. Karina kannte sogar die Location, wo die Hochzeitsparty stattfinden sollte. Es war die alte Tabakfabrik hinter den Gleisen, die jetzt in ein modernes Multikulti-Projekt umgebaut wurde, den Roller.

6.

Alwin Reeter grübelte. Er kraulte angespannt an seinem Kinn und zog die Augenbrauen nach oben. Das war ungewöhnlich für ihn, denn er war immer ein Einser-Schüler, Summa cum laude und Top of the Top gewesen. Jedermann sah es sofort - er war ein Engel. Hochgewachsen, weich und feminin, mit blonden Löckchen auf seinem immer noch jugendlichen Gesicht. Dazu schützte ihn seine ungeheure Intelligenz. Man ließ ihn einfach in Ruhe, denn er war ein Genie.

Mittlerweile war er der Vorstandsvorsitzende der Spreeklinik, einem hochmodernen Krankenhauskomplex für Forschung, Lehre und Medizin mitten im Herzen von Berlin. 2013, 2014 und 2015 wurde die Spreeklinik drei Mal in Folge zur besten Klinik Deutschlands gewählt. Sie war groß und ausufernd. Mit den modernsten Instrumenten ausgestattet, sah sie in manchen Gebäudetrakten mehr, wie ein futuristisches Raumschiff, als wie ein Krankenhaus aus. Dort gaben sich die führenden Mediziner aus aller Welt die Klinke in die Hand zogen ihre endlosen Kreise. Der Professor Dr. med. Alwin Reeter war zudem ihr Aushängeschild. Neun Jahre lang war er Direktor der neurochirurgischen Abteilung gewesen. Seine sichere Hand, sein kühler Kopf, in Verbindung mit seinem reinen Herzen und dem umfassenden Verständnis des menschlichen Körpers, hatten bereits viele hundert Menschenleben gerettet. Stars und Prominente aus aller Welt kamen in die Spreeklinik, um sich bei ihm unter´s Messer zu legen und sich ihre Tumore wegoperieren zu lassen. Seit dem Sommer war er nun der ganz große Chef hier. Die oberste Gesundheitsbehörde der BRD hatte ihn um die Aufklärung von vier bizarren Todesfälle gebeten, deren Todesursache stets in einem Grüppchen Sommersprossen lag. Es bestand der Verdacht, dass es sich um eine neue Form eines malignem Hautkrebses handeln könnte. Streng vertraulich wurden ihm die vier deutschen Leichen zur Biopsie in die Spreeklinik geliefert. Der Professor sollte mit seinen Kollegen herausfinden, woran die Personen starben und was es mit den Sommersprossen auf sich hatte. Er sah sich nachträglich die Bilder aus Tel Aviv im Fernsehen an und war selbst überrascht, wie der israelische Ministerpräsident so plötzlich zusammenbrach. Alwin Reeter hatte ein Team aus seinen besten Pathologen, Biochemikern und Assistenzärzten zusammengestellt und sich sofort an die Entschlüsselung jener merkwürdigen Todesfälle gemacht. Er fühlte sich in seinem Element. Die Suche in der Tiefe des menschlichen Kopfes spornte ihn an. Er wusste, hier konnte er den Menschen weiterhelfen und es hatten sich alle im Team hochmotiviert an die Arbeit gemacht. Für sie gab es etwas Neues zu entdecken und zu erklären. Und wie so oft ging es in ihrem Beruf um Leben und Tod.

7.

Kim schulterte seine schwere Kalaschnikow und sie pirschten sich in der Dunkelheit an das Dorf Tepekorda heran. Dort sollten sich die Widerstandskämpfer der Zugi aufhalten. Die Anführer der Kuakana wollten ganz Süd-Rualla wieder unter ihre Kontrolle bringen und sich für die grausamen Morde der Zugi an ihren Stammesangehörigen rächen.

Schon kam das Angriffskommando und die mit MGs und Soldaten beladenen Jeeps rasten los und preschten mit ihrer tödlichen Fracht ins schlafende Dorf der Zugi hinein und begannen ein wildes Gemetzel. Kim und seine Freunde waren von Rafik, ihrem Aufseher, in Position gebracht worden. Sie mussten alle erschießen, die aus dem Dorf zu entkommen versuchten. Hauptsächlich bewaffnete Männer, doch auch die Frauen und Kinder sollten nicht verschont werden. Schon war das Gefecht in vollem Gang und Schüsse hagelten durch die Nacht. Menschen schrien, Hunde bellten und die Hühnervögel kreischten wie wild. Alles wurde vom lauten Hämmern, Brettern und Rattern der Maschinengewehre übertönt. Die MG-Salven von den Dächern der drei Jeeps waren gnadenlos. Alles im Umkreis von fünfhundert Metern wurde einfach vollkommen platt gemacht. Kim hatte mehrfach mitangesehen, wie so ein Überfall bei Nacht aussah. Der Stoßtrupp hatte die gegnerischen Rebellen ausfindig gemacht und diese flohen wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen aus dem Dorf und kamen direkt auf Kim und seinen Trupp zu gerannt. In ihre tödliche Falle!

»Feuer!«, schrie Rafik und sie schossen drauf los. Wie immer zielte Kim über die Köpfe der fliehenden Zugi hinweg in die Luft und machte dabei ein grimmiges Gesicht, damit keiner Verdacht schöpfte, dass er zu hoch schoss. Die fliehenden Zugis fielen ohne jede Chance im Feuerhagel nieder. Plötzlich sackte sein Anführer Rafik mit schmerzverzerrtem Gesicht zusammen. Blut quoll aus seiner zerfetzten Uniform. Eine Gewehrsalve hatte ihn von hinten getroffen. Kim blickte zur Seite und sah auch seine Freunde fallen. Wie in einem Traum hörte er ihre ächzenden Schreie. Er drehte sich blitzschnell um und sah drei große, schwarze Krieger auf sich zukommen. Feuer spuckte aus ihren Gewehren und die Kugeln schlugen um ihn herum ein. Kim erschoss sie mit einer einzigen Salve aus seiner Kalaschnikow. Alle drei im Affekt. Blut spritzte aus seiner Hand und er schrie laut auf. Eine Kugel hatte seine kleine Kinderhand durchschossen. Kim jaulte vor Schmerzen, wie ein Tier, und drückte sich das Handgelenk ab. Schweiß trat auf seine Stirn und er sackte zurück. Alles war blutverschmiert und ihm wurde schlecht. In Notwehr hatte er gerade drei Menschen erschossen und seine rechte Hand war zerfetzt.

Ein anderer Junge, sein Freund Rulian, kam ihm zu Hilfe. Kim heulte ihm in seiner Stammessprache Kegeli vor, was passiert war. Rulian band ihm die Hand mit einem Stofftuch ab und zerrte ihn nach hinten, wo die Kriegsherren lagerten. Kims Knie begannen zu zittern, gaben nach und er klappte bewusstlos zusammen. Rulian brach unter Kims Gewicht beinahe zusammen, raffte sich mit letzter Kraft aber wieder auf und schaffte es trotz der Dunkelheit, Kim ins Lager zu schleifen. Die schweren Kalaschnikows und Patronengürtel ließ er im Gras zurück. Die Soldaten verbanden Kims Hand, der noch immer bewusstlos war, und brachten ihn zu den Verwundeten.

Die Kuakana hatten das Dorf erobert und die Plünderung nahm ihren Lauf. Insgesamt hatten sie in jener Nacht 273 Menschen erschossen. Als Kim am nächsten Morgen erwachte, sah er als erstes, wie die Anführer der Kuakana auf ihren Jeeps saßen, Filterzigaretten rauchten und die erbeuteten Waffen der Zugi aufluden. Das Dorf Tepekorda gab es nicht mehr. Dunkler Rauch stieg aus den verkohlten Überresten der Hütten auf. Stechend schoss Kim der Schmerz seiner Hand durch Mark und Bein und er erinnerte sich an die vergangene Nacht. Ungläubig hob er seine Hand und betrachtete den rotbraunen Verband. Fliegen saßen darauf und er weinte los.

Kim war acht Jahre alt, als ihn seine Eltern in der Hauptstadt Raobe für umgerechnet sechs Dollar an einen Sklavenhändler verkauften. Sie waren, wie zigtausend anderer Bauern aus dem Westen Afrikas, vor der verheerenden Hungersnot geflüchtet. Die Getreide der staatlichen Saatgutfabriken hatten sie nicht mehr ernähren können und weil sich die hochgelobten Gengetreide von Monsanto nicht selbst weiter vermehren ließen, mussten die Bauern nun jährlich teureres Saatgut nachkaufen. Die Gengetreide brachten aber nicht die versprochenen, hohen Erträge ein, um die Extraausgaben für die nächste Saat zu decken, und so waren die Kleinbauern die Verlierer jenes Geschäftes geworden.

Seine bis auf die Knochen abgemagerte Mutter hatte Kim unter Tränen dem Kinderhändler mitgegeben, damit er nicht verhungern musste. Der versprach ihr, Kim würde es gut haben und bei einer vornehmen, weißen Familie als Hausboy arbeiten. Vielleicht würde er sogar Lesen und Schreiben lernen. Sie solle sich keine Sorgen machen, sagte er und händigte ihr die vereinbarten Dollars aus. Alles Lüge. Kims Vater stand gebrochen daneben und verbarg seine Tränen hinter seinen großen Händen, die so gut auf der Djembe spielten.

»Pass auf dich auf«, hatten sie zum Abschied gesagt und ein letztes Mal gewunken.