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Der Blockbuster 2024: Hollywoodstar Keanu Reeves und Kultautor China Miéville. Ein Epos über einen unsterblichen Krieger, das alle Genregrenzen sprengt, inspiriert von der Welt der BRZRKR-Comics. »Wir brauchten ein Werkzeug. Also bat ich die Götter um Hilfe.« Schon immer hat es Gerüchte über ihn gegeben. Legenden. Tausende Zivilisationen hat er erstarken und fallen sehen. Ein Krieger, der nicht getötet werden kann. Er trägt viele Namen: Unute, Kind des Blitzes, sogar als Tod wurde er bezeichnet. Heutzutage kennen wir ihn als ›B‹. Und er wünscht sich nichts sehnlicher, als sterben zu können. In einer Welt nah an unserer Realität lässt sich ›B‹ auf ein Angebot einer geheimen Einheit des US-Militärs ein, die verspricht, ihm dabei zu helfen, das Rätsel seiner Unsterblichkeit zu lösen. ›B‹ findet sich in einem Netz aus Intrigen wieder. Alles deutet auf eine Macht hin, die noch geheimnisvoller ist als der unsterbliche Krieger. Eine, die mindestens genauso stark ist - und eigene Ziele verfolgt. Das Buch Anderswo verbindet China Miévilles einzigartigen Stil mit Keanu Reeves' mitreißender Erzählung und Figuren. Mit Zeitsprüngen durch die Jahrtausende thematisiert das Autorenduo existenzielle Fragen, in einem einzigartigen Mix aus Action, Drama, Spiritualität, zartem Humor, einem spannungsgeladenen Komplott. Und einer ergreifenden Entdeckung.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Das Buch
Der Blockbuster 2024: Hollywoodstar Keanu Reeves und Kultautor China Miéville. Ein Epos über einen unsterblichen Krieger, das alle Genregrenzen sprengt, inspiriert von der Welt der BRZRKR-Comics.
»Wir brauchten ein Werkzeug. Also bat ich die Götter um Hilfe.«
Schon immer hat es Gerüchte über ihn gegeben. Legenden. Tausende Zivilisationen hat er aufsteigen und fallen sehen. Ein Krieger, der nicht getötet werden kann. Er trägt viele Namen: Unute, Kind des Blitzes, sogar als Tod wurde er bezeichnet. Heutzutage kennen wir ihn als ›B‹.
Und er wünscht sich nichts sehnlicher, als sterben zu können.
In einer Welt nah an unserer Realität lässt sich ›B‹ auf ein Angebot einer geheimen Einheit des US-Militärs ein, die verspricht, ihm dabei zu helfen, das Rätsel seiner Unsterblichkeit zu lösen. ›B‹ findet sich in einem Netz aus Intrigen wieder. Alles deutet auf eine Macht hin, die noch geheimnisvoller ist als der unsterbliche Krieger. Eine, die mindestens genauso stark ist - und eigene Ziele verfolgt.
Das Buch Anderswo verbindet China Miévilles einzigartigen Stil mit Keanu Reeves' mitreißender Erzählung und Figuren. Mit Zeitsprüngen durch die Jahrtausende thematisiert das Autorenduo existenzielle Fragen, in einem einzigartigen Mix aus Action, Drama, Spiritualität, zartem Humor, einem spannungsgeladenen Komplott. Und einer ergreifenden Entdeckung.
Die Autoren
Keanu Reeves, geboren in Beirut im Libanon, ist einer der bekanntesten Schauspieler Hollywoods. Für seine Rollen als Neo in den Matrix-Filmen oder als John Wick wird der Kanadier weltweit gefeiert. Gemeinsam mit Matt Kindt und Ron Garney hat er die BRZKRK-Comic-Welt um den unsterblichen Krieger ›B‹ geschaffen, die aktuell von Netflix als Spielfilm mit Reeves in der Hauptrolle adaptiert wird.
China Miéville ist ein preisgekrönter britischer Fantasy- und Comicautor und Wissenschaftler. Er erhielt viele Auszeichnungen wie den British Fantasy Award, Hugo Award und Nebula Award. Sein berühmtester Roman ist Perdido Street Station.
Übersetzer
Jakob Schmidt ist Übersetzer, Autor und Buchhändler. Er übersetzte unter anderem Stephen King und Frank Herberts Dune.
www.gutkind-verlag.de
Die Originalausgabe ist unter dem Titel The Book of Elsewhere bei Del Rey, einem Verlag von Penguin Random House LLC, New York, erschienen
ISBN 978-3-98941-045-9
Copyright der deutschen Erstausgabe
© 2024: Gutkind Verlag GmbH, Berlin
Copyright der Originalausgabe:
© 2024 by Keanu Reeves and China Miéville
Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Illustrationen im Innenteil: Sister Hyde
Autorenfoto Keanu Reeves: © Brian Bowen Smith
Autorenfoto China Miéville: © Barney Cokeliss
Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München
Umschlagabbildung: © ArtMari/Shutterstock
E-Book: LVD GmbH, Berlin
Alle Rechte vorbehalten.
Keanu Reeves
China Miéville
Das Buch
anderswo
Roman
Aus dem Englischen von Jakob Schmidt
Über das Buch / Über die Autoren
Impressum
Titel
Widmung
Zitat
Prolog
Die Geschichte des Arztes
Lebenszeichen
Wasser
Neues Dunkel
Die Geschichte der Dienstperson
Kinderpose
Zahn
Ein verborgener Gott
Die Geschichte der Ehefrau
Einheiten des Hasses
Bruder
In Honig bewahrt
Die Geschichte des blinden Passagiers
Durchs Glas
Leben
Die Stille des Anfangs
Die Geschichte des Waisenkinds
Auge und Augenlosigkeit
Blut
Ein kriechendes Insekt
Die Geschichte des Arztes
Danksagung
Cover
Inhalt
Textbeginn
Unseren Müttern gewidmet,
des Lebens, des Geschichtenerzählens … und der Liebe wegen.
Und wenn dich das Irdische vergaß,
zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin.
— Rainer Maria Rilke,
Die Sonette an Orpheus II, XXIX
Ein Raum, erfüllt von bevorstehender Gewalt. Dann vom hässlichen weißen Licht der LEDs. Dann trat ein Mann ein und setzte sich zwischen die Schließfächer. Er holte ein Gerät hervor und ließ technische Protokolle darauf ablaufen. Eine Weile lang saß er allein da und starrte auf den Bildschirm. Schließlich kamen seine Kameraden in den Raum.
Der Mann fuhr mit seinen Vorbereitungen fort. Jeder der Soldaten hatte sein eigenes Ritual.
Zwei lachten über unanständige Witze. Zwei weitere überprüften in stiller, konzentrierter Synchronie ihre Waffen. Einer machte oben ohne zu Füßen seiner Kameraden Liegestützen und klatschte dabei zackig in die Hände. Der Befehlshaber für den Einsatz dieser Nacht trat ein. Er studierte eine Karte, so aufmerksam, als hätte er sie in einem Grabmal gefunden. Der Soldat, der als Erster hereingekommen war, ließ immer noch Diagnostikprogramme auf seinem Scanner laufen.
Ein weiterer Mann trat ein, schon fertig ausstaffiert. Er hatte den Reißverschluss seiner voluminösen Kakijacke, auf der keine Abzeichen zu sehen waren, bis ans Kinn hochgezogen, als wäre ihm kalt. Niemand achtete auf ihn. Aber als er den Blick durch den Raum schweifen ließ, sah er für einen Moment dem Mann mit dem Scanner in die Augen, und beide nickten einander zu.
Ein letztes Mal öffnete sich mit einem leisen Geräusch die Tür. Diesmal blickten alle zu der Gestalt auf, die auf der Schwelle stand.
Ein hochgewachsener, drahtiger Mann in einfacher schwarzer Kleidung sah sie unter seinem langen, dunklen Pony hinweg an. Reglos zeichnete er sich vor dem Licht ab.
Als Einziger unter seinen Kameraden warf der Mann mit dem Scanner einen verstohlenen Blick einem der übrigen Anwesenden zu, einem der beiden, die ihre Waffen vorbereitet hatten und der seinerseits wie alle anderen zu dem Neuankömmling schaute.
Als der Dunkelhaarige eintrat, löste sich die Stille, und alle machten weiter wie zuvor. Der Mann, der als Erster gekommen war, widmete sich wieder seinem Scanner, um dessen Funktionen zu überprüfen und mit dem Wahrsageschirm die Anwesenden zu begutachten. Einen Moment lang verharrte er bei dem Mann, den er zuvor mit einem verstohlenen Blick bedacht hatte, und wechselte die Einstellung seines Geräts, sodass die Soldaten sich in ein Panorama farbiger Umrisse verwandelten.
In der Ecke stand der Neuankömmling allein und mit gesenktem Kopf. Jemand trat auf ihn zu.
Der Mann mit dem Scanner runzelte die Stirn. Es war nicht der einzigartige Strudel von Finsternis auf seinem Bildschirm, der ihn stutzig machte: Er hatte den Dunkelhaarigen schon oft in dieser Weise erscheinen sehen. Es war die Anomalie jenes Mannes, der sich ihm näherte – des kleineren Soldaten mit dem hochgezogenen Reißverschluss. Dessen Jacke erschien auf dem Bildschirm weiß und undurchsichtig, was bei Kleidung eigentlich nicht der Fall sein sollte. Sie leuchtete. Sie war abgeschirmt.
»He«, sagte der mit dem Scanner als Reaktion auf das, was er auf seinem Bildschirm sah. »Ulafson?« Er beobachtete, wie der Soldat in der Jacke sich vorsichtig dem Mann näherte, der Sinn und Zweck ihrer Einheit darstellte.
Ulafson war außer Hörweite. Also scrollte er zur Audioeinstellung, um zu lesen, was der Scanner aus dessen Lippenbewegungen und schwachen, zerfransten Schallwellen zusammensetzte, bekam aber nichts Verständliches herein.
Der dunkelhaarige Mann wandte sich Ulafson zu, der sich ihm näherte und dabei mit flehender Stimme etwas flüsterte. Dann streckte Ulafson die Arme aus und beschleunigte seinen Schritt. Der Dunkelhaarige betrachtete ihn ungerührt. Die Lippen des zur Umarmung Heranstürzenden formten Worte, sein Gesicht sah aus, als würde er weinen, und der Mann mit dem Scanner sagte erneut »He!«, diesmal so laut, dass alle die Köpfe hoben, und nun schrien auch die anderen durcheinander, und sie sahen, wie der Soldat mit dem hochgezogenen Reißverschluss eine Pistole aus der Tasche zog, und er schluchzte, es war ihm jetzt deutlich anzusehen, und zielte mit der Waffe nicht auf die Gestalt, der er entgegenstolperte, sondern auf die Zuschauenden.
»Bleibt zurück!«, rief er.
Der Dunkelhaarige streckte den Arm aus und hielt den Herankommenden auf, indem er ihm die Handfläche gegen die Brust drückte. Er schlug nicht zu, stieß ihn nicht zu Boden, er brachte ihn nur zum Stehen. Reglos und mit traurigem Gesicht stand der Attackierte da und tat weiter nichts, als den verzweifelt gegen ihn ankämpfenden kleineren Mann auf Armeslänge zu halten.
Der Mann in der Jacke stemmte sich schnaufend gegen den ausgestreckten Arm des anderen, während er mit der freien Hand seinen Reißverschluss aufzog und in eine Innentasche griff. Ein Klicken ertönte, und Metall blitzte auf.
»Waffe!«, brüllte jemand, als hielte der Mann nicht bereits eine Waffe in der Hand und zielte damit auf sie, auf die, an deren Seite er getötet hatte und fast gestorben war. »Ulafson, nein!«, ertönte eine andere Stimme.
Schüsse. Sehr laut. Ulafson begann zu zucken, als der Soldat mit dem Gewehr, dem sein Kamerad einen Blick zugeworfen hatte, anlegte und in kurzen Stößen auf ihn feuerte, ihm mit einem Ausdruck des Entsetzens im Gesicht Kugeln in Brustkorb und Oberschenkel jagte und dabei versuchte, nicht das zu treffen, wonach Ulafson griff, der unter dem Kugelhagel aufschrie und seine Pistole fallen ließ, aber irgendwie stehen blieb und sich weiter gegen den ausgestreckten Arm seines Ziels stemmte, das, ebenfalls von Kugeln zerfetzt, keine Miene verzog, während Blutblüten aus seinem Leib sprossen.
Doch dann ließ ein Ruck den Arm des Dunkelhaarigen verrutschen. Dieselben Kugeln, die den Mann in der Jacke töteten, stießen ihn am ausgestreckten Arm seiner Beute vorbei, sodass er und der Dunkelhaarige sich in einer Art Clinch wiederfanden. Mit einem letzten, triumphierenden Atemzug betätigte der Angreifer einen verborgenen Zünder.
Erneut füllte sich der Raum, diesmal mit Rauch und Metall und Lärm und Feuer.
Der erste Mann, der den Raum betreten hatte, war zwar nicht der letzte, der ihn verließ, aber er blieb für die mühsamen, blutigen Aufräumarbeiten.
Er war ein gutes Stück weit weg vom Explosionsradius gewesen, teilweise abgeschirmt durch diejenigen, deren Überreste nun unter seinen Augen zusammengekehrt, markiert und mit dem bisschen Respekt, das sich für solche Fetzen aufbringen ließ, eingesammelt wurden. In Gedanken hatte er ihre Namen heruntergebetet. Er wusste nicht, wie viele der noch Lebenden nie wieder aufwachen würden. Wie viele, so wie er, nach einer gewissenhaften Pause ins Feld zurückkehren würden. Wie viele an ihm vorbeigestapft waren, um sich die Reste ihrer Freunde abzuwaschen.
Eine Hand auf seiner Schulter. Es war der Kamerad, der als Erster gefeuert hatte.
»Kommst du?«
»Nach dir«, sagte er.
Am anderen Ende des Raums stand der Truppführer. Sein Lageplan war vergessen, seine Miene unter dem Blut gefasst. Er zündete sich eine Zigarre an, deren Rauch sich mit Schießpulvergestank und Kräuterduft mischte.
Auf der Bank, im Epizentrum des verkohlten rot-schwarzen Sterns, saß der Dunkelhaarige, den der Selbstmordattentäter mit in den Tod hatte reißen wollen.
Oberhalb der Lippen wirkte sein Gesicht friedvoll und fast völlig sauber; der Teil war durch das Kinn abgeschirmt gewesen, bei dem es sich nurmehr um eine Ruine handelte, gesplitterte Kieferknochen, von denen Haut- und Gewebefetzen hingen. Er saß mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln da. Durch die verbrannte Höhlung, die einmal der Brustkorb des Mannes gewesen war, erhaschte der Mann mit dem Scanner einen Blick auf ein Stück Wirbelsäule. Er sah, wie die Eingeweide sich bewegten wie vom Licht aufgescheuchte Fische.
Ohne die Hand zu heben, schwenkte er sein Gerät leicht hin und her und nahm die beiden damit ins Visier. Die Audio-Verstärkung war immer noch eingeschaltet.
Als der Truppführer sprach, erschienen Worte auf dem Bildschirm des Scanners.
– Alles in Ordnung, Junge?
Der Sitzende blickte nicht auf. Blut stieg mit seinem Seufzer auf, und er bewegte seinen zerfetzten Mund.
– Müde/Prüde /[?], las der Mann mit dem Scanner.
– Himmel, was für ein Scheißdreck, erschienen die Worte des anderen. – Was hat er sich nur dabei gedacht?
Sein Gesprächspartner zuckte mit den Schultern. Er griff sich unter sein vorspringendes Rumpffleisch, zog etwas aus sich heraus und hielt es hoch.
– Gras/Glas/?, sagte er laut des Geräts.
– Ja, sagte er andere. – Er hat sich mit Flaschen umwickelt. Die Techniker werden schon rausfinden, was da drin war.
– Vierräuberessig, las das Gerät von seinen zerstörten Lippen ab. – Und Weihwasser. Steinsalz, und die Nägel sind von Hufeisen. Und Salbei. Man riecht ihn. Er hat brennenden Salbei hochbetagt /hochgejagt [?].
– Was soll das heißen? Woher weißt du das?
– Ich weiß, wie Salz und Essig sich in einer Wunde anfühlen.Ulafson hat die Bombe mit Talismanen vollgepackt. Und das ist nicht alles, Keever.
Der versehrte Dunkelhaarige reichte ihm einen kleinen Fetzen rußgeschwärzten, blutigen Papiers.
– Das war unter meinen Rippen.
– Ich kann das nicht lesen.
– Da steht ein Name.
Er deutete in den Raum und fuhr fort.
– Das meiste/Weiße? ist verbrannt, aber ein paar Fetzen sind geblieben. Namen. Die Namen der Toten unserer Einheit. Derjenigen, die mir zu nah gekommen sind.
Die beiden Männer sahen einander eine Weile an.
– Ich bin so müde, sagte der Sitzende. Etwas tropfte aus seinem verkohlten Herzen. – Ich bin es leid. Erneut deutete er in den Raum und dann auf sich. Schließlich blickte er auf und gab einen gurgelnden Laut von sich.
Der ältere Mann sagte: »Lachst du etwa?« Er sagte es so laut, dass der Beobachter nicht auf seinen Bildschirm schauen musste.
– Wegen der Zigarre, sagte der andere, und der Beobachter sah nun wieder auf seinen Bildschirm. – Déjà-vu.
Ich habe nicht viel Zeit. Diese Worte werden zu den letzten gehören, die ich schreibe, und das zu wissen, bereitet mir Kummer. Weniger, weil es mit mir zu Ende geht; ich bin alt genug. Sondern mehr wegen meines beklagenswerten Zustands. Wenn selbst eine ergebene Hündin, ein Geschöpf, das im Gegensatz zum Menschen einer nicht durch Komplikationen eingefärbten Liebe fähig ist, sich angewidert von mir abwendet, dann ist das natürlich niederschmetternd. Ich weiß, dass Luns Reaktion vom Geruch der Medizin für meinen Kiefer herrührt, aber das ist ein schwacher Trost. Ihre Ablehnung löst Scham bei mir aus, sosehr ich sie auch von mir weisen möchte. Ich komme mir ihr gegenüber vor wie ein Übeltäter, als hätte ich sie verstoßen.
Noch mehr schmerzt mich natürlich die unmittelbare Sorge um diejenigen meiner Familienangehörigen, denen es nicht – noch nicht, wie ich hoffe – gelungen ist, ihr Zuhause zu verlassen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Finsternis, die dieser Tage Österreich und wahrscheinlich ganz Europa verschlingt, allzu bald zurückgedrängt wird.
Das, was mich schmerzt, bleibt in den verschlungenen Gassen meines Geistes nicht unverbunden. Luns Unfähigkeit, mich zu ertragen, hat mir unter meinen Schwestern das Gesicht von Dolfi vor dem inneren Auge erscheinen lassen, wie sie sich ebenfalls von mir abwendet.
Der Schmerz wird mich bis zu meinem endgültigen Abschied begleiten.
Ich weiß nicht, wem ich diese Nachricht hinterlasse. Vielleicht sollte ich sie dem Feuer überantworten. Aber nach fast zwanzig Jahren will ich diese Erinnerungen nun schließlich doch zu Papier bringen. Ich habe immer geschrieben, um mir Klarheit über meine Gedanken zu verschaffen. Und wie ich feststelle, widerstrebt es mir, diese Rätsel ununtersucht zu lassen. Ich will herausfinden, was ich über sie denke.
Nun, da der Tod so nahe und allgegenwärtig ist, wie könnte ich, der ich solche Bedeutung in der Wiederkehr des Verschütteten gefunden habe, etwas anderes tun, als mich ein letztes Mal ebendiesem Gespenst meiner Vergangenheit zuzuwenden?
Mein Nachsinnen über die Todestriebe speist sich in erster Linie aus den Berichten der aus dem Großen Krieg Heimgekehrten. So viele ihrer nächtlichen Träume waren ein unverstelltes Wiedererleben des Schreckens. Wenn das Unbewusste vor allem anderen zur Vermeidung von Unlust drängt, wie kommt es dann zu solch wiederholter Rückkehr an den Ort ihrer Qualen? Meine Begegnungen mit jenen armen Seelen verblüfften mich. Aber nur selten genügt Datenmaterial allein, um das Denken zu verändern. Was ich brauchte, war ein Schock, meine ganz eigene Krise.
Ich hatte einen Patienten.
Wir trafen uns nur dreimal, bei langen Sitzungen. Er war ein hochgewachsener, dunkelhaariger, gut gebauter Mann in der Blüte seiner Jahre. Er trug einen teuren Anzug, sah mir in die Augen und hatte einen festen Händedruck. Ich hielt ihn für einen Soldaten. Ich hielt ihn für einen Kriegsheimkehrer, dem es hervorragend gelang, seine wiederkehrenden Albträume zu überspielen.
Er sagte mir, dass er sich selbst verstehen wolle.
Ich erinnere mich noch sehr genau an den Tag unseres ersten Gesprächs. Ich erinnere mich daran, wie ich im grauen Morgenlicht an einem Ende der Couch saß, auf der er lag, mit einem Notizbuch vor mir auf dem Tisch, und ihm zuhörte, während er mir mit seiner sanften, eindringlichen Stimme aus seinem Leben erzählte.
Seine ersten Worte bei unserer Sitzung – meine Aufzeichnungen von damals besitze ich noch, auch wenn ich sie bald zerstören werde – bestätigten meinen Verdacht bezüglich dessen, was ihn plagte.
»Ich töte und töte und töte, immer wieder«, sagte er. »Und ehrlich gesagt würde ich mich gerne ausruhen, oder – und – etwas anderes tun, etwas anderes, als zu töten, meine ich, oder zumindest die Wahl haben, etwas anderes zu tun, aber nein, immer wieder überkommt mich das Töten. Und manchmal, nicht oft, aber viele Male im Laufe meines Lebens, sterbe ich. Und es tut weh. Und es ist eine blutige Angelegenheit. Und ich spüre jeden Schlag. Jeden Schnitt in meinem Fleisch. Ich spüre das Feuer und die Druckwelle jeder einzelnen Bombe.
Und dann kehre ich wieder.
Ich kehre wieder, und ich töte und töte und töte erneut, und schließlich sterbe ich wieder, und dann geht das ganze lustige Treiben von vorne los. Sagen Sie mir also, Herr Doktor«, sagte er, »was für ein Mensch bin ich?«
Ich glaubte natürlich, dass er einen jener Schlachthausträume beschrieb, von denen ich so viele gehört hatte. So, wie ich ihn verstand, stellte er mir die gleiche Frage, die ich mir selbst stellte, nämlich warum das Unbewusste zu derlei Gemetzel zurückkehrte. Doch dann erhob jener Mann, dessen Namen ich nicht nennen werde, sich von der Couch und sah mir in einem Bruch des von mir empfohlenen Protokolls direkt in die Augen, und ich konnte den Blick nicht abwenden. Und er ließ den ersten Moment jenes Schocks über mich hereinbrechen, der mich mein persönliches zweigeteiltes Damaskus erleben ließ, das all meine Paradigmen zerstörte.
»Ich kehre wieder«, sagte er einmal mehr, und an dem ruhigen Tonfall, in dem er diese schreckliche Behauptung aufstellte, erkannte ich, dass meine bisherigen Theorien solch existenziellem und alltäglichem Schrecken nicht gerecht werden konnten.
Ich glaubte immer noch, dass er mir die Wahrheit in Form einer Art Fabel anvertraute. Und es handelte sich durchaus auch darum.
Doch dann merkte ich, dass dieser Mann in mich hineinblickte und meine Gedanken erriet. Und er schüttelte den Kopf. Und achtsam – als wäre er sich meines wachsenden Schreckens bewusst, obwohl ich nicht ein Wort gesprochen hatte – sagte er: »Nein, Herr Doktor. Nein. Oder zumindest nicht nur das. Alles bedeutet auch etwas anderes, das ist wahr, aber manchmal bedeutet es auch sich selbst. Bitte hören Sie mir zu. Ich bin hier, um Sie nach dem Warum zu fragen. Was bin ich?«
Er entließ mich nicht aus seinem Blick. Und nun kam der zweite Streich. Ich wusste, was er sagen würde, und ich wusste, dass es der Wahrheit entsprach. Ich wusste, dass es sich sowohl um eine symbolisch als auch buchstäblich wahre Aussage handelte. Und ich wusste, dass ich nach jenem Tag nicht mehr derselbe sein würde.
»Ich töte«, sagte er leise und unerbittlich zu mir. »Ich sterbe«, sagte er. »Ich kehre wieder.«
Zu beiden Seiten der breiten Straße, die aus dem Stadtzentrum herausführt, werden die Gebäude niedriger, als würde der Himmel auf die Stummeltürme drücken, auf die staubigen, lichtgebleichten Schaufenster mit billigem Kuchen und Partybedarf, auf Zimmer voller zweckentfremdeter Möbel, auf die Büros von Kopierer-Reparaturdiensten und scheiternden Notaren. Ein Mann – bezeichnen wir ihn als Mann – folgte der Straße. Er betrachtete jenen bösartigen Himmel. Den Kopf schüttelte er nicht – in diesem Zeitalter hatte er den meisten überflüssigen Bewegungen abgeschworen –, aber er blinzelte kurz, und wer ihn gut kannte, hätte darin ein Zeichen dafür gesehen, dass ein interessanter Gedanke ihn beschäftigte.
Er war ein hochgewachsener, kräftiger Mann, und wenn diejenigen, an denen er vorbeikam, ihn genauer in Augenschein genommen hätten, hätten sie ihn für weiß gehalten. Er trug eine graue Bomberjacke und schwarze Jeans und ließ den Kopf leicht hängen, sodass sein dunkles Haar seinen Bart und sein Gesicht umwogte. Weit hinter ihm: das Spiegelglas der Banken und Finanz- und Rentiertürme, weiß geklotzte Fassaden und grauweißer Stein, die auf grobschlächtige Art ein eingebildetes Griechenland imitierten, künstlicher Obsidian, Hotels, auf denen serifenlos die Namen hiesiger Sagengestalten prangten, die bei Dissidenten wenig beliebt waren.
Zwischen kleinen Parks, zwischen Mietshäusern, die man wegen ihrer entfernten Ähnlichkeit zu den Brownstones in New York im lokalen Idiom Graystones nannte, wurde die Straße enger. Es war kühl, aber die Sonne schien hell hinter den Wolken hervor, sodass die Fußgänger, die an dem Reisenden vorbeikamen, von langen, diffusen Schatten angekündigt oder verfolgt wurden. Die Leute saßen auf den Stufen vor den Bars, stritten sich und spielten Würfelspiele, ohne ihn zu beachten. Ein Priester rauchte am Tor seiner Wellblechkirche eine krumme Zigarette. Er bedachte den Mann mit einem zurückhaltenden Nicken, das dieser erwiderte. Zwei Jungen, die vor einem Schrottplatz das verbogene Metall durchwühlten, hielten inne, als er sich näherte. Der Mann sah sie nicht an, und sie flüsterten, doch ihre Bemerkungen wurden von den Klagelauten eines Autos in der Schrottpresse übertönt.
Jungs, lasst diesen Mann in Ruhe. Dieser Mann tötet keine Kinder mehr, wenn es sich vermeiden lässt, aber lasst ihn trotzdem in Ruhe.
Die Jungen waren ebenso klug wie die wilden Hunde, die den Mann beobachten, sich ihm aber nicht näherten.
Hinein in die letzten Ausläufer der Stadt. Lagerhäuser und Sozialwohnungen, leere Grundstücke, die als Parkplätze und Treffpunkte für kleinkriminelle Hehler dienten. Durch die Lücken zwischen den Mauern sah der Mann das umliegende trockene Grasland. Unter der kleinen, roten LED-Figur, die an einem Ampelmast baumelte, an der absurden Kreuzung zweier Straßen von Nirgendwo nach Nirgendwo, blieb er stehen. Als er eine Sirene hörte, wartete er am Bordstein. Es war ein Krankenwagen, nicht die Polizei, und das Heulen entfernte sich.
Als das grüne Männchen erschien, ging der Mann über die Straße und betrat durch eine Gasse einen Hinterhof mit ausladenden zwei-, dreistöckigen Gebäuden zu allen Seiten, deren Wände von Sprühereien bedeckt waren und zu deren Füßen sich Abfall sammelte. Hier standen ein staubbedeckter Dacia ohne Räder, unter dessen Boden das Unkraut hervorwucherte, und am anderen Ende des Platzes, vor einer geschlossenen Garagentür, die Überreste eines weiteren, ausgebrannten Wagens.
Er ließ den Blick an den Fenstern entlangwandern. Ohne Eile näherte er sich der Ruine. Vorletzte Nacht hatte es in Strömen geregnet, aber der Gestank von Kohle und verbranntem Plastik war immer noch stark. Er holte einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete das Vorhängeschloss, zog die Garagentür weit genug auf, um einzutreten, und schloss und verriegelte sie hinter sich.
Das Erdgeschoss war eine Maschinenhalle. Bandsägen, hydraulische Pressen, eine Drehbank, umgeben von schimmernden Spänen. Von weit oben, wo eine Pistolenkugel schmutziges Glas durchschlagen hatte, zeigte ein Finger aus grauem Licht auf ihn herab. Der Boden bildete ein widerwärtiges Sastrugi aus Öl und Staub und schwarz-braunen Klumpen, von denen er wusste, dass es sich dabei um Blut handelte. Nur ein besonders geschulter Blick konnte erkennen, dass die von ihm gebildeten Muster absichtsvoll so gestaltet waren, dass sie von der Geschichte ablenkten, die die Spuren sonst vielleicht erzählt hätten. Er verfügte über diesen Blick, dieses Wissen, und er ging zu dem großen Werkzeugschrank im dunkelsten Teil des Raums. Er zog ihn von der Wand weg und legte dadurch eine Tür frei. Diese schloss er ebenfalls auf, und dahinter verborgen lag eine Leiter, die nach unten führte.
Seine Füße senkten sich in die Schwärze hinab, und er schaltete seine Taschenlampe ein. Eine Tunneldecke wölbte sich einen Handspann über seinem Kopf, nackte Glühbirnen hingen auf Augenhöhe, sodass man den Blick von ihrem grellen Licht hätte abwenden müssen, wäre nicht jede einzelne zerschossen gewesen.
Er lauschte. Ein leiser, tröpfelnder Rhythmus. Das Wispern sich setzender Erde.
Der Mann ging weiter. Er folgte der Biegung des Korridors und betrat durch einen niedrigen Durchgang eine winzige Kammer. Mit dem Licht seiner Taschenlampe beschrieb er einen Bogen, unter dem die fleckigen Wände kalt aufleuchteten. Der Strahl fand den Pfad, den die Kugeln genommen hatten, und folgte ihm: in den Beton gestanzte Löcher, umrandet von dunklen Blutspritzern auf Werkbänken, auf den Überresten von Laptops, auf den Leichen dreier Männer, die seltsam exakt aufeinanderlagen, sodass ihre Gliedmaßen sich wie die von posierenden Tänzern auffächerten.
Durch den Fäulnisgestank roch der Mann etwas anderes, Beißendes. Mit dem rechten Stiefel drehte er den obersten Toten um und zeigte keine Reaktion, als er die geschmolzene Masse sah, die einmal ein Gesicht gewesen war. Zähne und Nasenbein und der Schädelwulst ragten aus einer Kruste von Fleisch hervor, das Blasen geworfen hatte. Er erwiderte den augenlosen Blick des Toten.
»Also«, sagte er mit sanfter Stimme. Seine Worte waren nicht an den Kadaver, sondern an den Raum gerichtet. »Was hast du mir zu sagen?«
Der Raum schwieg sich aus, wie der Mann es erwartet hatte. Er legte die Finger auf die Trümmer, aber ihre Geheimnisse waren nicht für ihn bestimmt.
Zurück in den Tunnel. Eine weitere Kammer mit leeren Waffengestellen darin. Auch ihnen flüsterte er etwas zu. Es war ein quadratischer Raum, sehr hoch, und schwaches Licht drang durch ein Loch, bei dem es sich um eine Art Abzug zu handeln schien und das bis ganz nach oben in den Tag hinaus reichte, ein vergitterter Himmel. Er ließ das kantige Licht auf sich herabfallen, als wäre er Bastet in ihrem Tempel in Luxor.
Umgefallene Stühle, Steckdosen, Monitore an den Wänden, in jedem davon genau ein Einschussloch. Computer waren keine mehr da. Ein weiterer großer Raum. Doppelbetten: Schlafplätze für zehn Personen. Dosen in Regalen. Ein Kühlschrank, eine Mikrowelle in einer Ecke, und in der gegenüberliegenden ein Duschkopf über einem Abfluss. Eine Schiene neigte sich am Duschkopf vorbei in Richtung Boden, wo ein Plastikvorhang lag. Am anderen Ende des Raums lag auf einem Haufen herabgeregneten Erdreichs eine aus den Angeln gerissene Tür. Dahinter mit Trümmern verstopfte Dunkelheit.
Der Raum mutete an wie ein Tempel mit einer Opfergabe in der Mitte, einer haupthohen Zikkurat aus Toten. Sechs Männer, drei Frauen. Der Mann kannte die Zahlen bereits: aus diesem kruden Gebilde, einem Kegel von Gliedmaßen, dunklen Kleidern und den Überresten von Gesichtern, miteinander verschmolzen in der leidenschaftslosen Orgie eines grablosen Massengrabs, ließen sie sich nicht erfassen. Die Schatten der Toten krochen vor seinem Licht davon. Diese Verklumpung hatte nicht einmal den posthumen Starrsinn eines hervorstechenden Ellbogens oder eines herausragenden Knies bewahrt, alle Umrisse waren von Schlaffheit und Schwerkraft weichgezeichnet, verwaschen von der Säure, die mit Schwerkraft weichgezeichnet alle Eigenheiten tilgt. Inmitten des Breis aus Fleisch und Gürteln und Rucksäcken quollen Knochenspitzen und abgebrochene Waffen wie aus einer Karstlandschaft hervor.
Der Mann setzte sich an den Tisch.
»Was hast du mir zu sagen?« Der Raum antwortete nicht. »Es wäre schön, es zu verstehen«, sagte er. »Wenigstens.«
Er legte die Taschenlampe so hin, dass ihr Schein auf die Toten fiel. Dann stützte er sich auf die Ellbogen und faltete die Hände ineinander. Als er das nächste Mal sprach, hätte ihn ein anderer, selbst wenn er ihn gehört hätte, nicht verstanden, obgleich ihm vielleicht der Codewechsel aufgefallen wäre, der Übergang von einer lebenden zu einer längst toten Sprache, und vielleicht auch der Umstand, dass jeder Satz, den er sprach, eine weitere Frage war.
Stunden.
Manchmal knipste er seine Taschenlampe aus und ließ sich von der Dunkelheit Gesellschaft leisten. Wie die Leere vor und hinter und nach allem. Zweimal schritt er den Raum ab und ging dabei auf Blut und Patronenhülsen und Ähnlichem. Er stand am Eingang zu dem versperrten Tunnel und betrachtete ihn eine Weile. Er sah sich jeden einzelnen Schlafplatz an, aber er legte sich nicht hin und suchte auch nicht unter Kissen nach Tagebüchern und Liebesbriefen. Er wusste, dass eine solche Suche bereits durchgeführt worden war. Stattdessen wartete er, doch was immer er sich erhoffte, es trat nicht ein.
Der Mann wusste, dass es Nacht war, als er Schritte aus dem Tunnel hörte.
Er drehte sich nicht um. Stattdessen stellte er seine Taschenlampe so hin, dass sie ihn von unten anstrahlte und die niedrige Decke erleuchtete. Die Schritte verstummten direkt hinter ihm.
Eine Stimme erklang von der Tür her.
»He, B.«
»Hallo, Keever«, sagte der Mann.
Der Neuankömmling trat näher und stellte sich vor ihn hin. Ein kompakter, muskulöser Mann, ähnlich unauffällig gekleidet. Sein Haar war kurz geschoren und sein dunkles Gesicht von tiefen Falten durchzogen.
»Meditierst du mal wieder?«, fragte Keever.
»Das ist dein Verb«, sagte der Mann. »Nicht meins.«
»Wie nennst du es?«
B schüttelte den Kopf. »Ich habe kein Verb dafür«, sagte er. »Aber ein Nomen kann ich dir anbieten. Kein Englisches. Toska.«
»Traurigkeit?«, fragte Keever. »Du bist traurig? Das ist alles?«
»Ich wusste nicht, dass du Russisch sprichst«, sagte B. »Wie dem auch sei, ich sagte Toska: ›Traurigkeit‹ trifft es nicht ganz.«
Keever setzte sich hin. Sein Blick wanderte zu der zerstören Tür, zu der Wand aus Trümmern im Durchgang. Dann betrachtete er den Stapel von Toten.
»Möchtest du darüber reden, Junge?«, fragte Keever. »Ich habe schon mitgekriegt, dass du ein bisschen wehmütig bist. Erzähl mir nicht, dass ich falschliege. Seit Ulafson.«
B blickte nicht auf.
»He«, sagte Keever. Er deutete auf den Saum eines Hoodies, der aus dem Hügel ragte. Er war von einem unpassenden Orange, irgendein Erinnerungsstück an die Tour einer Popgruppe. »An den erinnere ich mich. Der Wichser hat auf mich geballert. Das war der Obermacker, oder?«
»›Wehmütig‹«, sagte B. »Hm. Traurig bin ich nicht direkt. Ich glaube … neugierig kommt der Sache näher. Ich versuche …« Er schüttelte den Kopf. »Ich versuche nur, zu hören, was es für mich zu hören gibt.«
»Bist du dir sicher, dass es überhaupt eine Botschaft gibt?«, fragte Keever.
»Nein. Wie hast du mich gefunden, Keever?«
»B, jetzt komm schon. Das wievielte Mal ist das jetzt, das dritte? Du bist nicht so geheimnisvoll, wie du denkst.«
»Ich habe nie behauptet, geheimnisvoll zu sein.«
Keever betrachtete erneut den ausgewaschenen Hoodie. B beobachtete ihn und wusste, dass er sich das fleischige Aufklatschen von Kugeln in Erinnerung rief, ein Zerren, einen Kopfstoß, von B selbst.
»Hier bist du jetzt also«, sagte B.
Keever betrachtete ihn. Betrachtete Bs Stirn, mit der er den Schädel seines Opfers hatte zerplatzen lassen.
B und Keever waren an das Schweigen gewöhnt.
Keever saß eine Weile im kalten Silberlicht der Taschenlampe. B nahm die Konfigurationen des Todes mit der Penibilität eines Gelehrten in sich auf.
»Was sagt es dir?«, fragte Keever schließlich.
B starrte in die unterirdische Schwärze hinter der letzten zerstörten Tür.
»Eine gute Frage«, sagte er. »Du bist nah dran, Keever. Aber ganz trifft es das nicht.« Er deutete in die Finsternis. »Ich kann nicht darin lesen. Wenn das, was wir bei unserem Tun hinterlassen, ein Text ist, dann ist er in keiner Sprache verfasst, die ich lesen könnte.«
»Und du kannst alle Sprachen lesen.«
»Es ist nicht mal so, dass ich etwas Bestimmtes spüren könnte«, sagte B. »Aber ich habe das Gefühl, dass ich es können müsste.«
»So kann das nicht weitergehen, Junge«, sagte Keever. »Du weißt, wie die Sache läuft. Sobald wir einmal durch sind, heißt es Finger weg, egal, ob wir aufgeräumt haben oder nicht. Rein, raus, keine Spuren. Nichts, womit sich jemand identifizieren ließe, alle Hinweise werden aus den Datenbanken gelöscht, keine Fingerabdrücke, das Enzym wird versprüht, keine Gesichter …« Er deutete auf den Haufen von Kadavern. »Wir oder sie. Was, wenn jemand einen wie dich hier rumlaufen sieht? Das können wir nicht riskieren.«
»Oder dich«, sagte B. »Du bist schließlich auch hier, stimmt’s?«
»Du hast mir keine Wahl gelassen. Ich bin nur hier, um dir die Leviten zu lesen.«
B stand auf und verließ den Lichtkreis.
»Keever«, sagte er, »wie viele aus unserer Einheit geben mir Befehle?« Er klang nicht wütend. »Sie wissen, dass ich sie nur befolge, wenn ich es will. Was bedeutet, dass ich sie genau genommen überhaupt nicht befolge und es demnach auch keine Befehle sind. Sie wissen – du weißt –, dass das, worum es ihnen geht, mir egal ist. Wir arbeiten aus Pragmatismus zusammen, und das ist in Ordnung. Aber ich verstehe nicht, warum sie trotz alledem diese Scharade aufführen. Warum sie mir ›Befehle‹ erteilen. Warum sie dich schicken, damit du mich pro forma zurückpfeifst.«
Keever zuckte mit den Schultern. »Ich habe echt keine Ahnung.«
»Lieber haben sie Regeln, die mir egal sind«, sagte B, »und die ich breche, als überhaupt keine zu haben. Ich schätze, Ungehorsam ist nicht so schlimm wie Unabhängigkeit.«
»Wie gesagt«, erwiderte Keever, »ich habe keine Ahnung. Sie sagen mir: ›Geh B sagen, dass er das nicht wieder machen soll‹, und im Gegensatz zu dir tue ich, was man mir sagt. Und jetzt bin ich hier. Befehl befolgt.«
»Und jetzt?«, fragte B.
Keever schürzte die Lippen.
»Keine Ahnung«, sagte er. »Ich dachte, du kannst vielleicht ein bisschen Gesellschaft brauchen.«
B schürzte ebenfalls die Lippen.
»Da bin ich mir nicht sicher«, sagte er. »Ob ich welche brauchen kann.«
»Nun«, sagte Keever. »Wie gesagt, jetzt bin ich hier, und ich lese dir die Leviten.« Er wedelte mit dem Finger. »Ich werde berichten, dass Einheit Unute sich einmal mehr weigert, das Protokoll zu befolgen.«
»Mach das.«
»Bleib locker«, sagte Keever. Er stand auf und klopfte B leicht auf die Schulter. B beachtete ihn kaum. Er hörte nur zu, wie Keever sich entfernte. Wieder allein, legte Keever seine Hand über das Licht der Taschenlampe. Es wurde dunkel im Raum, und seine Hand leuchtete.
Als er wenige Minuten später die Schritte zurückkehren hörte, diesmal deutlich schneller als zuvor, drehte er sich um. Als Keever wieder eintraf, hatte B. sich der Tür zugewandt.
»Eine Meldung«, sagte Keever. »Ist reingekommen, gerade als ich wieder oben war.«
»Was sagen sie?«, fragte B.
Keever deutete auf den blockierten Durchgang. Die Dunkelheit und die Trümmer.
»Die Basis bekommt …« Er runzelte die Stirn. »Sie sagen, dass sie irgendwelche Signale reinbekommen. Von einem von Thakkas Monitoren.«
»Wie bitte?«
»Es muss ein technischer Fehler sein«, sagte Keever. »Er ist seit … du weißt schon wann kalt. Aber sie wissen, dass ich hier bin, und sie wissen, dass du hier bist …«
»Und wie wahrscheinlich ist das, bitte?«, sagte B.
»… und sie wollen, dass wir der Sache nachgehen.«
»Was genau bekommen sie rein?«
»Hör mal, du weißt doch, dass das ein ziemlich einfaches Signal ist, das, selbst wenn es funktioniert, ziemlich undeutlich ist …«
»Was bekommen sie rein?«
Keever blinzelte. »Lebenszeichen.«
Einen Moment lang erwiderte B seinen Blick. Dann war er an dem Durchgang, so schnell, dass Keever die Bewegung kaum sah. Er hockte sich auf die herausgefallene Tür, schob die Hände hindurch und zog und zerrte an den geborstenen Pfeilern, riss die mit Steinen durchsetzte herabgefallene Erde aus dem versperrten Tunnel und steckte die Arme tief hinein wie in einer verstörenden Parodie einer chirurgischen Operation.
»B, mach langsam«, sagte Keever. »Hör mal, es war nicht … du warst in deiner Trance, als es geschehen ist, aber ich sage dir, ich hab’s gesehen, es war nicht bloß der Einsturz. Ich habe gesehen …« Er zögerte. »Ich habe gesehen, wie Thakka den Geist aufgegeben hat. Er und Grayson. Sie waren hin. Und es kam kein Signal mehr von ihnen. Erst dann …«
Erst dann war es so weit gewesen. Dann hatte Keever, als er ihre Verluste erkannte, die Granate aus dem Unterarm zwischen Bs Beinen hindurchgeworfen, während B, wie er später erfahren hatte, bluttriefend, mit einem zerbrochenen Gewehr in der einen Hand und dem zerbrochenen Schützen dazu in der anderen, schnaubend wie ein Stier dagestanden hatte, vor sich der dunkle Tunnel und Graysons und Thakkas Leichen. Keevers Granate war auf den Führer der Zelle zugekullert, der sich am anderen Ende des schmalen Fluchttunnels befunden hatte. Die letzte Chance, ihn zu erwischen. Indem er aus dem Tunnel ein Grab machte.
»Sie waren tot«, sagte Keever. »Sonst hätte ich das nie getan. Was auch immer die Basis jetzt für ein Signal hereinbekommt, sie waren beide tot. Darum habe ich alles in die Luft gejagt.«
Trotzdem grub B. Sie wussten beide, dass diejenigen, die Keever seine Befehle gaben, ihm wenn nötig auch befohlen hätten, den Tunnel mit lebenden Kameraden darin zu sprengen. Aus dem Trümmergewirr und dem Erdreich zog B einen ehemaligen Stützpfeiler aus Holz, der so schwer war, dass niemand sonst ihn hätte heben können, und um ihn herum wirbelte Staub auf. Er ließ den Pfeiler fallen.
»B, das hier ist einsturzgefährdet …«
»Dann verschwinde von hier.«
Keever zögerte. Dann griff auch er nach dem wie Mikadostäbchen ineinander verkanteten Metall und Holz. Er zog etwas heraus und warf es hinter sich.
»Langsam«, sagte Keever. Doch B. wühlte sich weiter in den Schutt vor, der den Tunnel verstopfte, und riss Hände voller Erde und Mauersteine und halber Mauersteine, an denen von ihm unbeachtet dunkles Blut klebte, heraus und warf sie hinter sich in den Raum. Er grub sich wortlos weiter, und Keever arbeitete mit, und Minuten verstrichen, in denen die beiden nicht nachließen, obwohl Keevers Keuchen immer lauter wurde. B arbeitete sich vor, und Keever tat sein Bestes, um den von B freigelegten Gang zu stabilisieren. Als die Steine um ihn herum zu knistern begannen und Kiesel und Betonstahl auf ihn herabrieselten, hielt Keever inne.
»Himmel noch mal, B. Hier gibt es Leute, die sterben können, weißt du.«
Keever ging in die Hocke und kroch blind durch den Staub. Er schnappte nach Luft, als er plötzlich nach vorne kippte und auf allen vieren landete. Sie waren durchgebrochen, und er kauerte im schattigen, gespenstischen Schein eines Leuchtstabs, der sich weiter vorne im Tunnel befand. Dort stand B und winkte ihn heran.
Am äußersten Rand des Phosphorlichts sah Keever einen in sich zusammengesunkenen Toten. Ihre Zielperson, in Stücke gerissen. Der Anführer dieser Gruppe erklärter Feinde lag dort, wo sie ihn getötet hatten.
Keevers Blick wanderte durch dieses letzte Tunnelstück, über den Trümmerkrater und das Brandmal, das seine Granate hinterlassen hatte, zu einem weiteren Toten, der auf dem Bauch lag. Grayson, der von einer Kugel in den Hals getroffen worden war. Keever erinnerte sich an das im Mündungsfeuer aufblitzende Bild. Graysons Arme und Beine waren zu einem ewigen Kopfsprung in den Tod erstarrt. Seine Haut war von Schatten und Schimmelpilzen bedeckt.
Dann eine dritte Gestalt.
Thakka. Er war an der Tunnelwand zusammengesackt, die Beine eingeknickt und mit dem Rücken an den Beton gelehnt. Sein Gesicht war ihnen zugewandt, die eine Seite seines Schädels aufgeknackt. Sein Mund war blutig und weit aufgerissen, seine Augen waren blutig und weit aufgerissen und starrten B und Keever an.
Seine Augen bewegten sich. Seine Lippen bewegten sich.
Thakka blinzelte. Vor zwei Tagen hatte Keever ihn sterben sehen, und seinen Leichnam hatte er mit einer Granate beerdigt. Nun formte Thakkas Mund Worte.
Keever hörte sich selbst fluchen.
Er war an Thakkas Seite, kniete sich neben ihn und sah ihm in die viel zu weit aufgerissenen Augen.
»Thakka«, sagte er. »Thakka, Thakka, Mann, Thakka. Hörst du mich?«
B stand hinter ihm und sah zu, geduckt, als könnte er jeden Moment in Gewalt ausbrechen. Keever hielt Thakkas Kopf auf dem Schoß und versuchte dabei, nicht das Loch im Fleisch des Mannes zu berühren. Er murmelte Thakka etwas zu, sah ihm in die Augen, legte die Hände auf Thakkas Hals, wo er einen kräftigen, aber stockenden Puls spürte. Thakkas Haut war kalt, aber aus seinem Innern drang auch die Wärme von Leben, zitternd, zögerlich.
»Lieber Himmel, Thakka.«
Thakkas Lippen bewegten sich noch immer, aber Keever hörte nichts. Es waren nur seine Lippen und Augen, die sich bewegten. Sein Gewehr lag auf seinem Schoß.
»Sieh mich an«, sagte Keever.
Thakka sah ihn an. Sein Blick zuckte so schnell hin und her, dass Keever sich nicht sicher war, ob der Mann ihn verstand. Sein eigener Blick wanderte von Thakkas Pupillen zu dem Loch, das die Umrisse seines Kopfes verändert hatte und Keever für einen Moment mit seinem Knochenrand und seinen blutroten Tiefen in den Bann schlug.
»He!«, rief Keever. »B!«
B kniete sich hin, und ohne Keever oder Thakka anzusehen, stippte er die Finger in den Staub, beugte das Gesicht Zentimeter über den Boden, zog einen weiteren Leuchtstab aus seinem Gürtel, brach ihn durch und hielt ihn sich dicht neben die Augen.
»Was …?«, setzte Keever an, doch Thakka schnappte nach Luft, und man hörte nun, dass er nicht nur Zufallslaute ausstieß, dass es Worte waren. Keever bewegte sein Ohr dicht an die trockenen Lippen.
»… gekommen und hat es gesagt«, flüsterte Thakka. »Hat hier rumgestöbert. Einfach so. Ich hatte mal einen Hund, ich kenne das.«
»Alles klar, Thakka«, sagte Keever. »Alles klar, mein Sohn. Halt einfach durch.« Er tastete die steifen Reste der Uniform des Mannes nach den Monitoren ab, die ihr flehendes, undenkbar schwaches Signal durch die Erde gesandt hatten. »B«, rief er erneut.
Aber B war ans dunkle Ende des Tunnels gegangen, noch hinter die Stelle, an der die Überreste ihres Feindes lagen. Er hielt sich an einer Reihe von in die Wand getrieben Metallstiften fest, die dieselbe Farbe wie die Dunkelheit hatten, aus der sie emporführten.
»Bitte, B«, sagte Keever.
»Was für ein Tag ist heute?«, fragte Thakka. Seine Worte klangen nun lauter. Eine ruhige Stimme, mit einem Midwestern-Akzent. »Keever«, sagte er. »Es ist kalt, nicht wahr? Du bist ihnen egal. Nicht böse gemeint. Ich bin ihnen auch egal.«
B. drehte sich um und kam zurück. Ein paar Meter entfernt ging er in die Hocke. »Thakka«, sagte er. »Was ist passiert?«
»Ach«, sagte Thakka. Als er B sah, drehte er den Kopf weg, und der Ausdruck, der dabei auf sein Gesicht trat, war schrecklich anzusehen.
»Was ist passiert, Thakka?«, fragte B.
Thakka befeuchtete sich die Lippen und schüttelte den Kopf. Er sah B wieder an und winselte und flüsterte so leise, dass B ihn nicht hören konnte. Erneut beugte Keever sich vor und hielt sein Ohr an Thakkas Mund.
»Ich habe einen Hund«, flüsterte Thakka. »Mein Hund ist vorbeigekommen.« Ein lautloses Kichern. »Braver Junge. Es bleiben immer Fragen offen«, flüsterte er. »Aber kein Name kein Rang keine Dienstnummer, stimmt’s? Nur, wenn unbedingt erforderlich.«
Thakkas Blick war immer noch auf B gerichtet, und seine Augen waren weiter aufgerissen, als es hätte möglich sein sollen. Das Geräusch, das aus seinem Körper drang, mochte aus einer zerdrückten oder perforierten Lunge kommen. Oder es war ein Laut der Angst.
Du bist schon lange unterwegs. Du bist gerade erst losgegangen. Manchmal kann eine Sache genauso wahr sein wie ihr Gegenteil.
Als du Kaisheen sagtest, dass du eine Reise antreten musst, war sie voll Kummer und wütend und bat dich, nicht zu gehen. Ihr Sohn war gerade erst zur Welt gekommen, und seine Augen und sein Mund und seine Gesichtsausdrücke waren noch unscharf, wie aus Ton, und Kaisheen sagte, dass sie nicht wüsste, von welchem ihrer Ehemänner der Samen stamme, aber das Kind atmete, deshalb wusstest du, dass es nicht von dir sein konnte. Sie sagte, es könnte sehr wohl sein (du hast ihr nicht erklärt, warum sie sich irrte), was Verantwortung mit sich brächte, und sie sagte, es wäre falsch, ihm ein Elternteil wegzunehmen. Sie sagte, dass sie nicht ohne dich leben wolle.
Mehr als einmal hast du es mit Grausamkeit versucht, und du wirst es sicher wieder tun, aber derzeit experimentierst du seit über hundert Jahreszeiten mit Leidenschaftslosigkeit, deshalb hast du sie mit ihrem Schmerz stehen gelassen.
Falls der Junge noch lebt, ist er inzwischen ein alter Mann, und vielleicht drehen sich seine Geschichten um einen Jungen, der von einem seiner Väter verlassen wurde. Falls er noch lebt, dann warst du fast sein ganzes Leben lang, abgesehen von den ersten paar Tagen, auf dieser Reise.
Einmal hast du drei Lebenszeiten damit verbracht, bewegungslos auf einem Steinsitz auf halber Höhe eines Berges zu verharren, um herauszufinden, was geschehen würde. Nichts geschah.
Dieses Mal bist du ohne Eile nach Süden gereist, durch bunte, vielfältige Landschaften. Du hast die kleinen Ortschaften gemieden und dir einen Weg durch überwucherte Feuchtgebiete gesucht, in denen die Welt selbst zu schwitzen schien, vorbei an erstarrten Flüssen, die sich darauf vorbereiteten, eines Tages wieder zu fließen, zu verschwinden, nur Stein zurückzulassen.
Vor Jahren hast du die Küste erreicht und wusstest, dass der Ort namens Suhal auf der anderen Seite des seichten Meeres lag. Du hast das Volk des Mündungsgebiets gesucht und gefunden. Es sind Menschen mit markanten Gesichtern, die vor dem Sprechen lange überlegen. Sie überlegten auch lange, bevor sie sich einverstanden erklärten, dich in einem ihrer Kanus mitzunehmen, zum Archipel.
Gemäß ihren Regeln der Gastfreundschaft lehnten sie dein Angebot, zu rudern, ab, also stelltest du dich stattdessen wie ein ins Holz geschnitzter Wächter ans vordere Ende des langen Bootes. Einmal fiel das zweitjüngste Besatzungsmitglied bei einem Sturm über Bord, und du sprangst ihm hinterher und brachtest es durch die Dunkelheit zurück. Einmal glätteten die Wellen sich entgegen ihrer Natur, und der Rücken eines großen grünen Tiers stieg eine Ruderlänge entfernt an die Oberfläche, und ein Kopf, der zugleich an eine Schlange und an ein Krustentier erinnerte, erhob sich mit gierig klappernden Mandibeln, und während die anderen an Bord schrien und ihre Toten um Hilfe anflehten und das Tier beim Namen der bösen Meeresgottheit nannten, für die sie es hielten, standest du ebenfalls schreiend auf dem ächzenden Deck, doch du schriest vor Erleichterung, weil es Tage her war, seit du zuletzt dem stetig in dir anwachsenden kalten Feuer seinen Lauf gelassen hattest, wie du es früher oder später immer tun musst, und so ließest du es zu, und ein blau-weiß-blauer Nebel legte sich über deine Sicht, und du sprangst mit gezogener Obsidianklinge aus dem Kanu und bohrtest sie tief in den verwirrten Leviathan, und du hast ihn (gewiss) bekämpft, und er hat dir (gewiss) mit einem Biss jene sich langsam schließende Wunde in der Flanke zugefügt, und ihr beiden habt (gewiss) die wogenden Wellen rot gefärbt, und du hast ihn (gewiss) getötet und ihm die Zunge herausgeschnitten und seinen Leib in die Tiefe sinken lassen, wo sich die winzigsten aller Geschöpfe an ihm gütlich tun konnten, und dann kehrtest du zum Boot zurück, und klettertest, während deine Raserei abebbte, nass wieder an Bord, und die anderen bezeichneten dich als Gottestöter und dankten dir und mieden dich zugleich, und du spürtest Mitleid für sie und tatest so, als zeigte das Betäubungsmittel, das sie beim nächsten Halt deinem Fleisch zuführten, Wirkung und als würdest du nicht erwachen, während du ihnen dabei zuhörtest, wie sie ihre Werkzeuge und Talismane einsammelten und, lautlos, wie sie glaubten, zurück zu ihrem Boot schlichen, und die ganze Zeit regtest du dich nicht, während du ihren Rudern auf den leichten Wellen lauschtest.
Jetzt, als sie längst außer Sicht sind, setzt du dich auf, allein in der hellen und gnadenlosen Sonne. Sie haben dir Nahrung und Kürbisflaschen mit Wasser dagelassen.
Ohne Gefährten, ohne Boot, ziehst du einmal mehr los.
Du rutschst über Schotter hinab und steckst dir so viele Steine in die Kleidung, wie hineinpassen.
Solcherart beladen beginnst du deine Wanderung. Hinaus aus den niedrigen Überresten der Bäume, unter den neugierigen Blicken bunter Vögel, und hinein ins seichte Wasser, wo du dir die Füße an Muschelschalen aufschneidest und sie wie zur Antwort von warmen Algen sanft eingehüllt werden. In die Brandung. Bis du bis zur Hüfte im Wasser stehst, bis zur Brust, bis zu den Schultern. Bis zum Hals. Bis zum Bart, bis zu den zugekniffenen Lippen.
Du holst lange und tief Luft vor dem nächsten Schritt hinab auf dieser Korallenstraße zwischen den Inseln. Das warme Salzwasser schlägt über deinem Kopf zusammen, und du starrst hindurch in die Sonne, und die Sonne starrt zu dir herab, und du erzählst dir auf dem Weg nach unten die Geschichten deines Lebens.
Nein, du bist nicht das älteste Lebewesen der Welt, da bist du dir sicher. Auf irgendeinem weit entfernten Kontinent wird es ein Espengehölz geben, dessen gemeinsames Wurzelwerk vielleicht einen Tag vor deiner Geburt gesprossen ist. Es muss kilometerlange Seegrasweiden geben, die aus einem gemeinsamen Urklumpen hervorgegangen sind, der schon steinalt war, als du das erste Mal die Augen geöffnet hast. Allerdings wärst du überrascht, wenn es auf der Welt mehr als zwei Handvoll ältere Lebewesen als dich geben sollte. Und es ist an die tausend Jahre her, dass dich das letzte Mal etwas überrascht hat.
Deine Mutter sagte zu dir: Du bist ein Geschenk. Du warst eine Gabe. Du hast eine Gabe, sagte sie.
Das erzählte sie dir, als du noch sehr jung warst, wenn auch zu schnell gewachsen und schon mit dem Körper und Gesicht eines Mannes. Als sie das zu dir sagte, hast du sie geliebt, und du liebst sie noch immer, sofern man die Toten lieben kann, aber damals liebtest du sie mit einer bedingungslosen Innigkeit, die keiner Worte bedurfte, und ohne die Feinheiten des Alters oder die Vorbehalte, die die Welt einem eingibt, und ihr, das weißt du inzwischen, gelang es, ihre eigenen Sorgen und ihr Unglück recht gekonnt zu überspielen, sodass du dich bis heute genau daran erinnerst, wie sie dir versicherte : Ich liebe dich auch. Du hörst noch immer den Stolz, der dabei mitschwang. Erst mehrere Lebenszeiten nach ihrem Tod, als du dir ihr Gesicht einmal mehr in Erinnerung gerufen hast, wurde dir klar, welches Gefühl du bei ihr wahrgenommen hast. Dass sie stolz auf dich war, aber dass sie auch um deinetwillen Kummer gelitten hat. Sie hat dich bewundert, und zugleich hat diese Bewunderung ihr Sorgen bereitet, weil sie wusste, dass sie etwas mit dir machen würde. Wenn deine Mutter glaubte, dass du ein Göttergeschenk warst, eine Gabe an sie und ihr Volk, hielt sie dich dann nicht im gleichen Maße für verflucht? Ihre Liebe zu dir: Was hat sie mit dir gemacht?
Du bist lange genug mit deinem Schieferballast hinabgestiegen, damit die wogende Fläche, wo Meer und Himmel sich treffen, so weit über dir ist wie das Blätterdach einer Eiche über einer Frau auf einem Waldpfad. Das Wasser brennt dir in den Augen und lässt deine Sicht verschwimmen, während du die über dir tanzenden Flecken von Sonnenlicht betrachtest.
Am Anfang, sagte sie, gab es nichts. Alles ruhte in sich. Dann kam etwas und rüttelte das Nichts aus seinem friedlichen Schlaf auf. Das Etwas brachte eine Vielzahl von Dingen hervor, Geräusche und Ränder und Bewegung, Dunkelheit und Licht und Zwielicht, Felsen und Sterne und Wasser und Feuer und Kälte. Und all das wiederum brachte Schlick und Schleim hervor. Und diese brachten kleine, umherflitzende Punkte hervor. Die, nach einer Weile, Bäume und Vögel und uns hervorbrachten.
Jetzt kommen sie, der Druck und der Schmerz in deiner Brust, das Aufwallen deines Blutes, der Trommelschlag deines Herzens.
Du hast sieben Jahre bei einer längst untergegangenen Steppenkultur verbracht. Du bist in ihren heiligen Becken untergetaucht, jeden Tag länger. Solche Techniken bewahrst du dir, genau wie all deine Erinnerungen. Du kannst den Atem immer noch für viele Minuten anhalten. Es wird nicht angenehm sein, aber fähig bist du dazu.
Du spannst die Bauchmuskeln an und streckst die Hand aus, um dich an den nach oben baumelnden glitschigen Stamm einer großen Seetangpflanze zu stützen, während die Materie auf deinem Weg wirbelt und wogt, da ist sie ja, und ist das dort ein Aal, der wissen will, wer du bist? Sind die bewegten Flecken vor deinen Augen aufmerksame Fische, die forschend näher kommen? Du nickst den Erscheinungen höflich zu und setzt deinen Weg in tieferes, drückenderes Wasser fort.
Wir waren Nomaden, hat deine Mutter zu dir gesagt. Wir sind auf ein Tal gestoßen. Dort haben wir uns angesiedelt. Wir waren keine Krieger. Viermal im Jahr kamen Reiter, Nachbarn, die sich für eine Weile zum Rauben und Plündern zusammentaten, um uns mit vorgehaltenen Waffen unsere Nahrung und unsere Familien wegzunehmen, sie zu versklaven, sie zu heiraten, sie in ihre Spiele zu verwickeln.
Du gehst unter einem Torbogen aus Korallen hindurch und flüsterst in Gedanken durchaus nachsichtig: Mutter, weißt du, wie viele Geschichten genau so anfangen?
Ein Steinfisch beobachtet dich, während du dem Erinnerungsbild deiner Mutter erzählst, dass die Menschen in den Zeitaltern nach ihrem Tod das Reiten verlernten und die Pferde wieder zu Wildpferden wurden, bevor die Menschen die Kunst des Reitens einmal mehr meisterten und sie dann wieder vergaßen.
Wir wurden wie Früchte gepflückt, und wir bluteten, sagte deine Mutter zu dir, und wer braucht verzweifelter eine Waffe als diejenigen, die nicht für den Krieg geboren sind? Sie sagte: Wir brauchten ein Werkzeug. Also bat ich die Götter um Hilfe.
Was ist geschehen?, hast du sie gefragt, der kleine Mann an ihrer Seite (er war schon zu groß, um auf ihrem Schoß zu sitzen), die Augen weit aufgerissen. Wie hast du sie um Hilfe gebeten?
Ich habe mir einen Trank gebraut, sagte sie, der mich träumen ließ. Manche Pflanzen öffnen Tore, das weißt du ja, kleiner Unute, genau wie manche Leiber Tore öffnen. Unute ist dein Name, sagte sie. Unute ist das Wort, das dieser Trank in jener Nacht durch mich sprach.
Was hast du getan?, fragtest du.
Erzähle ich dir das nicht gerade?, erwiderte sie. Hör einfach zu, Unute. Das Gebräu hat mir die Tore des Gewittersturms geöffnet, und ich bin hindurchgetreten an einen blassblauen Ort, an dem der Sturm zu Hause ist oder durch den er hindurchgezogen ist, oder wir haben uns an der Schwelle getroffen, und ich habe den Blitz gefickt, und am nächsten Tag war mein Bauch dick, und wir haben dich den ungeduldigen Jungen genannt. Zwei Monde später bist du rausgekommen.
Dann ist mein Vater gar nicht mein Vater?, fragtest du.
Still, Dummerchen, sagte sie, dein Vater ist dein Vater, er ist dein Tagvater, und der Blitz ist dein Nachtvater. Unterbrich die Leute nicht, wenn sie dir Geschichten erzählen, Unute, sonst wachsen die Blumen nicht. Du hattest keine Angst vor Feuer, und du hast nicht vor Schmerz geschrien, wenn du mit brennenden Stöcken gespielt hast. Drei Monde nach dem Feuer hast du einen Wolf getötet, der sich etwas von unseren Abfällen holen wollte, du hast ihn mit deinen Zähnen und deinen kleinen Händchen getötet. Eine Jahreszeit später hast du mit ein paar jungen Männern gespielt, die mit den Hackbeilen kämpften, die wir uns bei den Plünderern abgeschaut hatten, und ich weiß immer noch nicht, ob du damals gespielt oder wirklich gekämpft hast, nur, dass der Krieg in dir den Krieg in ihnen gesehen hat, so wie er das Knurren des Wolfes gesehen hatte, und dass er herauskam.
Du sagtest, dass du es nicht gewollt hattest, und dein Vater gewährte den Eltern des toten Jungen das Recht, die Blutschuld zu singen, und von da an hassten sie dich wegen ihres Sohnes, aber sie sagten, dass du die Waffe bist, und wir nannten ihren toten Jungen den Wetzstein, der deine Klinge geschärft hatte.
Das Wasser, durch das du gehst, ist nicht ganz und gar lichtlos. Du weißt, dass du dafür noch viel tiefer hinabmüsstest, du weißt, dass die Lanzen der Sonne bis tief in die See hineinstechen, aber wo du bist, ist es kalt und dämmrig, und die Tiere, die dich beobachten, sind verstohlene Schattenbewohner. Noch immer geht es abwärts, und inzwischen sind so viele Minuten vergangen, dass dir der Kopf wehtut und der Wasserdruck sich bemerkbar macht.
Unute, geh weiter.
Und der beste Speerkämpfer hat dich ausgebildet, sagte deine Mutter zu dir. Und deine Wunden verheilten innerhalb von Tagen statt Monaten, kleine Waffe. Und wenn deine Augen in der Farbe der Augen deines Vaters zu leuchten begannen, wenn sie blau wie die Blitze deines Nachtvaters glühten, dann steckten wir dich in die Grube zu den großen Tieren, die wir gefangen hielten. Sie glaubten, wir würden dich ihnen ausliefern, sie wussten nicht, dass wir sie dir auslieferten. Du tanztest deinen Krieg und hast die Bären und Smilodons und die Ungeheuer der Vorberge in Stücke gerissen, und wenn du bei jenen Traumzuckungen, bei der Ekstase, die dich überkam und in eine brüllende Bestie verwandelte, gelegentlich deine Lehrer entzweigebrochen oder deinen Spielgefährten die Gliedmaßen ausgerissen hast, sodass sie blass vor Entsetzen verbluteten, oder wenn du welchen von uns die Brustkörbe eingedrückt hast, nun ja, dann wurde daran erinnert, dass man der Waffe Unute in ihrer Entrückung nicht zu nahe kommen durfte. Alle wussten, dass sie die Beine in die Hand nehmen mussten, wenn das blaue Licht in deine Augen trat. Du warst kein böser Junge, sondern ein gefährliches Etwas, und es tat dir immer leid, und sie hatten nicht aufgepasst.
Sie sagte: Und dann kamen die Plünderer zurück.
Du stapfst an einer Schlucht gewölbter Korallenüberhänge entlang, und bei jedem Schritt brennt dir die Brust vom Nicht-Atmen. Diesen Teil der Geschichte hat deine Mutter immer gesungen, und jetzt singst du ihn, öffnest den Mund für dein Muränenpublikum. Sie sang, und du singst:
Lauscht!
Die Reiter
Eine Warnung aus Ocker in den Gesichtern
Lachten der dargebotenen Kriegslosigkeit
Ritten unter dem Blick der Berge
Des Nachtvaters verspritztem Samen entgegen
Der Jungenwaffe.
Unute von den Augen!
Hackbeilklinge, Kind, Speerspitze vereint.
Tanzend fuhr er unter sie
Durch die Pferde
Durch ihre Reiter.
Dies ist seine Ekstase.
Kriegswut! Hamask!
Zuckende Entstellung!
Raserei! Zorn!
Unute beschritt die Straße des Blutes
Unute schritt über die Knochen
Sein Leib voller Pfeile, fand er kein Ende
Er war die niederfahrende Klinge
Er war das Spiel des Grauens
Er war das Ende von allem.
Wir liebten dich dafür, sagte seine Mutter. Als du mit ihnen fertig warst, haben wir dich in weiche Decken gewickelt. Du warst noch ein Baby. Wir haben dich eingewickelt und alles Tote von dir abgewaschen und dir gedankt und dir gesagt, dass wir dich lieben.
Jeder Schritt schmerzt. Als du in die Brandung hinausgegangen bist, hast du gehofft, dass das Gefälle schon bald auf eine ebenbürtige Steigung treffen würde, dass du nach einer Weile wieder auftauchen würdest, auch wenn dein Kopf und dein Herz und deine Lungen unterwegs Folterqualen leiden würden. Darauf hast du gesetzt, auf eine Klippe des Korallenriffs, die so dicht unter die Oberfläche reichen würde, dass dein Kopf die Wasseroberfläche durchbräche, bevor deine Lungen versagen würden, dass du den Weg mit einer Reihe solcher Ab- und Aufstiege bewältigen könntest, und wenn der in sich verkehrte Kriegshunger in dir aufstiege, die im kalten Glanz deiner Augen beschlossene Notwendigkeit, etwas zu zerstören, würdest du ihn an den Haien und Korallentürmen stillen und deinen Weg an dem wogenden Blut vorbei fortsetzen, ein bebendes Auf und Ab, bis hin zum Südkontinent. So hattest du es dir vorgestellt.
Vor langer Zeit hast du bei dir ein Gefühl von Vorherbestimmung festgestellt, mögen sich auch die Hinweise darauf häufen, dass der Gedanke absurd ist. Es kommt dir so vor, als müssten gewisse Ereignisse einfach eintreten, um deinem Leben die Gestalt einer Geschichte zu verleihen. Den Wunsch danach hast du bei den meisten Menschen, die du kennst, festgestellt. Nur weil du diese gefährliche Neigung der Menschen teilst, zögerst du, dich als nicht menschlich zu bezeichnen.
Diese Vorstellung ist in der Mehrheit aller Fälle falsch.
Hier geht es immer nur tiefer hinab, in die dunkelsten Gefilde des Meeres. Und du wirst langsamer, und deine Finger sind zu taub, um dir die Steine aus den Kleidern zu holen.
Die Geschichte spult sich nun schneller in dir ab. Nicht mehr in der Stimme deiner Mutter. Nun erzählst du sie dir selbst, zusammengesetzt aus Erinnerungen und Nachforschungen, aus Spuren und Schlussfolgerungen.
Hier bist du also, in einer sich auffächernden Leere, in der – sieh hin! – das Blau dunkler wird und es jenseits der Korallenwand nichts mehr gibt. Du stehst an einer Kante, und jenseits davon liegt nichts als schwärzestes Wasser. Du stolperst. Während deine Gedanken zerfransen, erzählst du dir deine Geschichte immer schneller und schneller, weil du noch nicht mit ihr fertig bist und dir nicht mehr viel Zeit bleibt. Rasch also.
