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Als ein fremder Mann namens Zet in sein Dorf kommt, ahnt Gwain noch nicht, dass dies der Beginn einer langen und gefahrvollen Reise ist. Auf dieser Reise lernt er gemeinsam mit Zet viele neue Freunde kennen, die ihnen helfen, die Seiten eines alten elfischen Buches zu finden. Denn von diesem Buch hängt das Überleben aller Elfen ab.
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Seitenzahl: 503
Veröffentlichungsjahr: 2018
DAS BUCH DER ELFEN
Der Autor:
Er schreibt unter dem Pseudonym Tom S. Bender. Geboren und aufgewachsen in Schleswig-Holstein, wo er bis heute lebt und liebt.
Die Geschichte:
Als ein Fremder namens Zet in sein Dorf kommt, ahnt Gwain noch nicht, dass dies der Beginn einer langen und gefahrvollen Reise ist. Während dieser Reise lernt er gemeinsam mit Zet viele neue Freunde kennen, die ihnen helfen, die Seiten eines alten elfischen Buches zu finden, von dem das Überleben aller Elfen abhängt …
TOM S. BENDER
DAS BUCH DER ELFEN
Impressum:
Autor: © Tom S. Bender
Artdirection by BlackAzia.com
Illustration by M.Turcanu
Korrektorat u. Satz:
Angelika Fleckenstein; Spotsrock
ISBN:
978-3-7469-6524-6 (Paperback)
978-3-7469-6525-3 (Hardcover)
978-3-7469-6526-0 (e-Book)
Druck und Verlag:
tredition GmbH
Halenreie 40–44
22359 Hamburg
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Danksagung
Mein altes, mein erstes Buch. Doch jetzt ist es soweit. Danke.
Mein Dank geht an Frau Fleckenstein von Spotsrock; sie hat viel Arbeit in mein Buch gesteckt und ein tolles kleines Werk daraus gemacht.
Mein Dank gebührt all den Live Action Rollenspielern, mit denen ich viele Plots zusammen bestehen durfte. Einige Plots sind in die Geschichte mit eingeflossen, z. B. die Gruppe der ‚Falken‘ und deren Charaktere.
Ein Dank geht an jene, die mit mir einige Gedanken zur Geschichte besprochen haben.
Danke an Martina, meine Nichte, für ihre Mühe und die Kurzbeschreibung zur Geschichte.
Hey Nell, vielen Dank für die super-tolle Grafik von Cover u. Landkarte.
Tim Runde danke ich für die Texte der Gedichte u. Lieder.
Vielen Dank.
Tom S. Bender
Schleswig-Holstein, im September 2018
Hauptcharaktere
Zet Osaka:
Geboren als Halbelf, lebt Zet schon seit vielen Hundert Jahren auf dieser Welt. Er ist Waffen- und Schmiedemeister und eine Ewigkeit auf der Suche nach den Seiten des Buches. Er ist mittelgroß, schlank und trägt langes Haar. Zet hat keine spitze Ohren, so wie die Elfen, doch wächst ihm kein Bart.
Er führt Gwain in die Schwertkampfkunst ein und lehrt ihn den Umgang mit Pfeil und Bogen. Er verfügt über mediale Kräfte, mit denen er gedanklich Verbindung zu anderen aufnehmen kann.
Gwain Lordess:
Ein ehrgeiziger junger Mann, von großer, schlanker Gestalt, wissbegierig und sehr lernfähig. Sohn einer Bäuerin, deren Gemahl vor seiner Geburt getötet wurde. Gwain schwor Rache, den Söldner zu töten, der es wagte sich an seiner Familie zu vergehen. Auf seiner Reise mit Zet verliebt er sich in die schöne Elfin Silvania.
Kisaton:
Ein Elf, ausgestoßen und verbannt vom eigenen Volk. Er ist sehr groß und schlank gewachsen mit langem, schwarzem Haar. Er hat starke magische Fähigkeiten und trägt unbändigen Hass auf das Elfenvolk in seinem Herzen.
Jippjus:
Ein kleiner Kender, der langes ungepflegtes Haar trägt. Kender haben sehr schlanke Gliedmaßen und lange Finger und etwas zu große Ohren für deren kleinen Kopf. An seinen bunten, fast leuchtenden Gewändern hängen Beutel, in denen er seine Schätze aufbewahrt. Kender haben Spaß am Stehlen und erzählen gerne Geschichten, die nicht immer ganz der Wahrheit entsprechen. Kender verspüren keine Angst. Auch in den dunkelsten Gegenden bewegen sie sich noch arglos pfeifend.
Silvania:
Die schönste Elfin des Landes – für Gwain. Tochter des Elfenkönigs Edrolin. Sie hat langes dunkelbraunes, leicht gewelltes Haar und braune Augen. Ihre Haut ist seidig weich und leicht gebräunt. Sie verliebt sich in Gwain und kämpft gegen das Gefühl an, da ein Mensch und eine Elfin keine Verbindung eingehen sollten. Sie ist charakterstark und kämpferisch.
Galantas:
Der Bruder von Silvania und einziger Sohn des Königs. Sehr groß gewachsen, wie alle Elfen, trägt auch er langes, glattes, schwarzes Haar. Er verfügt über magische Fähigkeiten, die er in dieser Geschichte noch nicht ganz ausspielt.
Staarbag:
Ein Söldner, der Helena missbrauchte und ihren Gemahl tötete. Sehr groß und kräftig gebaut, ein starker Kämpfer. Trägt immer schwarze Lederrüstung und sieht ungepflegt aus. Er hat lange schwarze Haare und tiefe Falten im Gesicht. Er hat sich ein kleines Söldnerheer aufgebaut. Die Söldner erkennt man an einem eingebrannten Schlangenzeichen auf der Stirn.
Nebencharaktere
Helena:
Mutter von Gwain. Mittelgroß, mit halblangen, hellbraunen Haaren. Sie verliebt sich in Zet.
Tarilp:
Ein kleiner, sehr kräftig gebauter Zwerg, mit langem Vollbart und einer rauen, dunklen Stimme. Er kämpft mit seinen beiden Streitäxten und liebt Zwergenbier.
Gisenarr:
Der Schwager von Tarilp. Er ist etwas kleiner als Tarilp, hat aber auch eine kräftige Statur. Gisenarr kämpft ebenfalls mit zwei Streitäxten.
Die Falken:
Eine Gruppe von Waldläufern, die eine starke Gemeinschaft bilden. Alle Falken sind sehr gute Bogenschützen. Sie handeln im Auftrag des Grauen Wolfs, ihrem Ältesten.
Kato:
Ein Heiler, der ein wenig verwirrt wirkt, aber gute Heiltränke braut. Er ist mittelgroß und wirkt eher ungepflegt. Er schließt sich der Gemeinschaft an.
Planjus:
Der Bruder von Jippjus. Ein Kender, der ganz im Gegensatz zu seinem Bruder mit beiden Beinen fest im Leben steht. Er arbeitet in der Hafenstadt Nirkus. Auch er ist von kleinem Wuchs und trägt seine langen Haare zu einem Zopf geflochten.
Blupja:
Ein Gumba, deren Rasse von den Zwergen abstammt, was die Zwerge niemals zugeben würden. Sie schienen ausgestorben, bis man sie in den Bergen fand und als Sklaven in der Felsfestung arbeiten ließ, da sie ebenfalls sehr klein sind und gute technische Begabungen in sich verbergen. Sie können nur wenige Wörter Sprechen, stinken, sind ungepflegt und haben verfilzte Haare
INHALT
Prolog
Gwain
Ein komischer Geselle
Das Gebirge Ballina
Silvania
Larsania
Ein Kender namens Jippjus
Farael
Edrolins Pfeil
Die Stadt Wollgra
Die Falken und der Kessel von Klaraxar
Der Falke mit dem Namen Krähe
Bei den Nordelfen
Ein Mahl für die Trolle
Eine Felsfestung am Tiefgrundsee
Kato der Heiler
Blupja, der Gumba
Der Heimweg
Die Läufer
Die magischen Kugeln
Zurück in Larsania
Es begann
Eine feiernde Gesellschaft
Prolog
Mein Herz blutet, meine Seele weint, wenn ich die Veränderungen in meiner vormals so schönen Welt sehe. Meiner Welt, die ich einst auch voller Stolz meine Heimat nannte. Der Schmerz beherrscht mein Herz und tiefe Trauer ummantelt meinen Geist.
Ist das Elfenland doch der Ort, wo ich ein Leben lang mit meinem Herzen und mit all meinen Sinnen war? Wo mein Volk in Frieden und Glückseligkeit gelebt hat, doch jetzt nur noch seine Lebenszeit dort verbringt? Schon sehr lange hängen dunkle Wolken über diesem Land und ich kann nur machtlos zusehen, wie mein Volk zugrunde geht.
Tränen rollten ihre Wangen herunter und zerplatzten auf dem harten Boden.
Nichts von der Schönheit meiner Heimat wird bleiben. Krieg herrscht, und Graf Myroon wird Tod und Verdammnis über mein Volk bringen. Jeden Tag rücken seine Truppen näher und nehmen Meter für Meter Boden ein. Ich sehe keinen Ausweg für mein Volk. Was soll, was kann ich tun?
Eine zusammengesunkene Gestalt kniete auf dem kalten, schwarzen Marmorboden. Ihr Körper wirkte verkrampft und voller Leid. Die Elfenkönigin Lysana richtete diese Worte an ihre Götter – die Shasare. Sie erhoffte sich durch das Gebet Zuversicht und Hoffnung – Antworten und Lösungen, für die Rettung ihres Landes. Doch ihre Haltung drückte etwas anderes aus: Ihr glanzvolles, rotes Gewand hatte weite Ärmel und eine Kapuze, unter der sie ihr Gesicht verbarg. Die gefalteten Hände wurden von den weiten Ärmeln verdeckt. Ihr Körper wirkte zart, ja fast zerbrechlich und schutzbedürftig; nur die langen schwarzen Haare hingen herab und schauten unter der Kapuze hervor.
Geräuschlos öffnete sich eine Tür und helles, fast blendendes Licht flutete durch den Türspalt, welches jedoch kurz darauf durch den Umriss König Vallanders, der den Raum betrat, erlosch. Sein leuchtendes und mit reichen funkelnden Verzierungen besticktes Gewand reichte bis auf den Boden, sodass der König förmlich in den Raum hinein zu schweben schien. Er trug langes, weißes Haar, das nach hinten gekämmt war, und die Spitzen seiner Ohren lugten durch das Haar hindurch. Seine hellblauen Augen wirkten eindringlich und gleichsam sehr beruhigend.
„Lysana?“, sagte er und kniete neben seiner Gemahlin nieder. Er nahm ihre Hände in seine und küsste sie zärtlich, bevor er das Wort an sie richtete. „Boten brachten mir schreckliche Neuigkeiten. Die finsteren Götter haben Myroon in ein übermenschliches Scheusal verwandelt und ihm groteske Bestien einer fremden Wirklichkeit zur Seite gestellt. Das Königreich Stonehorse und weitere Grafschaften hat er bereits überrannt und unterworfen. Es wird nur noch Tage dauern, bis er in unser Land eindringt.“
Wohl wissend, gegen dieses Scheusal nicht bestehen zu können, holte Lysana tief Luft und weitere Tränen liefen ihr über die Wangen.
„Ich habe in meinen Träumen dunkle Zeichen gesehen, mein Liebster.“ Sie streichelte ihm über das Haar und schaute dabei tief in seine Augen. „Nebelhafte Gestalten zogen durch unser Land, und ich sah Feuer. Schwarzes Feuer, das wie eine übermächtige Welle über diese Erde hinwegrollte und nichts am Leben ließ, was sich ihm in den Weg stellte. Ich sah fliehende Brüder und Schwestern, denen wir erst im Jenseits wiederbegegnen würden. Wir müssen das Wissen, die Macht und den Geist der Elfen einfangen und alles in Sicherheit bringen, bevor Graf Myroon alles zerstört und nichts davon übrigbleibt“.
Lysana erhob sich anmutig und voller Stolz, ihr ernster Blick richtete sich auf Vallander. Leise, fast flüsternd, sprachen sie miteinander. Dabei hielten sie sich an den Händen, und jeder spürte die tröstliche Nähe des anderen.
Sie entschlossen sich, mit ihren magischen Kräften ein Buch zu erschaffen, welches all das Wissen, die Eigenschaften, Macht und die Magie der Elfen in sich tragen sollte. Ein Buch mit einem solchen Inhalt besäße unglaublichen Einfluss auf die Unsterblichkeit aller Elfen. Sollte es in seiner Gesamtheit zerstört werden, würde die Lebensader der Elfen versiegen, und das Böse könnte mit seinem Atem unaufhaltsam die Welt vergiften. Sie hofften, dass es nie so weit kommen würde.
Lysana spürte großes Verlangen in sich, das Buch zu erschaffen und in Sicherheit zu bringen. Es wäre zu einfach für Myroon, alles hier zu vernichten.
Vallander und Lysana zogen sich in ihre Bibliothek zurück. Ein zwei Ellen breiter, aus tief grün glänzendem Leder gestalteter Einband lag auf einem fast zehn Fuß langen, ovalen Holztisch. Das Königspaar begann, mit elfischen Runen verzierte Holzplättchen in einer bestimmten magischen Formation um den geöffneten Einband anzuordnen. Obwohl dieser noch leer vor ihnen lag, wirkte sein Anblick auf unerklärliche Weise tröstlich.
Die beiden standen nebeneinander am Tisch. Hinter ihnen führten sechs Stufen auf eine Erhöhung, wo zwei breite, reich verzierte Holzstühle mit hoher Rückenlehne standen. An der gegenüberliegenden Wand befanden sich Regale, die mit hervorquellenden Schriftrollen und Büchern gefüllt waren, sorgsam geordnet nach Größe und Farbe.
Konzentriert begaben sich die beiden mit geschlossenen Augen in einen tranceähnlichen Zustand, geistig fest miteinander verbunden. Ihre magischen Kräfte verstärkten sich und leise begannen sie damit, geheimnisvolle Formeln in rhythmischen Gesängen wiederzugeben. Ein nahezu liebreizender Gesang erfüllte den ganzen Raum und verbreitete sich leise, wie ein sanftes Summen im ganzen Elfenreich.
Langsam erhoben sie ihre Arme und öffneten die goldglühend strahlenden Augen. Ein Blick auf die Regale bestätigte die Frucht ihres Zaubers: Die Schriftrollen fingen an, sich eine nach der anderen gemächlich in die Luft zu erheben, um sich zu einer langen Kette aufzureihen. Die Rollen öffneten sich und veränderten dabei ihren Zustand. Sie verwandelten sich zu einzelnen Blättern, deren Zeichen, Bilder und Schriften sich miteinander zu einer sehr alten Schreibweise der Elfen verbanden, die nur noch von wenigen Gelehrten auf dieser Welt gelesen werden konnte. Die Elfen hatten sich in den letzten Jahrhunderten auf eine einfachere, aber viel längere Schreibweise festgelegt, damit auch andere Völker dieser Erde ihre Schriften erlernen und an ihrem Leben teilhaben konnten.
Nachdem sich alle Schriftrollen in dem Ledereinband vereinigt hatten, folgten die Bücher aus dem unteren Bereich des Regals, die sich schwebend durch die Luft bewegten. Sie schienen sich aufzulösen, um in denselben Zustand der Schriftrollen zu gelangen. Das magische Buch wuchs zusehends.
Immer noch in der geistigen Verbundenheit vereint, schritten Vallander und Lysana die Stufen hinauf und setzten sich auf den aufwändig geschnitzten und mit elfischen Runen verzierten Thron. Ihre Hände waren ineinander verschlungen, und ihr zusammengeschmolzener Geist erschuf aus ihren jeweiligen Erinnerungen weitere Blätter, die das Buch schließlich vervollständigten. Wie aus einem Traum erwachten die Elfenkönige aus ihrem Zustand. Erschöpft von der Kraft der Magie sackte Lysana zusammen und konnte sich gerade noch halten, um nicht ganz vom Thron zu fallen. Auch König Vallander war erschöpft, beide atmeten schwer.
Sie schauten benommen auf das Buch, das unter ihnen auf dem Tisch lag. Ein geheimnisvolles Schimmern ging von ihm aus. Wie von Geisterhand klappte es zu, und das Werk war vollendet. Sie hatten es erschaffen: Das Buch der Elfen.
Der Kampf begann. Vallander kämpfte mit seinen Truppen gegen die Flut des Heeres Myroons und den wolfsähnlichen Bestien, deren Größe fast die eines Pferdes erreichten.
Lysanas unheilvolle Vorzeichen schienen ihre Bestätigung zu finden, als Myroon das Schlachtfeld betrat. Jeder Baum, jede Pflanze und alles, was durch den Hauch des Lebens beseelt war, verdorrte, verlor seine Farbe und fiel in dem Moment wie Asche zu Boden, als Myroon es passierte. Der König und seine Krieger stellten sich furchtlos und mit stolz erhobenem Angesicht dem hoffnungslosen Kampf.
Viele Elfen waren schon gefallen, und noch immer hielt Vallander die heilige Klinge seiner Ahnen dem Monstrum entgegen, der mit der Kraft eines Riesen den mächtigen Runenhammer aus nachtschwarzem Eisen führte. Der Kampf wurde zu einem Duell und dauerte stundenlang an.
Dich schließlich entwaffnete Graf Myroon König Vallander, hob den Elfenkönig an einem Arm in die Luft und schmetterte ihn auf den felsigen Untergrund. Jeder Knochen des Elfenkörpers zerbarst, und der letzte Funke seiner Lebensenergie entwich in eine unendliche Tiefe.
Lysana spürte in jenem Moment des Todes, wie ein letztes Mal ein zärtlicher, tröstlicher Hauch über sie hinwegstrich, doch dann wurde es in ihrem Herzen kalt. Sie schob jeden Gedanken an Trauer beiseite und ließ einen Kurier mit seinem Pferd kommen. Lysana stand vor ihrem Heim und übergab dem Boten das Buch.
„Bringt das Buch zu König Edrolin. Rasch.“
Der Elf ergriff das Buch und steckte es in einen Ledersack, den er sich umhing. Leise flüsterte er seinem Pferd etwas zu: „felagar dagro gewin.“ Das Pferd wendete und galoppierte davon. Ein großer Schatten stellte sich in den Weg, und das Pferd wich nach rechts aus. Es war der Graf. Myroon hob seinen Runenhammer, schwenkte ihn in der Luft und schlug den Boten vom Pferd. Ein letzter Atemzug füllte die Lungen des Elfs, dann war er tot.
Myroon verharrte für einen Moment und sah auf den Boden. Dort lag der Ledersack, aus dem das Buch herausragte, welches in ein übernatürlich grünes Licht gehüllt war. Myroon konnte die Liebe förmlich spüren, durch die das Buch entstanden war, und sein Hass auf die Elfen wuchs.
„Vernichte es“, sprachen die Chaosgötter in seinem Kopf. Myroon nahm das Buch vorsichtig in die Hand und betrachtete es aufmerksam. Langsam drehte er sich um und ging der Elfenkönigin entgegen, die Myroon angstvoll ansah.
Über dem geschwächten Körper der Königin ragte nun das unförmige Scheusal auf, das einmal der Mensch, Graf Myroon, gewesen war. Triumph über den nahenden Sieg stieg in ihm auf. Ohne Zögern trat er mit seinem mächtigen Huf auf den schönen, zerbrechlichen und wehrlosen Elfenkörper, bis sein Gewicht auch dort den letzten Lebensfunken erlöschen ließ. Siegessicher hielt er das Buch in seinen Händen und streckte es dem Himmel entgegen, bereit, es seinen Göttern zu opfern. Er murmelte die Beschwörungsformel, welche das schwarze Feuer des Chaos herbeirufen sollte, um das Wunderwerk zu verschlingen.
Dermitian, der Älteste der angebeteten Elfengötter, spürte, dass Gefahr in Verzug war. Er sah, dass Myroon das Buch in den Händen hielt und der zerschmetterte Körper der Königin ihm zu Füßen lag. Dermitian musste das Buch retten, das Leben aller Elfen stand auf dem Spiel. Er entschied sich, es in Sicherheit zu bringen, möglichst weit weg und an möglichst viele Orte gleichzeitig. Er belegte das Buch mit einem Schutzzauber, der es nur wenigen Auserwählten möglich machen würde, die einzelnen Buchseiten zu berühren. Eine Krankheit würde über jene hereinbrechen, die sie in die Hand nehmen würden und sie mit Fieber und einem Tiefschlaf bestrafen, welcher zum baldigen Tode führen würde.
Ein Wind kam auf, zunächst so schwach, dass Myroon ihn nicht bemerkte. Dieser murmelte immer noch seine Beschwörungsformel, doch der Wind wurde stärker und wuchs in heftigen Böen zu einem Orkan heran. Myroon hatte Mühe, das Buch in seinen Händen zu halten.
Die Götter Myroons spürten die positive, magische Kraft, die sich um das Buch legte, und sie hatten Mühe, ihre schwarzen Flammen darauf zu lenken. Ein Kampf der Götter entbrannte, und bevor sich die Flammen um das magische Artefakt legen konnten, entglitt dem Chaoslord das Buch. Die Seiten schlugen um und wurden herausgerissen. In stürmischen Spiralen stiegen sie dem Himmel entgegen. Myroon fluchte und tobte, seine Augen loderten vor Zorn, doch er war machtlos. Der Wind trieb die Seiten in alle Himmelsrichtungen davon und somit vorerst in Sicherheit.
Das Volk der Flüsterwaldelfen war nie besonders groß und die wenigen Überlebenden über alle Lande verstreut. Sie schlossen sich anderen Elfenvölkern an, um gegen Myroon zu kämpfen.
Später, viele Jahre später erst konnte der grausame Feldzug Myroons durch eine Armee aus Menschen, Zwergen und Elfenvölkern gestoppt werden.
Gwain
Fröhlich schlenderte Helena über das Kürbisfeld und atmete die klare Luft ein, durchzogen vom Duft blühender Blumen und frischem Gras. Sie genoss den Blick über das grüne Land. Es war ein herrlicher Sommertag, und in der Ferne konnte sie die Pferde friedlich grasen sehen.
Helena schaute sich suchend nach dem schönsten Kürbis um. Sie wollte ihrem Gatten Palgon ein leckeres Gericht zum Abendessen zubereiten. Prüfend beugte sie sich zu einem Exemplar herunter und klopfte auf die harte Schale. Er hörte sich gut an, und so zog sie ein Messer aus der Tasche und schnitt ihn ab. Sie bückte sich, hob den schweren Kürbis hoch und musste schon nach kurzer Zeit feststellen, dass die Last zu groß war und sie eine kleine Rast einlegen musste. Auf einem Stein, angenehm von den Sonnenstrahlen erwärmt, setzte sie sich nieder.
Ihr aufmerksamer Blick wanderte über das Land und in der Ferne konnte sie eine große Gestalt ausmachen. Sie lächelte ein wenig, weil sie dachte, Palgon würde ihr zur Hilfe eilen. Helena umschattete mit ihrer rechten Hand die Augen und sah ihm entgegen. Doch schon nach kurzer Zeit musste sie erkennen, dass es keineswegs Palgon war, der dort auf sie zukam. Dieser Mann war größer und ganz in schwarzem Leder gewandet. Dazu trug er hohe, Metall beschlagene Stiefel, in denen sich das Sonnenlicht spiegelte. An seiner linken Seite hing ein Schwert, und als er fast vor ihr stand, konnte sie erkennen, dass seine Kleidung schon alt sein musste. An den Enden war sie ausgefranst, die Ärmel wiesen unzählige Löcher auf, und alles in allem wirkte der Mann dreckig und furchteinflößend. Tiefe Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben und sein Blick wanderte gierig über ihren Körper.
Gerade heute trug sie ein langes Sommerkleid, das ihr luftig um die schlanken Beine spielte. Helena sah mit ihren zwanzig Lenzen bezaubernd aus. Das hellbraune Haar fiel ihr voll und weich den Rücken hinunter, und all das schien der Fremde in einem Bruchteil von Sekunden begierig in sich aufzunehmen. Dann trafen sich ihre Augen und Helenas Herz begann schneller zu schlagen und sich förmlich zu überschlagen vor Furcht. Sie wandte sich unwohl unter dem Blick des Fremden und hob den schweren Kürbis auf. Verlegen versuchte sie, an ihm vorbeizugehen und nach Hause zu eilen, doch sie kam keine zwei Schritte weit, als der Mann sich ihr in den Weg stellte.
„Der Kürbis scheint schwer zu sein, kann ich Euch die Last abnehmen?“ Seine Stimme war rau und ließ einen eisigen Schauer über ihren Rücken rieseln.
„Nein … danke, es geht schon“, versuchte sie mit fester Stimme abzulehnen. Ein leichtes Vibrieren in der Stimme konnte sie jedoch nicht verhindern. Schnell ging sie Richtung Dorf, doch der Mann ließ sich nicht abschütteln und holte auf, um neben ihr zu gehen. Helena kämpfte gegen ihre Angst an und versuchte, einen möglichst ruhigen Eindruck zu machen.
„Wie darf ich dich nennen?“, sprach er sie wieder mit dieser unangenehm flüsternden Stimme an.
„Helena“, antwortete sie kurz und knapp, um nicht die Angst zu verraten, die der Mann schon längst gespürt hatte. Langsam überzog sich ihre Stirn mit kleinen Schweißperlen, nicht nur durch das Gewicht des Kürbisses, sondern durch die, in ihr aufsteigende Angst. Sie wollte aber nicht ruhen, solange dieser Fremde neben ihr ging, und so sammelte sie ihre letzte Kraft und trug den Kürbis, ohne ihre Ermüdung zu zeigen.
Der Mann hatte sehr wohl die Anstrengung bemerkt und nahm ihr den Kürbis einfach aus der Hand. Dabei berührten sich kurz ihre Finger und entsetzt ließ sie den Kürbis los, um der Berührung zu entgehen. Der Krieger fing den Kürbis geschickt auf und ging weiter. Dabei versuchte er, ein Gespräch mit Helena anzufangen.
„Wohnst du allein?“
Helena schüttelte heftig den Kopf und sagte schnell: „Nein, ich bin verheiratet. Mein Gemahl, Palgon Lordess, ist der Schmied des Dorfes und müsste jetzt bereits zu Hause auf mich warten, wenn er mir nicht schon entgegenkommt.“ Sie hoffte, dass man ihr diese Notlüge nicht ansehen würde. Ihr Ehemann würde sicher noch nicht zu Hause sein. Doch der Fremde ließ sich nichts anmerken und fragte nach ihrem Alter und ob sie Kinder hätte. Helena gab ihm einsilbig Antwort und war froh, als sie schließlich ihr Haus erblickte.
„Wir sind da, ich kann den Kürbis jetzt allein tragen. Das Haus dort ist es.“ Und sie zeigte vage in die Richtung einiger Häuser. Fast erwartete sie, dass der Fremde nicht gehen würde, aber er verabschiedete sich freundlich und ging fort. Helena atmete erleichtert auf, wandte sich um und eilte zu ihrer Haustür, die sie mit der Schulter aufdrückte. Überrascht sah sie, dass Palgon bereits am Tisch saß und auf sie wartete. Sie lächelte erfreut und wollte die Tür hinter sich schließen, als diese mit einem kräftigen Stoß geöffnet wurde. Helena bekam die Tür an den Kopf und stürzte bewusstlos zu Boden. Krachend fiel der Kürbis auf die Erde und zerbrach in der Mitte. Erschrocken sprang Palgon auf, um seiner Frau zu Hilfe eilen, doch der Eindringling hatte den Raum bereits betreten und stellte sich zwischen die beiden. Palgon blieb keine Zeit für Fragen. Er spürte die Bedrohung, die von diesem schwarz gekleideten Fremden ausging.
Palgon griff nach einem Kurzschwert, welches er gerade fertig geschmiedet hatte und noch vor ihm auf dem Tisch lag. Er wollte den Mann mit einem Hieb aufhalten, doch er hatte die Kraft und die Geschicklichkeit des Angreifers unterschätzt. Der Krieger war ein Söldner und unter härtesten Bedingungen ausgebildet und aufgewachsen. Mit einer einzigen fließenden Bewegung zog er sein Schwert aus der Scheide und hieb Palgon den Schlagarm ab. Blut schoss aus dem Stumpf und Palgon schaute mit weit aufgerissenen Augen auf seinen Arm, der nun mit dem Schwert in der Hand auf dem Boden lag. Panik erfüllte ihn, Todesangst durchschoss seinen Körper und mit einem kraftvollen Aufschrei wollte er mit der linken Hand unbeholfen nach dem Schwert greifen, doch der Söldner schwang ein weiteres Mal sein Schwert und enthauptete Palgon mit einem einzigen Hieb. Der Kopf rollte über den Boden, die großen Augen starrten ins Leere. Der Eindringling wandte sich ab. Das Blut strömte weiter aus dem toten Körper und sickerte in die Spalten des Holzbodens.
Langsam schritt er auf Helena zu. Er hob sie vom Boden hoch und warf sie auf den Tisch. Helena kam langsam zu sich und öffnete benommen die Augen. Sie schaute in die grinsende Fratze des schwarzen Kriegers.
„Jetzt wirst du Bekanntschaft mit Staarbag machen.“ Helena sah ein dreckiges Lachen im Gesicht des Söldners und sein stinkender Atem schlug in ihr Gesicht.
Helena kam erst wieder bei einer Bäuerin aus der Nachbarschaft zu sich. Sie spürte sofort die höllischen Stiche in ihrem Unterleib, und auch ihr Kopf schien vor Schmerz platzen zu wollen. Ganz langsam kam Helena wieder zu Sinnen und bemerkte, dass die Nachbarin ihre Hand hielt. Als diese merkte, dass Helena das Bewusstsein wiedererlangte, eilte sie hinaus, um frisches Wasser zu holen. Entsetzt richtete Helena sich auf und suchte mit ihren Blicken nach Palgon. Sie bemerkte, dass ihr Kleid zerrissen war. Langsam kam die Erinnerung zurück. Sie sprang auf und rannte zu ihrem Haus hinüber. Die Bäuerin kam gerade mit einem Glas Wasser aus der Küche und wollte sie aufhalten, doch Helena war mit bleichem Gesicht und schmerzendem Körper bereits an ihr vorbeigelaufen. Ihre Beine wollten immer wieder nachgeben, doch sie sammelte ihre letzten Kräfte zusammen und stieß die Tür zu ihrem Haus auf.
Zuerst sah sie nur Blut. Überall an den Wänden, auf dem Boden, ja, selbst an der Decke konnte sie die roten Flecken erkennen. Plötzlich sah sie ihren Mann auf dem Boden liegen. Ihr Herz wollte nicht wahrhaben, was ihre Augen sahen, doch der Verstand flüsterte ihr die grausame Wahrheit zu. Der Kopf ihres geliebten Mannes lag mit gebrochenen Augen in der Zimmerecke, und der Körper war zwischen dem Tisch und der Küchenbank zusammengebrochen. Helena spürte eine Bewegung an ihrem Arm und schrie in Todesangst auf. Es war ihre Nachbarin, die sie fest am Arm packte und nach draußen zerrte. „Du kommst sofort da raus, Helena!“ Dort fiel Helena in eine tiefe Ohnmacht. Die Bäuerin holte rasch ihren Mann und gemeinsam trugen sie Helena zu sich nach Haus. Fürsorglich legten sie Helena ins Bett und hielten Wache.
Erst am nächsten Tag kam sie wieder zu sich, und nur langsam setzte die Erinnerung an den gestrigen Tag wieder ein. Helena blickte sich verzweifelt um, in der Hoffnung, alles sei ein Albtraum gewesen und Palgon würde hier neben ihrem Bett stehen und sie liebevoll anblicken. Doch sie schaute nur in die Augen der Bäuerin, die sie mitfühlend ansah. Immer wieder strich sie Helena beruhigend über den Kopf und sprach tröstende Worte.
„Es tut mir so leid, liebste Helena. Wir konnten den Mann nicht aufhalten. Er stahl euer Pferd und ritt davon. Keiner wagte es, sich ihm in den Weg zu stellen. Niemand wollte so enden wie Palgon. Wir hätten seinen Tod nicht ungeschehen machen können und wollten nicht noch jemanden zu Grabe tragen müssen.“ Helena nickte automatisch und langsam liefen ihr die Tränen über die Wangen. Mit einem Aufschluchzen fiel sie der Bäuerin in die Arme und weinte ihre Verzweiflung laut heraus.
Helena blieb viele Monate bei der Bäuerin wohnen und brachte es nicht übers Herz, ihr ehemaliges Zuhause noch einmal zu betreten. Palgon wurde in einer feierlichen Zeremonie beerdigt, und Helena verbrachte Stunden an seinem Grab, an dem sie Zwiegespräche mit ihm führte.
Sehr oft hatte sie das Gefühl, ihr Herz würde vor Kummer zerspringen. Helena bemerkte, dass sich ihr Körper in den Wochen nach dem Überfall langsam veränderte. Ihre Hüften wurden runder, und die Brust schien zu schwellen. Sie sah nicht, wie die Bäuerin sie hin und wieder von der Seite prüfend anschaute und ein zweifelndes Gesicht machte. Es vergingen einige Wochen, und eines Morgens stellte Helena fest, dass sich ihr Bauch wölbte. Langsam wich der Schock und führte sie brutal in die Wirklichkeit zurück. Mit einem entsetzten Blick betrachtete sie ihr Spiegelbild. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie die Veränderungen nicht schon vorher wahrgenommen hatte. Die runderen Hüften, die Gewichtszunahme und die volleren Brüste. Ihre Freundinnen hatten sich doch immer unter viel Getuschel und Gelächter die Symptome der Schwangerschaft erzählt. Sie hatte bis dahin immer mit leicht geröteten Wangen zugehört und sich gewünscht, bei Palgon und ihr würde sich ebenfalls ein Kind ankündigen, doch jeden Monat war ihre Hoffnung aufs Neue zunichte gemacht worden. Nun schien der Wunsch in Erfüllung zu gehen, doch kein freudiger Funke regte sich in ihr. Sie konnte im Spiegel ihr bleiches Gesicht sehen, aus dem sie ihre großen, entsetzten Augen anblickten. Dieser Teufel hatte seinen Samen gesät und in ihr würde er wachsen. Helena riss sich von ihrem Spiegelbild los und straffte die Schultern. Sie durfte den Dorfbewohnern nichts von der Schande erzählen. Sonst würde es das Kind immer zu spüren bekommen. Helena beschloss, es als ein Wunschkind von Palgon und ihr auszugeben. Sie hoffte sehr, dass es ihr gelingen würde, dem Kind eine gute Mutter zu sein.
Bei der nächsten Gelegenheit berichtete Helena der Bäuerin von ihrer Schwangerschaft und beteuerte, dass sie sehr froh darüber sei, von Palgon dieses Geschenk noch vor seinem gewaltsamen Tod erhalten zu haben.
„Gerda. Es ist dir sicher nicht entgangen, wie sich mein Körper verändert hat. Ich bin schwanger.“ Lächelnd sah sie Gerda an. „Es hatte noch in der letzten Woche, in der Palgon lebte, geklappt. Es muss ein Geschenk Gottes sein. Wir haben es uns doch so sehr gewünscht.“
Gerda sah Helena ein wenig zweifelnd an, doch schien sie sehr froh über diese Neuigkeit zu sein. Alle Nachbarn schlossen sich zusammen und verbrannten das Haus von Helena und Palgon. Der Anblick verkündete zu viele schreckliche Erinnerungen. Die Dorfbewohner errichteten ein kleines Haus für sie, direkt neben der alten Schmiede, in dem im nächsten Frühjahr ihr Sohn das Licht der Welt erblicken sollte. Helena wollte die Schmiede um jeden Preis erhalten, betrat sie aber nie.
Die Geburt stand bevor, und Helena gebar einen prächtigen Jungen, der sie voller Vertrauen anschaute, sodass sie ihn nicht für die Tat seines Vaters hätte büßen lassen können. Sie verschloss den Schmerz der vergangenen Monate in ihrem Herzen und verdrängte Staarbag aus ihren Gedanken. Sie gab dem Jungen den Namen Gwain Lordess.
Ein komischer Geselle
Die Jahre vergingen so schnell wie die Sonne von Osten nach Westen zog. Von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, sprang Gwain, munter wie er war, aus dem Bett. Ihm schien, als würde es ein besonderer Tag werden. Er hatte keine Erklärung dafür, aber da war so ein Gefühl in ihm.
Mit seinen 18 Lenzen war Gwain ein kräftiger und großgewachsener, junger Mann geworden, der durch die Arbeit auf dem Feld starke Arme und breite Schultern bekommen hatte. Seine Gesichtszüge wiesen schon markante Züge auf, seine Augen blitzten übermütig und ließen erkennen, dass er zu jedem Schalk bereit war. Gwain hatte nicht nur viel Freude daran, seiner Mutter Gutes zu tun, er übte auch fleißig das Kämpfen mit einem Holzschwert – dies tat er, seitdem er das Schwert tragen konnte. Er kämpfte mit einem imaginären Feind und führte das Schwert geschickt. Leicht außer Atem blieb er stehen und bemerkte einen Mann, der langsam auf das Dorf zukam und sich immer wieder interessiert umschaute. Er schien seine Umgebung sehr genau zu studieren.
Gwain beobachtete den kleinen Mann mit der freundlichen Ausstrahlung neugierig, und sah die vielen, teilweise tiefen Falten in dessen braun gegerbten Gesicht und die langen, schon fast grauen Haare, die zu einem Zopf geflochten waren. Der Mann schien weder aus einem Nachbardorf zu stammen, noch aus der nahen Umgebung. Der Fremde blieb vor Gwain stehen und sah ihn aufmerksam und lächelnd an.
„Du machst das zwar schon ganz gut, aber nicht effizient genug. Nach kurzer Zeit bist du außer Atem und nicht mehr imstande, den Kampf zu gewinnen.“
Gwains Stirn zog Falten und sein Blick versprach keine Freundlichkeit.
„Wer hat dir dieses Schwert geschnitzt?“, fragte der Fremde und verbeugte sich zur Begrüßung leicht.
Zögerlich antwortete Gwain: „Mein Vater Palgon. Er war hier der Schmied im Dorf, doch er ist schon lange tot.“ Gwain wandte sich wieder von ihm ab und wollte seine Schlagfolgen fortsetzen.
„Das tut mir sehr leid. Es war nicht meine Absicht, dass deine Gedanken schlechte Erinnerungen herbeiholen“, sagte der Mann mit einer so herzlichen Stimme, dass Gwains angeschlagene Laune verflog.
„Ist schon okay“, erwiderte Gwain. „Ich habe ihn niemals kennen gelernt, er ist vor meiner Geburt gestorben.“ Ein kurzes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, doch die Stille war keineswegs unangenehm. Vielmehr herrschte zwischen ihnen ein seltsam freundschaftliches Einvernehmen, und sie schauten sich lange lächelnd an.
Die Stille wurde von Helenas Stimme unterbrochen: „Gwain!“
Gwain und der Fremde schauten in ihre Richtung.
Helena kam langsam näher und stellte sich abwartend neben ihren Sohn. Sie musterte den Mann verstohlen von oben bis unten. Er sah nicht aus, als würde er aus der Gegend kommen. Ihr Blick blieb an seinem Gesicht hängen und sie merkte, wie er sie ebenfalls leicht lächelnd ansah. Auch Gwain lächelte. Ihr Gesicht wurde rot vor Verlegenheit. Mit seinen tiefen Falten in seinem Gesicht strahlte der Fremde eine Freundlichkeit aus, die das fröhliche Blitzen seiner Augen noch verstärkte. Helena begrüßte ihn freundlich und fragte ihn nach seinem Begehr.
Der Mann verbeugte sich mit einer leichten Handbewegung und sagte: „Guten Tag, junge Frau, und guten Tag, junger Mann, entschuldigt meine Unhöflichkeit. Ich hatte mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Zet. Seit vielen Jahren bin ich schon auf einer großen Fahrt und des Reisens nun überdrüssig geworden. Ich bin auf der Suche nach einem Plätzchen, wo ich Ruhe finden und mich von der Mühe des Lebens ausruhen kann. So kam ich in Euer Dorf. Es erfüllt meine Augen mit Freude, diese schöne Landschaft zu betrachten. Ihr Sohn erzählte mir soeben, dass sein Vater, der Schmied dieses Dorfes, verstorben sei. Auch Euch möchte ich mein Bedauern mitteilen. Sollte sich hier kein Nachfolger angesiedelt haben, so würde ich mir sehr gerne die alte Schmiede anschauen, da ich selbst die Kunst des Schmiedens beherrsche. Vielleicht finde ich so die Erfüllung und die Ruhe, nach der ich mich sehne.“ Lächelnd und mit einem eindringlichen, aber sehr wachsamen Blick, schaute er Helena direkt in die Augen.
Seit dem Tag der brutalen Zeugung von Gwain mied Helena Fremde. Sie blieb in der Nähe des Dorfes und fühlte sich ausschließlich dort einigermaßen sicher. Doch bei diesem Mann war es etwas anderes. Er strahlte so viel herzliche Güte aus, dass sie sich in seiner Gegenwart nur wohl fühlen konnte. So ein Gefühl kannte Helena nicht und sie war wie von Sinnen.
„Mein Name ist Helena Lordess“, sagte sie ohne zu zögern, „meinen Sohn habt Ihr ja bereits kennen gelernt. Ich zeige Euch gerne die Schmiede, doch sie wurde nur von einigen Bauern des Dorfes und von meinem Sohn benutzt und befindet sich in keinem guten Zustand.“ Helena wandte sich um und machte Zet mit einer Geste klar, dass er ihr folgen sollte. Gwain schloss sich an, und so betraten sie die alte Schmiede.
Für Helena das erste Mal seit 19 Jahren. Die Tür knarrte fürchterlich beim Öffnen, überall hingen Spinnenweben und das Werkzeug lag noch so, wie es der letzte Benutzer abgelegt hatte – überzogen von einer dicken Staubschicht. Es gab Helena einen Stich, als sie den Raum betrachtete und ihre jahrelang unterdrückte Trauer spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. Zet konnte es ihr ansehen, und er hätte Helena gerne in seine Arme genommen und die Trauer weggewischt. Er fühlte sich vom ersten Moment an zu ihr hingezogen und war überrascht von seinen Gefühlen. Er schüttelte unmerklich den Kopf und unterbrach die Stille.
„Es ist wunderbar hier. In der Schmiede ist alles vorhanden, was ich brauche. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich hier wohnen und arbeiten könnte. Dann werde ich feststellen, ob dies der richtige Ort für das Ende meiner Reise ist.“
Helena schrak aus ihren schmerzlichen Erinnerungen hoch und sah Zet an. Auch sie spürte bereits eine gewisse Vertrautheit, konnte sie sich aber nicht erklären.
„Die Schmiede besteht nur aus diesem einen Raum. Ihr hättet keinen weiteren für eine Schlafmöglichkeit“, antwortete Helena zögernd. Es würde ihr leidtun, wenn Zet aus diesem Grunde weiterziehen würde, doch dieser winkte ab.
„Das ist das kleinste Übel. Ich werde fürs Erste hier schlafen und mir später einen geeigneten Raum anbauen. Was verlangt Ihr für die Schmiede?“
Helena schwieg eine ganze Weile nachdenklich. „Darüber habe ich mir nie Gedanken machen müssen. Es genügt, wenn Ihr zu unserem Schutz da seid und mich bei der Ernte unterstützt. Mehr kann ich für dieses alte Gebäude nicht verlangen.“
Zet nickte zustimmend. „Das ist ein fairer Preis, und ich nehme das Angebot sehr gerne an.“ Sie reichten einander die Hand und besiegelten die Abmachung. Seine Hand war sanft, warm und kräftig zugleich und ein angenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Arm aus. Schnell zog sie ihre Hand zurück und strich verlegen über ihr Kleid. Doch Zet schien ihre Verlegenheit nicht zu bemerken. Er holte einen Beutel aus seinem Gepäck und gab ihr noch vier kleine Goldstücke. Die Münzen sahen seltsam aus, keine ähnelte der anderen, doch sie hatte keinen Zweifel an ihrer Echtheit.
Dieses Jahr war die Ernte sehr schlecht ausgefallen, und Helena konnte die Goldstücke gut gebrauchen. So musste sie sich für eine lange Zeit keine Sorgen machen. Es lagen schon zu viele entbehrungsreiche Jahre hinter ihr, als dass sie das nicht zu schätzen wusste. Außerdem freute Helena sich, einen Mann in der Nähe zu haben. Nach wie vor hatte sie Albträume, und die Angst war ein ständiger Begleiter. Gwain war zwar schon fast erwachsen, doch immer noch ein Kindskopf und unerfahren. Ihm hatte sie nie die Last der Verantwortung, für den Schutz der Familie da zu sein, aufbürden wollen.
Zet ließ seinen Rucksack in eine Ecke fallen und riss die Fenster der Schmiede auf. Helena stand noch eine Weile unentschlossen in der Mitte des Raumes, umgeben von Staubwolken, die durch den Wind aufgewirbelt und von den Sonnenstrahlen förmlich zum Glühen gebracht wurden. Als sie sah, dass es nichts mehr zu besprechen gab, verabschiedete sie sich von Zet und ging wieder an ihre Hausarbeit. Doch Gwain blieb bei dem Fremden und half ihm, die Schmiede wieder zurück in einen wohnlichen Ort zu verwandeln.
Schon früh am nächsten Morgen hörte Helena Zet in der Schmiede arbeiten. Er reinigte den Raum und verstaute das Werkzeug, das trotz der Zeit immer noch gut erhalten war. Gwain war froh über die Abwechslung und packte gerne mit an. Zet fragte ihn, ob er ihm bei dem Bau eines weiteren Raumes behilflich sein wollte.
„Ich habe dich gestern beobachtet. Du bist schon sehr geschickt mit dem Schwert. Als Gegenleistung für deine Hilfe würde ich dich die Kunst des Schwertkampfes lehren.“
Gwain sah ihn strahlend an. „Ihr seid des Schwertkampfes mächtig?“, rief er begeistert.
Zet lächelte über den Enthusiasmus des Jungen. „Ja, Gwain, ich bin Waffen- und Schmiedemeister. Als solcher kann ich dir alles über die Kunst des Bogenschießens und des Schwertkampfes beibringen. Die Schwerter schmiede ich selbst, und eine Rüstung könnte ich auch herstellen. Das erfüllt mich jedoch mit weniger Freude“, antwortete Zet.
Gwain sagte ihm sofort seine Hilfe zu und machte sich mit Feuereifer ans Werk. Zet musste ihn zwischendurch immer wieder bremsen, da Gwain oft mehr Staub aufwirbelte als beseitigte. Doch am Abend war die Schmiede hergerichtet, und Zet hatte sich eine behagliche Ecke für seinen Schlafplatz zurechtgemacht.
Zum Abschluss saßen sie erschöpft, aber zufrieden in der Schmiede. Gwain wirkte wie aufgedreht. Viele Fragen zur Kampfkunst, zum Schwertkampf und zu Zet selbst beschäftigten ihn. Endlich schien es so, als könne er seinen Traum verwirklichen und das Bogenschießen von einem Meister erlernen. Er war begierig, es so perfekt zu beherrschen, weil er seine Mutter vor allen Gefahren allein schützen wollte, denn er wusste sehr wohl, unter welchen Umständen er gezeugt worden war. Helena hatte ihm eines Tages behutsam die Geschichte erzählt, bevor er sie aus dem Getuschel der Dorfbewohner entnehmen konnte. Seine Mutter hatte es ihn zwar nie spüren lassen, doch beschämte es ihn oft, Sohn eines solchen Vaters zu sein. Da die Dorfbewohner jedoch der Meinung waren, dass Palgon sein Vater wäre, behielten Helena und Gwain die Wahrheit fest in ihren Herzen verschlossen und sprachen seit diesem Tage nie wieder darüber.
Er spürte kein Mitleid oder gar eine Verbundenheit mit seinem leiblichen Vater. Gwain hasste ihn aus tiefstem Herzen und gierte danach, ihm eines Tages als ebenbürtiger Gegner gegenüber zu stehen. Bis dahin war es nötig, ebenfalls über große Fähigkeiten in der Kampfkunst zu verfügen.
Zet wusste von alledem nichts. Er freute sich über das Interesse und die Begeisterung von Gwain. Schon lange war er auf der Suche nach einem Menschen, an den er sein Wissen weitergeben konnte und der ihn vielleicht einmal begleiten würde. Seine Reise war noch nicht beendet, so wie er Helena hatte glauben machen wollen. Doch es war an der Zeit, sich auszuruhen, und er freute sich, Gwain unterrichten zu können. Zet spürte, dass in Gwain ein starker Kampfgeist brodelte und er einen ausgeprägten Willen hatte. Zet genoss diesen Abend sehr und freute sich auf die kommenden Wochen und Monate.
Gleich am nächsten Tag besorgte Zet mit Gwains Hilfe Holz für den Anbau. In der kommenden Woche waren beide mit dem Bau des Schlafraumes beschäftigt, doch zwischendurch zeigte ihm Zet immer schon ein paar Übungen mit dem Schwert.
Die Dorfbewohner begegneten Zet am Anfang mit Misstrauen und schalten Helena für ihre Gutgläubigkeit. Wie hatte sie einem Fremden sofort die Schmiede überlassen können? Gar nichts wusste sie über Zet. Doch sehr schnell merkten die Bewohner, wie gut Zet ihr tat. Helena hatte seit vielen Jahren wieder ein Lächeln auf den Lippen und trug helle Kleidung. Sie konnten sehen, wie geschickt Zet im Schmiedehandwerk war und nahmen seine Dienste gerne in Anspruch. Dabei konnten sie sich schnell von seiner Redlichkeit überzeugen. Zet war hilfsbereit und freundlich und wurde schon bald herzlich in ihrer Mitte aufgenommen.
Wie er Helena versprochen hatte, half er bei der Ernte und auch sonst bei allen anfallenden Arbeiten. Gerne saßen sie zu dritt abends auf der Terrasse oder in Helenas gemütlicher Küche und unterhielten sich. Zet war weit gereist und konnte viele Geschichten erzählen und Helena und Gwain hingen begierig an seinen Lippen. Sie waren nie aus dem Dorf herausgekommen und staunten über die bunte Welt hinter den Hügeln. Zet erzählte so lebendig, dass die beiden den Eindruck hatten, sie würden ihn auf seinen Reisen begleiten. Nur den Fragen nach seiner Familie wich er geschickt aus. Darüber wollte er nicht sprechen und Helena gab, wie sie sich selbst eingestehen musste, enttäuscht auf. Sie hätte zu gern mehr über diesen Mann gewusst, der ihr Herz so seltsam berührte.
Eines Abends ging Gwain noch einmal zur Schmiede hinüber. Er sah, dass Zet wach sein musste, da der Raum noch schwach beleuchtet war. Als er näher kam bemerkte er, dass Zets Fenster offen stand und wollte ihm schon einen Gruß zurufen, doch etwas hielt ihn davon ab. Er blieb stehen und sah in den Raum hinein. Das Leuchten, welches er schon von weitem gesehen hatte, kam von etwas, das Zet in den Händen hielt. Es schien sich dabei um ein paar Blätter zu handeln, die eigenartig grün schimmerten. Als er die Szene länger beobachtete, sah er, dass es nicht die Blätter waren, die leuchteten, sondern die Schriftzeichen, die auf den Blättern standen. Zet spürte sehr wohl, dass Gwain ihn beobachtete, doch er ließ sich nichts anmerken und las ruhig weiter. Nach einer Weile zog sich Gwain zurück und ging zum Haus. Er brannte vor Neugierde, doch er scheute sich, Zet darauf anzusprechen. Es schien etwas sehr Geheimnisvolles zu sein, denn von solchen Dingen hatte Gwain weder gehört noch selbst Derartiges gesehen. Vielleicht würde Zet es ihm ja eines Tages von selbst erzählen.
Zet hatte sehr schnell gemerkt, wie lernfähig Gwain in der Kampfkunst war. Am Anfang ließ er ihn mit dem Holzschwert üben, um eine Verletzungsgefahr auszuschließen. Unermüdlich übte Gwain mit seinem Schwert Angriffe und Paraden. Zet musste ihn manchmal bremsen, weil ihm langsam die Luft ausging und er auch noch andere Dinge zu erledigen hatte. Er spürte, dass er einen würdigen Nachfolger gefunden hatte.
Am nächsten Morgen kam Gwain wie immer gleich nach dem Frühstück zu ihm gelaufen und schwang schon übermütig sein Schwert, doch Zet hob die Hand. „Warte, ich muss erst mit dir reden“, sprach er.
Gwain bekam gleich ein schlechtes Gewissen, weil er Zet gestern heimlich beobachtet hatte. Doch dieser sah nicht böse aus und so sah er ihn erwartungsvoll an. „Über was möchtest du mit mir sprechen?“
Zet schien nach Worten zu suchen. Er schwieg eine lange Weile, sodass Gwain schon ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat. Dann setzte er sich abwartend auf den Boden und stützte seinen Kopf mit den Händen ab. Zet ging langsam auf und ab. Eine Hand hielt er auf den Rücken und mit der anderen strich er sich ständig über das Kinn. Nach einiger Zeit fragte Gwain noch einmal: „Nun sag schon, was ist so wichtig, dass wir nicht mit dem Training fortfahren können?“
Zet unterbrach seine Wanderung und blieb vor Gwain stehen. Er sah auf ihn herunter und antwortete: „Du warst gestern bei mir und hast durch das Fenster geschaut.“ Es war keine Frage und Gwain schaute ertappt zu Boden. Bevor er noch nach Worten suchen konnte, sprach Zet schon weiter: „Es war nicht falsch und ich bin dir auch nicht böse. Ich wollte dich gerade auffordern, ins Haus zu kommen, doch da warst du bereits gegangen. Deshalb möchte ich dir jetzt von den geheimnisvollen Seiten erzählen.“ Er schwieg wieder, und Gwain zappelte bereits ungeduldig auf dem Boden. Das schien eine spannende Geschichte zu werden.
„Die Seiten, die du gestern gesehen hast, gehören zu einem wichtigen Buch. Das Buch der Elfen.“
Gwain flüsterte die Worte nach. „Das Buch der Elfen. Dann gibt es sie wirklich.“ Die Worte klangen geheimnisvoll und abenteuerlich. Gebannt starrte er Zet an und wartete auf eine Erklärung.
„Das Buch der Elfen ist von enormer Wichtigkeit für das Überleben dieses Volkes“, fuhr Zet fort. „Vor langer Zeit wurde es in einem Kampf zerrissen und die Seiten vom Wind über das ganze Land getragen. Nur wenn es gelingt, die Seiten zu finden und das Buch wieder zusammenzusetzen, wird das Volk überleben. Schon viele Jahre bin ich auf der Suche nach verlorenen Blättern. Sie verfügen über einen magischen Zauber, der sie nicht alt werden lässt. Auch Feuchtigkeit kann dem weißen, marmorhaften Pergament nichts anhaben. Es ist an der Zeit, die Reise zu Ende zu führen. Das Volk wird schwächer und schwächer.“
Es wurde ein langes Gespräch. Zet berichtete Gwain von dem Kampf zwischen Myroon und den Elfen und wie es dazu kam. Außerdem erzählte er ihm so ausführlich von dem Elfenvolk, dass Gwain den Eindruck hatte, er würde sie vor sich sehen.
„Sie sind ganz anders als du. Ihre Erscheinung und ihre Bewegungen sind so zart und geschmeidig, die Gestalt so schlank und graziös, und ihre Ohren laufen oben spitz zu.“ Zet lachte ein wenig. „Sie haben keinen Bartwuchs wie du und tragen lange Haare. Ihre Gewänder sind aus edlem Stoff, und ihre Schneiderkunst ist unerreichbar. Zudem beherrschen sie in einzigartiger Weise die Kunst des Schmiedens. All ihre Waffen und Rüstungen sind aufwändig verziert. Sie leben und wohnen im Einklang mit der Natur. Sie töten nicht ohne Grund, denn das Leben ist für sie das größte Gut.“
Gwain hörte aufmerksam zu, und was er hörte, gefiel ihm.
„Du wirst sie sehen und kennen lernen. Doch nicht ohne Grund möchte ich dich zu einem Meister in der Kampfkunst ausbilden. Ich wäre glücklich und beruhigt, wenn du mich auf dieser Reise begleiten könntest. Doch dazu müssen wir das Einverständnis deiner Mutter bekommen. Es wird ihr nicht leichtfallen, dich gehen zu lassen.“ Zet schwieg einen Augenblick. „Würdest du mich denn überhaupt begleiten wollen?“ Erwartungsvoll blickte er zu Gwain.
Der sprang begeistert auf. „Natürlich, ich kann es kaum erwarten.“ Die Aussicht auf ein solches Abenteuer überwältigte ihn. „Wann geht es los?“
„Nun mal langsam. Du musst noch sehr viel lernen, was die Kampfkunst betrifft und wir müssen sehr genau überlegen, welchen Weg wir gehen. Das Gespräch mit deiner Mutter liegt mir auf der Seele. Wir können nichts ohne ihre Einwilligung unternehmen. Morgen werden wir weiter trainieren. Ich habe nun noch zu tun. Geh heim und bitte … noch kein Wort zu deiner Mutter.“
Gwain versprach es schweren Herzens. Er malte sich schon die kühnsten Abenteuer aus.
In den kommenden Monaten übten sie intensiv den Schwertkampf. Zet hatte für Gwain eine große Figur aus Holz geschnitzt, die er mit seinem Schwert bearbeiten konnte. Er freute sich sehr über die Ausdauer und den eisernen Willen seines Schülers und war stolz auf die Fortschritte, die Gwain machte. Er zeigte großes Geschick im Umgang mit Pfeil und Bogen, und schon bald traf er jedes Ziel fast so sicher wie sein Meister selbst. Auch die Grundkenntnisse des Meditierens brachte Zet Gwain bei. Sie übten nach jedem Training. Die Vorteile erkannte Gwain schnell: Nach jeder Meditation war er erfüllt mit neuer Energie und frischer Kraft.
Jeden Tag arbeitete Zet längere Zeit in der Schmiede. Er plante eine besondere Überraschung zu Gwains zwanzigstem Geburtstag. Er schmiedete ihm ein Katana, ein leicht gebogenes Langschwert, welches Zet selbst auch besaß. Das erste echte Schwert, das Gwain besitzen würde. An diesem arbeitete er nur in den Abendstunden, wenn Gwain nach Hause gegangen war, über Tag nahm er ihn mit in die Schmiede und zeigte ihm die Herstellung von Schwertern und Rüstungen. Nebenbei erfuhr Gwain, wo eine Rüstung am empfindlichsten ist, oder wie ein Gegner trotz Rüstung zu besiegen war. Das Holzschwert war durch das intensive Training bereits zerbrochen, und die beiden hatten sich neue Schwerter geschnitzt. Nun begann der Trainingskampf mit einem Gegner. Zet brachte Gwain ordentlich ins Schwitzen. Er übte das Parieren der Angriffe und das Taktieren des eigenen Angriffs.
An Gwains Geburtstag kam Zet schon sehr früh in Helenas Haus. In der Hand trug er einen länglichen Gegenstand, der in ein weißes Tuch gewickelt war. Helena musterte erstaunt Zets Gewand. Er trug einen weich fließenden Stoff, den sie noch nie an ihm gesehen hatte, es schien ein Gewand für festliche Anlässe zu sein. Herzlich gratulierte er Gwain und überreichte ihm feierlich das Paket.
„Ich möchte, dass du dieses Schwert entgegennimmst. Gerne möchte ich dich zu einem Waffenmeister ausbilden, sodass du dieses Schwertes würdig bist.“ Mit einer leichten Verbeugung übergab er sein Geschenk.
Gwain nahm es ehrfürchtig entgegen, und seine Wangen färbten sich vor Freude leicht rot. Langsam schlug er das Tuch auseinander und betrachtete das Schwert überglücklich. Er zog es aus der Scheide heraus: Es war ein langes, leicht gebogenes Schwert mit einer polierten Klinge, dessen Schneide wellenförmig geschliffen war.
„Dies, Gwain, ist ein Katana. Durch die leichte Biegung dient es beim Kampf besser als Verlängerung deines gebeugten Arms. Es ist viel leichter als ein gewöhnliches Schwert. Der Griff, Tsuka genannt, ist mit Leder überzogen und zusätzlich mit Baumwollband umwickelt. Es ist so scharf, dass du damit sogar durch leichte Rüstungen schlagen kannst.“
Gwain wusste nicht, was er sagen oder wie er Zet für ein solches Geschenk danken sollte. Überwältigt ging er auf seinen Lehrer zu und umarmte ihn stumm.
Helena hatte die ganze Zeit still daneben gestanden und die beiden beobachtet. In den vergangenen Monaten war ihr Zet sehr ans Herz gewachsen. Sie mochte seine ruhige und freundliche Art und zum ersten Mal seit Palgons Tod spürte sie, wie ihr Herz sich regte. Sie war überglücklich, dass Gwain einen solchen Lehrer gefunden hatte. Er gehörte bereits zu ihrer kleinen Familie und ließ das vergangene Unglück in den Schatten treten.
Zet räusperte sich gerührt und klopfte Gwain auf die Schulter.
„Ist gut, Junge, deine Ausbildung ist noch nicht beendet und du wirst zeigen müssen, dass es das richtige Geschenk für dich gewesen ist, sobald du sie beendet hast.“
Gwain nickte. „Ich werde alles dafür tun.“ Nach einer kurzen Pause fügte er noch mit einem schiefen Lächeln „Meister“ hinzu.
Die drei setzten sich in die Küche. Zet fühlte, dass die Zeit gekommen war, ein wenig mehr von sich zu erzählen. So berichtete er Helena von dem Krieg im Flüsterwald mit dem bösen Grafen Myroon. Gwain hatte bereits einiges davon gehört. Zets Frau war eine Elfin gewesen und als der Krieg ausbrach, kamen sie und sein Sohn darin um. Einige Elfen konnten fliehen, mehr noch starben. Zet schwieg und versuchte, seine Fassung zu behalten. Helena konnte sehen, wie nah es ihm noch immer ging, und sie verstand ihn gut.
„Ich wurde aus meiner Heimat vertrieben und schloss mich einer Streitmacht der Menschen und Zwerge an. Zusammen mit anderen Elfenvölkern haben wir erneut gegen Graf Myroon gekämpft und letztendlich gesiegt. Bei der Schlacht um das Elfenland wurde das Buch zerrissen und erst Jahre später hat das Elfenvolk die Auswirkungen gespürt. Die Elfenkönige wurden schwächer, und das Lebenslicht begann zu verblassen, obwohl dies bei Elfen eigentlich unmöglich ist, da sie unsterblich sind. Sehr schnell war klar, dass der Verlust des Buches damit zusammenhing und ich habe beschlossen, mich mit einigen anderen Wohlgesonnenen auf die Suche nach den fehlenden Seiten zu machen.“ Zet atmete tief durch und schien langsam seine Fassung wiederzufinden.
Helena strich ihm leicht über den Arm. „Dein Schicksal berührt mich sehr und es schmerzt mich, wenn ich höre, was du erleiden musstest. Auch mein Schicksal ist nicht leicht zu tragen, und so kann ich dich gut verstehen. Ich wünsche mir, dass du in unserer Familie so etwas wie eine Heimat findest. Wir sind glücklich, dass du zu uns gefunden hast.“
Gwain nickte zustimmend. Helena musste nun auch schlucken. Sie war überwältigt von ihren Gefühlen. Doch sie wusste nicht, ob es nun die der Trauer oder der Freude waren.
„Wenn die Schlacht gegen den Grafen so lange zurückliegt, müsstest du schon ein langes Leben hinter dir haben“, meinte Gwain. Zet sah Helena und Gwain an. Er nickte.
„Ja, ich bin ein Halbelf. Mein Vater war ein edler Mensch und meine Mutter eine Elfin. Ich habe das lange Leben, aber nicht die spitzen Ohren geerbt“, erwiderte Zet und lächelte verschmitzt.
Das Gebirge Ballina
Die nächsten drei Sommer, in denen Zet Gwain fast sein gesamtes Wissen über den Schwertkampf und das Bogenschießen beigebracht hatte, waren verstrichen. Gwain übte jeden Tag die Grundschläge und die Paraden, die ihm Zet gezeigt hatte. Er übte mehr als sein Lehrer von ihm verlangte und war sehr diszipliniert. Zet hingegen sah in Gwain mehr als nur seinen Schüler, er sah in ihm seinen verlorenen Sohn, der sich inzwischen zu einem Mann gewandelt hatte und kräftiger, drahtiger und ruhiger geworden war.
Nicht nur das Kämpfen mit Schwert oder Bogen hatte Zet bei den Elfen erlernt, auch das Meditieren, um wieder Kraft zu schöpfen. Da sie in ihrer Schöpfung vollkommen und einzigartig waren, konnten alle Elfen durch das Meditieren in Kontakt mit anderen Personen treten. Nur wenigen Nichtelfen gelang es, diesen Zustand überhaupt zu erlangen. Zet, der selbst kein reines Elfenblut in sich trug, beherrschte diese Gabe in allen Zügen. Viele Male meditierte er mit Gwain. Anfangs nur, damit Gwain seinen Kräftebrunnen füllen konnte.
Die Sonne war schon lange verschwunden, und nur der Mond schien spärlich in Zets Haus. Drei Kerzenlichter tanzten auf dem schönen Eichentisch. Zet setzte sich auf einen blauroten Teppich und kreuzte die Beine, seine Arme legte er auf seine Oberschenkel nieder, die Handflächen nach oben hin geöffnet. Er schloss die Augen und ließ seinen Geist fallen, sein Körper hielt jedoch die Spannung. Tief in seinem Geist versunken, schloss er eine Verbindung mit Galantas, dem Königssohn vom Elfenvolk aus Larsania. Nach einiger Zeit schoss Trauer in sein Gesicht. Die Augen waren immer noch geschlossen. Wie nach einem zu langen Tauchgang atmete Zet kräftig ein und kam langsam wieder zu sich. Er schaute sich wehmütig im Raum um.
Helena saß am Morgen des nächsten Tages mit Gwain und Zet am Tisch, und sie nahmen das erste Mahl des Tages ein. Zet hob seinen Kopf und blickte kurz zu Gwain. „Gwain, wir müssen bald aufbrechen“, sagte er mit einer Selbstverständlichkeit, als ob Gwain bereits vom Beginn dieser Reise wusste.
„Wohin soll es denn gehen?“, nuschelte er mit vollem Mund und sah zu Zet.
„Wir werden nach Larsania reisen und einen alten Freund besuchen“, antwortete Zet ohne nochmals von seinem Teller aufzublicken.
Gwain schluckte schnell und ließ seinen Löffel auf den Tisch fallen.
„Du weißt, wo Larsania liegt …!“, rief Gwain etwas lauter als beabsichtigt.
„Natürlich weiß ich es, ich erzählte dir von dieser Gegend.“
„Dafür müssten wir doch über das Gebirge Ballinas marschieren. Wir bräuchten Monate dafür“, fügte er ein wenig verlegen hinzu, weil er es eigentlich nur gehört hatte und annehmen konnte, dass Zet aufgrund seiner vielen Reisen wesentlich besser Bescheid wusste.
„Ja, ich weiß, ich kann es nicht hinausschieben. Morgen nach dem Mittagsmahl müssen wir aufbrechen.“
Gwain war sehr erfreut und aufgeregt. Er konnte keinen Bissen mehr runterkriegen. Er sprang auf, schaute entschuldigend zu Helena und wartete ein Nicken ab.
„Soll ich meine Sachen packen?“
Zet hob den Kopf. „Ja, wenn du etwas mitnehmen willst, musst du das wohl tun. Pack aber nur das Nötigste ein. Die Reise wird lang und beschwerlich.“
Nachdem Gwain die Küche verlassen hatte, stand auch Helena auf und wanderte ruhelos durch die Küche.
„Zet, was willst du in Larsania? Ihr seid so lange unterwegs, wenn ihr zu Fuß marschiert“, fragte Helena mit gepresster Stimme. „Es ist doch viel zu gefährlich.“ Nach kurzem Schweigen fügte sie noch hinzu: „Warum so plötzlich? Warum gerade jetzt?“
Zet konnte Erregung und Angst in ihrer Stimme hören.
„Mein Freund Galantas hat mir die Nachricht zukommen lassen, dass es um seinen Vater Edrolin schlecht steht. Er ist der Bruder meiner verstorbenen Frau. Wir stehen uns sehr nahe und ich muss zu ihm. Es sind Elfen, die in Larsania leben. Elfen sind unsterblich und wenn Edrolin nun immer schwächer wird, dann ist es Zeit, meine Reise fortzusetzen, um das Unglück aufzuhalten, das über das Elfenvolk kommen wird. Ich muss es tun, wie viele andere auch. Ohne diese Hilfe wird das Volk untergehen. Ich habe keine andere Wahl und ich möchte, dass Gwain mich begleitet – natürlich nur mit deiner Zustimmung. Seine Ausbildung zum Waffenmeister ist zwar noch nicht beendet, doch ich verspreche dir, gut auf ihn aufzupassen. Ihm wird nichts geschehen. Jedenfalls solange ich es verhindern kann.“
Eindringlich sah er Helena an und sie konnte den Schmerz, aber auch die Entschlossenheit in seinem Blick erkennen. Ihr war klar, dass sie Zet nicht von dieser Reise abbringen konnte.
„Aber warum Gwain? Er ist doch noch so jung?“ Helena konnte den Gedanken nur schwer ertragen, ihren einzigen Sohn auf so eine lange und gefährliche Reise zu schicken. Zet stand auf und legte seinen Arm leicht um ihre Schultern.
„Gwain ist nicht mehr so jung, wie du vielleicht meinst. Er ist schon seit langer Zeit ein Mann. Ich wünsche mir sehr, Gwain mein ganzes Wissen vermitteln zu können. Er muss noch viel lernen, und diese Reise wird ihm dabei helfen.“ Sein Kopf senkte sich, dann ging sein Blick durchs offene Fenster. „Der Winter ist bald vorbei und wir brauchen nur drei Monate. Unser Weg wird uns über das Gebirge Ballinas führen, so sparen wir einige Wochen Marsch.“
Helenas schöne Augen füllten sich mit Tränen, die ihr langsam über die Wangen liefen. Zet schaute in ihr besorgtes Gesicht und nahm sie in seine Arme.
„Die Gegend ist nicht sicher“, flüsterte sie. „Ich selbst war nie weiter als einen Tagesmarsch von meiner Heimat entfernt, aber ich hörte Geschichten von Gestalten, denen ihr lieber nicht begegnen solltet. Ich habe Angst um euch.“ Sie löste sich sanft aus seinen Armen und fing an, den Tisch abzudecken, dabei schlug das Geschirr immer wieder zusammen, ohne dass sie es zu bemerken schien.
Zet atmete tief durch und schaute wieder aus dem Fenster. „Ich weiß, aber wir haben nicht die Zeit, Ballinas zu umgehen. Wir müssen da durch, durch Torgudun. Es wimmelt da von Orks, doch habe ich keine andere Wahl, als diesen einen Weg zu gehen und ich bin froh, dass Gwain mich begleitet. Wir werden von Greifen, die uns die Südelfen schicken, bis zum Gebirge gebracht.“
„Was sind Greife?“, fragte Helena.
„Das sind die edelsten Geschöpfe, die es auf dieser Welt gibt. Du wirst sie sehen, wenn sie mit uns davonfliegen. Galantas Vater könnte schon bald sterben, und er besitzt einige Seiten des Buches. Ich bin schon lange auf der Suche nach den letzten Seiten, was auch der Grund ist, weshalb ich Gwain im Schwert- und Bogenkampf ausbilde. Ich weiß nicht, ob ich es allein schaffen kann. Ich muss die Seiten des Buches wieder zusammenführen, denn nur dann kann die Seele des Volkes erhalten bleiben und irgendwann wieder zu einem Volk zusammenfinden. Für immer! Die Unsterblichkeit aller Elfen dieser Welt ist an dieses Buch gebunden. Und sollte es vernichtet werden, ist das gesamte Elfenvolk zum Tode verdammt. Verstehst du jetzt, warum ich diese Reise antreten muss?“
Zet sah ihr eindringlich in die Augen, und Helena nickte langsam. Ein warmer Ausdruck erschien auf ihrem Gesicht.
