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A.S. Byatt - Booker-Preis Gewinnerin und von der Queen ernannte ›Dame Commander of the British Empire‹ - umspannt in ihrem neuen, opulenten Roman ein Vierteljahrhundert, die Jahre von 1895 bis kurz nach dem 1. Weltkrieg. Im Süden Englands, in London, Paris und im zügellosen Schwabing suchen die Familien Wellwood, Fludd und Cairn am Ende des 19. Jahrhunderts ein freieres und erfüllteres Leben, sie proben neue Wege in Kunst und Politik, Liebe und Erziehung. Immer mit dabei sind die vielen Kinder, die sich mit ihren unterschiedlichen Talenten und Temperamenten einen Weg durch die Lebensexperimente ihrer Eltern bahnen. Aber alle Familien, auch die fortschrittlichsten, haben ihre dunklen Geheimnisse – am Ende drohen Enttäuschung, Verrat und der große Krieg. ›Das Buch der Kinder‹ schlägt einen weiten Bogen von England bis nach Deutschland und berührt dabei immer wieder im Kleinen, in den intimen Momenten, die ein jedes Leben unverwechselbar machen.
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Seitenzahl: 1335
Veröffentlichungsjahr: 2011
A. S. Byatt
Roman
A.S. Byatt - Booker-Preis Gewinnerin und von der Queen ernannte ›Dame Commander of the British Empire‹ - umspannt in ihrem neuen, opulenten Roman ein Vierteljahrhundert, die Jahre von 1895 bis kurz nach dem 1. Weltkrieg.Im Süden Englands, in London, Paris und im zügellosen Schwabing suchen die Familien Wellwood, Fludd und Cairn am Ende des 19. Jahrhunderts ein freieres und erfüllteres Leben, sie proben neue Wege in Kunst und Politik, Liebe und Erziehung. Immer mit dabei sind die vielen Kinder, die sich mit ihren unterschiedlichen Talenten und Temperamenten einen Weg durch die Lebensexperimente ihrer Eltern bahnen. Aber alle Familien, auch die fortschrittlichsten, haben ihre dunklen Geheimnisse – am Ende drohen Enttäuschung, Verrat und der große Krieg.›Das Buch der Kinder‹ schlägt einen weiten Bogen von England bis nach Deutschland und berührt dabei immer wieder im Kleinen, in den intimen Momenten, die ein jedes Leben unverwechselbar machen.
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A. S. Byatt gelangte mit ihrem Roman ›Besessen‹, der 1990 mit dem Booker-Preis ausgezeichnet wurde, zu Weltruhm. Byatts Werk umfasst neun Romane, zahlreiche Erzählungen und literaturkritische Texte; für ihr Schaffen wurde sie vielfach ausgezeichnet und 1999 von der Queen zur ›Dame Commander of the British Empire‹ ernannt. A. S. Byatt kam 1936 in Yorkshire zur Welt, hat drei Töchter und lebt in London. Melanie Walz, geboren 1953 in Essen, ist die langjährige Übersetzerin von A. S. Byatt und wurde hierfür mit dem Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt Übersetzerpreis ausgezeichnet. Außerdem übersetzte sie Werke von Jane Austen, Charles Dickens, F. Scott Fitzgerald, Marcel Proust, Michael Ondaatje, Lawrence Norfolk, Annie Proulx und anderen.
Covergestaltung: heilmann, hißmann, hamburgCoverabbildung: © The De Morgan Centre, London/Bridgeman BerlinDie Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel The Childrens Book bei Chatto & Windus, London © A.S. Byatt 2009 Für die deutsche Ausgabe: © 2011 S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am MainDieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.
ISBN 978-3-10-401645-0
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Ein Verzeichnis der wichtigsten [...]
Für Jenny Uglow
I Anfänge
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
Der Strauchgarten
8. Kapitel
9. Kapitel
II Das goldene Zeitalter
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
Tom unter der Erde
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
Das Völkchen in dem Haus in dem Haus
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
III Das silberne Zeitalter
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
IV Das bleierne Zeitalter
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
Aus Appell und andere Gedichte von Julian Cain
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
Après la Guerre finie
Danksagung
Zur Übersetzung/Zur deutschen Ausgabe
Namensverzeichnis der wichtigsten Personen
Ein Verzeichnis der wichtigsten Personen findet sich im Anschluss an den Text.
Für Jenny Uglow
Zwei Knaben standen in der Prince Consort Gallery und sahen zu einem dritten hinunter. Es war der 19. Juni 1895. Der Prinzgemahl war 1861 gestorben und hatte nur die Anfänge seines ehrgeizigen Vorhabens verwirklicht gesehen, Museen zu versammeln, in denen britische Kunsthandwerker die besten Erzeugnisse ihrer Metiers studieren konnten. Sein Porträt, bescheiden und medaillengeschmückt, befand sich als Mosaik am Tympanon eines Schmuckgewölbes am einen Ende der schmalen Galerie, die oberhalb des South Court verlief. Der South Court war mit weiteren Mosaiken verziert, Porträts von Malern, Bildhauern, Töpfern, dem »Walhall von Kensington«. Der dritte Knabe kauerte neben einem von mehreren beeindruckenden Schaukästen mit Kostbarkeiten aus Gold und Silber. Tom, der Jüngere der beiden, die hinuntersahen, musste an Schneewittchen in seinem gläsernen Sarg denken. Und als er zu Albert hinaufsah, musste er auch daran denken, dass die Gefäße und Löffel und Kästchen, die in dem klaren Licht unter dem Glas glänzten, wie ein geborgener königlicher Grabschatz wirkten. (Was manche davon waren.) Sie konnten den dritten Jungen nicht deutlich sehen, denn er befand sich hinter einer der Vitrinen. Offenbar zeichnete er ihren Inhalt.
Julian Cain war im South Kensington Museum zu Hause. Sein Vater Major Prosper Cain war der für Edelmetalle zuständige Kustos. Julian war kurz zuvor fünfzehn geworden und besuchte die Marlowe School als Internatszögling, doch er war zu Hause, um sich von einer schweren Gelbsuchterkrankung zu erholen. Er war weder groß noch klein, von schmächtigem Körperbau, mit ausgeprägten Zügen und fahlem Teint, auch ohne die Gelbsucht. Sein glattes schwarzes Haar war in der Mitte gescheitelt, und er trug seine Schulkleidung. Tom Wellwood, in typischer Knabenkleidung aus Norfolkjacke und Kniebundhosen, war etwa zwei Jahre jünger als Julian; mit seinen großen dunklen Augen, dem weichen Mund und dem glatten dunkelblonden Haarschopf sah er noch jünger aus. Es war ihre erste Begegnung. Toms Mutter war zu Besuch bei Julians Vater, weil sie ihn um Hilfe bei ihren Recherchen bitten wollte. Sie war eine erfolgreiche Verfasserin von Zaubermärchen. Julian war dazu abkommandiert worden, Tom die Schätze zu zeigen. Offenbar hatte er mehr Interesse daran, ihm den kauernden Knaben zu zeigen.
»Ich habe ja gesagt, dass ich dir ein Geheimnis zeige.«
»Ich dachte, du meinst einen von den Schätzen.«
»Nein, ich habe ihn gemeint. Mit dem stimmt etwas nicht. Ich habe ihn beobachtet. Der führt irgendwas im Schilde.«
Tom wusste nicht recht, ob es sich um die Art von Flunkern handelte, die in seiner eigenen Familie gepflegt wurde: sich Unbekannten an die Fersen zu heften und Geschichten über sie zu erfinden. Er wusste nicht recht, ob Julian sich nur aufspielte.
»Was tut er?«
»Er vollführt den Zaubertrick mit dem indischen Seil. Er verschwindet. Im einen Augenblick ist er da, im nächsten ist er verschwunden. Er kommt jeden Tag her. Ganz allein. Aber man kann nicht sehen, wann er geht oder wohin er geht.«
Sie schlichen die gusseiserne Galerie entlang, die mit dicken roten Samtvorhängen gesäumt war. Der dritte Knabe blieb, wo er war, konzentriert zeichnend. Dann bewegte er sich, um eine andere Position einzunehmen. Er hatte strohfarbenes Haar, war zerlumpt und schmutzig. Er trug abgeschnittene Arbeitshosen mit Hosenträgern über einem rauchfarbenen Flanellhemd voller Rußflecken.
Julian sagte: »Wir könnten runtergehen und ihn verfolgen. An dem ist alles Mögliche nicht ganz geheuer. Er sieht richtig gefährlich aus. Und man könnte meinen, er wäre nie woanders als hier. Ich habe am Ausgang gewartet, um ihn abzupassen und ihn zu verfolgen, aber er geht offenbar nie raus. Als gehörte er zum Inventar.«
Der Knabe blickte kurz auf, das schmutzige Gesicht stirnrunzelnd verzogen. Tom sagte: »Er konzentriert sich.«
»Soweit ich weiß, spricht er nie mit jemandem. Manchmal sehen die Kunststudenten ihm beim Zeichnen zu. Aber er plaudert nicht mit ihnen. Er schleicht immer nur herum. Richtig unheimlich.«
»Kommen Diebstähle häufig vor?«
»Mein Vater sagt immer, die Museumswärter gingen mit den Vitrinenschlüsseln sträflich sorglos um. Und es stapeln sich haufenweise Sachen, die katalogisiert oder ins Depot nach Bethnal Green geschickt gehören. Es wäre irrsinnig leicht, etwas zu entwenden und damit zu verschwinden. Ich glaube, bei manchen Sachen würde das gar nicht auffallen, aber natürlich wäre es etwas anderes, wenn einer den Kerzenleuchter stehlen wollte, das würde sofort Aufsehen erregen.«
»Kerzenleuchter?«
»Den Gloucester-Kerzenleuchter. Den scheint er nämlich zu zeichnen, jedenfalls die meiste Zeit. Der Klumpen Gold in der Mitte der Vitrine. Er ist sehr alt und einzigartig. Ich zeige ihn dir. Wir könnten runtergehen und hingehen und ihn stören.«
Tom war dieser Vorschlag nicht recht. Der dritte Junge strahlte eine Anspannung aus, eine zähe, willensstarke Energie, die wahrgenommen zu haben Tom gar nicht richtig bewusst war. Aber er war einverstanden. In der Regel war er mit allen Vorschlägen einverstanden. Wie Detektive schlichen sie hinter den Samtgirlanden von einem Versteck zum nächsten. Sie gingen unter Prinz Albert hindurch, auf die geschwungene Steintreppe hinaus, in den South Court hinunter. Als sie den Kerzenleuchter erreichten, war der schmutzige Junge nicht mehr da.
»Er war nicht auf der Treppe«, sagte Julian fasziniert.
Tom blieb stehen und betrachtete den Kerzenleuchter. Sein Gold schimmerte matt. Er sah schwer aus. Er stand auf drei Füßen, drei langohrigen Drachen, deren jeder mit grausigen Klauen einen Knochen hielt, an dem er mit scharfen Zähnen nagte. Den Rand der Schale um den Dorn hielten drei weitere Drachen mit geöffnetem Maul, Flügeln und geschlängeltem Schwanz. Der ganze gedrungene Schaft war aus groteskem Laubwerk geschmiedet, in dem Menschen und Ungeheuer, Kentauren und Affen sich wanden, grinsten, grimassierten, einander ergriffen und massakrierten. Ein Gnom mit Helm und riesigen Augen hielt den gewundenen Schwanz eines Reptils gefasst. Unter anderen menschlichen oder koboldartigen Gestalten war eine mit langen, wirren Haaren und kummervollem Blick. Tom dachte sich sofort, dass seine Mutter das sehen müsse. Er versuchte sich die Gestalten einzuprägen, doch vergebens. Julian erklärte den Leuchter. Er habe eine interessante Geschichte, sagte er. Niemand wisse genau, woraus er bestehe. Eine Art vergoldeter Legierung. Wahrscheinlich war er in Canterbury angefertigt worden – in Wachs modelliert und dann gegossen –, doch außer den Symbolen der Evangelisten am Knauf wies ihn nichts als religiösen Gebrauchsgegenstand aus. In der Kathedrale von Le Mans war er aufgetaucht und in der Französischen Revolution wieder verschwunden. Ein französischer Antiquitätenhändler hatte ihn dem russischen Fürsten Soltikow verkauft. Aus dessen Sammlung hatte das South Kensington Museum ihn 1861 erworben. Nirgends auf der Welt gab es etwas Vergleichbares.
Tom wusste nicht, was ein Knauf war, und er wusste nicht, was die Symbole der Evangelisten waren. Aber er sah das Ding als ganzes Universum geheimer Geschichten. Er sagte, seine Mutter würde es sicherlich gerne sehen. Es wäre möglicherweise genau das, was sie suchte. Er hätte gern die Köpfe der Drachen berührt.
Julian sah sich unablässig um. Hinter dem Gipsabguss eines wachenden Ritters auf Marmorsockel war eine verborgene Tür. Sie stand leicht offen, was Julian zum ersten Mal sah. Er hatte die Klinke ab und zu ausprobiert, und die Tür war immer versperrt gewesen, wie es sich gehörte, denn sie führte zu den Magazinen und Werkstätten im Untergeschoss.
»Ich wette, er ist da runtergegangen.«
»Was ist da unten?«
»Meilenlange Gänge und Schränke und Kellerräume, wo Sachen gegossen oder gereinigt oder einfach bloß aufbewahrt werden. Komm, wir schleichen ihm nach.«
Es gab kein Licht, nur so viel, wie durch die Tür, die sie geöffnet hatten, auf die oberen Stufen fiel. Tom war die Dunkelheit nicht geheuer. Überschreitungen waren ihm nicht geheuer. Er sagte: »Wir können nicht sehen, wohin wir gehen.«
»Wir lassen die Tür einen Spalt weit offen.«
»Und wenn jemand kommt und sie zuschließt? Und wir Ärger bekommen?«
»Bekommen wir nicht. Ich wohne hier schließlich.«
Sie bewegten sich behutsam die unebenen Steinstufen hinunter und hielten sich an einem dünnen Eisengeländer fest. Am Fuß der Treppe schnitt ihnen ein Eisengitter den Weg ab, hinter dem sich ein langer Gang erstreckte, der allmählich undeutlich zu erkennen war, als befände sich an seinem Ende eine Lichtquelle. Die Decke des Gangs bildete ein gotisches Gewölbe wie bei der Krypta einer Kirche, allerdings mit weißglasierten Fabrikkacheln verkleidet. Julian schüttelte das Gitter ungeduldig, und es gab nach. Er registrierte, dass auch dieses Gitter abgesperrt hätte sein müssen. Das würde jemandem Ärger einbringen.
Der Gang mündete in ein staubiges Gewölbe, vollgestellt mit unzähligen weißen Standbildern von Männern, Frauen und Kindern mit blicklos starrenden Augen. Tom kamen sie vor wie Gefangene oder gar wie die Verdammten in der Unterwelt. Sie standen eng nebeneinander, und die Jungen mussten sich zwischen ihnen hindurchschlängeln. Hinter dieser Grabkammer zweigten zwei Gänge ab. Zur Linken war es heller, und deshalb gingen sie diesen Weg, passierten ein weiteres offenes Gitter und gelangten in eine Schatzkammer voll großer goldener und silberner Gefäße – Krummstäbe, Chorpulte mit Adlerschwingen, Wasserbecken, schwebende Engel und feixende Cherubim. »Galvanotypien«, flüsterte der kenntnisreiche Julian. Schwaches, aber stetiges Licht, das durch kleine Glaslinsen in den Ziegelmauern eindrang, floss in Wellen über das Metall. Julian legte den Finger vor die Lippen und zischte Tom zu, er solle stehen bleiben. Tom hielt sich an einer silbernen Galeone fest, und sie klirrte. Er nieste.
»Lass das!«
»Ich kann nicht anders. Liegt am Staub.«
Sie schlichen weiter, bogen nach links ab, dann nach rechts, mussten sich den Weg zwischen Dingen hindurchbahnen, die Tom wie Grabumfriedungen erschienen, überragt von kecken weiblichen Engelsbüsten mit Flügeln und spitzen Brüsten. Julian sagte, es handele sich um gusseiserne Heizkörperverkleidungen, bei einem Eisengießer aus Sheffield in Auftrag gegeben. »Waren ziemlich teuer, sind hier unten, weil man sie anstößig fand«, flüsterte er. »Welche Richtung jetzt?«
Tom entgegnete, er sei überfragt. Julian befand, sie hätten sich verirrt, man würde sie niemals finden, die Ratten würden ihre Knochen abnagen. Jemand nieste. Julian sagte: »Ich hab dir doch gesagt, dass du das lassen sollst!«
»Das war ich nicht. Das muss er gewesen sein.«
Tom war es unbehaglich bei der Vorstellung, einen vermutlich harmlosen und unschuldigen Jungen zur Strecke zu bringen. Und genauso unbehaglich bei der Vorstellung, einem wilden und gefährlichen Jungen zu begegnen.
Julian rief: »Wir wissen, dass du hier bist! Komm raus und ergib dich!«
Er lächelte und wirkte ganz wachsam, wie Tom auffiel, der erfolgreiche Jäger oder Fänger bei solchen Spielen.
Stille. Wieder ein Niesen. Leises Rascheln. Julian und Tom drehten sich um und sahen den anderen Gang entlang, den ein Wald von Säulen aus Marmorimitat verstellte, Podeste für Büsten oder Vasen. Auf Kniehöhe zeigte sich ein verstörtes Gesicht unter verfilztem Haar, eingerahmt von falschem Basalt und falschem Obsidian.
»Du kommst besser raus und packst aus«, sagte Julian mit unerschütterlichem Selbstvertrauen. »Du bist unbefugt eingedrungen. Eigentlich sollte ich die Polizei rufen.«
Der dritte Knabe kam auf allen vieren hervorgekrochen, schüttelte sich wie ein wildes Tier und richtete sich auf, wobei er sich kurz an den Säulen festhielt. Er war etwa so groß wie Julian. Er zitterte – ob vor Furcht oder vor Zorn, hätte Tom nicht zu sagen gewusst. Er fuhr sich mit einer schmutzigen Hand über das Gesicht, rieb sich die Augen, die sogar in dem Dämmerlicht sichtlich rotumrändert waren. Er senkte den Kopf und spannte die Muskeln. Tom sah, wie ihn der Gedanke durchfuhr, dass er die beiden anfallen und niederwerfen und durch die Gänge entfliehen könnte. Er regte sich nicht und sagte nichts.
»Was tust du hier unten?«, fragte Julian hartnäckig.
»Hab mich versteckt.«
»Warum? Vor wem?«
»Versteckt, weiter nix. Hab nix Böses getan. Bin vorsichtig, mach nix kaputt.«
»Wie heißt du? Wo wohnst du?«
»Ich heiß Philip. Philip Warren. Wohn hier, nehm ich an. Zurzeit.«
Seine Sprache hatte einen leicht nördlichen Tonfall. Tom erkannte ihn, konnte ihn aber nicht zuordnen. Der Junge sah sie so an, wie sie ihn ansahen, als könnte er nicht recht glauben, dass es sie wirklich gab. Er blinzelte, und ein Schauder durchfuhr ihn. Tom sagte: »Du hast den Kerzenleuchter gezeichnet. Bist du deshalb hier?«
»Ja.«
Er hielt ein Leinenbündel an die Brust gepresst, das wahrscheinlich sein Zeichenzeug enthielt. Tom sagte: »Er ist etwas ganz Besonderes, finde ich. Ich habe so etwas noch nie gesehen.«
Der fremde Junge sah ihm in die Augen, dann, mit der Spur eines Lächelns: »Ja. Was Besonderes.«
Julian sagte streng: »Du musst mitkommen und meinem Vater alles sagen.«
»Oh, deinem Vater. Und wer ist dein Vater?«
»Er ist der Kustos, der für Edelmetallarbeiten zuständig ist.«
»Aha, verstehe.«
»Du musst mit uns kommen.«
»Ich muss, verstehe. Darf ich meine Sachen mitnehmen?«
»Sachen?« Zum ersten Mal klang Julians Stimme unsicher. »Soll das heißen, dass du hier unten gewohnt hast?«
»Hab ich doch gesagt. Wo soll ich sonst hin? Auf der Straße will ich lieber nich schlafen. Ich komm her, um zu zeichnen. Ich hab gesehen, dass das Museum dafür da ist, dass Arbeiter Sachen sehen können, die gut gearbeitet sind. Ich such Arbeit, ehrlich, und ich brauch Zeichnungen, zum Vorzeigen … Die Sachen hier gefallen mir.«
»Dürfen wir die Zeichnungen sehen?«, fragte Tom.
»Nich in diesem Licht. Oben, wenn ihr wollt. Ich hol meine Sachen, wie vereinbart.«
Er duckte sich und bewegte sich durch die Säulen zurück, gewandt kriechend und schleichend. Es erinnerte Tom an Zwerge in Bergwerken und, da man ihm in seiner Erziehung ein soziales Bewusstsein vermittelt hatte, an Kinder in Bergwerken, die auf allen vieren Loren zogen. Julian heftete sich Philip an die Fersen. Tom ging hinterher.
»Kommt rein«, sagte der schmutzige Junge am Eingang eines kleinen Lagerraums mit einer Willkommensgeste, die er möglicherweise spöttisch mit einem Arm beschrieb. Der Lagerraum enthielt eine Art steinerne Hütte, mit steinernen Cherubim und Seraphim, Adlern und Tauben, Akanthusblättern und Ranken verziert. Sie besaß eine eigene kleine Gittertür aus Metall mit Resten von Vergoldung an den rostigen Eisenstäben.
»Praktisch«, sagte Philip. »Es gibt ein Bett aus Stein. Ich hab mir erlaubt, ein paar Säcke auszuleihen, um es wärmer zu haben. Ich leg sie selbstverständlich dorthin zurück, wo ich sie herhabe.«
»Das ist ein Grabmal oder ein Reliquienschrein«, sagte Julian. »Russisch, wenn ich mich nicht täusche. Auf der Steinplatte wird sich ein Heiliger befunden haben, in einem Glassarg oder in einem Reliquiar. Er könnte immer noch drinnen sein oder drunter, ich meine seine Knochen, falls er nicht unverweslich war.«
»Er ist mir nich aufgefallen«, sagte Philip nüchtern. »Hat sich nich bemerkbar gemacht.«
Tom sagte: »Hast du Hunger? Wovon lebst du?«
»Ab und zu hab ich im Tearoom ausgeholfen, Geschirr abgeräumt und gespült. Ihr würdet staunen, was die Leute alles auf dem Teller liegenlassen. Und die jungen Damen von der Kunstakademie fanden meine Zeichnungen interessant und haben mir hin und wieder ein Sandwich zugesteckt. Ich bettel nich. Einmal hab ich ein Sandwich geklaut, als ich nich mehr weiterwusste, mit Ei und Kresse. Ich glaub nich, dass die junge Dame es noch essen wollte.«
Er schwieg.
»Viel war es nich«, sagte er. »Ja, ich hab Hunger.«
Er kramte hinter dem Grab im Schrein herum und förderte ein weiteres Leinenbündel zutage, einen Skizzenblock, einen Kerzenstummel und etwas, was aussah wie zusammengerollte Kleidung, mit einem Bindfaden umwickelt.
»Wie bist du reingekommen?«, fragte Julian beharrlich.
»Bin hinter den Pferdefuhrwerken rein. Wenn sie reinkommen, fahrn sie eine Rampe in diesen unterirdischen Teil runter. Da wern sie abgeladen und beladen, und in dem ganzen Wirrwarr kann man sich einfach so zwischen den Fuhrleuten und Laufjungen reinschleichen.«
»Und die Tür oben?«, fragte Julian. »Die Tür, die immer abgeschlossen sein soll?«
»Da hab ich einen kleinen Schlüssel gefunden.«
»Gefunden?«
»Ja. Gefunden. Ich geb ihn zurück. Hier, nimm ihn.«
Tom sagte: »Es muss schrecklich sein, wenn man nachts allein hier unten ist.«
»Lange nich so schrecklich wie die Straßen im East End. Lang nich so schrecklich.«
Julian sagte: »Komm jetzt bitte mit. Du musst mitkommen und alles meinem Vater erzählen. Er unterhält sich gerade mit Toms Mutter. Das ist Tom. Tom Wellwood. Ich heiße Julian Cain.«
Major Prosper Cain, Mitglied der Royal Engineers und des Science and Art Department, besaß in Kent ein elisabethanisches Herrenhaus, Iwade House. Und er bewohnte eines der kleinen Stadthäuser, die rings um die monströsen sogenannten Dampfkessel aus Stahl und Glas in South Kensington aus dem Boden gesprossen waren. (Das zweckdienliche Gusseisengebäude, von einem Militäringenieur für das Museum entworfen, hatte drei wenig einnehmende Tonnendächer, im Volksmund als Brompton Boilers bekannt.) In den Häusern wohnten hauptsächlich die Nachfolger der Sappeure, die nach der Weltausstellung von 1851 die Dampfkessel errichtet hatten. Major Cains Haus war keine repräsentative Dienstwohnung im eigentlichen Sinn und kaum größer als die Häuser seiner Untergebenen. Es gab ehrgeizige Pläne, die Museumsgebäude zu erweitern, und gegen die Anwesenheit der Militärs wurde gemurrt. Ein Wettbewerb war abgehalten worden. Konkrete Vorstellungen von Palästen, Innenhöfen, Türmen, Springbrunnen und Verzierungen waren geprüft und verglichen worden. Aston Webbs Pläne waren zum Sieger gekürt worden, doch geschehen war nichts. Der neue Direktor J. H. Middleton, 1894 in sein Amt berufen, war kein Militär, sondern ein zugeknöpfter asketischer Gelehrter, der vom King’s College in Cambridge und vom Fitzwilliam Museum kam. Er und Generalmajor Sir John Donnelly, Staatssekretär des Science and Art Department, waren alles andere als einander wohlgesinnt. Museumsmitarbeiter und Wissenschaftler hatten dafür plädiert, das Innere der Häuser zu modernisieren, hatten Brandgefahr und leckende Rohre geltend gemacht. Siebenundzwanzig offene Feuerstellen samt Kaminen hatte man gezählt. Die Kunststudenten klagten über Ruß und Rauch, die in ihre Ateliers wehten. Die Militärs beriefen sich darauf, dass die Feuerwehr des Museums sich aus den Sappeuren rekrutierte, die in ebendiesen Häusern auf dem Gelände wohnten. Das Gezänk hielt an, und nichts geschah.
Prosper Cains enges kleines Haus hatte hübsche Kamine, sowohl im Erdgeschoss als auch im Salon des ersten Stockwerks. Sie waren mit reizenden Kacheln von William de Morgan ausgestattet. Cain hatte Olive Wellwood einen vergoldeten französischen Sessel angeboten, der in einem überladenen Stil geschnitzt war, den die Arts-and-Crafts-Bewegung ebenso verabscheute wie das Personal des Museums. Cain hatte einen eklektischen Geschmack und eine Schwäche – wenn man es Schwäche nennen will – für das Außergewöhnliche. Er fand Gefallen an seiner Besucherin, die in grob gerippte Seide von dunklem Schieferton gekleidet war, mit Borten gesäumt, mit Spitzenbesatz am hohen Kragen und mit modischen Puffärmeln. Ihr Hut war mit schwarzen Federn und einer Fülle scharlachroter seidener Mohnblüten geschmückt, die sich an die Krempe schmiegten. Sie hatte ein keckes, neugieriges, einnehmendes Gesicht mit kräftigem Teint, entschieden geschwungenem Mund, weit auseinanderliegenden großen dunklen Augen, dem Inneren der Mohnblüten ähnlich. Er mutmaßte, dass sie um die fünfunddreißig Jahre alt war, mehr oder weniger, vermutlich eher mehr. Er kombinierte, dass sie es nicht gewohnt war, so enge Korsetts, Schuhe und Handschuhe aus Glacéleder zu tragen. Dafür bewegte sie sich eine Spur zu ungehindert und ungestüm. Sie war gut gebaut und hatte schöne Knöchel. Wahrscheinlich trug sie zu Hause Liberty-Gewänder oder Reformkleider. Er saß ihr gegenüber, wachsam und zierlich, ganz wie sein Sohn, das Haar noch immer so dunkel wie Julians Haar, der ordentliche kleine Schnurrbart silbern. Seine Frau war Italienerin gewesen und 1883 gestorben, in Florenz, einer Stadt, die beide geliebt hatten, in der ihre Tochter geboren und Florence getauft worden war, bevor das Fieber zuschlug und der Ort von Tragik gezeichnet wurde.
Olive Wellwood war mit Humphry Wellwood verheiratet, der bei der Bank von England arbeitete und aktives Mitglied der Fabian Society war. Sie war Verfasserin zahlreicher Märchen für Kinder und Erwachsene und in gewisser Weise eine Autorität auf dem Gebiet britischen Märchen- und Sagenguts. Sie hatte Major Cain aufgesucht, weil sie ein Märchen über einen alten Schatz mit zaubrischen Eigenschaften schreiben wollte. Prosper Cain sagte galant, es schmeichle ihm, dass sie an ihn gedacht habe. Sie lächelte und sagte, das Faszinierendste an ihrem bescheidenen Erfolg mit ihren Büchern sei, dass sie sich erlauben könne, Leute zu stören, die so bedeutend und so beschäftigt waren wie er. So etwas hätte sie sich nie träumen lassen. Sie sagte, sein Zimmer sehe aus wie eine Schatzhöhle aus Tausendundeiner Nacht und sie könne sich kaum bezähmen, aufzustehen und all die staunenswerten Dinge zu betrachten, die er gesammelt hatte. Nicht sonderlich viel Arabisches darunter, sagte Prosper. Das sei nicht sein Fachgebiet. Er habe zwar im Orient gedient, sein Interesse gelte jedoch Europa. Er fürchte, sie werde in seinen persönlichen Andenken keine wissenschaftliche Ordnung finden. Er sei nicht der Ansicht, dass ein Zimmer sklavisch in einem bestimmten Stil eingerichtet sein müsse – insbesondere wenn dieses Zimmer gewissermaßen ein Raum innerhalb der vielfältigen Räume des Museums war, so wie das kleinste Ei in einem Satz von Fabergé-Eiern. Man könne sehr wohl ein Iznik-Gefäß neben einem venezianischen Kelch und einer Lüsterschale von Mr de Morgan arrangieren, ohne die Wirkung des einzelnen Artefakts zu schmälern.
»An den Wänden habe ich mittelalterliche flämische Gobelins neben den kleinen Wandteppichen, die mein Freund Morris in Merton Abbey für mich gewebt hat – fressende Vögel und karmesinrote Beeren. Sehen Sie nur die ausgesprochen wohltuende Kraft in der Bewegung der Blätter. Er ist immer kraftvoll.«
»Und das hier?«, fragte Mrs Wellwood. Sie erhob sich unversehens und fuhr mit einem graubehandschuhten Finger an einem Regalbrett entlang, auf dem sich alle möglichen Gegenstände befanden, offenbar ohne jeden Zusammenhang, weder in ästhetischer noch in historischer Hinsicht.
»Das, meine werte Dame, ist meine Sammlung von Fälschungen zur Schulung des eigenen Blicks. Dies hier sind keineswegs mittelalterliche Löffel, obwohl sie mir als solche angeboten wurden. Diese Nautilusschnecke ist kein Cellini, obwohl William Beckford weisgemacht wurde, sie wäre es, und man ihm ein kleines Vermögen dafür abgeknöpft hat. Diese Klunker sind keineswegs die Kronjuwelen, sondern raffinierte Repliken einiger von ihnen, die 1851 im Kristallpalast ausgestellt waren.«
»Und das hier?«
Mrs Wellwoods weicher Finger fuhr leicht über eine Schüssel, die äußerst getreu getöpferte Kleinlebewesen enthielt: eine kleine Kröte, eine zusammengerollte Schlange, ein paar Käfer, etwas Moos, einige Farne und einen schwarzen Flusskrebs.
»Ich habe noch nie etwas so Lebensechtes gesehen. Jede kleine Warze, jede einzelne Runzel.«
»Vielleicht wissen Sie oder wissen es auch nicht, dass das Museum sich mit dem sehr kostspieligen Ankauf einer Servierplatte von Bernard Palissy blamiert hat – nicht diese hier. Palissy ist im Walhall von Kensington verewigt. Im Nachhinein stellte sich zu unserer größten Verlegenheit heraus, dass die Platte genau wie diese hier eine ehrliche Replik aus einer modernen französischen Töpferei war. Sie werden als Souvenirs verkauft. Tatsächlich ist es sehr schwer, einen gefälschten Palissy – oder sagen wir lieber, eine Kopie – von einem Original aus dem siebzehnten Jahrhundert zu unterscheiden, wenn man sich nicht an unzweideutigen Stempeln oder Signaturen orientieren kann.«
»Und dennoch«, sagte Mrs Wellwood, die schnell begriff, »der Detailreichtum, die Genauigkeit! Es sieht aus, als wäre es ungewöhnlich schwierig zu fertigen.«
»Es heißt, und ich glaube, es stimmt, die Geschöpfe aus Keramik würden um echte Lebewesen herum gefertigt – echte Kröten, Aale, Käfer.«
»Tote, hoffe ich.«
»Mumifizierte, wollen wir hoffen. Aber genau wissen wir es nicht. Steckt darin vielleicht eine Geschichte?«
»Die Geschichte von dem Prinzen, der in eine Kröte verwandelt und in einen Teller eingesperrt wurde? Wie muss er die Bankette verabscheut haben. In den Märchen aus Tausendundeiner Nacht gibt es einen halb zu Stein verwandelten Prinzen, der mir immer zu denken gegeben hat. Ich muss überlegen.«
Sie lächelte, katzenhaft und zufrieden.
»Aber Sie wollten etwas über Gold- und Silberschätze von mir erfahren?«
Humphry Wellwood hatte gesagt: »Geh und frag den alten Seeräuber. Er kennt sich aus. Er weiß alles über Verstecke und heimliche Machenschaften. Er frequentiert Märkte und Antiquare und zahlt, wie es heißt, Pennys für alte Erbstücke, die nach Revolutionen auf den Trödelmarkt gelangen.«
»Mir schwebt etwas vor, was schon lange verschwunden war – natürlich mit einer Geschichte –, etwas, dem man Zauberkraft zuschreiben kann, ein Amulett, ein Spiegel, der Vergangenheit und Zukunft zeigt, so etwas. Sie sehen, meine Phantasie ist recht banal, und ich bin auf Ihr Spezialwissen angewiesen.«
»Es ist merkwürdig«, sagte Prosper Cain, »aber die meisten Gold- und Silberschätze sind nicht besonders alt, und das aus einem einleuchtenden Grund. Wäre man ein Wikingerfürst oder ein Tatarenhäuptling – oder auch der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches –, dann gehörten die Gold- und Silbersachen zum Thronschatz und wären stets – vom Gesichtspunkt des Märchenerzählers und Künstlers aus gesehen – in Gefahr, eingeschmolzen zu werden, als Tauschwährung, um die Soldaten zu entlohnen, oder damit man sie leichter transportieren und verstecken konnte. Die Kirche besitzt ihre Sakralgefäße …«
»Ein Gral oder eine Monstranz haben mir nicht vorgeschwebt.«
»Nein, Sie suchen etwas mit einem persönlichen Mana. Ich verstehe, was Sie suchen.«
»Keinen Ring. Es gibt so viele Geschichten über Ringe.«
Prosper Cain lachte laut auf, schroff und bellend.
»Sie machen es mir nicht leicht. Wie wäre es mit der Geschichte des Stoke-Prior-Schatzes? Silbergefäße, die im Bürgerkrieg vergraben wurden und in unserer Zeit von einem Jungen entdeckt wurden, der auf Kaninchenjagd war? Oder die romantische Geschichte des Eltenberg-Schreins, den J. C. Robinson 1861 für das Museum erworben hat. Er stammt aus der Sammlung des Fürsten Soltikow, der ihn wiederum neben viertausend weiteren mittelalterlichen Kunstwerken nach der 1848-er Revolution einem Franzosen abgekauft hatte.
Das Reliquiar hatte Fürstin Salm-Reifferscheidt, die letzte Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Eltenberg, nach dem Einfall Napoleons in einem Rauchfang des Klosters versteckt. Und von dort war es zu einem Stiftsherrn in Emmerich gelangt, der es einem Händler in Aachen verkauft hat, Jakob Cohen von Anhalt, der wiederum eines schönen Tages Fürst Florentin zu Salm-Salm aufsuchte und ihm eine kleine Figur aus Walrossbein anbot. Und nachdem Fürst Florentin sie gekauft hatte, kam Cohen wieder und brachte eine nach der anderen weitere Figürchen – und zu guter Letzt das Reliquiar, rauchgeschwärzt und tabakgeschwängert. Dann brachte Fürst Felix, der Sohn Fürst Florentins, seinen Vater dazu, die einzelnen Teile an einen Händler in Köln zu verkaufen, und dort – so vermuten wir – wurden einzelne von ihnen durch sehr geschickt gemachte moderne Kopien ersetzt, die heiligen drei Könige, Maria mit dem Jesuskind und dem heiligen Joseph und verschiedene Propheten. Ausnehmend kunstvolle Fälschungen. Wir besitzen sie. Das ist eine wahre Geschichte, und wir sind davon überzeugt, dass die echten Artefakte irgendwo versteckt sind. Wäre das nicht Stoff für eine großartige Geschichte, das Verfolgen und Aufspüren der Kunstwerke? Ihre Figuren könnten sich auf die Spur des Künstlers begeben, der die Fälschungen angefertigt hat …«
Olive Wellwood empfand, was Schriftsteller oft empfinden, wenn ihnen Geschichten erzählt werden, die sich zur literarischen Bearbeitung geradezu anbieten: ein Übermaß an Tatsachen und zu wenig Raum für die notwendigen Erfindungen, die sich in so einem Fall wie Lügen ausnehmen würden.
»Ich müsste sehr viel daran verändern.«
Der Gelehrte und Fälschungsexperte wirkte für einen Augenblick irritiert.
»Es ist überzeugend, so wie es ist«, versuchte sie zu erklären. »Meine Phantasie wäre da nur störend.«
»Ich hätte gedacht, so etwas würde jedermanns Phantasie herausfordern, das Schicksal all dieser verlorenen Kunstwerke und Kunsthandwerkserzeugnisse …«
»Diese Kröten und Schlangen geben mir zu denken.«
»Für ein Hexenmärchen? Als Hausgeister?«
In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Julian führte Philip Warren herein, gefolgt von Tom, der die Tür schloss.
»Entschuldige, Vater. Wir dachten, du solltest Bescheid wissen. Wir haben ihn entdeckt, er hatte sich in den Lagerräumen des Museums versteckt. In der Krypta. Er war mir aufgefallen, und wir haben ihn verfolgt. Er hat da unten gewohnt.«
Alle sahen den schmutzigen Jungen an, als wäre er dem Erdboden entsprossen, wie es Olive erscheinen wollte. Seine Schuhe hatten Spuren auf dem Teppich hinterlassen.
»Was hast du gemacht?«, fragte ihn Prosper Cain. Der Junge schwieg. Tom ging zu seiner Mutter, die ihm mit der Hand durch die Haare fuhr. Er erzählte ihr die Geschichte.
»Er zeichnet die Sachen in den Vitrinen. Nachts schläft er ganz allein in dem Schrein eines alten toten Heiligen, wo früher die Knochen waren. Zwischen Wasserspeiern und Engeln. Im Dunkeln.«
»Das ist tapfer«, sagte Olive und richtete den Blick ihrer dunklen Augen auf Philip. »Du hast dich sicher gefürchtet.«
»Nich sehr«, sagte Philip ungerührt.
Er hatte nicht vor zu sagen, was er wirklich empfand. Wenn man Kopf an Fuß mit fünf anderen Kindern auf einer Matratze geschlafen hatte, auf der zwei Brüder und eine Schwester gestorben waren, weder leicht noch friedlich und ohne dass man sie an einen anderen Ort hätte bringen können, dann konnten ein paar alte Knochen einem nichts anhaben. Sein Leben lang hatte er ein stetiges Bedürfnis nach Einsamkeit gehabt, kaum je definiert, doch von unwandelbarer Dringlichkeit. Ob andere so empfanden, wusste er nicht. Alles in allem hatte er den Eindruck, dass sie es nicht taten. In der Krypta des Museums, in Dunkelheit und Schmutz, war dieses Bedürfnis zum ersten Mal befriedigt worden. Er befand sich in einer gefährlichen und explosiven Geistesverfassung.
»Woher kommst du, junger Mann?«, fragte Prosper Cain. »Ich muss es genau wissen. Warum bist du hier, und wie ist es dir gelungen, in einen unzugänglichen Bereich zu gelangen?«
»Ich komm aus Burslem. Wo ich in den Töpfereien gearbeitet hab.« Eine lange Pause. »Ich bin weggelaufen, ja, weggelaufen.«
Seine Miene war unbewegt.
»Arbeiten deine Eltern in den Töpfereien?«
»Mein Dad ist tot. Er hat Kapseln gemacht. Meine Mum ist Porzellanmalerin. Wir arbeiten alle in der Töpferei. Ich hab die Brennöfen bedient.«
»Du warst nicht glücklich«, sagte Olive.
Philip dachte über seinen Seelenzustand nach. Er sagte: »Ja.«
»Man war hart zu dir.«
»Das muss so sein. So schlimm war es nich. Ich wollte. Ich wollte etwas machen …«
»Du wolltest etwas aus deinem Leben machen, aus dir«, schlug Olive vor. »Das ist verständlich.«
Es war möglicherweise verständlich, aber es war nicht das, was Philip hatte sagen wollen. Er wiederholte: »Ich wollte etwas machen …«
Vor seinem inneren Auge sah er eine formlose Masse zähflüssigen Lehms. Er blickte um sich wie ein gehetzter Bär und sah die farbenglühende Lüsterschale de Morgans auf dem Kaminsims. Er öffnete den Mund, wollte etwas zu der Glasur sagen, und entschied sich dagegen.
Tom sagte: »Willst du uns nicht deine Zeichnungen zeigen?« Zu seiner Mutter sagte er: »Er hat sie den Studentinnen gezeigt, und sie haben ihnen gefallen, und sie haben ihm Brot gegeben …«
Philip schnürte sein Bündel auf und holte sein Skizzenheft heraus. Da war der Kerzenleuchter mit seinen sich windenden Drachen und den schwebenden kleinen Menschen mit ihren aufgerissenen Augen. Zeichnung um Zeichnung jede Einzelheit des Ringens und Beißens und Zustoßens. Tom sagte: »Das ist der kleine Mann, der mir so gut gefallen hat, der Alte mit dem dünnen Haar und der traurigen Miene.«
Prosper Cain blätterte in dem Skizzenheft. Steinerne Engel, koreanische Goldverzierungen für eine Krone, ein Palissy-Teller in all seiner Rauheit, eines der zwei nachweislich echten Exemplare.
»Und was ist das hier?«, fragte Cain beim Weiterblättern.
»Das sind bloß meine eigenen Einfälle.«
»Und wofür?«
»Na ja, vielleicht Steinzeug mit Salzglasur. Oder Fayence, so wie auf diesem Blatt. Das Metall hab ich gezeichnet, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Mit Metall kenn ich mich nich aus. Mit Ton ja. Mit Ton kenn ich mich ganz gut aus.«
»Du hast ein gutes Auge«, sagte Prosper Cain. »Ein sehr gutes Auge. Du hast die Sammlung so benutzt, wie sie benutzt werden soll, als Studienobjekte.«
Tom seufzte erleichtert. Die Geschichte würde gut enden.
»Würdest du gerne die Kunstakademie besuchen?«
»Weiß nich. Ich will etwas machen …«
Mit einem Mal war er am Ende seiner Kräfte und begann zu schwanken. Prosper Cain war noch immer mit den Zeichnungen beschäftigt und sagte, ohne aufzublicken: »Du musst hungrig sein. Julian, klingel nach Rosie und sag ihr, dass sie frischen Tee bringen soll.«
»Ich hab immer Hunger«, sagte Philip mit unversehens lauter Stimme, doppelt so laut wie seine vorherigen Worte. Er hatte es nicht scherzhaft gemeint, doch weil er etwas zu essen bekommen würde, fassten alle es als Scherz auf und lachten fröhlich.
»Setz dich, Junge. Du wirst nicht verhört.«
Philip blickte zweifelnd auf die flammen- und pfauenfarbenen Seidenkissen.
»Die kann man reinigen. Du siehst erschöpft aus. Setz dich.«
Rosie, das Zimmermädchen, machte mehrere Ausflüge die enge Treppe hinauf und hinunter und brachte Tabletts voller Tassen und Untertassen aus Porzellan, eine Kuchenplatte mit Fuß, auf der ein mächtiger Früchtekuchen thronte, eine Platte mit verschiedenen Sandwiches, raffiniert so zubereitet, dass sie ebenso einladend für eine Dame wie nahrhaft für Knaben waren (die einen mit Gurkensplittern belegt, die andern mit Spalten von eingekochtem Mett). Danach brachte sie Törtchen, eine Teekanne, einen Teekessel und ein Sahnekännchen. Sie war ein drahtiges Persönchen mit gestärkter Haube und Schürze, ungefähr in Philips und Julians Alter. Sie stellte alles auf Beistelltischen ab, setzte den Kessel aufs Feuer, knickste vor Major Cain und ging wieder hinunter. Prosper Cain bat Mrs Wellwood, den Tee einzuschenken. Es belustigte ihn zu sehen, wie Philip seine Tasse hochhielt, um die Schäferinnen auf blühenden Wiesen um die Tasse herum zu betrachten.
»Minton-Porzellan im Stil von Sèvres«, sagte Prosper. »Für William Morris eine unverzeihliche Geschmacklosigkeit, aber ich habe eine Schwäche für das Ornamentale …«
Philip stellte die Tasse auf den Tisch neben seinem Ellbogen, ohne zu antworten. Er hatte den Mund voller Sandwich. Er bemühte sich, anständig zu essen, aber er war schrecklich hungrig, unersättlich. Er versuchte, langsam zu kauen. Er würgte. Die anderen sahen ihm wohlwollend zu. Er kaute und errötete unter seinem Schmutz. Er war den Tränen nahe. Sie waren Fremde. Seine Mutter bemalte die Ränder solcher Tassen wie diesen hier mit feinem Pinsel, Tag für Tag, stolz auf ihre unwandelbare Sicherheit. Olive Wellwood, die nach Rosen roch, beugte sich über ihn und reichte ihm große Stücke Früchtekuchen. Er aß zwei Stück und dachte, das sei sicherlich ungehörig. Doch Stärke und Zucker taten ihre Wirkung. Seine unnatürliche Anspannung und Wachsamkeit wichen reiner Ermüdung.
»Und jetzt?«, fragte Prosper Cain. »Was wollen wir mit dem jungen Mann anfangen? Wo soll er heute Nacht schlafen, und was soll mit ihm geschehen?«
Tom musste an David Copperfields Ankunft im Haus Betsey Trotwoods denken. Ein Junge, der aus Schmutz und Gefahren in ein echtes Zuhause fand. Er stand im Begriff, Mr Dicks Worte zu wiederholen – ich würde ihn waschen –, und hielt den Mund. Es wäre im höchsten Maße kränkend gewesen.
Olive Wellwood gab die Frage an Philip weiter.
»Was willst du jetzt tun?«
»Arbeiten«, sagte Philip. Es war eine einfache Antwort, und sie war weitgehend wahr.
»Nicht zurückgehen?«
»Nein.«
»Ich glaube – wenn Major Cain einverstanden ist, solltest du über das Wochenende mit mir und Tom zu uns nach Hause kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er dir für dein Eindringen in das Museum Scherereien machen will. Am Wochenende ist Sommersonnenwende, und wir veranstalten zu Hause auf dem Land ein Sommersonnenwendfest. Wir sind eine große Familie, die sich gut versteht, und auf einen mehr oder weniger kommt es nicht an.«
Sie wandte sich an Prosper Cain.
»Ich hoffe, dass auch Sie aus Iwade nach Andreden kommen werden, um den Zauber der Sommersonnenwende zu erleben, und dass Sie Julian und Florence mitbringen werden, als Gesellschaft für die jungen Leute.«
Prosper Cain neigte sich über ihre Hand, während er im Geist einen Kartenabend strich, und sagte, er werde – sie alle würden – sich freuen. Tom sah den Knaben an, den sie gefangen hatten, um zu sehen, ob er sich auch freute, doch der Knabe hielt den Blick auf seine Füße gesenkt. Tom wusste nicht recht, was er davon halten sollte, dass Julian zu seinem Fest kam. Er fand ihn einschüchternd. Über Philips Anwesenheit wäre er froh, wenn es Philip gelingen sollte, sich zu amüsieren. Er war im Begriff, seiner Mutter beizupflichten, schämte sich und ließ es bleiben.
Sie fuhren mit dem Zug nach Andreden im Kentish Weald, und am Bahnhof nahmen sie eine Droschke. Philip saß gegenüber Tom und seiner Mutter, die sich aneinanderlehnten. Philip fielen immer wieder die Augen zu, während Olive ihm Dinge erklärte, auf die er hätte achten sollen, wie ihm bewusst war. Andred war der alte britische Name für den Wald. Andreden bezeichnete eine Schweineweide im Wald. Ihr Haus hieß Todefright. Sie hatten diesen Namen von Todsfrith abgewandelt, doch etymologisch gab es an der Veränderung nichts auszusetzen. In der alten Sprache des Weald bezeichnete das Wort Fryth Gestrüpp oder Buschwerk am Waldesrand. Im Dialekt von Kent lautete das Wort »fright«. Tod hieß vermutlich Kröte. Philip fragte mit schwerer Zunge, ob es denn Kröten gebe. Massenhaft, sagte Tom. Dicke, fette Kröten. Ihr Laich im Ententeich. Frösche auch und Wassermolche und Fischlein.
Sie fuhren zwischen Weißdorn- und Haselnusshecken hindurch und über gewundene Wege unter Buchen-, Birken- und Eibenbaldachinen. Philip hatte gespürt, wie die Luft sich veränderte, als der Zug die Londoner Dunstglocke hinter sich ließ. Den Rand dieser Finsternis konnte man sehen. Es war weniger schlimm als die stickige dunkle Luft voll heißen Gruses und geschmolzener Chemikalien, die sich aus den hohen Schornsteinen und den Flaschenöfen in Burslem ergoss. Seine Lunge fühlte sich nervös und überdehnt an. Olive und Tom betrachteten die frische Luft nicht als Selbstverständlichkeit. Sie bekundeten rituelle Begeisterung darüber, wie wohltuend es sei, aus dem Dreck herauszukommen. Philip hatte das Gefühl, von Dreck imprägniert zu sein.
Todefright war ein altes kentisches Gehöft aus Stein und Fachwerk. Vor dem Haus lagen Wiesen und verlief ein Fluss, hinter dem Haus erhoben sich bewaldete Hügel, und der Blick reichte weit über den Fluss bis zum Rand des Weald. W. R. Lethaby hatte das Haus behutsam im Arts-and-Crafts-Stil erweitert und modernisiert, hatte eigenwillig geformte Fenster und Dachtraufen, Wendeltreppen, Ecken und Winkel und Dachbalken erhalten (und geschaffen). Die Eingangstür aus massiver Eiche öffnete sich auf die moderne Version eines mittelalterlichen Saals mit Holzbänken und Alkoven, einem großen geschreinerten Esstisch und einer langen Anrichte, auf der Lüsterporzellan schimmerte. Hinter dem Raum befanden sich eine kleine getäfelte Bibliothek, die Olive als Arbeitszimmer diente, und ein Billardzimmer, Humphrys Arbeitszimmer, wenn er zu Hause war. Es gab viele Nebengebäude – Küchen, Spülküchen, Gästehäuschen, Stallungen mit Heuböden, in denen Hühner scharrten und Schwalben nisteten. Eine breite Wendeltreppe führte aus dem Saal in die oberen Stockwerke.
Zahlreiche Kinder und Erwachsene kamen herbeigelaufen und angeschlendert, um Olive und Tom zu begrüßen. Philip beobachtete sie. Eine kleine dunkelhaarige Frau in einem weiten Kleid mit einem Muster großer Kapuzinerkresseblüten auf maulbeerfarbenem Grund brachte Olive ein vielleicht einjähriges Kleinkind, damit sie es herzen und küssen konnte, noch bevor sie ihren Mantel ablegte. Zwei Hausmädchen, mütterlich das eine, mädchenhaft das andere, warteten darauf, die Mäntel entgegenzunehmen. Zwei junge Damen in identischen indigoblauen Schürzen mit langen Haaren bis über die Schultern, dunkelbraun und rotbraun, jünger als Philip, jünger als Tom, aber nicht viel jünger. Ein kleines Mädchen in rotkehlchenroter Schürze drängelte sich an den anderen vorbei und griff nach Olives Rock. Ein kleiner Junge mit blonden Locken und einem Little-Lord-Fauntleroy-Spitzenkragen hielt sich an dem Rock der maulbeerfarbenen Dame fest und versteckte sein Gesicht darin. Olive drückte ihre Nase an den Hals des Kleinkinds Robin, das nach ihren Mohnblüten und ihrer Hutnadel griff.
»Ich komme mir vor wie ein Baum, in dem Vögel nisten. Das ist Philip, der eine Zeitlang bei uns bleiben wird. Philip, die zwei großen Mädchen sind Dorothy und Phyllis. Das ist meine Schwester Violet Grimwith, die alles hier zum Funktionieren bringt – alles, was funktionieren kann. Dieser kleine Teufel ist meine kluge Hedda, die nicht stillsitzen kann. Der Schüchterne ist Florian, er ist drei. Florian, komm her und sag Philip guten Tag.«
Florian hielt sich standhaft an Violet Grimwiths Rock fest und sagte hörbar in den Stoff, Philip rieche schlecht. Violet hob ihn hoch, schüttelte ihn und küsste ihn. Er trat gegen ihre Hüfte. Olive sagte: »Philip ist von zu Hause weggegangen und hat einen langen Weg hinter sich. Er braucht ein Bad und saubere Kleidung – und ein Bett im Birkenhäuschen, wenn Cathy sich bitte darum kümmern kann. Und Ada könnte vielleicht ein Bad für ihn bereiten – geh mit Ada, Philip, das ist am besten, und wenn du dich erfrischt hast, kümmern wir uns um das Abendessen und planen alles Weitere.«
Violet Grimwith sagte, sie werde Philip etwas zum Anziehen heraussuchen. Er sei vermutlich zu groß für Toms Sachen. Aber in Humphrys Wochenendgarderobe gebe es sicherlich ein Hemd und vielleicht sogar Kniehosen …
Stumm folgte Philip Ada, der Köchin, in den Dienstbotentrakt des Hauses und von dort durch den Hinterausgang und über den Hinterhof zu dem Gästehäuschen, dessen Erdgeschoss aus einem Raum mit Waschbecken und Wasserpumpe bestand und in dessen Speicherraum im Obergeschoss Cathy hörbar Bettzeug ausklopfte. Philip stand linkisch da. Ada holte einen Zinnzuber, zwei Krüge heißen Wassers, einen Krug kalten Wassers, Seife und ein Handtuch. Dann ließ sie Philip allein. Er zog die oberste Schicht seiner Kleidung aus und goss vorsichtig etwas heißes und kaltes Wasser in den Badezuber. Dann legte er die restliche Schutzschicht aus Unterhose und Unterhemd ab. Bäder war er nicht gewohnt. Er war kurze Duschen unter dem kalten Wasser der öffentlichen Pumpe gewohnt. Er hob ein Bein, um den Rand des Zubers zu übersteigen. Violet Grimwith kam herein, ohne anzuklopfen. Philip griff nach dem Handtuch, um sich zu bedecken, stolperte platschend in das Wasser und schürfte sich das Schienbein am Zuberrand auf. Er stieß einen unterdrückten Schmerzenslaut aus.
»Stör dich nicht an mir«, sagte Miss Grimwith. »Zeig mir mal den Kratzer. Es gibt nichts, was ich nicht schon gesehen hätte. Ich habe ihr ganzes Leben lang ihre ganzen kleinen Verletzungen behandelt, ich bin diejenige, an die sie sich wenden, wenn sie Hilfe brauchen, und ich hoffe, auch du wirst das tun, junger Mann.«
Zu seiner beträchtlichen Beunruhigung kam sie näher und brachte die Seife und ein Kännchen warmes Wasser mit, das sie ohne Vorwarnung über seinen Haarschopf ausleerte, so dass ihm Wasser in die Augen und über die Schultern spritzte.
»Mach die Augen zu«, riet sie ihm. »Halt sie fest geschlossen, denn ich schrubbe dir jetzt den ganzen Dreck runter.«
Während sie sprach, bearbeitete sie seine Haare mit Seife und Wasser, klopfte und zerrte an seiner Kopfhaut, massierte sie und tastete mit dünnen Fingern nach den verspannten Nacken- und Schultermuskeln.
»Verkrampf dich nicht«, sagte die erstaunliche Frau. »Wir bekommen jede Ritze sauber und lebendig, du wirst schon sehen.«
Sie sprach mit ihm, als wäre er ein Kleinkind oder vielleicht, vielleicht ein erwachsener und bereitwilliger Mann. Philip entschied sich, die Augen geschlossen zu halten, in jeder Hinsicht. Er presste alle Schließmuskeln zusammen, drückte das Kinn gegen die Brust und spürte, wie die Finger und Handflächen ihn beklopften und bearbeiteten. Im Wasser berührten sie zufällig oder absichtlich kurz und leicht das, was er als seinen Piepmatz bezeichnete.
»Der Dreck von Jahrtausenden«, sagte die strenge Stimme. »Verblüffend, wie Dreck sich ansammelt. Aber jetzt bist du hübsch schweinchenrosa, nicht mehr elefantengrau. Du hast schöne Haare, wenn erst mal der Schmutz und Staub draußen sind. Du kannst die Augen wieder öffnen. Ich habe die Seife weggewaschen, es wird nicht brennen.«
Er wollte die Augen nicht öffnen.
Violet Grimwith forderte ihn auf, sich abzutrocknen, während sie verschiedene Kleidungsstücke vor ihn hinhielt, um Maß zu nehmen. Noch feucht, mühte er sich in eine geflickte lange Unterhose und entschied sich unter den drei Hemden, die sie ihm hinhielt, für ein einfaches geköpertes dunkelblaues. Toms Kniebundhosen waren ihm zu klein. »Das hatte ich mir schon gedacht«, sagte Violet. Eine braune Cordhose, vermutlich aus dem Besitz des Hausherrn, war etwas zu weit, konnte aber, wie Violet vorschlug, mit einem breiten Gürtel zusammengehalten werden. Sie förderte ein Bündel Nadeln und Garnspulen zutage, befahl Philip, stillzuhalten, und machte in Höhe seiner Hüften an beiden Seiten der Hose Abnäher; sie nähte schnell und sicher. »Ich weiß, wie junge Leute sind, sie schämen sich, wenn sie komisch aussehen und wenn Sachen nicht richtig passen. Das ist nur ein Notbehelf, aber es erfüllt seinen Zweck. Jetzt musst du nicht denken, die Hose wäre zu weit. Eine Sorge weniger für dich.« Sie fasste ihn mit beiden Händen an den Hüften und drehte ihn um wie eine Kleiderpuppe. Sie gab ihm ein dickes Paar neue Socken, doch von den Schuhen, die sie mitgebracht hatte, passten ihm keine, und er musste seine schmutzigen alten Stiefel wieder anziehen, nachdem Violet sie abgebürstet hatte. Eine Tweedjacke mit Lederbesätzen vervollständigte seine Garderobe. Violet gab ihm sogar ein sauberes Taschentuch. Und einen Taschenkamm aus weißem Bein, mit dem sie ihm durch die Haare fuhr, bevor sie ihn in seine Jackentasche steckte. Im Birkenhäuschen gab es keinen Spiegel, und Philip konnte das Ergebnis ihrer Arbeit nicht betrachten. Er schüttelte sich; die Unterwäsche bereitete ihm Unbehagen. Violet fuhr mit kundigen Fingern innerhalb des Hosenbunds entlang und zupfte die Unterwäsche zurecht. Die alten schmutzigen Kleider rollte sie zu einem Bündel zusammen. »Ich will sie nicht stehlen, junger Mann, sie kommen gewaschen und ausgebessert zurück.«
»Danke, Mam«, sagte Philip.
»Wenn du irgendetwas brauchst, wende dich an mich. Vergiss das nicht. Auf deinem Bett liegt ein Nachthemd, und unter dem Bett steht ein Nachttopf, und neben der Pumpe liegt eine Zahnbürste. Wenn du zurückkommst, gebe ich dir eine Kerze und Streichhölzer. In der guten Landluft von Kent wirst du schlafen wie ein Murmeltier.«
Das Abendessen war im Esszimmer aufgetragen. Den Tisch bedeckten hübsche Fayenceteller und -becher, gelbglasiert, mit einem Schmuckrand aus Sonnenhutblüten. Robin und Florian waren ins Bett gebracht worden, doch Hedda mit ihren fünf Jahren durfte noch aufbleiben, weil die Familie früh zu Abend aß. Olive forderte Philip auf, sich neben sie zu setzen, und sagte, er sehe gut aus. Humphry Wellwood nickte ihm vom anderen Tischende aus zu. Er war ein großgewachsener, dünner Mann in einer dunkelbraunen Samtjacke mit säuberlich gestutztem feuerrotem Bart und blassblauen Augen.
Es gab Blumenkohlsuppe, gefolgt von Lammstew und einem Gemüse- und Kürbisauflauf für die Vegetarier (Olive, Violet, Phyllis und Hedda). Philip ließ sich zweimal Suppe geben. Prosper Cains Früchtekuchen lag in ferner Vergangenheit; Philip hatte zwei nahezu nahrungslose Wochen und einen lebenslangen Hunger wettzumachen. Er hatte erwartet, in Mr Wellwood, der bei der Bank von England arbeitete, jemanden anzutreffen wie die Fabrikeigner in der Töpfergegend, steif, unnahbar, herablassend. Stattdessen erzählte Humphry den Kindern eine Geschichte, offenkundig eine Folge aus einer Fortsetzungserzählung über heimliche Unbotmäßigkeiten der Bankangestellten tief im Inneren der Bank, die Bullterrier an ihren Schreibtischen angebunden hielten und Rinderhälften vom Smithfield-Markt untereinander aufteilten, bevor sie für das Wochenende nach Hause gingen. Phyllis und Hedda schüttelten sich theatralisch. Humphry berichtete von einem derben Scherz, bei dem ein junger Mann die Schnürsenkel der Stiefel eines Kollegen an dessen hohem Schreiberstuhl festgebunden hatte. Dorothy sagte, das sei eigentlich nicht lustig; Humphry stimmte ihr sogleich zu und sagte halb spöttisch und halb traurig, die armen jungen Geschöpfe seien in diesem Schattenreich eingesperrt, ohne Gelegenheit, ihrem kreatürlichen Betätigungsdrang freien Lauf zu lassen. Sie sind wie die Nibelungen, sagte Humphry, sie gehen zu den Goldtresoren, um die Maschinen anzustarren, mit denen die goldenen Sovereigns gewogen werden, Maschinen wie halb menschliche Wesen, welche die guten Münzen schlucken und die als zu leicht befundenen in kupferne Gefäße speien. Tom sagte, sie hätten einen erstaunlichen Kerzenleuchter gesehen, von dem Major Cain gesagt habe, er sei möglicherweise aus eingeschmolzenen Goldmünzen gefertigt worden. Mit Drachen und kleinen Männlein und Affen. Philip habe einige staunenswerte Zeichnungen davon gemacht. Alle sahen Philip an, der den Blick auf seine Suppe senkte. Humphry sagte, als sei es ihm tatsächlich ernst damit, er würde die Zeichnungen gerne sehen. Violet sagte: Macht den armen Jungen nicht verlegen, und das machte ihn verlegen.
Während des Essens wandte Olive sich ab und zu anmutig und impulsiv an Philip und forderte ihn auf, alles über sich zu erzählen. Nach und nach entlockte sie ihm die Information, dass sein Dad bei einem Unfall am Brennofen ums Leben gekommen war und dass seine Mam ihren Lebensunterhalt als Porzellanmalerin verdiente. Er hatte auch gearbeitet, hatte mit Brenngut gefüllte Kapseln zu den Öfen getragen. Ja, er hatte Schwestern, vier Schwestern. Brüder?, fragte Phyllis. Zwei, aber beide tot, sagte Philip. Und eine tote Schwester.
Und er hatte gespürt, dass er weggehen müsse?, fragte Olive. Gewiss war er nicht glücklich gewesen. Die Arbeit war sicher schwer gewesen, und vielleicht hatte man ihn nicht gut behandelt.
Philip dachte an seine Mam und merkte zu seinem Entsetzen, dass seine Augen heiß und feucht wurden.
Olive sagte, er müsse es ihnen nicht erzählen, sie könnten es sich vorstellen. Alle starrten ihn voller Herzlichkeit und Mitgefühl an.
»Es war nich –«, sagte er. »Es war nich …«
Seine Stimme zitterte.
»Wir werden dafür sorgen, dass du irgendwo leben und arbeiten kannst«, sagte Olive in einem Ton voller Güte.
Dorothy fragte unvermittelt, ob Philip Fahrrad fahren könne.
Nein, sagte er, aber er habe welche gesehen und sie seien sicher aufregend, und er wünschte, er könnte es ausprobieren.
Dorothy sagte: »Wir bringen es dir morgen bei. Wir haben neue. Vor dem Fest haben wir genug Zeit, es dir beizubringen. Wir können im Wald üben.«
Sie hatte ein verhältnismäßig ernstes kleines Gesicht, nicht hübsch, und wirkte die meiste Zeit übellaunig. Er fragte sich nicht, warum. Erschöpfung überwältigte ihn. Olive versuchte ihn mit ein paar weiteren Fragen nach den Misshandlungen auszuhorchen, die er ihrer Ansicht nach erlitten hatte. Er antwortete einsilbig und schaufelte sich Flammeri in den Mund. Diesmal rettete ihn Violet, die sagte, der Junge könne vor Müdigkeit nicht mehr aus den Augen sehen, und vorschlug, ihm eine Kerze zu holen und ihn ins Bett zu bringen.
Violet sagte: »Meine Schwester meint es nicht böse. Sie ist eine Geschichtenerzählerin. Sie erfindet Geschichten für dich. Ich meine keine Lügen, ich meine Geschichten. Das ist ihre Art. Sie passt dich in eine Geschichte ein.«
Philip sagte: »Sie war – unglaublich nett. Wie Sie alle.«
»Wir haben unsere Überzeugungen«, sagte Violet. »Darüber, wie die Welt beschaffen sein sollte. Und manche von uns haben erfahren – ähnlich wie du –, wie sie nicht beschaffen sein sollte.«
Das Mondlicht hing in den Ästen der Bäume rings um das Gästehaus. Es war tröstlich für Philip, im Geist die Umrisse des Geflechts der Zweige nachzuzeichnen, die sowohl zufällig als auch geregelt verliefen. Zu Violet sagte er nichts davon, sondern dankte ihr abermals, als er seine Kerze entgegennahm und in das Häuschen ging. Er fürchtete, sie könnte ihm einen Gutenachtkuss geben wollen – bei diesen Leuten konnte man nie wissen, was sie im Schilde führten –, doch sie stand nur da und sah zu, wie er mit seiner Kerze die Leiter hinaufstieg.
»Schlaf gut«, rief sie.
»Danke«, sagte er ein weiteres Mal.
Und dann war er allein mit einer herrlichen Kerze in einem Gästehäuschen. Das hatte er sich gewünscht, teilweise wenigstens. Auf den sauberen Laken des hölzernen Betts, das eine Zeitlang sein Bett sein würde, wartete ein Nachthemd. Er sah aus dem Fenster, und im Licht des Mondes am dunkelblauen, wolkenlosen Himmel sah er die Äste mit ihren fischförmigen Blättern wie Schuppen übereinander, unmerklich bebend. Er übersetzte die Formen in Glasur und dachte kurz darüber nach. Es war zu viel. Er hätte am liebsten aufgeschrien oder geweint oder, das spürte er, seinen Körper berührt – seinen reingewaschenen Körper –, wie er es bisher nur verstohlen an schmutzigen Orten hatte tun können. Er durfte keine Spuren hinterlassen, das wäre unanständig. Schließlich faltete er das Taschentuch, das man ihm geschenkt oder geliehen hatte, zu einer Art Windel. Das konnte er später unter der Pumpe auswaschen.
Er legte sich hin, legte Hand an sich und masturbierte sich in einen Rhythmus des Glücks und in eine beseligende feuchte Ekstase hinein.
Dann lag er reglos da und lauschte auf die Geräusche in der Stille. Der Ruf eines Käuzchens. Ein zweites Käuzchen antwortete. Ein großer Ast knackte. Es raschelte. Die Pumpe unten tropfte in das Steinbecken. Wie sollte er in einem solchen Getöse der Stille je einschlafen können, wie auch nur auf einen Augenblick, in dem er sich der Seligkeit des Alleinseins bewusst war, verzichten? Er streckte Arme und Beine in alle Richtungen des Kompasses aus und schlief beinahe unverzüglich ein. Er wachte auf und schlief ein, wachte auf und schlief ein, Mal für Mal, bevor der Tag dämmerte, und ergriff jedes Mal erneut Besitz von Dunkelheit und Stille.
Am nächsten Tag wurde das Sommersonnenwendfest vorbereitet. Violet versorgte Philip mit einem Frühstück aus Eiern, Toast und Tee und sagte ihm, er sei dazu eingeteilt, Laternen zu basteln. Sie würden überall im Garten verteilt werden. Er solle in das Schulzimmer hinaufgehen, wo gebastelt wurde.
Die eindrucksvolle Treppe beschrieb eine interessante Wendung, und in einer Nische an dieser Wendung stand auf einem eichenen Hocker ein Krug. Es war ein großes, gewölbtes irdenes Gefäß, das sich zu einem hohen Hals mit zierlichem Rand verjüngte. Die Glasur war silbrig golden mit aquamarinblauen Schleiern. Das Licht umfing die Oberfläche, die aussah wie im Wasser gespiegelte Wolken. Ein Krug voller Wasseranspielungen. Es gab einen senkrechten Rhythmus aufragender Stengel von Wasserpflanzen und einen verwegenen waagerechten Rhythmus unregelmäßiger Wolken schwärzlicher wimmelnder Kommas, die sich bei näherem Hinsehen als täuschend ähnliche Kaulquappen mit durchsichtigen Schwänzchen herausstellten. Der Krug hatte mehrere asymmetrische Griffe, die wie Wurzeln im Wasser aus ihm herauszuwachsen schienen und sich als die koboldhaften Gesichter und wendigen Schwänze von Wasserschlangen erwiesen, goldfarben mit grünen Tupfen. Er ruhte auf vier dunkelgrünen Füßen, zusammengerollten schuppigen Eidechsen. Oder unspektakulären Drachen, die mit geschlossenen Augen und friedlichen Schnauzen schlummerten.
Das war es, was er gesucht hatte. Seine Finger bewegten sich in dem Gefäß wie auf einer imaginären Töpferscheibe. Die Form des Kruges verlieh seinem Gefühl von der Form seines Körpers Gestalt. Er stand wie erstarrt da und schaute.
Olive Wellwood trat hinter ihn und legte ihm einen Arm um die Schulter. Sie roch nach Rosen. Philip riss sich zusammen und schüttelte ihren Arm nicht ab. Er ließ sich nicht gern berühren. Am wenigsten in privaten Momenten.
»Ein erstaunlicher Topf, nicht wahr? Wir haben ihn wegen der hübschen Kaulquappen gekauft – sie passen zu unserer Vorstellung von Todefright. Die Kleinen streicheln sie gerne.«
Philip konnte nichts sagen.
»Benedict Fludd hat ihn gemacht. Er arbeitet in Dungeness. Er ist zu unserem Fest eingeladen, aber wahrscheinlich kommt er nicht. Seine Frau wird kommen. Sie heißt Seraphita, aber mit Taufnamen Sarah-Jane. Der Sohn heißt Geraint, und die Töchter sind Imogen – etwa in deinem Alter – und Pomona. Pomona ist so alt wie Tom und zum Glück so hübsch wie ihr Name – findest du es nicht auch gefährlich, kleinen Dingern romantische Namen zu geben, wenn man nicht wissen kann, ob sie am Ende potthässlich aussehen? Pomona hat nichts von irgendwelchen Äpfelchen, wie du sehen wirst, sondern ist eher eine blasse Narzisse.«
Philip interessierte sich nur für den Töpfer. Es gelang ihm zu stottern, der Krug sei einzigartig.
»Es heißt, er habe Anfälle religiösen Wahns. Dann müssen sie die Töpfe verstecken, damit er sie nicht zerschlägt. Und Anfälle antireligiösen Wahns hat er auch.«
Philip machte ein ersticktes neutrales Geräusch. Olive fuhr ihm durch die Haare. Er zuckte nicht zurück. Sie begleitete ihn zu dem Schulzimmer.
Philip verband mit »Schulzimmer« einen finsteren Kirchenanbau voll langer Bänke und der schweren Ausdünstungen ungewaschener Körper, erstickten Denkens und schmerzlicher Furcht vor dem Rohrstock. Hier, in einem lichtdurchfluteten Raum mit pimpernellfarbigen Chintzvorhängen, saß jeder an seinem eigenen Platz an der Arbeit. Die Mädchen trugen bunte Schürzen, als wären sie farbige Schmetterlinge – Dorothy metzgerblau, Phyllis dunkelrosa, Hedda scharlachrot. Florian trug ein butterblumengelbes Kinderkleid. Den langen, sauberen Tisch bedeckten farbige Papiere, Töpfe mit Kleister, Pinsel, Farben und Gefäße mit Wasser. Aus Papierkörben quollen zerknüllte, fehlgeschlagene Versuche. Violet führte den Vorsitz, half hier beim Schneiden, dort beim Knoten.
Tom machte Platz, damit Philip sich neben ihn setzen konnte. »Nein«, sagte Phyllis, »neben mich.«
Phyllis hatte glatte, schimmernde Haare von einer Farbe wie Butter. Philip setzte sich neben sie. Sie tätschelte seinen Arm mit einer Geste, als wäre sie jünger, als sie zu sein schien. Oder als behandelte sie ihn wie ein Schoßtier, dachte Philip ungerechterweise. Er dachte an seine Schwester Elsie, die nie einen eigenen Platz in irgendeinem Zimmer gehabt hatte und einen unablässigen Krieg gegen Nissen in ihrem hellblonden Haar führte.
Sie zeigten ihm ihre Laternen. Toms Laterne zierten geduckte Krähen vor flammenfarbenem Hintergrund. Phyllis hatte einfach Blüten ausgeschnitten, Gänseblümchen und Glockenblumen auf grasgrünem Fond. Dorothy hatte ein Muster skelettierter Hände oder Pfoten (nicht menschlich, dachte Philip, eher Kaninchen) auf Violett angeordnet. Hedda war damit beschäftigt, die Silhouette einer Hexe auf einem Besen auszuschneiden. Phyllis sagte: »Wir haben ihr gesagt, dass Hexen zu Halloween gehören und nicht zur Sommersonnenwende. Aber Hexen kann sie gut, sie kann den Hut und die spitzen Sachen gut ausschneiden –«
»Hexen gibt es auch im Sommer«, sagte Hedda. »Und ich mag Hexen.«
»Nimm dir Papier«, sagte Violet Grimwith, »und eine Schere und Leim und Farbe. Wir sind alle neugierig darauf, was du dir einfallen lassen wirst.«
