Das Buch der Paria 1 - Ella Rosato - E-Book
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Das Buch der Paria 1 E-Book

Ella Rosato

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Beschreibung

An Ihrem 18 Geburtstag wird Amelie mit einer Welt konfrontiert, von deren Existenz sie niemals geahnt hätte.Eine Welt, in der die Völker der Elemente verborgen unter unwissenden Menschen leben. Eine Welt, in der ein Buch das Gefängnis für die körperlosen Seelen der Verbrecher ist.Die Paria. Aus dieser Welt stammt Ihr Großvater, er war der Hüter des Buches.Mit seinem gewaltvollen Tod verschwand es, die Gabe des Hüters ging jedoch auf die ahnungslose Amelie über. Als Amelie zum Ziel der Paria wird, taucht plötzlich der gut aussehende Finn auf. Sie fühlt sich magisch zu dem jungen Mann hingezogen. Nur, kann sie ihm trauen?Beschützt er sie wirklich oder ist er gar der Auslöser für die mysteriösen Dinge, die ihren letzter Zeit widerfahren…

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
Epilog
Bonusmaterial
Dank
Liste der Charaktere:

 

 

Das Buch der Paria

 

Teil 1

 

Von Ella Rosato

1.Auflage

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

 

 

Text Copyright der ebook- Ausgabe 2018, by Daniela Maurer-Eberl. Alle Rechte vorbehalten. Urheberrechtlich geschütztes Material.

Daniela Maurer-Eberl

Meersburgerstr. 10b

88690 Uhldingen-Mühlhofen

 

Die Geschichte, sowie deren Figuren, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen sind reiner Zufall und nicht beabsichtigt.

 

Umschlaggestaltung: Sarah Buhr

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für euch da draußen, ich hoffe, ihr könnt mit Amelie und Finn etwas dem Alltag entfliehen und habt so viel Freude am Lesen, wie ich am Schreiben hatte.

Eure Ella

 

 

Prolog

 

Amelie war noch nicht einmal acht Jahre alt, als Rufus erkannte, dass sie ihm ähnlicher war, als es sein durfte. Es war fast unheimlich, fast unmöglich, denn Rufus war kein Mensch, er war ein Selva. Sein Volk war eines von vieren, die sich die „Völker der Elemente“ nannten. Rufus lebte in deren Auftrag unter den Menschen und fand dort seine Frau. Seine Herkunft hielt er jedoch immer geheim, denn das war ihr oberstes Gesetz.

Gerade schlenderte er durch seinen Garten und wollte ein paar Blumen pflücken, denn seine kleine Amelie hatte heute Geburtstag.

Plötzlich überkam ihn ein Unbehagen. Dieses Gefühl breitete sich über seinen ganzen Körper aus, sodass ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Sein Herzschlag beschleunigte sich rasant und er rief all seine Sinne wach.

Ich werde beobachtet! Das spürte er deutlich.

Es war auf einmal völlig still im Wald. Kein Vogel zwitscherte mehr und das Rascheln der Mäuse, die im Laub nach Futter suchten, hatte aufgehört. Instinktiv griff Rufus zu seinem Spaten, gefasst darauf, sich zu verteidigen. Ihm stellte es alle Nackenhaare auf, während er um das Haus schlich und sich umschaute.

Nichts!

Es war nur so ein Gefühl, aber es legte sich wie kalte Klauen um seinen Körper. Fest und immer fester. Er hörte nur noch seinen Atem, als er den Spaten in seinen knorrigen Händen drehte, als wäre dieser ein Baseballschläger.

„Wer ist da? Zeig dich!“, rief er in den Wald hinein.

Nichts!

Rufus war für sein Alter immer noch kräftig und hatte Augen wie ein Adler. Seine langen, grauen Haare waren mit einem Lederband zusammengebunden. Seine Gesichtszüge glichen denen eines Indianers. Nur durch seine Male am Rücken, die das Stammeszeichen der Selva zeigten und seiner Aura, unterschied er sich von den Menschen. Die Aura konnte ein Mensch jedoch nicht sehen, die Krieger der Elemente erkannten ihresgleichen aber so auf der ganzen Welt.

 

Aus seinem Versteck beobachtete er den Alten. Endlich hatte er ihn gefunden. Er war sich sicher:

Er war der Hüter des Buches.

„Heute wird dein letzter Tag sein, Mistkerl!“, fauchte er leise und schaute sich um. Soweit das Auge reichte, waren hier nur Wiesen und Wälder zu sehen. Genau diese Abgeschiedenheit würde dem Alten heute zu seinem Verhängnis werden. Keiner würde ihn hören und keiner ihm zu Hilfe eilen, wenn seine Schreie durch diese Einsamkeit hallten. Er trat aus dem Schatten der Bäume und gab sich zu erkennen.

Rufus sah den Eindringling und traute seinen Augen kaum. Er sah aus, als wäre er der Teufel persönlich, ein Vuur, wie Rufus unschwer an seiner feuerroten Aura erkannte. Ihre Attribute stellten sich durch ihr hitziges Gemüt und ihre Kampfeslust dar. Diese standen ganz im Gegensatz zu dem friedvollen Wesen der Selva. Dass dieser Vuur mit seinem Erscheinen nichts Gutes im Schilde führte, ahnte Rufus sofort.

„Hüter des Buches. Hab ich dich endlich gefunden!“ Der Fremde spuckte jedes Wort wie fauliges Fleisch aus. „Hier hast du dich also versteckt.“ Er lachte dreckig. Seine Stimme war tief. „Es ist gefährlich, so einsam hier draußen zu leben.“ Mit diesen Worten bewegte er sich langsam und unheilvoll auf Rufus zu.

Der Vuur hatte einen langen schwarzen Umhang an und trug eine zerrissene Lederhose. Seine Stiefel waren zerbeult und dreckig. Sein Oberkörper unter dem Umhang war unbedeckt und Rufus sah, dass er furchtbar entstellt war. Die Haut war grau und faltig, wie die eines Elefanten. Das Gesicht, die Arme und Beine, alles war entstellt. Selbst die langen schwarzen Haare, die offen über die Schulter fielen, schienen, als wären sie mit widerspenstigen Spinnweben durchzogen. Rufus wusste jetzt, wen er vor sich hatte.

Es gab nur einen unter ihnen, der ausschaute wie eine Mumie. Der Vuur stand jetzt einen Meter vor ihm. Er überragte Rufus sicher um eine Elle und als er die schwarze Sonnenbrille auf den Kopf schob, sah Rufus in seine furchterregenden Augen. Sie waren schneeweiß. Nur die kleine Pupille in der Mitte war schwarz und sah aus wie ein tiefer Krater.

„Kein schöner Anblick, nicht wahr?“, fauchte der Vuur.

Rufus versuchte seine Stimme unter Kontrolle zu bekommen. „In der Tat, das ist es nicht, Cyrian von den Vuur. Das Schicksal hat dir übel mitgespielt.“

„Das Schicksal war wohl kaum daran schuld.“ Cyrian präsentierte seinen entstellten Körper. „Vielmehr das Unvermögen der Völker der Elemente. Ihr habt mein Leben zerstört!“

„Du hattest ein Verbrechen begangen und warst ein Verurteilter, dessen Seele in das Buch verbannt wurde.“

„Du hast meine Seele in das Buch verbannt!“ Cyrians Gesicht war keine Handbreit mehr von Rufus´ entfernt. „Du bist mit verantwortlich dafür, dass mein Körper so widerlich aussieht“, schrie Cyrian voller Hass.

„Du hast dich selbst in diese Situation gebracht.“ Rufus versuchte, ruhig zu bleiben. „Also, was willst du hier?“

„Das weißt du genau!“, zischte Cyrian. „Rache!“

Als Rufus keine Reaktion zeigte, stemmte er seine Arme in die Hüften, indem er seinen Mantel nach hinten schob. Rufus sah die Waffen an Cyrians schwerem Gürtel. Es waren verdammt viele: ein Schlagstock, Messer in verschiedenen Größen und Formen, ein paar Wurfsterne. Aber auch eine Würgepeitsche, die grausamste Waffe in seiner Sammlung.

„Ich will das Buch der Paria! Ich weiß, du hast es hier“, zischte Cyrian. Er baute sich vor Rufus auf und grinste herablassend. In dem Buch der Paria waren die Seelen der Verbrecher ihrer Völker gefangen.

„Das willst du nicht wirklich. Das Buch ist böse und gefährlich“, warnte Rufus ihn.

„Hast du es deswegen so weit weg von Selva versteckt?“ Cyrian lachte höhnisch.

„Ja, denn die Menschen nehmen seine finstere Aura nicht wahr.“

„Aber ich, ich habe es trotzdem gefunden. Dein Versteck war nicht clever genug für mich!“

„Ich denke nicht, dass du clever bist, sonst wüsstest du, dass ich dir das Buch niemals geben werde.“ Rufus versuchte, mit Autorität in der Stimme zu sprechen. „Ich bin der Hüter des Buches. Du kannst nichts damit anfangen. Nur ich vermag das Buch der Paria öffnen und das werde ich niemals tun.“

„Das werden wir schon sehen, du alter Narr.“ Cyrian packte Rufus am Nacken. Dieser tat, als setzte er sich in Bewegung, holte dabei aber mit seinem Spaten aus und versuchte Cyrian mit einem gezielten Schlag außer Gefecht zu setzen. Das misslang kläglich. Als hätte er den Angriff vorausgesehen, hob Cyrian blitzschnell seine Hand und entriss Rufus seine Waffe. Im Gegenzug schlug Cyrian ihm mit aller Kraft die Faust ins Gesicht, sodass er ihn zu Boden schleuderte. Rufus sickerte sofort Blut aus der Nase, doch schnell raffte er sich wieder auf. Wie zwei Ringer umkreisten sie einander. Zeit für Rufus, die Energie der Natur, um sich zu bündeln.

„Deine Aura wird stärker Hüter, aber mein Hass ist zehnmal so stark.“ Mit diesen Worten stürzte sich Cyrian auf Rufus und sie kämpften erbittert. Auch wenn der Kampf lange Zeit ausgewogen schien, war Cyrians Hass und Stärke weitaus mehr als der friedliche Selva ihm entgegensetzen konnte. Mit einem Tritt in den Solarplexus brachte Cyrian Rufus aus dem Gleichgewicht. Dieser strauchelte zurück und schnappte schwer keuchend nach Luft. Das gab Cyrian die nötige Zeit, um seine Peitsche aus dem Gürtel zu ziehen. Erbarmungslos ließ er sie auf Rufus hinunter schnellen. Ein stechender Schmerz zog sich um Rufus´ Mitte. Die Waffe schnitt ihm bis auf die Rippen. Ein Arm, dessen Fleisch regelrecht vom Muskel abgetrennt wurde, war durch die Peitsche an seinen Brustkorb gefesselt.

Cyrian hielt Rufus so gefangen und packte ihn an seinem Hosenbund. Er hob ihn mit Leichtigkeit hoch und schleifte ihn ins Haus. Bei jedem Schritt die Treppe hinauf schlug Rufus´ Kopf gegen die Stufen. Doch er spürte es kaum mehr. Ihm war klar, dass er den Tag nicht überleben würde.

Cyrian trat mit Wucht die Tür auf und schleuderte Rufus, indem er die Peitsche öffnete, durch das Zimmer. Er prallte mit voller Härte an die gegenüberliegende Wand. Stöhnend lag Rufus am Boden. Sein Widersacher ließ ihm nicht viel Zeit zum Durchatmen. Mit langen Schritten kam er durch das Zimmer und baute sich vor ihm auf. „Ich spüre das Buch deutlich. Wo hast du es versteckt?“

Rufus kauerte auf dem Boden, schaute nach oben und sah in Cyrians vor Zorn verzerrtes Gesicht. Er schwieg.

„Ich finde es auch ohne deine Hilfe.“ Mit diesen Worten hob Cyrian seinen Fuß und trat mit großer Wucht auf Rufus´ Unterschenkel. Das Krachen des Knochens war trotz des Schreis von Rufus zu hören.

„Dass du mir nicht wegläufst, während ich das Buch suche“, spottete Cyrian. „Oder sagst du mir jetzt, wo es ist!“ Er packte Rufus an seinem verletzten Arm und setzte ihn auf den Stuhl.

Rufus konnte vor Schmerz kaum mehr klar denken. Unter seiner Hose sah er den gebrochenen Knochen hervorstehen, das Blut lief ihm das Bein hinunter. Halb ohnmächtig schaute er zu Cyrian, wie dieser mit einem fiesen Lächeln seine Waffen vor ihm auf dem Tisch ausbreitete.

„Nun rede schon, wo ist das Buch? Ich habe keine Lust zu suchen.“ Cyrian stützte sich auf dem Tisch ab. Er drohte ihm: „Magst du dir ein Messer aussuchen? Mit dem hier“, er zeigte auf das Größte, „habe ich, auf dem Weg hier her, schon mehrere Finger abgeschnitten.“ Cyrian grinste gehässig, als er ein Aufblitzen in Rufus´ Augen sah. „Das Kleinere hier eignet sich für die Ohren.“ Er nahm das Messer in die Hand und spielte vor Rufus´ Gesicht damit herum. „Also, nun rede schon!“ Die letzten Worte schrie der Vuur regelrecht. Er wurde langsam ungeduldig und ritzte Rufus die Haut an der Wange auf. Der hingegen schwieg.

„Jetzt nicht zu reden wird schmerzhaft, Hüter!“ Cyrian warf voller Zorn den kleinen Schrank im Zimmer um und durchwühlte ihn. Dann kam er zurück zu Rufus und stieß ihm ein Messer in die Seite. „Rede!“, brüllte er. Rufus sackte in sich zusammen. Er betete leise um Kraft und innere Stärke, denn er wusste nun, was er zu tun hatte. Er schaute auf die alte Truhe in der Ecke und nickte in ihre Richtung. Cyrian grinste siegessicher, ließ von ihm ab, schritt zu dem antiken Möbelstück und versuchte es zu öffnen.

Rufus sammelte seine letzten Reserven. „Was willst du denn mit dem Buch? Darin sind die schlimmsten Verbrecher gefangen. Diese Paria können nicht in ihr altes Leben zurück, ihre Körper sind verbrannt worden und somit haben sie auf dieser Erde nichts mehr verloren. Du weißt doch, wie gefährlich sie sind.“

Cyrian kam zurück, grinste ihn schräg an und nahm seinen Säbel, um das Schloss der Truhe abzuschlagen. „Sie werden zurückkommen! Ich befreie sie und dann werden sie stärker und gefährlicher sein, als ihr euch vorstellen könnt“, prophezeite Cyrian unheilvoll. „Wir werden euch alle auslöschen.“ Sein Lachen ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. „Und du alter Narr öffnest mir jetzt das Tor zur Hölle.“ Er hieb mit dem Schaft des Säbels wie ein Verrückter auf das Schloss an der Truhe ein, bis es auseinanderfiel. Er fand das Buch der Paria unter vielen anderen Büchern, versteckt in einem alten Tuch. Beinahe ehrfürchtig hob er es hoch. „Meine Freunde, ihr musstet lange warten, aber jetzt ist es soweit.“

Er drehte sich zu Rufus um. Doch was er da sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Aus tiefen Schnitten an Rufus´ Handgelenken pulsierte sein Blut in großen Mengen heraus. Es sammelte sich bereits in einer Pfütze auf dem Boden.

Rufus lächelte Cyrian an: „Nur der Hüter kann das Siegel, das das Buch verschließt, öffnen. Nur ich bin dazu berufen. Du hast verloren.“ In der Hoffnung, Cyrians Pläne durchkreuzt zu haben, dämmerte Rufus in eine Bewusstlosigkeit. Vor seinem inneren Auge sah er Amelie: Ich wollte dich so gerne aufwachsen sehen. Verzeih mir bitte meine Kleine. Seine letzten Gedanken galten seiner Enkelin.

Cyrian schrie zornig und warf alles, was er in die Finger bekam, durch das Haus. Er wütete wie ein Wahnsinniger, bis er abrupt vor einem Bild zum Stehen kam. Ein Familienfoto auf dem Rufus mit seinem Sohn und seiner Enkeltochter abgebildet war!

Das Mädchen, das ihn da anlächelte, war Rufus wie aus dem Gesicht geschnitten und eine leichtere Beute als der Vater. Cyrian lachte schallend. „Sie ist von deinem Blut. Sie wird mir das Buch öffnen.“

1. Kapitel

 

„Happy Birthday, mein Schatz“, leise flüsternd stand Lily mit einem Geburtstagstörtchen in der Tür. Sie schmunzelte. Von Amelie waren nur ihre langen, goldblonden Haare zu sehen, der Rest von ihr war noch tief unter der Bettdecke vergraben. Lily hörte ein leises Grummeln, als sie sich auf die Bettkante setzte. Der Lichtstrahl, der durch die Tür schien, fiel direkt auf Amelie, die blinzelnd unter der Bettdecke hervorlugte. In dem sanften Licht funkelten ihre Augen wie grüne Smaragde. Ihre Pupillen sahen aus, als ob sie von leuchtenden, bernsteinfarbenen Strahlen umrandet wären. Wieder einmal mehr, bemerkte Lily, dass Amelie die einzigartigen Augen ihres Großvaters geerbt hatte.

„Das ist ja lieb, Momy.“ Amelies verschlafener Ausdruck wich einem Lächeln. „Ich sollte vielleicht die Kerze ausblasen, bevor dir Wachs auf die Finger tropft?“

„Ja bitte, und denk daran, dir etwas zu wünschen.“

Jetzt musste Amelie lachen, als sie sich hochrappelte.

„Mom, ich werde achtzehn! Langsam sollten diese Spielchen aufhören, findest du nicht? Das mit diesem Wunschkonzert hat eh noch nie geklappt“, fügte sie leicht deprimiert hinzu.

„Tu es für mich, bitte“, bettelte Lily. „Nur um der Tradition Willen.“

Amelie schloss die Augen und blies die Kerze aus. Sie wünschte sich tatsächlich etwas. Aber das brauchte ihre Mutter ja nicht erfahren.

„Wenn aber einmal mein Traummann neben mir liegt, lassen wir das lieber. Okay?“, lachte Amelie.

Lily schaute verdutzt. „Sollte ich da vielleicht etwas wissen?“

„Nein!“ Amelie lachte über den eindeutig erschrockenen Gesichtsausdruck ihrer Mutter. „Aber wenn es mal so weit wäre, erfährst du es als Erste. Versprochen!“

„Na ja, alt genug wärst du ja, oder?“

„Vielleicht habe ich mir den Traummann ja gerade gewünscht“, sagte Amelie mit leichter Sehnsucht in der Stimme.

„Dann wird es bestimmt der Richtige sein. Nur, so wie du im Moment aussiehst, rennt er schreiend davon. Ab ins Bad mit dir.“

„Also eins weiß ich mit Sicherheit“, rief Amelie aus dem Bad. „In der Schule treffe ich meinen Traumtypen bestimmt nicht.“

 

Als Amelie in die Küche kam, duftete es schon nach frischem Toast. Auf dem gedeckten Tisch standen ein kleines Blumensträußchen und ein Geschenk.

„Komm, pack es aus“, forderte ihre Mutter sie auf.

Das ließ sich Amelie nicht zweimal sagen. Früher musste sie nämlich immer eine Weile mit dem Auspacken warten, denn ihr Vater genoss es, sie auf die Folter zu spannen. Vorsichtig entfernte sie das Geschenkpapier. Es kam eine kleine Schmuckschatulle zum Vorschein. Amelie bekam große Augen, als sie sie öffnete.

„Mom, der ist ja wunderschön.“ Sie hielt einen Ring in der Hand, der die Form einer liegenden Acht hatte und steckte ihn gleich an ihren Finger. „Passt wie angegossen.“ Sie strahlte.

„Die liegende Acht ist das Symbol für die Unendlichkeit, wie du sicher weißt.“ Lilys Stimme zitterte etwas. „Was ich dir damit sagen möchte, ist, dass du, auch wenn du jetzt erwachsen bist, hier immer ein Zuhause hast. Ich werde immer hinter dir stehen und wenn du es brauchst offene Arme und Ohren für dich haben. Ich hab dich lieb und bin stolz auf dich mein Schatz. Dein Vater wäre es sicher auch. Wir haben eine so wundervolle Tochter.“

„Danke Mom. Der Ring ist so schön und seine Bedeutung unbezahlbar.“

Später, als Amelie fast schon zur Tür raus war, rief sie noch über die Schulter. „Lass uns am Wochenende Dad besuchen, ja?“

„Ja klar, das ist eine gute Idee.“ Lily schloss die Tür, lehnte sich an und ließ sich auf den Boden gleiten. Amelies Vater Jonah starb noch im gleichen Jahr wie ihr Großvater. Beide waren jetzt schon seit zehn Jahren tot und noch immer zog es ihr die Füße weg, wenn sie plötzlich damit konfrontiert wurde. Jonah hatte einen Autounfall. Anscheinend waren ihm mehrere Krähen frontal an die Windschutzscheibe geflogen. Durch den Schrecken hatte er stark abgebremst und aufgrund der verdreckten Windschutzscheibe konnte er die riesige Öllache in der Kurve nicht sehen. Das Auto rutschte geradewegs über die Böschung und kam nach mehreren Überschlägen dreißig Meter tiefer zum Stillstand. Amelie saß damals mit im Auto. Wie durch ein Wunder blieb sie völlig unverletzt. Das einzige, was sie davontrug, war ein Trauma: die panische Angst vor Krähen. Nächtelang wurde sie von Albträumen gequält. Lily dagegen quälten die Umstände, die zu dem Unfall führten. Woher kam die riesige Öllache in der Kurve und warum flogen plötzlich so viele Krähen in das Auto? Von der Polizei wurden ihre Fragen mit den Worten Unglück, Schicksal oder dummer Zufall abgetan. So gab sich niemand die Mühe, nach Ursachen und Verursachern zu suchen.

Amelie und sie besuchten seitdem in regelmäßigen Abständen gemeinsam das Grab. Für sie beide war das am Anfang sehr wichtig. Inzwischen war es zu einem richtigen Ritual geworden. Oft redeten sie am Grab, als säße ihnen Jonah gegenüber. Sie lachten sogar ... Manchmal. Manchmal weinten sie auch nur und schwiegen. Lily war unendlich dankbar, dass sie Amelie damals nicht auch noch verloren hatte. Und so saß sie wieder einmal auf dem Boden und ließ ihren Tränen freien Lauf.

 

Amelie holte wie jeden Morgen auf dem Weg zur Schule ihre Freundin Jazmin ab. Im Moment war sie jedoch noch in Gedanken bei ihrem Vater. Amelie war es wichtig, ihm an ihrem Geburtstag nahe zu sein.

Unwillkürlich sah sie sich wieder im Auto sitzen. Wie aus dem Nichts kamen die Krähen auf sie zugeflogen. Sie hörte sich selbst schreien, sah nur noch schwarze Federn, Blut und die zerschmetterten Köpfe der Tiere an der Windschutzscheibe. Dann kam der Fall. Ein, zwei, drei Überschläge, danach war nur noch Stille und sie saß mittendrin.

Amelie fühlte sich damals sonderbar sicher und spürte nicht einmal die harten Aufschläge, bei denen das Auto bis zur Unkenntlichkeit zerquetscht wurde. Es war, als würde sie in einer riesengroßen Seifenblase schwimmen, - geschützt wie ein Embryo im Bauch. In diesem Moment sah sie alles nur verschleiert und war dankbar dafür, denn sie hatte kein schlimmes Bild von ihrem verletzten Vater im Kopf. Für die Ärzte und Psychologen, bei denen sie dann in Behandlung war, war dies natürlich ein Anzeichen des Schocks. Aber Amelie wusste es besser. Sie hatte den besten Schutzengel der Welt, dessen war sie sich damals sicher.

Tief in ihren Gedanken versunken bog sie bei Jazmin in die Straße ein. Dabei bemerkte sie die beiden Rottweiler nicht, die friedlich bei Millers im Garten lagen.

Plötzlich jaulten die Hunde auf und zogen somit Amelies Aufmerksamkeit auf sich. Sie sah, wie die beiden von einem heftigen Krampf geschüttelt wurden, und wollte auf die Hunde zugehen, um nach ihnen zu sehen. Aber eine innere Stimme sie davon ab. Amelie entschied sich, nach Jazmins Vater zu rufen, dem die Hunde gehörten.

„Mr. Miller, Jazzie!“ Sie behielt in sicherem Abstand die Hunde im Auge. „Kommt schnell raus, es ist etwas mit euren Hunden.“ Amelie blieb vor dem Grundstück stehen. Die Millers schienen ihr Rufen nicht gehört zu haben. Die Tür blieb zu! Sie versuchte es ein weiteres Mal, aber ohne Erfolg. Keiner hörte sie.

Obwohl die Hunde normal friedlich waren, entschied sich Amelie dazu, lieber nicht den Weg durch den Garten zur Haustür zu nehmen. Nachdem sie mehrmals erfolglos versuchte, Jazmin auf dem Handy zu erreichen, entschloss sie sich alleine zur Schule gehen. Plötzlich erkannte sie aber, dass die Hunde knurrend auf sie zu kamen. Beide zogen ihre Lefzen hoch und entblößten ihre scharfen Zähne. Sie bewegten sich langsam auf sie zu. Trotz der rasenden Angst, zwang Amelie sich, nicht schnell davonzurennen, denn sie wusste, dass dies den Jagdinstinkt der Hunde erst recht wecken würde. So ging sie langsam und ruhig rückwärts, ihr Blick war auf die Hunde gerichtet, die ihr nachschlichen, wie Wölfe ihrer Beute.

„Jazzie, Mr. Miller, kommt doch bitte jemand raus. Ich brauche Hilfe.“ Amelies Stimme klang unnatürlich hoch. „Mein Gott, was passiert hier! Warum hört und sieht mich denn keiner?“ Amelie packte die nackte Angst. Sie zog ihre Schultasche vor den Körper und krallte sich daran fest. Stetig wich sie vor den Hunden zurück, ohne sie aus den Augen zu lassen. Aber die Zähne fletschenden Köter folgten ihr weiter. Langsam und bedrohlich kamen sie immer näher. Ihre Körper zitterten regelrecht vor Anspannung und ihre Köpfe glichen den Fratzen von Monstern. Speichel lief ihnen aus dem Maul, das so verzerrt war, dass man die hintersten Zähne sah. In ihren weit aufgerissenen Augen, in denen man schon ganz viel von dem Weiß sah, spiegelte sich ihre Angriffslust.

„Hilfe, hört mich denn keiner?“ Amelie hatte schon fast die ganze Straße überquert. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals, rasend schnell. In der Ferne hörte sie ein Auto.

Ja, bitte, bieg hier ein in die Straße,bitte,biiiitteeee. Aber das rettende Brummen des Motors entfernte sich schon wieder. Enttäuscht darüber versuchte sie es noch einmal mit Rufen. „Jazmin! Jazziiiii!“ Amelies Stimme brach weg. Sie registrierte hinter sich eine Mauer ... Endstation! Die Hunde schlichen nun im Zickzack vor ihr hin und her. Sie hatte keine Chance zu entkommen. Ihr Puls raste so schnell, dass sie kaum mehr Luft bekam. Ihr Atmen glich einem hoffnungslosen Japsen und jeder Atemzug brannte ihr in der Lunge. Ihre Arme und Beine kribbelten und versteiften sich zunehmend. Sie drohten zu versagen. Nass geschwitzt und kreidebleich versuchte Amelie sich nicht völlig in der Panikattacke zu verlieren.

„Hilfe! Warum kommt denn keiner?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. Sie stand mit dem Rücken zur Wand, hilflos den Hunden ausgeliefert, die in der Zwischenzeit so nah waren, dass sie ihren warmen Atem roch. Aus ihren Mäulern tropfte schaumiger Speichel auf die Straße. Die Aggression der Hunde war greifbar, sie bereiteten sich auf einen Angriff vor.

Amelie nahm ihren ganzen Mut zusammen und sprach die Hunde jetzt direkt an: „Dexter, Ryker, ihr kennt mich doch, was ist - ...?“

Amelie konnte den Satz nicht zu Ende bringen. Beide Hunde gingen mit einem lauten Grollen auf sie los.

2. Kapitel

 

Viele Tausende Kilometer entfernt saß ein Eingeborener in seiner Hütte und gluckste freudig. Er war in eine tiefe Trance versetzt und beobachtete das Geschehen mit einem Gefühl der Genugtuung.

Er, Azzael, der selbst ernannte Anführer der Paria, hatte Besitz von einem Menschen ergriffen. Dem Häuptling dieses Stammes. Er war die Ausgeburt des Bösen, herrschsüchtig und kampfeslustig, genau wie er selbst. Seit zehn Jahren war er frei. Er sammelte zuerst Kräfte, dann Helfer um sich. Inzwischen hatte er viele Paria aus dem Buch befreit.

Was ihnen allen fehlte, waren ihre Körper. Aber er lehrte seine Paria, Menschen zu besetzen.

Cyrian, sein heimlicher Verbündeter, stahl das Buch und brachte es an diesen Ort. Bisher war es das perfekte Versteck, denn seit zehn Jahren suchten die Völker der Elemente erfolglos nach ihm, nun aber kamen ihre Krieger näher. Das spürte er.

Ausgerechnet jetzt wurde auch noch das kleine Miststück Namens Amelie wieder zur Gefahr. Das Enkelkind des Hüters, das ihn einst aus dem Buch gelesen hatte, unwissentlich natürlich. Sie konnte seinen Paria jetzt gefährlich werden. Sie war ein Hüter. Genau wie ihr Großvater. Sollte er das Buch wieder an die Völker verlieren, konnte sie es schließen. Aber das würde er nicht zulassen, vorher musste sie sterben.

Azzael vertiefte seine Trance, um mit seinen Paria Kontakt aufzunehmen.

„Paria, hört mich! Ich, Azzael, rufe euch.“ Seinem Wirt entrann ein leises Stöhnen der Anstrengung. „Zwei unserer Brüder haben die Enkelin des Hüters angegriffen. Sie wurden gestoppt. Aber gebt nicht auf sie zu verfolgen. Sie kann uns gefährlich werden und deshalb müssen wir sie beseitigen. Trainiert eure Gaben, denn bald schon soll unser Feind unsere Stärke spüren. Mit aller Macht werden wir gegen die Völker der Elemente kämpfen und sie vernichten. Es geht los. Die Zeit der Rache hat begonnen!“

3. Kapitel

 

Ein kleines Wesen raste durch den Morgen. Unbemerkt, unsichtbar und völlig aufgewühlt. Sein Ziel war das Amazonasgebiet. Dort lebte das Volk der Selva.

Ismael schaffte seinen Weg, für den ein Auto Tage brauchen würde, in weniger als einer Stunde, dann war er am Rand des Amazonas angekommen. Dort spürte er sofort die Magie, die von dem Palast der Selva ausging und ihn anzog wie ein Magnet. Er schwirrte mit Leichtigkeit durch den immer dichter werdenden Dschungel. Den Boden berührte er dabei nicht. Äste und Blätter, die im Weg waren, glitten einfach durch ihn hindurch.

Auf einmal kam er zum Stillstand. Er war angekommen und hörte das sagenumwobene Donnern des gewaltigen Wasserfalls. Das war der versteckte Eingang zur Stadt der Selva.

Für die Menschen, sollte sich je einer hier her verirren, war der Wasserfall ein unüberwindbares Hindernis in die Stadt hinein. Für die Selva aber war er die Garantie, auf ein sicheres unentdecktes Leben in ihrer Heimat.

Sofort wurde er von zwei Wachen empfangen. Ohne viele Worte geleiteten sie ihn durch den Wasserfall, durch den sie, wie durch ein Wunder, trocken auf der anderen Seite ankamen. Anschließend führten sie ihn durch einen kurzen Tunnel und öffneten ihm am Ende zwei schwere Holztore.

Was Ismael jetzt sah, raubte ihm den Atem. Eine Oase, eingebettet in einen riesengroßen Krater. Er sah auf die Stadt Selva hinunter, die in den schönsten Farben leuchtete. An den Kraterwänden rieselten aus enormer Höhe sanft schmale Wasserfälle, deren feiner Nebel in bunten Regenbögen glitzerte. Um die Stadt herum standen zehn hohe Bäume, die fast bis zum oberen Ende der Kraterwände reichten. Er selbst stand auf dem Plateau eines solchen Baumes. Hängebrücken verbanden die Bäume miteinander. Von jedem Baum aus führte eine weitere Hängebrücke zum Palast. Der Palast stand, leicht erhöht, in der Mitte der Stadt. Er hatte fünf Ebenen und war im Stil der alten Inkapyramiden gebaut. Überall, am Palast und in der Stadt, wuchsen Palmen und Bäume aller Arten und es blühte, wohin man auch sah.

Die Wachen führten Ismael die Hängebrücke hinunter, die auf der Höhe der ersten Terrasse des Palastes endete. Vor ihnen erhob sich ein Torbogen, der komplett mit Lianen und Efeu zugewachsen war. Die herabhängenden Triebe bildeten einen dichten Vorhang.

„Das ist das Tor der Wahrheit“, erklärte eine der Wachen. „Ob du hier weiterkommst oder nicht hängt davon ab, ob du ein reines Herz und ehrliche Absichten hast.“

Ismael war mulmig zumute, als er unter den Torbogen trat. Sofort schlangen sich lange Lianen um seinen Körper und obwohl er höchstens zwei Schrittlängen zurückgelegt hatte, wurde es plötzlich völlig still und finster um ihn. Es war erstaunlich, wie die Pflanze sich um ihn schmiegte, als hätte er einen richtigen Körper. Ismael erschauderte als einzelnen Triebe ihn festhielten und abtasteten. Er versuchte, nach vorne weiterzugehen, aber das ließ, was auch immer die Lianen in sich verbargen, nicht zu. Eigentlich konnte man ihn doch gar nicht anfassen, geschweige denn festhalten. Er war doch ein Naheli, reine Energie. Ismael verlor die Kontrolle über alles und war nicht mehr in der Lage abzuschätzen, wie lange er in dieser leeren Finsternis war. Doch nun teilten sich die Ranken vor ihm und er wurde weitergelassen. Etwas zögerlich und noch benommen trat er ans Licht und fand sich im Innenhof des Palastes wieder. Eine endlos lange Treppe, an deren Seiten Wasserläufe stufenweise nach unten plätscherten, führte zu zwei weiteren Wachen, die am oberen Ende der Treppe auf ihn zu warten schienen. Schneller als ein Augenzwinkern war er bei ihnen oben angelangt.

„Folge uns, du wirst schon erwartet.“ Ein Wächter wies auf ein Tor, das die Form eines Efeublattes hatte. Ismael folgte ihnen in einen großen Saal. Er schaute sich um. Der Raum war wie ein Dschungel. Efeu rankte bis zur Decke und wilde Orchideen hingen mit ihren freien Wurzeln überall, wo sie Halt fanden. In der Mitte des Raumes standen im Kreis vier Tische. Die Stühle und sogar der Boden darunter hatten jeweils die Farbe des dazugehörigen Stammes: Grün wie der Wald war der Platz für die Selva. Blau wie das Wasser war die Farbe der Equa, Rot wie das Feuer stand für die Vuur und der schillernde bunte Tisch war für die Naheli vorgesehen.

„Der Kreis der Weisheit, ich bin im Saal des Hohen Rates“, flüsterte Ismael voller Ehrfurcht.

„Absolut richtig mein Freund.“ Die Tür hinter ihm öffnete sich und König Meron trat herein. Ismael stand wie vom Donner gerührt da und starrte ihn an. Sofort erkannte er, warum er der Herrscher aller Völker war. Er strahlte allein durch sein Auftreten eine heroische Macht aus. Auf den Stellen seines Oberkörpers, die nicht von Kleidung bedeckt waren, sah man überall die Stammeszeichen der Selva.

Hinter ihm betraten eine anmutige Frau, ein junger Mann und ein kleines Mädchen den Saal. König Meron stellte sie als seine Familie vor. Ismael verbeugte sich ehrfürchtig. Dann fragte Meron: „Was hast du für ein Anliegen?“

„Ich bin Ismael vom Volk der Naheli.“ Er verbeugte sich erneut. „Meine Gefährtin Sahel ist das Schutzschild von Amelie, der Enkelin von Rufus.“

„Mir wurde bereits positiv von euch berichtet.“ Meron nickte anerkennend.

„Heute Morgen ist etwas Schlimmes passiert, mein Herr.“ Ismael versprühte nun vor lauter Aufregung Funken. „Amelie wurde von zwei Paria angegriffen. Sahel, meine Gefährtin, war nicht in der Lage, ihr Schutzschild völlig aufrecht zu erhalten. Sie und Amelie wurden leicht verletzt.“

„Wie ist das möglich? Die Naheli sind doch unverletzbar?“, fragte Salome, Merons Frau, besorgt.

„Vielleicht deshalb, weil Sahel so intensiv und schon so lange mit dem Mädchen vernetzt ist“, erklärte Ismael und schaute den König an. „Außerdem haben wir es mit einem Menschen zu tun, der Blut der Selva in sich trägt, wenn auch nur wenig. Aber wir vermuten, die Gene der Selva haben sich in Rufus Enkelin stärker durchgesetzt, als wir angenommen haben.“

„Das würde natürlich das Versagen des Schutzschildes erklären“, sinnierte Meron.

„Zudem hat Amelie heute ihren achtzehnten Geburtstag und jetzt das Erwachsenenalter erreicht“, fügte Ismael hinzu.

„Was heißt das?“, fragte das kleine Mädchen ihren Bruder.

„Sorraiah, Menschen, die unter einem Schutzschild leben, können nicht verletzt werden, genauso wenig wie die Kinder unserer Völker. Aber bei erwachsenen Selvas funktioniert ein Schutzschild nicht“, erklärte ihr Finn, der Sohn des Königs.

„Habe ich so ein Schutzschild?“, fragte Sorraiah.

Meron zog seine Tochter auf den Schoß. „Nein Sorraiah, du hast kein Schutzschild, da unsere ganze Stadt unter einem mächtigen Schutzzauber verborgen ist. Die Krieger, die sich außerhalb unserer Mauern aufhalten sind im Gegensatz zu den Menschen stark, deshalb brauchen sie keine Schutzschilder. Wir haben, nicht einmal die wilden Tiere des Dschungels zu fürchten.“

„Vielleicht konnten wir die Paria auch nicht abhalten, weil sie Hunde okkupiert haben“, bemerkte Ismael. „Hunde stellen normalerweise keine Gefahr für uns Naheli dar.“

Nun zeichneten sich tiefe Sorgenfalten auf Merons Stirn ab. „Okkupieren sagst du? Das würde ja heißen, dass die Paria in der Lage sind, sich in Tieren einzunisten und sie so zu dem Angriff zwangen. Es kann doch nicht sein, dass sie solche Fähigkeiten entwickelt haben.“

„Es waren sicher die Paria, Herr. Ich erkannte sie an ihrer grauen Aura. Sie haben die Tiere als Waffe benutzt. Daher möchte ich bitte auch möglichst schnell zu meiner Sahel zurück. Sie ist alleine bei dem Mädchen zurückgeblieben.“

„Natürlich, du kannst gehen. Ich werde dir umgehend Verstärkung schicken“, versprach Meron Ismael, der sich von der Königsfamilie verabschiedete und von den Wachen nach draußen begleitet wurde.

Merons Ausdruck wurde ernst. „Die Enkelin von Rufus ist jetzt erwachsen. Falls sie die Erbin von ihm wäre, könnte sie das Buch wieder verschließen und die Pforte damit ein für alle Mal versiegeln.“ Wie ein Tiger bewegte sich Meron durch den Raum, bis er abrupt stehen blieb. „Finn, das Mädchen ist in Gefahr, mehr denn je und sie muss am Leben bleiben. Du wirst sofort zu ihr aufbrechen und sie beschützen.“

Finn wich alle Farbe aus dem Gesicht. „Nein Vater, nein das kannst du mir nicht antun!“

4. Kapitel

 

Amelie spürte ein Brennen im Gesicht und von weit her drangen Stimmen zu ihr durch.

„Amelie, Amelie wach auf!“ Erneut brannte es auf ihrer Wange.

„Was ist mit mir?“ Noch völlig benebelt versuchte sie sich zu erinnern. „Wo bin ich?“ Schnell schloss sie die Augen wieder, da sich alles um sie herum drehte.

Plötzlich sah sie das triefende Maul eines riesigen Rottweilers direkt vor sich. Schreiend riss sie die Augen wieder auf und erwischte Jazmins Hand gerade noch rechtzeitig, bevor sie nochmals, und dieses Mal eindeutig mit voller Wucht, zugeschlagen hätte.

„Sag mal, spinnst du?“, beschwerte sich Amelie. „Und was soll denn das hier?“ Sie riss sich einen eiskalten, klitschnassen Lappen von der Stirn und fröstelte, weil ihr das kalte Wasser den Nacken hinunterlief. Als sie aufstand, bemerkte sie aber gleich den Schwindel wieder, der sie zurück auf das Sofa drängte.

„Oh Amelie, bin ich froh, dass du endlich aufwachst.“ Jazmin sah Amelies verwunderten Blick. „Es hat einiges gebraucht, bis du wieder zu Besinnung kamst. Sorry!“ Jazmin zog ihre Schultern bis an die Ohren und lächelte verlegen. „Mein Dad hat dich draußen auf dem Gehweg gefunden. Du musst zusammengebrochen sein.“ Jazmin fuchtelte mit ihren Armen herum. „Zum Glück haben unsere Hunde gebellt, sonst würdest du wahrscheinlich immer noch unbemerkt draußen herumliegen.“ Amelie schüttelte den Kopf. „Was? Nein, so war das nicht. Eure Hunde sind auf mich losgegangen. Ich dachte, die bringen mich um.“

„Ach Liebes.“ Jazmins Mutter kam ins Wohnzimmer und schüttelte nervös den Kopf. „Ts, ts! Wenn unsere Hunde dich angegriffen hätten, dann bräuchten wir jetzt einen Notarzt. Vielleicht sogar den Bestatter.“ Sie kam ganz nah an Amelies Gesicht und zischte ihr zu: „Also erzähl keinen solchen Unsinn.“ Sie knallte eine Cola auf den Tisch. „Trink das und frühstücke das nächste Mal ordentlich zu Hause, dann bricht dir der Kreislauf nicht zusammen.“ Amelie schaute Jazzies Mutter ungläubig an. Sie sah schrecklich aus. Ihre fettigen Haare hatten sich zum Großteil aus den Lockenwicklern verabschiedet und hingen über den zerschlissenen Morgenmantel. Wenn sie sich nicht total täuschte, roch sie auch noch gewaltig nach Alkohol.

Arme Jazzie, dachte Amelie und bedankte sich bei Mrs. Miller für die Cola. Als sie danach griff, bemerkte sie erst den Verband an ihrer Hand. Fest gewillt, keine weitere Diskussion über die Hundeattacke zu führen, verbot sie sich, für den Moment zumindest einen Kommentar und ignorierte den Schmerz, der darunter pochte.

„Gib mir eine Minute? Dann können wir zur Schule.“ Amelie sah, wie Jazmin unsicher auf dem Sofa hin und her rutschte.

„Bist du sicher, dass du in die Schule kannst?“

„Nein, aber ich geh trotzdem“, sagte sie dann etwas bockig und bemerkte, wie ihre Freundin erleichtert aufatmete. „Es war ja nur der Kreislauf“, mimte sie Jazzies Mutter nach. „Außerdem würde meine Mom sich unnötig sorgen, wenn ich jetzt nach Hause käme.“ Amelie schloss die Augen und atmete tief durch. Wieder erschien das aufgerissene Maul des Hundes vor ihrem inneren Auge. Aber jetzt erinnerte sie sich auch, wie Mr. Miller ihr schreiend zu Hilfe kam, bevor sie in Ohnmacht fiel.

„Warum habt ihr mir denn die Hand verbunden?“, fragte Amelie nun doch.

Jazmin wurde rot und schaute zur Seite. „Ich weiß es nicht“, stammelte sie.

„Das hattest du schon“, blaffte Jazzies Mutter Amelie an. Amelie konnte kaum glauben, was sie da hörte. Sie beobachtete, wie Mrs. Miller mit einer Zigarette in der Hand am Fenster stand und sorgenvoll nach draußen schaute. Auch Jazmin wirkte immer nervöser und nestelte ständig an ihren Haaren herum.

„Was ist da draußen?“, fragte Amelie.

„Dort ist Dad bei Ryker. Ihm geht es gar nicht gut und er ist doch sein Lieblingshund.“

Amelie bemerkte die Angst, die von den beiden ausging. Mr. Miller war unberechenbar und mit zu viel Alkohol wurde er oft handgreiflich. Jazmins Mutter schien das Ganze nur noch auszuhalten, weil sie inzwischen mit ihm trank.

Amelie wollte jetzt nur noch weg von hier. Das war ihr alles zu viel. Als sie aufstand zog, Jazmin sie gleich in ihre Arme. „Alles Gute zum Geburtstag Süße, bin vor lauter Schrecken ja noch gar nicht dazu gekommen, dir zu gratulieren.“ Jazmin nahm ihre Schultasche. „Komm, die trag ich dir heute ausnahmsweise, ist doch dein Geburtstag.“ Amelie staunte nur noch darüber, wie seltsam sich ihre Freundin benahm.

„Wenn du meinst, Jazzie.“ Sie drehte sich zu Mrs. Miller um. „Danke für die Cola“, sie hob ihre verletzte Hand, „und für den Verband, keine Sorge ich bin gegen Tetanus geimpft.“

Jazmin zog sie energisch an ihrer Jacke, aber diese Spitze musste einfach noch sein. Sie konnte diese Lüge mit ihrem Verband nicht so stehen lassen. Außerdem tat es echt weh darunter.

Vor dem Haus saß Mr. Miller in der Wiese und streichelte seinen Hund, der schwer atmend auf dem Boden lag. Er schaute auf, als die Mädchen aus dem Haus kamen und Amelie erkannte blanken Hass in seinen Augen.

„Man, Jazzie. Eure Hunde haben mich angefallen, ich war das Opfer. Warum schaut dein Vater mich so vorwurfsvoll und aggressiv an? Das gibt es doch gar nicht. Er hat es doch sogar gesehen. Ich habe mitbekommen, wie er aus dem Haus gerannt ist.“

„Pst!“ Jazmin zog Amelie mit sich. Trotzdem hörte sie noch hinter sich das Fluchen von Mr. Miller „Du Mistgöre. Wegen dir musste ich meinen Hund treten.“

„Hast du das gehört, Jazzie? Er hat es gerade zugegeben. Er musste also doch den Hund von mir abhalten.“ Amelie wurde jetzt noch fester von Jazmin gepackt und mitgezerrt. „Lass mich endlich los! Was soll denn das?“

„Du weißt doch, wie mein Vater sein kann, komm bitte einfach mit. Ich rede mit ihm, wenn er nicht mehr so zornig ist. Aber bitte, bitte komm jetzt mit.“ Amelie hörte die Angst in Jazmins Stimme und wusste auch, dass diese Angst nicht unbegründet war. Die blauen Flecke, die sie manchmal im Sport unter den langärmligen T-Shirts zu verstecken versuchte, sprachen für sich. Zum zweiten Mal an diesem Tag tat ihre Freundin ihr furchtbar leid und sie beschloss, die Hundeattacke nicht mehr zu erwähnen.

 

Mrs. Miller stand währenddessen immer noch am Fenster, unschlüssig, ob sie zu ihrem Mann hinausgehen oder lieber abwarteten sollte. Plötzlich jaulte Ryker laut auf, zitterte und sackte dann leblos zusammen. Fast gleichzeitig stieß ihr Mann einen Schmerzensschrei aus, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er wurde wie durch einen unsichtbaren Tritt nach hinten geworfen. Hätte Mrs. Miller etwas genauer hingeschaut, hätte sie die graue Wolke gesehen, die aus dem Hund entwich und direkt in der Brust ihres Mannes verschwand. Aber genau hingesehen hatte sie schon lange nicht mehr. Zitternd lief sie zu ihrem Mann hinaus. „Joseph, was ist mit dir, was ist mit Ryker?“ Sie lief direkt in die Faust ihres Mannes. Die Wucht des Schlages schleuderte sie neben den Hund. Mit ausdruckslosen, grauen Augen und Eiseskälte im Blick sah ihr Ehemann auf sie herab und lief davon. Angst bohrte sich in ihr Herz, denn als sie in seine Augen sah, sah sie in das abgrundtiefe Böse.

 

Währenddessen erreichten Amelie und Jazmin die Schule. Sie war alt und renovierungsbedürftig. Von den einstmals so schönen Säulen am Eingang des Hauptgebäudes bröckelte der Putz in großen Stücken ab. Die mit Stuck umrandeten Fenster wiesen auch marode Stellen auf. Aber der Höhepunkt der altersschwachen Schule war die Turnhalle. Sie sah aus wie ein großer, grauer Schuhkarton, ein glatter Stilbruch zu dem im Kolonialstil gebauten Schulgebäude. Aber die Turnhalle und die Außensportanlage waren nagelneu und somit hatte die Schule seit zwei Jahren das Prädikat einer Sportschule.

Als Amelie und Jazmin den Schulhof betraten, war dieser bereits überfüllt mit Schülern. Aus der Menge rannten ihnen sofort Nadine und Susan entgegen. Beide nahmen Amelie in die Arme. „Alles Gute zu deinem Geburtstag!“, riefen sie wie aus einem Mund. „Wir haben zusammen mit Chloe, Laura und Jazzie heute Abend eine Party für dich geplant.“

In diesem Moment kam Chloe zu ihnen. „Das war ja klar, ihr habt ohne mich unser gemeinsames Geburtstagsgeschenk ausgeplaudert. Wir wollten es doch alle gemeinsam sagen.“

„Ach sei doch nicht schon wieder so empfindlich“, verteidigte Susan die Aktion. „Amelie sah gerade nicht so glücklich aus, obwohl sie das heute sein sollte. Darum dachte ich, wir muntern sie etwas auf.“

Chloe sah Amelie kritisch an. „Das stimmt, du bist wirklich ein bisschen blass um die Nase. Bist du okay?“

„Ja klar, mir wird gerade nur Angst und Bange wegen eurer Party, hoffe, da springt kein Typ aus der Torte.“ Lautes Gelächter quittierte ihren Witz.

Nadine sah Alan auf die Gruppe zukommen. „Yeah, der Mann für die Torte wackelt schon her.“ Jetzt gab es kein Halten mehr, sogar Amelie fiel in das schallende Gelächter ein.

Alan schaute irritiert in die Gruppe. Dann gratulierte er Amelie. „Habe ich da gerade etwas verpasst, oder bin ich der Lacher?“

„Beides Alan, beides“, lachte Amelie, deren Füße immer noch keinen Bodenkontakt hatten, da er sie ganz locker an den Hüften hochhielt. „Du bist doch sicher eingeladen heute Abend?“, fragte sie. Alan nickte stumm. „An deiner Stelle würde ich mir überlegen, ob ich komme, du könntest nämlich die Geburtstagsüberraschung aus der Torte werden.“ Alan stellte Amelie wieder auf die Beine.

„Und das beinhaltet natürlich einen kompletten Striptease“, vervollständigte Chloe den Satz.

„Das hättet ihr wohl gerne.“ Er lachte. „Mit meinem Astralkörper wäre ich natürlich absolut geeignet dafür.“ Alan stellte sich wie ein Modell in Pose. „Aber ich denke, ich muss passen, nicht, dass ihr mir noch alle in Ohnmacht fallt.“ Dann flüsterte er Amelie ins Ohr: „Aber für dich privat wäre ich zu einem Striptease bereit.“ Er blinzelte charmant. „Du siehst unglaublich gut aus heute.“ Dann wackelte er davon.

Amelie hatte kaum Zeit, den Satz zu verdauen, als ihr Laura in die Arme flog. „Alles Liebe zu deinem Geburtstag. Hast du denn schon von unserem Geschenk erfahren?“

„Na klar, oder dachtest du, die beiden“, dabei zeigte Amelie auf Susan und Nadine, „können ein Geheimnis so lange für sich behalten.“

Der Pausengong ertönte und eine strenge Stimme unterbrach ihre lustige Unterhaltung. „Jetzt aber los die Damen.“ Die Rektorin der Schule stand plötzlich hinter Amelie. Wie immer hatte sie trotz des warmen Wetters einen hochgeschlossenen Pullover an.

„Guten Morgen, Mrs. Fisher.“ Susan mochte die Rektorin gerne. „Wir feiern heute Amelies Geburtstag.“

„Oh, dann gratuliere ich dir herzlich.“ Sie reichte Amelie die Hand. Überrascht schaute sie auf ihren Verband an ihrem Handgelenk. „Bist du verletzt?“

„Ach das ist nicht so schlimm“, wehrte sie ab und zog ihre Bluse, die beim Gratulieren nach hinten rutschte wieder übers Handgelenk. „Ist nur ein Kratzer.“

Misstrauisch schaute die Rektorin sie an: „ Na dann, wünsche ich dir einen schönen Tag.“

„Danke Mrs. Fisher. Dafür sorgen meine Freundinnen schon.“ Die Mädchen gingen alle ins Schulhaus.

„Diese Mrs. Fisher ist schon komisch“, sinnierte Amelie. „Immer hat sie langärmlige, hochgeschlossene Pullover an und trotzdem hat sie eiskalte Hände. Das lässt sie so unnahbar erscheinen.“

„Also, ich mag sie“, konterte Susan. „Ist doch nett, dass sie dir gratuliert hat und diese langen Pullover trägt sie, weil sie eine fürchterliche Sonnenallergie hat. Das habe ich zumindest einmal gehört.“

„Mag ja sein, aber manchmal steht sie wie aus dem Nichts da und schaut mich so kritisch an. Hast du gesehen, wie überrascht sie reagierte, weil ich verletzt bin? Als wäre das etwas Besonderes.“

„Na ja, du bist ja wirklich nie verletzt, oder?“

„Ja, nein, eigentlich nicht, da hast du recht. Aber nichtsdestotrotz erzeugt ihr Auftreten bei mir jedes Mal eine Gänsehaut.“

Als die beiden den Biosaal betraten, kam Amelies bester Freund Stephen zu ihr. „Meine Kleine, alles Liebe zum Geburtstag.“ Er nahm Amelie fest und innig in die Arme. „Ich freue mich schon auf heute Abend.“

„Was! Sogar du, mein allerallerbester Freund, hast von der Party gewusst und mir nichts verraten!“

„Nein, natürlich nicht, so wie die ganze Klasse. Wir sind alle eingeladen. Nicht wahr Susan?“ Die nickte nur grinsend. Amelie setzte sich seufzend. Das war eindeutig zu viel Aufmerksamkeit für sie. Zum Glück verlief der restliche Unterricht ohne weitere Überraschungen. Zum letzten Pausengong trafen sich die Mädels noch einmal und weihten Amelie in die Partypläne ein. Sie verabredeten sich dann um vier Uhr bei ihr, um sich gemeinsamen zu stylen.

„Und wo feiern wir dann?“, fragte Amelie.

„Das bleibt eine Überraschung“, lachte Susan.

Später, als Amelie mit Jazmin nach Hause lief, plagte Jazmin immer noch das schlechte Gewissen. Amelie legte den Arm um sie. „Mach dir bitte keinen Kopf wegen heute Morgen, Jazzie. Du konntest ja nichts dafür und schau mal“, sie zog den Verband zur Seite, sodass man die Bissspuren an ihrem Handgelenk sah, „man sieht es kaum. Also vergessen wir das Ganze doch einfach.“

Entsetzt starrte Jazmin auf die deutlichen Einbisse. „Du hast es keinem erzählt?“

Amelie schüttelte nur den Kopf.

„Danke“, erwiderte Jazmin kleinlaut.

5. Kapitel

 

Seit Finn die Halle des Hohen Rates in großer Wut verlassen hatte, lief Meron ununterbrochen zwischen seinem Thron und der Tür hin und her. Er war zornig und verzweifelt gleichermaßen. Er wollte seinen Sohn nicht schon wieder wegschicken, doch es blieb ihm gar nichts anderes übrig. Salome, seine Frau, saß immer noch in ihrem Stuhl, weiß wie eine Wand und schaute traurig ins Leere.

„Ich muss ihn losschicken, Salome. Das weißt du doch! Das Mädchen ist wichtig für uns.“ Er blieb kopfschüttelnd stehen. „Mir fällt keine andere Lösung ein.“ Er warf die Arme in die Luft, als sie ihn immer noch so vorwurfsvoll anschaute. „Finn ist im Moment der einzige hier, der dieser Aufgabe gewachsen ist.“ Meron ließ sich auf seinen Thron fallen. „Er kann kämpfen, er ist schlau und geduldig, aber vor allem hat er gelernt, sich unter den Menschen zu bewegen. Für solche Aufgaben hat er seine Ausbildung absolviert“, verteidigte er seine Entscheidung.

„Er hasst die Menschen, Meron. Hast du denn erwartet, dass er gerne geht?“ Salomes Stimme zitterte. „Die Menschen hätten ihn und sein Pferd fast umgebracht.“

„Finn hat es nur gestärkt“, warf Meron dazwischen.

„Das glaubst du doch selber nicht.“

„Doch und sein Pferd Advokat ist völlig geheilt. Die Jungen, die ihm das antaten, flogen von der Schule und Finn hatte damals meinen Bruder zur Seite. Den besten Ausbilder und Vertrauten, den er sich wünschen konnte.“

„Finn bräuchte noch Zeit für sich. Er ist noch nicht so weit, um da draußen zu kämpfen.“

Meron kniete sich vor Salome hin und nahm ihre Hände in die seinen. „Salome, ich befürchte, die Paria werden noch viel schlimmer sein, als diese Menschen. Schlimmer, als wir es uns vorstellen können. Sie haben nichts zu verlieren. Egal was sie vor haben, wir müssen sie aufhalten.“

 

Währenddessen saß Finn in seinem Zimmer und betrachtete das Siegel. Es war eines von sechs freien Siegeln, mit denen man die Paria in das Buch zurückverbannen konnte. Das siebte war am Buch selbst. Sein Vater vertraute ihm sein Siegel an, das Letzte, das im Besitz der Selva war. Das andere hatte sein Bruder Caleb bei sich. Er war, wie viele Krieger der Elemente, auf der Suche nach dem Buch.

Finn hatte genau für solche Situationen seine Ausbildung absolviert und trotzdem wollte er auf keinen Fall zurück zu den Menschen, geschweige denn unter ihnen leben, um jemanden von ihnen zu beschützen. Er wollte nach seiner Ausbildung im Internat in Schottland so lange wie möglich keiner Konfrontation mit Menschen mehr ausgesetzt sein.

Das Schlimme an diesem Fall war zudem, dass sein Vater von ihm verlangte, sich erneut in ein Schulgefüge zu begeben. Dieses Mal war er zwar nicht als Schüler dort, aber das war Finn völlig gleichgültig. Das Wort Schule hatte einen bitteren Beigeschmack für ihn.

Es klopfte an seiner Tür. „Komm rein, Mom.“

„Du wusstest, dass ich es bin?“ Salome setzte sich zu ihrem Sohn aufs Bett.

„Natürlich, du bist auch schon zwei Minuten vor der Tür gestanden.“ Finn lächelte. „Ich spüre dich.“

„Das ist sehr gut, Finn. Denn ich will, dass du weißt, auch wenn du weit weg bist, bin ich bei dir. Ich werde es spüren, wenn du Hilfe brauchst, und werde da sein.“

„Danke, Mom.“ Er seufzte „Ich werde mein Bestes geben.“

„Das weiß ich doch. Gestern, als wir dir beim Training zugeschaut haben, habe ich deine Stammeszeichen gesehen. Sie sind sehr stark ausgeprägt, du kämpfst erstklassig und gibst immer dein Bestes, weshalb ich die Entscheidung deines Vaters verstehen kann. Aber Finn, er schickt dich nicht gerne weg.“

 

Salome fand Meron im Saal des Rates. „Finn ist jetzt weg. Ich hoffe nur, er kommt heil zu uns zurück“, bangte sie.

„Das wird er.“ Meron stand auf und nahm Salome in den Arm. „Und du kommst gerade rechtzeitig, denn soeben wurde mir gesagt, dass Damian, der Herrscher der Vuur, mit einer Abordnung in Selva angekommen ist.“

Kaum hatte Meron seine Worte ausgesprochen, öffnete sich die schwere Tür und die Gäste wurden von den Wachen der Selva herein begleitet.

Salome stieß einen Freudenschrei aus. „Romina!“ Sie sprang auf und umarmte ihre Schwester. „Das ist ja eine freudige Überraschung. Ich wusste gar nicht, dass du mitkommst.“

„Das war auch ganz spontan. Es ist schön, dich zu sehen, Salome.“

„Damian, mein lieber Schwager, sei gegrüßt.“ Meron zeigte auf die beiden Frauen. „Mir scheint, unsere Überraschung ist gelungen.“ Meron begrüßte Damian mit einem festen Händedruck und schaute dann auf seine Begleiter.

Damian folgte seinem Blick. „Darf ich dir Marak, einer meiner besten Krieger, vorstellen. Die zierliche Frau daneben ist Xenia, seine Gefährtin. Sie hat dem Hohen Rat eine interessante Geschichte zu erzählen.“

„Herzlich willkommen. Ich bin gespannt, was du zu berichten hast, Xenia.“ Meron gab beiden die Hand. „Salome, möchtest du nicht auch alle unsere Gäste begrüßen?“ Meron lächelte nachsichtig zu seiner Frau, die sich so über den Besuch ihrer Schwester freute. Romina hatte letztes Jahr Damian vom Stamm der Vuur geheiratet. Es war selten der Fall, dass zwei Krieger aus verschiedenen Völkergruppen heiraten. Zu unterschiedlich waren ihre Lebensgewohnheiten, Charaktere und ihr Zuhause. Romina lebte seit ihrer Hochzeit bei Damian an einem geheimen Ort in Afrika. Salome löste sich aus der Umarmung mit ihrer Schwester und sah sich drei imposanten Vuur gegenüber, deren rote Aura extrem stark leuchtete. Die Männer waren ganz schwarz gekleidet. Die Gürtel, die die beiden trugen, waren normalerweise mit Waffen bestückt, hier im Saal des Hohen Rates mussten sie vorher abgelegt werden. Die Frau stand den Männern mit ihrem eindrucksvollen und gefährlichen Aussehen in nichts nach. Sie hatte ein schwarzes, geschnürtes Mieder an und trug einen Minirock mit langen Fransen. Sie sah sexy aus, hatte aber gleichzeitig etwas Hartes, fast Verruchtes an sich. Auch sie hatte einen Waffengürtel um die Hüften geschwungen. Ihr langes, schwarzes, fast etwas lila schimmerndes Haar wurde von einem ledernen Stirnband gezähmt. Alle drei hatten hohe, kantige Wangenknochen, was ihren Ausdruck härter wirken ließ. Ihre Blicke waren wild und die Augen schienen, um die dunkle Pupille herum, zu brennen. Alle drei waren muskulös und sicherlich sehr gute Krieger. Sie hatten so ein furchteinflößendes Erscheinungsbild, sodass man eigentlich nur seinem Fluchtinstinkt nachgeben und vor diesem gefährlich wirkenden Trio davon rennen wollte. Daher umarmte Salome ihren Schwager, der gut einen Kopf größer war als sie eher mit etwas Unbehagen. Sie hatte nie wirklich verstanden, wie sich ihre Schwester in einen Vuur verlieben konnte.

Damian hatte sein langes, schwarzes Haar im Nacken streng zusammengebunden. So sah man seine Stammesmale, die sich von der Wirbelsäule aus über Bauch, Brust, und bei ihm sogar bis zum Hals zogen. Er sah aus, als stünde er in Flammen. Die Vuur hatten das Element Feuer mit ihrem Leben vereint. Folglich waren ihre Male Flammen, ihre Aura rot. Alle Völker der Elemente hatten Male entsprechend ihres Stammes und entsprechend ihres Elementes. Meist sah man diese Male nur auf dem Rücken. Aber umso mehr ein Krieger erlebt und ertragen hatte, oder umso kräftiger sein Charakter wurde, desto mehr zogen sich die Male über seinen Körper. Damians Körper war so überzogen mit Stammesmalen, dass jeder diesem Krieger nur mit Respekt gegenüberstehen konnte. Bei Meron war es genauso. Nur sahen die Blätterranken der Selva weit weniger gefährlich aus als die Flammen der Vuur.

„Ich freue mich, dass ihr da seid und dass du Romina mitgebracht hast.“ Salome begrüßte auch Marak und Xenia, bevor sie sich mit ihrer Schwester wieder etwas zurückzog. „Du siehst glücklich aus“, stellte Salome erleichtert fest. „Also fühlst du dich wirklich wohl bei den Vuur?“

Auf diese Frage hin stand Romina auf und hob ihre Bluse etwas hoch. Als Salome ihren Rücken sah, schrie sie leise auf. „Was ist das denn? Wie kann das sein?“ Sie war ganz aufgeregt. „Meron schau mal! Schnell, komm her, Rominas Male!“

Meron kam in Begleitung von Damian näher. Als er sah, wie sich Flammen um die Efeublätter auf Rominas Haut abzeichneten, fing er an zu strahlen. „Da haben wir ja was zu feiern. Ich gratuliere euch beiden.“

Salome brauchte noch ein bisschen länger bis sie begriff. „Was? Romina heißt das etwa, ihr bekommt ein Baby?“ Sie schluckte. „Das ist ja wunderbar.“ Sie umarmte ihre Schwester.

In diesem Moment öffnete sich erneut die Tür und Hieronymus, der Herrscher der Equa wurde angekündigt. Hinter den Wachen trat ein riesiger Mann ein, der nahezu die ganze Türöffnung ausfüllte.

„Hieronymus, mein Freund, tritt ein und sei herzlich willkommen.“ Meron lief mit Salome dem großen Gast entgegen. Als Salome Hieronymus die Hand gab, nahm sie den leichten Geruch von Fisch wahr und es erinnerte sie an etwas Kaltes, Glitschiges, was er offensichtlich bemerkte und schmunzelte. „Unser Element ist das Wasser, meine Liebe. An Land sind wir schwer, kalt und langsam.“ Salome bekam aus Verlegenheit leicht rote Wangen, aber über Hieronymus´ Selbstironie musste sie staunen. Er sprach tatsächlich wie in Zeitlupe und bewegte sich ebenso langsam. Sein Oberkörper war nur halb mit einem silbernen Umhang bedeckt, sodass man die Male der Equa gut erkannte. Wie alle starken Persönlichkeiten war auch er bis über den Bauch und die Brust damit gezeichnet. Die Male der Equa sahen aus wie Fischschuppen, die mit Seegras durchzogen waren. Alles an Hieronymus war silbrig, sogar seine langen, strähnigen Haare, die durch eine schlichte Krone zurückgehalten wurden.

„Jetzt fehlt nur noch der kleine Flattermann“, bemerkte Damian ungeduldig.

„Wer nennt mich hier Flattermann?“ Plötzlich kam eine hohe Stimme aus dem Nichts. Über dem Kreis der Weisheit zeigte sich ein Naheli, der zwei Meter über allen schwebend den Raum mit seinem Glanz erfüllte. Seine weißen Haare waren genau so lange wie sein Gewand. Er war mit Sicherheit das älteste, am meisten schillernde und auch sonderbarste Wesen in diesem Raum. Alle Völker hatten ihre Kräfte und Gaben, aber die Naheli waren wie aus einer anderen Dimension und allen überlegen.

„Dein Auftritt ist dir gelungen, mein Freund.“ Meron schritt auf Kon, den Herrscher der Naheli zu. Die Hand brauchte er im nicht zu reichen, da er nur ins Leere fassen würde, weil die Naheli die Luft als ihr Element hatten.

„Jetzt ist unsere Runde komplett und es eilt. Wir müssen über die Gefahr sprechen, die mittlerweile von den Paria droht. Sie haben die Enkelin des Rufus angegriffen.“

6. Kapitel

 

Tausende Kilometer nördlich des Zusammentreffens der Völker der Elemente aß Amelie mit ihrer Mutter zu Mittag, nichts ahnend, dass sie das Hauptthema dieser außergewöhnlichen Runde sein würde. Anschließend wollte sie etwas schlafen, um fit für die Party zu sein. Aber schon nach kurzer Zeit stand sie zornig wieder auf.

Jedes Mal, wenn sie fast eingeschlafen war, sah sie in das zähnefletschende Maul des Rottweilers, aus dem widerlich stinkender Speichel tropfte. Erschrocken öffnete sie die Augen, in der Angst, im nächsten Moment würde sie gebissen werden. Nachdem sie zum dritten Mal aus ihrem leichten Dämmerschlaf aufschreckte, rang sie um Fassung. Nein, nein und noch mal NEIN!, schrie Amelie innerlich. Das waren fast so schreckliche Bilder wie nach dem Autounfall. Damals brauchte sie psychologische Hilfe. Nicht nur, weil ihr Vater gestorben war, sondern auch wegen der Träume. Immer und immer wieder kehrten die Bilder des Unfalls in ihr zurück. Monatelang sah sie, sobald sie die Augen schloss, Raben auf sich zu fliegen. Sah, wie sie an der Windschutzscheibe zerschmetterten, das viele Blut, die Innereien. Die schwarzen Federn klebten zuerst an der Scheibe, dann an ihr. Es glich einem Horrorszenario. Das Schlimmste waren die Schreie dieser Vögel, die sie nicht nur nachts verfolgten und die Blicke aus den toten, weißen Augen der Raben, die sie anstarrten, während das Auto die Schlucht hinabstürzte. Sie überlebte damals körperlich unverletzt, aber seelisch hatte sie ein großes Trauma davongetragen. Es kostete sie viel Kraft, die Ängste und Träume zu bezwingen. Den Mut, alleine in den Park zu gehen, wenn Raben in den Bäumen saßen, hatte sie erst Jahre später wieder gefunden. Noch lange Zeit nach dem Unfall brachte sie der Schrei dieses Vogels zum Zittern, die Panik machte sie fast bewegungsunfähig. Jetzt so etwas wegen der Hundeattacke noch einmal durchzumachen, darauf hatte sie keine Lust. Aber sie wusste, was sie tun musste. Daher beschloss sie, auf ihr Laufband zu gehen und zu joggen. Das war die beste Medizin. Wenn sie Probleme, Ängste oder Sorgen hatte, rannte sie normalerweise, bis ihr Kopf leer war und ihr Körper völlig erschöpft und abgekämpft. Viel zu früh holte die Klingel an der Haustür sie jetzt aber von ihrem Laufband herunter. Als Amelie die Tür öffnete, sah sie in Nadines überraschtes Gesicht.

„Wie schaust denn du aus! Bist du einen Marathon gelaufen? In drei Stunden beginnt deine Geburtstagsparty und du siehst aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Was hast du dir nur dabei gedacht?“, polterte Nadine.

In diesem Moment kam Laura mit Susan die Einfahrt herauf marschiert. Nadine motzte sofort weiter: „Schaut euch mal Amelie an“, schimpfte sie, als würde Amelie gar nicht neben ihr stehen. „Sie ist völlig abgehetzt. Wie soll sie eine ganze Partynacht überstehen und wie bitteschön sollen wir sie in so kurzer Zeit zu ihrer Geburtstagsparty stylen?“

Susan schaute Amelie fragend an. Sie wusste genau, warum diese manchmal zu den unmöglichsten Zeiten auf ihr Laufband musste. „Am besten stellt sie sich erst einmal unter die Dusche“, beschwichtigte Susan Nadine. „Und du hör auf, auf ihr rumzuhacken. Amelie ist immer hübsch und wie eine Prinzessin will sie so oder so nicht aussehen, nicht wahr Amelie?“ Diese nickte Susan dankbar zu und verzog sich schnell ins Bad, während ihre Freundinnen in ihr Zimmer gingen und sich mit Spaß gegenseitig schminkten. Als sie aus dem Bad kam, waren die Mädchen schon so weit fertig, dass sie anfingen, die Kleider, die jede mitgebracht hatte, durchzuprobieren.

„Wo bleiben eigentlich Chloe und Jazmin?“, fragte Laura leicht genervt.

„Ach die kommen doch immer zu spät“, kritisierte Susan. „Heute Morgen war Jazzie eh etwas seltsam drauf, fandet ihr nicht auch, vor allem dir gegenüber Amelie. War was zwischen euch?“

„Ich glaube, ihr Hund ist krank, das hat sie sehr beunruhigt“, antwortete Amelie. Nadine und Laura nahmen ihr die Notlüge mit einem „Aah, darum!“, ab. Susan schaute Amelie aber noch immer skeptisch an. „Da war noch mehr, nicht wahr?“

In diesem Moment klingelte es an der Haustür und Amelie war erleichtert, dass sie aus dieser prekären Situation flüchten konnte. Sie hasste Lügen, auch wenn es Notlügen waren.