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Machen Sie sich ständig Gedanken darüber, was andere Menschen über Sie denken könnten? Leiden Sie beim Umgang mit anderen unter Nervosität, Angstgefühlen, Herzklopfen, Schwitzen, Erröten, Verspannungen? Vermeiden Sie Ansammlungen von mehr als drei Personen? Haben Sie Probleme, sich mit Ihrer Meinung durchzusetzen? Unglaublich viele Menschen schätzen sich als «krankhaft schüchtern» ein und denken, sie seien allein mit ihrem Problem. Dabei ist die Soziale Phobie, wie die schwere Form der Schüchternheit genannt wird, die dritthäufigste psychische Erkrankung. Dieser Ratgeber behandelt das Problem Schüchternheit aus der Sicht eines Angstexperten. Er erläutert Ursachen und Hintergründe und gibt viele hilfreiche Tipps, um aus der unfreiwilligen Selbstblockade herauszufinden.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 320
Veröffentlichungsjahr: 2009
Borwin Bandelow
Das Buch für Schüchterne
Wege aus der Selbstblockade
EINLEITUNG
1. DAS PROBLEM
Wie ein Dampfhammer
Was ist Schüchternheit nicht?
Zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer
Universaldilettanten
Lampenfieber
Koks für die Seele
2. WIE WIRD MAN SCHÜCHTERN?
Die große Blamage
Der Klapperschlangenfehler
Ist eine schwere Jugend schuld?
Unverzeihliche Erziehungsfehler
Der König im Affenland
Etagenkellner und Leichtmatrosen
Tabula rasa
Das Gesicht in der Menge
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
Drei Seelen in meiner Brust
Panik im Mandelkern
Absurde Angst
Ich denke, also bin ich
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral
Wenn die Hormone das Gehirn als Geisel nehmen …
Die Kirche der heiligen Patella
Der Nagel, der hervorsteht, wird eingeschlagen
3. TIPPS ZUR SELBSTHEILUNG
Du schaffst das!
Häuptling Hochroter Kopf
Grässlich hässlich
Kartoffelsack
Man hat nie eine zweite Chance, einen guten ersten Eindruck zu machen
Nur mit Sicherheitsgurt
Das KISS-Prinzip
Wenn die Blätter wieder grün sind …
Lass den anderen stammeln
Wie gehe ich mit blamablen Situationen um?
Intelligenz macht schüchtern
Die Harmoniefalle
Atemgold
Augenkontakt für Anfänger
Body Language
Das Pferd frisst keinen Gurkensalat
Die Kunst des stilvollen Danebenbenehmens
Die Münchner Reeperbahn
Lernen Sie von Menschen, die Sie hassen
Spieglein, Spieglein an der Wand
King of Vorstrafenregister
Umgang mit Zurückweisung
Wie komme ich am besten allein klar?
Was ist ein ALP?
Was ist Ihr Lieblingsbuch?
Das Hausmeistersyndrom
Kein Alkohol ist auch keine Lösung
Ohrfeige oder Orgasmus
Niedere Beweggründe
Die Kuscheldrogen und die Liebe
Der kleine Flirt-Manager
Tausend Tipps, um haufenweise Mädels aufzureißen …
Es gibt zwei Milliarden Männer auf dieser Welt …
Männer und Frauen passen nicht zusammen
Süßholzraspeln und Schmeicheleien
Bedienungsanleitung für Schüchterne
Einsiedler in der Großstadt
Die Welt ist kein Ponyhof
4. WENN SCHÜCHTERNHEIT ZUR KRANKHEIT WIRD
Die erfundene Krankheit
Väterchen Frust
Die Missgeburt
5. WEGE AUS DER SELBSTBLOCKADE
Sie brauchen nur dieses Buch zu lesen …
Verhaltenstherapie
Zauber der Bouzouki
Der Minderwertigkeitskomplex
Pillen gegen Schüchternheit?
Cuba Libre
Die Gefleckte Gauklerblume
6. SCHÜCHTERNHEIT IN DER MODERNEN WELT
Cyberspace-Junkies
Hikikomori
Die Motte an der Pappe
Die Treue der Präriewühlmaus
Schüchternheit ist besiegbar
LITERATUR
DANKSAGUNG
Am liebsten würde ich die graue Farbe der Wand hinter mir annehmen. Mein Herz rast, mein Gesicht ist bleich, mein Magen dreht sich um, und ich war schon dreimal auf der Toilette. Ich könnte jetzt ruhig zu Hause sitzen und ein gutes Buch lesen. Es war ein grober Fehler, mich von Kathrin überreden zu lassen, auf diese Party zu gehen. Die Leute sind mir komplett fremd, aber alle anderen scheinen sich schon lange zu kennen und sich prächtig zu amüsieren. Keiner will mit mir reden, aber ich würde auch im Boden versinken, wenn mich jemand ansprechen würde. Aber dass ich hier allein in der Ecke stehe, ist mir auch furchtbar peinlich. Was denken die Leute von mir? Ich komme ihnen sicherlich unsäglich beschränkt vor, wie ich hier wie bestellt und nicht abgeholt herumhänge. Ich habe das Gefühl, dass mich alle kritisch anschauen – was hat die denn für trostlose Klamotten an, warum hat sie einen so unsicheren Blick, wer hat die überhaupt eingeladen?
Warum bin ich so verdammt schüchtern? Warum kann ich nicht so sein wie die anderen? Was ist falsch an mir?
Stefanie, neunundzwanzig Jahre, leidet an krankhafter Schüchternheit. Eine kleine private Feier, für andere Menschen ein vergnüglicher Anlass, ist für sie die Quelle größten Unbehagens. Sie hat Angst, mit fremden Menschen in Kontakt zu treten. Sie fühlt sich beobachtet. Sie nimmt an, dass alle sie kritisch beäugen und sich insgeheim über sie lustig machen: über ihr Aussehen, ihr Make-up, ihre Figur, ihre Schuhe, ihren Pullover. Wenn jemand sie ansprechen würde, befürchtet sie zu stottern, keinen Ton herauszubringen oder nur Dümmliches zu reden.
Wie Stefanie sind unzählige Menschen von dem rätselhaften Phänomen der Schüchternheit betroffen. Wenn alle Blicke auf sie gerichtet sind, werden sie nervös. Sie hassen Situationen, in denen sie im Mittelpunkt stehen. Besonders schlimm ist es, wenn sie Fremde ansprechen wollen. Sie müssen ihren ganzen Mut zusammennehmen, um nach der Bahnhofsstraße zu fragen. Es gelingt ihnen nicht, bei einer Unterhaltung dem Gesprächspartner direkt in die Augen zu sehen. Sie scheuen sich, Witze zu erzählen, weil sie Angst haben, die Pointe zu verderben. Ein angekündigtes Gespräch mit dem Abteilungsleiter sorgt für eine schlaflose Nacht. Sie zucken zusammen, wenn die Verkäuferin in einer Boutique sie fragt: «Kann ich Ihnen helfen?» Sie erscheinen nicht zu einem Prüfungstermin, aus Angst zu versagen. Sie machen beim Kuchenbacken die Küchentür zu, weil sie sich unsicher fühlen, wenn ihnen jemand bei der Arbeit auf die Finger schaut. Bei der Eröffnung eines Sparkassenkontos über 400Euro zittert die Hand beim Unterschreiben des Freistellungsauftrags.
Stellen Sie sich vor, das Leben wäre eine einzige Casting-Show und alle anderen Menschen machen ätzende Bemerkungen über Sie. Wie unter dem prüfenden Blick der Jury, so fühlen sich selbstunsichere Menschen tagtäglich. Sie können nicht durch eine Fußgängerzone flanieren, in einer Schlange am Geldautomaten stehen oder eine Bockwurst kaufen, ohne zu denken, dass sie kritisch beäugt werden.
Ein bisschen scheu ist ja nicht schlimm, das hören die Betroffenen immer wieder. Jemand, der nicht schüchtern ist, ahnt aber nicht, welche Qualen ein selbstunsicherer Mensch erdulden muss.
«Krankhaft schüchtern» – es gibt unglaublich viele, die sich so einschätzen würden. Viele sozial ängstliche Menschen denken, sie seien allein mit ihrem Problem. Dabei ist die Soziale Phobie, wie die schwere Form der Schüchternheit genannt wird, nach Depressionen und Alkoholabhängigkeit die dritthäufigste psychische Erkrankung.
Warum sind manche Menschen eher kommunikativ und offenherzig, während andere ein Mauerblümchendasein führen? Wie kommt es, dass Personen, die keinen Grund haben, sich zu verstecken, die gut aussehen und druckreif formulieren können, sich gegenüber anderen Menschen ständig minderwertig fühlen? Hat mich meine Mutter zu scheu erzogen?, fragen sich die Betroffenen. Liegt es daran, dass mein Vater mich immer abgewertet hat? Oder habe ich das schüchterne Verhalten von meinen Eltern abgeguckt? Waren es die bösen Nachbarskinder, die mir Schimpfworte nachgerufen haben? Ist in meinem Gehirn etwas nicht in Ordnung? Ist das Quecksilber in meinen Amalgamfüllungen daran schuld? Oder habe ich einfach alles geerbt? Habe ich mein gehemmtes Auftreten selbst zu verantworten? Könnte ich das Problem mit etwas Willensanstrengung loswerden? Würden mir mehr Bewegung oder gesündere Ernährung helfen? Können Pillen Schüchternheit bekämpfen? Brauche ich eine Psychotherapie, und wenn ja, welche?
Dieses Buch soll Menschen mit Schüchternheit eine Hilfestellung geben und Wege aus der Selbstblockade zeigen.
Obwohl ich wahrscheinlich ganz normal gehe, denke ich, dass andere meinen Gang furchtbar komisch finden. Es ist mir so peinlich, als ob ich nackt durch die Straßen laufen und dies per Video im Internet übertragen werden würde. Ich sehe drei junge Mädchen, wie sie zusammenstehen und kichern. Obwohl junge Mädchen, wenn sie zu dritt herumstehen, immer einen Grund haben, albern zu sein, denke ich, dass sie sich natürlich über mich lustig machen. Bestimmt sagen sie: «Der hat wohl seine Klamotten auf dem Grabbeltisch gekauft», oder «Was will denn diese Abrissbirne hier?» und solche Sachen. Ich habe das Gefühl, dass mein Gesicht wie ein eingefallenes Soufflé aussieht. Ich beginne mich zu hassen.
Sven W. (32), Graphik-Designer
Schüchterne fühlen sich ständig beobachtet, kritisiert, bewertet. Ich habe in der Angstambulanz der Universität Göttingen viele schüchterne Patienten behandelt. Die meisten von ihnen sehen entweder normal oder sehr gut aus, und keiner von ihnen hat einen Grund, sich verstecken zu müssen. Und dennoch vermuten sie immer wieder, dass ihr Aussehen und Auftreten anderen Menschen unangemessen, peinlich, lächerlich, sonderbar oder grotesk vorkommen könnte. Sie fühlen sich überhaupt unwohl in Gegenwart fremder Leute – und sind richtig erleichtert, wenn sie wieder allein sind.
Es reicht schon aus, wenn man als schüchterner Mensch im Mittelpunkt steht. Die Großmutter hat zum Kaffeetrinken eingeladen und erzählt vor allen anderen Verwandten, dass ihr Enkel Heinrich eine neue Arbeitsstelle in einer Baufirma gefunden hat. Und schon sieht der gehemmte Heinrich S. alle Blicke auf sich gerichtet und schämt sich – obwohl er weder gelobt noch kritisiert wurde, alle Anwesenden kennt oder sogar mit ihnen verwandt ist.
«Ich komme zu spät in eine Sitzung – jeder schaut auf mich. Ich muss den Raum durchqueren, um einen freien Stuhl zu finden, und alle sind wahrscheinlich über diese Störung empört.» So klagt ein Schüchterner, der ständig befürchtet, überall anzuecken, in Fettnäpfchen zu treten oder andere zu belästigen. Selbstunsichere Personen sind Weltmeister in Zuvorkommenheit, Rücksichtnahme und Höflichkeit.
Mein Herz klopft wie ein Dampfhammer, sodass ich fast sicher bin, dass es alle um mich herum hören. Ich schwitze wie ein Warzenschwein in der Sauna und zittere wie ein Hühnchen im Colarausch. Wenn ich jemandem die Hand gebe, wischt er sich danach seine eigene an der Hose ab. Ich werde violett vor Scham, wenn alle Blicke auf mich gerichtet werden. Wenn mich jemand anspricht, fange ich an zu stammeln und werde rot, als ob ich den Bundespräsidenten nach der Farbe seiner Unterhose gefragt hätte.
John K. (32), Drehbuchautor
Angst hat einen körperlichen Ausdruck: Zittern, Schwitzen, ein Beben in der Stimme, leises Sprechen, Harn- oder Stuhldrang. Die Muskeln verspannen sich wie bei einem Tier auf der Flucht. Ohne sich wehren zu können, werden Schüchterne von diesen Anzeichen überfallen. Die Angstsymptome können sich bis zu einer Panikattacke steigern, bei denen der Betroffene meint, dass sein Herz zerspringt. Und wenn man daran denkt, dass den anderen diese Indikatoren auffallen könnten, ist es einem noch peinlicher. Man möchte im Boden versinken, wenn man beobachtet, wie der andere nach dem Händedruck heimlich die Hand an seiner Kleidung zu trocknen versucht.
Obwohl die Symptome nicht immer augenfällig sind, denken selbstunsichere Menschen oft, dass ihnen die Angstmerkmale aus dem Gesicht springen. Sie treffen aufwendige Vorkehrungen, um das Schwitzen zu verhindern. Sie wechseln ständig ihre Kleidung und pflegen einen exzessiven Gebrauch von Deos, Körperpuder und Medikamenten gegen zu starke Schweißbildung.
Schüchterne Menschen lieben die schriftliche Ausdrucksform – da hat man die Möglichkeit, alles vorher noch einmal zu überdenken. Die Unmöglichkeit, das gesprochene Wort ungeschehen zu machen, ist für sie zu endgültig. Sie hassen das direkte Gespräch, weil sie immer denken, dass alles, was sie sagen, von anderen als gedankenlos, uninteressant oder misslich wahrgenommen wird. Eine mündliche Prüfung fürchten sie erheblich mehr als eine schriftliche. Sie haben eine rätselhafte Angst vor dem Fernsprecher. Wichtige Telefonate werden immer weiter hinausgeschoben. Lieber schreiben sie eine E-Mail. Die Erfindung des Computers ist für sie ein Segen, denn hier kann jede schriftliche Äußerung tausendmal überlegt und umformuliert werden. Das Erstaunliche ist aber: Die meisten meiner Patienten mit einer Sozialen Phobie haben keine wahrnehmbar sprachlichen Probleme – sie können sich gewählt ausdrücken.
Am schlimmsten war es, als unser Chef uns zum Essen einlud. Ich saß direkt neben seiner Frau. Der ganze Abend bestand für mich aus einer endlosen Reihe von grotesk überzogenen Befürchtungen: Kleckere ich mit dem Wein, nehme ich die falsche Gabel, verschlucke ich mich, rülpse ich vielleicht aus Versehen?
Jochen G. (44), Chauffeur
Was für andere Menschen oft ein Hobby und ein Hochgenuss ist, mit ein paar guten Freunden in einem Restaurant bei kühlem Weißwein getrüffelte Breitbandnudeln oder Tintenfischringe zu verspeisen, gerät für sozial gehemmte Menschen zu einer Riesenqual: Ganz abgesehen von der Furcht, sich beim Bestellen der Speisen in einem französischen Restaurant bei der falschen Aussprache von Wörtern wie «Chateaubriand» oder «Bœuf Bourguignonne» zu blamieren, fürchten sie, sich beim Essen nicht kniggekonform zu benehmen, mit der Tomatensoße herumzuspritzen, unschöne Geräusche zu machen oder beim Heben des Glases zu zittern. Sie fühlen sich nicht nur von ihren Tischnachbarn beobachtet, sondern von allen Menschen, die in Sichtweite im Lokal sitzen. Dann zieht sich der Magen zusammen, und mit dem Essgenuss ist es vorbei.
Die meisten Menschen, die ich kenne, kämen nie auf den Gedanken, dass ich schüchtern bin. Wenn ich es ihnen anvertraue, kichern sie und sagen, das sei Quatsch, da ich absolut nicht wie ein Schüchterner wirke.
René M. (45), Berufsschullehrer
Was würden Sie denken, wenn jemand, dem Sie gerade eine vermeintlich interessante Geschichte erzählen, Ihnen dabei nicht ins Gesicht sieht, sondern demonstrativ an Ihnen vorbei aus dem Fenster den Blättern beim Herunterfallen vom Baum zuschaut? Achtung! Der andere könnte ein desinteressierter, mit sich selbst beschäftigter, eingebildeter Pinsel sein? Oder überlegen Sie, ob Ihr Gegenüber ein schüchterner Mensch ist? Schüchterne laufen nicht mit einem Brett vor dem Kopf herum, auf dem steht: «Ich habe Schwierigkeiten mit der Kontaktaufnahme, bitte behandeln Sie mich dementsprechend.» Vielleicht ist es gerade das Problem selbstunsicherer Personen, dass ihre inneren Ängste praktisch nicht von außen beobachtbar sind. So werten viele Außenstehende das Verhalten einer schüchternen Person als arrogant. Dabei fällt es den Schüchternen unendlich schwer, den Gesprächspartner interessiert anzusehen.
Eigentlich bin ich ein netter Kerl, und wenn die Leute mich wirklich kennenlernen, komme ich gut an. Ich wirke aber wie ein Snob, und ich bekomme selten eine zweite Chance, zu zeigen, wie ich tatsächlich bin.
Markus D. (39), Verkäufer in einem Uhrengeschäft
Es ist nicht gerade die Stärke schüchterner Menschen, positive oder negative Gefühle anderen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Es fällt ihnen unsäglich schwer, jemandem zu sagen, dass sie ihn gern haben oder dass sie völlig unzufrieden mit seinen Leistungen sind. Sie versuchen, ein Pokerface aufzusetzen, damit das Gegenüber auf keinen Fall erraten kann, welche Emotionen sie haben. Sie sind auch manchmal sparsam mit körperlichen Berührungen. Selbst einen guten Freund zu umarmen kann ihnen schwerfallen.
An dieser Stelle ist es vielleicht hilfreich, zu sagen, was Schüchternheit nicht ist:
Schüchternheit ist keine unkorrigierbare Eigenschaft, die man hat oder nicht, die ein ganzes Leben bestehen bleibt und die durch nichts zu verändern ist. Schüchternheit kann man loswerden – durch Selbsthilfe oder professionelle Therapie. Man kann sein Verhalten so verändern, dass man die negativen Seiten der Schüchternheit praktisch nicht mehr spürt.
Schüchternheit ist nicht das Gleiche wie Zurückgezogenheit. Zurückgezogene Menschen, man bezeichnet sie auch als «introvertiert », ziehen es vor, soziale Interaktionen mit anderen Menschen möglichst zu umgehen, wären aber, wenn es darauf ankäme, durchaus in der Lage, ohne Scheu mit ihren Mitmenschen zu kommunizieren. Manchmal handelt es sich dabei um Personen, die lange Zeit sehr rege Kontakte mit der Umwelt hatten oder sogar im Rampenlicht standen, die es aber dann vorzogen, weltabgewandt zu leben. Beiden, den Schüchternen und den Introvertierten, ist gemeinsam, dass sie nicht auf Partys gehen. Der Introvertierte macht es nicht, weil er keine Lust dazu hat, und ein schüchterner Mensch, weil er es nicht kann, obwohl er es liebend gern tun würde – er hat nur keine andere Wahl. Schüchterne sind nicht, wie es scheint, anspruchslos, sondern schaffen es nicht, ihre Ansprüche durchzusetzen.
Soziale Angst ist auch nicht gleichzusetzen mit allgemeiner Ängstlichkeit. In der Regel wird schüchternen Menschen unterstellt, dass sie Angsthasen sind und vor allem und jedem Furcht haben. Das ist nicht richtig. Meist sind die Ängste bei den Betroffenen auf soziale Situationen beschränkt. Ich habe Sozialphobie-Patienten gesehen, die verwegene Motorradfahrer, tollkühne Snowboard-Artisten, waghalsige Extrem-Traveller oder furchtlose Elitesoldaten waren. Das hängt damit zusammen, dass es im Gehirn für jede Art von Ängsten ein Zentrum gibt und dass das Gebiet, in dem zwischenmenschliche Ängste erzeugt werden, nicht mit demjenigen identisch ist, in dem Ängste vor realen Gefahren wie schwarzen Pisten, Feuerquallen oder bleihaltiger Luft abgespeichert sind. Beispiele für sozial ängstliche, aber ansonsten furchtlose Menschen sind der britische Südpolfahrer Robert Falcon Scott, der vor Partys oder Vorträgen größere Angst hatte als vor Gletscherspalten oder Schneestürmen, oder der erste Mann auf dem Mond, Neil Armstrong, dem wohl auch kaum Feigheit vorgeworfen werden konnte.
Schüchternheit ist kein harmloses Problem. Wenn die ständige Furcht, von anderen Menschen negativ beurteilt zu werden, so stark wird, dass der Betroffene schwer darunter leidet, geht die Schüchternheit in eine Krankheit über, die man Soziale Phobie nennt. Es ist nicht leicht, genaue Grenzen festzulegen, ab wann die Schüchternheit krankhafte Formen annimmt. Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob bei Ihnen soziale Ängste bestehen, die über das gesunde Maß hinausgehen, so lesen Sie unter «Wenn Schüchternheit zur Krankheit wird» auf S.235 weiter. Unter der Überschrift «Wege aus der Selbstblockade…», S.246, können Sie erfahren, welche Kriterien zutreffen müssen, um das Problem als therapiebedürftig einzuordnen.
In diesem Buch wird manchmal von Schüchternheit, aber auch von Sozialer Phobie gesprochen. Wissenschaftliche Befunde, die hier zitiert werden, wurden zum einen mit «schüchternen» Personen erhoben, während andere Studien die exakte Definition der Sozialen Phobie verwenden.
Bescheidenheit ist eine Tugend, die man vor allem an anderen schätzt.
François de La Rochefoucauld
Schüchternheit hat auch ihre positiven Seiten – zumindest für Menschen, die mit selbstunsicheren Personen zu tun haben. «Ich liebe schüchterne Männer», schwärmt so manche Frau. Bescheidenheit wird in unserer Gesellschaft durchaus geschätzt. Wer sich dezent im Hintergrund hält, nicht immer auf seine Rechte pocht, anspruchslos und zuverlässig seine Arbeit verrichtet und dabei immer freundlich und rücksichtsvoll ist, kommt gut an.
Gott sei Dank gibt es zurückhaltende Personen in ausreichender Zahl. Was wäre, wenn sich immer alle Menschen durchsetzen wollten und herrlich selbstbewusst wären? Wir wären umgeben von penetranten Selbstdarstellern, aufdringlichen Spaßvögeln, distanzlosen Angebern und schwadronierenden Wichtigtuern. Wir hätten ein Überangebot an charismatischen Führungspersönlichkeiten, sozial kompetenten Personalmanagern und großspurigen Abteilungsleitern. Es gäbe zu viele Häuptlinge und zu wenig Indianer.
Es sieht so aus, als ob es von der Natur gewollt ist, dass es einerseits eine kleine Gruppe von Alphatieren gibt, die andere beherrschen wollen, dann aber die große Masse der Menschen in der Mitte – und schließlich die Gruppe der bescheidenen, zurückhaltenden Leute, die sich unterordnen wollen oder müssen. Wenn diese Ordnung auf der Welt vorgegeben zu sein scheint, heißt das aber für das einzelne Individuum noch lange nicht, dass man dieses Schicksal akzeptieren muss. Es ist auch vorgegeben, dass es auf der Erde Arme und Reiche gibt. Aber es ist leichter, sich von einem gehemmten Mauerblümchen zu einem selbstbewussten Individuum zu entwickeln, als vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen.
Ein weiterer Vorteil der schüchternen Menschen ist, dass sie oft Perfektionisten sind. Wer übergroße Angst vor Kritik hat, versucht alles daranzusetzen, dass diese gar nicht erst aufkommt, indem sämtliche Fehler ausgemerzt werden. Ein bisschen Furcht vor einer negativen Bewertung unserer Aktivitäten gehört zu unserem Leben. Wir würden ständig Pfusch abliefern, wenn wir diese Bedenken nicht hätten. Sozialphobiker allerdings arbeiten besessen daran, dass ihre Leistungen immer einwandfrei sind. In allen Bereichen des Lebens versuchen sie, mustergültig und vollkommen zu sein. Ob es um die liebevolle Restaurierung eines Oldtimers geht, die Pflege eines japanischen Gartens, die Renovierung eines Bades, die Triathlonmeisterschaften oder um die Erstellung eines Rechenschaftsberichts – immer geben sie sich mehr Mühe als Durchschnittsmenschen, um Einwänden von vornherein zuvorzukommen. Sie brauchen diese kleinen oder großen Erfolge, um ihre Ego-Batterien ständig neu aufzuladen.
Wenn Sie einen Menschen motivieren wollen, eine Höchstleistung zu erbringen, gibt es drei Möglichkeiten: (a) Sie bitten ihn inständig, sein Bestes zu geben, und versprechen, ihn danach zu loben, (b) Sie bieten ihm ein hübsches Sümmchen oder (c) Sie machen ihm Angst. Sie ahnen, welche Methode die wirksamste ist: Angst gibt einem die unendliche Energie, die man braucht, um die eigenen Höchstleistungen bei weitem zu übertreffen.
Und das ist gut so, denn wenn niemand Furcht hätte zu versagen, würde es noch mehr Unvollkommenheit und Mittelmäßigkeit auf dieser Welt geben. Wer einmal sein Haus renovieren ließ, wird zustimmen, dass es zu viele Menschen gibt, die nicht immer höchste Qualität abliefern.
Die nach Fehlerlosigkeit strebenden Sozialphobiker leiden aber auch unter den Zwängen, die sie sich selbst auferlegen. Es ist anstrengend und zeitraubend, ständig der oder die Erste sein zu wollen. Auch schaffen sie es nicht, sich entspannt zurückzulehnen, wenn sie ein Ziel erreicht haben. Leuten, die nicht ganz so leistungsbewusst sind, können sie damit tüchtig auf die Nerven gehen. Das Lob der anderen nehmen sie nicht an, weil sie denken, dass sie es noch besser hätten machen können oder dass die Anerkennung nur aus Höflichkeit oder Mitleid erfolgt ist. Erhalten sie Beifall, schauen sie um sich, weil sie vermuten, dass bestimmt nicht sie gemeint waren.
Manche Menschen, die sich ständig der Kritik anderer ausgesetzt fühlen, sehen das Leben als eine Art Zehnkampf an. Die Talentierten unter ihnen suchen sich daher immer neue Wege, sich zu profilieren. Sie wollen nicht nur in einer Sportart die Besten sein, sondern in allen. Sie wollen im Mountainbiken, Turniertanz, Völkerball, Klootschießen und Gummistiefelweitwurf in der oberen Liga mitmischen. Außerdem spielen sie Akkordeon, Saxophon und Blockflöte. Sie wissen alles über Pferde, Rosen, indonesische Küche, Vogelspinnen oder Wattwanderungen. Da sie aber nicht in sämtlichen Disziplinen perfekt sein können, beherrschen sie alle diese Künste nur ein bisschen – und sind somit Universaldilettanten. Zwar kommen sie mit ihrer Kleinkunst gut an, aber es ist wirklich anstrengend, wenn man sich immer von Konkurrenten und Neidern umgeben sieht. Dennoch machen sie sich selbst und anderen das Leben auf dieser Weise ein wenig lustiger.
So wenig wie sozial gehemmte Menschen von sich überzeugt sind, so groß sind ihre Phantasien, von vielen geschätzt und geliebt zu werden. Zwischen ihren Träumen und der Wirklichkeit besteht aber oft eine große Diskrepanz. Sie sind Weltmeister im Tagträumen. Sie sehen sich in ihren Wunschgebilden als wagemutige Helden, beliebte Filmstars, bedeutende Politiker oder begehrte Sexsymbole. Aber manche von ihnen tun überhaupt nichts, um auch nur kleinste Ziele dahingehend zu verwirklichen.
Dann existiert aber auch eine Gruppe von schüchternen Menschen, die versuchen, den Spieß umzudrehen. Paradoxerweise berichten viele bekannte Künstler, Schauspieler und Musiker rückblickend, dass sie vor ihrer Bühnenkarriere zaghaft und gehemmt gewesen seien. Die angesagtesten Hollywood-Akteure gaben in Interviews zu, sie seien in ihrer Kindheit oder Jugend «painfully shy». («qualvoll schüchtern») gewesen. Woody Allen kultivierte in seinen Filmen ganz offen die Rolle des verzagten Stadtneurotikers. Aber auch unter Schauspielern, die auf der Bühne sehr selbstbewusste und energische Menschen spielen, findet man solche, die früher extrem unsicher waren und die ihre eigene ausgeprägte Schüchternheit durch Heldendarstellungen kompensieren wollten. Robert De Niro war einst so scheu, dass er in seiner Kindheit nicht mit anderen Kindern spielte, sondern lieber Bücher las. Richard Gere wurde als Kind bei Ärzten vorgestellt, weil die Eltern nicht wussten, ob er überhaupt sprechen konnte. Nicole Kidman fühlte sich in ihrer Jugend «sehr australisch, sehr bäurisch und grotesk schüchtern», und Tom Cruise war ein sehr einsames Kind mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche, das in seiner inneren Welt lebte und sich immer gezwungen fühlte, sich selbst zu beweisen. Pretty-Woman-StarJulia Roberts berichtete rückblickend: «Ich musste eine unglaubliche Schüchternheit überwinden, die andere als Reserviertheit interpretierten.» Marilyn Monroe wiederum hatte eine solch große Angst vor Drehszenen, in denen sie im Mittelpunkt stand, dass sie sich mit Beruhigungsmitteln und Alkohol betäubte, um den Stress zu ertragen. Schließlich erschien sie wegen ihrer Versagensängste nur noch sporadisch oder gar nicht mehr am Set. Am Ende wurde sie ein Opfer ihrer Angst: Sie starb an einer Überdosis ihrer Medikamente. (1)
Die meisten berühmten Schauspieler berichten, dass sie selbst nach vielen Jahren im Geschäft noch immer unter Lampenfieber leiden, und sie sagen auch, dass sie dieses Gefühl brauchen, um gut zu sein. Die Reihe der Filmgrößen, die ihre Schwäche in Stärke umwandelten, ließe sich beliebig fortsetzen: Ingrid Bergman, Katherine Hepburn, Sir Alec Guinness, Henry Fonda, Sally Field, Sigourney Weaver, Kim Basinger, Michelle Pfeiffer, Tom Hanks und Brad Pitt – sie alle haben sich nach eigenen Aussagen von scheuen, zurückhaltenden Menschen in das Gegenteil verwandelt, in Menschen, die auf roten Teppichen flanieren und von den Massen umjubelt werden, aber die sich auch damit abfinden müssen, dass ihr Privatleben bis ins kleinste Detail offengelegt wird.
Die Angst ist die Triebfeder für Erfolg. Aus Furcht zu versagen arbeitet man so lange an sich, bis sämtliche möglichen Fehler ausgeschaltet sind. Ein Musiker übt sechzehn Stunden am Tag, bis die Darbietung virtuos wird. Ein Schauspieler praktiziert tagelang vor dem Spiegel, bis die Gesten perfekt sitzen. Ein Zauberkünstler denkt verzweifelt darüber nach, wie er seine Illusionsshow noch spektakulärer vorführen kann. Genie, so hat mal jemand gesagt, besteht zu 70Prozent aus Fleiß. Fleiß wiederum entsteht oft aus der Furcht, am Ende nicht die Rangliste anzuführen.
Auch Musiker, die auf der Bühne die Massen begeistern, sind im Privatleben oft gehemmt und unsicher. Den scheuen Bob Dylan erkannten seine besten Freunde nicht wieder, wenn er auf einer Bühne stand und seine zynischen und coolen Texte sang. Ella Fitzgerald und George Harrison waren im wirklichen Leben extrem selbstunsicher, aber niemand, der sie je auf der Bühne erlebte, hätte es ihnen angesehen. Freddy Mercury, der Queen-Sänger, auf der Bühne der Prototyp eines Showmans, war in seinem Privatleben extrem introvertiert. Der Songwriter Cat Stevens hörte 1977 auf dem Höhepunkt seines Erfolgs plötzlich auf, Musik zu machen, wurde Moslem und nannte sich fortan Yusuf Islam. Vielleicht waren es nicht nur religiöse Gründe, sondern der Druck des Rampenlichts, der den schüchternen Sänger trieb, sich für Jahrzehnte aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
Der Zusammenhang zwischen Angst und großer Kunst dient dem Publikum zu höchsten Genüssen. Und für die betroffenen Künstler ist der Bühnenauftritt das Heilmittel für ihre Verzagtheit. Der Applaus ist Koks für die Seele. Jemand, der seine Furcht überwunden hat, empfindet größeres Glück als einer, der sie gar nicht erst wahrnimmt. Hat ein ehemals gehemmter Künstler einen erfolgreichen Bühnenauftritt absolviert, führt der Beifall bei ihm zu einem viel größeren Hochgefühl als bei einem Menschen, der nie unter Bühnenangst litt und lässig und routiniert sein Programm herunterspult. Anerkennung durch andere Menschen zu bekommen führt zu einer Ausschüttung von Glückshormonen, den sogenannten Endorphinen. Die ängstlichen Menschen, die nach Überwindung ihrer Furcht eine besonders große Ladung von Endorphinen erhalten haben, werden süchtig nach Erfolg – und sie wollen ihn immer wieder erleben. Natürlich spürt auch das Publikum die tiefgreifenden Emotionen dieser sensiblen Künstler, und der Funke springt über. Weitaus mehr selbstunsichere Menschen wollten eigentlich trotz ihrer Schüchternheit einen Bühnenberuf ergreifen, suchten sich dann aber eine andere Branche, bei der man zwar nicht im Rampenlicht steht, aber dennoch eine gehörige Portion Anerkennung abbekommt – zum Beispiel als Buchautor. Die bekannteste Krimiautorin der Welt, Agatha Christie, wollte Klavierspielerin werden, gab ihren Berufswunsch aber wegen ihres unüberwindbaren Lampenfiebers auf. Bekannt für ihre extreme Sozialphobie ist auch die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek. «Ich kann mich im Moment Menschen nicht aussetzen», sagte sie als Begründung, als sie nicht nach Stockholm reisen wollte, um eine ganz besondere Ehrung in Empfang zu nehmen: den Literaturnobelpreis.
Man fragt sich: Warum suchen Personen, die sich vor allen Situationen fürchten, in denen man im Mittelpunkt steht, plötzlich die Öffentlichkeit? Warum werden Menschen, denen zunächst jede soziale Fertigkeit abgeht, auf einmal geniale Schauspieler? Dieses paradoxe Phänomen lässt sich erklären: Wer ständig meint, schlecht, unintelligent, uninteressant oder hässlich zu sein, will sich selbst das Gegenteil beweisen – und das geht am besten, wenn man ein gefeierter Star wird. Nach der vierten Zugabe wird einem langsam klar, dass man doch nicht so schlecht sein kann, wie man bisher immer dachte. Spätestens wenn man einen Oscar gewonnen hat oder zum «Sexiest Man of the Year» erklärt wurde, muss man die Theorie aufgeben, ein kümmerlicher, flachköpfiger und bedauernswerter Trottel zu sein.
Sozialphobiker, die erkannt haben, wie sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen können, haben die Chance, ihre Menschenscheu ins Gegenteil zu verwandeln. Anstatt sich von der Angst lähmen zu lassen, stellen sie sich dem Problem. Bevor man in den schönen Künsten Anerkennung findet, muss man sich ja vielfach erst einmal mit sehr viel Kritik und Häme auseinandersetzen. Nach Misserfolgen muss man sich immer wieder aufrappeln und weiterkämpfen. Die euphorischen Belobigungen und Ehrungen erhält man meist erst dann, wenn man die Erfolgsleiter bereits erklommen hat. Bis dahin erhält man vielfach vernichtende Beurteilungen, bösartige Verrisse oder formlose Absagen.
Ist der Leidensdruck groß genug, hat man die Kraft, sich selbst zu heilen. Leider kommen aber wahrscheinlich auf einen Sozialphobiker, der es in den Olymp geschafft hat, hundert, die unterwegs aufgegeben haben.
Warum bin ich so unsicher und gehemmt? Warum kann ich nicht locker mit anderen Menschen umgehen? Was ist bei mir falsch gelaufen? Warum ich? Diese Fragen gehen schüchternen Menschen oft durch den Kopf.
Nicht nur Wissenschaftler, sondern auch die Medien und viele Amateurpsychologen haben unzählige Erklärungen parat, warum Menschen, die es eigentlich nicht nötig haben, sich zu verstecken, so übergroße Angst vor ihren Mitmenschen haben. Mehrere Theorien wurden aufgestellt. Wird man schüchtern, weil…
man in der Kindheit oder Jugend mehrere Situationen erlebt hat, in denen man schrecklich blamiert, gedemütigt oder fortlaufend verspottet wurde?
die Eltern einen ständig abgewertet und kritisiert haben?
die Eltern einen lieblos oder streng behandelt haben?
die Eltern einen zu ängstlich erzogen haben und zu überbehütend waren?
man sich von seinen ebenfalls schüchternen Eltern ein bescheidenes und zurückhaltendes Verhalten abgeschaut hat?
man die Schüchternheit geerbt hat?
man ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn hat?
im Fernsehen ständig Menschen gezeigt werden, die attraktiv, wortgewandt, begabt und heldenhaft sind?
Welche wissenschaftlichen Befunde stützen nun diese landläufigen Thesen?
«Ich war als Kind ziemlich dick und bin von meinen Klassenkameraden gehänselt worden» – fast jeder selbstunsichere Mensch erinnert sich an Situationen, in denen er in jungen Jahren kritisiert wurde. Wenn man unter krankhafter sozialer Angst leidet, macht man sich natürlich Gedanken, ob nicht schon in der Kindheit die Weichen gestellt worden sind: «Mein Vater war ein Perfektionist, er mäkelte ständig an mir herum, er machte mich klein, nichts konnte man ihm recht machen.» Auch die Stellung in der Geschwisterreihe wird bemüht: «Mein großer Bruder war der Überflieger der Familie; da ich nie so gut war wie er, hat mich mein Vater verachtet.»
Oder waren es einzelne, schrecklich peinliche Ereignisse, die dauerhafte Folgen hatten? «Meine Mitschüler zogen mich auf dem Schulhof nackt aus und liefen mit meinen Kleidern davon.»
Wissenschaftliche Untersuchungen konnten allerdings bislang nicht überzeugend belegen, dass traumatische Erfahrungen mit Demütigungen oder Erniedrigungen in der Kindheit schuld an einer späteren Sozialen Phobie sind. In einer Studie (2) berichteten 58Prozent sozialphobischer Patienten davon, dass ihre Furcht nach einem traumatischem Ereignis begonnen habe. Allerdings wurde keine Kontrollgruppe untersucht, sodass wir nicht wissen, ob Gesunde nicht ähnlich einschneidende Ereignisse berichten würden – denn wem ist so etwas nicht schon einmal passiert?
In einer anderen Untersuchung wurden Patienten mit einer Sozialen Phobie mit Normalpersonen verglichen. Hier gaben einige Patienten an, dass ihre Schüchternheit nach einem blamablen Ereignis begonnen habe. Allerdings war der Unterschied zu den gesunden Personen gerade bei Patienten mit der «generalisierten» Form der Sozialen Phobie – der schwereren Form – statistisch nicht bedeutsam. (3)
Solche Studien, die sich mit lange zurückliegenden Ereignissen befassen, können zudem einem systematischen Fehler unterliegen. Wenn Schüchterne angeben, gedemütigt worden zu sein, so könnte es so sein, dass sie tatsächlich Opfer von häufigen Kränkungen waren – oder aber, dass sie harmlose Kritik als schreckliche Demütigung werteten, weil sie schon als Kind überempfindlich auf Herabsetzungen reagierten, oder dass sie sich sehr gut an solche Situationen erinnerten, während andere sie einfach vergaßen, weil sie locker damit umgehen konnten.
Natürlich lernt man aus Erfahrungen. Ein gebranntes Kind scheut den Würstchengrill. Und so können Schüchterne aus einigen schlechten Erlebnissen in zwischenmenschlichen Situationen die Lehre gezogen haben, dass zurückhaltendes Verhalten manchmal angebracht ist. Allerdings: Negative Ereignisse führen zwar zu vorsichtigeren, angemessenen Einschätzungen, sind aber normalerweise nicht der Grund, warum man eine Phobie, also eine übertriebene und unrealistische Furcht, entwickelt. So bekommt man eine Spinnenphobie nicht durch einen Spinnenbiss – denn die deutschen Spinnen beißen nicht, und trotzdem hat die Hälfte der Deutschen eine große Angst vor den Achtbeinern.
Zusammenfassend gibt es keine deutlichen Hinweise dafür, dass eine Soziale Phobie vorwiegend durch einschneidende Erlebnisse, die mit Demütigungen und Kränkungen einhergingen, entsteht.
Wir wissen, dass bei der Sozialen Phobie eine «familiäre Häufung» besteht – das heißt, dass schüchterne Eltern auch schüchterne Kinder haben. Das ist gut zu belegen. Aber liegt es jetzt daran, dass die Kinder diese Persönlichkeitseigenschaft durch Imitation von ihren Eltern übernommen haben? Wenn ein Kind beobachtet, wie der Vater bescheiden und zurückhaltend auftritt und in Auseinandersetzungen immer klein beigibt, kann ein Kind das ja für angemessenes Verhalten halten und es selbst übernehmen.
Oder kann es sein, dass dieser Charakterzug einfach mit den Genen auf die Kinder übergegangen ist? Diese Fragestellung beschäftigt manche Experten insofern, weil sie denken, dass krankhafte soziale Angst durch eine Psychotherapie besser beeinflusst werden könnte, wenn sie «nur» durch einen Lernprozess entstanden wäre, als wenn sie durch die Gene fest ins Gehirn «eingebrannt» wäre. Diese Annahme wird allerdings nicht durch die Realität bestätigt, denn eine Verhaltenstherapie kann ja auch bei Depressionen, bei denen ein starker Erbfaktor bekannt ist, eine Besserung bewirken. Ebenso kann man die angeborene, also natürliche Angst der Menschen vor steilen, rutschigen Abhängen dadurch «therapieren», indem man ihnen Skiunterricht gibt.
Dass furchtsames Verhalten durch Nachahmung entstehen kann, muss erst einmal bewiesen werden. Wie können wir erklären, dass ein Erwachsener, der jetzt sechsunddreißig Jahre alt ist, sein sozial ängstliches Auftreten von seinem Vater im Alter von zehn Jahren übernommen hat und es jetzt erst nachmacht? Imitationsverhalten müsste sich unmittelbar nach der Beobachtung eines Verhaltens zeigen und nicht eine Generation später. Man gerät in wissenschaftliche Erklärungsnot, wenn man diese Verspätung begründen will. Es gibt nur wenige Untersuchungen, die sich vorgenommen haben, so etwas wie Modelllernen bei der Sozialen Phobie nachzuweisen, und in der Mehrzahl dieser Studien wurde nicht so recht deutlich, dass soziale Angst hauptsächlich dadurch erworben wird. (4)
Wahrscheinlich ist, dass Ängste aus einer Mischung aus angeborenen und erlernten Ängsten entstehen. Eine Schlangenangst ist zum Beispiel eine instinktmäßige Angst, die nicht erst durch schlechte Erfahrungen erlernt werden muss wie die Furcht vor Brennnesseln. Das ist auch sinnvoll, denn bei tödlichen Gefahren sind Lernprozesse nicht besonders hilfreich – den bösen Klapperschlangenfehler macht man nur einmal im Leben. Junge Affen, die noch nie in ihrem Leben eine Schlange gesehen haben, zucken sofort zusammen, wenn sie ein Video mit diesen Reptilien sehen. Wenn man ihnen allerdings einen Film zeigt, in dem erwachsene Affen vor einer Natter panikartig zurückweichen, verstärkt sich der Effekt noch. (5) Dieser Versuch zeigt, dass sich instinktmäßige und am Modell erlernte Angst gegenseitig verstärken können.
Eine der gängigsten psychologischen Theorien zur Entstehung psychischer Erkrankungen lautet, dass seelische Störungen durch emotionale Belastungen in der Kindheit entstehen. Nur wenige Studien haben allerdings überprüft, ob diese Hypothese auch für Menschen mit einer Sozialen Phobie zutrifft. In zwei kontrollierten Untersuchungen wurde eine erhöhte körperliche Gewaltanwendung in der Jugend bei Menschen mit Angststörungen festgestellt, außerdem eine größere Häufigkeit von sexuellem Missbrauch bei den weiblichen Patienten. (6, 7) Allerdings hatten in beiden Studien nur einige wenige Personen eine Soziale Phobie, die übrigen litten unter anderen Angsterkrankungen, sodass die Ergebnisse schwer zu verallgemeinern waren. In einer weiteren Studie wurde dann wieder kein Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Sozialer Phobie gefunden. (8)
Da uns diese Untersuchungen nicht als ausreichend erschienen, führten wir vor einigen Jahren an der Universität Göttingen eine wissenschaftliche Untersuchung mit dem Ziel durch, festzustellen, welchen Beitrag die verschiedenen Risikofaktoren liefern. (9) Wir gaben Menschen mit einer Sozialen Phobie einen Fragebogen mit 203Fragen zu ihrer Kindheit in die Hand. Diese berücksichtigten sämtliche Missgeschicke, Belastungen und Bedrohungen, die einem Kind widerfahren können: längere Trennungen von den Eltern, Armut, Inzest, trinkende oder prügelnde Väter und dominante oder überfürsorgliche Mütter. Denselben Fragebogen musste eine Gruppe von gesunden Kontrollpersonen beantworten. Ebenso wurden Schäden bei der Geburt und das Vorliegen von psychischen Erkrankungen sowohl bei den Patienten als auch den gesunden Kontrollpersonen abgefragt.
Einige belastende Ereignisse in der Kindheit waren von den Patienten öfter als von den Kontrollpersonen berichtet worden. So waren Sozialphobiker in jungen Jahren häufiger länger von Vater und Mutter getrennt worden, oder sie waren nicht bei den leiblichen Eltern aufgewachsen. Verstärkt gab es eheliche Probleme oder gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Erziehungsberechtigten. Auch sexueller Missbrauch wurde vermehrt berichtet. Vordergründig sah es also so aus, als ob alle diese belastenden Ereignisse ursächlich an der Sozialen Phobie beteiligt waren.
Allerdings unterliegen solche Untersuchungen häufig einer Fehlannahme, nämlich dass zwei Phänomene, die zusammen auftreten – wie zum Beispiel Alkoholmissbrauch des Vaters und eine Angsterkrankung des Sohnes–, einander ursächlich bedingen. Dies muss nicht notwendigerweise zutreffen. Beide Erscheinungen könnten deswegen gehäuft gemeinsam auftreten, weil sie auf einen dritten Faktor zurückzuführen sind – zum Beispiel auf die Tatsache, dass der Vater auch schon unter Ängsten litt und deswegen trank und der Sohn die Angsterkrankung über den Umweg der Vererbung erhalten hat. Daher ist es sinnvoll, wenn man die in Frage kommenden Risikofaktoren nicht voneinander isoliert betrachtet, sondern in ihrer Gesamtheit.
Also fütterten wir unseren Computer mit allen Daten zu Traumata, elterlichem Erziehungsverhalten, Geburtsrisikofaktoren und dem familiären Auftreten von Angsterkrankungen. Dabei wurde dann berücksichtigt, dass zwischen den verschiedenen Risikofaktoren bestimmte komplexe Zusammenhänge bestehen. Indirekte Fehlereinflüsse konnte man durch statistische Berechnungen herausfiltern, vorausgesetzt, dass man nicht nur einzelne, sondern sämtliche Risikofaktoren gleichzeitig analysiert.
Jetzt zeigte sich, dass lediglich längere Trennungen von Vätern oder Müttern bei den Erkrankten häufiger waren als bei den Gesunden. Eine Separation von den Eltern, so konnten wir nachweisen, erhöht als einziger Umweltfaktor das Risiko, eine Soziale Angststörung zu bekommen, dreifach. Das erklärt vielleicht, warum schüchterne Menschen auch im späteren Leben mehr als andere Angst vor dem Alleinsein haben. Ihre Empfindlichkeit für Kritik mag dadurch entstehen, dass sie jede kleine Rüge so missdeuten, dass der andere gleich die Freundschaft aufkündigen will.
Die anderen Faktoren, die bei isolierter Analyse scheinbar einen ungünstigen Einfluss hatten, waren jedoch bei der Gesamtbetrachtung als nicht mehr signifikant herausgefallen. Sexueller Missbrauch führt zu einem zahlenmäßig leicht erhöhten Risiko – das allerdings gerade nicht mehr statistisch signifikant war, also auf Zufall beruhte. Die Soziale Phobie schien nicht mit Gewalt in der Familie in Zusammenhang zu stehen, ebenso fielen Geburtsschäden als Ursache aus. Bei weitem der einflussreichste Risikofaktor war in unseren Daten allerdings die Tatsache, dass die Eltern auch schon unter einer Sozialen Phobie oder anderen neurotischen Störungen gelitten hatten – ein Hinweis darauf, dass Vererbung eine wichtige Rolle zu spielen scheint.
Insgesamt sollte man also die Auswirkungen früherer Traumata nicht überbewerten. Es erfordert sehr erhebliche emotionale Belastungen, um eine Angsterkrankung auszulösen.
Ich habe hin und her überlegt, ob es irgendetwas im Verhalten meiner Eltern oder bestimmte Vorfälle in meiner Kindheit gab, die mich zu dem scheuen Menschen machten, der ich heute bin. Weder waren meine Eltern besonders streng noch überbehütend. Meine Psychologin hat viel Zeit damit verbracht, solche Dinge aus mir herauszukitzeln. Langsam glaube ich, dass ich schüchtern geboren wurde. Schon als Fünf- oder Sechsjähriger wusste ich, dass ich gehemmt war. Aber ich ahnte nicht, wie schlimm es später werden würde.
Enno D. (40), Diplomchemiker
