Das Buch Rubyn - John Stephens - E-Book
Beschreibung

Drei Geschwister, drei Bücher, ein großes GeheimnisNachdem es den drei Geschwistern Kate, Michael und Emma erfolgreich gelungen ist, das erste der »Bücher vom Anbeginn« aus den Händen des finsteren Magnus zu retten, sind sie nun bereit für den zweiten Teil ihres Abenteuers. Dieses wird sie an der Seite ihres großväterlichen Freundes Dr. Pym erneut vor gewaltige Herausforderungen stellen, in ferne Welten und Zeiten führen und sie zwingen zu entscheiden, was ihnen wirklich wichtig ist im Leben. Und so kommen die tapfere Kate, der kluge Michael und die unerschrockene kleine Emma dem Geheimnis ihrer Familie und dem mächtigen »Buch Rubyn« langsam immer näher.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:572


cbj ist der Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2012

© 2012 der deutschsprachigen Ausgabe cbj, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Text: © 2012 John Stephens

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel: »The Fire Chronicle – The Books of Beginning, Book Two«

bei Alfred A. Knopf, einem Imprint von Random House Children’s Books, a division of Random House, Inc., New York

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen

Übersetzung: Alexandra Ernst

Umschlaggestaltung und -illustration: Geviert – Büro für Kommunikation, München, Conny Hepting, Silhouette Archiv Geviert, Shutterstock; Drachen: Gettyimages/Tanya Johnston Illustration & Design

MP · Herstellung: hag

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-06853-0

www.cbj-verlag.de

www.chroniken.vom-anbeginn.de

Für ArianneJ. S.

Der Junge war klein, und er war neu im Waisenhaus, was bedeutete, er musste das schlechteste Bett im Schlafsaal nehmen – das Bett, welches am meisten durchgelegen war, am muffigsten roch und in einer Nische ganz hinten im Raum stand. Und als der Schrei ertönte – ein Schrei, wie ihn der Junge noch nie gehört hatte und der in seine Brust zu greifen und sein Herz zu zerquetschen schien –, war er das letzte der verängstigten, kreischenden Kinder, das zur Tür hinausrannte.

Am Fuß der Treppe erwartete die Kinder dichter Nebel. Sie wandten sich nach rechts und hetzten durch die weite Halle. Ihre Schritte schallten laut in dem hohen Raum. Der kleine Junge wollte ihnen folgen, als zwei Gestalten aus dem Nebel traten. Sie waren schwarz gewandet und hielten lange, gezackte Schwerter in der Hand. Ihre Augen glühten gelb und sie stanken nach Moder und Fäulnis.

Der Junge wartet geduckt, bis sie weg waren, und floh dann in die andere Richtung.

Er rannte, so schnell er konnte. Die Angst saß ihm in der Kehle. Er wusste, dass er weg musste, sich irgendwo verstecken. Irgendwie gelangte er ins Büro des Heimleiters und hörte Stimmen auf dem Gang. Er duckte sich hinter den großen Schreibtisch, die Beine eng an den Körper gezogen.

Die Tür zum Büro wurde aufgestoßen. Ein Licht ging an. Zwei grüne Hausschuhe kamen ins Blickfeld des Jungen und er hörte den Heimleiter winseln: »Bitte … bitte tun Sie mir nichts …«

Dann kam die kalte und leicht lispelnde Stimme eines Fremden. »Aber, aber, wofür halten Sie mich denn? Ich will nur drei Kinder.«

»Nehmen Sie sie! Nehmen Sie drei Kinder! Nehmen Sie zehn, wenn Sie wollen! Nur tun Sie mir nichts!«

Der Fremde trat näher. Der Fußboden knarrte unter seinem Gewicht.

»Das ist aber großzügig von Ihnen. Allerdings bin ich auf drei ganz bestimmte Kinder aus. Geschwister, ein Junge und zwei Mädchen. Sie hören auf die liebreizenden Namen Kate, Michael und Emma.«

»Aber … sie sind nicht … nicht mehr hier. Wir haben sie weggeschickt, schon vor mehr als einem Jahr …«

Der kleine Junge hörte ein ersticktes Gurgeln und sah, wie die Füße in den grünen Hausschuhen in die Höhe schwebten. Sie zuckten und zappelten. Die Stimme des Fremden war gelassen und gleichgültig.

»Und wo haben Sie sie hingeschickt? Wo kann ich sie finden?«

Der Junge hielt sich die Ohren zu, aber immer noch hörte er das erstickte Keuchen und die mörderische, lispelnde Stimme: »Wo sind die Kinder …?«

Kate schrieb den Brief zu Ende, steckte ihn in einen Umschlag, klebte ihn zu und ging dann zu dem alten Baum. Sie hob die Hand und ließ den Brief in den ausgehöhlten Stamm fallen.

Er kommt bestimmt, dachte sie.

Sie hatte ihm von ihrem Traum geschrieben, von dem, der sie seit einer Woche jede Nacht aus dem Schlaf riss. Wieder und wieder hatte sie schweißgebadet in der Dunkelheit gelegen und gewartet, bis sich ihr Herz beruhigt hatte, erleichtert darüber, dass Emma, die neben ihr schlief, nicht erwacht war, erleichtert, dass es nur ein Traum gewesen war.

Nur dass es eben doch kein Traum war.

Er kommt bestimmt, dachte Kate. Wenn er das liest, wird er kommen.

Es war ein warmer, schwüler Tag. Kate trug ein leichtes Sommerkleid und flache Ledersandalen. Das Haar hatte sie im Nacken mit einem Gummiband zusammengefasst. Ein paar Strähnen hatten sich gelöst und klebten feucht an ihren Wangen. Sie war fünfzehn und seit dem letzten Jahr ein ganzes Stück größer geworden. Ansonsten hatte sie sich nicht verändert. Mit ihren dunkelblonden Haaren und den haselnussbraunen Augen war sie auffallend hübsch. Aber wenn man sie genauer betrachtete, bemerkte man die Sorgenfalten, die sich in ihre Stirn gegraben hatten, und die verkrampften Arme und Schultern, die sie steif und ungelenk wirken ließen. Ihre Fingernägel waren bis auf die Haut abgeknabbert.

Im Grunde genommen hatte sich überhaupt nichts verändert.

Kate stand immer noch neben dem Baum und spielte gedankenverloren mit dem Medaillon, das an ihrem Hals hing.

Vor mehr als zehn Jahren waren Kate, ihr Bruder Michael und ihre Schwester Emma von ihren Eltern getrennt worden. Sie waren in Waisenhäusern aufgewachsen, von denen einige angenehm und sauber gewesen waren, geführt von Menschen, die freundlich zu Kindern waren. Die meisten jedoch waren unwirtlich und schäbig gewesen, mit Erziehern, die Kinder als lästig und überflüssig betrachteten. Kate und ihre beiden jüngeren Geschwister hatten nie erfahren, warum ihre Eltern sie verlassen hatten oder warum sie nicht zurückkehrten. Aber dass sie zurückkommen und sie irgendwann einmal wieder eine Familie sein würden, daran hatten die Kinder nie gezweifelt.

Es war Kates Aufgabe gewesen, auf ihren Bruder und ihre Schwester aufzupassen. Sie hatte es ihrer Mutter versprochen, die vor so vielen Jahren in jener Nacht am Weihnachtstag in ihr Zimmer gekommen war. Kate hatte es immer noch vor Augen: wie ihre Mutter sich über sie beugte und das goldene Medaillon um ihren zarten Hals legte. Und dann Kate das Versprechen abnahm, Michael und Emma zu behüten.

Und Kate hatte ihr Versprechen gehalten, Jahr für Jahr, Waisenhaus um Waisenhaus, selbst als sie in größerer Gefahr schwebten, als sie sich je hatten vorstellen können, umringt von mächtigen Feinden.

Aber was, wenn Dr. Pym jetzt nicht kam? Wie sollte sie Michael und Emma weiter beschützen?

Doch er würde kommen, redete sie sich ein. Er hat uns nicht im Stich gelassen.

Wenn das so ist, meldete sich eine kleine Stimme in ihrem Kopf, warum hat er euch dann hierher geschickt?

Unwillkürlich wandte Kate sich um und schaute den Hügel hinab. Dort, zwischen den Bäumen hindurch, sah sie die baufällige Fassade und die schiefen Türmchen des Edgar Allan Poe Waisenhauses für schwer erziehbare Kinder.

Zu Kates Verteidigung muss gesagt werden, dass sie Dr. Pyms Entscheidung, sie wieder hierher zu schicken, nur dann infrage stellte, wenn sie verzweifelt oder erschöpft war. Sie wusste, dass der Zauberer sie nicht wirklich verlassen hatte. Aber die Tatsache blieb: Von allen Waisenhäusern, in denen die Kinder über die Jahre untergekommen waren, war das Edgar Allan Poe Waisenhaus das schlimmste. Eiskalt im Winter, brütend heiß im Sommer, das Wasser aus den Leitungen war braun und schlammig, die Böden schmierig und verdreckt; durch die Decken regnete es herein, und das Gelände wurde von verwilderten Katzen durchstreift, die sich ständig kreischende und fauchende Kämpfe lieferten.

Und als ob das nicht genug wäre, gab es da noch Miss Crumley, die pummelige Kate und ihre Geschwister aus tiefster Seele verabscheuende Leiterin des Waisenhauses. Miss Crumley hatte im letzten Jahr gehofft, sie habe sich ihrer endgültig entledigt. Als die drei einige Zeit später vor der Tür standen und ihr einen Brief von Dr. Pym überreichten, in dem dieser erklärte, dass das Waisenhaus in Cambridge Falls »wegen einer Schildkrötenplage« geschlossen werden musste, war sie ganz und gar nicht erfreut gewesen. Zumal Dr. Pym, der Miss Crumley bat, die Kinder »vorläufig« aufzunehmen, sich nicht darüber ausgelassen hatte, wie lange sie die Gören nun wieder am Hals haben würde.

Miss Crumley hatte versucht, sich über diesen Punkt Klarheit zu verschaffen. Aber als sie Dr. Pym anrufen wollte, um ihm zu erklären, dass sie die Kinder unter keinen Umständen aufnehmen würde, hatte sie feststellen müssen, dass alle Informationen, die Dr. Pym ihr übermittelt hatte – die Telefonnummer des Waisenhauses, die Adresse und die Zeugnisse über die glücklichen und gesunden Kinder in seiner Obhut – aus ihren Akten verschwunden waren. Und weder die Telefongesellschaft noch irgendein Amt konnten Miss Crumley weiterhelfen, ja es sah ganz danach aus, als habe ein Ort namens Cambridge Falls niemals existiert. Schließlich musste Miss Crumley aufgeben. Aber sie ließ die Kinder spüren, dass sie nicht willkommen waren, und bei jeder sich bietenden Gelegenheit fing sie die Geschwister ab, drängte sie in irgendeine dunkle Ecke, pikste sie mit ihren dicken Fingern und überschüttete sie mit Fragen.

»Wo genau liegt dieses Cambridge Falls?« – Piks – »Warum ist es auf keiner Karte verzeichnet?« – Piks – »Wer ist dieser Dr. Pym?« – Piks –

»Ist er überhaupt ein richtiger Doktor?« – Piks –

»Was ist da oben überhaupt geschehen? Ich weiß, dass da irgendwas nicht stimmt! Antwortet mir!« – Piks, piks, piks.

Nachdem Miss Crumley ihr dreimal in einer Woche ein Büschel Haare ausgerissen hatte, schlug Emma vor, ihr doch einfach die Wahrheit zu sagen – dass Dr. Stanislaus Pym ein Zauberer war, dass Miss Crumley Cambridge Falls nicht auf der Karte finden konnte, weil es Teil der magischen Welt war, die sich vor der normalen Welt verbarg, und sie dort ein altes, in grünes Leder gebundenes Buch gefunden hatten, mit dem man durch die Zeit reisen konnte, dass sie mit Zwergen gegen unheimliche Monster und eine böse Hexe gekämpft und nebenbei ein ganzes Dorf gerettet hatten und zu Helden geworden waren. Sie alle, auch Michael.

»Danke«, hatte Michael sarkastisch gesagt.

»Gern geschehen.«

»Aber das können wir nicht sagen. Sie würde uns für verrückt halten.«

»Na und?«, hatte Emma erwidert. »Ich wäre lieber im Irrenhaus als hier.«

Schließlich hatte Kate sie schwören lassen, bei ihrer ursprünglichen Geschichte zu bleiben: Dr. Pym wäre ein ganz gewöhnlicher Mann und überhaupt nichts Bemerkenswertes hätte sich ereignet. »Wir müssen Dr. Pym vertrauen«, hatte Kate gesagt.

Wir haben nämlich gar keine andere Wahl, dachte sie jetzt.

Sie hörte gedämpfte Musik und blickte den Hügel hinab zu dem großen gelben Zelt auf dem Rasen vor dem Waisenhaus. Heute fand Miss Crumleys Party statt und die ersten Gäste trafen bereits ein.

In den vergangenen zwei Wochen hatte jedes einzelne Kind im Waisenhaus von morgens bis abends geschuftet, hatte Unkraut gejätet, Beete geharkt, Hecken gestutzt, Fenster geputzt, Müll und Unrat aus dem Haus geschafft, Käfer und Kakerlaken aus den Ecken und Nischen vertrieben – alles nur für ein Fest, zu dem sie nicht einmal eingeladen waren.

»Und dass ihr mir ja nicht an den Fenstern klebt und meine Gäste angafft!«, hatte Miss Crumley die Kinder heute Morgen beim Frühstück angeblafft. »Mr Hartwell Weeks hat kein Verlangen danach, eure dreckigen, speckigen kleinen Gesichter zu sehen.«

Mr Hartwell Weeks war der Präsident des Maryland-Heimatvereins und Ehrengast der Party. Der Heimatverein veranstaltete wöchentlich Bustouren zu »historisch bedeutsamen Bauwerken« in der Gegend, und weil das Waisenhaus früher einmal eine Waffenfabrik gewesen war, wollte Miss Crumley unter allen Umständen dafür sorgen, dass es in die Liste aufgenommen wurde. Dann hätte sie die Möglichkeit, unbedarften Touristen zehn Dollar pro Kopf abzuknöpfen, und sie durch das Waisenhaus zu schleppen.

»Und wenn ihr das vermasselt« – sie sprach zu allen Kindern, warf aber Kate und ihren Geschwistern besonders bösartige Blicke zu – »dann lasst euch gesagt sein, dass ich immer wieder Anfragen von Labors bekomme, die nach Kindern für besonders gefährliche Experimente suchen, solche, für die man keinen guten Hund verschwenden würde. Ich wüsste da schon ein paar Kandidaten.«

Kate betrachtete die Männer in blauen Jacketts und weißen Hosen und die Frauen in pastellfarbenen Kleidern, die um das Waisenhaus stolzierten und im Schatten des Festzelts verschwanden. Aber eigentlich schaute sie gar nicht richtig hin. Sie dachte wieder an ihren Traum, sah vor sich die gelbäugigen Kreaturen durch den Nebel treten, hörte die Stimme des Mannes ihren Namen und die ihrer Geschwister aussprechen. Wenn sie bloß wüsste, ob die Ereignisse, die sie in diesem Traum sah, bereits passiert waren oder in der Zukunft lagen! Wie viel Zeit blieb ihnen noch?

Sie vertraute Dr. Pym. Sie vertraute ihm wirklich. Aber sie hatte entsetzliche Angst.

»Tja, sie hat’s mal wieder geschafft!«

Kate drehte sich um und sah ihren Bruder Michael schwer atmend den Hügel hinaufstapfen. Sein Gesicht war gerötet und er schwitzte. Seine Brille rutschte ihm ständig auf die Nasenspitze. Über der Schulter hing der Riemen einer abgewetzten Leinentasche, die beim Laufen gegen seine Hüfte schlug.

Kate zwang sich zu einem Lächeln.

»Was hat sie geschafft?«

»Sich in Schwierigkeiten zu bringen«, sagte Michael mit übertriebener Verzweiflung. »Miss Crumley hat sie beim Eiscrememopsen erwischt. Ich dachte schon, sie bekommt einen Herzanfall. Miss Crumley, meine ich. Nicht Emma.«

»Okay. Danke, dass du mir Bescheid gesagt hast.«

»Das ist alles? Du bist nicht sauer?« Michael hatte eindeutig mehr erwartet. »Kate, du weißt, dass ich das nicht gern sage«, fuhr er fort, »aber du bist zu nachsichtig mit ihr. Dr. Pym hat uns hierher geschickt, damit wir uns bedeckt halten. Damit uns niemand findet. Wie soll das gehen, wenn Emma sich ständig Ärger einhandelt? Du musst mal ernsthaft mit ihr reden.«

Innerlich seufzte Kate. »Worüber reden?«, fragte sie.

»Darüber, dass sie sich vernünftiger benehmen muss! Ihren Kopf benutzen muss! Ich war in ihrem Alter sicher nicht so achtlos.«

Er sagte das so, als ob er von einer lange zurückliegenden Zeit sprach.

»Also gut«, sagte Kate. »Ich werde mit ihr reden.«

Michael nickte wohlwollend. »Ich habe gehofft, dass du einsehen würdest, wie wichtig das ist. Ich habe übrigens das perfekte Zitat für diese Gelegenheit. Vielleicht kannst du es irgendwie einflechten. Moment mal …« Er griff in seine Tasche und Kate wusste ganz genau, dass er gleich Alles über Zwerge herausziehen würde. So wie sie das Medaillon ihrer Mutter nie aus den Augen lassen würde, so bewahrte Michael das kleine ledergebundene Buch wie einen Schatz auf. In der Nacht, als sie von ihren Eltern getrennt wurden, hatte ihr Vater es seinem Sohn auf die Bettdecke gelegt. In den Jahren, die folgten, hatte Michael das Zwergenhandbuch Dutzende Male gelesen. Es war, so wusste Kate, für Michael eine Möglichkeit, einem Vater nahe zu sein, an den er sich kaum erinnern konnte. Dadurch hatte er für alles, was Zwerge betraf, ein Faible entwickelt – was sich bei den Ereignissen in Cambridge Falls, als sie einem Zwergenkönig geholfen hatten, seinen Anspruch auf den Thron durchzusetzen, als äußerst nützlich erwiesen hatte. Für diese Unterstützung hatte Michael von König Robbie McLaur einen silbernen Orden bekommen und war zum Königlichen Wächter über alle Zwergentugenden ernannt worden. Mehr als einmal hatten Kate und Emma ihn dabei ertappt, wie er – den Orden an die Brust geheftet – sich im Spiegel betrachtete und dabei eine möglichst imposante Haltung einzunehmen versuchte. Kate hatte Emma beschworen, ihren Bruder deswegen nicht aufzuziehen, aber Emma hatte abgewunken und gemeint, das sei unter ihrer Würde.

»Also, wo haben wir es denn …?« Das Zwergenhandbuch war etwa so groß und so dick wie ein Gebetbuch. Der schwarze Ledereinband war abgewetzt und vernarbt. Michael blätterte es durch. »Oh, da ist die Geschichte über diese beiden Elfenprinzen, die einen Krieg angezettelt haben, weil sie sich nicht einigen konnten, wer von ihnen das schönere Haar hätte. Typisch Elfen! Wenn ich ein Elf wäre, würde ich vor Scham in den Boden versinken.«

»Ach, da ist es! Das Zitat von König Killin Killick … nein ehrlich, so hieß er wirklich! Es ist nicht etwa ein Spitzname, weil er so viele Leute gekillt hat – nun ja, das vielleicht auch –, aber es war trotzdem sein richtiger Name. Und er sagte einmal: Ein großer Anführer lebt nicht in seinem Herzen, sondern in seinem Kopf.« Michael klappte das Buch zu und lächelte. »Im Kopf, nicht im Herzen. Das ist der Punkt. Das muss sie lernen. Und zwar schleunigst.«

Nachdem Michael gesagt hatte, was zu sagen war, rückte er die Brille auf seiner Nase zurecht und schaute seine Schwester erwartungsvoll an.

Michael war ein Jahr älter als Emma. Genauer gesagt, fast ein Jahr. Was bedeutete, dass sie jedes Jahr ein paar Wochen lang gleich alt waren. Und das war für Michael immer die schlimmste Zeit des Jahres. Als Zweitältester von drei Geschwistern klammerte er sich an die Überlegenheit seiner kleinen Schwester gegenüber. Dass er und Emma oft für Zwillinge gehalten wurden, war dabei nicht besonders hilfreich. Sie hatten beide kastanienbraune Haare, dunkle Augen und die gleiche schmale Statur. Kate wusste, dass Michael eine Heidenangst hatte, Emma würde ihm eines Tages über den Kopf wachsen. Ihr war aufgefallen, dass Michael jedes Mal, wenn Emma ein Stück größer geworden war, sich besonders aufrecht hielt, als ob er der Meinung sei, dass er dadurch ein paar Zentimeter herausschinden könnte. Aber jedes Mal, wenn er so herumlief, fragte ihn Emma, ob er auf die Toilette musste, bis er es schließlich wieder sein ließ.

In fünf Tagen würde er dreizehn werden. Kate wusste genau, dass er es kaum erwarten konnte. Und weil er ihr dann nicht mehr so auf die Nerven gehen würde, konnte auch sie es kaum erwarten.

»Ich werde darüber nachdenken.«

Er nickte zufrieden. »Was hast du Dr. Pym geschrieben?«, wollte er wissen. »Ich habe gesehen, wie du einen Brief in den Baum gesteckt hast.«

Auf diese Art blieben sie mit dem Zauberer in Kontakt. Jeder Brief, der in den hohlen Baum gelegt wurde, kam im nächsten Moment bei ihm an. Das jedenfalls hatte er den Kindern weisgemacht. Aber weil sie seit ihrer Ankunft in Baltimore nichts mehr von ihm gehört hatten, fragte sich Kate allmählich, ob nicht alle Nachrichten, die sie ihm geschrieben hatte, noch ungelesen im Baum lagen.

Kate zuckte mit den Schultern. »Ich wollte wissen, wie lange wir noch hier bleiben müssen.«

»Wir sind schon fast acht Monate hier.«

»Ich weiß.«

»Sieben Monate und dreiundzwanzig Tage, um genau zu sein.«

Sieben Monate und dreiundzwanzig Tage, dachte Kate. Sieben Monate und dreiundzwanzig Tage, seit sie am Weihnachtsmorgen erwacht waren – gerade zurückgekehrt aus der Vergangenheit – und erfahren hatten, dass Dr. Pym und Gabriel in der Nacht zuvor das Haus verlassen hatten und es in Cambridge Falls nicht mehr sicher war.

Im Grunde genommen hatte das Kate nicht einmal überrascht. Seit sie und ihre Geschwister im Besitz des magischen Buches Emerald waren, mit dessen Hilfe man durch die Zeit reisen konnte, und seit sie wusste, dass sie drei dazu bestimmt waren, auch die beiden anderen legendären Bücher der Chroniken vom Anbeginn zu finden, war ihr klar: Man würde sie jagen.

Behutsam hatte Kate ihre beiden Geschwister an diesem Weihnachtsmorgen eingeweiht. Sie erzählte ihnen vom grässlichen Magnus, der sie brauchte, um an die Bücher zu kommen, und vor dessen Macht sich sogar Dr. Pym fürchtete.

Der Schnee war derweil vor dem Fenster lautlos zu Boden gefallen. Die Welt war still und weiß gewesen. Kate hatte sich zwingen müssen, weiterzusprechen.

»Und da ist noch etwas. Während der letzten zehn Jahre, in denen wir von Waisenhaus zu Waisenhaus gepilgert sind, hat der grässliche Magnus Mom und Dad gefangen gehalten. Es ist unsere Aufgabe, sie zu befreien. Aber dafür brauchen wir die Bücher.«

Am nächsten Tag hatten die Kinder gepackt, Kate hatte die Chronik der Zeit in ihre Tasche geschoben und gemeinsam waren sie nach Baltimore zurückgekehrt.

Jetzt, hier oben auf dem Hügel, eine warme Spätsommerbrise auf der Haut spürend, dachte Kate an das Buch Emerald. Am Ende ihres Abenteuers in Cambridge Falls hatte sie gelernt, die Chronik ihrem Willen zu unterwerfen. Sie wusste, wie sie sich selbst, Emma und Michael durch Zeit und Raum schicken konnte.

Wenn Dr. Pym nicht kommt, dachte Kate, kann ich sie mit Hilfe des Buchs retten.

»He, das hätte ich beinahe vergessen: Hast du gehört, was in St. Anselm passiert ist?«

Kates Kopf ruckte herum. »Was?«

»Ein paar Kinder haben darüber gesprochen. Letzte Nacht ist irgendeine Bande dort eingebrochen. Man sagt, dass Mr Swattley – kannst du dich noch an ihn erinnern? – nun, man sagt, er wurde ermordet. Heh … was ist denn los?«

Kate zitterte. St. Anselms war das Waisenhaus, in dem sie drei gelebt hatten, bevor sie erst hierher und anschließend zu Dr. Pym gekommen waren. Es war das Waisenhaus aus ihrem Traum.

»Michael?« Kate bemühte sich um eine feste Stimme. »Michael … kann ich auf dich zählen?«

»Wie meinst du das?«

»Wenn ich nicht hier wäre, könnte ich mich doch darauf verlassen, dass du auf Emma aufpasst, nicht wahr? Geduld mit ihr hast. Dass du der Anführer bist.«

»Kate …«

»Bitte versprich’s mir. Bitte.«

Es entstand eine lange Pause. Dann sagte Michael: »Natürlich, ich verspreche es.«

Sie wollte ihm gerade von ihrem Traum erzählen – von all ihren Träumen –, da sah sie, dass Michael an ihr vorbei zum Waldrand schaute. Sie folgte seinem Blick.

Den ganzen Sommer lang hatte es kaum geregnet. Fast jeden Tag schien die Sonne von einem wolkenlosen Himmel auf die Erde herab. Aber dort hinten, am Horizont, türmte sich ein wahres Gebirge aus schwarzen, dicken Wolken auf. Sie bewegten sich – kamen auf die Kinder zugerollt, wurden mit jeder Sekunde größer und dunkler. Es kam Kate so vor, als ob ein riesiger schwarzer Vorhang vor den Himmel gezogen würde. Sie wich zurück.

»Wir müssen Emma finden.«

Michael und Kate rannten den Hügel hinunter auf den asphaltierten Spielplatz. In einem gelben Zelt unter strahlend blauem Himmel nahm die Party von Miss Crumley ihren Lauf. Vom Wald rückte die schwarze Wolkenbank immer näher.

Michael blieb stehen.

»Was ist denn?«, fragte Kate. »Wir müssen zu …«

»Emma! Sie ist in Miss Crumleys Büro eingeschlossen! Weil sie die Eiscreme gestohlen hat. Wir brauchen den Schlüssel!«

Kate starrte ihn an und dachte fieberhaft nach. Der Feind hatte sie aufgespürt, daran gab es keinen Zweifel. Nur das Buch Emerald konnte sie jetzt noch retten. Aber es war versteckt …

»Kannst du den Schlüssel besorgen? Während ich die Chronik hole, machst du das?«

Michael wirkte wie erstarrt, die Selbstsicherheit der vergangenen Minuten wie weggeblasen.

»Michael!«

»J…ja«, stammelte er. »Ich hole den Schlüssel.«

»Wir treffen uns im Büro! Beeil dich!«

Kate drehte sich um und rannte auf das Haus zu.

Als sie durch die Tür gestürzt kam, sah sie, dass sich etliche Kinder an den Fenstern versammelt hatten und die näher kommenden Wolken bestaunten. Sie nahm sich nicht die Zeit, ihnen zu sagen, dass sie vom Fenster weggehen sollten. Wenn sie und ihre Geschwister erst fort waren, wäre auch die Gefahr für die anderen Kinder gebannt. Kate rannte durch die Eingangshalle zur Kellertreppe und stürmte, drei Stufen auf einmal nehmend, nach unten. Als sie im Edgar Allan Poe Waisenhaus ankamen, hatte Kate als Erstes das Buch Emerald in zwei dicke Plastiktüten gewickelt und war dann in den Keller geschlichen, während Michael und Emma Wache gestanden hatten. Mit einem Löffel, den sie aus dem Speisesaal stibitzt hatte, lockerte sie drei Backsteine in der Wand hinter der Heizung und versteckte das Buch Emerald dahinter.

Im Keller war keine Menschenseele. Kate holte den staubigen Löffel unter dem Heizkeller hervor und fing an, an den Backsteinen zu hebeln. Anfangs war sie regelmäßig hierher gekommen, meistens mitten in der Nacht, um sich zu vergewissern, dass die Chronik der Zeit noch immer sicher verwahrt war. Aber nun war sie seit zwei Monaten nicht mehr im Keller gewesen. Denn es war eine Tatsache, dass Kate die Gegenwart des Buches spüren konnte, egal wo sie sich aufhielt. Zwischen ihr und der Chronik bestand eine Verbindung; das Buch war ein Teil von ihr geworden. Als sie das schwere, in Plastikfolie gewickelte Päckchen aus der Nische zog, zitterten ihre Hände vor Erregung.

Im Sonnenlicht, das durch das gelbe Zeltdach fiel, sahen die etwa vierzig Gäste der Gartenparty aus, als litten sie an Malaria. Die Männer stolzierten in blauen Jacketts mit goldenen Knöpfen und aufgestickten roten Schildkröten auf den Brusttaschen umher, während die Damen lange, weit geschnittene Sommerkleider trugen und breitkrempige Hüte mit Blumenschmuck. Auf einem Tisch standen Schüsseln mit gelber Götterspeise und verschiedenen Eissorten, die sich bereits verflüssigten. Auf einem anderen waren Krüge mit Eistee und Limonade angerichtet worden. In einer Ecke saß ein Streichquartett und fiedelte lustlos daher. Die Musiker schwitzten sichtlich in ihren Fracks.

Michael entdeckte Miss Crumley inmitten der Gäste. Die Leiterin des Waisenhauses trug ein dottergelbes Kleid und unterhielt sich mit einer Frau, die den längsten und dünnsten Hals hatte, den Michael je gesehen hatte. Ihr Kopf sah aus, als säße er am Ende einer Nudel. Daneben stand ein kleiner, teigig wirkender Mann. Er hatte teigige Hände, teigige Wangen, und sogar die Speckrolle an seinem Nackenansatz hatte eine gewisse Schwammigkeit. Noch eine halbe Stunde im Ofen, dachte Michael unwillkürlich, und er ist durchgebacken.

Der Mann redete laut und gestikulierte dabei mit seiner Gabel. An der Art, wie Miss Crumley an seinen Lippen hing, erkannte Michael Mr Hartwell Weeks, den Präsidenten des Heimatvereins, in seiner ganzen Pracht.

»Historienspiele!«, rief er und schwenkte seine Gabel. »Historienspiele, meine liebe Miss Crummy …«

»Crumley«, verbesserte ihn die Leiterin des Waisenhauses.«

»… so zieht man die Massen an! Wenn Sie einsteigen wollen, brauchen Sie ein hochklassiges Historienspiel!«

»Ja, gewiss doch«, gurrte die Dame mit dem Nudelhals, deren Kopf hin und her schwankte.

»Was für ein Spiel?« Miss Crumley beugte sich vor. »Ich verstehe nicht.«

Michael trat hinter die Gruppe. Nervös umklammerte er den Riemen seiner Tasche. Wie sollte er sie bloß dazu bringen, dass sie ihm den Schlüssel zu ihrem Büro gab? Sollte er behaupten, es würde brennen? Oder das Waisenhaus stünde unter Wasser? Er musste sich etwas einfallen lassen!

»Ein Historienspiel! Suchen Sie sich ein historisches Ereignis aus und spielen Sie es nach! Machen Sie eine gute Show draus! Also, dieser Laden hier …« Der Mann schnickte mit der Gabel in Richtung des Waisenhauses und schleuderte dabei versehentlich ein Stück Käsekuchen auf den Hut einer Dame, die neben ihm stand. »Worin liegt die historische Bedeutung? Hmm? Was war hier los?«

»Nun, das Gebäude wurde 1845 errichtet …«

»Langweilig! Ich bin schon eingeschlafen!«

»Während des Bürgerkriegs diente es als Waffenfabrik …«

»Schon besser! Immer weiter, Crummy! Das ist der Stoff, aus dem Legenden sind!«

»Und es wurde von der Armee der Konföderierten angegriffen.«

»Ha! Bingo!«

»Oh ja!« Michael sah, dass sich Miss Crumley für die Idee erwärmte. Auf ihrer Oberlippe glitzerten Schweißtropfen. »Und stellen Sie sich vor: Diese Bestien haben mit Kanonenkugeln auf die Nordseite gefeuert! Da habe ich mein Büro! Was wäre geschehen, wenn ich mich dort aufgehalten hätte?«

Michael spürte eine kühle Brise im Nacken. Der Sturm kam immer näher. Kate hatte inzwischen bestimmt das Buch geholt. Er musste sich beeilen …

»Fantastisch!« Mr Hartwell Weeks krümmte sich leicht vor und breitete die Arme aus. »Ich sehe es genau vor mir! Die Schlacht um das Waisenhaus. Diese herzlosen Rebellen! Das Brüllen der Kanonen! Bumm! Bumm! Tote Waisenkinder liegen kreuz und quer auf dem Boden wie Konfetti! Das müssen Sie auf die Bühne bringen, Crummy …«

»Crumley, bitte. Aber damals war es noch gar kein Waisenhaus …«

»Lassen Sie sich doch von Details die Show nicht verderben! Wenn Sie die Schlacht inszenieren, nehmen wir Sie mit auf die Tourliste. Ich habe noch Südstaaten-Uniformen. Und für die Kanonen kann ich Ihnen einen guten Preis machen. Sie müssen lediglich für die toten Waisenkinder sorgen!«

»Ja, gewiss doch«, gluckste die nudelhalsige Dame.

»Natürlich keine echten toten Waisen. Wir sind ja keine Barbaren.«

»Miss Crumley«, meldete sich Michael zu Wort.

Die Leiterin des Waisenhauses hörte ihn nicht. Ihre Gedanken wanderten auf einem nachgestellten Schlachtfeld umher, das ihr Busladungen voll zahlender Touristen einbringen würde.

»Mr Weeks«, sagte sie und rieb sich die Hände, »kommen Ihnen zehn Dollar als Eintritt nicht ein bisschen wenig vor? Wären zwölf nicht angemessener?«

»Zwölf? Ha!« Der teigige Mann pikste sie mit seiner Gabel in den Bauch und entlockte ihr ein Kichern. »Sie sind von der hungrigen Sorge, stimmt’s? Also schön …«

»Miss Crumley!«

Die Gespräche ringsum verstummten. Michael sah, wie sich die Waisenhausleiterin versteifte. Die nudelhalsige Dame spähte zu ihm hinunter, wobei sich ihr Hals zu einem U verbog.

»Crummy«, dröhnte Mr Hartwell Weeks, »ich glaube, wir haben schon den ersten Freiwilligen! Na, wärst du gern ein totes Waisenkind?«

Miss Crumley wandte sich langsam um. Ihr Lächeln klebte noch auf ihrem Gesicht, aber ihre Augen verrieten den unbändigen Zorn, der sie gepackt hatte. Mit gepresster Stimme fragte sie: »Ja, mein Lieber?«

»Ich brauche den Schlüssel für Ihr Büro«, sagte Michael und rückte nervös seine Brille zurecht. »Es … es wird gleich was Schlimmes passieren.«

»Habt ihr das gehört?«, blökte Mr Weeks den Partygästen zu. »Etwas Schlimmes wird passieren! Was denn, mein Junge? Glaubst du etwa, die verdammten Rebellen werden wieder angreifen? Zum Henker, ich wünschte, sie würden es tun! Ich würde diesen Hundesöhnen mal gründlich in den Hintern treten! Ha! So etwa!« Er stieß seine Gabel in Richtung eines alten Mannes, der mit einem Rollator unterwegs war, und schrie: »Zurück in den Urwald, ihr Wilden!« Der alte Mann humpelte eilig davon.

Miss Crumley schob ihr Gesicht ganz nah an Michaels heran und senkte ihre Stimme, sodass nur er sie hören konnte.

»Hör mir zu, kleiner Teufel, du drehst dich jetzt schön brav um und marschierst wieder ins Haus. Hast du mich verstanden?«

»Nein, Sie haben nicht verstanden …«

»Ich sagte: Abmarsch!« Sie zischte jetzt mit zusammengekniffenen Augen. »Es sei denn, du möchtest deiner Schwester Gesellschaft leisten …«

Einer Frau wurde der wagenradgroße Hut vom Kopf geweht, der dann über den Rasen trudelte. Der Wind trug auch einen Stapel Servietten davon, die fein säuberlich auf dem Tisch gelegen hatten, erst eine, dann zwei und schließlich ein gutes Dutzend. Wie ein Vogelschwarm flatterten sie davon.

»Also ich muss schon sagen, Crummy«, sagte Mr Hartwell Weeks und deutete mit einem teigigen Finger nach oben. »Die Wolken da sehen gar nicht gut aus.«

Bei diesen Worten drehten sich viele Partygäste um, genau in dem Moment, als die Wolkenbank die Sonne auslöschte. Es war, als würde im Bruchteil einer Sekunde die Nacht anbrechen. Ein kollektives Aufkeuchen erklang, und Michaels Herz wurde schwer, als er sah, wie sich die Wolken immer dichter zusammenbrauten, wie eine stetig anwachsende Welle. Dann roch er Schwefel und sah gebannt eine graue Regenwand quer über den Spielplatz heranstürmen und alles auf ihrem Weg verschlingen. Mr Hartwell Weeks, der Schrecken der Konföderierten, kreischte auf: »Rennt um euer Leben!« Und dann brach das Chaos aus. Regen prasselte auf das Zelt. Michael wurde zu Boden gestoßen. Er versuchte, sich wieder aufzurappeln, während die Leiterin des Waisenhauses flehentlich rief: »Es ist doch nur ein Schauer! Das geht gleich vorbei! Bleiben Sie doch, es gibt noch Eiscreme!« Aber die Gäste rannten über den sumpfigen Rasen, der mit zertrampelten Damenhüten übersät war. Keiner achtete auf sie.

Michael war gerade wieder aufgestanden, als er am Arm gepackt und herumgerissen wurde.

»Das ist alles deine Schuld!« Miss Crumleys Haar glich einem tropfnassen Helm. Rinnsale aus grüner Wimperntusche flossen über ihre Wangen. Ihre Gäste waren fort, genauso wie die Musikanten, die eilig ihre Instrumente zusammengepackt hatten. »Ich weiß nicht, wie du es gemacht hast, aber ich weiß genau, dass es deine Schuld ist!«

Michael schoss der Gedanke durch den Kopf, dass die Frau ausnahmsweise einmal recht hatte. Aber noch ehe er ein Wort sagen konnte, fuhr ein Windstoß über den Rasen, riss das Zelt aus der Verankerung und hob es wie ein riesiges gelbes Segel in die Luft. In einem Anfall von Panik ließ Miss Crumley Michael los und packte eins der Seile, mit denen das Zelt befestigt gewesen war. In Sekundenschnelle wurde sie vom Boden und in die Höhe gerissen. Hin und wieder schrammten ihre Füße über das Gras, und ein paar Mal schlug sie hart auf, bis sie schließlich losließ und mit dem Gesicht in einer Pfütze landete.

Michael rannte zu ihr.

»Hilf mir auf!«, befahl die Frau. Sie war über und über mit Schlamm bespritzt, hatte beide Schuhe verloren, und ihr Kleid hing nur noch in Fetzen. »Hilf mir auf, du Bösewicht!«

»Es tut mir wirklich leid«, sagte Michael, griff in ihre Tasche und zog die Schlüssel heraus. »Ganz ehrlich.«

»Haltet den Dieb!« Miss Crumleys Kreischen verfolgte ihn bis zur Tür des Waisenhauses.

Drinnen herrschte heilloses Durcheinander. Kinder rannten kreuz und quer durch die Dunkelheit und schrien vor Entzücken über das unbändige Wetter.

»Michael!« Kate tauchte auf. Sie war außer Atem und ihre Augen waren schreckengeweitet. In ihren Armen hielt sie das Buch Emerald. Sie drückte es fest an die Brust, gab sich aber keine Mühe mehr, es vor neugierigen Blicken zu schützen.

»Hast du …?«

»Ja!«

Und in dem Moment, als Michael den Schlüsselbund in die Höhe hielt, erklang der erste Schrei. Er kam von draußen, noch ein ganzes Stück weit entfernt, aber er übertönte den Regen und den Wind und ließ jedes Kind im Haus zur Salzsäule erstarren. Michael schaute seine Schwester an. Sie beide wussten, wer diesen Schrei ausgestoßen hatte: ein Morum Cadi – ein Kreischer. Eins von den abstoßenden, untoten Geschöpfen, die sie schon in Cambridge Falls verfolgte hatten. Und als der Schrei durch das Haus hallte, empfand Michael wieder die gleiche erstickende Angst.

Es ist wahr, dachte er. Sie haben uns gefunden.

Das Kreischen erstarb. Die Kinder rührten sich wieder, aber die Furcht hatte sie gepackt und sie klammerten sich aneinander und weinten. Kate riss Michael die Schlüssel aus der Hand und rannte den Gang entlang.

»Komm mit!«, rief sie ihm zu.

Miss Crumleys Büro befand sich im Nordturm, am Ende einer steilen Wendeltreppe. Michael und Kate rannten durch die dichter werdende Dunkelheit hinauf. Oben angekommen hörten sie Emma, die gegen die verschlossene Tür hämmerte und brüllte: »Lasst mich raus! Lasst mich raus! Hilfe!«

»Emma!«, schrie Kate. »Wir sind’s! Wir holen dich da raus!«

Im Dämmerlicht tastete sie nach dem Schlüsselloch, und einen Moment später war die Tür offen und Emma, die Jüngste der Familie, ihre kleine Schwester, lag in ihren Armen.

»Alles klar?«, fragte Kate. »Bist du verletzt?«

»Nein, mir geht’s gut. Aber habt ihr den Schrei gehört?«

»Ja.« Kate trat in das Büro, zog Michael und Emma mit sich und schloss die Tür.

Miss Crumleys Büro war ein kleiner runder Raum mit vier Fenstern. In der Mitte des Raums standen ein Tisch und zwei Stühle und an einer Wand ein stählerner Aktenschrank und ein alter, schäbiger Kleiderschrank.

»Kate!«

Emma stand an einem der Fenster. Michael und Kate traten neben sie, gerade in dem Moment, als ein Blitz über den Himmel zuckte. Aus dem Wald traten drei Gestalten und hasteten über den asphaltierten Hof auf das Waisenhaus zu. Die Kinder erkannten die ruckartigen Bewegungen der Kreischer. Alle drei Ungeheuer hatten ihre Schwerter gezückt.

Mit kurzen Worten erläuterte Kate ihren Plan. Sie würde sie mit Hilfe des Buchs nach Cambridge Falls bringen. Sobald sie weg waren, würden die restlichen Kinder in Sicherheit sein.

»Schnell«, sagte Kate, »nehmt …«

Aber weiter kam sie nicht. Das Fenster zersplitterte, eine vermoderte, graugrüne Hand griff hinein und packte Kate am Arm. Emma schrie auf und klammerte sich an Kates anderen Arm, unter dem sie die Chronik der Zeit trug. Durch das zerbrochene Fenster sah Michael den schwarzen Kreischer, der am Fenstersims hing.

»Michael!«, schrie Emma. »Hilf mir doch!«

Michael sprang vor, packte Kate um die Taille und zog sie vom Fenster weg. Regen fegte durch die geborstene Fensterscheibe in den Raum. Michael glaubte schon, sie würden Erfolg haben und Kate von der Kreatur wegzerren können, aber als er aufblickte, sah er, dass der Kreischer Kate noch immer gepackt hielt und sich anschickte, ins Zimmer zu kriechen.

»Hört auf!«, schrie Kate. »Ihr zieht ihn bloß rein! Lasst mich los!«

»Was?« Michaels Gesicht war immer noch an ihrer Taille vergraben. »Nein! Dann …«

»Lasst los! Ich weiß, was ich tue. Jetzt macht schon!«

In ihrer Stimme lag eine solche Bestimmtheit, dass Michael und Emma sie unwillkürlich losließen. Der Oberkörper des Kreischers ragte durchs Fenster hinein und die Kreatur bohrte ihre Finger in Kates Unterarm. Ein Zischen drang aus seiner Kehle. Als Michael sah, wie Kate ein paar Finger zwischen die Seiten der Chronik schob, wusste er, was sie vorhatte.

Kate schaute Michael an.

»Denk dran«, sagte sie, »was auch geschieht: Pass auf Emma auf.«

»Aber …«

»Denk dran: Du hast es versprochen.«

Und dann waren Kate und der Kreischer verschwunden.

»Kate!«, schrie Emma. »Wo ist sie hin?«

»Sie … sie hat den Kreischer mit in die Vergangenheit genommen«, sagte Michael keuchend. »Wie die Gräfin. Sie hat ihn in die Vergangenheit mitgenommen, um ihn dort loszuwerden.«

Sein Herz hämmerte. Er musste sich mit einer Hand auf dem Schreibtisch abstützen.

»Aber warum ist sie nicht zurückgekommen?« Emmas Gesicht war nass, ob vom Regen oder ihren Tränen konnte Michael nicht sagen. Vermutlich von beidem. »Sie hätte doch sofort zurückkommen müssen!«

Emma hatte recht. Wenn Kates Plan funktioniert hätte und sie den Kreischer in der Vergangenheit hätte abschütteln können, wäre sie im nächsten Moment zurückgekehrt. Wo steckte sie nur?

Der Schrei eines weiteren Kreischers hallte zu ihnen hinauf, und sie hörten schwere Stiefelschritte auf der Treppe, die näher und näher kamen. Die Kinder wichen von der Tür zurück.

Michael hörte, wie Emma seinen Namen schrie.

Was sollte er tun? Was konnte er tun?

Dann flog die Tür auf und im Rahmen stand die schwarze, zerlumpte Gestalt eines Kreischers. Im selben Moment packten von hinten zwei Hände die Kinder.

»Und da wären wir auch schon.«

Sie traten in eine schmale Gasse, die zu beiden Seiten von im Zerfall begriffenen Mauern eingefasst war und zu einem verlassenen Platz führte. Hinter ihnen befand sich eine hohe Steinmauer mit einer Holztür. Durch diese Tür waren sie gekommen. Michael blickte über die Mauer hinweg und sah einen Olivenhain, der sich den Hügel hinaufzog. Der Himmel war leuchtend blau und die Luft heiß, trocken und still. Michael schaute zu seiner Schwester; Emma betrachtete genau wie er ihre Umgebung. Sie schien unverletzt zu sein. Wenigstens das.

Dann wandte sich Michael dem Mann neben ihnen zu.

Er war groß und dünn, hatte unordentliches Haar, trug einen abgewetzten Tweed-Anzug und eine dunkelgrüne Krawatte, die irgendwie angesengt aussah. Der Stiel einer alten Pfeife ragte aus der Tasche seines Jacketts und eine Brille mit einem verbogenen Schildpatt-Rahmen saß schief auf seiner Nase. Er sah noch genauso aus, wie Michael ihn in Erinnerung hatte.

Michael rückte seine eigene Brille zurecht, hüstelte und streckte die Hand aus.

»Danke, Sir. Sie haben uns das Leben gerettet.«

Dr. Stanislaus Pym nahm Michaels Hand und schüttelte sie.

»Aber mein Junge«, sagte der Zauberer, »das war doch selbstverständlich.«

Als der Kreischer durch die Tür in Miss Crumleys Büro gebrochen war, hatte Michael eine Hand auf seiner Schulter gespürt. Er war herumgewirbelt, in Erwartung, einen weiteren Morum Cadi zu sehen, der sich von hinten angeschlichen hatte. Aber die Hand auf seiner Schulter – und die auf Emmas – gehörte keinem Kreischer. Zu Michaels Überraschung hatte sich stattdessen Dr. Stanislaus Pym, seines Zeichens Zauberer, aus dem Kleiderschrank gelehnt, und noch bevor Michael ein Wort herausbekam, waren er und seine Schwester in den Schrank gezerrt worden. Hinter ihnen schlug die Tür zu. Michael befand sich in völliger Dunkelheit, eingequetscht zwischen dem Ellbogen des Zauberers und der Seitenwand des Schranks. Der Duft nach Dr. Pyms Tabak und der feuchte, säuerliche Geruch von Miss Crumleys Schuhen war ihm in die Nase gezogen. Hinter der Tür, in Miss Crumleys Büro, schleuderte der Kreischer die Möbelstücke beiseite, um schneller an den Schrank heranzukommen. Dann murmelte Dr. Pym: »Noch eine Drehung«, es ertönte ein scharfes Klicken, und als Michael schon glaubte, im nächsten Moment würde ein Schwert die Holztür des Schrankes durchbohren, hatte Dr. Pym die Tür aufgestoßen, und der Kreischer samt Miss Crumleys Büro waren verschwunden. An ihrer Stelle warteten vor der Tür Steinmauern, Olivenbäume, der blaue Himmel und herrliche Stille.

»Hört ihr beiden bitte mal mit dem Händeschütteln auf?!«, brüllte Emma. »Was ist denn bloß los mit euch?!«

Michael ließ die Hand des Zauberers los. »Ich wollte nur höflich sein.«

»Dr. Pym!« Emmas Stimme war schrill und verzweifelt. »Sie müssen zurück! Sie müssen Kate finden! Sie …«

» … hat die Chronik der Zeit benutzt. Ich weiß. Erzählt mir genau, was passiert ist.«

Mit so wenigen Worten wie möglich berichteten Michael und Emma, was geschehen war.

»Sie hat vermutlich versucht, den Kreischer in die Vergangenheit zu bringen«, sagte Michael. »Aber sie ist nicht zurückgekommen.«

»Wir müssen sie finden!«, verlangte Emma. »Aber schnell!«

»Ja, gewiss«, sagte der Zauberer. »Wenn ihr jetzt bitte geradeaus gehen würdet. Auf der anderen Seite der Piazza ist ein Café. Wartet dort auf mich.«

»Dr. Pym«, ließ sich Michael nun vernehmen. »Wo sind wir eigentlich?«

»In Italien«, lautete die Antwort.

Und damit drehte sich der Zauberer um, zog einen verzierten goldenen Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn in das Schlüsselloch, trat durch die Tür auf die andere Seite der Mauer und zog sie hinter sich zu. Michael war verwirrt. Wohin war Miss Crumleys Schrank verschwunden? Wie kamen sie plötzlich nach Italien? Wo wollte Dr. Pym jetzt wieder hin? Neugierig ging Michael zu der Tür, lauschte einen Moment und öffnete sie dann.

Er sah in das gleichgültige Gesicht einer Ziege.

»Er wird sie finden.« Emma hatte sich nicht vom Fleck gerührt, die Arme um sich geschlungen, als ob sie sonst jeden Moment auseinanderfallen würde. »Dr. Pym wird sie finden.«

Michael sagte nichts.

Gemeinsam gingen sie schweigend durch die Gasse. Auf der Piazza angekommen, sah Michael, dass sie sich in einem winzig kleinen am Hang liegenden Dorf befanden. Links von ihnen ragte eine Kirche auf. Ein weißer Hund trippelte vorbei. Gegenüber, auf der anderen Seite der Piazza, befand sich das Café. Unter einer roten Markise standen zwei Tische, an denen niemand saß.

Vor der Tür hing ein bunter Perlenvorhang, und die Kinder gingen hindurch in einen hellen, mit Fliesen ausgelegten Raum, dessen Wände aus rauem Stein bestand, als wäre er aus dem nackten Fels geschlagen worden. Das Café war gut besucht, etwa die Hälfte der Tische besetzt, hauptsächlich von älteren Männern und Frauen. Die Bedienung war eine Frau mit einem verwaschenen grünen Kleid unter einer weißen Schürze. Ihre schwarzen Haare, die von grauen Strähnen durchzogen waren, hatte sie am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengefasst. Sie war kleiner als Michael, sogar kleiner als Emma, und sie sauste herum wie eine Hummel, summte hierhin und dorthin, stellte Wein- und Wasserflaschen auf Tische und räumte das Geschirr ab. Als sie die Kinder bemerkte, scheuchte sie die beiden zu einem Tisch und überschüttete sie mit einem italienischen Wortschwall. Ohne etwas bestellt zu haben, bekamen sie eine Flasche mit Limonade und zwei Gläser.

»Alles wird gut«, sagte Michael. »Kate kommt schon klar.«

Emma gab keine Antwort. Ihr Gesicht war starr vor Sorge. Aber sie streckte den Arm aus und nahm Michaels Hand.

Die Kinder saßen fast eine Stunde da und warteten. Die Kohlensäure sprudelte leise aus ihrer Limonade. Die Gäste kamen und gingen. Die Männer waren hager und hatten zerfurchte und kantige Gesichter. Sie trugen altmodische, abgewetzte Anzüge, weiße Hemden und staubige schwarze Hüte. Sie sahen aus, als hätten sie ihr ganzes Leben im Freien verbracht, während die Hände der schwarzhaarigen und schwarzäugigen Frauen von der schweren Arbeit dick und knotig geworden waren. Die winzige Frau im grünen Kleid hatte sie alle im Griff. Sie schob ihnen Stühle unter den Allerwertesten, schaffte Essen und Wein herbei, auch wenn sie gar nichts bestellten. Und Michael sah, dass die Gäste sie liebten. Je mehr die kleine Frau schimpfte und herumsauste, desto lauter das Gelächter und die fröhlichen Gespräche.

Dieser Ort ist ein guter Ort, dachte Michael. Eine Zuflucht. Er verstand, warum der Zauberer sie hierher gebracht hatte.

Plötzlich sprang Emma auf, und als Michael sich umdrehte, teilte sich der Perlenvorhang und Dr. Pym trat ein.

Michael fühlte, wie sich sein Herz verkrampfte. Der Zauberer war allein.

Dr. Pym setzte sich auf einen Stuhl.

»Ihr werdet euch freuen zu hören, dass die Morum Cadi dem Waisenhaus den Rücken gekehrt haben und dass weder Miss Crumley noch den Kindern ein Leid geschehen ist.«

»Und?«, rief Emma. »Wo ist Kate? Sie sagten doch, Sie würden sie finden!«

Die Gespräche ringsum verstummten. Die alten Männer und Frauen schauten zu ihnen hinüber.

Der Zauberer seufzte. »Ich konnte sie nicht finden. Es tut mir leid.«

Michael packte die Holzkante des Tischs und holte mehrmals tief Atem.

»Dann haben Sie nicht gründlich genug gesucht!« Emmas Stimme war nun das Einzige, was in dem Restaurant zu hören war. Es herrschte Totenstille. »Vielleicht ist sie gar nicht im Waisenhaus! Sie müssen weitersuchen! Wir kommen mit! Na los doch!«

Sie wollte den Zauberer von seinem Stuhl hochzerren.

»Emma«, sagte der alte Mann mit leiser Stimme. »Katherine ist nicht in die Gegenwart zurückgekehrt. Nicht in Baltimore und auch sonst nirgends.«

»Das wissen Sie doch gar nicht!«

»Doch, das weiß ich. Jetzt setz dich bitte wieder hin. Die Leute schauen schon her.«

Widerstrebend ließ Emma seinen Arm los und sank auf ihren Stuhl zurück. An den anderen Tischen setzten die Gespräche wieder ein. Die kleine Frau kam herbeigesaust, stellte ein Glas Rotwein vor den Zauberer und schoss dann wieder davon.

»Wir müssen logisch an die Situation herangehen«, sagte Dr. Pym mit gesenkter Stimme. »Nehmen wir einmal an, dass Katherine mit Hilfe der Chronik in die Vergangenheit gereist ist und sich dort der üblen Kreatur entledigen konnte. Warum ist sie nicht gleich wieder zurückgekehrt? Vielleicht hat etwas oder jemand sie aufgehalten …«

Emma hieb mit der Faust auf den Tisch. »Also müssen wir ihr helfen! Das sage ich doch die ganze Zeit! Wir müssen was unternehmen!«

»Emma hat recht«, nickte Michael. »Wir brauchen einen Plan. Wir …«

»Ihr müsst begreifen«, sagte der Zauberer und beugte sich vor, »dass ihr rein gar nichts unternehmen könnt, wenn eure Schwester in der Vergangenheit gefangen ist. Ihr nicht und ich auch nicht. Niemand. Sie ist außerhalb unserer Reichweite. Das ist eine Tatsache, die ihr akzeptieren müsst.«

Michael und Emma wollten etwas sagen, aber es fiel ihnen absolut nichts ein. Die Endgültigkeit der Worte des Zauberers und die sachliche und bestimmte Art, mit der er sie vorbrachte, machten sie sprachlos.

»Andererseits«, und damit nahm Dr. Pym wieder seine übliche vertraueneinflößende Haltung ein, »glaube ich nicht, dass das passiert ist. Eure Schwester ist eine der bemerkenswertesten Personen, die mir je begegnet sind – und wenn man bedenkt, wie lange ich schon lebe, könnt ihr euch vorstellen, was das bedeutet. Egal, mit welchen Hindernissen und Gefahren sie auch konfrontiert ist, wenn es einen Weg gibt, zu euch zurückzukehren, dann wird sie ihn finden.«

»Aber …« In Emmas Augen standen die Tränen und sie verschränkte die Finger ineinander, damit sie nicht so zitterten, »aber warum ist sie dann nicht zurückgekommen?«

Der Zauberer lächelte. »Meine Liebe, woher willst du das denn wissen?«

»Aber … Sie haben doch gerade gesagt!«

»Aha!«, rief Michael aus.

Dr. Pym und Emma schauten ihn an.

»Du weißt, was ich sagen will?«, erkundigte sich der Zauberer.

»Na ja … nicht direkt«, lenkte Michael ein. »Aber ich hatte so das Gefühl, dass … Verzeihung.«

»Ich möchte euch das Wesen der Zeit erklären.« Der alte Mann tauchte seinen Zeigefinger in das Weinglas und kleckste eine Linie aus wässrig roten Punkten auf die Tischplatte. »Ihr dürft euch die Zeit nicht als eine Straße vorstellen, die sich vor uns erstreckt. Es ist eher so, dass jede nur erdenkliche Zeit – die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft – bereits existiert. Sagen wir mal, wir sind hier.« Er deutet auf einen Punkt in der Mitte der Linie. »Und eure Schwester ist hier, in der Vergangenheit.« Sein Finger fuhr ein Stück die Linie nach hinten. »Sie beschließt, unser Hier und Jetzt zu überspringen und … hier zu landen, in der Zukunft.« Damit deutete er auf einen Punkt am anderen Ende der Linie. »Dann müssen wir einfach nur vorwärtsgehen und abwarten. Irgendwann werden wir sie treffen.«

»Sie meinen«, sagte Michael, »dass sie irgendwann morgen plötzlich auftaucht?«

»Morgen, übermorgen, nächste Woche – wann genau, weiß niemand.«

»Aber warum sollte sie das tun?«, wollte Emma wissen. »Warum ist sie nicht einfach gleich wieder zurückgekommen?«

Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Wer weiß? Wir werden sie fragen müssen, wenn wir sie treffen. Bis dahin müsst ihr euch auf eure eigene Aufgabe konzentrieren. Das wäre auch Katherines Wunsch.«

Michael sah, dass Emma nickte. Der Zauberer hatte ihr einen Strohhalm gereicht und Emma packte ihn hoffnungsvoll mit beiden Händen. Er dagegen hatte Mühe mit der Vorstellung, dass Kate irgendwo in der Zukunft auf sie wartete. Er wollte daran glauben, wollte es von ganzem Herzen. Aber wenn Dr. Pym sich nun irrte? Wenn Kate nie mehr zurückkam? Er sah mit einem Mal sein Leben vor sich liegen, ein Leben ohne seine Schwester. Es war ein dunkler Weg.

Er trank einen Schluck und schob dann das Glas beiseite. Die Limonade schmeckte schal.

Dr. Pym schaute auf die Uhr und schlug vor, zu Abend zu essen. Er sprach mit der kleinen Frau, die er Signora nannte, auf Italienisch, während sich Emma im Restaurant umschaute und die Leute betrachtete. »Guck dir die an!«, sagte sie. »Und dieser kahlköpfige Kerl da drüben!«

Es war erstaunlich, dachte Michael, wie schnell Emma die Behauptung des Zauberers akzeptiert hatte. Sie glaubte fest daran, dass Kate in die Zukunft gesprungen war und sie nur vorangehen mussten, um sie wiederzufinden. Eine andere Möglichkeit gab es für sie nicht mehr.

Wie schön, wenn man so jung ist, dachte Michael und seufzte wehmütig.

Als das Essen aufgetragen wurde – Nudeln mit Würstchen und Erbsen, ein Salat aus roten und gelben Tomaten mit Scheiben aus weichem, weißem Käse und Basilikumstreifen oben drauf und eine Pizza mit Zwiebeln, Knoblauch und winzigen Fischen, die Emma herunterpulte und ihrem Bruder auf den Teller legte – gab sich Michael den Anschein, als würde er herzhaft zugreifen, aber jeder Bissen kostete ihn große Mühe.

»So«, sagte der Zauberer und rollte seine Pizza zusammen wie einen Pfannkuchen, »nun möchte ich mich erst einmal entschuldigen, dass ich keinen eurer Briefe beantwortet habe. Aber jetzt sind wir ja wieder zusammen, und ich möchte alles wissen, was seit Weihnachten passiert ist, alles, was ihr mir nicht in euren Briefen erzählt habt. Ich bin ganz Ohr.«

Die Kinder protestierten und verlangten, dass er zuerst ihre Fragen beantworten solle, aber der Zauberer bestand darauf, und schließlich gaben sie nach und erzählten ihm von ihren schlimmen Tagen und Nächten im Waisenhaus, von Miss Crumleys Kaltherzigkeit, von den Wildkatzen, die während des Sommers immer weniger wurden, und von den merkwürdigen Fleischeintöpfen, die der Koch servierte, über die Woche im Juli, als die Dusche kaputt war und sich die Leute noch am anderen Ende der Straße über den Gestank beschwerten. Eine Geschichte führte zur nächsten, und als sie fertig waren, merkte Michael, dass seine Schultern und sein Nacken nicht mehr ganz so verkrampft waren. Er hatte zwei Teller mit Nudeln gegessen und die Welt sah nicht mehr ganz so düster aus. Es musste ihm niemand sagen, dass der Zauberer genau dies beabsichtigt hatte.

»Wie ganz und gar entsetzlich!«, kommentierte Dr. Pym ihre Erzählung. »So, und jetzt habt ihr vermutlich ein paar Fragen an mich.«

»Oh ja«, sagte Emma mit vollem Mund. »Wo waren Sie die ganze Zeit? Wo ist Gabriel? Warum sind Sie Weihnachten so plötzlich aufgebrochen? Wer ist dieser blöde Magnus-Kerl? Und wo hält er unsere Eltern gefangen?«

»Und was tun wir hier?«, ergänzte Michael.

»Du meine Güte, das ist ja eine ganze Sintflut von Fragen! Aber ich werde die letzte zuerst beantworten. – Oje!« Der Zauberer hatte in ein dickes Gebäckstück gebissen, das mit Sahne gefüllt war, und ein großer Klecks davon war auf seiner Krawatte gelandet. Er blickte sich suchend nach seiner Serviette um – die direkt vor ihm lag – fand sie nicht und wischte die Sahne mit dem Zeigefinger ab, den er daraufhin genüsslich ableckte.

»Wir befinden uns hier in dem hübschen Dörfchen Castel del Monte«, sagte er dann, »weil wir hier mit jemandem verabredet sind. Ich war gerade auf dem Weg hierher, als ich einen Brief eurer Schwester erhielt.«

»Das war der von heute!«, sagte Michael. »Was steht drin?«

»Dazu komme ich später. Jedenfalls habe ich umgehend den Kurs in Richtung Baltimore geändert. Es schien mir das Einfachste zu sein, euch mit hierher zu bringen. Was Gabriel betrifft: Er ist auf einer Mission, in meinem Auftrag. Es ist dieselbe Mission, die uns Weihnachten so überstürzt zur Abreise zwang. Im Augenblick möchte ich nicht mehr dazu sagen.«

»So eine Überraschung!«, sagte Emma sarkastisch. »He, kriegen wir noch mehr von diesen Sahneschnitten? Sie haben die eine nämlich ganz allein aufgegessen.«

Bevor Dr. Pym die Hand heben und eine Bestellung aufgeben konnte, stellte die Signora einen Teller mit einer Sahneschnitte vor Emma hin.

»Was ist mit unseren Eltern?«, fragte Michael. »Haben Sie herausgefunden, wo sie gefangen gehalten werden?«

»Nein«, antwortete der Zauberer, »zu meinem Bedauern nicht.«

Schweigen senkte sich über die kleine Gruppe. Irgendwann fing draußen auf der Piazza eine Glocke an zu läuten. Dr. Pym klatschte in die Hände.

»Das ist unser Stichwort. Alle anderen Fragen müssen warten.«

Er winkte der kleinen Signora und sagte etwas zu ihr auf Italienisch. Michael schaute derweil in seiner Tasche nach, ob er auch alles dabeihatte. Er sorgte stets dafür, dass die Tasche für alle Fälle fertig gepackt war, und ihn überkam ein warmes Gefühl der Zufriedenheit, als er alles an seinem Platz sah: das Zwergenhandbuch, König Robbies Orden, der ihn, Michael, als Wächter der Zwergentugenden auswies, sein Notizbuch und die Stifte, ein Taschenmesser, ein Kompass, eine Kamera und Kaugummis.

Plötzlich gab es ein ohrenbetäubendes Krachen, und als Michael aufblickte, sah er, dass die Signora einen großen Teller mit Nudeln und Tomatensoße hatte fallen lassen. Sie gestikulierte zu Michael und Emma und stieß einen Schwall italienischer Worte hervor, die augenscheinlich an Dr. Pym gerichtet waren. Der Zauberer antwortete ihr und die Frau bekreuzigte sich mehrmals schnell hintereinander. Im Restaurant war es totenstill geworden.

»Was ist los?«, fragte Emma im Flüsterton.

Michael zuckte ratlos mit den Schultern.

»Kinder«, sagte Dr. Pym und legte ein paar Geldscheine auf den Tisch. »Wir müssen gehen.«

Alle Blicke folgten ihnen bis zur Tür. Die Piazza war menschenleer, nur der weiße Hund streunte noch herum, und selbst er schien sie misstrauisch zu beäugen. Die untergehende Sonne tauchte die Welt in ein weiches, bernsteinfarbenes Licht. »Hier entlang«, sagte Dr. Pym und ging mit schnellen Schritten die Hauptstraße entlang. Nach ein paar Hundert Metern war das Dorf zu Ende. Dr. Pym wandte sich den Hügel hinauf und führte die Kinder durch ein Tor in einen Olivenhain. Der Boden war trocken, felsig und steil.

»Dr. Pym«, keuchte Emma. »Was war da eben los? Was ist hier los?«

»Ich sagte euch doch, dass ich einen Mann aufsuchen will. Was ich euch nicht sagte, ist, dass ich seit beinahe zehn Jahren nach ihm gesucht habe. Erst kürzlich habe ich seine Spur gefunden und sie führte in dieses Dorf. Ich habe die Signora nach dem Weg zu seinem Haus gefragt.«

»Und deshalb hat sie den Teller fallen gelassen?«

»Ja. Es scheint, dass er von den Einheimischen für eine Art Teufel gehalten wird. Oder vielleicht auch als der Teufel höchstpersönlich. Die Signora war ein bisschen durcheinander.«

»Ist er gefährlich?«, erkundigte sich Michael. Dann fügte er hinzu: »Ich bin doch jetzt der Älteste und damit verantwortlich für Emmas Sicherheit.«

»Oh bitte!«, stöhnte Emma.

»Ich würde nicht behaupten, dass er gefährlich ist«, erklärte der Zauberer. »Jedenfalls nicht sehr.«

Sie stiegen weiter hügelan, wobei sie einem schmalen, gewundenen Pfad folgten. In der Ferne hörten sie Ziegen blöken, und die Glocken, die sie um den Hals trugen, klangen gedämpft und melancholisch in der Stille. Trockene Grashalme zerkratzten den Kindern die Beine. Das Licht wurde schwächer, und es dauerte nicht lange, da konnte Michael das Dorf hinter sich nicht mehr erkennen. Der Pfad endete an einer fast völlig zusammengebrochenen Steinmauer. Daran war ein Stück Holz befestigt auf dem in schwarzer Farbe etwas geschrieben stand.

»Was steht da?«, fragte Emma.

»Da steht«, sagte der Zauberer und beugte sich vor, um besser lesen zu können, »Sehr geehrte Schwachköpfe – oh Gott, was für eine Einleitung! –, noch einen Schritt weiter und ihr betretet Privatbesitz. Unbefugte werden erschossen, gehängt, zu Brei geprügelt und noch einmal erschossen. Die Krähen werden euch die Augen auspicken, eure Leber wird auf dem offenen Feuer geröstet – herrje, das ist ja ekelhaft, und es geht noch eine ganze Weile so weiter …« Sein Blick wanderte zum Ende der Holztafel. »Also kehrt um, wenn ihr noch Grips im Hirn habt. Mit freundlichen Grüßen, der Teufel von Castel del Monte.« Dr. Pym richtete sich auf. »Nicht gerade einladend, nicht wahr? Na los, weiter geht’s!«

Und damit kletterte er über die Mauer.

Michael überlegte gerade, ob es nicht klüger wäre, vorher anzurufen, aber Emma sprang schon auf der anderen Seite der Mauer herunter, und er beeilte sich, ihr zu folgen. Sie waren gerade einmal zehn Meter weit gekommen, als ein Krachen ertönte und etwas durch das Laub über ihren Köpfen zischte. Michael und Emma ließen sich flach zu Boden fallen.

»Wisst ihr was?« Dr. Pym war stehen geblieben, machte aber keine Anstalten, sich zu ducken. »Ich glaube, er hat gerade auf uns geschossen.«

»Echt?«, ließ sich Emma von unten vernehmen. »Was Sie nicht sagen!«

Ein weiteres Krachen ertönte und von einem nahe gelegenen Baum splitterte Rinde ab.

Eine Stimme brüllte etwas auf Italienisch.

»Also wirklich«, sagte Dr. Pym. »Das ist doch lächerlich!« Er hob seine Stimme. »Hugo! Würdest du bitte aufhören, uns zu beschießen? Das ist wirklich sehr lästig!«

Eine Weile herrschte Stille.

Dann rief die Stimme auf Englisch: »Wer ist da?«

Vorsichtig hob Michael den Kopf und blickte den Hügel hinauf. Oben zwischen den Bäumen stand ein kleines Steinhaus, aber den Mann, der geschossen hatte, sah er nicht.

»Ich bin es – Stanislaus Pym! Hugo, ich möchte mit dir reden!«

Ein raues Gelächter war die Antwort. »Pym? Du Trottel! Kannst du nicht lesen? Unbefugte werden erschossen! Jetzt mach kehrt, marsch, marsch, und befördere deinen Kadaver von meinem Grund und Boden, bevor ich der Welt einen Gefallen tue und eine Kugel durch die Hafergrütze jage, die du Gehirn nennst! Ha!«

»Hugo«, sagte der Zauberer, als würde er mit einem unartigen Kind sprechen. »Glaubst du wirklich, ich hätte den weiten Weg unternommen, nur um wieder umzukehren? Ich komme jetzt rauf.«

Michael glaubte, ein wütendes Gemurmel zu hören.

»Hugo?«

Ein Wutgebrüll ertönte, und dann: »Also gut, komm rauf, mach schon! Ich wusste ja schon immer, dass es bei deinen beschränkten geistigen Fähigkeiten zu viel verlangt ist, von dir Respekt vor dem Privatbesitz anderer Leute zu verlangen!«

Dann ertönte ein Geräusch, als ob jemand einen Baumstamm mit Fußtritten malträtierte.

Dr. Pym schaute die Kinder an. »Jetzt besteht keine Gefahr mehr.«

»Sind Sie sicher?«, fragte Michael.

»Ähm, vielleicht sollten Sie vorgehen«, schlug Emma vor.

»Das ist nicht nötig. Vertraut mir.«

Die Kinder standen auf und wischten sich Staub und Holzstückchen von Armen und Beinen. Es waren noch einmal fünfzig Meter bis zu dem Steinhäuschen, aber der Mann kam erst zum Vorschein, als sie nur noch zehn Schritte von der Tür entfernt waren. Dann trat er plötzlich hinter einem Karren hervor, der auf der Seite lag. Seine Erscheinung war in jeder Beziehung merkwürdig. Er war klein und hatte ein breites Gesicht. Seine Kleidung war verblichen und ausgefranst vom vielen Waschen. Die seit Langem nicht mehr gestutzten schwarzen Haare und der Bart rahmten wild und unbändig sein Gesicht. Dicke Brauen beschatteten die Augen, aber was die Kinder in diesen lasen, war unmissverständlich: Dieser Mann würde sich mit der ganzen Welt anlegen, falls nötig. Er hatte das Gewehr in der linken Hand.

»Stanislaus Pym«, schnaubte der Mann höhnisch. »Das muss mein Glückstag sein. Ich bin überrascht, dass du bloß zehn Jahre brauchtest, um mich zu finden. Wahrscheinlich hattest du Hilfe.«

»Du hättest nicht untertauchen sollen, Hugo. Dadurch ist alles noch viel komplizierter geworden.«

»Und du solltest dich nicht so benehmen wie ein aufgeplatztes Furunkel! Aber die Welt ist nun einmal nicht vollkommen.«

Damit wandte er sich um und stapfte durch die Tür ins Haus. Dr. Pym und Emma folgten. Sobald sie eingetreten war, hielt sich Emma die Nase zu. Der Gestank war überwältigend. Michael kam als Letzter herein. Er blieb im Türrahmen stehen. Direkt neben dem Eingang befand sich eine alte Holztruhe, auf der ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Bild stand. Das Foto zeigte zwei Männer in langen schwarzen Roben vor einem Backsteingebäude. Der größere der beiden war gut und gerne zehn oder noch mehr Jahre jünger als der andere. Er hielt etwas in der Hand, was wie ein zusammengerolltes Diplom aussah. Er trug eine Brille mit einem Metallrahmen und seine Hand lag auf der Schulter des zweiten Mannes, eines kleinen, korpulenten Kerls mit wilden schwarzen Haaren. Es war unverkennbar, dass es sich bei dem Schwarzhaarigen um den Teufel von Castel del Monte handelte.