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Kirah hatte noch nie einen Freund. Ihre Klassenkameradinnen behaupten, das läge daran, dass sie so dick und dumm ist. Dabei ist Kirah gar nicht dumm. Einen Freund hat sie aber trotzdem nicht. Dann lernt sie ihre große Liebe kennen. Tim. Sie begegnet ihm zwar nie in Wirklichkeit, sondern nur in der virtuellen Realität „Das Camp“, doch das tut ihrem Glück keinen Abbruch. Einige Wochen schwebt Kirah im 7. Himmel. Für Tim ist sie bereit, sich mit ihrer Mutter zu streiten, der sie bisher stets widerspruchslos gehorcht hat. Für Tim ist sie auch bereit, die Schule zu vernachlässigen. Für Tim ist sie einfach zu allem bereit. Dann ist Tim plötzlich verschwunden und Kirahs Leben verwandelt sich in einen Albtraum.
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Veröffentlichungsjahr: 2016
„Wer hat denn die eingeladen?“
Monikas Worte waren so laut, dass sie im ganzen Saal zu hören waren. Gehässiges Kichern folgte, und mehr als ein Augenpaar heftete sich auf Kirah.
Kirah Bulkowski tat, als ob sie nichts gehört hätte, doch ihr Gesicht begann verräterisch zu brennen. Obwohl sie sich immer wieder vornahm, die Gemeinheiten ihrer Klassenkameradinnen zu ignorieren, stieg ihr die Röte trotzdem jedes Mal bis zum Haaransatz, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Wenn sie jetzt versucht hätte, etwas zu erwidern, hätte sie sich bei jedem Wort verhaspelt und wahrscheinlich angefangen zu heulen. Hastig strebte sie der Toilette zu und hörte, wie einige Mädchen hinter ihrem Rücken zu tuscheln begannen.
„Die hat mir gerade noch gefehlt“, hörte sie Beate sagen.
„Die“ wurde sie von allen aus ihrer Klasse genannt, als ob sie keinen Namen hätte.
„Und wer hat die nun eingeladen?“
Die Toilettentür klappte hinter Kirah zu, und sie stieß in der folgenden Stille einen Seufzer aus. Wieso hatte sie sich nur von Ulla überreden lassen, ins Jugendheim zu gehen? Sie wusste doch, dass die anderen sie hassten. Warum gab sie Ulla immer wieder nach?
Sie kannte die Antwort natürlich: Weil Ulla ihre einzige Freundin war, das einzige Mädchen in der Schule, das sich mit ihr abgab. Alle anderen mieden sie. Deshalb tat sie meistens, worum Ulla sie bat.
„Wenn Blödheit ansteckend wäre“, hatte Monika schon einmal mit einem vielsagenden Blick auf sie bemerkt und allgemeines Gelächter geerntet, „dann würden wir alle in der Klapse landen.“
Kirah hielt sich nicht für blöd. Aber sie hätte trotzdem nicht kommen dürfen.
Sie blickte sich um. Die Toilette war kein besonders gutes Versteck. Jeden Augenblick konnte eines der Mädchen hereinkommen, und selbst, wenn sie sich in einer der Kabinen verbarg, würde sie keine Ruhe haben. Außerdem hatte sie keine Lust, den Abend auf der Toilette zu verbringen, auch nicht, wenn die anderen nicht gewusst hätten, dass sie sich hier versteckte.
Sie wussten es aber.
Es gab nur eine Möglichkeit: Sie musste wieder gehen. Doch um das zu tun, musste Kirah erneut den Tanzsaal durchqueren, und das wollte sie auf keinen Fall.
Lieber würde sie sterben.
Ihre Überlegungen wurden für einen Moment unterbrochen, als sie ihr Gesicht im Spiegel sah. Sie sah nur ihr Gesicht, denn sie war sehr klein. Klein und rundlich. „Fett“ hatte Monika vor einigen Tagen gesagt.
Kirah fand sich nicht fett. Klar, sie war nicht so dünn („schlank“, hörte sie das Teufelchen, dass so viele ihrer Gedanken kommentierte, in ihrem Kopf flüstern) wie die anderen Mädchen. Sie hatte mehr Busen, viel mehr, und ihre Hüften waren breiter.
Okay, ihr Hintern war vielleicht etwas zu dick. Und da waren auch Fettpolster an ihrer Taille, aber nur ganz kleine.
Babyspeck sagte ihre Mutter, der irgendwann von selbst verschwinden würde.
Und ihr Gesicht?
Kirah betrachtete sich im Spiegel. Ihr Gesicht, immer noch leicht gerötet und ihre Augen von zurückgehaltenen Tränen glänzend, war rund („ein Vollmondgesicht“), aber nicht hässlich. Ihre Nase war zu klein und ihre Lippen zu voll, aber sie hatte schöne, dunkelbraune Augen, die sie mit Kajal betonte, und herrliches, glänzendes, kastanienbraunes Haar, das ihr wie ein Vorhang über den Rücken fiel.
Kirah hätte gern geglaubt, dass die anderen sie nur hassten, weil sie die Beste in der Klasse war („Streberin“), aber das stimmte nicht. Sie hassten sie, weil sie anders war. Weil sie nicht rauchte. Weil sie schlecht in Sport war. Weil sie lieber las, als auf Partys zu gehen. Weil sie nicht modisch gekleidet war. Sie tat wirklich ihr Bestes, aber ihre Mutter erlaubte ihr einfach nicht, die knappen, nur bis zur Hüfte reichenden Hosen und die bauchfreien Oberteile zu tragen. Zu Recht, wie Kirah zugeben musste. Sie hätte entsetzlich darin ausgesehen.
Und Tangas mochte sie auch nicht.
Aufbrandende Musik ließ sie zusammenzucken. Sie hatte keine Zeit, hier herumzustehen und über ihr Aussehen nachzudenken. Bald würden ein paar Mädchen hereinkommen, und dann würde alles von vorn losgehen. Sie musste weg.
Aber wie?
Erneut sah sie sich um. Außer der Tür gab es nur einen weiteren möglichen Ausgang, und das war das Fenster. Eigentlich war es groß genug. Problematisch war nur, dass es etwa 1,40 m über dem Boden lag.
Kirah reckte sich nach dem Riegel. Es gelang ihr gerade so, ihn mit den Fingern zu erreichen. Um ihn zu öffnen, musste sie auf den Zehenspitzen balancieren.
Er klemmte. Herrje, musste denn alles schiefgehen? Und wenn sie das Fenster jetzt nicht aufbekam?
Sie reckte sich noch höher, ignorierte das Ziehen in den überstrapazierten Zehen und den Schmerz in der Schulter. Langsam, quietschend, gab der Riegel nach, der Fensterflügel schwang auf. Kalte Herbstluft drang in den überheizten Raum.
Aus dem Tanzsaal drang Gekicher. Das hieß, die Jungs waren eingetroffen. Klar, es war jetzt fast zehn Uhr. Genau die richtige Zeit für eine Party. Fanden die anderen Mädchen zumindest. Gleich würde die Tür aufgestoßen werden und die Ersten hereinkommen, um vor den Spiegeln zu posieren und sich die Lippen nachzuziehen. Wenn die Mädchen Kirah entdeckten, würden sie die Gesichter verziehen, als hätten sie etwas Ekliges gerochen. Dann würde es weitere gehässige Bemerkungen hageln.
Letztens hatte Monika sie wieder einmal weggestoßen, als Kirah an der Essensausgabe in der Mensa stand. „Nimm lieber ab“, hatte sie ihr zugezischt und sie mit schmalen Augen angesehen. Na los, wehr dich, hatte ihr Blick gesagt, doch Kirah hatte sich nicht getraut, Monika ihrerseits wegzustoßen. Handgreiflichkeiten waren ihr ein Gräuel. Sie hatte sich umgedreht und war zum Automaten im Gang gegangen, um sich eine Tüte Studentenfutter zu ziehen.
Kirah musste sich beeilen.
Sie griff mit beiden Händen nach dem Fensterrahmen und versuchte, sich hochzuziehen. Ihre Füße traten ergebnislos gegen die Wand, bis sie das waagerecht verlaufende Heizungsrohr fanden. Ungelenkig kniete Kirah sich auf den dicken, altmodischen Heizkörper. Die dick mit vergilbter Lackfarbe übertünchten Metallrippen schnitten ihr schmerzhaft in die Knie. Hastig richtete sie sich auf und trat auf das Fensterbrett. Dabei hämmerte ihr das Herz in der Brust. Wenn die anderen Mädchen jetzt hereinkamen, würden sie sich totlachen. Sie würde zum Gespött der ganzen Schule werden.
(„Als ob du das nicht schon wärst.“)
Sie versuchte, sich auf das Fensterbrett zu setzen und hätte dabei beinahe das Gleichgewicht verloren und wäre rücklings zurück in den Toilettenraum gefallen.
Dann sah sie, wie tief es bis zum Rasen war und erstarrte.
Da konnte sie nicht hinunterspringen. Das war viel zu tief. Sie würde sich verletzen. Sie würde ...
„Kirah?“
Der Schreck, dass tatsächlich jemand hereingekommen war, war so groß, dass sie sich einfach abstieß und sprang.
Der Aufprall war heftig. Sie stieß sich die Knie unter das Kinn und sah kurzzeitig Sternchen. Außerdem biss sie sich auf die Zunge, was so wehtat, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie rollte auf den Rücken. Mit weit aufgerissenen, schwimmenden Augen blieb sie liegen, unsicher, ob sie sich verletzt hatte und starrte zum Toilettenfenster empor, die blutende Zunge gegen den Gaumen gepresst. In der Öffnung erschien ein Gesicht.
Monika? Beate?
Kirah blinzelte die Tränen weg.
Es war Ulla. Ihr fiel ein Stein vom Herzen.
„Hast du dir wehgetan?“, fragte Ulla besorgt und fügte hinzu: „Was machst du da?“
„Ulla.“ Kirah stieß zum zweiten Mal an diesem Abend einen erleichterten Seufzer aus, rappelte sich vorsichtig auf und stellte fest, dass sie sich nicht weiter wehgetan hatte. An ihren Händen waren Grasflecken, aber das war auch alles.
„Ich gehe nach Hause“, verkündete sie ihrer besten („einzigen“) Freundin.
„Jetzt schon?“
Wenn du nicht schon wieder zu spät gekommen wärst, wüsstest du warum, dachte Kirah, doch das sagte sie nicht.
„Ich habe vergessen, dass ich noch Mathe machen muss“, log sie.
„Es ist Freitag.“ Und Samstag war keine Schule.
„Ach, Ulla.“ Kirah zog ein gequältes Gesicht. Jetzt würde Ulla wieder solange auf sie einreden, bis sie nachgab. „Ich habe keine Lust auf die Party, okay? Ich hätte gleich zu Hause bleiben sollen.“
„Warte. Ich komme.“ Ulla schloss das Fenster. Sie hatte keine Mühe, an den Riegel zu kommen.
Kirah hatte so viel Angst, dass Ulla sie überreden könnte hierzubleiben, dass sie am liebsten weggelaufen wäre. Doch das kam natürlich nicht in Frage. Nicht nur, weil Ulla wirklich ihre einzige Freundin war, sondern weil es auch unfair gewesen wäre.
Und Kirah war nicht unfair.
Aber diesmal gebe ich nicht nach, schwor sie sich. Ich gehe nicht wieder rein.
„Ich hab ‘ne Idee“, begann Ulla, als sie um die Ecke bog, und Kirah erwiderte:
„Nein, Ulla.“
Ulla sah erstaunt auf sie herab. Sie maß fast 1,70 m und war damit fast zwei Köpfe größer als Kirah. Und erheblich schlanker. „Du weißt doch gar nicht, was ich sagen wollte.“
„Doch, weiß ich“, entgegnete Kirah.
„Nein“, beharrte die Freundin. „Ich will dich nicht überreden, wieder reinzugehen. Ich habe begriffen, dass du nicht willst. Ich wollte dich fragen, ob du nicht Lust hast, noch mit zu mir zu kommen.“
Das war überraschend.
„Willst du denn nicht wieder rein?“
„Nein, ich glaube nicht.“ Ullas schmales Gesicht verdunkelte sich, und Kirah begriff warum. Arne war nicht da, Ullas neuester Schwarm.
„Vielleicht kommt er noch.“
„Er kommt nicht. Er ist über’s Wochenende verreist. Das hat Thomas mir gerade erzählt. Wollen wir gehen?“
(„Wenn Arne da gewesen wäre, hätte sie wahrscheinlich gar nicht bemerkt, dass du es nicht bist“, behauptete das Teufelchen in Kirahs Kopf, doch sie ignorierte die Worte.)
Im Gegensatz zu Kirah war Ulla in der Klasse sehr beliebt. Wahrscheinlich, weil sie alles verkörperte, was die anderen Mädchen gern gewesen wären: Ulla hatte immer die besten Klamotten an, sie war mit ihren dunkelgrauen Augen und dem langen, gepflegten mittelblonden Haar bildhübsch und sportlich, und die Jungen umschwärmten sie wie Motten das Licht. Unbegreiflich war für die anderen nur, dass sie sich mit Kirah abgab.
Kirah konnte es auch nicht verstehen.
„Und was wollen wir bei dir machen?“, fragte sie, als die beiden Mädchen aufbrachen.
Eigentlich wäre sie immer noch am liebsten nach Hause gegangen- sie hatte tags zuvor ein spannendes Buch angefangen -, aber sie war so froh, dass Ulla nicht versucht hatte, sie zum Bleiben zu überreden, dass sie jedem anderen Vorschlag bereitwillig zugestimmt hätte.
„Ich wollte dir mein neues Computerspiel zeigen.“
Kirah verzog das Gesicht. Ein Computerspiel?
„Mein Vater hat es gestern gekauft. Es heißt ‚Die Goldgräber-Stadt.‘ Du weißt schon, diese virtuelle Welt.“
Kirah schauderte im beißenden Wind und fummelte am Reißverschluss ihrer Jacke herum. Vergilbte Blätter wirbelten vor ihr über den Gehweg. „Keine Ahnung, was du meinst.“
„Davon spricht doch im Moment jeder.“ Ulla schien die herbstliche Kälte nicht zu spüren. Mit offener Jacke schlenderte sie den Weg hinunter.
„Hast du wirklich noch nichts davon gehört? Dieses Spiel, bei dem man glaubt, man wäre in einer anderen Welt. Es ist voll krass, ehrlich. Ich bin gestern gleich drin gewesen, und ich sage dir: Es ist voll krass.“
„Ach ja?“ Kirah zog ein gutes Buch jedem Computerspiel vor. „Und was ist daran so krass?“
Ulla legte ihre glatte Stirn in Falten. „Naja, ich habe mich eingestöpselt, und plötzlich war ich im Wilden Westen. Mein Zimmer war weg, verschwunden. Ich hatte so’n Kleid an, so’n Fummel aus rosa Stoff, und mein Haar.“ Sie lachte. „Es war zu so einer Frisur aufgetürmt. Und um mich herum flogen nur so die Kugeln. Ein Bandit duellierte sich gerade mit dem Sheriff. Es war irre aufregend.“
„Aha.“
Kirah genügte es schon, von Schüssen zu hören, und ihre Knie wurden weich. Ein wirklich tolles Spiel!
„Du musst es unbedingt ausprobieren.“
„Ach, Ulla.“
(„Warum sagst du nicht wieder Nein? Eben hast du es doch auch gekonnt. “)
Ja, aber das war eine Ausnahme gewesen und hatte Kirah alle Willenskraft gekostet, die sie besaß.
„Stell dich doch nicht so an. Es ist nur ein Spiel. Dir kann überhaupt nichts passieren. Außerdem kannst du selber bestimmen, wie lange du drin bist. Du kannst die Zeit einstellen.“
Kirah stöhnte und marschierte stumm neben Ulla her, die weiter auf sie einredete. Was brockte sie sich jetzt gerade wieder ein? Wäre sie doch nur zu Hause geblieben.
Der herrliche weiche Sessel, den ihre Mutter ihr kürzlich ins Zimmer gestellt hatte, fiel ihr ein, und das Licht der Stehlampe, das weich darauf fiel. Neben sich eine Schale Knabberzeug und eine Cola, hätte sie bequem im Sessel gesessen, die Füße untergezogen, und weiter in ihrem neuen Roman gelesen.
Hach, wäre das herrlich gewesen. Aber nein, sie hatte ja Ulla wieder einmal nachgeben müssen. Wieso war sie nur immer so blöd?
(„Also doch blöd?“)
Ach, sei still.
Ulla kramte ihren Schlüssel aus der Jackentasche. Sie waren bei ihr zu Hause angekommen, einem großen Altbau, in dem ihre Eltern eine 200 Quadratmeter große Eigentumswohnung im 3. Stockwerk besaßen.
Soweit Kirah das beurteilen konnte, hatte Ulla das coolste Zimmer der Welt. Sie hatte einen eigenen Eingang im Hinterhaus, so dass sie kommen und gehen konnte, ohne dass ihre Eltern es bemerkten, ein eigenes Badezimmer und sogar ein eigenes Ankleidezimmer voller stylischer Klamotten. Und jeden Montag kam eine Putzfrau, um sauber zu machen.
Dass Ulla ihr Zimmer nicht selber aufräumen musste, war das allercoolste überhaupt.
Heute war Freitag, und entsprechend sah es in Ullas Zimmer aus. Die Tür zum Ankleidezimmer stand weit offen, überall lagen Klamotten herum, schmutziges Geschirr - einige Teller voller Essensreste, in den Gläsern eingetrockneter Saft - türmte sich auf dem Schreibtisch, und ein Stapel Schulbücher lag daneben auf dem Teppich.
Das störte die beiden Mädchen jedoch nicht. Ulla nicht, weil sie daran gewöhnt war, dass jede Woche aufgeräumt wurde, und Kirah nicht, weil sie Ullas Zimmer nicht anders kannte. Sie war selten an einem Montag hier, wo die Mädchen bis zum Spätnachmittag Schule hatten.
Wenn sie doch auch nur so reiche Eltern gehabt hätte. Ihre Mutter war Altenpflegerin und verdiente gerade das Nötigste, um sich und ihre Tochter durchzubringen.
Ulla schaltete den Computer an, ging Online und legte eine CD ein. „Setz dich dahin.“ Sie wies auf einen Ledersessel, der neben dem Schreibtisch stand. „Das ist bequemer.“
„Ulla“, begann Kirah, aber ihre Freundin unterbrach sie brüsk.
„Es wird dir gefallen.“
Davon war Kirah nicht überzeugt, doch sie fügte sich. „Aber nicht so lange, okay?“
„Eine halbe Stunde“, schlug Ulla vor, und wieder fügte Kirah sich. Eine halbe Stunde war wirklich nicht so lange, oder?
(„Das ist viel zu lang“, protestierte das Teufelchen. „Sag zehn Minuten. Los, sag’s schon.“)
Doch Kirah schwieg. Besorgt beobachtete sie, wie Ulla einen Scanner hervorholte.
„Was ist dir lieber? Ein Körper-Scan, oder soll ich dein Aussehen eingeben?“
„Wie bitte?“
„Du willst doch als du selbst ins Spiel gehen, oder?“, fragte Ulla geduldig. „Ich muss dich also entweder scannen, oder ich gebe deine Größe und Maße per Tastatur ein. Was ist dir lieber?“
„Äh, keine Ahnung. Was geht denn schneller?“
„Ein Scan.“
„Okay“, gab Kirah nach. „Dann also ein Scan.“
Es spielte ohnehin keine Rolle. Es war doch bloß ein Spiel.
(„Du wirst in so einem rosa Aufzug unmöglich aussehen.“)
Hör endlich auf!
„Dann steh noch mal auf, damit ich dich von allen Seiten draufkriege.“ Ulla strich mit dem Scanner über Kirahs Körper.
„Heb die Arme.“
Ein mehrfaches Piepsen ertönte.
„Okay, das wär’s. Du kannst dich wieder hinsetzen.“
Ulla ließ den Scanner nachlässig in die Schreibtischschublade fallen und zog ein Durcheinander aus Kabeln und kleinen Gummischeiben hervor. „Die Elektroden musst du dir an die Schläfen kleben. Hier, das ist links und das rechts. Die Dinger sind selbstklebend.“
Kirah gehorchte. Ungeschickt drückte sie sich die klebrigen Elektroden an die Schläfen.
„Ist das auch wirklich ungefährlich?“, wagte sie einen letzten Einwand.
„Ich schwöre es. Hier, setz die Brille auf.“ Ulla reichte ihr eine schwere Plastikbrille, deren Gläser schwarz und vollkommen undurchsichtig waren. „Gleich geht’s los. Ich muss vorher nur noch deinen Namen und deine Adresse eingeben.“
„Muss das sein?“
„Wenn du ein Auto gewinnen willst, schon.“
Ulla klang allmählich etwas ungeduldig, und Kirah nickte ergeben. Natürlich wollte sie ein Auto gewinnen. Sie hatte sich fest vorgenommen, nächstes Jahr mit dem Führerschein anzufangen.
Wenn es ihr gelang, bis dahin genug von ihrem Taschengeld zu sparen, denn von ihrer Mutter war kein finanzieller Zuschuss zu erwarten.
Für einen Moment gab sie sich dem Gedanken hin, dann schon stolze Besitzerin eines Neuwagens zu sein. Das wäre ein Traum. Seufzend setzte sie sich die Brille auf. Nur musste sie vorher dieses Spiel hinter sich bringen. Und gewinnen musste sie auch noch, und das war wohl ziemlich unwahrscheinlich.
Sie schwor sich, dass es nur dieses eine Mal sein würde. Noch einmal würde sie sich nicht von Ulla überreden lassen. Es spielte sicher keine Rolle, wie oft sie in diesem Spiel war, um zu gewinnen, oder?
Vor ihren Augen wurde es dunkel.
