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Manche Geheimnisse überdauern Generationen, manche Liebe hält für immer
Die neunzigjährige Charlotte erfüllt sich einen großen Wunsch: Gemeinsam mit ihrer Enkelin Hannah reist sie noch einmal von London in die Heimat ihrer Kindheit, ein Dorf im Sauerland, das einst in den Fluten eines Stausees versunken und nun wieder aufgetaucht ist. Hier lernte sie Paul kennen, ihre große Liebe, die jäh vor fünfundsiebzig Jahren endete.
Während für Charlotte im Schatten der alten Kirche Erinnerungen greifbar werden, macht Hannah Fotos vom Dorf. Dabei spricht sie ein junger Mann an und bittet sie, ihm einige der Bilder zuzusenden. Er möchte sie seinem Großvater zeigen. Als Hannah seinem Wunsch nachkommt, ahnt sie nicht, dass sie damit eine Tür in die Vergangenheit öffnet - und zu einem dunklen Geheimnis, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen ...
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Seitenzahl: 532
Veröffentlichungsjahr: 2023
Manche Geheimnisse überdauern Generationen, manche Liebe hält für immer
Die neunzigjährige Charlotte erfüllt sich einen großen Wunsch: Gemeinsam mit ihrer Enkelin Hannah reist sie noch einmal von London in die Heimat ihrer Kindheit, ein Dorf im Sauerland, das einst in den Fluten eines Stausees versunken und nun wieder aufgetaucht ist. Hier lernte sie Paul kennen, ihre große Liebe, die jäh vor fünfundsiebzig Jahren endete.
Während für Charlotte im Schatten der alten Kirche Erinnerungen greifbar werden, macht Hannah Fotos vom Dorf. Dabei spricht sie ein junger Mann an und bittet sie, ihm einige der Bilder zuzusenden. Er möchte sie seinem Großvater zeigen. Als Hannah seinem Wunsch nachkommt, ahnt sie nicht, dass sie damit eine Tür in die Vergangenheit öffnet – und zu einem dunklen Geheimnis, dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen …
Sophia Hartlieb wurde 1971 in Dortmund geboren und fühlt sich bis heute mit dem Ruhrgebiet verbunden, an dessen südlichen Rand sie mit ihrem Mann lebt. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften arbeitet sie seit nunmehr zwanzig Jahren als Anwältin. 2015 entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben und hat seitdem mehrere Romane unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht. Außerdem mag sie Geocaching, Brettspielabende mit Freunden und Spaziergänge am Strand, die sie vor allem während ihrer mehrmonatigen Aufenthalte auf Lanzarote und Mallorca genießt.
SOPHIA HARTLIEB
DasColliermit derHerzblume
Roman
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2023 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Lektorat: Daniela Jarzynka
Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille
Umschlagmotiv: © Ildiko Neer/Trevillion Images; © cynoclub/shutterstock
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-3687-9
luebbe.de
lesejury.de
Natürlich wussten wir, dass Krieg war.« Charlotte rührte gedankenverloren in ihrer Teetasse. »Wir haben allerdings lange Zeit nicht verstanden, was das bedeutet.« Sie legte den Löffel zur Seite und betrachtete ihre Enkelin, die mit gerunzelter Stirn auf ein Tablet mit einem geöffneten Zeitungsartikel starrte und nicht auf ihre Worte reagierte.
Hatte sie diesen Satz vielleicht nur gedacht? Seit Kurzem kam es gelegentlich vor, dass sie sich in solchen Dingen nicht mehr sicher war. Hoffentlich wurde sie nicht sonderbar, wie Rosi einmal die Damen im Bridgeclub bezeichnet hatte, die auf ihre alten Tage tatsächlich seltsam wurden, weil Geist und Körper ihnen Streiche spielten. Es löste ein leichtes Unbehagen in ihr aus, als Charlotte klar wurde, dass sie die meisten von ihnen bereits um ein Dutzend Jahre überlebt hatte. Stand ihr nun das Gleiche bevor? Würde man sie demnächst mit mildem Lächeln bedenken? Nachsicht üben bei allem, was sie tat?
Mit einem Kopfschütteln riss sie sich energisch aus den trüben Gedanken. Noch war es nicht so weit. Noch lebte sie, und zwar ein Leben, wie es sein sollte. Mittendrin, trotz ihrer neunzig Jahre.
Sie saß mit ihrer Enkelin in einem hübschen Café in Shoreditch, unweit der Londoner City. Stimmengewirr, das Klappern von Porzellan und der Duft nach Scones erfüllten den Raum. Die alten, von der häufigen Benutzung zerkratzten Tische und die nachgedunkelten Ölbilder an den Wänden sorgten für eine Atmosphäre, die freundlich wirkte, aber auch wie aus der Zeit gefallen.
Wie ich selbst, dachte Charlotte.
Ihr Blick blieb an ihrem Lieblingsgemälde hängen. In gedeckten Farben zeigte es ein Stillleben mit Tränenden Herzen. Ihre Mutter hatte diese Blumen geliebt. Charlotte konnte bis heute keine Herzblume ansehen, ohne mit Wehmut an ihren Garten in Hangeck zu denken. Wie es sich wohl anfühlen würde, dorthin zurückzukehren? Ob sie für sich endlich einen Abschluss finden würde – nach fünfundsiebzig Jahren? Sofern sie ihre Reisepläne überzeugend genug vorbrachte, würde sie es bald erfahren.
Hannah blickte noch immer auf den Zeitungsartikel und bewegte lautlos die Lippen, bemüht, den deutschen Text zu verstehen. Eine ihrer blonden Locken fiel ihr ins Gesicht. Mit einer flüchtigen Bewegung strich sie sie hinters Ohr. Ganz so, wie Charlottes Mutter es immer gemacht hatte, von der ihre Enkelin die Gene für diese Haarpracht wohl geerbt hatte.
Schließlich sah Hannah auf. »Dort hast du bis zum Krieg gelebt?« Sie tippte mit dem Finger auf das Display, bevor sie Charlotte das Tablet über den Tisch zuschob. »In Hangeck?«
Mit Hannahs britischer Aussprache hörte es sich an, als würde ihre alte Heimat »häng-egg« geschrieben. Charlotte musste schmunzeln. Aber wer wusste schon zu sagen, wie es um ihr eigenes Deutsch bestellt war? Nach fast siebzig Jahren in Großbritannien klang ihre einstige Muttersprache vermutlich aus ihrem Munde auch nicht mehr lupenrein. Dafür, dass Hannah nie in Deutschland gelebt hatte, waren ihre Deutschkenntnisse hervorragend.
»Als der Krieg euch schließlich erreichte, hast du seine Bedeutung verstanden und bist geflohen.« Hannah griff Charlottes Wortwahl auf, was Charlotte mit einer gewissen Erleichterung registrierte. Sie hatte ihre Gedanken offenbar doch laut ausgesprochen.
»So ungefähr.« Charlotte probierte einen Schluck Tee. Süß und heiß, wie sie ihn mochte. »Der Grund war nicht der Krieg, aber es ist richtig, dass ich Hangeck während des Kriegs verlassen habe.« Verlassen musste. »Nach dem Krieg stellte sich die Frage, ob wir dorthin zurückkehren, nicht mehr, denn bald danach wurde mit dem Bau der Staumauer begonnen. Wenige Jahre später war Hangeck Geschichte. Nur der Kirchturm ragte in einigen regenarmen Sommern noch aus dem Wasser.«
Charlotte zog ihr Tablet zu sich und tippte nun ihrerseits darauf, um ein Foto auf der Seite zu vergrößern. Es zeigte eine alte, fast unkenntliche Luftaufnahme eines Dorfs. Ihres Dorfs. Der Anblick setzte Gefühle frei, die sie nicht genau benennen konnte. Wehmut bei dem Gedanken an ein idyllisches Dorf mit Schieferdächern, die matt im Sonnenlicht schimmerten, und dessen Fachwerkfassaden aus der Ferne wirkten wie mit dem Kohlestift gekritzelt. Die Erinnerung an eine unbeschwerte Jugend, die so jäh endete. Ein flüchtiges Bild von Paul zog vorbei, und unwillkürlich musste Charlotte lächeln. Schmerzlich zwar, doch voller Wärme. Es stimmte wohl, dass man die erste Liebe ein Leben lang im Herzen trug.
Sie hatte geglaubt, die Zeit hätte ihre Gefühle überspült wie das Wasser des Stausees die Häuser auf dem Foto. Aber dieser Zeitungsartikel deckte sie auf – ebenso wie der sinkende Wasserspiegel des Sees ihre alte Heimat nach und nach wieder freigab.
Sie hatte in diesem Dorf eine sorglose Kindheit verbracht. Selbst als der Krieg gekommen war, waren die Tage noch voller Lachen, Freundschaft und – ja, auch – Liebe gewesen.
Bis zu diesem Junitag, der alles verändert hatte. Wie eine schwere Decke lagen die Geschehnisse jenes Nachmittags auf einem Teil ihrer Vergangenheit und verbargen alles Schöne, an das sie sich doch viel lieber erinnern wollte. Vielleicht, weil sie nie die Gelegenheit bekommen hatte, damit abzuschließen. Rückblickend fragte sich Charlotte, ob sie vor den düsteren Erinnerungen vielleicht sogar davongelaufen war, statt sich ihnen zu stellen – was auf lange Sicht heilsamer gewesen wäre.
»Deshalb muss ich zurück nach Hangeck«, verkündete sie laut und energisch.
Die Iden des März!« Charlotte kicherte übermütig, und ihre Schwester Rosemarie warf ihr einen fragenden Blick zu.
»Ach, Rosi.« Charlotte verstrubbelte ihrer jüngeren Schwester liebevoll das Haar.
Beide hatten die Naturlocken ihrer Mutter geerbt. Charlotte hatte dabei mehr Glück gehabt – bei ihr umflossen sanfte Wellen das Gesicht, sofern sie nicht zu dicken Zöpfen geflochten waren. Bei Rosi hingegen umrahmte ein wilder Schopf das hübsche Mädchengesicht und widerstand allen Versuchen, die Frisur mit Spangen oder Haarbändern in Form zu bringen.
Charlotte lächelte. »Es ist ein so herrlicher Frühlingstag. 1943 wird ein ganz besonders schönes Jahr, das spüre ich.«
Sie breitete die Arme aus und drehte sich um die eigene Achse. Der Winter war vorbei, und die Wiesen wurden endlich wieder grün. Nach dem Sonnenschein der vergangenen Tage waren sie bereits von den ersten Kräutern und Blumen durchsetzt. Das Gras kitzelte an Charlottes nackten Waden. Spontan hatte sie Schuhe und Strümpfe ausgezogen. Nach der dritten Umdrehung bemerkte sie, dass Rosi nicht wie sonst mit ihr tanzte.
»Aber Rosi, was hast du denn? Ist dir nicht wohl?« Sie musterte ihre Schwester prüfend. Ein wenig blass war sie tatsächlich.
»Papa sagt, das Jahr wird nicht schön.« Plötzlich glitzerten Tränen in Rosis Augenwinkeln. »Der Krieg wird kommen.«
»Das hat Papa zu dir gesagt?« Charlotte runzelte die Stirn.
Solche Dinge besprach man doch nicht mit einem Kind! Ihre kleine Schwester war gerade einmal acht Jahre alt.
Außerdem war der Krieg weit weg. Natürlich hatte es Angriffe auf deutsche Städte gegeben, das wusste sie. Seit zwei oder drei Jahren durfte sie mit ihren Eltern die Nachrichten aus dem Volksempfänger hören. Wie stolz sie gewesen war, als ihr Vater sie das erste Mal dazugeholt hatte. Sie hatte sich erwachsen gefühlt und mit größter Aufmerksamkeit verfolgt, was die knarzende Stimme aus dem Lautsprecher zu verkünden hatte. Insgeheim langweilte sie sich jedoch schnell. Sobald die Nachrichten mit den Meldungen der Wehrmacht begannen, schaltete sie innerlich ab.
Lieber hörte sie Reportagen. Wie gern hätte sie die BBC eingestellt, die sicherlich viel über London berichtete. Sie wusste, dass man den Sender empfangen konnte, das hatte jemand in der Schule erzählt.
Doch als sie ihren Vater darum gebeten hatte, war sein Blick streng wie selten geworden, und er hatte ihr strikt verboten, die BBC jemals wieder auch nur zu erwähnen. Halb erschreckt, halb zornig war Charlotte auf ihr Zimmer gerannt.
Später war ihr Vater gekommen. Wieder besonnen, wie sie ihn kannte, hatte er sich zu ihr gesetzt und ihr erklärt, dass solche Sender als »Feindsender« galten.
»Es wird deshalb schwer bestraft, die BBC oder Ähnliches zu hören.« Er hatte ihr sanft über den Kopf gestrichen. »Verstehst du, weshalb es besser ist, so etwas nicht einmal zu erwähnen? Man weiß nie, wer mithört.«
Charlotte hatte ergeben genickt. »Als ob ich mit dem Feind kollaborieren würde, nur weil ich etwas über diese wundervolle Stadt hören möchte!«
Seit sie in einem Bildband die Fotos aus Englands Hauptstadt bewundert hatte – die Tower Bridge, die Themse und den Buckingham Palace –, wusste Charlotte, dass sie das alles eines Tages mit eigenen Augen sehen wollte. Jedes Mal, wenn sie hörte, dass die Wehrmacht London bombardiert hatte, zuckte sie innerlich zusammen und hoffte, dass die Deutschen nicht allzu viel zerstört hatten. Aber diesen Wunsch behielt sie tunlichst für sich. Und die BBC erwähnte sie ebenfalls nicht mehr.
Rosi riss sie aus ihren Gedanken. »Papa hat das nicht zu mir gesagt, sondern zu Mami. Sie haben gestritten.«
»Sie haben gestritten?«
Ihre Eltern stritten sich nie. Die beiden liebten sich von Herzen. Selbst ihre beste Freundin Ilse hatte kürzlich erwähnt, wie sehr sie Charlotte um dieses harmonische Zuhause beneidete. Allerdings war Charlottes Vater heute am Mittagstisch tatsächlich eigentümlich in sich gekehrt gewesen.
»Ja.« Ihre Schwester nickte eifrig. »Papa will irgendetwas machen, und Mami will das nicht. Sie hat zu ihm gesagt: ›Das ist gefährlich, du bringst Rosi und Lotti in Gefahr!‹«
Es wurde immer seltsamer.
»Was will Papa denn machen? Hast du noch mehr gehört?«
»Er will etwas verstecken, glaube ich. Das hab ich nicht genau verstanden. Er sagte, wenn die ihn finden, schaffen sie ihn fort.« Rosi kaute auf ihrer Unterlippe. »Vielleicht einen Schatz? Er muss gewiss einen Schatz verstecken.« Jetzt blitzten ihre Augen vor Aufregung.
»Aber wo soll Papa denn einen Schatz herhaben?«, entgegnete Charlotte amüsiert.
Rosi spann sich da etwas zusammen. Doch wenigstens hatte der Gedanke an einen Schatz ihre Schwester aufgeheitert.
»Vielleicht ist es nicht sein Schatz, sondern der von Leopold?«, sinnierte Rosemarie weiter.
»Wie kommst du denn jetzt darauf?« Charlotte konnte ein Lachen nicht unterdrücken. »Warum sollte Papa Leopolds Schatz verstecken?«
»Damit die bösen Männer ihn nicht bekommen«, erwiderte Rosi bestimmt, und das Blitzen in den Augen erlosch.
»Böse Männer?« Charlottes frühlingshafte Hochstimmung verflüchtigte sich angesichts der ernsten Miene ihrer Schwester. Sie setzte sich ins Gras und klopfte mit der Hand neben sich. »Komm, setz dich zu mir und erzähl mir, was du damit meinst.«
Langsam glitt Rosemarie auf die Wiese. So zaghaft kannte Charlotte ihre Schwester nicht. Irgendetwas musste sie wirklich außerordentlich bedrücken.
»Die waren heute in der Schule.« Rosemarie zupfte gedankenverloren an einigen Grashalmen. »Papa hat aus dem Fenster gesehen und war sehr erschrocken. Er hat Leopold mit all seinen Sachen in den Wandschrank gesperrt und ihm gesagt, dass er ganz still sein muss. Uns anderen hat er gesagt, wenn wir nicht möchten, dass etwas sehr Schlimmes passiert, müssen wir alle lügen, wenn uns jemand fragt, wo Leopold ist. Wir sollten sagen, dass er heute nicht in der Schule war.« Rosi rupfte inzwischen ganze Grasbüschel heraus. »Papa sagt doch immer, man darf nicht lügen, und in der Kirche heißt es auch, dass man immer die Wahrheit sagen muss. Aber ehe jemand Papa danach fragen konnte, kamen die bösen Männer rein.«
Rosi rückte unbewusst näher an Charlotte heran, und sie nahm ihre kleine Schwester in den Arm.
»Und dann?«, fragte Charlotte.
Sie wollte Rosi nicht mit der Erinnerung quälen, aber sie hatte eine furchtbare Ahnung, was das alles zu bedeuten hatte. Denn Leopold war Jude.
Es hatte zwei jüdische Familien in Hangeck gegeben. Eine war fortgezogen, kurz bevor der Krieg begonnen hatte. Leopolds Eltern jedoch waren geblieben. Charlotte hatte nicht einmal gewusst, dass sie Juden waren, bis Ilse es ihr gesagt hatte. Leopold war ein aufgeweckter Lausbub, der immer von einem Ohr zum anderen grinste. Man musste ihn einfach mögen. Leopolds Vater arbeitete beim alten Mayer in der Werkstatt. Sie reparierten dort alles. Vom defekten Volksempfänger bis hin zum Traktor. Es gab nichts, was die beiden Männer nicht wieder zum Laufen brachten, und schon allein deshalb genossen sie in Hangeck ein hohes Ansehen. Leo und seine Eltern gehörten genauso zum Dorf wie jeder andere. Sie trugen nicht einmal einen Judenstern, wie Charlotte ihn in der Stadt häufig sah. Sie hatte ihre Mutter gefragt, warum die Rosenbergs diesen Stern nicht an die Kleidung heften mussten.
»Weil hier die Welt noch in Ordnung ist«, war ihre Antwort gewesen.
Doch nun schien die Welt auch in Hangeck nicht mehr in Ordnung zu sein. Nicht, wenn der Vorfall das bedeutete, was sie befürchtete.
»Nun erzähl schon!« Charlotte stieß ihre Schwester, die zögerlich wirkte, leicht in die Seite.
»Die Männer sahen streng aus. Und böse. Ich hatte Angst, und ich glaube, die anderen auch.« Rosi senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Sogar der Michael.«
Michael war Ilses Bruder und als Größter unter den Hangecker Schulkindern an jeder Rauferei beteiligt.
»Nur Papa nicht«, fuhr Rosi mit hörbarem Stolz fort. »Einer der Männer hat nach Leopold gefragt. Und Papa hat gelogen und gesagt, dass Leopold nicht in der Schule war. Dann fragte der Mann, warum der Junge überhaupt hier zur Schule geht.« Rosi legte die Stirn in Falten. »Verstehst du das? Er wohnt doch hier. Wo soll er denn sonst zur Schule gehen?«
Charlotte verstand das Problem. Juden hatten eigene Schulen. Allerdings hatte sie mitbekommen, wie ihr Vater sich mit ihrer Mutter darüber unterhalten hatte, dass die jüdischen Schulen geschlossen wurden. Also hatte Rosi recht: Wo sollte Leo sonst zur Schule gehen?
»Vielleicht kannten sich die Männer hier einfach nicht aus und wussten nicht, dass es hier nur eine Schule weit und breit gibt«, erwiderte Charlotte möglichst unbekümmert.
Wie sollte sie ihrer Schwester begreiflich machen, was ihr selbst nicht nachvollziehbar erschien? Sie hätte von der Ablehnung der Juden erzählen müssen, von der Ausgrenzung. Davon, dass Menschen gezwungen wurden, in den Osten des Reichs zu ziehen, obwohl sie doch hier ihre Heimat hatten. Wie sollte sie das einer Achtjährigen schildern, ohne ihren kindlichen Glauben an das Gute im Menschen zu beschädigen?
»Papa hat versucht, es den Männern zu erklären. Er hat gesagt, dies ist eine Schule für alle Kinder, die etwas lernen wollen. Und solange er Lehrer ist, darf jedes Kind bei ihm lernen.«
Charlotte überlief ein Frösteln. Falls die Männer der SS oder der Gestapo angehörten – und es klang ganz danach –, war ihr Vater zwar unglaublich mutig gewesen, aber nun auch in Gefahr. Denn wenn man sich mit diesen Leuten anlegte, konnte man nicht nur ins Gefängnis kommen. Ihr Vater hatte ihr von Konzentrationslagern erzählt. Niemand sprach offen darüber, die Gerüchte hielten sich jedoch hartnäckig, und es hieß, dass die Menschen dort so schlecht behandelt wurden, dass sie starben.
»Wie haben die Männer reagiert?«, fragte sie fast tonlos.
»Sie haben immer noch böse geguckt. Und uns dann angeschrien und gefragt, ob das stimmt. Also, dass Leo nicht in der Schule war. Wir haben alle genickt, weil wir doch nicht wollten, dass Leo mit den bösen Männern mitgehen muss. Dann sind sie gegangen. Papa hat aus dem Fenster geschaut. Als die Männer weg waren, durfte Leo wieder aus dem Schrank, aber er durfte nicht wieder an seinen Platz. Papa ist mit ihm weggegangen. Als er wiedergekommen ist, hat er traurig ausgesehen, und wir waren auch traurig. Papa hat gesagt, wir dürfen niemandem erzählen, was heute passiert ist.« Erschrocken riss Rosi die Augen auf. »Aber dir durfte ich das doch erzählen, oder? Du bist doch meine Schwester!«
Charlotte drückte beruhigend Rosis Schulter. »Gewiss doch. Aber nur mir, hörst du? Niemandem sonst! Auch nicht deinen Freundinnen.«
»Die waren doch alle dabei«, erklärte Rosi.
Damit hatte sie nicht nur recht, es machte Charlotte auch schlagartig die Dimensionen klar. Nahezu alle Kinder bis zum zehnten Lebensjahr wurden in der kleinen Dorfschule in einem großen Raum gemeinsam unterrichtet und hatten den Vorfall mitbekommen. Es war unschwer zu erraten, dass die Kinder es wie Rosi sahen – zu Hause durfte man solche Geheimnisse preisgeben, über die man nicht reden sollte. Binnen kürzester Zeit würde das gesamte Dorf Bescheid wissen – und dann? Aber nein, beruhigte sich Charlotte selbst. Ihr Vater war beliebt. Und Leopold mochte ebenfalls jeder. Niemand im Dorf würde ihren Vater bei irgendjemandem anschwärzen, weil er den Jungen unterrichtet und heute nicht an die Männer herausgegeben hatte.
»Was schaut ihr denn so ernst drein?«
Eine warme Stimme riss Charlotte aus ihren Grübeleien und brachte sie zum Lächeln.
»Paul!«, rief sie aus, sprang auf und strich sich eilig den Rock glatt.
Auch Rosi erhob sich rasch und stürzte in Pauls Arme, der sie lachend auffing, hochhob und sich mit ihr um die eigene Achse drehte, als wäre ihre kleine Schwester nicht acht, sondern erst drei Jahre alt. Rosi gefiel es, sie jauchzte begeistert und wirkte sichtlich enttäuscht, als Paul sie nach einer weiteren Drehung wieder auf ihre eigenen Beine stellte.
Wie einfach doch das Leben einer Achtjährigen ist, dachte Charlotte, der in letzter Zeit aufgefallen war, dass Pauls Nähe plötzlich komplizierter war als noch vor ein oder zwei Jahren. Dinge, die zwischen ihnen immer selbstverständlich gewesen waren, eine Umarmung hier, ein Knuffen in den Bauch dort, machten sie nun verlegen. Paul schien ähnlich befangen zu sein. Hin und wieder warf er ihr verstohlene Seitenblicke zu, wenn er dachte, sie bemerke es nicht. Seine Miene war in diesen Momenten anders, erwachsener, und hatte nichts mehr mit den üblichen Grimassen zu tun, die er früher geschnitten hatte, um sie zum Lachen zu bringen.
Jetzt sah er sie eindringlich an, sie las seine Sorge und fand Zuneigung in seinem Blick.
»Ist alles recht bei euch?«
»Aber ja, wir waren nur in den Anblick der Natur vertieft«, schwindelte Charlotte.
Dabei hatte sie von der wundervollen Aussicht nichts wahrgenommen. Sie wusste auch so, dass sich Hangeck zu ihren Füßen in die Mulde schmiegte, die die umliegenden Berge bildeten. Umgeben von Wiesen und Feldern und umkränzt vom Sauerländer Wald bot ihr Heimatdorf ein stilles Bild inmitten frühlingshaften Grüns.
Sie sahen sich an, und schon wieder breitete sich eine seltsame Anspannung in Charlotte aus. Nicht unangenehm. Das war Pauls Nähe nie. Eher so, als warte eine Überraschung darauf, enthüllt zu werden. Ein Gefühl wie das Auspacken eines langersehnten Geschenks.
»Möchtest du dich nicht zu uns setzen?«, fragte Charlotte schließlich einen Hauch zu förmlich und deutete auf die Stelle mit den flach gedrückten Halmen, wo sie und Rosi es sich vor einigen Minuten bequem gemacht hatten. Sie bemühte sich, möglichst elegant wieder dort Platz zu nehmen.
»Ja, gern«, erwiderte Paul. Auch seine Antwort geriet ungewohnt steif.
Doch als er sich ins Gras fallen ließ und mit einem leisen Aufschrei sofort wieder hochschnellte, weil er einen Stein übersehen hatte, war er Paul, wie sie ihn kannte: der Freund seit Kindertagen, mit dem sie sich manch aufgeschürftes Knie im ungestümen Spiel geholt hatte.
Ihre Mutter hatte sie oft getadelt, wenn sie auf Bäumen herumgeklettert war oder sich an wilden Wettrennen über die Wiese beteiligt hatte, aber ihr Vater fand, es sei für die Zukunft nur förderlich, dass sich ein Mädchen mit einem Knaben messen durfte. Im Baumklettern war Charlotte mindestens so geschickt wie Paul, obwohl ihr Rock dabei störte.
»Du musst ja auch die Grasflecken nicht rauswaschen und die Löcher in den Strümpfen stopfen«, hatte ihre Mutter stets erwidert, doch meist mit einem Lächeln.
Diese Tage lagen hinter ihnen, auf Bäume kletterte Charlotte schon lange nicht mehr. Grasflecken würde sie heute vermutlich dennoch im Rock haben, aber das nahm sie in Kauf. Viel zu schön war es, hier Seite an Seite mit Paul zu sitzen und ins Tal zu blicken.
Links von ihnen schimmerte es silbern durch die Bäume. Der Hangecker See, wie der etwas zu groß geratene Teich von den Bewohnern des Tals hochtrabend genannt wurde. Zum Schwimmen war er bestens geeignet. Und seit Ilse, Paul und Charlotte einen unter Gestrüpp vergessenen Bootsschuppen entdeckt hatten und Paul das alte Boot darin wieder hergerichtet hatte, konnten sie sogar auf dem See rudern.
»Falls es weiter so warm bleibt, können wir bald im See schwimmen«, sagte Paul, dessen Gedanken offensichtlich in die gleiche Richtung gewandert waren.
»Ob das Boot den Winter gut überstanden hat?«, fragte Charlotte. »Hast du schon nachgeschaut?«
»Wie wäre es, wenn wir beide das gemeinsam machen?« Paul warf ihr einen dieser veränderten Blicke zu, die plötzlich so erwachsen wirkten und so tief in sie drangen.
»Gern.« Sie lächelte und merkte, wie auch das anders als früher geriet. Ganz sicher war sie nicht, was sie von der neuen Situation halten sollte. »Morgen nach der Schule vielleicht?«
»Ich freue mich«, sagte Paul und erhob sich. »Bis morgen. Macht’s gut, ihr beiden!«
Charlotte sah ihm nach, wie er in Richtung Dorf schlenderte. Aufrecht. Selbstbewusst. Hatte er diese breiten Schultern im letzten Jahr schon gehabt?
Rosi neben ihr kicherte. »Ihr habt ein Stelldichein. Ich habe es gehört.«
»Ach, was weißt du junges Gemüse denn davon!« Charlotte knuffte ihre kleine Schwester liebevoll in die Seite.
Insgeheim fragte sie sich allerdings, ob Rosi recht hatte. Hatte Paul sie um ein Stelldichein gebeten?
Gut gelaunt machte sich Charlotte mit ihrer Schwester auf den Heimweg. Ihr Haus lag friedlich im Sonnenlicht. Die weißen Fensterläden strahlten, die alte Eichentür glänzte frisch poliert. »Johann Gerber, Schulleitung Hangeck« stand auf dem hölzernen Schild am Gartentor. Charlotte lief über den Natursteinweg durch den von ihrer Mutter liebevoll gepflegten Vorgarten. Krokusse und Märzbecher reckten ihre Köpfe in die laue Frühlingsluft. Morgen würde sie mit Paul einen Ausflug zum Bootshaus machen. Mit sich und der Welt zufrieden öffnete Charlotte die Haustür.
Kaum hatte sie jedoch die Diele betreten, spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Ihre Mutter versuchte zwar, ihnen aus der Küche entgegenzulächeln, aber Charlotte entdeckte die schlecht versteckte Anspannung hinter der Fröhlichkeit.
Gab es tatsächlich Streit zwischen den Eltern? Hatte ihre Mutter sie deshalb gebeten, mit Rosi an die frische Luft zu gehen? Charlotte hatte sich nichts dabei gedacht, es kam vor, dass sie auf Rosi aufpassen sollte. Doch nun erinnerte sich Charlotte, dass schon vorhin eine steile Falte auf der Stirn ihrer Mutter gestanden hatte. Die gleiche, die sich auch jetzt dort zeigte.
Charlotte scheuchte ihre Schwester ins Bad, wusch sich selbst ebenfalls die Hände und begab sich dann in die Küche, um den Abendbrottisch zu decken. Dabei musterte sie ihre Mutter verstohlen. Fahrig schnitt sie Petersilie und Schnittlauch klein, und beim Versuch, die Kräuter umzufüllen, landete das meiste Grün neben der Schüssel.
»Zum Kuckuck noch eins!« Ihre Mutter knallte das Holzbrettchen auf den Tisch, ließ sich auf die Eckbank fallen und rieb sich mit den Händen über das Gesicht. »Entschuldige.« Sie rang sich ein weiteres Lächeln ab, so aufgesetzt, dass es an eine Fratze erinnerte.
»Was ist denn, Mutti?« Ihre Mutter verlor so selten die Beherrschung, dass Charlotte sie beunruhigt anstarrte.
»Mach dir keine Sorgen, es ist nichts«, wiegelte ihre Mutter ab, besann sich dann aber und seufzte. »Ach, was soll’s? Du erfährst es ohnehin.« Sie klopfte auf den Stuhl an der Schmalseite des Esstischs. »Setz dich.«
Charlotte rutschte mit weichen Knien auf ihren Platz. Mit Sicherheit hatte ihre Mutter keine guten Neuigkeiten für sie.
Bevor sie jedoch das Wort ergreifen konnte, erklangen Schritte, und Rosi riss die Küchentür auf. »Hier seid ihr. Wer ist denn auf dem Dachboden? Da ist nämlich jemand.«
»Das ist Vati. Er schafft dort oben etwas Ordnung. Auf Dachböden darf außer gefüllten Sandeimern nichts mehr herumstehen.«
»Ach so.« Rosi sah enttäuscht drein. »Ich dachte, er versteckt den Schatz.«
»Schatz?« Ihre Mutter blinzelte einen Moment lang irritiert. »Nein, keinen Schatz, nur etwas Ordnung.« Sie setzte erneut dieses falsche Lächeln auf. »Geh und lies weiter in deinem Buch. Das Abendessen dauert noch einen Augenblick.«
»Ja, Mutti«, antwortete Rosi und verschwand in den Flur.
Kurz darauf hörten sie sie auf der hölzernen Treppe poltern, die in das obere Stockwerk führte.
»Hast du das von den Rosenbergs gehört?«, fragte ihre Mutter unvermittelt.
»Du meinst die Sache mit Leo?«, entgegnete Charlotte, verwirrt wegen des plötzlichen Themenwechsels.
»Ja, auch. Aber nicht nur.« Ihre Mutter atmete tief durch. »Man hat die Rosenbergs heute weggebracht.«
»Weggebracht? Wohin? Warum?«
Der Ofen verbreitete in der Küche eine wohlige Wärme, und durch das geöffnete Fenster wehte zart der Hauch des Frühlingstages herein. Trotzdem fröstelte es Charlotte. Sie war zu erwachsen für kindische Reaktionen, aber jetzt hätte sie sich am liebsten die Ohren zugehalten, um die Antwort nicht hören zu müssen.
»Du weißt doch, dass Juden in den Osten umgesiedelt werden«, sagte ihre Mutter bedrückt. »Der Führer will, dass sie dort unter sich bleiben.« Leise – als müsste sie erst abwägen, wie viel Wahrheit sie ihrer Tochter zumuten konnte – fügte sie hinzu: »Wenn nicht gar Schlimmeres.«
»Schlimmeres? Was meinst du mit Schlimmeres?«
Ihre Mutter ließ sich mit der Antwort Zeit. »Niemand wagt, es laut auszusprechen …«, begann sie schließlich zögerlich, »also solltest du vielleicht vergessen, was ich dir jetzt sage, aber ich will, dass du verstehst …« Sie stockte abermals. »Du sollst begreifen, warum dein Vater so handelt.«
Charlotte nickte mit trockenem Mund. So ernst hatte ihre Mutter nie zuvor mit ihr gesprochen.
»Es gibt diese Lager im Osten. Wer der Führung nicht passt, kommt dorthin.«
»Konzentrationslager.« Charlotte nickte abermals. »Ich weiß von Vati davon.«
Ihre Mutter sah sie überrascht an. »Dann weißt du auch, dass man munkelt, dass vor allem Juden da eingesperrt werden? Und die Lebensbedingungen sind so schlecht, dass viele nicht überleben.«
Aber dahin hatte man die Rosenbergs doch sicher nicht gebracht! Charlotte starrte ihre Mutter an. So deutlich hatte ihr noch niemand gesagt, was es mit diesen Umzügen in den Osten und den Lagern auf sich hatte. Einfach so die Heimat verlassen zu müssen war schon schlimm genug. Aber das? Ein Teil von ihr wünschte sich, ihre Mutter hätte ihr die Unwissenheit länger zugestanden.
»Die Rosenbergs haben doch nichts getan! Und überhaupt – was soll der alte Mayer denn jetzt ohne Herrn Rosenberg machen?«
»Ich fürchte, das interessiert diese Menschen am allerwenigsten.« Charlottes Mutter schüttelte traurig den Kopf. »Ich weiß nicht, wohin die Rosenbergs gebracht werden. Aber sie werden keine leichte Zeit vor sich haben. Was immer den Rosenbergs jetzt geschieht – dein Vater wollte Leopold dieses Schicksal ersparen.«
»Deshalb hat er Leopold im Wandschrank des Klassenzimmers versteckt.« Der arme Junge musste furchtbare Angst ausgestanden haben. »Wo ist er jetzt? Bei Verwandten?«
»Das ist es, worüber ich mit dir sprechen muss. Dein Vater räumt nicht nur den Dachboden auf, weil wegen der Luftangriffe inzwischen streng auf die Einhaltung der Regeln geachtet wird.« Sie machte eine Pause und atmete durch. »Erinnerst du dich an die Steine, die er gekauft hat, um das Gartenhaus zu bauen? Er verwendet sie gerade für eine Kammer auf dem Dachboden. Ein Versteck für Leopold.«
»Leo ist hier?« Charlotte sah sich unwillkürlich um.
»Nein, noch nicht. Dein Vater will warten, bis es dunkel ist und ihn dann holen. Niemand darf wissen, dass er hier ist. Hörst du? Niemand!« Die Stimme der Mutter klang eindringlich.
»Was ist mit Rosi? Sie ist so jung. Meinst du, sie wird sich nicht verplappern?«
»Aus diesem Grund müssen wir es vor Rosi geheim halten. Nicht auszudenken, wenn jemand erfährt, was dein Vater hier macht.«
»Deshalb habt ihr heute Mittag gestritten.«
»Das habt ihr gehört?« Ihre Mutter strich sich mit einer müden Geste eine Haarsträhne, die sich aus ihrem Dutt gelöst hatte, hinters Ohr. »Ich sehe schon – es wird nicht einfach, hier ein Geheimnis zu bewahren.« Sie seufzte. »Ja, deshalb haben wir gestritten. Dein Vater ist ein herzensguter Mann. Er fühlt sich als Lehrer für jedes seiner Schulkinder verantwortlich. Das verstehe ich. Und doch trägt er auch Verantwortung für seine Familie. Ich finde, für die sogar eine größere. Wenn er ins Gefängnis muss, weil er sich offen gegen das System stellt – was soll dann aus uns werden?«
Charlotte fröstelte abermals. Es war, als läge plötzlich ein dunkler Schatten über der Küche. Was wäre, wenn ihr Vater in eines dieser Lager müsste? Andererseits war die Vorstellung von Leopold in einem Gefängnislager fast ebenso Furcht einflößend. Sie verstand, warum ihr Vater nicht anders handeln konnte.
»Er hätte sich mitschuldig gefühlt, wenn er Leopold verraten hätte«, sagte sie. »Er hatte keine andere Wahl, als sich gegen diese Männer zu stellen.«
Die bösen Männer, hatte Rosi sie genannt. Selbst ihre kleine, unschuldige Schwester hatte intuitiv begriffen, dass diese Leute gefährlich waren.
»Ich weiß.« Ihre Mutter seufzte erneut. »Deshalb lasse ich zu, was er plant. Es soll nur vorübergehend sein. Wir versuchen, Leopolds Verwandte zu finden. Und falls sich herausstellt, dass die Rosenbergs irgendwo in Sicherheit sind, schicken wir Leopold sofort zu ihnen. Mit etwas Glück ist der Spuk bald vorbei, und Leopold ist rasch wieder bei seiner Familie.« Ihre Stimme verriet, wie wenig sie daran glaubte.
Mit einem Seufzer der Erleichterung blickte Charlotte dem Omnibus nach. »Manchmal wünsche ich mich in unsere alte Dorfschule zurück«, sagte sie zu Ilse. »Rosi und Michael haben nur ein paar Minuten zu Fuß zu laufen, während wir uns jeden Tag in das stickige Gefährt setzen müssen.«
Zusammen mit ihrer Freundin schlenderte sie auf Hangeck zu. Das Beste an ihrem Heimweg war das Stück von der Bushaltestelle zu ihrem Haus. Ein sanfter Wind brachte den Geruch des nahen Waldes mit sich. Nach einigen kühleren Tagen verkündeten die Vögel in den Wipfeln zwitschernd ihre Freude über den Sonnenschein. Charlotte atmete tief durch. Ob sie sich jemals in einer Großstadt wohlfühlen könnte?
»Dafür haben wir in der Stadt nach Schulschluss etwas Interessanteres zu sehen als die immer gleichen Hangecker Gesichter.«
Charlotte musste lachen. Ilse spielte auf das Gymnasium für die Knaben an, das ihrem Lyzeum gegenüberlag. Ihre Freundin löste ihren Zopf meist, sobald sie das Schulgelände verließen. Sie hatte früh bemerkt, welche Wirkung ihre langen blonden Haare auf die jungen Männer hatten. Selbst diejenigen, die bereits kurz vor der Reifeprüfung standen, warfen ihr plötzlich interessierte Blicke zu. Zugegebenermaßen besaß Ilse schon weibliche Attribute, wo Charlotte noch flach wie die Soester Börde war.
»Dennoch wäre ich an Tagen wie heute lieber zeitiger zu Hause.« Charlotte reckte ihr Gesicht der Sonne entgegen. »Schau nur, welch herrliches Wetter uns entgeht.«
»Dann komm doch nachher mit. Paul und ich wollen an den See.«
Diesen Vorschlag hatte Charlotte gefürchtet. Seit über drei Wochen, seit sich Leopold bei ihnen versteckte, ging sie ihren Freunden nun schon aus dem Weg. Aus Angst, sich irgendwie zu verraten. Inzwischen fielen ihr kaum noch glaubhafte Ausreden ein, warum sie Paul und Ilse nicht mehr treffen konnte.
Beinahe einen Monat lang hatten ihre Eltern und sie es bereits geschafft, Leos Verbleib geheim zu halten – selbst vor Rosi. Der Preis dafür war, dass Charlotte ihre kleine Schwester ständig im Auge behalten musste. Sie hatte Rosi sogar bei ihrem Stelldichein mit Paul im Schlepptau gehabt, das unter diesen Umständen natürlich keines mehr gewesen war. Paul hatte seine Überraschung überspielt, war freundlich wie immer gewesen, hatte mit Rosi herumgealbert – und doch waren Charlotte seine enttäuschten Blicke nicht entgangen. Sie hatte sich jenen Nachmittag gewiss auch anders vorgestellt. Aber was sollte sie machen? Ihre Eltern und Leopold zählten auf ihre Hilfe. Also zog sie sich ohne Erklärung zurück. Paul die Wahrheit zu sagen war undenkbar, anlügen wollte sie ihren Freund jedoch erst recht nicht. Er merkte natürlich, dass sie ihm etwas verschwieg. Kein Wunder, dass er sich jetzt lieber mit der lebenslustigen Ilse traf, die kokett ihre Haare über die Schulter warf und ihre Rundungen in Szene setzte – sofern kein Erwachsener in der Nähe war.
»Ja, ich komme gern mit an den See«, antwortete sie spontan.
Schlimmstenfalls würde sie Rosi mitnehmen müssen. Aber sie vermisste die unbeschwerten Nachmittage. Und Paul. Sein Lachen hatte schon immer jeden Kummer vertrieben.
Vor ihrem Haus stand Charlottes Mutter auf einen Spaten gestützt und tupfte sich mit einem Tuch die Stirn ab.
»Guten Tag, Frau Gerber«, grüßte Ilse und erntete ein freundliches Nicken.
»Mutti, darf ich später mit an den See?«, platzte Charlotte sofort mit ihrer Bitte heraus.
Einen bangen Augenblick lang dachte sie, ihre Mutter würde es ihr verbieten, doch dann nickte sie. »Natürlich. Wenn wir im Garten fertig sind, kannst du dich mit deinen Freunden treffen.«
»Bis nachher.« Mit einem Winken verabschiedete sich Ilse, während Charlotte in Richtung Haustür ging.
»Lauf geschwind rein und bereite Brote zum Mittagessen. Nimm auch welche mit hoch. Rosi ist bis zum Abend bei Magda.«
Charlotte verstand, was ihre Mutter ihr damit auftrug. An Tagen, an denen Rosi bei ihrer Freundin zum Spielen war, durfte sich Leopold frei im Haus bewegen. Charlotte kümmerte sich dann um ihn und bemühte sich, ein wenig Freude in das Leben des verschreckten Kindes zu bringen. Meist vergeblich, denn aus dem einstigen Lausbuben mit dem charmanten Grinsen war ein blasser Knabe mit angstvollem Blick geworden.
Charlotte stellte ihre Schultasche neben die Treppe in der Diele. Auf der Kommode lag die Post von heute, zuoberst ein Brief, der mit dem Vermerk »Empfänger unbekannt verzogen« zurückgekommen war. Charlotte schüttelte traurig den Kopf. Es war eines der Schreiben ihres Vaters, gerichtet an Leopolds Verwandtschaft. Vor der Räumung der Wohnung war Charlottes Vater wie ein Dieb in der Nacht bei Rosenbergs eingebrochen und hatte einige von Leopolds Sachen und Dokumente an sich genommen, darunter auch ein Notizbuch mit Adressen von Verwandten. Voller Hoffnung hatte ihr Vater sich an jeden von Leopolds Angehörigen gewandt, aber eine Antwort stand bis heute aus. Von Leopolds Eltern gab es ebenso wenig Nachricht. Charlotte glaubte nicht mehr daran, dass sie Leopold rasch zu seiner Familie schicken konnten, und sie las in den Mienen ihrer Eltern, dass sie ähnlich dachten. Mit jedem dieser Briefe ohne Antwort gruben sich tiefere Falten in die Stirn ihres Vaters, und ihre Mutter war so voller Furcht, dass sie zusammenfuhr, sobald jemand an die Tür klopfte.
Mit einem beklommenen Gefühl richtete Charlotte mit Wurst und Käse belegte Brote auf einem Tablett an, deckte sie mit einem Tuch zu und machte sich auf den Weg zum Dachboden.
Die knarzende Treppe sorgte dafür, dass Leopold wusste, wenn jemand zu ihm hinaufkam. Wie ein Wiesel huschte er dann in sein Versteck. Als Charlotte die niedrige Tür aufstieß, lag daher ein leerer Raum vor ihr, in dem nur der Staub im Sonnenlicht tanzte, das durch ein kleines Dachfenster fiel.
Charlotte bewunderte die Umsicht, mit der ihr Vater die Kammer für Leopold gemauert hatte. Die Wand unterschied sich in nichts von der gegenüberliegenden Giebelwand. Nur bei genauem Hinsehen würde man merken, dass sie am Ende – dort, wo selbst ein Kind schon kriechen musste – nicht ganz mit der Dachschräge abschloss.
»Grüß dich, Leo.« Charlotte gab sich betont munter.
Durch die winzige Öffnung zwischen Mauer und Dach lugte nun ein strohblonder Schopf.
»Ich habe uns Brote gemacht. Wir können sie zusammen essen. Ein Picknick. Was hältst du davon?« Die Idee war Charlotte spontan gekommen. »Rosi ist nicht da, wir können uns in den Garten setzen.«
Leopold nickte schweigend. Als er aus dem Schatten hervortrat, sah Charlotte, dass er geweint hatte. Sofort schämte sie sich für ihre nichtigen Sorgen. Wie konnte sie sich darüber grämen, dass sie wegen Leopold ihre Freunde nicht treffen durfte, während dieser im selben Moment nicht wusste, ob er seine Eltern jemals wiedersah?
Sie strich Leopold über den Kopf. »Danach lese ich dir vor, wenn du möchtest.«
»Die Geschichte, von der du mir gestern erzählt hast?«, fragte er. »Von dem Kai?«
»Genau die«, bestätigte Charlotte, und endlich schlich sich die Andeutung eines Lächelns in Leos blasses Gesicht.
Zusammen liefen sie die Treppe ins Erdgeschoss hinunter. Auf dem Weg nach draußen zog Charlotte die Erzählung Kai aus der Kiste aus dem Bücherregal.
Der Garten hinter dem Haus war von einer hohen Hecke umgeben. Als zusätzlichen Sichtschutz hatte ihr Vater ein Regal mit Blumentöpfen und Kübeln so platziert, dass dahinter eine kleine Rasenfläche abgeteilt war, auf der Leo und sie sich niederließen. Charlottes Blick wanderte skeptisch an dem Gestell mit den Gartenbehältnissen entlang. Eine echte Versteckmöglichkeit bot es nicht. Trotzdem mussten sie Leo zumindest dieses bisschen an Freiheit und frischer Luft gestatten. Der Junge war erschreckend bleich. Charlotte konnte nur erahnen, wie schwer es ihm fallen musste, tagein, tagaus still auf dem Dachboden auszuharren, wo es nachts rasch auskühlte und tagsüber stickig war. Beklagt hatte er sich kein einziges Mal. Doch an der Art, wie er sich nun entspannt ins Gras legte und in die Sonne blinzelte, merkte Charlotte, wie sehr es ihm fehlte, draußen zu sein.
Charlotte breitete das Küchenhandtuch auf dem sonnenwarmen Rasen aus und stellte das Tablett darauf ab. »Bitte, greif zu!«
Dann holte sie aus der Küche Gläser und einen Krug mit Wasser. Als sie in den Garten zurückkehrte, saß Leo bereits in der Sonne und aß sein Brot mit mehr Appetit als in den vergangenen Tagen.
Charlotte gratulierte sich still zu ihrer Idee mit dem Picknick. Das gute Wetter weckte die Lebensgeister des Jungen, und kaum hatte er den letzten Bissen heruntergeschluckt, forderte er mit ungewohnt energischer Stimme: »Und jetzt die Geschichte!«
Lachend nahm Charlotte das Buch und schlug die erste Seite auf. »Eine Kiste, die ›Danke‹ sagt«, begann sie, und es dauerte nicht lange, bis sie ebenso in der Erzählung versank wie Leopold.
Die Minuten verschmolzen, die Gegenwart verblasste, während sie mit Leopold im Geiste nach Berlin und in eine Zeit reiste, in der die Welt noch in Ordnung war. Erst als sich ihr Bein mit einem unangenehmen Kribbeln meldete, fiel ihr auf, dass sie schon eine Weile in dieser unbequemen Position mit dem Buch auf dem Schoß auf dem Rasen saß.
»Den Rest verwahren wir uns für morgen.« Sie merkte sich die Seite und klappte das Buch zu. »Ich habe die Zeit vergessen.«
Wie auf ein Stichwort hörte sie in diesem Moment die Stimme ihrer Mutter. »Charlotte, seid ihr … Bist du im Garten? Du solltest mir doch helfen.«
Charlotte spähte an den Blumentöpfen vorbei zur Hausecke, wo ihre Mutter mit dem Spaten in der Hand erschien.
»Alles in Ordnung, es ist nur meine Mutter«, raunte sie Leopold zu, der sich sofort mit ängstlicher Miene bis in den Winkel der Hecke zurückgezogen hatte.
Es schnitt Charlotte ins Herz, ihn so zu sehen. Vor wenigen Wochen noch war er mit den anderen Kindern durch Hangeck gejagt und hatte einen Ball in eine Gemüsekiste vor dem Krämerladen geschossen. Damals war seine größte Sorge wohl die gewesen, nicht vom Eigentümer des Geschäfts geschnappt zu werden. Zum Glück für die Übeltäter war der Ladeninhaber Pauls Vater – und damit einigen Kummer mit übermütigen Jungen gewohnt. Er hatte nur mahnend den Zeigefinger gehoben und die Kinder dazu verdonnert, die herumkullernden Rüben wieder einzusammeln. Charlotte und Paul hatten das Schauspiel lachend verfolgt. Heute konnte sich Charlotte nur schwer vorstellen, dass dieser Vorfall gar nicht lange zurücklag. Leo wirkte in diesem Moment nicht so, als würde er jemals wieder ausgelassen einen Ball auf der Straße vor sich hertreiben.
Charlotte stand auf und trat zu ihrer Mutter. »Entschuldige, Mutti. Ich habe Leo vorgelesen, und die Zeit verging so rasch.«
»Ich verstehe.« Ihre Mutter blickte an Charlotte vorbei zu dem kleinen Jungen, der schüchtern hinter dem Regal hervorspähte. »Hat dir die Geschichte gefallen?«
Leo nickte, und für einen flüchtigen Moment leuchteten seine Augen.
»Dann ist es gut.« Charlottes Mutter lächelte. »Das war wichtiger, als Beete umzugraben.« Sie lehnte den Spaten an die Wand. »Vorne bin ich fertig, hier mache ich morgen weiter.« Sie rieb sich über das Kreuz. »Für heute reicht es.«
»Was hast du denn gemacht?«, erkundigte sich Charlotte. »Der Garten war doch schon hübsch.«
»Ja, das war er.« Traurigkeit überzog das Gesicht ihrer Mutter. »Aber jetzt …«
Näher kommende Schritte und eine Stimme unterbrachen sie abrupt. »Charlotte, bist du hier hinten? Auf mein Klopfen vorne hat niemand geöffnet.« Ilse bog um die Ecke.
Leo!, war Charlottes erster Gedanke. Der Junge kauerte kaum verborgen neben einem Stapel Blumentöpfe. Charlotte und ihre Mutter sahen sich entsetzt an. Aus den Augenwinkeln sah Charlotte, dass Leo plötzlich losrannte. Wie ein gehetztes Kaninchen stob er aus dem Versteck hervor und auf die Hintertür zu. Geistesgegenwärtig machte Charlotte einen Schritt zur Seite in die Sichtlinie von Ilse. Auch Charlottes Mutter verstellte den Blick auf die Tür.
Dennoch hatte Ilse die Bewegung im Rücken der beiden wahrgenommen. »Ihr habt Besuch? Wer war das?«
»Rosi«, rief Charlotte aus und hoffte, dass ihre Tonlage nur in den eigenen Ohren so schrill klang.
»Das war Rosemarie«, echote ihre Mutter mit einer ebenfalls unnatürlichen Stimme. »Wir haben keinen Besuch.«
»War das nicht ein Junge?« Ilse reckte den Hals, aber ein Klacken der Hintertür hatte verraten, dass Leopold bereits im Haus verschwunden war. »Er hatte doch Hosen an.«
»Du hast wohl Tomaten auf den Augen.« Charlotte lachte verkrampft.
»Nun lauft geschwind zum See, bevor es zu kühl wird.« Wie eine Henne ihre Küken scheuchte Charlottes Mutter die beiden Mädchen vor sich her in Richtung Straße.
Charlotte wagte nicht einzuwerfen, dass sie weder eine Jacke noch eine Decke zum Sitzen dabeihatte. Hauptsache, sie schafften es, Ilse von hier wegzulotsen.
Sie bogen um die Hausecke – und Charlotte blieb abrupt stehen. Auf den Zustand des Vorgartens war sie nicht vorbereitet. Trotz aller Eile konnte sie nicht anders, als auf die lehmbraune Fläche vor sich zu starren. Gefurchte Erde, wo gestern noch Tulpen und Hyazinthen in bunter Farbenpracht gewetteifert hatten. Ein Acker statt gepflegter Beete. Der Anblick war ein Schock.
»Was ist denn hier passiert?« Langsam drehte sich Charlotte zu ihrer Mutter um und entdeckte bestürzt Tränen in deren Augenwinkeln.
»Tulpen machen nicht satt«, antwortete ihre Mutter knapp.
»Du willst hier etwas zu essen anbauen?«
Ihre Mutter nickte. »Kartoffeln. Lauch. Karotten. Hinter das Haus kommen Bohnen.«
»Aber warum?«, schaltete sich Ilse ein. »Wir hungern doch nicht.«
»Noch nicht«, antwortete Charlottes Mutter finster. »In den Städten sieht es allerdings jetzt schon anders aus. Es gibt immer weniger auf die Lebensmittelmarken. Meine Schwester wohnt in Dortmund, die berichtet von echtem Mangel. Bis der Krieg vorbei ist, werden wir alle den Hunger kennenlernen.« Sie wollte sich umdrehen, um wieder hinter das Haus zu gehen, aber Ilse hielt sie auf.
»Haben Sie so wenig Vertrauen in den Führer, Frau Gerber? Glauben Sie etwa nicht an den Endsieg?«
»Doch, doch, natürlich«, versicherte sie rasch. Im Weggehen hörte Charlotte sie murmeln: »Aber bis es so weit ist, hätte ich gern etwas im Magen.«
»Zweifeln deine Eltern etwa daran, dass der Krieg bald vorbei ist?«, erkundigte sich Ilse, während sie in Richtung Schule weiterliefen, wo sie Paul treffen wollten.
»Wir reden zu Hause nicht darüber«, wich Charlotte aus.
Das stimmte zwar nicht ganz, doch etwas an Ilses lauerndem Tonfall warnte Charlotte, offen mit der Freundin zu sprechen. Laute Kritik hatten ihre Eltern in der Gegenwart der Kinder tatsächlich nie geäußert, zu groß war wohl die Sorge, dass insbesondere Rosi etwas bei den falschen Leuten herausrutschte. Dennoch wusste Charlotte aus aufgeschnappten Bemerkungen, dass ihre Eltern über die Entwicklungen im Deutschen Reich nicht glücklich waren.
»Ich habe nicht den letzten Weltkrieg überlebt, um diesen ganzen Wahnsinn jetzt noch einmal durchzumachen« war in ihrer Gegenwart der deutlichste Kommentar ihres Vaters gewesen, und er ermahnte Charlotte, zwar kritisch zu bleiben, aber in diesen Zeiten mit niemandem über Politik zu reden. »Feind hört mit«, hatte er das warnende Plakat zitiert, das in der Stadt an den Litfaßsäulen hing, wohl wissend, dass diese Warnungen anderen Leuten galten als denen, die er im Sinn hatte.
Charlotte warf Ilse einen unbehaglichen Seitenblick zu. War sie eine von denen, an die ihr Vater bei seinen Worten gedacht hatte? Musste sie sich vor ihrer Freundin in Acht nehmen? Dass diese sich bei BDM-Aktivitäten besonders hervortat, hatte Charlotte auf Ilses ausgeprägten Ehrgeiz geschoben. Bei allem, was sie machte, wollte sie die Beste, Schnellste und Schönste sein. Charlotte kannte Ilses Vater und ahnte, woher diese an Verbissenheit grenzende Strebsamkeit kam. Ruprecht Heitmann war streng und fordernd. Schlechte Leistungen bestrafte er mit dem Rohrstock. Ilses Mutter war eine kränkliche Frau, die sich gegen die Erziehungsmethoden des Vaters selbst dann nicht hätte durchsetzen können, wenn sie es gewollt hätte. Also nahm Charlotte es mit Gleichmut hin, dass Ilse gelegentlich über das Ziel hinausschoss, und Ilse dankte es ihr mit einer Freundschaft, die seit jüngster Kindheit Bestand hatte. Sollte diese Freundschaft nun gefährdet, wenn nicht gar gefährlich sein?
Nein, niemals. Charlotte schüttelte über sich selbst den Kopf. Wie konnte sie einen solchen Gedanken auch nur zulassen?
Wie zum Beweis lächelte Ilse strahlend. »Es ist schön, dass du endlich wieder mit dabei bist. Paul und ich haben schon vermutet, dass du ein finsteres Geheimnis hütest.«
Schwang da erneut etwas in der Stimme ihrer Freundin mit? Charlotte verkrampfte, doch Ilse lachte. Sie hatte nur einen Scherz gemacht. Erleichtert stimmte Charlotte mit ein. Sie musste wirklich aufpassen, dass die Sorge um Leo sie nicht hinter jeder harmlosen Bemerkung böse Absichten vermuten ließ.
Vor der Dorfschule wartete bereits Paul. In seiner Hand hielt er einen großen Picknickkorb, unter dem Arm klemmte eine Decke, und er lächelte breit, als er sie kommen sah.
Charlotte entging nicht, dass er dabei insbesondere ihr in die Augen blickte. Ihr Kummer verflog sofort wie Morgennebel in der Sonne. Pauls Lächeln hatte ihre Welt schon immer ins Lot gebracht. Wie sehr hatte sie ihren Freund vermisst!
»Da seid ihr ja endlich«, sagte er zur Begrüßung. »Ich habe Rosi schon ausgequetscht, wo ihr steckt, aber sie wusste es auch nicht.«
Das Glücksgefühl erstarb ebenso schnell, wie es sich ausgebreitet hatte. An seine Stelle rückte ein vor Schreck rasendes Herz. Wenn Ilse nun eins und eins zusammenzählte …
»Nicht? Sie war doch gerade noch bei Gerbers im Garten«, meldete sich ihre Freundin prompt zu Wort und warf Charlotte einen argwöhnischen Blick zu.
»Aber sie hat doch gesagt –« Paul verstummte abrupt, als Charlotte ihm unsanft den Korb aus der Hand riss.
»Was hast du denn Schönes mitgebracht? Ich sterbe vor Hunger.« Sie hob den Deckel an. »Ein frisches Brot. Und ein großes Stück Käse. Das ist sicherlich von euch!«, sagte sie an Ilse gewandt. »Was habe ich für ein Glück, dass die Eltern meiner besten Freunde den Krämerladen und den größten Bauernhof haben, so sind wir immer gut versorgt«, plapperte sie weiter.
Sie sah Ilses Stirnrunzeln und Pauls fragenden Blick und wusste, dass sie sich seltsam verhielt, doch sie musste um alles in der Welt das Thema wechseln. Genau solche Momente hatte sie gefürchtet. Sie hätte sich weiterhin von Paul und Ilse fernhalten sollen. Wie lange konnte das gut gehen?
Mit dem schweren Korb in der Hand stapfte sie los. Während sie ein Tempo anschlug, das ein weiteres Gespräch hoffentlich unmöglich machte, wirbelten Gedanken und Gefühle in dunkelstem Grau durch ihren Kopf.
Bald lag die Wiese im Sonnenschein vor ihnen. Bis zum Waldrand am Horizont erstreckten sich Tausende von Blumen, Bienen und Schmetterlinge umgarnten die Blüten. Es duftete süßlich, aromatisch, wild. Aber in diesem Moment – an diesem strahlend schönen Frühlingstag, begleitet von ihren besten Freunden – fürchtete sich Charlotte plötzlich vor der Zeit, die ihnen bevorstand. Tief in ihrem Innern spürte sie eine nie gekannte Angst.
»Was war das eben?« Paul ließ sich neben Charlotte auf die Decke fallen.
Nach nur wenigen Schritten in den See war es ihm doch zu kalt gewesen, und er war zu Charlotte zurückgekehrt. Von ihrem Platz aus verfolgten sie, wie Ilse heroisch ins Wasser glitt.
»Was war was?« Charlotte hielt ihren Blick angestrengt auf den See gerichtet.
Paul drehte sich zu ihr, ihre Knie berührten sich fast, und seine grünen Augen waren viel zu nah.
»Du warst auf dem Hinweg seltsam.« Er stockte kurz. »Genau genommen bist du seit ein paar Wochen seltsam.«
»Bin ich nicht.«
»Bist du wohl.« Er hielt inne. »Und du kannst mir jetzt nicht einmal in die Augen sehen.«
Stimmt, aber das hat andere Gründe, dachte Charlotte. Trotzdem wuchs ihr Unbehagen. Sie konnte Paul nicht anlügen. Das hatte sie noch nie gemacht, denn jeder Versuch war zum Scheitern verurteilt. Charlotte war eine schlechte Lügnerin, und Paul kannte sie zu gut.
Demonstrativ wandte sie ihren Kopf in seine Richtung. »Ich sehe dich an. Ich will nur nicht, dass Ilse ertrinkt. Das Wasser ist viel zu kalt.«
»Ist es.« Paul nickte. »Ilse will mal wieder etwas unter Beweis stellen. Du kennst sie doch.« Er zuckte mit den Schultern. »Mich interessiert im Moment viel mehr, was mit dir ist. Gehst du mir aus dem Weg?«
Ja.
»Nein, ich habe nur zu Hause viele Pflichten. Meine Mutter gibt mir eine Menge zu tun.«
Das entsprach so weit den Tatsachen, dass Paul nichts von ihrer Schwindelei merken würde.
»Das erklärt nicht, warum du gerade auf dem Hinweg so seltsam warst. Du hast mir fast den Arm abgerissen, um an den Korb zu kommen, und bist dann im Stechschritt durch den Wald gehetzt.«
»Es lag an Ilse«, redete sich Charlotte heraus. Wenn sie nur nah genug an der Wahrheit blieb, klappte es ganz gut mit der Schwindelei. »Sie war irgendwie merkwürdig und wollte über den Krieg und den Endsieg und solche Dinge reden. Das will ich aber nicht.« Charlotte schwieg einen Moment lang, dann stellte sie die Frage, die ihr schon den gesamten Nachmittag auf der Seele brannte. »Glaubst du, Ilse findet das alles gut? Also den Führer und den Krieg und … und den ganzen Rest.«
Gerade noch rechtzeitig war ihr die Mahnung ihrer Mutter in den Sinn gekommen, die Konzentrationslager niemals zu erwähnen.
»Ich glaube nicht.« Paul sah hinaus auf den See, wo Ilse ihre kraftvollen Schwimmzüge in Richtung Ufer zurücklenkte. »Denn ›der ganze Rest‹, den du meinst, umfasst schließlich auch diesen Rassenwahn, und dann dürfte sie nicht mit mir hier sein.«
Er blickte Charlotte wieder an, die ihn verblüfft anstarrte. »Du bist ein Jude?«
»Zum Teil.« Paul nickte. »Mein Vater ist in der Sprache der Nationalsozialisten ein ›Mischling‹.« Er spuckte das Wort geradezu aus.
»Das wusste ich nicht. Aber ihr geht doch in die Kirche!«
»Meine Mutter und ich sind evangelisch. Mein Vater gilt jedoch als Jude.«
»Und Ilse weiß davon?« Der Stachel, dass die Freundin mehr über Paul wusste als sie, pikste Charlotte.
»Ich habe es ihr vor einiger Zeit erzählt. Sie hat gemerkt, dass ich bedrückt war. An dem Tag war es besonders schlimm in der Schule. Da ist mein nicht deutschblütiger Teil plötzlich wichtig genug, um Schwierigkeiten zu machen.«
Charlotte konnte sich nicht entsinnen, jemals so viel Verbitterung in seiner Stimme gehört zu haben.
»Darfst du nicht mehr am Unterricht teilnehmen?«, fragte sie erschrocken.
Das wäre für Paul eine Katastrophe. Er war Jahrgangsbester und wollte nach der Reifeprüfung studieren – sofern der Krieg bis dahin vorbei sein und er nicht zur Wehrmacht eingezogen werden würde.
»So weit ist es zum Glück noch nicht. Aber die Schulleitung weiß von meiner Abstammung, und es ist inzwischen bis zu meinen Lehrern und Schulkameraden durchgesickert. Einige von ihnen scheint es zu stören.«
»Nur ein Dummkopf könnte dir das vorwerfen!« Charlotte wurde zornig. »Du bist doch immer noch derselbe Mensch!«
»Sollte man meinen.« Er hob den Kopf, als Ilse auf sie zukam. »Ist dir nun doch zu kalt?« Die Anspannung aus der Stimme war verschwunden, und er zwinkerte Ilse zu.
»So kalt war es gar nicht.« Ilse ließ einige dicke Wassertropfen aus ihrem Zopf auf Pauls Beine fallen und lachte, als er zuckte. »Ein echter Mann muss das aushalten.«
Paul stimmte in das Lachen ein und sah Ilse unverwandt an.
Die Schwimmbekleidung stand ihrer Freundin zugegebenermaßen ausgezeichnet. Eng anliegend präsentierte der Einteiler nicht nur Ilses neiderregende Rundungen, er verdeckte zudem wenig von ihrer makellosen Haut. Charlotte fragte sich, wie Ilse dieses Teil vor den gestrengen Augen ihres Vaters geheim hielt. Denn es war undenkbar, dass Ruprecht Heitmann den Kauf dieses aufreizenden Stücks gebilligt hatte.
Ilse nahm ihre Tasche. »Bin gleich wieder da.«
Nicht nur Charlotte sah ihrer Freundin nach, die sich hinter einen dicht gewachsenen Ilex stellte, um sich umzuziehen. Ihre Bewegungen waren kaum wahrnehmbar, mit viel Fantasie gerade als Schattenriss zu erahnen, aber Paul verfügte wohl über das richtige Maß an Vorstellungsvermögen, wenn Charlotte seine Blicke nicht falsch deutete. Ihr wurde flau vor Enttäuschung.
Ilse kam wieder hinter dem Gebüsch hervor und sah auch in dem Kleid so hübsch aus, dass Charlotte ohnehin nicht mit ihr hätte konkurrieren können. Ilses Vater war zwar streng, aber reich, und er liebte es, seinen Wohlstand zu zeigen. Seit die Lebensmittel knapper wurden, lief es für Ruprecht Heitmann mit dem großen Gehöft noch besser. Was es nicht auf die Bezugsscheine gab, bekam man bei den Heitmanns. So hatten Ilse und ihre Schwestern immer die schönsten Kleider an. Früher hatte es Charlotte nie gestört, aber da hatte Paul ihre Freundin auch noch nicht so angesehen.
»Ich muss gehen.« Charlotte sprang auf.
Es war eine dumme Idee gewesen, sich mit den beiden zu treffen. Fast hätte sie Leo dadurch in Gefahr gebracht. Alles nur, um jetzt mitansehen zu müssen, dass Paul und Ilse ganz ausgezeichnet ohne sie auskamen.
»So kurz nur? Wie schade«, sagte Ilse, doch echtes Bedauern hörte Charlotte nicht heraus.
Das sprach schon eher aus Pauls Blicken. »Ich hoffe, es dauert nicht wieder vier Wochen, bis wir uns wiedersehen.«
Er hatte also registriert, wie lange sie sich nicht getroffen hatten. Immerhin. Bevor sich Charlotte darüber freuen konnte, glitt Ilse grazil auf die Decke neben Paul. Auf den Platz, auf dem sie eben noch gesessen hatte. Der Anblick reichte. Charlotte machte auf dem Absatz kehrt und eilte über die Wiese.
Erst als sie den Waldweg nach Hangeck erreichte, verlangsamte sie ihre Schritte. Stille Tränen der Wut liefen Charlotte über die Wangen. Es war einfach ungerecht. Warum musste sie darunter leiden, was andere entschieden? Warum hatten die Heitmanns so viel Geld? Warum konnte Leo nicht bei seiner Familie sein? Dann hätte sie Zeit für Paul gehabt, und der würde jetzt keine andere so angaffen.
»Verdorrichnocheins!« Wütend kickte sie einen Stein über den Weg. Gut, dass sie hier allein war. So laut zu fluchen würde ihr eine gehörige Standpauke einbringen, wenn ihre Eltern davon erfuhren. Aber es tat gut. »Jawohl, zum Kuckuck!«
Als Charlotte das Dorf erreichte, wischte sie die letzten Tränen mit dem Handrücken fort. Vermutlich sah man trotzdem, dass sie geweint hatte. Mit gesenktem Haupt huschte sie über die Straßen zu ihrem Haus. Der Anblick des Vorgartens schnürte ihr erneut den Hals zu. Sie schluckte und lief zum Hintereingang. Es war besser, sich heimlich hineinzuschleichen und sich frisch zu machen, als ihrer Mutter den Grund ihrer Tränen erklären zu müssen.
Die Küche war leer, wie ein kurzer Blick durch das Sprossenfenster bestätigte. Erleichtert atmete Charlotte aus und öffnete behutsam die Tür. Sie hörte ihre Eltern im Wohnzimmer miteinander reden. Auf dem Küchentisch kühlte ein Brot aus, auf dem Herd köchelte etwas im größten Topf ihrer Mutter. Charlotte schnupperte und verzog das Gesicht. Graupensuppe. Der Tag war nicht mehr zu retten.
Auf Zehenspitzen schlich sie in die Diele. Sie musste vorsichtig auftreten, die Absätze ihrer Halbschuhe waren auf den Fliesen kaum zu überhören.
Dabei hätten ihre Eltern in diesem Moment wohl nicht einmal ein Regiment Wehrmachtssoldaten wahrgenommen, denn sie stritten miteinander. Wie so oft in letzter Zeit. Und wie immer ging es um Leo. Charlotte seufzte. Ihre Eltern versuchten, die angespannte Stimmung vor den Mädchen zu verbergen, aber Charlotte hatte in den vergangenen vier Wochen zu viele solcher Gespräche mitbekommen. Es war nicht so, dass ihre Mutter kein Mitgefühl mit Leopold hatte, doch die Angst um die Sicherheit ihrer eigenen Familie überwog.
»Du musst dir etwas einfallen lassen«, sagte ihre Mutter auch jetzt im beschwörenden Tonfall. »Das hätte heute in einer Katastrophe enden können. Gnade uns Gott, wenn ausgerechnet die Heitmanntochter herausfinden sollte, dass ein Jude bei uns versteckt wird!«
Ausgerechnet die Heitmanntochter? Ihre Mutter misstraute Ilse also ebenfalls. Glücklicherweise hatte Charlotte immer die Warnungen ihres Vaters im Hinterkopf gehabt und nie ein Wort über den Führer in Gegenwart anderer verloren. Mit angehaltenem Atem verharrte Charlotte im Flur.
»Vielleicht sollten wir Charlotte den Umgang mit Ilse verbieten, bis die Sache vorbei ist«, überlegte Charlottes Vater laut.
»Bist du von Sinnen? Sie ist Charlottes beste Freundin. Wie viel willst du deinen Töchtern denn noch aufbürden?«
Von Ilse werde ich mich zukünftig ohnehin fernhalten, dachte Charlotte bitter. Einen weiteren Nachmittag wie heute wollte sie wahrhaftig nicht erleben. Das fünfte Rad am Wagen, während Paul und Ilse turtelten.
»Was stellst du dir denn vor? Soll ich einen Achtjährigen auf die Straße setzen? Leopolds Verwandtschaft meldet sich nicht. Vermutlich sind sie auch längst in den Osten gebracht worden. Ich kann nur beten, dass sie sich dort tatsächlich ein neues Leben aufbauen dürfen und wir es irgendwie schaffen, den Kontakt herzustellen.«
»Du glaubst wirklich, das wird dir gelingen?« Ihre Mutter klang mit einem Mal niedergeschlagen.
»Nein.« Auch Charlottes Vater hatte jegliche Kraft in der Stimme verloren. »Nein, das glaube ich nicht mehr. Aber ich weigere mich, das Allerschlimmste anzunehmen. Ich habe mich umgehört. Ob irgendwer weiß, wie man Kontakt herstellen kann. Alle haben mir dringend geraten, das Thema ruhen zu lassen.«
»Allerdings. Es ist gefährlich, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Du bringst uns noch in Teufels Küche!«
»Du hast ja recht. Wir müssen eine Lösung finden, bevor ich wegmuss.« Die Stimme ihres Vaters klang unendlich müde.
Charlotte blieb das Herz stehen. Er wollte doch nicht fortgehen? Fast wäre sie ins Wohnzimmer gestürzt.
»Was meinst du damit?«, fragte ihre Mutter kaum hörbar.
»Ach, Hildchen, Liebling.« Ihr Vater schwieg für einen Moment. »Ich fürchte, ich werde nicht länger einen Unabkömmlichkeitsvermerk erhalten.«
»Johann! Nein!«
Ihre Mutter hatte die Hand vor den Mund geschlagen – Charlotte hörte es am Klang –, aber der gepeinigte Aufschrei ging Charlotte trotzdem durch und durch. Auch sie begann zu zittern. Der Unabkömmlichkeitsvermerk war ein Garant, nicht in den Krieg zu müssen. Ihr Vater durfte nicht eingezogen werden! Sie liebte und sie brauchte ihn. Er hatte doch immer auf alles eine Antwort.
Der Sessel wurde gerückt, und Charlotte spähte vorsichtig um die Ecke. Ihr Vater hielt ihre weinende Mutter im Arm.
»Wie sicher ist es?«, fragte sie gepresst.
»Alle Lehrkräfte werden durch reaktivierte Pensionäre oder Frauen ersetzt. In den Städten sind sie schon durch, jetzt folgen die kleinen Schulen. Selbst in Schulen wie unserer ist der einzige Lehrer nicht mehr unabkömmlich und wird einberufen.«
»Aber du gehörst zu den weißen Jahrgängen! Ihr habt nicht einmal einen Wehrdienst absolviert!«
