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Ein Marquess mit zweifelhaftem Ruf und eine Lady, die seine Hilfe braucht …
Der Abschluss der verführerischen Regency-Reihe rund um den geheimen Club Temptation
Nach der unkonventionellen Erziehung von Miss Iris Grace Morgan fällt es der jungen Frau schwer sich so in die Londoner Gesellschaft einzufügen, wie es von ihr erwartet wird. Bei ihrem Debüt kommt es daher beinahe zu einem Desaster und sie zweifelt daran jemals eine echte Lady werden zu können. Ramsey Scott, Marquess of Sterling, meidet Klatsch und Skandale wie die Pest, aber nachdem er Zeuge von Graces Debakel wird, kann er nicht umhin, ihr seine Hilfe anzubieten. Als Betreiber des geheimen Clubs Temptation ist er allerdings der Letzte, der die schöne Miss Grace Morgan schützen sollte. Obwohl sich der Marquess vornimmt nicht mehr als eine Freundschaft zuzulassen, schleicht sich Grace in sein Herz. Doch während sie in der Gesellschaft aufblüht, spürt Ramsey, wie sie ihm entgleitet. Bis sie ihn in seine bisher größte Versuchung lockt …
Alle Bände der Gentlemen Club-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
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Gefährliches Spiel um das Herz der Lady (ISBN: 9783986379551)
Das Geheimnis der furchtlosen Lady (ISBN: 9783986379582)
Erste Leser:innenstimmen
„Band drei ist ein gefühlvoller, spannender und überaus gelungener Abschluss der Regency Romance-Reihe.“
„Gentleman Nummer 3 hat es mir besonders angetan. Grace und Ramsey gehören einfach zusammen!“
„Ich habe diese verführerische und liebevolle Regency Romance ins Herz geschlossen.“
„Wunderschöner historischer Liebesroman mit emotionalen Höhen und Tiefen. Definitiv ein Must-Read!“
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2023
Nach der unkonventionellen Erziehung von Miss Iris Grace Morgan fällt es der jungen Frau schwer sich so in die Londoner Gesellschaft einzufügen, wie es von ihr erwartet wird. Bei ihrem Debüt kommt es daher beinahe zu einem Desaster und sie zweifelt daran jemals eine echte Lady werden zu können. Ramsey Scott, Marquess of Sterling, meidet Klatsch und Skandale wie die Pest, aber nachdem er Zeuge von Graces Debakel wird, kann er nicht umhin, ihr seine Hilfe anzubieten. Als Betreiber des geheimen Clubs Temptation ist er allerdings der Letzte, der die schöne Miss Grace Morgan schützen sollte. Obwohl sich der Marquess vornimmt nicht mehr als eine Freundschaft zuzulassen, schleicht sich Grace in sein Herz. Doch während sie in der Gesellschaft aufblüht, spürt Ramsey, wie sie ihm entgleitet. Bis sie ihn in seine bisher größte Versuchung lockt …
Alle Bände der Gentlemen Club-Reihe können unabhängig voneinander gelesen werden.
Deutsche Erstausgabe Februar 2023
Copyright © 2023 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98637-948-3
Copyright © 2018, Kristin Vayden Titel des englischen Originals: The Temptation of Grace
Published by Arrangement with KENSINGTON PUBLISHING CORP., NEW YORK, NY 10018 USA.
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Übersetzt von: schreib-weise Covergestaltung: Anne Gebhardt unter Verwendung von Motiven von shutterstock.com: © Phatthanit depositphotos.com: © [email protected] periodimages.com: © Maria Chronis, VJ Dunraven Productions, PeriodImages.com Korrektorat: Buchgezeiten
E-Book-Version 05.12.2023, 14:15:57.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
Abhängig vom verwendeten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.
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Für alle, die wissen, wie es ist, wenn man sich wie ein Versager fühlt, gebrochen und hoffnungslos, voller Scham. Hoffentlich entdeckst auch du die Wahrheit, die Ramsey erkannt hat: Du bist genug. Du warst immer genug. Mögest du dich eines Tages in die Lüfte erheben wie ein Adler. Wer du gestern warst, muss nicht bestimmen, wer du heute bist.
Zu sagen, dass Ramsey Scott nie eine Kindheit hatte, wäre untertrieben. Seine Mutter, Gott schütze ihre Seele, starb, kurz nachdem sie ihn auf die Welt gebracht hatte – eine Welt, die durch den Verlust ihrer liebreizenden Seele kälter wurde. Sein immerzu missmutiger Vater, der Marquess of Sterling, nahm den kleinen gewickelten Säugling von der Hebamme entgegen, schritt aus dem Geburtsraum in den Saal und blickte nicht zurück. Es hatte nur wenig Zuneigung zwischen den Eltern gegeben und Ramseys Mutter war nur ein Mittel zum Zweck gewesen … wobei der Zweck ein Erbe war.
Sein Vater hatte nun die Gewissheit, dass seine Linie fortbestehen würde, und so hatte er nur ein Ziel.
Ehre.
Aber nicht auf die Weise, wie diese Tugend Aufmerksamkeit verdiente. Nein, Ehre in ihrer verdorbensten Form, Ehre, die aus der Vollkommenheit kam, aus dem Verzicht auf Skandale, Ehre, die einen hohen Preis hatte. Denn die einzige andere Option, wenn schon keine Ehre, war die Schande. Der Marquess hatte durchaus Erfahrung damit. Die Schande hatte ihn sein ganzes Leben lang verfolgt, durch seinen eigenen Vater … und wie es sich mit der Geschichte nun mal verhielt, musste sie sich in den kahlen Hallen von Glenwood Manor wiederholen. Bevor Ramsey Scott eine Stunde alt war, war sein Lebenspfad festgelegt.
Ein Pfad, der nur ein Ende haben konnte.
Den Ruin.
Denn wer konnte schon Perfektion erreichen?
Niemand.
Doch wer konnte Schande erreichen?
Jeder.
Jeder einzelne von uns.
Edinburgh, Schottland – vorerst
Miss Iris Grace Morgan hatte ihren Namen schon immer gehasst, und angesichts der Tatsache, dass sie in nur einer Woche in London ankommen würde, traf sie eine Entscheidung. Sie würde nicht als Iris nach London gehen, die Frau, die keinen Walzer tanzen konnte, selbst wenn es darum gegangen wäre, ihre Seele zu retten, und auch nicht als die junge Dame, die maßlos in allen damenhaften Dingen versagte. Nein, sie würde als Grace ankommen: die Frau, die alles war, was … nun, was sie nicht war. Es konnte nicht schaden, einen Namen zu haben, der etwas andeutete, was sie nicht besaß – Grazie –, und sie hoffte, dass es tatsächlich nützlich sein würde. Immerhin hatte ihre Gouvernante, nun die Frau ihres Vormunds, sie unter die Fittiche genommen und ihr mit großem Aufwand den dringend nötigen Schliff verpasst, zusammen mit einer dringend notwendigen Freundschaft.
Aber sosehr sie es versuchte, Iris – nein, Grace – war sich nicht sicher, ob der Schliff funktioniert hatte. Lord Kilpatrick versicherte ihr, dass sie viele Blicke auf sich ziehen würde, was nett von ihrem Vormund war. Aber sie machte sich nicht darum Sorgen. Sie war sich sicher, dass sie auffallen würde.
Sie wusste nur nicht, ob sie positiv auffallen würde. Wahrscheinlich würde sie über ihre eigenen Füße stolpern, mit einer schrulligen Witwe zusammenstoßen und den Ballsaal mit Limonade übergießen. Das war nicht unwahrscheinlich.
Es war beim letzten Abendessen fast so geschehen, nur dass es keine Limonade, sondern Weißwein gewesen war, und sie war auch nicht über ihre eigenen Füße gestolpert. Es war ein verdammter Stuhl gewesen. Samantha, die Frau ihres Vormunds und ihre einstige Gouvernante, hatte ihr sanft zugelächelt und ihr geholfen, das Chaos zu beseitigen, bevor Mrs Keyes, die Haushälterin, sie weggescheucht und dabei gegluckst hatte.
Grace lächelte bei der Erinnerung daran. Sie liebte es, auf Kilmarin zu leben. Alle Diener waren freundlich und erwarteten nicht, dass sie jemand war, der sie nicht sein konnte. Sothers, der Butler, war sehr geduldig mit ihr und öffnete die Tür extra weit, nur für den Fall, dass sie sich beim Gehen verschätzte, und Mrs Keyes beschwerte sich nicht ein einziges Mal, wenn sie aus Versehen etwas verschüttete oder über etwas stolperte.
Und sogar Samantha. Grace runzelte die Stirn, wenn sie daran dachte, wie oft sie ihr auf die Zehen gestiegen war, als sie ihr den Walzer beibringen wollte. Dieser Tanz war ihre Achillesferse. Sie hoffte inständig, dass sie einfach im Boden des Londoner Ballsaals versinken würde, sobald die ersten Walzerklänge erklangen. Denn während viele junge Damen im Rampenlicht stehen und eine passende Partie finden wollten, war Grace völlig zufrieden damit, einfach nicht aufzufallen. Aber sie würde ihre Saison bekommen und es war nicht mehr lange bis dahin. Nein. Sie planten, Kilmarin schon in wenigen Tagen zu verlassen und zum Londoner Haus des Viscounts zu reisen, wo sie sich in die Gesellschaft einfügen könnte.
Um Himmels willen, das würde ein Desaster werden.
Wenn sie doch mit potenziellen Verehrern nur reden und nicht tanzen müsste. Sie könnte Arabesques mit ihren Worten tanzen! Sie konnte sich zu fast jedem Thema intelligent äußern, und ihre Eltern, Gott hab sie selig, hatten ihr eine Erziehung zuteilwerden lassen, die nicht einmal Eton bieten konnte, aber sie hatten es versäumt, ihr das beizubringen, was sie im Moment am meisten brauchte.
Wie man eine Dame war.
Also erlaubte sie Maye mit großer Beklommenheit und nach mehr als ein paar Gebeten und mehreren nächtlichen Tanzrunden, ihre Sachen für die Reise nach London zu packen.
Es würde nicht so schlimm werden … oder?
Sie kannte die Antwort auf ihre Frage bereits.
Doch. Doch, es konnte schlimm werden.
Zunächst einmal war London nicht so, wie sie es erwartet hatte. Da sie mit ihren Eltern einen Großteil der bekannten Welt bereist hatte, konnte sie sich damit brüsten, die Sphinx in Ägypten oder die Marktplätze in Indien gesehen zu haben, aber London – das war ein Ort, den sie noch nie besucht hatte. Ihr Vater hatte es immer „tristes altes London“ genannt und ihre Mutter hatte ihn nie korrigiert. Grace’ Erwartungen waren zwar gering, aber sie rechnete mit einem gewissen Erstaunen über das Zentrum ihres geliebten Englands. Während der Kutschfahrt zu ihrem Ziel hatte sie Schönheit in der Natur gefunden, in den Wäldern, den Mooren und in ein, zwei Flüssen. Doch als sie sich der Stadt näherten, wo alle ihre Erfolge und Misserfolge stattfinden würden, fühlte sich ihre Brust schwer an, genau wie die dicke Luft, die nach Menschheit und Rauch roch. Ein trüber Nieselregen verschmierte die Kutschenfenster und versperrte ihr die Sicht, als sie in die gepflasterten Straßen Londons einfuhren. Die Luft schien noch stickiger zu sein, und sie blickte zu Samantha hinüber und rümpfte die Nase.
„Sie werden sich daran gewöhnen.“ Samantha lächelte freundlich, wenn nicht sogar leicht amüsiert.
Der Viscount sah zu seiner Frau und drückte ihre Hand. „Es wird schlimmer, je weiter man sich der Stadt nähert. Bedauerlich.“ Er öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, schüttelte aber stattdessen den Kopf und sah aus dem Fenster.
Grace tippte sich ans Kinn. Sie war neugierig, was er hatte sagen wollen. „Muss ich noch etwas wissen?“, fragte sie.
Er wandte sich ihr zu, sein Ausdruck war zwiegespalten. „Sie haben wohl bei Ihren Reisen durch Indien schon Slums gesehen. Sie sind auch hier ein Problem und die Hygiene ist grauenvoll, falls vorhanden. Noch ein Grund, warum ich das schottische Landleben bevorzuge.“ Er schüttelte den Kopf. „Es ist ein legislatives Problem, für das das Parlament wenig getan hat, und für mich ein wunder Punkt.“
„Ich verstehe.“ Grace nickte.
Samantha legte den Kopf schief und sah ihren Mann an, äußerte sich aber nicht zu dem Thema.
Grace wandte sich wieder dem Fenster zu. „Wo ist Ihr Zuhause?“
„In Mayfair natürlich. Es liegt ganz in der Nähe des Hyde Parks, in den Sie sich zweifellos oft zurückziehen werden.“
„Wunderbar“, hauchte Grace, dankbar dafür, dass es einen Aspekt Londons gab, der ihr gefallen könnte.
„Aber Sie müssen daran denken, vorsichtig zu sein“, fügte Samantha hinzu und hob eine Augenbraue. „Sie sind jetzt in London und müssen sich an alle Anstandsregeln halten.“
Grace unterdrückte ein Stöhnen. „Verstanden.“
„Verstanden heißt nicht, dass Sie vorhaben, sich an diese Anstandsregeln zu halten“, gab Samantha wissend zurück. Ihre grünbraunen Augen waren groß und wachsam; ihr Ausdruck verriet auch, dass sie ein mündliches Versprechen erwartete, dass Grace sich an die gesellschaftlichen Regeln halten würde.
Grace stieß einen langen Seufzer aus. Sobald sie den Atem freigegeben hatte, hob sie eine Hand. „Ich weiß, kein Seufzen. Verflixt, das wird eine Katastrophe werden. Ich atme sogar falsch.“
Samantha griff quer durch die Kutsche nach ihrer Hand und tätschelte sie. „Sie machen viel mehr richtig, als Sie falsch machen. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Erfolge, nicht auf die Misserfolge. Wir alle sind in etwas nicht gut, aber wenn nur darauf unser Fokus liegt, verlieren wir uns selbst.“ Sie sprach so weise, als wäre sie doppelt so alt, und zog dann sanft ihre Hand zurück.
Grace verzog die Lippen. „Müssen Sie immer recht haben?“
Der Viscount lachte leise.
Samantha schaute ihn amüsiert an. „Ich habe nicht immer recht. Er kann das sicher bestätigen!“
Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt, dass der Viscount nichts erwiderte und auch keine Beweise für ihre Behauptung lieferte, und so stand Grace wieder im Mittelpunkt des Gesprächs.
„Ich warte noch immer auf das Versprechen“, ermutigte Samantha sie.
Und so war es tatsächlich. Samantha hatte eine Engelsgeduld und das Aussehen eines Engels. Sie ermutigte immer, anstatt zu entmutigen. Es war unmöglich, ihr böse zu sein oder sich von ihrem Beharren darauf, dass Grace sich an die Regeln hielt, die sie aufgestellt hatten, beleidigt zu fühlen. Manchmal war es ärgerlich, manchmal aber auch so angenehm wie heißer Tee an einem kalten Tag.
Heute war es von der irritierenden Sorte, aber das zeugte mehr von Grace’ Gemütszustand als von Samanthas. Nichtsdestotrotz nickte Grace. „Ich verspreche es. Ich werde mein Bestes tun, um alle Anstandsregeln zu beachten, die von einer Dame verlangt werden.“
„Ich danke Ihnen. Und ich werde immer in der Nähe sein, um Sie zu unterstützen; Sie sind nicht allein.“ Samantha nickte zum Abschluss.
Die Kutsche rüttelte ein wenig, als sie in eine Spurrille fuhr, und bog dann links in eine andere Straße ein. Grace blickte wieder aus dem Fenster. Das Kondenswasser tropfte herunter und bildete kleine Rinnsale auf dem Glas, die die Sicht noch mehr verzerrten. Sie wünschte sich, die Feuchtigkeit wegzuwischen, aber sie hatte Angst, ihre Handschuhe schmutzig zu machen – nur eine weitere Einschränkung der Gesellschaft. Indien und Ägypten sahen immer einladender aus, sogar mit ihrer erstickenden Hitze. Wenigstens brauchte sie dort keine Handschuhe zu tragen.
„Wir werden in Kürze eintreffen“, verkündete der Viscount, warf einen Blick zum Fenster und tat die Aussicht als allzu vertraut ab.
Tatsächlich hielt die Kutsche nach einigen Minuten an, rollte noch ein paar Meter vorwärts und kam dann zum Stehen. Sie schwankte leicht, als der Kutscher von seinem Sitzplatz aufstand. Ein Diener öffnete den Schlag, wodurch Licht, Nebel und der Geruch von Rauch hereinwirbelten. Grace’ Augen strengten sich an, um alle Details des Ausblicks aufzunehmen. Sie wartete ungeduldig, als Samantha ausstieg, dann reichte sie dem Diener die Hand, damit auch sie aussteigen konnte.
Das Erste, was ihr auffiel, waren die Bäume. Sie überragten den Gehweg und bildeten ein Blätterdach über den Häusern, die die Straße säumten. Als ihr Blick die Straße hinunterschweifte, bemerkte sie die Buchsbäume, an der Vorderseite der Häuser. Es war ordentlich, es war gepflegt.
Es war nicht natürlich.
Aber andererseits, was hatte sie denn erwartet? Dies war eine kultivierte Stadt, und sie konnte sich von der perfekt gepflegten Vegetation eine Scheibe abschneiden. Sie war eine wilde Rose, aber sie wurde in London eingepflanzt und musste sich daher an ihre Umgebung anpassen. Sie konnte es schaffen; sie würde es schaffen. Es gab keine Herausforderung, vor der sie zurückgeschreckt wäre, und sie hatte nicht vor, jetzt damit anzufangen.
„Kommt.“ Der Viscount gestikulierte zum Vordereingang seines Londoner Hauses, und als sie sich ihm näherten, schwang die Tür auf und gab den Blick auf einen Butler frei, der jünger war als jeder andere Butler, den sie je gesehen hatte.
Er stand steif und aufrecht da, den Blick nach vorn gerichtet, als ob er als Soldat vor der Tür stünde und sich darauf vorbereitete, seinen befehlshabenden Offizier zu treffen. Grace musterte ihn. Er konnte nicht viel älter als sie sein, aber er war viel größer. Seine Schultern schienen zu breit für seine schlanke Statur, und sie wandte den Blick ab, als sie sich der Tür näherten.
„Danke, John.“ Der Viscount nickte und erntete eine Verbeugung, die so zackig wie ein Salut daherkam. „Erlauben Sie mir, Ihnen meine Frau und mein Mündel vorzustellen.“ Der Viscount gestikulierte zu Samantha und Grace.
Grace vermied es, ihre Augen weit aufzureißen. Selbst sie wusste, dass es nicht üblich war, sich den Bediensteten vorzustellen.
John – sie hatte noch nie einen Butler mit einem so normalen Namen gekannt – wandte seinen Blick zuerst Samantha zu und verbeugte sich tief, dann wandte er sich Grace zu und vollzog wortlos denselben Gruß. Seine Augen hatten die Farbe von satter Erde und waren absolut unleserlich.
Grace nickte zur Begrüßung und folgte dann ihren Vormunden in das gut ausgestattete Haus. Die drei Stufen zur Tür führten in eine Eingangshalle aus glänzendem Marmor. Die hohen Decken vermittelten ein offenes Gefühl, das in merkwürdigem Kontrast zu dem nebligen und düsteren Außenbereich stand. Eine Person kam aus dem langen Flur auf sie zu, und als sie näher trat, bemerkte Grace die Schönheit der Frau in der Kleidung der Haushälterin. Sie konnte nicht älter als fünfundvierzig sein, aber sie hatte eine würdevolle Erscheinung, die mehr Klasse ausstrahlte, als eine Hilfskraft sie üblicherweise besaß. Grace bemerkte ihr warmes Lächeln und spürte einen Schauer der Neugierde. Noch nie zuvor hatte sie eine so hübsche Haushälterin gesehen. Zugegeben, sie war noch nie in einer Londoner Residenz gewesen, aber sie stellte sich die Personen auf den höheren Posten des Butlers und der Haushälterin eher als ältere Angestellte vor, die aufgrund ihres Alters eine gewisse Würde besaßen.
„Ach, Mrs Marilla!“ Der Viscount grüßte die Haushälterin herzlich, und Grace blieb zurück und beobachtete das Geschehen mit Interesse.
„Mylord.“ Die Haushälterin knickste ergeben, und ihr Blick richtete sich erfreut auf Samantha. „Und dies ist bestimmt Eure reizende Frau. Ich muss sagen, das gesamte Personal freut sich so sehr für Euch! Darf ich Euch meine persönlichen Glückwünsche aussprechen, ebenso wie die des gesamten Personals?“ Sie machte einen Knicks vor Samantha, sichtlich erfreut.
Samantha trat einen Schritt vor und nickte freundlich. „Danke.“
„Und dies ist Miss Iris Grace Morgan, mein Mündel.“
Grace trat näher und nickte langsam, im Versuch, mehr Grazie zu zeigen, als sie eigentlich besaß, auch wenn es nur vor einer Dienstbotin war. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich lieber mit Grace angesprochen werden. Und es ist schön, Sie kennenzulernen.“
Samantha lächelte sie anerkennend an. Sie konnte vielleicht nicht gut knicksen, aber zumindest konnte sie ohne Folgen nicken. Wenn sie nur dem Rest der Londoner Gesellschaft zunicken könnte, aber sie hatte das Gefühl, dass ein gut ausgeführtes Nicken beleidigender sein würde als ein schlecht ausgeführter Knicks.
„Wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind“, erwiderte Mrs Marilla und klatschte dann sanft in die Hände. „Alles ist bereit, Mylord. Und ich habe die Köchin über Eure Ankunft informiert, und es werden Erfrischungen serviert, wann immer es gewünscht wird. Gibt es sonst noch etwas, womit ich Euch dienen kann?“
Grace wandte sich dem Viscount zu und beobachtete, wie er anerkennend lächelte. „Nein, es ist alles in Ordnung, wie immer. Mit Ihnen und Mrs Keyes ist mein Leben gut organisiert. Wir werden in einer halben Stunde im roten Salon Tee trinken.“
Die Haushälterin nickte. „Soll ich Sie zu Ihren Zimmern bringen, Miss Grace?“
Grace warf ihren Vormunden einen kurzen Blick zu, dann sah sie wieder zur Haushälterin. „Ja, bitte.“
„Hier entlang.“ Mrs Marilla deutete auf die Treppe und führte Grace in den zweiten Stock hinauf.
Grace warf einen Blick nach unten zu dem Viscount und seiner Frau. Sie hielten einander an den Händen, während der Viscount Samantha in ein Nebenzimmer brachte. Grace errötete und wandte den Blick ab. Der Viscount und Samantha waren noch nicht so lange verheiratet, dass sie gegen ihre offensichtliche Zuneigung immun war, aber es war ihr nicht mehr so peinlich. Vielmehr sah sie darin ein großartiges Beispiel dafür, wie Liebe sein sollte. Aus ihrer Hingabe ging klar hervor, dass sie sehr verliebt waren, und das war liebenswert anzusehen. Solche Gedanken ließen sie auf die Zukunft blicken, die vor ihr lag, denn die Liebe könnte auch für sie in greifbarer Nähe sein.
Gerade als sie darüber nachdenken wollte, blieb die Haushälterin vor einer großen Tür aus Ahornholz stehen. „Das sind Ihre Zimmer. Ich habe sie von Regina vorbereiten lassen, und falls Sie irgendetwas brauchen, sie ist Ihr persönliches Dienstmädchen und wird sich um alles Nötige kümmern. Und Sie können auch mich jederzeit um Hilfe bitten. Wir sind so froh, Sie hier zu haben, Miss Grace.“
Grace bedankte sich und betätigte dann sanft die Messingklinke zu dem Zimmer, in dem ihr Abenteuer beginnen würde.
Ja, sie hatte sich fest vorgenommen, den nächsten Schritt im Leben als ein Abenteuer zu betrachten. Es war weit weniger beängstigend, es so zu sehen. Schließlich war ein Großteil ihres Lebens ein Abenteuer nach dem anderen gewesen; dies war einfach eine andere Art davon.
Durch die Fenster gegenüber der Tür fiel Licht auf den polierten Holzboden, und Grace hielt einen Moment inne, um sich mit dem Raum vertraut zu machen. An einer der Wände befand sich ein zartes Himmelbett mit einer geblümten Tagesdecke, was das Zimmer ausgesprochen feminin wirken ließ. Neben dem Bett stand ein Beistelltisch, auf dem eine durchsichtige Kristallvase mit gelben Tulpen stand. Als Grace ihren Blick weiter schweifen ließ, sah sie jenseits des Fensters eine grüne Fläche, die nach ihr rief. Einen Fuß vor den anderen setzend, ging sie zum Fenster und schob die dünnen Vorhänge beiseite, die ihr die Sicht versperrten. Der Blick ging auf die andere Seite der Straße, die direkt vor dem Haus entlangführte, auf einen schmalen Streifen mit Bäumen und Gras, der sich zwischen einer anderen Häuserreihe befand. Ein Rotkehlchen flog von einem hohen Ast und stürzte sich auf die Wiese darunter, dann wurde es von einem vorbeihuschenden Eichhörnchen aufgeschreckt. Das Rotkehlchen flüchtete sich in den dunstigen grauen Himmel.
Grace atmete tief durch und drehte sich dann um, um den Rest ihres Zimmers zu betrachten. Neben dem Fenster gab es einen Schreibtisch, und an derselben Wand befand sich der Kamin mit zwei gemütlichen Sesseln, die das warme Flackern der Flammen einrahmten. Ein Spiegel und eine Frisierkommode vervollständigten den Raum, bevor ihr Blick zur Tür zurückkehrte. Es gefiel ihr gut, denn sie hatte die Erwartung, dass dieses Zimmer der perfekte Rückzugsort sein würde, wenn es nötig war.
Und sie war sich sicher, dass ein Rückzugsort manchmal sehr notwendig sein würde. Samantha hatte erklärt, dass sie gleich nach ihrer Ankunft an mehreren gesellschaftlichen Veranstaltungen teilnehmen würden, und es gab keinen Grund zu der Annahme, dass sich ihr Terminkalender nicht weiter füllen würde. Es gab jedoch einen Aspekt, der ihnen allen Sorgen bereitete.
Der Duke of Chatterwood.
Kurz gesagt, der Duke war Samanthas Vater. Aber da Grace mit einem wunderbaren Vater gesegnet gewesen war, war sie nicht geneigt, dem Mann, der Samantha und ihre Schwester, Lady Liliah Heightfield, gezeugt hatte, den Titel eines Vaters zu verleihen. Der Duke war ein grausamer, tyrannischer Mann, dessen unterdrückende Art seine Töchter dazu gezwungen hatte, unterzutauchen.
Aber sie waren nach London zurückgekehrt. Verheiratet und als solches unter dem Schutz ihrer Ehemänner, aber keine von ihnen vertraute dem Duke. Sein Stolz war tödlich verwundet worden. Und Grace hatte mehr als einmal gehört, dass der Viscount nicht damit rechnete, dass der Duke eine solche Kränkung ungesühnt lassen würde.
Grace hatte versucht, diese Möglichkeit als Rechtfertigung dafür zu nutzen, in Schottland zu bleiben. Aber der Viscount, Samantha und Lord und Lady Heightfield wollten nichts davon hören. Sie hielten das für feige, und tatsächlich hatten sie nichts zu verbergen. Aber sie würden besonders vorsichtig und wachsam sein. Die Entscheidung war also gefallen … und hier fand Grace sich wieder.
In London.
Sie setzte sich an das schwach brennende Feuer und seufzte.
Wohl oder übel würde sie ihr Debüt geben.
Und sie ging davon aus, dass es eher übel laufen würde.
Ramsey Scott, Marquess of Sterling, beobachtete das Parkett der Verlockung mit wachsamen Augen. Der Abend war bereits von der Ankunft des Viscounts of Kilpatrick und seiner neuen Frau, der vermissten jüngsten Tochter des Dukes of Chatterwood, geprägt. Es war ein Skandal, und wenn es etwas gab, das Ramsey mehr hasste als Skandale, dann vermochte er es nicht zu nennen.
Skandal. Allein bei dem Wort bekam er eine Gänsehaut, sein Magen krampfte sich zusammen und seine Laune verschlechterte sich. Wie auf Eierschalen, um sie nicht zu zerbrechen, ging er ständig auf Zehenspitzen um das Wort und die damit verbundenen Katastrophen herum.
Er schob seine Gedanken beiseite und sein Blick wanderte in Richtung der Tür. John stand auf der anderen Seite des Vorhangs und beobachtete die, die kamen, und die, die gingen, machte eine Notiz im Register, wenn eine Person an ihm vorbeiging. Die Kartentische waren voll, und der Brandy floss wie die Themse im Frühling. Alles in allem war es ein ruhiger Abend, abgesehen von der Gerüchteküche, die Überstunden machte.
Aber das war in einer Spielhölle zu erwarten; Geheimnisse wurden ebenso häufig als Währung gehandelt wie Pfund. So mancher hatte beim Handel mit Geheimnissen ein Vermögen verloren, und es gab keinen Grund, zu erwarten, dass sich diese Wahrheit jemals als falsch erweisen würde.
Ein weiterer Grund, Skandale zu hassen. Wenn sie dir nicht das Herz brachen, könnten sie dein Vermögen ruinieren.
Oder beides.
Oftmals beides.
Er wusste das am besten.
Wieder schob er seine Gedanken beiseite. Heute Abend schienen sie ihn zu verfolgen wie der Londoner Nebel. Er stieß sich vom Geländer der Empore ab und ging den mit Teppich ausgelegten Flur hinunter in Richtung der Dienstbotentreppe. Die Dunkelheit war willkommen, und er hielt einen Moment in der kühlen Steinhalle des Treppenhauses inne. Es war viel einfacher, seine Geheimnisse von der Dunkelheit bewahren zu lassen als von Menschen.
Menschen verrieten einen.
Menschen hatten ihren Preis.
Die Dunkelheit gab deine Geheimnisse nur an dich zurück.
Und dann herrschte Grabesstille.
Ramsey ging weiter die Treppe hinunter und in die untere Halle. An einer der Türen zum Hauptspielsaal hielt er inne. Alles war in Ordnung; er wurde nicht gebraucht, also bog er rechts ab und ging in sein privates Büro. Die Musik verklang langsam, als er sich weg von den Leuten und hin zu der Abgeschiedenheit, die er kannte und liebte, bewegte. Als er sein Büro erreichte, schloss er auf, ging hinein und schob die schwere Holztür mit einem leisen Klicken hinter sich zu, eine starke Barriere zwischen Stille und Ausgelassenheit.
Er wandte sich seinem Schreibtisch zu und bemerkte die verschiedenen Geschäftsbücher, die auf ihn warteten. Zahlen waren eine freundliche Sache, im wahrsten Sinne des Wortes. Sie waren konstant, ehrlich und leicht zu verstehen.
Nachdem er sich ein kleines Glas Brandy eingeschenkt hatte, setzte er sich hinter seinen Schreibtisch und schlug das erste in Leder gebundene Buch auf. Während er die Zahlen überflog, führte sein Verstand schnelle Berechnungen durch und verband sie mit den Spalten auf der rechten Seite. In kurzer Zeit war er mit einer Seite fertig und blätterte zur nächsten.
Als die neuen Einträge vollständig waren, wandte er sich dem Wettbuch zu.
Dies war das Buch, das über Erfolg oder Misserfolg eines Kunden entscheiden konnte. Denn manchmal war ein Faro-Spiel für ein Spielerherz nicht befriedigend genug, und so boten die Männer oft eine Wette auf etwas anderes als ein Kartenspiel an.
Eine Heirat.
Einen Boxkampf.
Das verdammte Wetter.
Es war Wahnsinn, aber er hatte nichts dagegen, ihr Geld zu nehmen, wenn die Wette verloren war.
Er öffnete das in rotes Leder gebundene Buch und begann die Wetten zu lesen.
Lord Garlington wettet fünfhundert Pfund auf den Sieg von Trent Waverly beim Boxkampf am 15. Mai 1817. Lord Farthington nimmt die Wette an und setzt fünfhundert Pfund auf den gegnerischen Boxer.
Beide Männer hatten mit ihren Namen unterschrieben.
Es war eigentlich ein einfacher Vorgang. Zwei Männer wetteten gegeneinander, und die Verlockung erhielt einen Teil des Gewinns.
Aber wenn ein Mann gegen das Haus wettete – was manchmal vorkam –, dann musste Ramsey die Bedingungen vorlegen und unterschreiben.
Und meistens gewann das Haus.
Er überprüfte die verschiedenen Wetteinsätze und seine Augen verengten sich, als er einen bekannten Namen sah.
Westhouse.
Sein Blut gefror, und er biss die Zähne zusammen.
Er war sich verdammt sicher, dass Westhouse kein Mitglied des Klubs war; er hätte sogar sein Leben darauf verwettet. Doch da stand ganz eindeutig sein Name.
Es war eine harmlose Wette, etwas über ein Pferderennen nächste Woche, aber es war der Name, der ihn in einen Anfall von Wut und Bitterkeit versetzte.
Vielleicht hatte die andere Person die Wette initiiert. Er suchte auf der Seite nach dem Namen: Lord Wolfston. Aber es war nicht üblich, dass ein Kunde gegen ein Nichtmitglied wettete.
Er nahm sich vor, John später zu fragen. Wenn Westhouse die Schwelle der Verlockung überschritten hatte, würde John es wissen. Nichts entging John; das war der Grund, warum Heathcliff, Viscount Kilpatrick, ihn tagsüber als Butler eingestellt hatte. Er war der zuverlässigste Mensch, den man sich wünschen konnte. Er war ein Scharfschütze, der im Krieg gegen Napoleon verletzt worden war und sein Gedächtnis verloren hatte. Aber seine Verletzung hatte einen merkwürdigen Nebeneffekt. Während der arme Kerl sich an nichts aus seinem Leben vor der Verletzung erinnern konnte, konnte er sich seither an jedes einzelne Detail in vollkommener Klarheit erinnern. Zusammen mit seiner tödlichen Ausbildung war er ein furchterregender Feind oder ein großartiger Freund.
Zum Glück schätzten sie ihn alle als einen guten Freund.
Er würde in Heathcliffs Stadthaus von unschätzbarem Wert sein, vor allem, da die auf Abwege geratene Tochter des Dukes als Lady Kilpatrick zurückkehrte.
Ramsey lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schloss das Wettbuch. Er hatte Heathcliffs Plan, nach London zurückzukehren, infrage gestellt. Er hatte seinen Freund ermutigt, ein paar Monate zu warten, in der Hoffnung, der Duke würde sich beruhigen. Aber Heathcliff hatte darauf bestanden und gesagt, dass sein Mündel debütieren musste.
Ramsey konnte nicht verstehen, was ein paar Monate – zur Hölle, ein paar Jahre – dem Mündel schaden sollten. Aber es ging ihn nichts an, und er war auch nicht in der Lage, sich darum zu kümmern. Vielmehr hoffte er nur, dass es die Verlockung nicht beeinträchtigen würde.
Denn dann wäre es natürlich seine Sache. Heathcliff, Lucas und Ramsey selbst waren als gleichberechtigte Partner an dem exklusiven Klub beteiligt, besaßen ihn, teilten ihn und nutzten ihn, um sich aus verschiedenen Gründen zu verstecken.
Ramsey dachte an die Zeit vor fast einem Jahrzehnt zurück, an sein zweites Jahr in Eton. Was für eine schwierige Person er doch gewesen war. Jetzt erkannte er es, aber damals hatte es keine andere Möglichkeit gegeben zu verstehen, wie das Leben funktionierte. Es gab diejenigen, die im Leben Erfolg hatten, und diejenigen, die keinen hatten.
Es gab kein Dazwischen.
Keine zweiten Chancen.
Und wenn man einmal gescheitert war, hatte man keine Hoffnung, jemals wieder hochzukommen.
Das war sein Leben, sein Mantra, sein Käfig.
Sein Vater hatte ihn nach Eton geschickt, sobald er volljährig war, und es war eine willkommene Flucht aus Glenwood Manor und vor der eisernen Kontrolle, den kühlen Berechnungen und dem Perfektionsstreben seines Vaters gewesen. Eton bedeutete Freiheit, eine Chance, eine Art Privatsphäre zu haben. Aber das, was er sich vorgestellt hatte, sollte sich nicht bewahrheiten. Sein Vater unterhielt eine enge Korrespondenz mit einigen der Professoren der Einrichtung.
Ramsey entdeckte dies in seinen ersten Ferien zu Hause und der darauffolgenden Abrechnung.
Er war nie ein besonders schlechtes Kind gewesen; er war nur nicht perfekt gewesen.
Und Perfektion war der einzige akzeptable Charakterzug.
Ein paar Tage später war er mit neuem Respekt für das Befolgen jeder einzelnen Regel nach Eton zurückgekehrt. Er lernte sie auswendig, ähnlich wie seinen lateinischen Biologie-Wortschatz, und wie Sprichwörter sagte er sie in passenden Situationen auf. Das brachte ihm natürlich nicht viele Freunde ein. Es brachte ihm vielmehr eine Menge Spott ein.
Erst als er sich während einer Schlägerei zwischen Lucas und Heathcliff stellte, stolperte er in eine Freundschaft, die ebenso unwahrscheinlich wie schicksalhaft war. Aber trotz aller Widrigkeiten blieb die Beziehung bestehen. Und Ramsey schrieb dieser Freundschaft zu, seinen Verstand und sogar sein Leben gerettet zu haben.
Ramsey holte tief Luft, stieß sich von seinem Stuhl ab und verpasste dem Wettbuch einen letzten Schlag auf den Einband. Er hatte die Vergangenheit lange genug wieder aufleben lassen.
„Ich bin nicht mehr der, der ich einmal war.“ Er wiederholte die Worte leise und ließ sie wie einen reinigenden Regen auf sich niederprasseln. Er schloss einen Moment lang die Augen, schüttelte im Geiste die Ketten seiner Vergangenheit ab und ließ sie auf dem Tisch liegen … als sie ihm verlockend zuflüsterten und ihn aufforderten, sie aufzuheben, um alles festzuhalten, wofür sie standen.
Alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ablegen.
Alte Lügen verblassten nicht.
Und irgendwo tief in seiner Seele flüsterte die Erinnerung an seinen Vater: Geschichte wird sich immer wiederholen …
Und schlimmer als die Lügen und Gewohnheiten war es das, was ihn am meisten abschreckte.
Denn die einzige Möglichkeit, die Vergangenheit nicht zu wiederholen, war, aus ihr zu lernen. Aber was sollte man tun, wenn die Vergangenheit nur noch ein Geheimnis war, das mit dem Mann begraben wurde, dem es gehörte?
Ramsey konnte die Frage beantworten. Denn es war die einzige Wahrheit, derer er sich jemals vollkommen sicher war.
Was konnte man tun? Man versagte.
Er würde versagen.
Denn tief in seiner Seele wusste er, sosehr er es auch leugnen wollte, dass es im Leben nur zwei Möglichkeiten gab.
Perfektion und Versagen.
Und er war Letzteres.
Und würde es immer sein.
Grace widerstand dem Drang, unter dem rauen Kragen des neuen Kleides zu kratzen, das ihr gerade angepasst wurde. Sie versuchte, sich mit den verschiedenen Dekorationen an der Wand abzulenken.
Als das nicht gelang, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das grau melierte Haar von Mrs Bourne, die akribisch und ziemlich langsam den Saum des neuen Kleides feststeckte. Grace hatte den Eindruck, dass die Frisur der Frau schon bessere Tage gesehen hatte, aber das konnte auch daran liegen, dass dies bereits das dritte Kleid war, das Grace anprobieren musste, und es gab sicherlich noch weitere Damen, die nach ihr einen Termin hatten.
An diesem Punkt beschloss Grace, dass sie doch kein Blaustrumpf sein wollte, sosehr sie auch von dieser Vorstellung geschwärmt hatte. Vielleicht nur ein Blaustrumpf von der Persönlichkeit her, nicht jemand, der tatsächlich arbeiten gehen musste. Könnte das eine Option sein? Mrs Bourne stand auf und drückte ihren Rücken durch, bevor sie ihr Werk begutachtete.
Und Grace hielt den Atem an und hoffte auf die Worte, die bedeuteten, dass sie fertig war.
Aber leider zog sich Mrs Bournes Stirn in Falten, ihre grünen Augen verengten sich und sie beugte sich wieder hinunter und machte sich an die Arbeit.
Es war äußerst schwierig, nicht die Schultern hängen zu lassen oder gereizt zu seufzen, aber Samantha war ganz in der Nähe, saß auf einem Stuhl und beobachtete sie mit diesem Ausdruck, der Grace wissen ließ, dass von ihr gutes Benehmen erwartet wurde.
Nicht zum ersten Mal stellte sich Grace vor, dass sie ein kleines Mädchen war, das gerade dem Gängelband entwachsen war, aber das war gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Ihre Aufmerksamkeitsspanne war wahrscheinlich mit der eines Kleinkindes vergleichbar.
Samantha hatte eine Engelsgeduld, erinnerte sich Grace.
Deshalb beschloss Grace, dankbar zu sein und ihr Bestes zu geben, sich anständig zu benehmen.
Ein paar Minuten später stand Mrs Bourne wieder auf und begutachtete den Saum.
Grace versuchte, ihren Gesichtsausdruck nicht zu hoffnungsvoll wirken zu lassen.
Samantha bedeckte ihren Mund, aber ihre Augen verrieten ihre Belustigung.
Grace fand, dass es überschätzt wurde, seine Gefühle zu verbergen.
Mrs Bourne nickte, schenkte Grace ein strahlendes Lächeln und wandte sich dann an Samantha. „Mylady, ich glaube, ich bin mit diesem hier fertig. Die Änderungen sind minimal, sodass ich erwarte, dass dieses und die beiden anderen Kleider morgen Nachmittag fertig sind, wenn Ihnen das recht ist?“
Grace betrachtete den Boden direkt vor dem Hocker, auf dem sie stand, und fragte sich, ob sie, wenn sie ohne Hilfe hinabtrat, eine Stecknadel herausziehen würde. Sie wollte hinuntersteigen und ins Ankleidezimmer flüchten, aber … es war das Risiko nicht wert, entschied sie.
„Das ist mehr als zufriedenstellend. Danke.“
Samantha stand auf und kam auf Grace zu.
„Miss Grace?“ Mrs Bourne reichte ihr die Hand und Grace trat vorsichtig vom Hocker und auf festen Boden.
„Ich danke Ihnen.“
Nach kurzer Zeit war Grace wieder in ihr Ausgehkleid gekleidet und sie und Samantha verließen die Schneiderin und traten in die nicht ganz frische Londoner Luft.
Einige Wolken hingen bedrohlich am Himmel und Grace warf ihnen einen irritierten Blick zu. „Lässt sich die Sonne jemals blicken?“
Samantha gluckste. „Wenn sie es wünscht, aber ich fürchte, sie beugt sich nicht so oft unserem Willen, wie ich es gern hätte.“
Grace hob eine Augenbraue und sie setzten ihren Spaziergang durch die Bond Street fort. Die Kutschen und Droschken ratterten vorbei, die Hufe der Pferde klapperten auf dem Kopfsteinpflaster, während das Geschirr wie kleine Glöckchen klirrte. Das geschäftige Treiben in der Stadt hatte eine seltsame Musik, die Grace vertraut war. Auf all ihren Reisen war sie zu dem Schluss gekommen, dass große Städte ein Eigenleben hatten. Ihre Geräusche, Gerüche und Kultur unterschieden sich gerade genug von denen der Umgebung, um den Orten eine eigene Note zu verleihen. Das war ziemlich faszinierend. In Indien war der Duft von Curry die erste Erinnerung, die ihr kam. In Ägypten waren es die trockene Hitze und der Geruch des Nils, wenn man sich ihm näherte, fischig und doch von der Wüstenluft verdorben. Und London? Sie atmete tief ein und fragte sich, welche Identität es wohl annehmen würde. Rauch, Menschen und Regen. Nicht gerade exotisch, aber auf jeden Fall passend. Es könnte schlimmer sein, dachte sie.
„Worüber denken Sie so angestrengt nach?“, fragte Samantha mit freundlicher, neugieriger Miene.
Grace wurde rot. „Ich habe gegrübelt.“
„Offensichtlich. Worüber?“
„Dass jede Stadt, die ich besucht habe, bestimmte Merkmale hatte.“
„Oh?“ Samantha nickte. „Eines Tages werde ich tatsächlich lernen, vorherzusagen, wohin Sie ihre Gedanken führen.“
„Ich hoffe nicht“, murmelte Grace und spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.
Samantha lachte auf. „Wahrscheinlich werde ich das nie, aber es wäre faszinierend zu sehen, was Sie gesehen haben, und es mit neuen Dingen vergleichen zu können. Sagen Sie mir, womit ist London zu vergleichen? Mit irgendetwas?“
Grace schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, es lässt sich nicht einordnen“, scherzte sie. „Aber ich muss sagen, wenn ich daran denke, erinnere ich mich an Rauch –“ Bevor sie fortfahren konnte, traf ein dicker Regentropfen ihre Nase und verursachte einen kleinen Spritzer auf ihrer Wange. „Und Regen“, endete sie.
Samantha nickte und warf einen misstrauischen Blick in den Himmel. „Lassen Sie uns zur Kutsche zurückkehren.“ Sie überquerten vorsichtig die Straße und gingen ein paar Meter weiter, wo die Kutsche der Kilpatricks wartete.
Die Bond Street war nicht sehr weit vom Stadthaus des Viscounts entfernt, doch selbst auf dieser kurzen Fahrt hatte sich der Regen von ein paar Tropfen zu einem sintflutartigen Schwall entwickelt.
„Das hört sich an wie Donner“, bemerkte Grace und blickte zum Dach der Kutsche hinauf.
„Es wird nicht lange anhalten“, entgegnete Samantha mit der Zuversicht einer Person, die ihr ganzes Leben an diesem Ort verbracht hatte.
„Sind Sie sicher?“ Grace warf ihr einen zweifelnden Blick zu.
„Ganz sicher“, erwiderte Samantha.
Als sie vor dem Haus anhielten, kam John mit einem großen, schwarzen Regenschirm heraus und half Samantha und dann Grace beim Aussteigen aus der Kutsche. Er hielt den Schirm über sie, bis sie sicher in der Eingangshalle angekommen waren.
„Es ist ein bisschen nass da draußen“, bemerkte Samantha neckisch.
„In der Tat, Mylady. Gibt es etwas, das wir für Euch aus der Kutsche holen sollen?“
„Nein, danke, John“, sagte Samantha.
Er verneigte sich respektvoll und ging davon, um den Schirm auszuschütteln.
„Ah, da sind ja die beiden Damen, nach denen ich gerade suchen wollte.“ Der Viscount kam den Flur entlanggeschlendert. Seine Worte hatten ihnen beiden gegolten, aber sein Blick war nur auf seine Frau gerichtet.
Grace wandte den Blick ab und fühlte sich wie ein Eindringling.
„Oh? Dann hast du ja Glück, dass wir da sind“, erwiderte Samantha neckisch.
„Ich finde, ich habe sogar ziemlich viel Glück.“ Er lachte leise, und sein Akzent ließ die Worte noch sanfter klingen.
„Das glaube ich auch, schließlich bist du mit mir verheiratet“, gab Samantha zurück.
Der Viscount lachte, tief und voll. Es war ein beruhigendes Geräusch, bei dem sich Grace entspannte und sicher fühlte. Der Viscount war zwar nicht alt genug, um ihr Vater zu sein, aber er gab ihr die Sicherheit eines Vaters, und das war ihr sehr willkommen.
„Heute Abend kommt Ramsey …“ Er hielt inne, und Grace blickte zu ihm auf. „Ich meine, der Marquess of Sterling kommt, und ich wollte euch einander vorstellen.“
„Endlich werde ich den Mann kennenlernen, von dem ich schon so viel gehört habe“, antwortete Samantha.
„Ich nehme an, er kommt zum Abendessen?“, fragte Grace.
„Ja. Wir haben ein paar geschäftliche Dinge zu besprechen, und da Lucas, Lord Heightfield, die nächsten Wochen noch in Schottland weilt, müssen Ramsey und ich dafür sorgen, dass alles reibungslos abläuft.“
Grace nickte und biss sich auf die Lippe, um sich ein Lächeln zu verkneifen angesichts der lockeren Art, mit der der Viscount über seine Freunde sprach.
Es war verständlich und doch ironisch, denn als Dame würde sie die Herren förmlich ansprechen müssen, doch hatte sie von ihnen nur mit Vornamen gehört, und wenn sie an sie dachte, vor allem an Lord Heightfield – mit dem sie in Schottland recht gut bekannt geworden war –, dann immer auch mit dem Vornamen.
Sie würde sich sehr anstrengen müssen, um keinen Fauxpas zu begehen, aber anscheinend war das nur ein Berg, den sie zu überwinden hatte, und sie würde lieber vor Freunden als vor der Londoner Gesellschaft alle ihre Fauxpas loswerden.
Allerdings war sie sicher, dass sie genug Pech hatte, um in jeder Situation Fehler zu machen.
So war das Leben.
Oder zumindest ihres.
„Warum das Stirnrunzeln?“, fragte der Viscount, und sie richtete ihren Blick auf seinen.
„Hauptsächlich aus Sorge.“
„Oh? Das schockiert mich. Du hast nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest, was Ramsey angeht … Verdammt, geht mir das auf den Sack.“ Er schüttelte den Kopf.
Samantha schlug ihm auf den Arm, wahrscheinlich, weil er das Wort „Sack“ in Gegenwart von Grace benutzt hatte.
Grace biss sich auf die Lippe, um sich ein Lächeln zu verkneifen, und wartete darauf, dass er fortfuhr.
Er schenkte seiner Frau ein reueloses Grinsen und sagte dann: „Du musst ihn mit Lord Sterling ansprechen, was du sicher verstehst. Und ich bin nicht hilfreich, indem ich seinen Vornamen benutze. Ich entschuldige mich; es wird mich einiges an Arbeit kosten, das zu ändern, und ich bin nicht ganz sicher, ob es mir gelingen wird. Aber du sollst wenigstens wissen, dass ich es versuche.“
„Mehr kann ich nicht verlangen, und ich bin sicher, dass ich mindestens einmal einen Fehler machen werde. Solange er nicht unbedingt schockiert davon sein möchte, werden wir gut miteinander auskommen, da bin ich mir sicher.“
Der Viscount gab ein leises Lachen von sich. „Ja, nun … Von uns dreien ist Lord Sterling derjenige, der am meisten auf den Anstand achtet.“ Er runzelte leicht die Stirn und zog die Brauen über den Augen zusammen. „Ehrlich gesagt könnte er ein echter Gewinn sein, wenn wir Ihr Debüt beginnen. Ich werde es ihm gegenüber erwähnen.“ Er nickte, als würde er seine eigene brillante Idee gutheißen.
Grace war versucht zu stöhnen, aber in Wahrheit sollte sie jede Hilfe annehmen, die sie bekommen konnte.
„Wenn er in Kürze eintrifft, sollten wir uns rasch umziehen.“ Samantha trat vor, küsste ihren Mann auf die Wange und wich schnell zurück, wobei sie seiner nach vorn greifenden Hand gekonnt auswich. „Du wirst langsam in deinem Alter“, stichelte sie und zog sich zur Treppe zurück.
„Du lernst meine Tricks, ich muss mir ein paar neue einfallen lassen“, antwortete er und hob eine Augenbraue, während er ihr ein breites, fast raubtierhaftes Grinsen schenkte.
Samantha blieb am Fuß der Treppe stehen, und Grace ging an ihr vorbei in den zweiten Stock hinauf.
Sie schritt zielstrebig zu ihrem Zimmer und drehte sich nicht um, denn sie war sich sicher, dass sie zwar nicht viel von der Liebe verstand, aber eines wusste sie mit Sicherheit: Es machte Spaß, die Unnahbare zu spielen, aber es machte noch mehr Spaß, geschnappt zu werden.
Ein leises Kichern hallte durch den Flur, als Grace ihre Zimmertür schloss. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Es wäre schön, gejagt zu werden, und noch schöner, gefangen zu werden, aber nur von jemandem, dem man vertrauen konnte. Sie hatte eine solche Beziehung bei ihren Eltern gesehen und auch bei dem Viscount und Samantha, aber sie war sich sicher, dass das selten vorkam. Sie hatte Geschichten gehört, sie hatte kleine Einblicke in das Leben auf der anderen Seite der Gleichung gesehen, und das war nicht das, was sie erleben wollte.
Sie läutete nach ihrem Dienstmädchen, und als Regina eintraf, tauschte sie ihr leicht feuchtes Ausgehkleid gegen etwas, das für das Abendessen besser geeignet war. Regina frischte ihr Haar auf, und Grace entließ sie. Sie sollte ihr Zimmer verlassen und nach unten in den Salon gehen, um auf ihren Gast zu warten, aber sie war eher geneigt, noch ein paar Minuten länger in ihrem Zimmer zu bleiben, die Stille aufzusaugen und zu lesen, und sei es nur für ein paar Augenblicke. Die Versuchung war zu groß, und sie nahm Ein Sommernachtstraum zur Hand und begann dort, wo sie aufgehört hatte.
Sie war gerade bei der Stelle angelangt, an der Puck die magischen Liebestropfen auf die Augen von Demetrius träufelt, als es an ihrer Tür klopfte, was sie leicht zusammenzucken ließ. Sie steckte ein Stück Spitze in das Buch und legte es zur Seite. Mit müden Augen stand sie auf und ging zur Tür. Als sie sie öffnete, stellte sie verspätet fest, dass die Pause viel länger gewesen war, als sie eigentlich vorgehabt hatte.
Regina stand auf der anderen Seite der Tür. „Verzeihen Sie, Miss, aber mein Herr wünscht, dass Sie sich zu ihm und Lady Kilpatrick in den Salon unten gesellen.“
„Natürlich.“ Grace nickte und fühlte sich beschämt, weil sie es versäumt hatte, pünktlich zu sein. Regina machte einen kurzen Knicks und ging davon. Grace strich mit den Händen über ihren Rock, glättete ihn und holte tief Luft, bevor sie in die entgegengesetzte Richtung zur Treppe ging. Eine verirrte Locke kitzelte sie seitlich im Gesicht und sie steckte sie hinter ihr Ohr. Dies war die perfekte Gelegenheit, all das zu üben, was sie von Samanthas freundlicher Hand gelernt hatte … und deshalb war sie zutiefst nervös.
Er war zwar ein Freund der Familie, aber Lord Sterling würde auch sehr gut beurteilen können, ob sie den Anforderungen der Londoner Gesellschaft gewachsen war. Ein Test – sie musste es als Herausforderung sehen. So zu denken, war hilfreich. Sie nahm die letzte Stufe und verzog die Lippen. Viel lieber würde sie sich einer Herausforderung stellen, die ihr Spaß machte, etwas, worin sie wirklich gut war, und das hier war nichts, worin sie besonders gut war.
Verflixt.
Es gab keinen anderen Weg als den hindurch, und sie war keine verwelkende Blume. Nein. Sie war aus etwas viel Dauerhafterem gemacht; im Moment fiel ihr nichts ein, was als Beispiel dienen konnte, aber das bedeutete nichts. Es war dennoch wahr. Sie konnte, sie würde es schaffen!
Mit hoch erhobenem Kopf und gestrafften Schultern ging sie den Flur entlang in Richtung des Salons, wo, wie sie wusste, alle auf sie warteten. Mit einem tiefen Atemzug täuschte sie eine Anmut vor, die sie nicht besaß, und betrat den Salon.
Sie stellte sofort fest, dass er leer war.
„Verflucht noch mal“, murmelte sie und ließ die Schultern leicht sinken. Sie verspürte den Drang, mit dem Fuß aufzustampfen, aber sie bewahrte ein gewisses Maß an Anstand und ging prompt zu einem Stuhl hinüber, um sich zu setzen. Sie hatte zwar angenommen, dass sie zu spät kam, aber sie war eindeutig nicht die Letzte. Sie vermutete, dass das Absicht war. Samantha war offenbar auf Nummer sicher gegangen und hatte dafür gesorgt, dass sie pünktlich kam. Samantha war viel zu scharfsichtig; das war sowohl irritierend als auch hilfreich.
Grace tippte mit dem Zeh auf den Teppich, suchte sich eine bequemere Position und schnaubte gereizt. Sie war bereits gelangweilt.
Das scharfe Geräusch von klackenden Absätzen auf dem Boden in der nahen Halle ließ sie sich aufrecht auf ihrem Stuhl hinsetzen, damit der Viscount oder Samantha nicht hereinkamen und sie in einer lümmelnden, ungeduldigen Haltung sahen. Aber der Mann, der um die Ecke kam, war ganz sicher nicht der Viscount.
Gütiger Gott, war der Mann groß! Sie stellte sich vor, dass er, wenn sie neben ihm stünde, über ihren Kopf hinwegsehen könnte und noch weiter. Sein Blick traf sofort den ihren, und ein Schauer von … etwas … durchfuhr sie. Es war nicht unangenehm, aber es war fremd, und sie nahm sich vor, es später zu beurteilen. Sie stand auf, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, und beobachtete, wie er beim Eintreten innehielt und leicht unsicher wirkte. Seine Augen waren blassblau, umrahmt von dunklen Wimpern und Brauen. Sein Haar war akribisch zu einer klassischen Frisur gekämmt, die sich dem Trend widersetzte, aber irgendwie zu ihm passte. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken, lächelte nicht, sondern … schaute einfach nur.
Das war alles sehr beunruhigend, und wie so oft, wenn Grace sich unwohl fühlte, begann sie zu reden.
Das Reden war nicht das Schlimme. Es war die Unfähigkeit, das Reden wieder einzustellen, die sie normalerweise in Schwierigkeiten brachte, aber jetzt war es zu spät. Ihr Mund hatte sich geöffnet und die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus.
„Guten Abend, Ihr müsst Lord Sterling sein.“ Sie beeindruckte sich selbst durch die Pause, die sie machte, um ihm wenigstens ein Nicken zu ermöglichen. „Es ist eine Freude, Euch kennenzulernen. Ich habe schon viel von dem Viscount über Euch gehört, obwohl er nie erwähnt hat, dass Ihr so groß seid. Das mag daran liegen, dass er selbst recht groß ist, aber ich wage zu behaupten, dass Ihr größer seid, nicht wahr?“ Sie holte tief Luft und zwang sich, innezuhalten, aber als er nicht antwortete, sah sie sich gezwungen, fortzufahren. „Ich dachte eigentlich, Samantha und der Viscount wären schon hier unten, aber sie lassen sich sehr leicht ablenken. Das ist ziemlich bezaubernd, wenn Ihr mich fragt. Als der Viscount das erste Mal in Kilmarin House ankam, hatte ich gleich den Verdacht, dass die beiden zusammengehören.“ Ihre Arme kribbelten, ihre Fingerspitzen waren warm, und sie versuchte, sich zu zwingen, mit dem Reden aufzuhören.
Wenn der verdammte Mann nur etwas sagen würde, irgendetwas! Was war nur aus galantem Benehmen geworden?
Er blinzelte, als würde er langsam alles verdauen, was sie ihm in einem Schwall von Worten mitgeteilt hatte. Aber er antwortete nicht, was sie natürlich dazu zwang –
„Ah, ich sehe, Sie haben mein Mündel kennengelernt!“ Der Viscount eilte herbei und bewahrte Grace vor ihrer eigenen Torheit und ihrer Unfähigkeit, einen Anschein von Selbstbeherrschung aufzubringen. Sie hätte ihm aus Dankbarkeit für ihre Rettung die Füße küssen können.
Es war furchtbar lästig, vor sich selbst gerettet werden zu müssen. Unangenehm war es auch.
Lord Sterling stieß beim Anblick seines Freundes einen tiefen Seufzer aus, als würde sich die Spannung aus seinem Körper lösen. „Ja, in der Tat. Obwohl ich nicht glaube, dass die Dame jemals ihren Namen erwähnt hat.“ Er warf ihr einen Blick zu, der fast amüsiert wirkte. Aber sie konnte sich nicht sicher sein. Er war so sehr … beherrscht.
„Dann gestattet mir, euch offiziell vorzustellen. Lord Sterling.“ Er warf einen Seitenblick auf Grace, als wolle er sagen: Siehst du, ich hab’s nicht vergessen. „Dies ist mein Mündel, Miss Iris Grace Morgan, aber sie wird Grace genannt.“ Er schloss mit einer Handbewegung.
„Es ist mir ein Vergnügen, Miss Grace.“ Er verbeugte sich elegant, die Bewegung seltsam anmutig für seine Größe.
„Sehr erfreut, Lord Sterling.“ Grace machte ihren besten Knicks, senkte ihren Körper und neigte den Kopf gerade genug. Sie bedauerte nur, dass Samantha nicht anwesend war, um es zu sehen.
„Ich bitte um Verzeihung.“ Samanthas Stimme schwebte sanft durch die Luft und Grace blickte auf, um ihre Ankunft zu beobachten. Nach einem anerkennenden Lächeln für Grace stellte sich Samantha neben ihren Mann und wandte sich ihrem Gast zu. „Ah, Lord Sterling.“ Sie reichte ihm die Hand.
Er nahm sie, küsste sie kurz und wandte sich an den Viscount.
„Und dieses reizende und faszinierende Geschöpf ist meine Frau.“ Der Viscount lächelte stolz, während er liebevoll auf Samantha herabblickte.
„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen. Wir haben lange auf die Dame gewartet, die dieses Biest von einem Mann zähmen kann.“ Sein Grinsen verwandelte sein Gesicht. Alle stoischen Züge verschmolzen zu einer amüsierten Miene, die ihn um Jahre jünger erscheinen ließ, und der Effekt war verblüffend. Er war schön, gut aussehend, aber nicht auf die klassische Art. Seine Augen lächelten ebenso wie seine Lippen, die sie jetzt, da sie ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, als voll und breit erkannte. Zum ersten Mal wirkte er wie ein alter Freund und nicht wie ein Anwalt, der den Nachlass von jemandem besprechen wollte.
Grace wandte den Blick ab, um nicht beim Starren erwischt zu werden.
„Es war nicht schwer, ihn zu zähmen, obwohl ich nicht glaube, dass das der richtige Begriff dafür ist.“
„Einen Schotten kann man nicht zähmen“, fügte der Viscount mit einem kräftigen Nicken hinzu.
„Ein Schotte mit einem sehr englischen Titel“, erwiderte Lord Sterling mit einer gewölbten Braue.
„Wenn die Engländer mir Land und Geld geben wollen, wer bin ich, sie aufzuhalten?“ Er zuckte mit den Schultern.
Lord Sterling schüttelte leicht den Kopf, als sei er an die Scherze des Viscounts gewöhnt, aber nicht bereit, sie zu unterstützen.
„Sollen wir uns setzen? Ich bin sicher, dass das Abendessen in Kürze angekündigt wird, aber ich möchte alle Neuigkeiten hören, die Sie uns mitteilen möchten.“ Samantha warf dem Viscount einen vielsagenden Blick zu, und Grace spürte, wie ein Schauer der Vorahnung ihren Rücken kitzelte.
Kurz darauf hatten sie alle Platz genommen, und Grace bemühte sich, gerade zu sitzen und dem Gespräch zu folgen, ohne sich ablenken zu lassen.
„Haben Sie etwas über den Duke of Chatterwood gehört?“, fragte der Viscount und stürzte sich damit gleich auf die wichtigste Nachricht.
Lord Sterling nickte, dann beugte er sich vor. „Einiges. Wie es scheint, hält er sich über die ganze Situation ziemlich bedeckt, was ein Segen ist. Da seine Töchter bereits verheiratet sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass er mehr tun würde, als seine Missbilligung kundzutun. Alles Weitere würde seinen eigenen Ruf gefährden. Der Skandal verfolgt Sie und Lord Heightfield, und wenn er von dem eher fragwürdigen Ruf seiner neuen Schwiegersöhne verschont bleiben will, wird er klugerweise Abstand halten.“
„Fragwürdiger Ruf, hmmm?“ Der Viscount strich sich über das Kinn, ein amüsierter Ausdruck lag in seinen Augen. „Ich nehme an, das trifft eher zu als nicht zu.“
„In der Tat.“ Lord Sterling hob eine Braue, aber seine Lippen formten ein kleines Lächeln. „Ein Ruf, den Sie zu verbessern versuchen?“, fragte er und ließ seinen Blick zu Grace schweifen.
Ihre Augen weiteten sich leicht und sie sah den Viscount an.
