Das deutsche Mädchen - Maria Wanski - E-Book

Das deutsche Mädchen E-Book

Maria Wanski

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Beschreibung

Deutschland im 14. Jahrhundert. Magdalena wird als drittes Kind der Familie Kaufmann in eine Welt geboren, in der Frauen keine Rechte besitzen. Früh verliert sie ihre Eltern und wächst fortan bei ihren beiden älteren Brüdern auf. Magdalena genießt eine unbeschwerte Kindheit, in der sie sich zu einer intelligenten und selbstbewussten jungen Frau entwickelt. Mit 15 Jahren heiratet sie ihre vermeintlich große Liebe und stellt schnell fest, dass das Leben außerhalb ihres Elternhauses weder schön, noch unbeschwert ist. Magdalena muss lernen, sich als Ehefrau und Hausfrau unterzuordnen und ihrer gesellschaftlichen Rolle gerecht zu werden. Sie steckt Prügel und Demütigungen ein, bis sie schließlich vor ihrem Mann flüchtet. Magdalena gelangt über Umwege an den Hof des Kaisers des Heiligen Römischen Reiches und erlebt Zustände, die nicht schlimmer hätten sein können. Magdalena geht durch die Hölle und endet schließlich in purer Verzweiflung, die sie zu einer Tat antreibt, welche sie letztlich das Leben kosten soll. Doch sie wird verschont und als Magd an den König von England verschenkt. Magdalena hat das Gefühl, sich dort nun endlich entfalten und ohne Angst leben zu können, doch die nächsten Hürden warten bereits auf die junge Frau. Sie verliebt sich in den Mann, dem sie ihr Leben zu verdanken hat. Der König. Auch er entwickelt starke Gefühle für die junge Frau, doch noch bevor sich die Beiden näher kommen, wendet sich das Blatt und Magdalena muss eine folgenschwere Entscheidung treffen.

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Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Es war ein kühler Oktobermorgen im Jahre 1321. Die Sonne war schon seit einigen Stunden am Himmel zu sehen, jedoch ließ die dicke Wolkendecke die wärmenden Strahlen nicht bis auf den Boden durch. Anne-Marie hatte die ganze Nacht wachgelegen und unter höllischen Schmerzen versucht ruhig zu bleiben und abzuwarten, wie es ihr die Hebamme geraten hatte. Doch der Schmerz brachte sie fast um und ihr war bewusst, dass sie es nicht mehr lange aushalten konnte. Das Kind musste endlich kommen!

„Mutter, brauchst du noch etwas? Kann ich dir noch eine Decke holen? Oder möchtest du etwas trinken?“ Joseph, der älteste Sohn Anne-Maries war sehr besorgt um seine Mutter. Er war ein rebellisches und störrisches Kind, aber als sein erstes Geschwisterkind auf die Welt kam, änderte er sich von heute auf morgen. Er war gerade sechs Jahre alt, als Gustav geboren wurde. Es war eine schnelle Geburt. Anne-Marie wurde erst spät Mutter. Das ganze Dorf nahm an, dass sie verflucht war und gar keine Kinder gebären konnte, doch dann war sie mit Joseph schwanger. Danach folgten jahrelang keine weiteren Nachkommen, bis sie Gustav zur Welt brachte. Anne-Marie merkte am frühen Vormittag, dass ihre Fruchtblase geplatzt war und bekam Gustav schon zur Mittagsstunde. Da Anne-Marie so schnell keine Hebamme auftreiben konnte, und ihr Mann zu dieser Zeit nicht zu Hause war, musste Joseph tun, was er nur konnte, um seiner Mutter zu helfen. Demnach hatte er ein besonders liebevolles Verhältnis zu seinem Bruder. Er übernahm viele Arbeiten, die sich um das Kind drehten. Er wollte den kleinen Gustav gar nicht mehr hergeben. Er war sein Ein und Alles. Diese Fürsorge und Liebe für Gustav verschwand nie, selbst heute, achtete er mehr auf ihn, als auf irgendetwas anderes. Für Joseph war die Geburt eines Kindes ein Wunder, ein Geschenk Gottes. Er konnte sich nicht erklären, woher dieses kleine Wesen kommen mag. Sicher, aus dem Leib der Mutter, aber wie kam es dort hinein? Wie entstand es? Er hatte diesbezüglich einmal versucht mit seinem Vater zu reden, doch der verzog nur die Augenbraue und lächelte ihn spöttisch an.

„Das sollte dich noch nicht interessieren, mein Sohn! Aber du wirst schon noch früh genug dahinter kommen.“, hatte er daraufhin gesagt. Sein Vater war sehr selten zu Hause. Er verließ schon zu früher Morgenstunde das Haus und kam erst nach Mitternacht zurück. Niemand aus der Familie wusste so recht, was er den ganzen Tag trieb und wo er sich herumdrückte. Seine Arbeit hatte er bereits vor ein paar Monaten verloren und Anne-Marie war sich sicher, dass er noch keine neue Stelle gefunden hatte. Denn er brachte nie schmutzige Arbeitskleidung mit nach Hause oder sah in irgendeiner Weise so aus, als hätte er gearbeitet. Wenn sie ihn darauf ansprach, wo er denn den ganzen Tag gewesen sei, murmelte er ein paar Worte in seinen Bart und meinte etwas, wie Das geht dich überhaupt nichts an, Weib. Anne-Marie hatte deswegen an eine Geliebte geglaubt, die er täglich besuchte. Es gab für sie keinen anderen Grund für das Wegbleiben ihres Mannes. Aber wenn Anne-Marie ehrlich zu sich selbst war, war ihr der Umstand ganz recht. Sie begehrte ihren Mann und den Vater ihrer beiden Söhne schon lange nicht mehr und schlief mit ihm nur noch aus Gefälligkeit. Er dankte es ihr, indem er ihr eine hübsche Blume mitbrachte oder ihr ein Kompliment ins Ohr flüsterte. Auf mehr war von ihm auch nicht zu hoffen. Er war nie ein Mann großer Worte oder Taten. Und wenn dann doch eine liebe Geste von ihm kam, nahm Anne-Marie sie liebend gern an. Aber selbst diese Kleinigkeiten hörten auf und nun gab es für sie nichts mehr, wofür sie ihm diesen Gefallen noch tun sollte. Er war deswegen oft sehr wütend und beschimpfte sie, sie würde ja nun gar nichts Gescheites mehr zu Stande bringen, doch Anne-Marie war das gleich. Sie hoffte nun inständig, dass ihr Mann eine neue Willige gefunden hatte und sie ihre Ruhe vor seinen Gelüsten hatte. Doch nun erwartete sie ein drittes Kind von ihm, und definitiv auch das letzte. Sie war weit über dreißig Jahre alt und sie merkte, dass weder ihre Nerven, noch ihr Körper der Belastung standhielten. So eine schwierige Geburt, wie sie ihr jetzt bevorstand, wollte und konnte Anne-Marie nie mehr aushalten.

„Nein, mein Sohn. Ich brauche nichts, danke. Aber ich glaube, irgendetwas stimmt nicht. Hol die Hebamme! Sie soll noch einmal nach mir sehen.“

Joseph ging aus dem Schlafzimmer der Eltern ins Wohnzimmer, in dem sein Vater und die Hebamme warteten. Es war nur spartanisch eingerichtet. Ein abgenutzter Sessel, ein kleiner, viereckiger Tisch, mit abgenutzten Kanten, drei Stühle darum herum und ein Regal zierten den Raum. Zu mehr hatte es nicht gereicht. Aber der Familie ging es gut, zumindest bis Vater Kaufmann seine Anstellung verlor. Die Kaufmanns gehörten zum Bürgertum und waren somit gut gestellt. Jetzt jedoch, wo keiner der Familie eine Arbeit besaß, bis auf Anne-Marie selbst, die zweimal die Woche bei reichen Patriziern als Hilfskraft für Haus und Hof beschäftigt war, aber auch nicht viel verdiente, drohte der Abstieg. Anne-Marie war darüber zu tiefst unglücklich. Sie hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Sie hatte Träume und Wünsche, die sich aber nie erfüllt haben und auch nicht mehr erfüllen sollten. Als Tochter eines Schreibers und einer Tochter aus gutem Hause wäre sie heute wahrscheinlich fröhlich und glücklich mit zwei Kindern im Hof umher getobt, hätte sich keine Gedanken um Geld oder die Zukunft machen müssen, außer vielleicht, hätte sie eine Tochter, dass genau diese einen guten und reichen Mann heiratete, damit auch deren Leben abgesichert war. Aber Anne-Marie war mit ihrem heutigen Ehemann durchgebrannt, als sie 16 Jahre alt war. Sie kann sich noch genau daran erinnern. Es war das Jahr 1303. Anne-Marie kannte Matthias Kaufmann schon ihr Leben lang. Sie wuchsen zusammen auf und spielten den ganzen Tag Fangen und Verstecken. Im Winter kippten sie immer einen Eimer voll Wasser auf den Boden und schlitterten auf der entstandenen Eisfläche hin und her und zählten, wie oft jeder hingefallen war. Sie hatten sehr viel Spaß miteinander, aber es war nie bestimmt gewesen, dass Matthias einmal um Anne-Maries Hand anhalten sollte. Er war nur der Sohn eines Bierschenkers und stand so weit unter ihrem Stand. So kam es auch, dass Anne-Marie der Umgang mit Matthias verboten wurde. Sie sollte sich nicht mit dem Gesindel abgeben, sondern sich für die wichtigen, interessanten Männer bereit halten. Zu dieser Zeit war es sehr wichtig gewesen, eine gute Partie zu sein, wie es ihre Mutter immer zu sagen pflegte. Denn die damaligen jungen Männer aus gutem Hause waren rar und hatten dementsprechend eine große Auswahl jungfräulicher Bräute in Spe. Anne-Marie jedoch war von Gott gesegnet, denn sie war außergewöhnlich schön. Sie hatte langes, glattes, schwarzes Haar, welches im Licht leicht rötlich schien, dazu große, offene, braune Mandelaugen und schön geschwungene Lippen. Eines Tages, kurz nach ihrem 16. Geburtstag stand Jens Bergmann, der erste Sohn des Mühlenmeisters, vor der Tür und bat um Anne-Maries Hand. Natürlich waren ihre Eltern entzückt, denn Jens war ein sehr bescheidener Mann, im Gegensatz zu den meisten reichen Söhnen der Stadt. Er war gebildet, zuvorkommend und sah recht passabel aus. Außerdem besaß er mehr als 60% aller Mühlen in Deutschland und war so nicht auf das Erbe seines Vaters angewiesen. Die besten Voraussetzungen für ein glückliches Leben! Umso mehr war die Familie über das Erscheinen des Mannes vor deren Tür verwundert, denn er war auf dem Markt der heiratswilligen Männer äußerst begehrt. Es wäre jedes Mädchens Traum, solch einen Mann zum Ehemann zu haben, aber nicht Anne-Maries. Es dauerte nicht lange, dann stand alles fest und die Hochzeit sollte in wenigen Tagen stattfinden. Anne-Marie war völlig überrumpelt. Sicher hatte sie von ihren Freundinnen Berichte dieser Art erhalten und selbst miterlebt, wie eine ihrer Schwestern verheiratet wurde, aber sie hätte nie damit gerechnet, dass alles so schnell ging. Sie kannte diesen Jens überhaupt nicht, nicht ein Wort hatte sie mit ihm gewechselt. Gefalle ich ihm überhaupt, oder war er zufällig an meiner Tür vorbeispaziert und hatte sich gedacht, die kann ich heiraten? Sie fand keine Erklärung für diese plötzliche Wendung in ihrem Leben. Hatte sie gesündigt? Vielleicht wollte Gott sie für irgendetwas bestrafen! Aber für was? Sie weinte, nächtelang. Sie war so verzweifelt, wie noch nie. Wieso hatte man sie denn nicht einmal gefragt? Hatte sie denn kein Mitbestimmungsrecht? Katrin, ihre ältere Schwester hatte es jedoch auch nicht. Sie traf ihren heutigen Ehemann bei einem Marktbesuch. Beide verstanden sich auf Anhieb und allen war bereits bewusst, dass die beiden heiraten würden. Wahrscheinlich war Katrin deshalb nicht in der Lage, in der Anne-Marie sich nun befand. Als nun die Hochzeitsvorbereitungen in vollem Gange waren, hielt Anne-Marie den Druck und die Angst vor dem, was kommen mochte, nicht mehr aus. Sie traf sich heimlich mit Matthias und erzählte ihm von der geplanten Hochzeit mit Jens. Matthias war genauso erzürnt und perplex, wie sie selbst, und schlug ihr ein Angebot vor, das Anne-Marie nicht ablehnen konnte. So brannten die beiden schließlich durch und gründeten in Regensburg ein neues, aber armes Leben, da Matthias in der fremden Stadt seinem Beruf nicht mehr nachgehen konnte.

„Bitte, kommen Sie schnell!“, bat Joseph die alte Frau, die es sich auf dem alten Stuhl nahe der Feuerstelle gemütlich gemacht hatte. Vermutlich wusste sie um die Lage der Mutter und hatte sich auf einen langen Tag bei den Kaufmanns eingestellt.

„Mein Junge, deine Mutter ist noch nicht soweit. Ich habe erst vor etwa einer Stunde nach ihr gesehen. Gott will noch nicht, dass das Kind auf die Welt kommt. Dagegen kann ich nichts machen.“ Daraufhin führte sie ihren Becher an den Mund und nahm genüsslich einen Schluck heißen Tee, den Gustav ihr zubereitet hatte.

„Aber meine Mutter verlangt nach Ihnen! Ihr ist nicht gut und sie hat Angst. Sie meint, dass etwas nicht stimme. Bitte, sehen Sie noch einmal nach ihr!“, sagte Joseph jetzt flehend. Er bekam langsam ein sehr schlechtes Gefühl. Anne-Marie hatte glasige Augen und zitterte am ganzen Körper, abgesehen von den Schmerzensschreien. Er war bei Gustavs Geburt regelrecht schockiert gewesen über die Schreie seiner Mutter. Er dachte, sie würde sterben. Er hatte ja keine Ahnung. Aber nun kannte er die Situation und merkte trotzdem, dass es nicht so verlief, wie beim letzten Mal.

Widerwillig erhob sich die alte Frau und trottete langsam und schwerfällig hinüber ins Schlafzimmer, welches dunkel und stickig war. Die Hebamme hatte angeordnet, die Fenster zu schließen und zu verdunkeln. Das würde die Mutter beruhigen, hatte sie gesagt. Die beiden Männer warteten nun gespannt im Nebenraum auf die Diagnose der Alten. Beide waren nervös und besorgt um ihre Frau bzw. Mutter, aber sie strahlten dies unterschiedlich aus. Während der eine, steif wie ein Brett, auf seinem Sessel vor dem Feuer saß und, mit dem Blick auf die funkelnde Flamme, nur ab und zu mit dem Fuß auf den Boden trommelte, ging der andere schnell und hastig im Zimmer auf und ab. Joseph verstand seinen Vater nicht. Wie konnte man in solch einer Situation nur so ruhig bleiben. Wie viel Zeit war nun eigentlich vergangen? 10 oder 15 Minuten? Was machte die Alte bloß so lange bei Mutter? Kam das Kind etwa schon? Doch plötzlich wurde die Tür aufgerissen und die Hebamme kam heraus gestürmt und bat Matthias unter vier Augen zu sprechen. Beide, der Vater nun deutlich angespannter, als kurz zuvor, gingen in die Kochnische und tuschelten angestrengt. Joseph konnte fast nichts verstehen. Alles, was er aufschnappen konnte, war: „Sie wird es nicht schaffen. Das Kind hat sich gedreht. Ich muss es holen, sofort! Wenn ich das Kind jetzt nicht hole, wird es für beide kein gutes Ende nehmen!“.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

1.

9 Jahre lag die Geburt der kleinen Magdalena nun her. Ihre Mutter hatte es nicht geschafft und Magdalena beinahe auch nicht. Magdalenas Vater hatte den Tod seiner Frau nicht verkraftet und brachte sich drei Monate später um, indem er sich an einem ruhigen Abend von einer Brücke in ein ausgetrocknetes Flussbett stürzte. Nun war Joseph für alles allein verantwortlich. Nicht nur für die Sicherheit und für das Wohl seiner Geschwister, sondern überhaupt für das Leben der drei. Er musste Geld für die Familie verdienen, obwohl er selbst noch fast ein Kind war. Außerdem musste er Magdalena erziehen und dafür sorgen, dass sie eine gute Gattin und Hausfrau wurde. Dies bereitete ihm die meisten Sorgen, denn was wusste er schon davon! Er war ein junger Mann, der von seinem Vater handwerklich geschult wurde, sodass er einmal eine Chance im Gewerbe hatte und vielleicht selbst Meister wurde. Joseph war definitiv mit allem überfordert, doch er wollte nicht aufgeben und seine Geschwister im Stich lassen, so wie es sein Vater tat. Sein Glück war es, dass Gustav nicht der Klügste der Familie war. So konnte Joseph leicht die Kontrolle über ihn ausüben und Magdalena war noch zu klein, um sich gegen den Willen ihres großen Bruders zu stellen. Doch Joseph merkte schnell, dass sie eine starke Persönlichkeit hatte und nicht lange nach seiner Pfeife tanzen würde. Aber es war die Zeit des Aufbruchs für Joseph. Durch die rasante Entwicklung der Städte in den letzten 200 Jahren, resultierend unter anderem aus dem wechselnden Klima, gelang es ihm, durch die gute Schule seines Vaters, wirtschaftlich Fußzu fassen. Um 1300–1350 ging die Mittelalterliche Warmzeit in die folgende Kleine Eiszeit über, wodurch es mehr und mehr zu Missernten kam, obwohl das neu entwickelte System der Dreifelderwirtschaft eine steigende Nahrungsproduktivität versprach. Das bäuerliche Leben war schwer und hart gewesen, das städtische jedoch blühte förmlich auf. Die Stadt bot den Menschen geistliche und weltliche Sicherheit, gute hygienische und medizinische Bedingungen, wodurch die Lebenserwartung der Menschen deutlich stieg. Weiterhin sicherte sie einen Austausch von wirtschaftlichen Erfahrungen und einfachere Möglichkeiten und Bedingungen für ein sicheres Verkaufen ihrer Waren auf dem Markt. Doch durch den enormen Bevölkerungszuwachs und die Missernten kam es zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu gewaltigen Hungersnöten und anderen negativen Aspekten. So gab es etliche Menschen, die es nicht geschafft hatten, eine Arbeit zu finden und nun in der Stadt umherirrten und auf Almosen hofften. Folglich stieg die Kriminalität und die hygienischen Bedingungen ließen wieder nach. Der wöchentliche Markt wurde nun mehr und mehr von Überfällen und Diebstählen belastet und auch sonst musste jeder Bürger auf sein Hab und Gut aufpassen. Doch diese Unterschicht bestand nicht nur aus armen, arbeitslosen Bettlern, sondern vor allem aus Unselbstständigen, wie zum Beispiel Tagelöhnern, Dienstboten oder Knechten. Den Gegensatz dazu bildeten die Patrizier, welche meist reichgewordene Handwerksmeister waren. Diese hatten einen Sitz und eine Stimme im Rat. Wer jedoch einmal zu der Oberschicht gehörte, war damit nicht für sein Leben abgesichert. Ein Patrizier konnte genauso gut wieder absteigen. Solch ein Abstieg war nicht selten, weil viele Reichgewordene über ihre Verhältnisse lebten. Natürlich kam diese Entwicklung nicht von irgendwo her. Das Geschäft der Handwerker und vor allem das der Fernhandelskaufleute boomte. Es gab nun eine riesige Nachfrage bei den Käufern, die folglich die Preise der angebotenen Waren in die Höhe stiegen ließ. So wurden die Patrizier immer reicher und einflussreicher. Die größte Schicht bildete aber das Bürgertum, bestehend aus Handwerkern, Beamten, Krämern oder Ackerbürgern. Dazu gehörte auch Familie Kaufmann. Josephs Vater hatte in den letzten Monaten seines Lebens alles daran gesetzt, einen Beruf als Schmied ausführen zu können und hatte durch gute Beziehungen auch eine Anstellung gefunden. In genau dieser Werkstatt begann auch Joseph seine Ausbildung, in der Hoffnung, den Laden einmal übernehmen zu können. Sein Meister war ein alter und frustrierter Mann, der sich von der Zeit mehr erhoffte, nämlich, dass er in eine Zunft aufgenommen wurde und so sein weiteres Leben gesichert wäre. Denn die Zünfte sorgten für gute Lebensbedingungen. Man hatte als Mitglied einer Zunft einen Kündigungsschutz, die Frau erhielt Witwenrente, es wurde für Gleichheit der Angestellten gesorgt und es gab keine direkte Konkurrenz mehr, da sich viele Meister zusammenschlossen. Das wäre für den alten Arbeitgeber der Traum gewesen, aber es sollte nicht sein. So hoffte er wenigstens auf einen gutlaufenden Laden, mit vielen Aufträgen und gutem Umsatz. Natürlich war es schwer, dies neben den Zünften zu erreichen, aber er konnte sich und seine Familie über Wasser halten und sogar noch Angestellte unterhalten. So jedenfalls bildete er Joseph Kaufmann, den Sohn seines ehemaligen Mitarbeiters, aus. Joseph war ein tüchtiger und starker Mann und der alte Meister erkannte in ihm gute Führungsqualitäten, die Joseph später beweisen sollte.

Magdalena war ein agiles und fröhliches kleines Mädchen. Sie liebte es im Licht des Sonnenaufgangs im Garten zu stehen und den ersten Klängen der Vögel zu lauschen, zu sehen, wie sich die Erde langsam erhellte und die Konturen der Umgebung sichtbar wurden und zu beobachten, wie ihr geliebter Apfelbaum seine wunderschönen Blüten bekam. Von Äpfeln hielt Magdalena nicht viel. Sie waren ihr meistens zu sauer, aber die Apfelbaumblüten waren das Schönste, was die Natur jeden Frühling hervorbrachte. Nichts bereitete ihr mehr Spaß, als im umliegenden Wald spazieren zu gehen und dabei alle Blätter zu sammeln, die sie finden konnte. Anschließend saß sie mit Joseph im Wohnzimmer mit einer Tasse Kakao und identifizierte die Blätter anhand ihrer Struktur. Danach sortierten sie die Blätter und ließen sie trocknen. Dazu pressten sie sie in ein altes Buch, in dem es fast keine freie Seite mehr gab, aufgrund der schon vorher gepressten Blätter. Wenn Magdalena dann schlief, schlich sich Joseph heimlich ins Wohnzimmer, in dem das alte Buch lag und entsorgte die ältesten Blätter, für die es sowieso keine Verwendung gab. Da Magdalena diese Untat jedoch bemerken würde, weil die ersten Seiten des Buches dann frei gewesen wären, sortierte Joseph die Blätter von Anfang an neu ein. Dieser Vorgang kostete ihn nicht weniger als eine Stunde der Nacht und am nächsten Morgen war er auf Arbeit so ausgelaugt, dass es ihm schwer fiel, sich zu konzentrieren. Wenn die beiden Geschwister am Vortag besonders viele Blätter gefunden hatten und Joseph in der Nacht noch länger für das Neusortieren gebraucht hatte, konnte es auch passieren, dass er bei der Arbeit einschlief. Aber Joseph achtete darauf, dass Magdalena nicht allzu viele Blätter mitnahm, sodass er in der Nacht weniger zu tun hatte. Einmal hatte Magdalena den Schwindel bemerkt. Sie war außer sich vor Wut und Enttäuschung. Joseph hatte ihr erklärt, warum er die getrockneten Blätter entfernte, aber Magdalena hörte gar nicht hin. Sie empfand es als die gemeinste Sache, dass ihr Bruder ihre Leidenschaft einfach wegwarf.

„Dann nehmen wir eben noch ein Buch, damit wir mehr Blätter trocken lassen können, einverstanden?“, versuchte er sie zu beruhigen, „Wo sollen wir denn sonst hin mit den vielen Blättern? Fast jeden Tag sammelst du Unmengen, die alle aufgehoben werden müssen, obwohl du sie wahrscheinlich schon in hundertfacher Ausführung zu Hause hast!“

„Aber ich schmeiße deine ach so wertvollen Steine ja auch nicht einfach weg!“, hielt sie dagegen. „Nur, weil es MEINE Blätter sind! Du gehst mit allem, was nicht dir gehört, so sorglos um!“

„Meine Güte, Magdalena!“, sagte er nun gereizt, „Ich sammle ja auch nur Steine, die in meiner Sammlung fehlen! Aber du nimmst ja alles mit! Von den 20 Blättern, die wir vorgestern gefunden haben, sind 15 Blätter von der Eiche! 15 Blätter von ein und demselben Baum. Das muss doch nicht sein. Da ist es doch verständlich, dass ich einige entferne. Oder nicht?“ Er wusste, dass er recht hatte und sie wusste es auch. Aber Magdalena war nicht der Typ, klein bei zu geben. Im Inneren verstand sie, was er sagen wollte und es war auch logisch, aber sie war zu stolz, um es einzugestehen.

„Aber…“, begann sie, „ aber, wenn ein Riese nun Menschen sammelt. Und ausgerechnet du bist unter ihnen. Wie würdest du es denn finden, wenn er dich am Abend einfach wegwirft, nur weil er schon 20 deutsche Menschen hat!“

„Das ist doch etwas ganz anderes! Wir sind Menschen und keine Blätter, Magdalena! Ich will jetzt auch nicht über solch einen Schwachsinn reden.“ Damit ging er und auch die Gewohnheit, zusammen durch den Wald zu streifen, um Blätter zu sammeln. Magdalena war der Unterschied zwischen Menschen und Blättern wohl bewusst, aber es ging ihr um´s Prinzip. Die Blätter waren ihm nicht wichtig, sie war ihm nicht wichtig. Er hätte sie fragen und mit ihr zusammen aussortieren sollen. Aber es waren eben nur Blätter. Am nächsten Morgen hing der Haussegen immer noch schief. Joseph schien noch wütend zu sein und sprach mit seiner kleinen Schwester kein Wort beim Frühstück.

„Bist du immer noch böse auf mich?“, fragte Magdalena schließlich. Natürlich war er das, aber sie versuchte die quälende Stille mit dieser Frage zu brechen. Joseph schien jedoch keine Lust zu haben, das Thema wieder aufzuwühlen und schwieg weiter, während er sein Brötchen aß. Er sah an diesem Morgen besonders schlecht aus. So sah er nur nach einem anstrengenden Arbeitstag aus, wenn er wieder einmal die schweren Rohstoffe zu seiner Werkstatt tragen musste, in der sie dann weiter verarbeitet wurden. Aber wenn Joseph ausgeschlafen war oder gar frei hatte, sah er sehr gut aus. Diese Schönheit hatte er wohl von seiner Mutter geerbt, im Gegensatz zu Gustav, der alles andere als hübsch war. Dadurch, dass sich Joseph in seiner Freizeit oft im Freien aufhielt, war seine Haut leicht gebräunt, sein Haar war zu einem schönen Mittelbraun ausgebleicht und seine Gesichtszüge schienen weich und freundlich, durch den Dreitagebart jedoch sehr männlich. Auch seine Figur musste er keineswegs verstecken, da er seinen Körper durch die schwere Arbeit täglich trainierte. Joseph war der beste Bruder, den sich Magdalena hätte vorstellen können. Er war ein fürsorglicher, warmherziger, geduldiger aber auch ein selbstbewusster und charmanter Mann. Wenn einer der beiden Geschwister Hilfe brauchte, egal in welcher Beziehung, war Joseph sofort da und half, wo er konnte. So lag es nicht fern, dass er ständig auf Marktbesuchen von Mädchen angestarrt und angelächelt wurde. Aber Joseph hatte keinerlei Interesse an Frauen, zumindest nicht in dem Maße, als würde er nach einer zukünftigen Ehefrau Ausschau halten. Sicherlich gab es die eine oder andere Intimität mit einer Magd oder einer Tochter seiner Kunden, aber für mehr war er nicht zu haben. Denn er hatte mit sich selbst und vor allem mit seinen Geschwistern genug zu tun, sodass es für eine Frau keinen Platz gab. Magdalena jedoch glaubte, dass die Richtige ihm noch nicht über den Weg gelaufen war. Joseph war viel zu stolz und sich seiner bewusst, als dass er sich mit einer Hure oder einer so unscheinbaren, hässlichen oder dummen Tochter eines armen Mannes, von dem er dann auch auf keine große Mitgift hoffen konnte, zufrieden gegeben hätte. Er wollte etwas besseres, denn er war es auch, obwohl sein derzeitiger Stand etwas anderes verlauten ließ. Joseph aber war sicher, dass er eines Tages Meister seines Berufes sein würde und sich ihm dann ganz andere Sphären öffnen würden. Wie gesagt, er war äußerst geduldig!

„Ach komm, eigentlich müsste ich doch sauer auf dich sein!“, versuchte sie erneut. Als wieder keine Antwort von ihm kam, erhob sie sich und ging hinaus in den Garten. Sie konnte seinen Blick förmlich auf ihrem Rücken spüren und wusste, dass der Streit ihm genauso zu schaffen machte, wie ihr.

Der große Garten war direkt von der kleinen, aber geräumigen Kochnische zu erreichen. Man stieg einige Stufen herab und stand auf der weitflächigen Wiese. Eigentlich sollte eine Terrasse das Gartenbild vollenden, aber dazu war es, als Anne-Marie starb, nicht mehr gekommen. Magdalena stand noch einige Sekunden an der Stelle und stellte sich die Terrasse mit einem Tisch und vier Stühlen vor. Das Mobiliar sollte weiß sein, mit grünen Auflagen auf den Stühlen. Um die Terrasse herum sollten Blumenbeete gepflanzt sein, die sowohl Tulpen, als auch Nelken nährten. Ja, das wäre schön gewesen, dachte sie. Sie ging in Richtung Wald, in die sie immer wanderte. Der Wald war nur wenige Minuten zu Fuß entfernt. Hier fand sie stets Ruhe und Zuflucht. So oft es ging, machte sie ausgedehnte Spaziergänge im Wald, weil sie hier sie selbst sein konnte und vor allem allein war. Zu Hause war sie ständig in der Obhut ihrer Brüder, die nichts Besseres zu tun hatten, als ihr vorzuschreiben, was sie zu tun habe. Mach endlich deine Aufgaben im Hof! Willst du nicht noch ein bisschen Nähen üben? Wenn du nichts zu tun hast, dann wasch die Wäsche! So war es nur im Hause Kaufmann. Und Magdalena war es leid, den beiden Männern ihren Kram hinterher zu räumen. Sie sah sich schon in 10 Jahren ausgelaugt und ausgebrannt eine Schar an Kinder pflegen und betreuen und sich gleichzeitig um ihren Mann und dessen Bedürfnisse kümmern. Bei diesem Gedanken schüttelte es sie am ganzen Körper. War das ihre Lebensaufgabe? War sie deshalb auf die Welt gekommen? Musste ihre Mutter dafür sterben? Nein, das konnte nicht sein! Sie musste doch zu mehr im Stande sein, als das, was Schicksal fast aller Frauen war. Sie kannte ihre Mutter zwar nicht, aber von den Erzählungen ihrer Brüder wusste sie eines, sie wollte nie so werden wie sie. Von ihrer Nachbarin bekam Magdalena die wichtigsten hauswirtschaftlichen und mütterlichen Handwerke gezeigt. Beispielsweise, wie man richtig putzt, wie man gutes Essen zubereitet, wie man näht und strickt. Aber nicht, wie man rechnet, schreibt, ließt oder was in der Welt passiert, wo Afrika liegt oder wer der König von Dänemark war. Das alles hatte ein Mädchen nicht zu interessieren. Die meisten Mädchen interessierten sich auch nicht dafür, aber Magdalena schon! Wenn sie nach der Schule bei Frau Müller, ihrer Nachbarin, in der Stadt umherschlich, schnappte sie nur Brocken auf. So auch dieses Mal, als sie auf den Markt geschickt wurde, um Brot zu kaufen: Der junge König aus England hat seine Mutter und deren Geliebten gestürzt! Es heißt, der Earl of March sei hingerichtet worden und seine Mutter habe Arrest. Nun ist er nicht nur theoretisch König, sondern auch praktisch! Der König von England. Was muss das für ein Mann sein, der seiner eigenen Mutter Schaden zufügt.

Magdalena hatte nicht viel Zeit, darüber nachzudenken. Sie musste sich beeilen, weil sie am Nachmittag wieder einmal ein heimliches Treffen mit Herrn Müller hatte. Herr Müller war ein Gelehrter und ein überaus kluger und weiser Mann. Er war Schreiber für den ehemaligen Herzog von Oberbayern und Pfalzgraf bei Rhein und danach für dessen Sohn gewesen. Seine Dienste wurden immer noch ab und an in Anspruch genommen, sodass er weiterhin einen guten Kontakt zum Pfalzgrafen pflegte. Da das Paar aber nun in die Jahre gekommen war und ihre letzten Abende in Ruhe und Frieden verbringen wollte, gingen sie zurück in die Heimatstadt Frau Müllers. Magdalena hatte das Glück, dass der alte Mann Kinder sehr gut leiden konnte und sein Wissen gern weiter trug. Herr Müller hatte der Familie Kaufmann schon oft angeboten, Gustav zu unterrichten, da es seiner Meinung nach wichtig sei, in der heutigen Zeit gebildet und wissend zu sein. Doch Gustav hatte andere Vorlieben und Interessen und war der Ansicht, dass eine Allgemeinbildung für seinen späteren Berufswunsch nicht erforderlich war. Daraufhin war Herr Müller zu tiefst beleidigt und vermied jeglichen freundschaftlichen Kontakt. Doch als die 9 jährige Magdalena nun täglich das Haus der Müllers besuchte, um, wie beschrieben, die Qualitäten einer guten Hausfrau und Mutter zu erlernen, änderte sich Herrn Müllers Meinung. Er war so verzückt von dem kleinen naiven Mädchen, dass er ihr jeden Wusch erfüllt hätte. Die Müllers waren kinderlos. Dies lag nicht nur an der ständigen Abwesenheit des Herrn, sondern vor allem an der Unfruchtbarkeit Frau Müllers. Umso mehr freute sich der in den Ruhestand getretene Herr über die Gesellschaft des kleinen Mädchens. Eines Tages versuchte Frau Müller Magdalena das Kochen beizubringen. Doch Magdalena, wie beschrieben erst neun Jahre alt, hatte weder das Interesse, noch das Talent dafür und machte alles falsch, was nur falsch zu machen ging.

„Du dummes Ding!“, schimpfte Frau Müller. Sie hatte keine Geduld und war auch nicht geübt im Umgang mit Kindern, wie sollte sie auch. Das bekam Magdalena oft zu spüren.

„Es tut mir sehr leid, Frau Müller. Ich werde meinen Bruder fragen, ob er Ihnen eine neue Schale besorgt. Es tut mir schrecklich leid! Ich habe so etwas noch nie gemacht. Ich weiß nicht, wie das geht. Mein Bruder Joseph macht das Essen bei uns sonst immer.“, jammerte sie, während sie die Scherben der zerbrochenen Schale zusammen suchte. Als Frau Müller ihr dann noch deutlich zu verstehen gab, dass sie nicht auf das Geld ihres Bruders angewiesen waren und wie beleidigend das für Leute wie die Müllers sei, stürzte Magdalena weinend hinaus in den Hof des Ehepaars. Es dauerte nicht lange, bis der Herr des Hauses von der Geschichte hörte und sich tröstend zu dem Mädchen setzte.

„Das alte Weib ist fertig mit ihren Nerven. Du brauchst dir auf ihre Meckereien nichts einbilden. Was du falsch machst, ist das Resultat ihres Versagens als Lehrerin, weißt du!“ Er lächelte und bot ihr eine Birne an.

„Hier, nimm diese Birne. Es ist die erste, die ich dieses Jahr gepflückt habe. Normalerweise ist die Zeit der Birnen schon vorüber, aber dieses Jahr scheint wohl alles ein bisschen länger zu dauern.“

„Wieso, was denn noch?“, fragte Magdalena und biss genüsslich in die grüne Birne, nachdem sie sich ihre schmutzigen Finger an ihrem hellblauen Kleid abwischte.

Herr Müller erzählte ihr von den Ereignissen in England, vom König, von seiner Zeit beim Herzogen, seiner schulischen Ausbildung in einer Kathedralschule, eigentlich von seinem ganzen Leben. Für Magdalena war das eine ganz andere Welt. Eine Welt, die sie nie für möglich gehalten hatte. Sie war nicht nur interessiert, sondern regelrecht fasziniert von dem, was Herr Müller berichtete. Und Herr Müller war froh, endlich einen geduldigen Zuhörer gefunden zu haben.

„Wissen Sie, was mich schon lange beschäftigt? Ich habe in der Stadt schon viel von den Habsburgern, den Luxemburgern und den Wittelsbachern gehört. Aber wer sind die? Warum bekämpfen sich die drei Parteien. Und wie kam es zu unserem Kaiser? Ich habe diesbezüglich schon oft meinen Bruder gefragt, aber der schüttelt nur den Kopf und lacht mich aus.“

„Nun ja, mein Kind, das ist eine komplexe und schwierige Thematik, die du angesprochen hast.“ Er schien kurz zu überlegen, wie er es dem Mädchen erklären konnte. Er berichtete von dem legendären Stauferkaiser Friedrich II. und von dem beginnenden, mit dessen Tod am 13. Dezember 1250, Interregnum im Heiligen Römischen Reich.

„Weißt du, was das ist, ein Interregnum?“, fragte er Magdalena nun. Magdalena sah zu ihm auf und nickte bejahend. Sie hatte keine Ahnung. Nach einem kurzen Zögern fuhr der alte Mann fort. Es herrschte eine Zeit der Instabilität mit mehreren Königen und Gegenkönigen, in der vor allem die Macht des Kurfürstenkollegiums gestärkt wurde. Das Interregnum endete erst 1273 mit der Wahl Rudolfs von Habsburg zum König. Nach Auseinandersetzungen mit dem König von Böhmen, Přemysl Ottokar II., den Rudolf in der Schlacht auf dem Marchfeld am 26. August 1278 besiegte, erwarb er Österreich, die Steiermark und die Krain und legte so die Grundlage für den Aufstieg des Hauses Habsburg zur mächtigsten Dynastie im Reich. Jedoch gelang es ihm nicht, die Kaiserkrone zu erlangen. Daneben gab es aber noch zwei weitere mächtige Dynastien, nämlich die Luxemburger und die Wittelsbacher. Seine beiden Nachfolger, Adolf von Nassau und Albrecht I., standen im Konflikt mit den Kurfürsten. Adolf versuchte ohne großen Erfolg in Thüringen Fuß zu fassen. Er verlor schließlich in der Schlacht von Göllheim 1298 sein Leben. Aber auch Albrecht I. unterhielt kein gutes Verhältnis zu den Reichsfürsten. Seine Annäherung an Frankreich war ihnen alles andere als recht. Albrecht konnte sich behaupten, wurde 1308 aber von einem Familienangehörigen umgebracht. Noch im gleichen Jahr wurde Heinrich VII. aus der Luxemburger Linie zum König gewählt. Dieser wurde als erster römisch-deutscher König nach Friedrich II. zum Kaiser gekrönt. Heinrich versuchte ein letztes Mal, das Kaisertum in Anlehnung an die Staufer zu erneuern, jedoch verstarb er schon ein Jahr später. In Deutschland hatte er sich gegen die Ausdehnung Frankreichs gestemmt und die Eintracht der großen Häuser erreicht.

„Und wie ging es dann weiter?“, fragte Magdalena interessiert.

1314 kam es dann zu einer Doppelwahl. Unser Kaiser konnte sich schließlich durchsetzen. Bald aber kam es zu einem schwerwiegenden Konflikt mit dem Papst. Dieser verweigerte ihm nämlich die Anerkennung und überzog ihn mit Ketzerprozessen. Daraufhin ließ sich unser Kaiser im Jahr 1328 vom römischen Stadtvolk zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches wählen und setzte seinerseits einen Gegenpapst ein.

„Das ist aber ganz schön kühn von unserem Kaiser gewesen.“, gab Magdalena zu.

„Ja, das stimmt. Er setzt alles daran, die eigene Machtbasis möglichst im Hinblick auf ein Wittelsbacher Erbkaisertum zu vergrößern.“

„Unglaublich! Ich würde auch gern mehr über Kultur, Geschichte und Philosophie wissen. Aber das ist wohl nicht meine Bestimmung.“, gab Magdalena zu. Sie ließ den Kopf hängen und versuchte sich mit ihrer Situation und mit ihrem Schicksal abzufinden.

„Nein, das ist nicht deine Bestimmung, Herzchen. Du solltest eher bemüht sein, deinem Bruder zu helfen, ihn zu unterstützen, damit er seinen Beruf gut ausüben kann. Natürlich solltest du dir auch einen guten Mann suchen, bei dem du dann vielleicht auch selbstständig Aufgaben erledigen kannst, wie zum Beispiel Produkte auf dem Markt verkaufen. Viele, oder die meisten Frauen unterstützen ihre Männer im Beruf oder führen selbst Geschäfte.“ Aber er bemerkte sofort, dass sich Magdalenas Gemüt trübte und sie den Tränen wieder nahe war.

„Aber, wenn du so gern möchtest, kann ich dir ein bisschen was beibringen. Ich hoffe nur, du bist dir über die Ehre, die dir gebührt, auch bewusst. Dein Bruder war es offenbar nicht!“ Dabei kräuselten sich seine Lippen und sein Blick wurde starr. Er war anscheinend sehr über die Ablehnung seines Angebots enttäuscht und verletzt. „Überleg es dir gut. Und wenn du möchtest, können wir nach deinem Unterricht meiner Frau noch eine Stunde oder zwei Stunden Lesen, Schreiben und Rechnen üben.“

„Das wäre fantastisch! Oh ja, bitte! Bitte, Herr Müller. Ich möchte das alles wirklich sehr gern lernen. Ich wäre Ihnen sehr dankbar!“ Mit einem zustimmenden Nicken und einem Lächeln erhob sich der alte Mann, schaute auf das weite Land hinaus, an dessen Ende die wärmende Sonne des Tages bereits begonnen hatte unterzugehen und ging schweigend ins Haus.

2.

Monate vergingen und erste Herbststürme zogen auf. Magdalena war allein zu Hause. Gustav trieb sich irgendwo herum und Joseph war bei der Arbeit. Sein Meister hatte einen guten Auftrag für sich gewonnen und so mussten die beiden jeden Tag länger arbeiten, um der Arbeit gerecht zu werden. Magdalena legte sich eine warme Decke um, machte Feuer und ließ einen Topf Wasser für heißen, frischen Tee warm werden. Es blitzte. Magdalena erschrak. Sie fürchtete sich bei Gewitter. Der helle Blitz und der laute Donner ließen sie jedes Mal zusammen zucken. Oft schon dachte sie über dieses Naturschauspiel nach, aber sie konnte sich nie erklären, wie so etwas zustande kommt.

„Hallo, Magda.“ Joseph kam klatschnass zur Tür herein. Durch den laut tobenden Wind hatte Magdalena ihren Bruder nicht kommen hören.

„Joseph, zum Glück. Sieh, was draußen schon wieder los ist.“ Sie stand am Fenster vor der Feuerstelle und starrte nach draußen. Die Bäume schienen fast aus der Erde gerissen zu werden, so stark bogen sie sich.

„Ja, ich weiß. Ich habe mit jedem Mitleid, der sich bei diesem Unwetter draußen befindet.“ Er streifte seine nasse Jacke ab. Magdalena sah zu ihm herüber. Er wirkte nachdenklich.

„Was überlegst du?“, fragte sie schließlich.

„Wohin ich meine Jacke lege.“, gab er lächeln zu.

Magdalena lachte. „Ach, gib her.“, sagte sie und nahm ihrem Bruder die tropfende Jacke ab. Sie hing sie im Nebenraum auf. „Wie läuft es auf Arbeit?“, fragte sie Joseph, als sie zurück kam und das brodelnde Wasser im Topf in eine Kanne goss.

„Nichts neues, Magda.“ Er schniefte. „Nur das übliche, du weißt schon.“

„Na du bist ja nicht gerade gesprächig."

„Ach, es war einfach ein anstrengender Tag. Ich bin müde und erschöpft.“ Joseph ließ sich in den Sessel fallen und atmete lautstark aus. „Wo ist eigentlich Gustav?“

„Ich weiß es nicht. Als ich von den Müllers kam, war er bereits weg. Vielleicht hat er ja eine Verabredung?“ Magdalena kam mit der Teekanne zurück und stellte zwei Tassen bereit. Sie schmunzelte über ihre eigenen Worte und auch Joseph konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Wir sind gemein, Magda.“, sagte er dann.

„Wieso gemein?“, erwiderte sie, „Wir haben nichts böses gesagt.“

„Ach komm, so absurd ist es doch gar nicht.“

„Doch Joseph, das ist es.“ Beide mussten lachen. Sie liebten ihren Bruder, aber beide hielten es nicht für möglich, dass sich auch nur ein Mädchen der Stadt auf ihn einlassen würde. Er war kein schlechter Mensch, aber er war definitiv nicht der Traum aller Mädchen. Es blitze erneut und kurz darauf ertönte ein krachendes Geräusch. Magdalena zuckte zusammen.

„Komm her, Magda!“ Joseph rutschte an den Rand des Sessels und bedeutete seiner Schwester, neben ihm Platz zu nehmen. Magdalena wartete nicht lange und eilte zu ihrem Bruder. Sie kuschelte sich neben ihn und schmiegte sich an ihn. Sie fühlte sich sicher. Sicher und geborgen. So war es immer. Joseph breitete die Decke aus und warf sie schwungvoll über sich und seine Schwester. Eine Weile starrten beide schweigend auf das flackernde Feuer.

„Du, Joseph?“, fing Magdalena an.

„Hm.“

„Wie entsteht so ein Unwetter eigentlich? Ich meine, wie geht so etwas?“ Joseph bewegte sich nicht und wendete auch seinen Blick nicht vom Feuer.

„Du stellst Fragen!“ Er überlegte. „Ehrlich gesagt, weiß ich das auch nicht genau.“ Er sah zu Magdalena hinunter, die sich noch immer an seine Brust kuschelte. Er erkannte ihre Enttäuschung in ihrem Gesicht. Dann richtete er sich ein bisschen auf und setzte an: „Aber ich glaube, dass sind die Götter.“ Magdalena sah auf.

„DIE Götter?“, fragte sie. „Wir haben doch nur einen.“

„Ja, aber früher glaubten manche Menschen an mehre Götter. Auch heute gibt es diese Menschen noch.“

„Wie soll das gehen, Joseph?“ Magdalena schien die Worte ihres Bruders nicht zu verstehen.