Das Dorf der Unsterblichen - Alice Braga - E-Book

Das Dorf der Unsterblichen E-Book

Alice Braga

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Beschreibung

Ein Biss, und du wirst wie sie. Im Jahre 1503 wird der junge Inquisitor Alessandro Varese in eine entlegene Ecke Oberitaliens entsandt. Hexen und Ketzer sollen hier ihr Unwesen treiben. Tatsächlich aber entpuppen sich die Bewohner des Dorfes als Werwölfe, unter ihnen die schöne Valeria, in die sich Alessandro wider Willen verliebt. Als er von ihr gebissen wird, erfüllen ihn Angst und Verzweiflung. Alessandro weiß, dass er selbst zum Werwolf werden muss, und beschließt, seine Erfahrungen in den Dienst des Vatikans zu stellen. Aber je mehr er eintaucht in die Welt der Werwölfe, desto deutlicher erkennt er ihr wahres Wesen. So gerät er bald zwischen die Fronten eines Vernichtungskrieges. Er muss seinen Feinden entkommen. Und er muss Valeria retten, bevor es zu spät ist …

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Seitenzahl: 501

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Alice Braga

Die Chronik der Wölfe. Das Dorf der Unsterblichen

Historischer Roman

I.Mond über den Bergen

1.

Ungeduldig schob Alessandro Varese die Vorhänge des Reisewagens beiseite und blickte hinaus. Den Augen des jungen Geistlichen bot sich das öde Bild eines sommerlich trockenen Flusslaufes. Nur mehr das leere Schotterbett des Baches wand sich durch das gelbbraun verdorrte Wiesenband, über das sich hier und da die Arme eines einsamen Olivenbaumes oder einer Pinie spannten, um Schatten zu bieten für die verstreuten Flecken einer Schafherde. An den Hängen breitete sich dagegen ein üppiges Grün aus: Der Wald war immer noch saftig und dicht gewachsen, mehr Wald, als Alessandro seit langem gesehen hatte. Er sah aus, als könnten Hitze und Zeit ihm nichts anhaben.

Fasziniert lauschte Alessandro dem Rauschen des Windes in den Wipfeln, über denen die zarte Kontur eines Tagmondes stand, der beinahe voll war. Vereinzelt sangen Vögel, und manchmal erklangen die Rufe unbekannter Tiere in der müden Mittagsluft.

Wie anders es hier war als in den kühlen, marmorgeschmückten Gängen des Kardinalspalastes, in dem er die letzten Monate verbracht hatte. Noch immer betrachtete er den mit einer seidenen Borte gesäumten Mantel ein wenig ungläubig, den er nun trug. Dann fiel sein Blick auf den Ring an seinem Finger, aus dessen Smaragd die Sonne grüne Blitze schlug, die inmitten der staubigen Öde um sie herum beinahe unwirklich wirkten. Die mit Heiligenfiguren bemalte Decke des Reisewagens, die mit Obstschalen und Lämmern bestickten Kissen, die noblen Decken, die Schnallenschuhe, in denen seine eigenen Füße steckten – all das schien nicht hierher zu gehören.

«Anhalten! Ich muss mal.»

Alessandro verzog das Gesicht, als er die Stimme seines Reisebegleiters vernahm, der sich beim Kutscher zudem durch derbes Klopfen an die Holzwand bemerkbar machte. Aber er wandte den Kopf ab, um es sich nicht zu sehr anmerken zu lassen. Mattia Pasquale war ihm von seinem neuen Gönner, dem Kardinal Sforza, als treuer und zuverlässiger Berater mitgegeben worden. Ausgerechnet dieser grobe, ungebildete Mensch! Alessandro runzelte seine hohe Gelehrtenstirn, als er darüber nachdachte. Er zweifelte keinesfalls daran, dass Pasquale vor allem ein Aufpasser war, der seine ersten Schritte auf dem schlüpfrigen Parkett der Kirchenpolitik kritisch beobachten und dem Kardinal detailliert berichten würde, wie der frischernannte Inquisitor sich denn so schlug. In dem Lächeln, mit dem der Mann sein Wissen quittierte, lag einerseits Verachtung, andererseits eine gewisse Ratlosigkeit.

Was, überlegte Alessandro, konnte eine Persönlichkeit wie der Kardinal nur an diesem Menschen finden, der in seinem Leben kaum drei Bücher in Händen gehalten haben mochte, in Händen, die allerdings, das musste er zugeben, in der Lage gewesen wären, einem Ochsen das Genick zu brechen.

Alessandro betrachtete jetzt wieder seine eigenen, langfingrigen Hände, denen man ansah, dass sie oft die Schreibfeder hielten. Einst hatte er damit auch Phiolen, Messer und Pinzetten geführt, um die Geheimnisse des menschlichen Körpers zu erforschen. Bis der Prior des abgelegenen Klosters, in dem er erzogen worden war, ihm gebot, sich mehr um die Geheimnisse der menschlichen Seele zu kümmern. «Deine Beine wirst du nicht besser laufen machen», hatte der alte Mann gesagt, «aber deinem Geist vermagst du dennoch Flügel zu verleihen.» Alessandros graue Augen verdunkelten sich, wie stets, wenn er daran dachte. War nun die Zeit gekommen, seine Flügel zu entfalten und in eine neue Zukunft aufzubrechen? Noch wusste er es nicht.

Er ballte die Hände zu Fäusten und hieb sich damit gegen das linke Bein, das vom langen Sitzen beinahe taub geworden war. Auch ohne die Torturen einer solchen Reise hinkte er ein wenig.

Unbehaglich schaute er jetzt zu, wie Pasquale sich aus dem Wagen schälte, ungeniert die mächtigen Glieder räkelte, sich umsah, um dann an einen Felsen heranzutreten und sich laut vernehmlich zu erleichtern. Kein Zweifel, er war ein Mann, der sich seiner körperlichen Wirkung gewiss war.

Alessandro ließ seinen Blick verdrossen schweifen und entdeckte schließlich eine Eidechse, die mit pulsierendem Hals auf einem Stein hockte, aber blitzschnell verschwand, als etwas im Gras raschelte. Er blickte auf und erstarrte. Für einen Moment sprangen ihn nur einzelne Bilder an: leuchtend grüne Augen in einem schmutzigen Gesicht, lange fettige Zotteln, mehr Fell als Haupthaar eines Menschen, eine nackte Schulter, die sich aus einem Hemd schob, und – lasziv übereinandergeschlagen – Bocksbeine. Ein Faun!

Der junge Inquisitor blinzelte. Zur Beruhigung legte er sich die Hand auf sein schnell pochendes Herz.

Die Gestalt grinste und schlug beneidenswert gesunde Zähne in einen Apfel. «Bon dia», grüßte sie im Dialekt der Berge.

Alessandro kam zu sich und grüßte zurück. Die Hitze und die Monotonie der Reise hatten ihn genarrt, aber nur für Momente. Ein Hirtenknabe hockte auf einem Stein am Wegrand, nichts weiter, ein beklagenswert schmuddeliger Junge mit Hosen aus Ziegenfell, die ihm für einen Augenblick das Aussehen eines Fauns gegeben hatten. Ungeniert ließ er seinen Blick über den Wagen und den Reisenden darin gleiten, während er auf etwas kaute und die Füße baumeln ließ, die sensationell schmutzig waren, aber darüber hinaus so menschlich wie Alessandros eigene.

Pasquale kehrte zurück und schüttelte die Soutane zurecht. «Was glotzt du so?», fuhr er den Jungen an, der sich davon jedoch nicht beeindrucken ließ.

Jetzt erst bemerkte Alessandro auch die Herde, die ihren Hirten in weitem, losem Kreis umspielte, gelbgrau wie die umherliegenden Steine und von diesen kaum zu unterscheiden. Einen Hund konnte er nicht ausmachen. Und die Ziegen schienen ihm unstatthaft weit fort von jeder menschlichen Behausung zu sein. «Pass auf», sprach er, halb tadelnd, halb wohlwollend, «dass der Wolf die Tiere nicht holt.»

Der Junge schüttelte den Kopf. «Die holt kein Wolf», erklärte er in einem lässigen Kauderwelsch, das Alessandro nur mühsam verstand.

«Ach ja?», schnaufte Pasquale, der sich wieder in das Gefährt hievte und ein Taschentuch zückte, um den Staub von seinen Lederstiefeln zu wischen. Er gab dem Kutscher Zeichen, loszufahren.

Das Lachen des Hirtenjungen mischte sich in das Knarren der Räder. «Ja», rief er ihnen nach, «denn wenn er kommt, dann beiß ich ihn.» Er winkte ihnen mit dem Apfel hinterher und entblößte seine weißen, großen Zähne, deren Anblick sich dem jungen Inquisitor tief ins Gedächtnis grub, er wusste selbst nicht, warum.

Alessandro Varese lehnte sich zurück und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sein Begleiter lachte, als er es sah. «Heidnisches Pack. Lebt seit Unzeiten hier», erklärte er und wies mit der Hand nach draußen auf die nun wieder langsam vorbeiholpernde Landschaft. «Kein Wunder, sogar die Straße, auf der wir fahren, ist noch aus römischer Zeit. Habt ihr die Grabmale gesehen?»

«Nein», bekannte Alessandro und neigte sich noch einmal vor. Gerade in diesem Moment zog eine Stele an ihnen vorbei, an deren Seite er mit Mühe einen Fries ausmachen konnte: flach, verwaschen vom Regen und verwittert vom Vergehen der Zeit. Die Gestalt eines liegenden Menschen war dort auszumachen, und Alessandro glaubte ein Lager, Weintrauben und Buchstaben erahnen zu können.

«Die stehen hier überall», fuhr Pasquale fort und wurde ein wenig lebhafter. «Und oben im Wald, der Vorsprung kommt gleich, gibt es immer noch die Reste eines Tempels. Säulenstümpfe, fast verschluckt vom Dickicht. Vor Jahren waren wir dort oben und haben zerstört, was immer ein Gesicht aufwies, und den Rest mit Weihwasser besprengt.»

«Eine löbliche Tat», stimmte Varese zu und fragte sich mit stillem Bedauern, welch wertvolle Statuen oder Inschriften der Wissenschaft dabei verlorengegangen sein mochten.

«Gewiss», bestätigte sein Gegenüber. «Eine Frauengestalt war auch dabei, die haben wir in die Kirche nach Vallepiu gebracht, wo sie heute gute Dienste als Maria leistet.»

«Vallepiu», griff Varese das Stichwort auf, als er den Namen ihres Zielortes hörte. «Ist es noch weit?»

«Da. Da oben.» Pasquale neigte sich hinaus und wies auf die Hügel.

Alessandro, der glaubte, es wäre von dem Städtchen die Rede, kniff die Augen zusammen, konnte aber nichts anderes erkennen als Wald. Der Wagen folgte einer Talschleife, und langsam kam eine Felsnadel in Sicht. Man musste lange hinsehen, um die Säule auf ihrer Terrasse zu erkennen. Jetzt hatte auch Alessandro sie entdeckt und vermochte den Blick kaum mehr davon zu lösen. Zart und schlank erhob sie sich im blauen Dunst. Und für einen Moment schien es ihm, als ruhe der Tagmond direkt über ihrer Spitze und sende ihr einen blassen Gruß.

Er hob den Arm. «Dort steigt Rauch auf.»

«Ja», stimmte Pasquale zu. «Da oben liegt ein gottverlorenes Dorf. Ascolte.»

«Ascolte», überlegte Alessandro und begann, nach seinen Unterlagen zu kramen. «Stammt von da nicht unsere Angeklagte?» Er zog die Akte heraus und las die Anzeige gegen eine junge Frau, die der Hexerei bezichtigt war. Ihretwegen hatten sie die Reise unternommen. «Alissa aus Ascolte.» Der Name ließ sein Herz aus irgendeinem Grund schneller schlagen.

Pasquale zuckte mit den Schultern. «Wundert es einen?», fragte er und schloss seine großen, braunen Augen. Seine schweren Lider zuckten noch ein paarmal, dann war er eingeschlafen. Er schnarchte bereits, als Alessandro Heulen vernahm. Nun hatte er niemanden mehr, den er fragen konnte, ob er recht gehört hatte.

Ob es die Stimme eines Wolfes gewesen war, am helllichten Tage?, überlegte Alessandro, während sein Blick besorgt über die Landschaft glitt. Nein, nicht hier, nicht so dicht an der Straße, nicht in Sichtweite der ersten vereinzelten Weingärten, die das Näherrücken Vallepius ankündigten. Einen Hund musste er gehört haben, der über seine Kette klagte, nichts weiter. Etwas anderes konnte es nicht gewesen sein. Nicht unter diesem kraftlosen Mond. Nicht in dieser Hitze, die jetzt die Gänsehaut auf seinen Armen zu verhöhnen schien. Doch aus einem unerklärlichen Impuls dachte Alessandro wieder an das Gelächter des Hirtenjungen und das Glitzern seiner kraftvollen Zähne.

Mit einem energischen Ruck schloss der Inquisitor die Vorhänge und versenkte sich in die gewundene Argumentation seiner Klageschrift.

2.

«Alissa», entfuhr es Alessandro, als sie am späten Nachmittag vor der Angeklagten standen. Es war ein Fehler, er spürte es, noch ehe er das empörte Hüsteln des Abtes vernahm und das plötzliche Kleiderrascheln, das um sie herum aufkam, als hätte der Wind unter die Soutanen gefegt und sie in Bewegung versetzt. Es war ein Fehler gewesen, denn es machte die Angeklagte zu einem Menschen. Alessandro bemerkte in diesem Moment, dass es besser für ihn wäre, er würde das Mädchen nicht als Mensch sehen. Aber er konnte nicht anders.

In der Anklage hatte sich das alles klar und eindeutig gelesen: Alissa aus Ascolte war der Hexerei beschuldigt. Sie soll gesehen worden sein, wie sie sich nachts im Wald an verrufenen Plätzen herumtrieb, soll dort getanzt und verdächtige Kräuter gepflückt und mit ihrem Sud den Tod eines Mannes verursacht haben. Danach soll sie seine Herde verhext und das Vieh zum Krepieren gebracht haben. Es stand alles da, in der klaren, gestochenen Handschrift eines Kanzlisten.

Doch jetzt stand sie vor ihm, Alissa. Jemand hatte ihr Haar, das wohl ursprünglich hellbraun und lockig gewesen war, mit wenigen groben Schnitten geschoren, sodass es sich nun dicht an ihrem Kopf kringelte. In dem grauen, weiten Hemd, das ihr auf die bloßen Füße fiel, sah sie ein wenig wie eine Novizin aus. Oder wie ein verirrtes Kind, das nachts aus dem Bett geklettert und ins Freie gelaufen war und nun nicht mehr zurückfand. Nur dass ihre Hände gefesselt waren und zwei Mann sie stützen mussten, damit sie auf den Beinen blieb. Als sie den Kopf hob, um Alessandro anzuschauen, weiteten sich ihre großen, überraschend veilchenblauen Augen. Für einen Moment starrte sie ihn an wie eine Erscheinung.

Alessandro war diese Reaktion von Frauen gewohnt, wenn er sie auch nie richtig deutete. Sie machte ihn nervös, brachte ihn dazu, den Blick abzuwenden und sich mit der für ihn typischen Geste die glatten Haare aus der Stirn zu streichen, die doch sofort wieder zurückfielen. Nie wurde er den Verdacht los, dass die Frauen, noch ehe er sich bewegte, die Schwäche seines behinderten Beines bemerkt hatten, oder schlimmer noch: die Schwäche seines suchenden, unsicheren Geistes.

Er hielt mit beiden Händen das Pergament fest und heftete den Blick auf die Zeilen des Textes, um sich zu sammeln. Dann blickte er wieder auf. «Alissa aus Ascolte», wiederholte er, seinen kritischen Zuhörern zum Trotz. Er hoffte, in seiner Stimme läge nun genügend Strenge.

Die Angeklagte lächelte schwach, ihr Blick löste sich von ihm und wanderte von allem fort, was sich in der kalten Halle befand. Sie schwankte leise.

Alessandro trat einen Schritt näher. Jetzt erst bemerkte er ihre gekreuzten Hände unter den Stricken. Sie waren schwarz, als gehörten sie nicht zum Rest des blassen Mädchenkörpers. Die Finger, die kraftlos und mehrfach gebrochen herabhingen, wiesen keine Nägel mehr auf. Das Fleisch war aufgedunsen und sah aus, als würde es beginnen zu verwesen. Es waren die Hände eines Dämons, nicht eines Mädchens. Alessandro biss sich auf die Lippen. «Ihr habt sie bereits gefoltert?», erkundigte er sich beim Abt.

Der nickte zufrieden. «Wir konnten mit der Befragung unmöglich länger warten», erklärte er. «Ich begreife ohnehin nicht, warum der Kardinal es für nötig hielt, extra jemanden…»

Alessandro hob die Hand, und der Mann verstummte beleidigt. «Irgendwelche Ergebnisse?», erkundigte er sich.

Der Geistliche verzog kleinlaut die Miene, dann holte er Atem, um seiner Empörung Luft zu machen. «Ein verstockteres Wesen ist mir noch nicht vorgekommen», begann er und steigerte sich zu immer größerer Lautstärke. «Man könnte glauben, sie wäre unempfindlich gegen Schmerz. Sogar die Maske hat sie ertragen, ohne einen Laut von sich zu geben, dieser Wechselbalg, diese Ausgeburt des Satans!»

Alessandro neigte den Kopf zur Seite und nahm nun selbst die verschorften Stellen wahr, wo die Holznägel der Maske, wie das Folterinstrument genannt wurde, sich tief in die Wangen des Mädchens gebohrt haben mussten. Rings um die Wunden waren grüne und blaue Höfe aus Blutergüssen zu sehen, die allerdings bereits verblassten. Alessandro hatte Gesichtszüge gesehen, die von derselben Behandlung völlig zerstört worden waren, durchtrennte Nerven, herabhängende Lider, haltlos zuckende Mundwinkel, Fratzen eines fürs Leben gefrorenen Entsetzens.

Es schüttelte ihn innerlich, wenn er zurückdachte an die Einführung in sein berufliches Metier, die Pasquale ihm in den Kerkern des Kardinals mit sichtlichem Behagen gegeben hatte. Er hatte sich noch am selben Abend in seinem Kabinett eingesperrt und sich in die Lektüre der Kirchenväter gestürzt, um sich zu versichern, welche Gefahr doch den Seelen der Rechtgläubigen vom Satan und seinen Dienern drohte, und wie wichtig seine Arbeit für das Wohl der Allgemeinheit war. Seine Aufgabe war zu bedeutend, um sie Mitgefühl und schwachen Nerven zu opfern. Der Himmel war schon wieder hell geworden und das Kerzenlicht verblasst, als er noch immer blätterte und las. Seine Hände, die die Bücher hielten, waren steif und eisig gewesen. In seinem Geist hatten die tröstenden Worte seiner Lektüre nachgehallt. Doch vor seinen brennenden Augen blitzten noch immer und blitzten bis heute die geschundenen Leiber der Gefangenen auf.

Alissa aber wirkte wie ein Kind, das Schläge erhalten hatte. Ihr Blick schien noch vage erstaunt über die Züchtigung. Ihr Geist allerdings, bemerkte Alessandro, ihr Geist hatte sich vor der Tortur geflüchtet. Wohin, war ihm noch nicht klar. Doch eine wahnwitzige Hoffnung packte ihn, dass er diesen Geist finden und in den allesheilenden Schoß Gottes zurückführen könnte. Da war etwas an diesem Mädchen, das ihn berührte und ihm sagte, alles könnte noch gut werden. Er betrachtete ihr stupsnasiges Profil.

Das Mädchen schaute aus dem Fenster, und ihr Blick verlor sich in dem blauen Himmel, den sie in ihrer Zelle unter dem Rathaus seit Wochen nicht mehr gesehen haben mochte. Möglicherweise war sie schon halbblind. Dennoch schien sie etwas wahrzunehmen, was eine Fülle von Gefühlen in ihr auslöste. Alessandro sah Freude, ja Leidenschaft, Sehnsucht, aber auch Verzweiflung und Rausch in wirrer Abfolge über ihre Züge gleiten wie Wolkenschatten über die Wälder. Sie schien anwesend und fern zugleich, und doch: Dass ihr Blick nach oben ging, dem Himmlischen und nicht dem Irdischen entgegen, gab ihm Anlass zur Hoffnung.

Er fasste das Mädchen am Kinn, was ein erneutes Seufzen des Entsetzens bei den anderen Anwesenden hervorrief.

Langsam wandte Alissa ihm den Kopf zu. Ihr Blick löste sich nur schwer von dem Fenster, in dem das erste Abendrot in Schlieren vor einem grünlichen Himmel schwamm wie Blut in Wasser. Und wo im schwächer werdenden Licht der Sonne das filigrane Segel des Mondes, gebläht und beinahe rund, beinahe vollendet, wie ein Schiff vorüberzog.

Alissas Mund öffnete sich. Ihr Ausdruck verzerrte sich zu einem Lächeln, dessen Verzweiflung Alessandro unwillkürlich ans Herz griff. Erschrocken zog er seine Hand zurück. Da blickte sie ihn an. «Ihr werdet es tun, nicht wahr?», fragte sie ihn. Ihre Stimme war leise und melodisch.

Alessandro runzelte fragend die Stirn.

«Ihr seid derjenige, der mich töten wird?»

«Mein gutes Kind…» Noch ehe Alessandro seinem Befremden Ausdruck verleihen konnte, war die Delinquentin auf die Knie gesunken und hob ihm die verstümmelten Hände entgegen, von denen er sich unwillkürlich abwandte.

«Aber ich bitte Euch ja darum», fuhr sie fort. «Ich flehe Euch um den Tod an, den schnellen, erlösenden Tod. Ich will auch alles dafür tun.»

«Mein Kind!», wiederholte Alessandro laut. Sein Herz klopfte heftig. Das war wahrhaftig mehr, als er zu hoffen gewagt hatte. «Du brauchst nichts zu tun, als deine Sünden zu bekennen und zu bereuen, aufrichtig zu bereuen.» Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu und stand nun so dicht über ihr, dass er sehen konnte, wie sich die misshandelten Locken auf ihrem Kopf kräuselten. Ein Lamm, dachte er, ein verirrtes Lamm. Und ich habe die Möglichkeit, es in Gottes Licht zurückzuführen, die wunderbare Gelegenheit! Dankbarkeit begann ihn heiß zu erfüllen, zugleich prickelnde Spannung. Dies hier war es, was er sich erhofft hatte, das Wunder der Gnade, die Versöhnung und nicht der Hass und Schmerz, der nur ein Weg war zur großen Glückseligkeit.

«Alissa!» Seine Stimme war jetzt rau vor Erregung wie die eines Liebhabers. Er musste an sich halten, um nicht ihre Hände zu umfassen und seinerseits vor ihr zu knien. Dann wallte ein Gefühl in ihm auf. Warum nicht, dachte er. Sollen sie die Stirnen runzeln, sollen sie stöhnen. Mit einem leisen Ächzen ging er in die Knie. «Alissa, bekennst du, was du getan hast?»

Einen atemlosen Augenblick musste er auf ihre Antwort warten.

«Ja, ich bekenne.» Da war sie, die ersehnte Antwort, leise, melodisch, doch voller Hoffnung. Alessandro jubelte innerlich.

«Und bekennst du, dass es nur einen Gott gibt, in dessen Obhut wir alle stehen?»

«Ich bekenne.» Obwohl Alissa ihren Kopf gesenkt hielt, befand sich Alessandro in einem anschwellenden Rausch des Glücks.

«Und entsagst du dem Satan und seinen Verführungen?»

«Ich entsage.»

So ging es in einem fort. Traumwandlerisch, so schien es dem jungen Varese, vollzogen sie die lange Litanei, ein Paar, getragen von der Melodie eines Liedes, sicher geführt bei jedem Schritt von einem alten Ritus, von der magischen Bedeutung eines jeden Wortes. Er tat es, wahrhaftig, er führte eine junge Seele zurück zum Licht.

Die Schatten in den Ecken des Raumes wuchsen. Niemand rief nach den Fackeln. Langsam versanken die knienden Gestalten des Mannes und der Frau in der Finsternis. Mehr als einmal war es Alessandro, als öffneten sich drohende Schattenmäuler dort in den Nischen, als kratzten bösartige Krallen über den Stein und als glühten durch die Mauerritzen scharlachfarbene Schlünde für Sekundenbruchteile auf. Er war sich gewiss, dass um sie herum die Hölle sich zu öffnen suchte. So wenig, wie er an der Rettung zweifelte, der sie entgegenschritten.

Die Dunkelheit wuchs, mit ihr die Stille. Bald goss nur noch der Mond sein silbernes Licht über die beiden knienden Gestalten. Dann war alles gesagt.

«Kienspane!», verlangte der Abt und atmete tief durch, als ein paar Männer die Lichtquellen entzündeten. Pasquale griff nach einem Taschentuch. Seine großen feuchten Augen leuchteten im flackernden Licht auf, als er Alessandro die Hand hinstreckte, um ihm aufzuhelfen. Befremdet wich der junge Inquisitor zurück. Noch immer war er vollkommen berührt von dem Geschehen, für einen Moment hatte er geglaubt, die ganze Welt müsste sich verwandelt haben. Pasquales profanes Antlitz, sein kumpelhaftes Zwinkern und der Schulterschlag, mit dem dieser ihn zurück in der Wirklichkeit empfing, berührten ihn unangenehm.

«Also, ich muss sagen», begann der Abt, fuhr dann aber nicht fort. In seiner Miene wie der seiner Untergebenen mischte sich Bewunderung mit Staunen und einem leichten Unbehagen.

Es war die junge Frau selbst, die als Nächste sprach.

«Darf ich jetzt sterben?», fragte sie.

Alessandro legte ihr die Hand auf den nach wie vor gesenkten Kopf. «Ja, Alissa», sagte er warm. «Du darfst deinem Vater begegnen.»

«Morgen schon? Vor dem Vollmond?»

Fast musste er lächeln über den Eifer in ihrer Stimme, die naive Erwartung, die ihren Körper beben ließ. Wie sehr sie sich nach der Erlösung sehnte. Wie ein Kind, das seinem Geburtstag entgegenfiebert.

«Ja, morgen», versprach er väterlich. Und fügte leise hinzu: «Und sei sicher, er wird dir vergeben, wie ich dir vergeben habe.»

Sie verbarg das Gesicht in den Händen. Ein Schluchzen schüttelte ihre abgemagerten Schultern.

Alessandro räusperte sich, um seine Rührung zu überspielen. Noch ganz gefangen in seinem Hochgefühl, nahm er die Einladung des Abtes zum Abendessen an. Triumph beflügelte seine Schritte, sodass er für einen Augenblick beinahe selbst sein Hinken vergaß. Als er auf die erleuchtete Tür zuschritt, wandte sich ein junger Pater an ihn und wagte in vorsichtigen Worten seine Bewunderung für sein Vorgehen auszudrücken. Pasquale lachte laut auf und verkündete, dass er jetzt begreife, was der Kardinal an ihm gefunden hätte. «Wenn die Frauen schon bereit sind zu sterben für Euer römisches Profil, dann ist es sicher am besten, sie tun das zum Wohl ihres eigenen Seelenheils», witzelte er. Alessandro, durch die jüngste Erfahrung milde gestimmt, lächelte nur.

«Es gibt Fasan und junge Milchziegen», verkündete der Abt, «geschlachtet, nachdem sie das erste Mal bei der Mutter tranken. Mein Koch versteht sich ganz hervorragend auf ihre Zubereitung. Ihr müsst das Fleisch kosten, es duftet nach Rosmarin und einem Hauch Pfeffer.» Langsam verhallten ihre Stimmen, und die hölzernen Türflügel schlossen sich hinter ihnen.

Zurück blieb die zusammengekauerte Gestalt der jungen Frau, deren Schluchzen erst jetzt, da sie mit dem Mondlicht alleine war, lauter wurde.

3.

Das Feuer zischte, als es Alissas Fleisch erreichte. Die anwesenden Geistlichen hielten sich Taschentücher vor ihre Nasen und verzogen die Gesichter. Die Einwohner von Vallepiu waren weniger empfindsam. Als die Flammen nach der Gestalt auf dem Scheiterhaufen griffen, kam Bewegung in die Menge. Eifrig drängten sich alle näher, um nichts zu versäumen. Vor ihren Augen starb ein Mensch.

Alessandro hatte noch am Morgen lange mit dem Abt gestritten, ob der Angeklagten die Gnade der Strangulation gewährt werden solle. Der Abt war dagegen gewesen und hatte auf die nochmalige Gelegenheit zur Reue verwiesen, die der Delinquentin durch die Schmerzen gegeben würden. Der Prozess sei ja so schnell vorangetrieben worden, aber leidend käme sie nur umso gewisser in den Himmel. Alessandro, mit Argumenten unterlegen, hatte sich am Ende nur unter Berufung auf den Kardinal selbst und seine Befugnisse durchgesetzt. Und so war nach den öffentlichen Gebeten der Scharfrichter hinter die an einen Pfahl auf dem Scheiterhaufen Gebundene getreten und hatte den Strick um ihren Hals gelegt, bis ihr Kopf zur Seite sackte.

So stand sie jetzt da, als die Flammen bereits an ihr leckten und die Glut zu sirren begann. Die zierlichen Füße des Mädchens schwärzten sich langsam, die Haut warf Blasen und platzte auf. Das Blut zischte im Feuer.

«Alissa!», rief es da mit einem Mal aus der Menge. Die Umstehenden hielten den Atem an. «Alissa, wir sind bei dir!»

«Wer war das?», rief der Abt. Unter den Geistlichen kam Unruhe auf. Alle blickten um sich, um den kühnen Sprecher auszumachen. Dann folgte ein allgemeiner Aufschrei, als plötzlich Leben in die Totgeglaubte vorne auf dem Scheiterhaufen kam. Ihr Fleisch rauchte bereits, fetter schwarzer Rauch hüllte sie ein. Dennoch geschah das Unfassbare: Alissa hob den Kopf.

Auch Varese entfuhr ein Schrei, als er es sah. Wie konnte nach all dem noch ein Funken Lebenskraft in ihr sein? Sie sah doch kaum mehr menschlich aus. Es war gespenstisch!

«Arbeitet so Euer Henker?», fuhr er den Abt an.

Pasquale beugte sich über seine Schulter und flüsterte: «Nicht wahr, es ist eine Sache, eine Seele in den Himmel zu schicken, eine andere ist es, dem Körper dabei zuzusehen.»

Alessandro knetete sein Taschentuch; es würgte ihn.

«Alissa, tu es! Jetzt!» Es war dieselbe männliche Stimme, die nun erneut in dem Tumult erklang, laut, drängend und gebieterisch.

Alle Köpfe fuhren herum. Der Abt geriet in helle Aufregung und rief nach den Wachen. «Bringt ihn mir», forderte er kreischend. «Verhaftet den Sprecher. Sofort.» Doch da war niemand. Die Herkunft der Stimme war inmitten der wogenden, erhitzten Gesichter nicht auszumachen. «Da ist der Ketzer!», riefen manche. «Dort!», schrien andere. Aber die Soldaten kamen nicht durch die zähe Menge, denn keiner der Schaulustigen wollte sich auch nur einen Schritt wegtreiben lassen, um nicht zu verpassen, wie der Körper des Mädchens langsam zu Ruß wurde. Alessandro hatte Mühe, auf den Beinen zu bleiben.

«Alissa!» Diesmal war es eine Frauenstimme, die über den Aufruhr emporstieg. Sie klang hoch und verzweifelt.

Angespannt schaute Alessandro sich um. Pasquale war auf den Sockel eines Denkmals gestiegen, um bessere Sicht zu haben, aber auch er schüttelte den Kopf. Fluchend hieb er die Faust gegen den Stein. Der junge Inquisitor wandte sich gerade von ihm ab, da erblickte er noch einmal Alissa. Ihr Kleid brannte lichterloh, die Haarbüschel auf ihrem Kopf verschmorten. Für einen schrecklichen Moment glaubte er das Knistern ihrer Locken aus dem Fauchen des Holzes herauszuhören. Ihr Mund öffnete sich, er öffnete sich weiter, als es einem menschlichen Mund möglich schien. Alessandro wusste nicht, ob es der Schmerz war oder das Schmelzen ihrer Muskeln im Feuer, das die Bewegung vollbrachte. Doch sie erinnerte ihn an die Bilder aus seiner alten Pfarrkirche, an die Szenen auf dem Fresko, das den schriftunkundigen Gläubigen den Höllensturz vor Augen führte. Fast glaubte er, dort aus dem Rachen der Verurteilten einen Dämon entschlüpfen zu sehen, der flügelschlagend emporstieg. Ihn schauderte. Dann hüllte Rauch Alissas zuckende Überreste gnädig ein.

Es ist vorbei, dachte Alessandro, mit Schweiß auf der Stirn, Gott sei Dank. Er atmete tief durch. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass das Geräusch, das er nun vernahm, Alissas Stimme war, die Klage, die sich über das Geschehen auf dem Platz erhob, über das Fauchen der Flammen, das Stöhnen der Menschen und die aufgeregten Befehle der Soldaten. Es war ein anhaltender, körperloser und nicht mehr menschlicher Laut, und doch klang ihre Stimme melodiös.

Erst als der Ton abbrach, merkte Alessandro, dass er den Atem angehalten hatte. Ihn durchfuhr es, und er schluckte hart. «Geh heim, Alissa», flüsterte er dann und führte das Kreuzzeichen in ihre Richtung aus. Da spürte er einen harten Schlag gegen seinen Kopf. Er taumelte und stieß gegen den Sockel, auf dem Pasquale stand. Instinktiv umklammerte er dessen Knie, um nicht zu stürzen. Ihm flirrte es vor Augen, er keuchte und spürte, dass Spucke und Blut aus seinem geöffneten Mund tropften. Noch ehe er sich wieder aufrichten konnte, vernahm er ein Zischen an seinem Ohr: «Sie war immer zu Hause.»

Mit letzter Kraft hob Alessandro den Kopf. Er glaubte, ein grünes Augenpaar zu sehen und ein Grinsen, das ihn ansprang. Aber dann klärte sich sein Blick, und die Vision, wenn es denn eine gewesen war, verschwand.

Alessandro blickte sich um und sah plötzlich in so viele Gesichter, viele Augen, viele Münder, die vor Geilheit offen standen. Verwirrt schüttelte er den Kopf. «Habt Ihr… Habt Ihr das gehört?», stammelte er, als Pasquale ihn ärgerlich von sich stieß, um von dem Denkmal herabzusteigen und seine Kleider zu ordnen.

«Was ist denn in Euch gefahren?», fragte er unwirsch. Da erst bemerkte er das Blut in Vareses Gesicht. Wortlos reichte er ihm sein Taschentuch.

Der Abt trat zu ihnen. Auf seiner Stirn war der verwischte Strich einer Rußflocke zu sehen. «Also, das ist ja wirklich…», stammelte er aufgeregt. «Ich weiß gar nicht… Verwirrung, ja, verirrte Schafe sicherlich. Ich bitte, nicht misszuverstehen, der Kardinal wird gewiss…» Dann blickte er Alessandro an und hielt inne. «Was habt Ihr da?»

«Nichts», erwiderte dieser knapp und lächelte verbindlich, während er Pasquale sein Tuch zurückreichte.

«Tja, nun, ich weiß nicht, was ich davon halten soll.» Der Abt überlegte. Dann hellte sich seine Miene auf. «Vielleicht möchtet Ihr, ehe Ihr heute abreist, von dem Spanferkel kosten, das mein Koch zubereitet hat. Die Tiere sind den ganzen Sommer über draußen. Sie fressen Eicheln, Kastanien und Wildkräuter. Es ist also nicht einmal nötig, sie zu würzen, so vollgesogen ist ihr Fleisch mit den Aromen der Macchia.» Er rieb die Fingerspitzen aneinander, während er schwärmte und Alessandro auffordernd ansah.

«Gerne nehme ich Eure Einladung an.» Bei diesen Worten des Inquisitors lächelte der Abt erleichtert. «Allerdings», fuhr Alessandro fort, «werde ich heute noch nicht abreisen. Ich weiß», er machte eine abwehrende Handbewegung. «Es war anders geplant, allerdings sind in der Zwischenzeit zu viele Fragen entstanden, Fragen, die ich dem Kardinal nicht mit gutem Gewissen beantworten könnte. Und Ihr wisst, ich bin ihm verantwortlich.» Der Abt nickte, aber die Kopfbewegung erfolgte wie unter Zwang, denn eigentlich verstand er kein Wort. «Daher würde ich gerne Eure Gastfreundschaft weiter in Anspruch nehmen, sowie die Eures Klosterbibliothekars und Eurer Archivare. Ich möchte mich zudem ein wenig umhören und werde demnächst von hier aus eine kleine Expedition starten.»

«Und wo soll die hinführen?», fragte der Abt und blickte nervös zu Pasquale hinüber, der allerdings nur mit den Schultern zuckte und die Daumen in den Gürtel steckte. Er betrachtete Alessandro mit dem Blick eines Lehrers, der neugierig verfolgte, wie sich einer seiner Schüler, der sich mit seinen Thesen weit vorgewagt hatte, nun vor den Augen der Kollegen schlug.

«Ja, wohin wohl?», fragte Alessandro freundlich zurück. Der Abt blinzelte nervös.

«Ascolte? Seid Ihr sicher?», fragte Pasquale, als er nach den Abendgebeten mit langen Schritten versuchte, Alessandro auf dem Weg zum Gästehaus des Klosters einzuholen. Die Klänge der Glocke waren verhallt, die Gesänge der Mönche verstummt, die Kerzen erloschen. Aus den Gärten schwebte der Duft der Kräuter herüber. Zwischen den schwarzen Zypressen stand ein runder, gelber Mond, und das Zirpen der Zikaden ließ die Dunkelheit vibrieren.

Alessandro blieb abrupt stehen. Die beiden Männer standen im Schutz einiger überhängender Reben, zwei Schatten in der Nacht.

«Sicher», erklärte der junge Inquisitor. «Warum sollte ich nicht sicher sein? Die Vorgänge waren doch mehr als bedenklich. Jemand hat mich geschlagen, und es gab diese rätselhaften Stimmen.»

«Nun», erwiderte Pasquale gönnerhaft und gab zu bedenken, dass der Abt für all dies eine durchaus harmlose Erklärung gehabt hatte. «Die allgemeine Erregung, nicht ungewöhnlich bei öffentlichen Hinrichtungen.» Er selbst hatte schon erlebt, dass sich Schaulustige um Reste des Scheiterhaufens prügelten. Und der Ausruf des Namens ‹Alissa› alleine schien kein wirkliches Rätsel zu sein. «Ich meine ja nur, Ihr hattet einen Auftrag, nicht wahr? Der lautete Alissa, und Ihr habt ihn beispielhaft erfüllt. Der Kardinal wird zufrieden sein, mehr als das. Daran solltet ihr denken, wenn Ihr nun neue Fragen aufwerft. Und Ihr wisst nicht, wie er sich zu neuen Aufträgen stellt, geschweige denn, wie Ihr Euch schlagen werdet. Was, wenn es nötig ist, mehr Blut zu vergießen? Sehnt Ihr Euch so sehr danach?»

Alessandro runzelte die Stirn. Der Satz vom Blutvergießen gefiel ihm nicht. Er brachte ihm die Gerüche des Tages zurück, die noch immer in seinen Kleidern und in seinem Kopf hafteten und sich als dünne Spur selbst in diesen friedlichen Abend schlichen. Er wollte sich lieber als Alissas Retter verstehen.

Pasquale lachte, als hätte er trotz der Dunkelheit das Unbehagen seines Gegenübers bemerkt. Versöhnlich klopfte er ihm auf die Schulter. «Versteht mich nicht falsch, meinethalben stöbert Ihr so viele Ketzer auf, wie Ihr wollt. Aber wenn Ihr sie dann liquidieren müsst, achtet darauf, dass Ihr eine gute Figur macht dabei. Ich sage das nur um Euretwillen.» Damit verabschiedete er sich gutgelaunt. Seine Schritte knirschten über den Kies.

Alessandro schnitt ihm Grimassen nach, die zum Glück, wie er selbst zugeben musste, niemand sehen konnte. Nach einer Weile erst setzte er sich selbst in Bewegung, steuerte eine Steinbank an, deren Umrisse er in der Dunkelheit erkannte, und ließ sich darauf nieder, um tief durchzuatmen. Der Stein unter seinen Fingern war kalt und porös. In den gemeißelten Furchen irgendeines Zierbildes, die er gedankenverloren nachfuhr, hatte sich Moos abgesetzt. Allmählich gelang es ihm, seine Umwelt wahrzunehmen. Vor ihm über dem Tal hing der Mond so dicht am Horizont, dass er unwirklich groß erschien. Ein Flirren lag über seiner schimmernden Oberfläche und den rätselhaften Mustern, die sich darauf zeigten wie auf der menschlichen Iris. Alessandro fühlte sich von diesem fremden Auge unangenehm beobachtet und spürte seinen beschleunigten Herzschlag. Das Pochen schien mit dem Zirpen der Insekten zusammenzufließen und auf unangenehme Weise die Grenzen seines Körpers aufzulösen, als würde er mit der Finsternis verschmelzen, die ihn umgab. Vergebens versuchte er, sich die doch vertrauten Düfte von Rosmarin, Thymian und Zitronenmelisse bewusst zu machen, die eben noch in der Luft gelegen hatten. Doch vergebens benannte er die nun bedrohlich wachsenden Schattenrisse um sich herum: Pinie, Waldrebe, Erdbeerbaum. Die Begriffe bannten sie nicht mehr. Er versuchte, die taumelnden Wesen in der Luft bei ihrem Namen zu rufen: Nachtfalter, Eintagsfliege, Motte und Zikade. Die Klänge brachten seinen armen Kopf nun mit unermüdlicher Hartnäckigkeit zum Vibrieren, bis er glaubte, in der Luft zu zerbersten. Aber sosehr er um Fassung rang, alles wurde ungewiss, jedes Knistern, jedes Geräusch. War das, was er dort hörte, das Gackern eines verträumten Huhns? Ein fernes Lachen? Das Klirren von Gläsern? Ein bellender Hund, der seine Artgenossen ruft? Das Rascheln einer Maus?

Der Mond hatte den Saum der Wälder berührt. Plötzlich raschelte es erneut hinter Alessandro im Gebüsch. Dort bewegte sich etwas, das größer war als eine Maus.

Alessandro sprang auf. Ruhig, ermahnte er sich, ganz ruhig bleiben. Hier sind feste Mauern, die mich umgeben, und die Klostertore sind geschlossen. Niemand kann hier eindringen, niemand und nichts. Was sollte es schon sein? Er fuhr herum und starrte auf eine dunkle Masse, die sich unter seinem schreckstarren Blick erst in ein Ungeheuer und dann langsam in eine Efeuranke verwandelte. Die Blätter bewegten sich sacht. Alessandros aufgeschreckte Nerven zuckten. War dort doch noch etwas anderes? War dort jemand hinter dieser Blätterwand? «Wer ist da?», fragte er und trat einen Schritt zurück. Es knackte. Der Laut jagte ihm einen Schauer über die Haut. «Wer ist da?» Er starrte in die Dunkelheit, bis es vor seinen Augen zu flirren begann. Langsam ging er rückwärts, setzte einen Schritt nach dem anderen, dann noch einen und noch einen. Da schlug etwas hart in seine Kniekehlen. Alessandro warf die Arme hoch und griff in die Luft – vergeblich. Er stürzte mit einem Schrei zu Boden und prallte schmerzhaft auf Stein. Seine hilflos umhertastenden Hände bekamen etwas zu fassen und packten zu. Dann blickte er in zwei Augen, sah scharfe Zähne vor sich aufblitzen und eine spitze Schnauze, die vom Dampf ihres eigenen höllischen Atems feucht zu sein schien. Noch einmal schrie Alessandro auf.

4.

Alessandro blickte in die Fratze eines Tieres, das sein Maul dicht vor ihm aufriss. Es war das Marmorbild neben der Steinbank, auf der er eben noch gesessen hatte. Dennoch sprang er auf, wie von Furien gehetzt, rannte, so rasch er konnte, ohne Rücksicht auf Hecken und Beete und kam erst zum Stehen, als er die Hände auf die Pforte des Gästehauses legen konnte. Während sein Herzschlag sich beruhigte, kam er langsam wieder zu Sinnen. Für einen Moment legte er seine erhitzte Stirn an den kühlen Stein der Mauer.

An sein Ohr drang ein Lied, das einer der Pilger, die im ersten Stock logierten, sang. Der Mann saß im Fensterrahmen und zupfte die Laute, seine Gestalt war eingefangen vom milden Lichtkreis der Lampen und umhüllt von menschlichen Stimmen. Alessandro starrte mit bebenden Händen in den Garten zurück, als könnte er mit bloßer Willenskraft die Dunkelheit durchdringen.

Sei kein Narr, beschwor er sich selbst. Es war eine Statuette gewesen, nichts weiter. Nichts? Noch immer konnte er den Blick nicht von der Finsternis lösen, und seine Haare stellten sich auf. Er wusste einfach, dass dort noch etwas anderes gewesen war. Außer ihm hatte noch jemand in diesem Garten ausgeharrt, kein Trugbild, kein Marmorstein, Nein, ein lebendiger Schatten, der auf diese Steinbank gefallen war und ihn erreicht hätte, wäre er nicht so schnell geflüchtet. Wieder ging sein Atem rascher. Vergeblich schimpfte er sich einen Feigling und Träumer. Doch er wurde das Bild nicht los von einer unheimlichen Gestalt, die irgendwo dort zwischen den Büschen stand und stumme Zwiesprache mit der Dämonenfratze und dem Mond hielt. Die Worte fielen ihm ein, die der Unbekannte ihm heute zugeraunt hatte. Ein Flüstern nur, aber es hatte sich in seinem Gedächtnis eingebrannt, unauslöschlich, und er konnte diese Worte noch immer hören, es war, als seien sie ihm in den Schädel tätowiert worden, ein Fluch, eine Entweihung seines Körpers: Sie war immer schon zu Hause.

Alessandro schüttelte sich. Wie konnte man in dieser Welt überhaupt je zu Hause sein? Er bekreuzigte sich, trat schnell über die Schwelle des Hauses und schlug die Tür hinter sich zu. Ein Geruch nach Schweiß, Suppe und Weihrauch umfing ihn, und er seufzte erleichtert.

Als sie beinahe drei Wochen später in Ascolte einfuhren, quietschten die Räder des Karrens unheilverkündend laut in Alessandros Ohren. Er blickte hinaus auf das friedliche, verschlafene Dorf und fragte sich, warum er das Geräusch nicht schon früher auf ihrer Reise wahrgenommen hatte. Schließlich kam er zu dem Schluss, dass es an der Stille liegen musste, der seltsamen Stille, die dieses Dorf umgab.

Nicht ein einziger Bewohner ließ sich blicken, als wäre es die Zeit der lähmenden Mittagshitze. Die Läden waren geschlossen, und in den offenen Türen der Hütten spielte der Wind mit den Vorhängen, doch niemand spähte hindurch, als der Wagen durch die schmalen Gassen rumpelte. Niemand arbeitete in den Gärten, der Brunnen stand verwaist. Auch auf den Bänken am Dorfplatz hockten keine alten Männer im Schatten der Eichen. Es gab nicht ein einziges Kind, das zwischen den Hütten gespielt hätte. Alessandro überlegte: Noch in jedem Weiler, den sie passiert hatten, waren ihnen die Kleinen johlend nachgelaufen. Aber hier war niemand zu sehen. Nicht einmal ein Hund lag irgendwo im Mauerschatten, um den Kopf zu heben und ihnen entgegenzuknurren.

Pasquale hatte dasselbe bemerkt. «Nicht mal ein Katzenschwanz lässt sich blicken», kommentierte er die Stille und spuckte in den Straßenstaub, ehe er sich daranmachte, seinen mächtigen Körper aus dem Gefährt zu hieven. Alessandro folgte ihm mit einer wesentlich eleganteren Bewegung und ging kurz nach vorne, wo der Knecht die nervösen Pferde zu beruhigen suchte. Schnaubend warfen die Tiere die Köpfe zurück und standen nur mit Mühe still. Noch immer wollte sich kein neugieriges Gesicht zeigen.

Hier also war Alissas Heimat gewesen, dachte Alessandro. Hier irgendwo lebte der Bruder, von dem die Akten sprachen. Von hier war sie regelmäßig aufgebrochen, um in Vallepiu Bergkräuter und Gewürze zu verkaufen. Alessandro musterte die Fassaden der Behausungen und suchte zu erraten, welche der schlichten, ein wenig vernachlässigt wirkenden Hütten die ihre gewesen sein mochte. Sein Blick fiel auf eine kleine Kirche, und er beschloss, dort den Anfang zu machen.

Die Holztür öffnete sich knarrend, auf seinen Ruf hin allerdings meldete sich auch hier kein Mensch. Alessandro trat ein und ließ die Tür offen, um im staubigen Strahlenschleier des hereindringenden Sonnenlichts etwas erkennen zu können. Der Raum war klein und dunkel. Auf dem Steinboden erkannte er ein Mosaik, das zu seiner Überraschung aus Marmor gefertigt war. Es war alt und so glatt poliert von den Schritten der Gläubigen, dass es matt schimmerte. Er glaubte ein Labyrinth zu erkennen, wie er es in vielen Kirchen gesehen hatte, allerdings kam ihm irgendetwas an diesem Motiv fremdartig und irritierend vor. Sicher war es weit älter als die schlichten Mauern, die es umgaben. Er setzte seinen Fuß darauf und beschloss, die kunstgeschichtliche Untersuchung auf später zu verschieben. «Ist denn da niemand?», wiederholte er seine Frage.

Da knarzte eine kleine Nebenpforte. «Im Namen Jesu Christo», hörte er endlich eine Stimme murmeln, danach folgte etwas Unverständliches.

«Wer da?», rief Alessandro, erhielt aber keine Antwort. Da fiel die Kirchentür in seinem Rücken mit einem lauten, endgültigen Klacken ins Schloss. Für einen Moment war es stockfinster. Alessandro wagte nicht zu atmen. Das Murmeln war noch immer zu hören, auch das knirschende Schlurfen von Schritten, die langsam näher kamen.

Er räusperte sich. «Mein Name ist Alessandro Varese. Ich bin hier im Auftrag des Kardinals Ascanio Sforza.» Alessandro hatte den Eindruck, dass die Dunkelheit seine Worte verschluckte. Doch langsam gewöhnten sich die Augen des jungen Inquisitors an die Schwärze. Er bemerkte auf einem Nebenaltar eine Kerze, denn ein matter, braunroter Lichthof begann sich jetzt links von ihm abzuzeichnen. In dem schwachen Lichtschein glaubte er eine Wand und die Kante eines Tisches zu erkennen. Allmählich trennten sich die Schatten voneinander, die ihn umlagerten. Alessandro seufzte erleichtert. Jetzt konnte er sogar die Umrisse der Gestalt ausmachen, die sich in unveränderter Langsamkeit auf ihn zubewegte. Sie schien groß und unförmig zu sein, dachte Alessandro mit erneut steigender Erregung, größer und seltsamer, als es für einen Menschen üblich war. Angestrengt starrte er dem Schatten entgegen, der unaufhaltsam auf ihn zuwankte. Er überragte ihn zweifellos um einiges, und ein Kopf– Alessandro schluckte–, ein Kopf war nicht auszumachen. Nur ein mächtiger Leib und dieses hypnotische, unaufhaltsame Schwanken. Plötzlich erfasste ihn die schmerzhafte Erkenntnis, dass dies kein Mensch war. Und noch immer näherte sich das Wesen unbeirrt Schritt um Schritt. Das Geräusch, das es dabei erzeugte, zerrte an Alessandros Nerven. Er bebte vor Spannung, dennoch stand er wie angewurzelt da. Im letzten Moment packte er das Kreuz, das um seinen Hals hing, riss es empor und rief: «Im Namen Jesu Christi!»

Zu spät fiel ihm ein, dass er damit genau die Worte wiederholte, die er eben selbst gehört hatte. Ein Fehler!, hallte es in seinem Kopf, und er fragte sich, ob sich so der letzte Gedanke anfühlte, den man dachte.

Da hielt die Gestalt inne. Ein Stöhnen war zu hören, dann ein dumpfer Knall. Alessandro fühlte den Boden unter seinen Füßen beben, Staub flog auf. Schließlich ertönte ein zweiter Knall, gefolgt von einem Scheppern. Alessandro sah, wie Arme emporgereckt wurden. Er murmelte ein Gebet und schloss die Augen.

«Gelobt sei Gott der Herr.» Die Stimme, die ihm dergestalt antwortete, klang gepresst und müde. Als er die Augen öffnete, starrte Alessandro in das ausgemergelte Gesicht eines Mannes, der soeben die hohe Kapuze seines Umhangs zurückgeschlagen hatte und nun laut stöhnte. Er klopfte sich den Staub von den Schultern, die eben noch schwere Mörtelsäcke getragen hatten. Seine Knochen knackten hörbar, als er sich räkelte. «Ich bin zu alt für solche Arbeiten in meiner Gemeinde.»

Der Mann mochte siebzig sein oder dreißig. Es war schwer zu sagen in dem düsteren Licht. Seine tiefliegenden Augen warfen große Schatten über die Hakennase. Sein langes Haar war strähnig, genau wie sein Bart. Die Hand, die er nun hob, um Alessandros noch immer ausgestreckte Rechte mit dem Kreuz zu erfassen und zu sich hinabzuziehen, war langfingrig und knochig wie eine Klaue.

Verlegen wollte Alessandro seine Hand zurückziehen, aber der Mann nahm sie und drückte ihm – ehe er es verhindern konnte – einen ehrerbietigen Kuss auf seinen Handrücken. Alessandro musste sie ihm beinahe mit Gewalt entreißen. «Warum helfen Eure Pfarrkinder Euch nicht dabei?», fragte er dann aus Unsicherheit, während der Pfarrer zu dem Seitenaltar schlurfte, um weitere Kerzen zu entzünden. In ihrem Licht fand Alessandro sich wieder zurecht und wandte sich dem Eingang zu. «Wäre das nicht die Aufgabe für ein paar kräftige junge Burschen?» Er öffnete die Holztür und hob schützend die Hand, weil das grelle Tageslicht in seinen Augen schmerzte. «Ah!» Erneut war er blind.

Neben sich hörte er ein Schnaufen. «Es sind alles gute Menschen, gute Menschen. Alles gute Kinder Gottes», entschuldigte der Pfarrer seine Dorfbewohner. «Sie arbeiten alle auf dem Feld.» Er hob die Hand und wies mit seinem langen Finger auf eine Reihe Bäume, hinter denen Alessandro, der sich noch immer die Augen rieb, tatsächlich Stimmen zu hören glaubte. Erleichtert, der engen Kirche und ihrer beklemmenden Atmosphäre zu entkommen, trat er über die Schwelle und setzte sich in Bewegung. Der Pfarrer folgte ihm.

«Ein interessantes Gotteshaus habt Ihr da.» Alessandro bemühte sich um ein lockeres Gespräch, während sie über den lehmigen Boden schritten. «Sehr alt, nicht wahr?»

«Hm, hm.» Mehr war von der Stimme hinter ihm nicht zu hören, und dann, als er schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte, folgte doch noch eine Erklärung. «Es ist alles alt hier, die Bäume, die Wege und jeder Stein, der aus der Erde ragt. Auch ich selbst.» Er klang belustigt. «Manchmal glaube ich, die Welt ist hier älter als anderswo.»

«Nun, sie ist überall so alt, wie Gott sie geschaffen hat, denke ich.» Alessandro wandte sich um und entdeckte in den Zügen des Priesters eine traurige Müdigkeit, die unter seinem forschenden Blick langsam einem Lächeln wich. «Ihr habt vermutlich recht», sagte der alte Mann und streckte ihm die Hand hin. «Virgilio», sagte er. «Virgilio Settoni.»

«Virgilio», wiederholte Alessandro und schüttelte die angebotene Rechte. «Selbst Euer Name ist–»

«Varese! Kommt her! Das müsst Ihr sehen.» Pasquale klang aufgeregt, und Alessandro ging ihm schnell entgegen.

Das müde Lächeln auf dem Gesicht des Pfarrers erstarb, als er ihm eilig folgte zu einer Gruppe Menschen, die sich um etwas scharte. Er drängte sich durch und erblickte einen Mann, der die Ärmel hochgekrempelt hatte und eifrig damit beschäftigt war, etwas mit der Schaufel freizulegen. Der Bauer, dem er das Gerät entrissen hatte, stand mit hängenden Armen daneben.

Hier sind also alle Dorfbewohner, dachte Alessandro flüchtig, hatte jedoch keine Zeit, die Gesichter der Umstehenden zu mustern. Denn was Mattia Pasquale da ausgrub, fesselte seine ganze Aufmerksamkeit. Zunächst war nur ein aus Stein gehauenes Bein zu erkennen, aus hellem Material, sehnig und kraftvoll. Wie echt die Pfoten und Krallen aussehen, bewunderte Alessandro die Arbeit, und wie naturgetreu die Muskeln. Jetzt trat auch das sanft gelockte Fell zutage, ein kraftvoller Rücken, dann der Kopf mit den Reißzähnen und großen, weißen Augen, die seltsam menschlich zu ihnen aufblickten.

«Es ist ein Wolf!» Niemand außer Alessandro sprach ein Wort. Es war nichts zu hören als das Keuchen von Pasquale und die kratzenden Geräusche der Schaufel, wenn sie ins Erdreich stieß. Schließlich kniete Pasquale sich hin und legte die letzten Umrisse mit den Händen frei. «Die römische Wölfin», bestätigte er, als das Tier vor ihnen auf der Seite lag wie ein geschossenes Wild. Nur dass es den Kopf zur Seite gewandt hielt und sie anzublicken schien, als wollte es sie fragen, warum sie seinen jahrtausendalten Schlaf gestört hatten. «Habe ich es Euch nicht gesagt, Varese?» Er klopfte sich die Erde von den Händen. «Alles voll heidnischer Relikte hier.»

Alessandro vermochte nur zu nicken. Wie schön die Arbeit des Steinmetzes war, wie lebensecht. Er war kein Fachmann, aber er sah sofort, dass hier ein Meister seiner Zunft am Werke gewesen sein musste. Trotz der langen Zeit im Boden glitzerte der Marmor an manchen Stellen feinkörnig im Licht. Dies war zweifellos eine bemerkenswerte Leistung. Ob der Kardinal es wohl erwägen würde, die Statue in einem seiner Gärten aufzustellen, wenn er sie ihm als Geschenk mitbrächte?

«Götzenbild!» Die abfällige Bemerkung Pasquales riss ihn aus seinen Überlegungen.

«Zweifellos», begann er, «aber…» Und er hob die Hand, als Pasquale zur Schaufel griff, um dem heidnischen Bildwerk den Garaus zu machen. «Nicht!»

«Was ist?» Pasquale hielt inne und wischte sich den Schweiß von der Stirn. «Möchtet Ihr den Stein zuerst noch weihen?», fragte er spöttisch. Dann wandte er sich an den Pfarrer, der wie alle anderen schweigend dastand und auf den Boden starrte. «Also, alter Mann», forderte Pasquale ihn auf, «sprecht ein Gebet und schlagt das Kreuz, damit der böse Bann gebrochen wird.»

«Ich, ich…», stammelte Virgilio.

Alessandro schaute erst den Geistlichen an, dann die anderen Dorfbewohner, die um das Loch im Boden standen. Es ging etwas Seltsames von ihnen aus, eine stille Feindseligkeit, die mit Händen zu greifen war, ohne dass sich jemand gegen die Besucher gewandt hätte, ohne dass ein Wort des Protestes gefallen wäre. Keines der Gesichter zeigte Missfallen. Allerdings wurde sein Blick auch nicht erwidert, jeder Einzelne wich ihm aus und hielt die Augen gesenkt. Träge blickten sie, die Einwohner von Ascolte. Oder nicht doch vielmehr trotzig?, überlegte Alessandro, während er noch immer nach den richtigen Worten für das suchte, was er spürte. Diese Menschen waren anders als die Zuschauermengen, die er kannte. Sie waren nicht aufgebracht oder auch nur neugierig. Keiner murmelte etwas oder kaute an seinen Nägeln, kicherte oder schnäuzte sich. Niemand hatte seinem Nachbarn etwas mitzuteilen. Seltsam ruhig standen sie da. Ihre Ruhe war jedoch nicht starr, sie wirkten viel eher gelassen, als seien sie mit dem Boden verwachsen und als könnten sie hundert Jahre so dastehen. In der Tat waren sie alle, mit Ausnahme des Pfarrers, aufrechte, schöne Menschen, die sich zu halten wussten. Keiner war buckelig oder von der harten Arbeit eingefallen, wie Alessandro es schon häufig bei Bauern gesehen hatte. Nein, diese Menschen waren anders.

Sie ähnelten einander, überlegte er, korrigierte sich dann aber, nein, wenn man sie genau betrachtete, sahen sie einander sogar überhaupt nicht ähnlich, jedenfalls weniger, als Bauern dies sonst taten. Meist pflegte er sie nur als Angehörige ihres Standes wahrzunehmen, denen Arbeit, Sitte und Gewohnheit ihr prägendes Siegel aufdrückte. Der großgewachsene Mann dort hinten mit den bräunlich roten Kraushaaren und der breiten Stirn hatte nichts zu tun mit dem Jungen hier vorne, der schmal und beweglich wirkte und dessen Augen so schwarz wie seine Haare glänzten. Die schlanke Frau mit den grünen Augen, die seinem Blick nun für einen Moment begegnete, hatte eine Haut wie Elfenbein und prachtvolle Hüften, die nicht zu vergleichen waren mit denen ihrer kerzengeraden, sonnenverbrannten Nachbarin mit dem stolzen Raubvogelgesicht.

Und dennoch schienen diese Menschen hier eine Einheit zu bilden. Als wären sie eine Familie. Als wären Worte für sie nicht notwendig, um genau zu wissen, was die anderen dachten. Als ginge sogar jetzt, wo alles still war und stumm, etwas zwischen ihnen vor, wovon er, Alessandro, nicht das Geringste ahnte. Ihm war, als starrte er auf die stille Oberfläche eines Teiches, in dessen Tiefen sich stumme, unsichtbare Dramen abspielten.

Nun, beschwichtigte Alessandro sich, weil er fürchtete, in eine Art ungesunde Schwärmerei zu geraten, sie bilden eine Dorfgemeinschaft, weitab vom Treiben der Welt. Sie kennen einander ihr Leben lang, teilen ihren einförmigen Alltag, heiraten untereinander. Und wir dringen von außen hier ein und drängen uns ihnen auf. Es ist kein Wunder, dass sie sich gegen uns verbünden.

«Ich…», hörte er den alten Priester noch einmal stammeln.

«Amen», unterbrach Pasquale energisch das lange Zögern, hob die Schaufel, und ehe Alessandro etwas sagen konnte, fuhr sie wieder herab. Mit einem lauten Klirren traf Metall auf Stein. Splitter flogen umher. Alessandro wandte sich schützend ab und kniff die Augen zusammen. Als er sie wieder öffnete, war der Kopf der Wölfin vom Rumpf getrennt. Erneut hob Pasquale die Schaufel.

«Kommt», sagte Alessandro und zog den Pfarrer mit sich, der verwirrt dreinschaute. «Ich bin hier, um mit Euch über etwas zu reden. Über eines Eurer Pfarrkinder. Alissa.»

Bei der Erwähnung des Namens war ihm, als ginge eine Woge durch die kleine Menschengruppe. Er konnte es förmlich spüren, obwohl keine Bewegung wahrzunehmen war und nicht einmal ein Seufzer an seine Ohren drang. Nur die Frau mit den intensiven grünen Augen hob noch einmal ihren Blick, aber so kurz, dass Alessandro sich nicht sicher war, ob er sich nicht vielleicht getäuscht hatte. Die Erinnerung an diese Augen würde ihn noch lange verfolgen, bis tief in den Schlaf hinein, an diesem Tag und an den nächsten, die er im Dorf verbrachte.

«Alles gute Menschen…» Der Pfarrer wankte an seiner Seite auf dem Weg zurück zum Dorfplatz von Ascolte. «Alles gute Kinder Gottes.»

Sie waren die Einzigen, die aufbrachen. Umgeben vom Rest der Dorfbewohner stand Pasquale, flankiert von den Pferdeknechten, da und hieb auf die Statue ein, immer wieder, bis nur noch weiße, unkenntliche Splitter den Boden bedeckten, wie geborstene Knochen.

5.

Es war und blieb seltsam, dieses Ascolte. Vier Tage lief Alessandro nun schon herum, ohne es zu begreifen. Pasquale, der nach seinen üblichen Bemühungen bei sämtlichen jungen Bauerndirnen abgeblitzt war, drängte ihn zur Abfahrt. Der Priester, der alte Virgilio, wagte kein Wort, aber Alessandro spürte die unausgesprochene Frage: Was willst du noch hier? Warum lässt du uns nicht in Ruhe? Er hätte sie selbst nicht beantworten können.

Über Alissa hatte er mittlerweile alles erfahren. Ihr Bruder lebte nicht mehr im Dorf, die Trauer über den Tod der Schwester hatte ihn wohl auf Wanderschaft getrieben. Man erzählte sich, dass er seine Kräuter jetzt auf den Landstraßen verkaufte. Die anderen Bewohner beantworteten bei den Verhören, die er ansetzte, zwar seine Fragen, aber nur, weil sie sonst Bestrafung befürchteten. Den Rest der Zeit ignorierten sie ihn. Alessandro, der Missgunst, Scheu oder ehrfürchtige Gafferei, in jedem Fall aber ein hohes Maß an Aufmerksamkeit für seine Arbeit als Inquisitor gewohnt war, kam sich bald vor, als wäre er unsichtbar. Mittlerweile hatte er sogar das Gefühl, als wandelte er in einem Traum herum.

Und wie im Traum kam ihm auch dieses Ascolte vor. Noch nie hatte er ein saubereres Dorf gesehen. Sicher, manches schien ein wenig verwildert, die Mauern wurden von Efeu überzogen, die Gärten wirkten verwunschen, die Scheunen alt und die Birnbäume, die sich neben den dicken Hüttenmauern unter der Last ihrer Früchte bogen, krüppelig wie alte Weiber. Und doch war es nirgends verschmutzt, verkommen oder verwahrlost. Immer wieder taten sich ihm kleine Anblicke von großer Schönheit auf. Sei es ein bemalter Topf Rosmarin neben einem Fensterkreuz, der silberne Schimmer alten Holzes am Tor eines Schuppens, Wicken, die einen Zaun üppig leuchtend umrankten, oder ein halbgeflochtener Blumenkranz, den jemand auf einem Tisch im hohen Gras zurückgelassen hatte. Und manchmal erblickte er sie.

Ihr Haar unter dem Kopftuch war so leuchtend kupferfarben, wie ihre grünen Augen es hatten erwarten lassen, dachte Alessandro und errötete. Ihr Nacken war wie Milch, schimmernder als der zerstörte Marmor der Statue. Ihr Name war Valeria, Virgilio hatte es ihm verraten, und er hatte diesen Namen seither oft vor sich hin geflüstert. Aber Alessandro war kein Vorwand eingefallen, unter dem er sie hätte vorladen können. Beim Gottesdienst kniete sie in der hintersten Reihe. Ein paarmal verdrehte er den Kopf nach ihr. Ihre Schenkel zeichneten sich beim Knien unter dem Gewand so deutlich ab, dass er sich rasch wieder abwandte. Danach hatte er sie gesucht und gemieden zugleich.

Er wusste, Pasquale hätte nicht gezögert, und viele seiner Amtsgenossen hätten es ihm gleichgetan. Sie nahmen es mit dem Zölibat alles andere als genau. Alessandro jedoch hatte schon vor langer Zeit beschlossen, dass er dem Gelübde Folge leisten würde. Er würde es anders machen. Und er hatte sich vor dem Tag gefürchtet, an dem die Versuchung zu ihm käme. Nicht, dass sie ihn bislang je gestreift hätte, nein, seine Seele war ruhig gewesen und ungefährdet, was die Frauen betraf. Dennoch hatte er stets die vage Angst gespürt, er würde eines Tages der Versuchung begegnen, einer Frau, die ihn wahrhaftig auf die Probe stellen würde. Oder war es eine Hoffnung gewesen?

Von Virgilios Gottesdienst hatte er kein Wort mehr mitbekommen. Alessandro spürte die Hitze in seine Wangen steigen, als er jetzt daran dachte. Er hob den Kopf, um die Vorstellung abzuschütteln, und musste feststellen, dass er vor Valerias Hütte stand.

Das niedrige Tor stand offen, dahinter erblickte er einen kleinen Teich voller Röhricht und einen vergessenen, märchenblauen Topf neben dem Weg, aus dem bereits blühendes Kraut kroch. Schritt für Schritt ging er über die moosumrahmten Platten des Gartenwegs auf die Behausung zu. Er wurde langsamer und langsamer. Dann hielt er inne.

Als hätte sie sein Kommen erraten, tauchte Valeria plötzlich in der Tür auf. Sie sagte nichts und fragte nichts, hob nur den Arm und lehnte sich gegen den Rahmen. So blickte sie ihm entgegen, stand einfach nur da, provozierend ruhig. Und er wurde das Gefühl nicht los, dass sie alles wusste, selbst das, was er nicht einmal zu denken wagte. Zwei, drei Atemzüge lang stand Alessandro ihr gegenüber, dann machte er kehrt und flüchtete hinkend wie nie in die Kirche, wo er sich vor den Altar kniete und betete, bis sein Herz wieder langsamer schlug.

Als er schließlich heraustrat, dämmerte es bereits. Auf den Stufen vor der kleinen Kirche hockte ein Kind, ein junges Mädchen.

Alessandro lächelte der Kleinen zerstreut zu und hob die Hand, um ihr im Vorbeigehen über den Scheitel zu streichen. Dann hielt er inne. Dies war das erste Kind, das ihm in Ascolte begegnete. Er ging in die Knie und schaute dem Mädchen ins Gesicht.

«Hallo», sagte er behutsam. «Ich heiße Alessandro.»

Die Kleine neigte den Kopf, ihre zu Schaukeln gewundenen Zöpfe baumelten ihr gegen den Nacken. Aber sie blieb stumm.

«Und wie heißt du?», hakte Alessandro nach.

Ihre weitaufgerissenen Augen fixierten ihn, obwohl sie stumm blieb. Ihre Pupillen, klein wie Nadelköpfe, schienen sich förmlich an Alessandro festzusaugen. Die Iris war so blass, dass er nicht sagen konnte, ob sie grün oder blau war. Unwillkürlich wich er ein Stück zurück. Er überlegte schon, ob sie wohl schwachsinnig wäre, als sie endlich den Mund öffnete.

«Wie?», fragte der Inquisitor, der nicht verstanden hatte.

«Sie heißt Moira», antwortete jemand an ihrer Stelle. Es war Pasquale, der gerade herangeschlendert kam und sich am Kopf kratzte, während sein Blick auf der Suche nach Abwechslung über den leeren Dorfplatz schweifte. «Komischer Name, nicht wahr? Ist auch ein komisches Ding. Sie läuft die halbe Nacht in der Gegend herum, ich habe sie durch die Gärten streifen sehen wie einen Geist. Sie tanzt und hüpft und fuchtelt mit den Händen durch die Luft. Etwa so.» Er machte es vor und lachte. «Dabei singt sie fast die ganze Zeit. Nur jetzt vor dem Inquisitor», wandte sich Pasquale plötzlich direkt an das Kind, «bist du stumm, was?» Er streckte die Hand aus, um sie in grobem Spott an ihren Zöpfen zu ziehen.

Moira stieß einen Schreckensschrei aus und sprang auf. Sie schlug nach ihm und wollte weglaufen. Doch schon nach ein paar Schritten wandte sie sich um.

Sie will nach ihrem Verfolger sehen, dachte Alessandro und hob schon die Hände, um sie zu beruhigen und ihr zuzurufen, dass sie sich nicht zu fürchten brauche. Da bemerkte er, dass die Kleine taumelte. Noch einmal drehte sie sich, bevor ihre Knie einbrachen und sie auf den Boden sank, wo sie mit zuckenden Gliedern liegen blieb. Aus ihrem offenen Mund drangen unartikulierte Laute. Und obwohl ihre Augen offen standen, schien sie die Männer nicht wahrzunehmen, die sich jetzt über sie neigten.

«Sie ist besessen!», rief Pasquale aus.

«Sie hat einen epileptischen Anfall», widersprach Alessandro. «Schnell, helft mir.» Er packte die strampelnden Beine des Mädchens und wies Pasquale an, die Hände zu bändigen. Gemeinsam schleppten sie den sich windenden Körper, der ständig gurgelnde Laute ausstieß, in die Kirche. Alessandro trat die Tür mit dem Fuß hinter sich zu. Er wollte nicht, dass jemand diesen Vorgang sah. Laut rief er dabei nach Virgilio.

Pasquale stand der Schweiß auf der Stirn. «Heiliger, sie hat Schaum vor dem Mund, ich sage Euch, das ist ein Dämon!»

«Ist es nicht. Näher an die Kerzen mit ihr», kommandierte Alessandro, der heftig mit dem um sich tretenden Mädchen kämpfte. «Gebt Acht, dass sie sich den Kopf nicht stößt.»

Aber Pasquale hatte bereits losgelassen und war mehrere Schritte zurückgetreten, um sich zu bekreuzigen und das Schauspiel mit fasziniertem Grauen aus einiger Entfernung zu betrachten.

«Virgilio!», brüllte Alessandro voller Ungeduld. Er setzte sich auf die Beine des Mädchens und versuchte, ihre flatternden Hände einzufangen, ohne zu sehr auf ihren Unterleib zu achten, der sich ihm unter dem hochrutschenden Kleid obszön entgegenwölbte. «Mattia, der Kopf! In diesem Zustand kann sie sich selbst den Schädel einschlagen!»

Nur zögernd trat der massige Mann näher. Aber gerade als er sich hinkniete, um sich über das Mädchen zu neigen, spritzte etwas in sein Gesicht, sodass er mit einem Aufschrei wieder zurücksprang.

«Was in drei Teufels Namen…», begann er und fuhr sich übers Gesicht. «Blut!», stieß er dann hervor, als er seine rotverfärbten Finger sah. Entsetzt ließ er sich nach hinten fallen und robbte auf dem Hintern von dem Kind weg, dem in kleinen Fontänen das pulsierende Blut aus dem Mund schoss.

«O Gott, sie hat sich auf die Zunge gebissen. Schnell, Ihr müsst ihr etwas zwischen die Zähne schieben. Pasquale, rasch doch!»

«Ihr meint, ich soll ihr in den…? Ich werd’ dem kleinen Biest doch nicht in den Mund fassen! Wer weiß, was dort lauert. Nein!» Heftig schüttelte Pasquale den Kopf.