Das Dorf oder Autonomie für Anfänger - Lars Sittig - E-Book

Das Dorf oder Autonomie für Anfänger E-Book

Lars Sittig

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Beschreibung

Die Braunkohlebagger fressen sich in die Landschaft und stehen unmittelbar vor dem Dorf Klein Krams. Die meisten Bewohner sind schon weggezogen, aber die paar Ausharrenden hecken bei einem tiefen Blick ins Glas eine verrückte Idee aus. Einmal beschlossen, senden sie ein Schreiben an die EU in Brüssel. Dann passiert ein kapitaler Behördenfehler und Klein Krams wird zur autonomen Republik erklärt. Das Dorf rückt über Nacht in den Fokus der Medien, und das ungleiche Duell zwischen einer Handvoll Dorfbewohner und der Europäischen Union beginnt. Lars Sittig erzählt eine amüsante Geschichte über den Kampf zwischen David und Goliath, auf dessen Ausgang der Leser gespannt sein darf.

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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet, dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

ISBN E-Book:978-3-359-50077-3

ISBN Print: 978-3-359-01367-9

© 2018 Eulenspiegel Verlag, Berlin

Covergestaltung: Verlag, Karoline GrunskeDie Bücher des Eulenspiegel Verlags erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel.com

Über das Buch

Tag für Tag fressen sich die Braunkohlebagger weiter in die Landschaft und stehen bereits unmittelbar vor dem Dorf Klein Krams. Die meisten Bewohner sind schon weggezogen, aber ein Häuflein wild entschlossener Rentner harrt aus. Als sie eine gewagte Idee aushecken und ein Schreiben an die EU in Brüssel senden, passiert ein kapitaler Behördenfehler. Klein Krams wird zur autonomen Republik erklärt. Das Dorf rückt über Nacht in den Fokus der Medien, und das ungleiche Duell zwischen einer Handvoll Dorfbewohner und der Europäischen Union beginnt. Lars Sittig erzählt eine amüsante Geschichte über einen Kampf zwischen David und Goliath.

Über den Autor

Lars Sittig, geboren 1973 in Berlin-Mitte, verbrachte den größten Teil seiner Kindheit in Mecklenburg-Vorpommern und im Norden Brandenburgs. Nach der zehnjährigen Zeit an der allgemeinbildenden Oberschule absolvierte er den Zivildienst, legte das Abitur ab und arbeitete als Journalist für verschiedene Tageszeitungen (unter anderem Die Welt und taz). Seit 2007 ist er als Redakteur bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung tätig.

Inhalt

Ausblicke

Die Prüfung

Die Versammlung

Signor Lallentare

So viel wie möglich ist gerade genug

Windige Angelegenheiten

Die Pressekonferenz

Die Sitzung der EU

Im Fokus

Angebote

Maria

Der Abend

Der Besuch des Signor Lallentare

Der Überfall

Das Feuer ist aus

Marias Rückkehr

Die Abstimmung

Das Imperium schlägt zurück

Die Bagger stehen still

Verschlusssache

Grenzerfahrungen

Ein Anwalt träumt

Kein Alltag in Klein Krams

Zurück im Kaff

Jeremiah und Romy

Südsee-Träume

Listigkeit kennt keine Grenzen

Im Orient-Express

Delegation Golf

Herman van Romp träumt schlecht

Brüssel ruft

Bingo

Ausblicke

Die milchige Wolke stand am Horizont, ihre gewaltigen Konturen schnitten sich in die mondhelle Nacht. Die Flutlichter des Kraftwerkes strahlten den Dunst an, der die Ränder der Schlote umwaberte und dann langsam pulkartig aufstieg, so dass die Schwaden aussahen wie der Michelin-Mann mit Schlagseite, bevor sie sich in der Nacht verloren.

Manfred Reichmann sog tief die Frühlingsluft ein, sie roch schon nach Sommer. Er war wie so oft auf den Gramberg hinter dem Dorf gestiegen, wenn ihn am Abend wieder einmal der Berg rief. Auch ein kleiner, nur 54,8 Meter hoher Hügel konnte sehr laut rufen, die Umgebung musste nur flach genug sein. Reichmann wankte kurz, fing sich aber wieder, strauchelte erneut. Er kicherte, obwohl die Situation eigentlich nicht zum Lachen war.

Sie hatten Obstschnaps getrunken bei Hans-Jürgen Brun­sendorf, ein hochprozentiges Heidelbeergesöff, das dieser seit Jugendzeiten zusammenbraute. Die dunkelblaue, süße, zähflüssige Masse schmeckte nach ihrer Heimat, nach der urwüchsigen Kraft der Erde, auf der die dicken Kulturheidelbeeren gereift waren. Er musste wieder an die Idee seines Freundes Brunsendorf denken, die genauso bizarr wie verwegen war und die sie nun schon seit Tagen elektrisierte wie das Kraftwerk am Horizont die Leitungen des Umspannwerkes. Irgendwie war das sogar ein passender Vergleich, dachte Reichmann, denn die Idee hatte ja eine ganze Menge mit der Dreckschleuder zu tun.

Er schaute auf den Tagebau, diese schwarze, schweigende Einöde, die sich nicht mal einen Kilometer entfernt in die Landschaft fläzte. Die Bagger hatten sich Kilometer um Kilometer, Kubikmeter um Kubikmeter, Sandkorn um Sandkorn Richtung Dorfgrenze durch das Land gefressen. Mehr als dreihundert Meter wuchteten sie sich pro Jahr vorwärts, zerquetschten jedes Leben und ließen im Rückspiegel eine Wüste zurück: Hier hätten sie problemlos den Marsrover testen können, den die Nasa vor kurzem ins All geschickt hatte, schoss es Reichmann durch den Kopf.

Unten im Dorf jaulte und bellte Brunsendorfs Köter Helmut. Wahrscheinlich war wieder der Waschbär auf nächtlicher Tour. Jeden Abend sagten sich die beiden kurz Hallo. Das Gekläffe schallte durch die laue Dunkelheit.

Reichmann ließ sich auf der Bank nieder, die er Anfang der achtziger Jahre gebaut hatte und die längst passgerecht eingesessen war. Alteingesessen sozusagen. Er streckte seine drahtigen Beine aus, atmete tief den Brodem des Abends ein, so wie er nur hier riechen konnte, schloss – angenehm blau, denn die Trunkenheit umwogte Körper und Seele wie ein warmer Mantel – die Augen.

Brunsendorf war mit seinen dreiundsechzig Jahren immer noch ein verrückter Hund, genau wie sein Kläffer, sonst wäre ihm nicht diese Idee gekommen, die schräger war als der Turm von Pisa. Er wollte eine Republik gründen. Eine autonome Enklave. Um Klein Krams zu retten. Um die Umsiedlung zu verhindern. Es blieb nicht mehr viel Zeit, in der Sanduhr tröpfelten die letzten Körner durch den Hals, als wären es die Krumen ihrer heimatlichen Erde, die von allen Seiten abgefressen wurde.

Er blickte in die Ferne, wo sich Landschaft und Himmel zu einem monumentalen Stillleben vermischten, sah die feinen Konturen der Pappelreihen, die sie vor fast vierzig Jahren entlang der Gemarkung gepflanzt hatten. Das silbrig glänzende Land, der Weiher am Rande des Dorfes. Gott musste in Hochform gewesen sein, als er diesen Flecken Erde geschaffen hatte. Klein Krams war keine lästige Pflichtaufgabe, das hatte er nicht an einem verkaterten Montagmorgen mit Restalkohol hingepfuscht.

Doch schon konnte Reichmann, obwohl er auf dem linken Ohr nicht mehr besonders gut hörte, das Knirschen der Baggerketten vernehmen, hin und wieder Rufe, wenn sie der Wind herübertrug. Die beleuchteten Führerhäuser waren deutlich zu erkennen, der Gegner war längst sichtbar. Tag und Nacht arbeiteten sich die Kolosse voran. Am Horizont erspähte er die Kante des Tagebaues, die Frontlinie im Vernichtungskrieg gegen Klein Krams, dahinter lag die dunkle Fläche, auf der der Kampf des Menschen gegen die Natur tobte. Im Tagebau sah es aus, als hätte jemand eine Schiffsladung Unkraut-Ex ausgekippt und die Überreste verbrannt. Alles ex. Alles hopp. Solch ein vergewaltigtes Stück Erde würde auch von Klein Krams übrig bleiben in wenigen Monaten. Devastierung nannten sie die Zwangsumsiedlung, ein wolfiges Wort im Schafspelz.

Er betrachtete wieder die Wolke des Kraftwerkes, die jetzt aussah wie ein Flaschengeist.

Die Idee von einer Republik war vielleicht wirklich nicht so schlecht. Und Brunsendorfs Heidelbeerfusel war wirklich Teufelszeug.

Natürlich hatten sie sich gefragt, ob es nicht egoistisch wäre, wegen ihrer persönlichen Interessen den Abbau zu verhindern, an dem »ja auch Arbeitsplätze hingen«. Aber warum sollten sie aus ihrem Heimatdorf weichen? Nur weil die so dringend nötige Energiewende, die mehr Arbeitsplätze geschaffen hätte, von der Landesregierung erneut auf Jahrzehnte verschoben worden war? Damit noch mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre gepumpt werden konnte?

Er schaute wieder auf die Dunstglocke über dem Kraftwerk. Die alte Dreckschleuder war erst vor wenigen Tagen von Umweltaktivisten zu einem der umweltschädlichsten Kohlekraftwerke des Landes gekürt worden. Einen Besuch in diesem Moloch sollten sie als Pflichtveranstaltung in der Schule einführen, dachte Reichmann, am besten eine ganze Woche lang, damit die Jugend mal sah, dass der Strom nicht einfach aus der Steckdose kam.

In einer feuchtfröhlichen Nacht auf dem Balkon, als die Grillen zirpten und der Himmel sich nach einigen Obstschnäpsen zwar ziemlich drehte, aber nicht gerade voller Geigen hing, war Brunsendorf die Idee von der Autonomie gekommen. Nur die Autonomie könne Klein Krams retten, hatte er fantasiert, sonst baggerten sie ihnen »die Heimat unter dem Arsch weg«.

Er hatte mehr gelallt als gesprochen und sich bei dem Wort Autonomie fast verschluckt, damals, vor drei Monaten auf seiner Terrasse, und sich mächtig in Rage geredet nach ein paar Gläschen seines Obstschnapses.

Sie hatten dann noch herumgesponnen und sich das Gesicht des Sachbearbeiters in Brüssel vorgestellt, der einen Antrag auf Autonomie aus Klein Krams auf seinen Schreibtisch bekäme. Mit jedem Gläschen fand auch Reichmann die Idee passabler; der Schnaps wirkte wie eine Art Konsenswasser. Und dann hatte Brunsendorf tatsächlich diesen Antrag abgeschickt, und nun war diese merkwürdige Antwort aus Brüssel gekommen.

Im Dorf kläffte wieder Brunsendorfs Köter. Das Gebell schallte über die kleine Dorfaue und brach sich am Haus der Lorbergs. In den Ruhephasen hörte Reichmann den Entenfluss plätschern – Rinnsaal oder Flüsschen wäre angebrachter –, der dann in den Ententeich im Dorf floss. Ab ungefähr zwei Enten war der aber mehr Ente als Teich.

Eine noch größere Mogelpackung gab es drüben in Groß Krams: Der flotte Graben stand seit Jahren still wie eine Elite-Einheit bei der Militärparade. Flott war eigentlich nur eins an der brackigen Brühe: Fiel mal einer rein, war er flott wieder draußen.

Seinen Freund Brunsendorf hatte der Brief aus Brüssel in Schwung gebracht: Er war nicht mehr zu bremsen, seit das Schreiben eingetroffen war.

Sie alle hatten Brunsendorf belächelt, als er mit dieser wirren Autonomie-Anwandlung und seinem Brief an die EU kam. In einem Akt von Nachsichtigkeit stimmte die Dorfversammlung zu, den Brief abzuschicken. Eher schwamm Brunsendorf die Niagarafälle hoch, als dass aus Brüssel überhaupt eine Antwort auf diesen merkwürdigen Wisch zu erwarten war.

Und nun, urplötzlich, hielten sie ein hochamtliches Schriftstück in der Hand, mit einem Stempel und unterschrieben mit einem Namen, als habe sich der Erschaffer der letzten Neige einer Buchstabensuppe bedient.

Der Antrag war tatsächlich genehmigt worden, man hatte bestätigt, dass Klein Krams nun ein autonomes Gebiet war, mit ausgeprägter regionaler Identität und Sonderregelungen, ohne Zugehörigkeit zur Europäischen Union noch nach Art. 3 Abs. 1 der EU zu deren Zollgebiet … Unterzeichnet hatte das Dokument ein Luigi Maximilian Lallentare.

Aber handelte es sich um ein echtes Dokument? Oder um ein Täuschungsmanöver für die Versteckte Kamera? Um einen Streich ihrer Nachbarn aus Groß Krams? Kam gleich ein Talkmaster um die Ecke? Oder war da gründlich etwas schiefgelaufen auf den langen Fluren der Behörde?

Die verschwurbelte Amtssprache im Anhang, dieses umständliche Gemisch aus Substantiven, die eigentlich Verben waren, aber keine sein sollten – ein kafkaeskes Gemisch aus zwangsumgesiedelten Worten –, sprach allerdings für die Echtheit des Schreibens. So was konnte sich nicht mal einer von der Versteckten Kamera ausdenken und die aus Groß Krams schon gar nicht. Die waren froh, wenn sie den Entschuldigungszettel für ihre Kinder fehlerfrei hinbugsierten, dachte Reichmann und lachte in sich hinein. Wie auch immer. Morgen hatte er einen Termin bei einem befreundeten Anwalt, der das Schriftstück auf seine Echtheit überprüfen sollte.

Eigenartig: Reichmann wunderte sich immer noch. Da hatten sie jahrelang mit allen juristischen Mitteln ohne jeden Erfolg um ihr Dorf gerungen, und plötzlich schien diese Schnapsidee zum großen Trumpf zu werden. Eigentlich aber war diese verrückte Nummer zu schön, um daran zu glauben. Gut. Morgen würden sie klüger sein. Erst wollte Reichmann das Gutachten des Anwalts über das Schriftstück einholen, und am Abend würde die Dorfbevölkerung über ihre Zukunft abstimmen. Abspaltung oder Abbaggern, das war hier die Frage.

Es würde jedenfalls keine Insellösung geben, die hatte nie ein Dorf bekommen. Stimmte die Dorfversammlung ohne Gegenstimme zu – jeder hatte Vetorecht –, dann waren die Weichen gestellt, um die Republik Klein Krams zu gründen. Dann galt unwiderruflich Plan A wie Autonomie, weil sonst Plan B wie Braunkohletagebau griff.

Reichmann schlurfte hinunter ins Dorf und schniefte müde, als wäre mit den Gedanken an den Rechtsexperten seine Energie verflogen wie leichtes Gas. Schorsch Becker hatte am Telefon sehr skeptisch geklungen. Selbst wenn das Dokument echt sein sollte, war nicht einmal sicher, dass die Unabhängigkeitserklärung die internen Hürden nehmen würde: Erst einmal mussten sich die Klein Kramser für einen Alleingang ihres Dörfchens, ihrer gerade mal zwölf Quadratkilometer großen Gemarkung entscheiden.

Die Prüfung

Der Motor summte friedlich, als Reichmann Richtung Südosten rollte, um in der Stadt das Gutachten zum Antwortbrief der EU abzuholen – den »Behördenschriebs ins Glück, hoffentlich«, wie sein Freund Brunsendorf beim Abschied gesagt hatte.

Der Asphalt schwitzte aus allen Poren, eine für den Frühling ungewöhnliche Hitze flimmerte über dem Erdboden. Die Landschaft flirrte vorüber. Rapsfelder, flache Ebenen. Die Architektur der kleinen Hügel stimmte, ihre feinen Linien wechselten sich im perfekten Moment ab, sanft geschwungen verebbten die zwergenhaften Berge in der Ferne. Der warme Fahrtwind patschte gutmütig gegen den Fensterrahmen, als Reichmann durch die todgeweihte Landschaft zwischen Klein Krams und Groß Krams fuhr.

Georg »Schorsch« Becker residierte am Marktplatz der sieben Kilometer entfernten Kleinstadt in einem lindgrünen Gebäude, das jeder Ökovereins-Geschäftsstelle zur Ehre gereicht hätte. Rechtsanwalt Becker, Reichmanns alter Schulfreund, mit den Fachgebieten Verkehrsrecht und Erbrecht, ein großer, massiger Mann, der aussah, als hätte er sich alle Paragrafen des BGB einverleibt, setzte erst einmal Tee auf. Reichmanns dunkle Augen musterten das Foto in der Schrankwand: Becker und er mit Ende dreißig, er reichte Becker mit seinen 1,78 Metern gerade mal bis zur Stirn. Sein hageres Gesicht war faltiger inzwischen, natürlich, aber sonst hatte sich nicht viel verändert. Sie hielten beide ihr Gewicht, jeder auf seine Weise: Becker eine kolossale Zahl von Kilos, Reichmann war noch genauso drahtig und agil wie damals.

Nachdem sie sich mit ein paar Floskeln, einer kurzen Fachsimpelei über den Profi-Fußballclub der Region, bei dem es überhaupt nicht lief, und mehreren Insidern aus der langen Zeit ihrer Freundschaft warm gemacht hatten, kam Becker zur Sache.

»Ich habe so etwas noch nie gesehen. Das ist ein ganz eigenartiger Fall«, sagte er und erklärte Reichmann eine Reihe juristischer Sachverhalte, die dieser nicht so recht verstand.

»… also ist das Dokument jetzt echt?«, fragte Reichmann und kratzte sich nervös am Kopf, der eine Spielwiese hatte, die von kurzgeschorenem Haar und typischer Rentnerbräune von der Gartenarbeit kaschiert wurde.

Becker lehnte sich zurück und schaute auf den Marktplatz, auf dem vis à vis ein Springbrunnen plätscherte, als könne die Wasserfontäne ihm die Antwort zuflüstern.

»Aus meiner Sicht … ja … es ist echt«, sagte er dann. Es sei aber sicher, dass die Bundesrepublik die Entscheidung anfechten werde. Und die EU natürlich auch. Normalerweise stehe »EU-Recht über nationalem Recht«, was den deutschen Einspruch beträfe. In jedem Fall würde sich ein Rechtsstreit eine Weile hinziehen.

»Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ihr eine Menge Zeit gewinnt, bis überhaupt mal eine Entscheidung fällt«, sagte Becker, »aber ich kann euch nur warnen … Diese Zeit kann auch sehr lang werden … und für euch sehr viel länger als für eure Gegenspieler. Es ist ganz schön vermessen, zu glauben, dass das Leben in der Autonomie oder einem juristischen Schwebezustand so einfach funktioniert. Ihr müsst zäh sein wie … wie Sportlehrer Drill-und-Brüll-Sergeant Krüger …«

Sie schauten sich an, grinsten bei dem Gedanken an Sportlehrer Krüger, damals, an der Penne in der Kreisstadt. »Ihr braucht eine Menge Glück«, fuhr Becker fort, »Fürsprecher … Irgendwie muss die öffentliche Stimmung auf eurer Seite sein, so dass sie sich kein hartes Durchgreifen, also keinen Skandal leisten können. Eure bloße Existenz ist ein heftiger Tritt vors Knie der EU. Gerade erst haben sich die Engländer für den Brexit entschieden, das weißt du ja selber, also werden sie das restliche Territorium jetzt noch konsequenter zusammenhalten. Man wird euch bekämpfen, mit allen Mitteln …«, sagte der Anwalt und quetschte seinen Teebeutel aus. »Sie können euch am ausgestreckten Arm verhungern lassen … Okay. Ist ja gut … Ich hör schon auf … Ich will euch den Mut gar nicht nehmen … Das Gute ist, dass ihr und speziell du ja materiell wirklich nicht anspruchsvoll seid.«

Becker hatte recht: größer, schneller, teurer, mein Auto, mein Haus, mein Ego gab es bei Reichmann nicht. Er war nicht gierig und trug damals wie heute gute, aber schlichte karierte Hemden, er fuhr immer noch den gleichen Wagen wie vor zehn Jahren, ein dunkelblauer Kombi, ein alter Schwede, ein typisches Lehrerauto, und teilte sich diesen Wagen seit einiger Zeit sogar mit seinem Freund Brunsendorf. Er brauchte keinen Rasierer, der so scharf war, dass er hinter Gitter musste – und so teuer, dass die Erzeuger eigentlich auch hinter Gitter gehörten …

»Aber ich weiß nicht, ob man mit einer Frau solch ein Abenteuer starten kann, selbst wenn es eine Frau wie Johanna ist.«

Reichmann sah den Anwalt nachdenklich an. »Ich habe darüber auch schon nachgedacht und mit Johanna gesprochen. Sie will genauso wie Brunsendorf und ich, dass Klein Krams erhalten bleibt, und würde dafür auch einen unbequemen Weg gehen und Einschränkungen hinnehmen … Aber du hast recht, wir werden gut auf sie aufpassen müssen. Danke«, sagte er, nippte an seinem Tee und nahm einen Schluck aus dem Gläschen mit Amaretto, den Becker für den verfeinerten Teegenuss serviert hatte. »Wir sind entschlossen, uns zu wehren … das heißt, wenn die Dorfversammlung zustimmt.«

»Wie ist die Gemengelage? Ist es nur eine Formalie?«

»Ist alles ziemlich unsicher. Es gibt einen Kandidaten, bei dem man sich nur schwer vorstellen kann, dass er wirklich mitmacht.«

»Holger Lorberg?«

»Ja. Wir können froh sein, wenn wir ihn zu einer Stimmenthaltung bekommen, fürchte ich.«

»Ist das Projekt gestorben, wenn er Nein sagt?«

»Im Prinzip ja.«

»Wenn du mal ehrlich bist«, sagte Becker vorsichtig, »so ganz grundlos ist diese Skepsis nicht. Wovon beispielsweise wollt ihr leben? Eure Rente werden sie höchstwahrscheinlich streichen, ihr seid ja dann keine deutschen Staatsangehörigen mehr. Das Gleiche könnte mit euren Versicherungen passieren, da findet sich mit Sicherheit ein passender Paragraf. Sie könnten euch die Konten kündigen … und und und. Lorberg könnten sie als Nicht-EU-Bürger die Arbeitserlaubnis entziehen.«

Reichmann schaute auf sein Teeglas, auf das durch das geöffnete Fenster ein Sonnenstrahl fiel, der in einem grünen Streifen auf dem Tisch verebbte.

»Es ist schon klar, dass wir auch Opfer bringen müssen … Aber wir werden uns erst mal Vorräte zulegen … Wir wollen uns weitestgehend selber versorgen, ein Windrad aufstellen, Nutztiere anschaffen, die Ackerflächen bewirtschaften. Davon habe ich, ehrlich gesagt, öfter mal geträumt.« Reichmann hatte das Gefühl, wie ein versponnener Aussteiger zu klingen.

»Ich weiß, aber ihr seid eine Insel mitten im Feindesland, vergiss das nicht, ein Kaff mit ein paar Häusern und einem zahnlosen Hund, das sich mit einem 500-Millionen-Einwohner-Staatengebilde anlegen will. Das ist ungefähr so, als würde der Floh zum Elefanten sagen: Rutsch mal, das ist mein Platz.«

Reichmann dachte einen Moment nach.

»Ja. Aber wenn man sich die Platzverhältnisse anschaut, den winzigen Raum, den wir beanspruchen, dann ist es auch so, als würde der Elefant zum Floh sagen: Mach dich mal nicht so dick.« Reichmann nahm wieder einen Schluck Amaretto und schmunzelte. »Sobald die Autonomie beschlossen ist, werden wir einen Fünfjahresplan aufstellen, um die Bevölkerung zu versorgen.«

Becker lachte. »Okay, ich hör schon auf mit meinem Pessimismus …«

Sie klärten noch ein paar Formalien. Becker würde sie weiterhin juristisch beraten und eine Kopie des EU-Schriftstückes in seinem Safe verwahren. Sie waren sich auch einig darüber, dass bis zur offiziellen Bekanntgabe der Abspaltung absolute Geheimhaltung herrschen musste.

»Ach übrigens, das hätte ich fast vergessen«, sagte der Jurist und patschte sich gegen die Stirn, »heute ist ein Urteil gefällt worden bei euren Leidensgenossen aus dem Westen der Republik. Sie sind vor dem Bundesverfassungsgericht endgültig gescheitert mit dem Versuch, ihr Dorf zu retten: Schwerer als das Recht auf Heimat wiegt die Energieversorgung.«

Reichmann nickte. Es tat ihm leid für die wackeren Kämpfer in Immertreu, aber die Entscheidung überraschte ihn nicht. Unter dem Dorf, in dem 1500 Menschen wohnten, schlummerten etwa 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle, das Tafelsilber des ansässigen Energiekonzerns.

»Die Frage, die ich mir wirklich ständig stelle«, sagte Becker, »wie zum Teufel konnte es nur dazu kommen, dass sie euch aus Brüssel diesen Brief geschickt haben? Welcher Witzbold unterschreibt um Himmels willen solch ein Dokument? Da werden Köpfe rollen.« Er wedelte ungläubig mit dem Schriftstück. »Und dann dieser Name: Lallentare. Als hätte jemand sturzbetrunken Scrabble gespielt.«

Sie mussten lachen. Mister Lallentare, der Mann, der Existenzsorgen löste, der Staaten erschaffen konnte aus dem Nichts, würde, da waren sie sich einig, mit ziemlicher Sicherheit eine Menge Ärger bekommen.

Sie umarmten sich zum Abschied. Sehr herzlich, so, als würden sie sich für lange Zeit nicht sehen.

»Und weißt du was«, rief Becker Reichmann hinterher, als der schon durch den Flur eilte, »irgendwie bin ich fast ein bisschen neidisch, dass ihr noch mal aufs weite Meer hinausfahrt … Mann, das ist doch mal was anderes, als im seichten Wasser herumzuplanschen …«

Reichmann hatte bereits Groß Krams passiert. Jetzt wurde sein Heimatdorf größer, als würde er es langsam heranzoomen. Die Konturen wuchsen Stück für Stück aus der Landschaft. Er sah die ersten Häusergiebel: den seines eigenen Hauses, das sich am Fuße des Gramberges duckte und am höchsten lag, den großen, stattlichen von Brunsendorfs Anwesen direkt gegenüber und den schmalen Dachfirst des Gemeinschaftshauses, das in dem kleinen Park stand, der wie eine Art grüne, belaubte Empfangshalle vor den Häusern lag.

Reichmann musste an die Kindheit in seinem Elternhaus denken, die Jahrzehnte danach nur unterbrochen von der Zeit an der Universität. Er lebte mit dem Vater unter einem Dach, seine Mutter, eine Grundschullehrerin, war früh gestorben. Sie hatten Romy Reichmann wie alle Toten des Dorfes auf dem Friedhof am Rande des Gramberges beerdigt. Als sein Vater verstarb – das war jetzt acht Jahre her – ließen sie dessen Atelier, wie es war. Nur einen Platz für seinen Computer hatte sich Reichmann eingerichtet. Es roch immer noch nach Farben, nach Vergangenheit und Kindheit. Sein Vater hatte es als Heimatmaler zu einer gewissen Berühmtheit gebracht.

Das Ortsschild tauchte am Horizont auf, wie im Zeitraffer liefen die Meilensteine der Dorfentwicklung an ihm vorüber: Wie sie sich gegen die Okkupation durch Groß Krams gewehrt hatten und ein selbstständiger Teil der Amtsgemeinde geblieben waren. Der Bau des Spielplatzes, der Bushaltestelle, die Bäume, die sie gepflanzt hatten, voran das Flaggschiff, die Rotbuche am Dorfplatz. Sie hatten nie Förderung für Projekte bekommen, weil man in einem todgeweihten Landstrich nichts fördert, sondern höchstens in Sicherheit bringt. Genauso wie viele Einwohner, die sich in den vergangenen Jahren verflüchtigt hatten, nachdem endgültig feststand, dass Klein Krams pulverisiert und durch den Schornstein gejagt werden würde. Mehr als zwei Drittel der Klein Kramser waren – ähnlich wie im Kino – schon vor dem Abspann gegangen. Nur eine sechsköpfige Besatzung hielt noch die Stellung. Der verlassene, verfallene Teil der Siedlung, in dem Wildwuchs und Unkraut längst die Regentschaft übernommen hatten, assistiert von verrammelten Häusern, wirkte wie die schrundige, abgelegte Haut einer Schlange.

Reichmann & Co. hatten sich trotzdem nicht entmutigen lassen, sondern Projekte wie die Sanierung des Gemeindehauses – wo auch am Abend die Dorfversammlung beraten würde – selber bezahlt, hatten die Häuser und Gärten liebevoll gepflegt, wie bei einem sterbenskranken Angehörigen, bei dem man keine Kosten und Mühen scheut und die letzte gemeinsame Zeit besonders bewusst aufsaugt – und nie die Hoffnung auf eine Rettung aufgibt.

Die Versammlung

Der Himmel wölbte sich klar und rein wie eine Frischhaltefolie über Klein Krams. Die Sonne machte sich mit einem wilden Feuerschweif für den Untergang bereit. Aber es gab wichtigere Dinge, als versonnen mit einer Bierpulle auf dem Balkon zu stehen, der Sonne eine »Gute Nacht« zu wünschen und dem Mond »Hello again« zu sagen. Der Countdown für die Versammlung lief.

Man merkt an den kleinen Dingen, dachte Reichmann, wenn sich Großes ankündigt: Brunsendorf und Johanna Reichmann hatten anders als sonst Schreibblöcke mitgebracht, Willi und Mathilde Kirchhof ihre Alltagskluft gegen ihren Sonntagsstaat ausgetauscht – Kragen statt Kittelschürze. Ihren feinen Zwirn kramten sie sonst nur noch zu Beerdigungen hervor. Hoffentlich kein schlechtes Omen, was Klein Krams betraf. Sie saßen gleich ganz vorne links, jeder Meter weniger zählte. Mit Ende siebzig wurde Willi zunehmend gebrechlich, und beide Kirchhofs hörten schlecht. Mathilde hatte sogar ­Rouge aufgelegt, was ihr Mann nicht nötig hatte: Zeitlebens hatte er sich um den Korn in der Flasche genauso intensiv gekümmert wie um das Korn auf den Getreidefeldern. Beides macht chronisch rote Wangen.

Wilhelm Kirchhof klammerte sich an seinen Krückstock, als sei er die klemmende Türklinke eines Notausgangs und sie beide auf dem Sprung. In den zerknitterten, alten Gesichtern der Eheleute rangen deutlich erkennbar Unverständnis und Neugier, was diese Aufregung sollte, noch dazu um diese Uhrzeit! Dunnerlüttchen!

Und dann verzögerte sich der Start auch noch, denn dieser Holger Lorberg, der ohnehin nur Flausen im Kopf hatte, fehlte. Himmel, Herrgott, Sakrament!

Reichmann tippelte nervös im Türrahmen: Hoffentlich hatte Lorberg die Einladung überhaupt gelesen. Vielleicht war er auch auswärts unterwegs, seit gestern hatte ihn niemand mehr gesehen.

9.03 Uhr. Sie waren jetzt drei Minuten über die Zeit.

Nichts.

Reichmann schaute kurz in den Saal, wobei Saal übertrieben war. Wer immer den Raum »Saal« getauft hatte, musste einen visionären Moment erwischt haben. »Hundehütte für den gehobenen Anspruch« nannte Brunsendorf das sauber verklinkerte Backsteingebäude. Hier, in dem ausgebauten ehemaligen Gerätehaus, diesem Bollwerk der Gemütlichkeit und der Dorfdemokratie, hatten sie so manche Partyschlacht geschlagen, hier trafen sie sich nun vielleicht auch zum letzten Gefecht. Oder zu einem Aufbruch, je nachdem, wie das Votum ausfiele. Wenn sie denn abstimmen konnten, wenn denn Lorberg endlich auftauchen würde … Reichmanns Blick wanderte instinktiv zu der Kuckucksuhr an der Wand, aber sie war schon vor Monaten stehengeblieben. Er sah wieder auf seine Armbanduhr.

9.07 Uhr.

Nichts.

»Und jetzt erklären Sie mir doch mal genau«, schrie ihn Mathilde unvermittelt an, zu deren Eigenheiten es gehörte, zwischen Duzen und Siezen zu schwanken wie Ebbe und Flut, »was überhaupt passiert ist?«

Reichmann setzte sich neben sie und wollte ihr vom Schreiben der EU erzählen, wurde aber gestoppt, kaum dass er die Lippen geöffnet hatte.

»Lauter, rede lauter, mein Junge«, rief Mathilde Kirchhof.

Reichmann formte die Hände zu einem Trichter und startete einen neuen Versuch. Offensichtlich erreichten Mathilde Kirchhof zumindest rudimentäre Elemente der Botschaft.

»Himmel, Herrgott, Sakrament«, krächzte sie, »und deshalb die ganze Aufregung?«

»Na, das ist doch ausreichend für ein bisschen Aufregung«, schmetterte Reichmann durch sein provisorisches Megafon.

»Ihr jungen Leute mit euren verrückten Ideen. Am Ende siegen sowieso die da oben, da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich hab doch recht, Wilhelm?«

Es war Wilhelm eigentlich egal, ob sie recht hatte, es war ihm auch egal, was die hier für Bockmist anstellten: Er hatte mit dem Kapitel Klein Krams abgeschlossen, und es erleichterte ihm den Abschied sogar, dass der Fleck ohnehin von der Bildfläche verschwinden würde. Der Platz im Seniorenstift »Herbstträume« war fest gebucht. Barrierefrei. Endlich. Sie hatten die steile Treppe ins Obergeschoss ihres Hauses seit Jahren nicht mehr bezwungen. Im Seniorenstift gab es keine störenden Treppen, das war es, was zählte. Er wollte nun ohne Hindernisse ins Ziel rollen – und das galt auch für etwaigen Ärger mit dem Staat. Aber das alles sagte Wilhelm nicht, sondern brummelte ein »Jaja« in den Raum, das sich kaum von einem Räuspern unterschied.

Zum Glück tat sich draußen etwas. Reichmann ging zur Tür, hielt den Kopf etwas schräg. Er hatte richtig gehört, es näherten sich Motorengeräusche, dann hielt Lorbergs Wagen.

Holger Lorberg, vierzig Jahre alt, Typ noch nicht verkrachte, aber bereits sehr schwierige Existenz, innen und außen auf der Suche, zog sein T-Shirt über den Bund der Hose, die an den Taschenrändern leicht angespeckt war, während er sich einen Platz suchte.

Sein Gesicht verriet, dass er schon so manche Schlacht mit dem Leben geschlagen und verloren hatte. Als er sich gesetzt hatte, versuchte er, mit den Händen Linie in sein verwursteltes hellbraunes Haar zu bringen. Genauso gut hätte er einen Heuschober mit den Fingern kämmen können.

Am Kopf des Tisches thronte in einer Art Sheriffspose ­Brunsendorf, er konnte gar nicht anders: Sein großer, wuchtiger Körper und der eckige Schädel mit den nach hinten gekämmten, dünnen, aber immer noch dunklen Haaren wirkten respekteinflößend. Er hatte etwas Patriarchalisches, auch wenn keine Familie da war – zumindest nicht in nächster Nähe: Ex-Frau, Tochter und Enkel hatten sich in alle vier Himmelsrichtungen verstreut.

Johanna Reichmann saß vorne rechts, flankiert wurde sie nun von Holger Lorberg. Der Rest seiner Sippschaft fehlte. Seit dem Abschied seiner Frau und seines Sohnes war er allein mit einem Gartenzwerg vor dem Haus, der mit der einen Hand fröhlich winkte und mit der anderen eine Schubkarre schob. Was für ein Akrobat! Er hatte die Schubkarre in den Griff bekommen – Lorberg dagegen kämpfte darum, seine eigene Balance im Leben wiederzufinden.

Weil der Rest der Familie Lorberg nicht mehr offiziell in Klein Krams wohnte, waren sie vollzählig.

Ein Balanceakt war die Versammlung auch für Reichmann, der die Zusammenkunft als Ortsbürgermeister leitete, denn die Stimmung bei Lorberg war gewohnt fragil. Er war erst vor vier Jahren in ihr Dorf gezogen und immer irgendwie ein wenig für sich geblieben. Der Beschluss musste einstimmig – zumindest ohne Gegenstimme – gefasst werden, und Lorbergs Miene war auf Frost eingetaktet.

Reichmann erklärte in knappen Worten die aktuelle Lage und präsentierte stolz das Dokument der EU.

»Ist die Unterschrift echt?«, krittelte Lorberg.

»Die ist echt, genauso wie das Dokument, wir haben es prüfen lassen.«

»Ich weiß ehrlich gesagt nicht so recht. Ich bin auch noch gar nicht dazu gekommen, mir ein abschließendes Urteil zu bilden. Was ist beispielsweise nur mal mit der Müllabfuhr? Müssen wir es wie Jürgen Grubo machen?«, fragte Lorberg und ließ ein kurzes Grinsen über sein Gesicht streichen, wie Reichmann erleichtert bemerkte. Dass sich Lorberg ausgerechnet wegen der Müllabfuhr Sorgen machte, kam unerwartet, als Ordnungsfanatiker galt er nicht gerade. Jürgen Grubo, die lokale Lebenskünstler-Legende aus Groß Krams, entsorgte seinen Müll zu fünfzig Prozent aus dem Fenster und zu dreißig Prozent im Klo, den Rest lagerte er in seinem Haus zwischen, bis er ihn vergessen hatte.

Ja, was war eigentlich mit der Müllabfuhr? Daran hatte Reichmann gar nicht gedacht. Er rang sich möglichst souverän ab, dass man »eine Lösung finden« werde.

Das war zu wenig Fakt und zu viel Konjunktiv. Lorberg runzelte die Stirn. Reichmann räusperte sich und trank zwei Schluck Wasser, das brachte rund vier Sekunden und eine leichte Stabilisierung seines Schlingerkurses. Es durfte nicht sein, dass die Gründung der Republik Klein Krams an der Frage scheiterte, wo sie ihren Mülleimer ausleeren würden.

»Also erstens: Wir werden ja … weniger Müll machen … deutlich weniger Müll, weil wir vieles selber anbauen wollen und keine Verpackungen mehr wegwerfen. Zweitens: Der Bio-Müll kommt auf den Kompost. Wir … müssen da überhaupt umdenken: Es wird überlebenswichtig sein, dass wir unsere Ressourcen konsequent nutzen. Kartoffelschalen beispielsweise sind Futter für die Karnickel«, schob Reichmann nach, »und deshalb muss der Müll ordentlich sortiert sein.«

Lorberg nickte zustimmend, wie die Runde dankbar registrierte, nur die Mienen der Kirchhofs befanden sich im Ruhemodus.

»… Und zweitens: Ihr könnt den übrigen Müll, den Plastikabfall zum Beispiel, zu mir bringen. Mal ehrlich: Eine Gemeinde, wo der Bürgermeister den Bürgern höchstpersönlich hinterherräumt, das ist doch was, oder?«

Reichmann hatte das Gefühl, sich angebiedert zu haben, aber dieses Sonderangebot wurde zu einem emotionalen Wirkungstreffer bei Holger Lorberg, dessen Dauerfrostmiene langsam auftaute. Seit seine Frau und sein sechzehnjähriger Sohn ausgezogen waren – seine Frau dummerweise direkt zu einem anderen Typen und sein Sohn in ein Fußball-Internat –, vergrub er sich zu Hause, verschlossen wie eine zugetackerte Blinddarmnaht. Das aber war vielleicht ihre Chance, ihn mit ins Boot zu holen: Jemand, der gerade mit Bleifuß auf der Überholspur durchs Leben bretterte, würde sich vermutlich nicht so einfach in ein Abenteuer stürzen wie Lorberg, der gerade auf einem zugemüllten Rastplatz hängengeblieben war.