Das Drachenherz - Sophia Dill - E-Book

Das Drachenherz E-Book

Sophia Dill

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Beschreibung

Seit zwanzig Jahren lebt der Zauberer Nale Chyser zusammen mit dem Mädchen Vyrira und seinem vierbeinigen Freund Brandon ein angesehenes und ruhiges Leben als Heiler. Als Nale eines Tages einem jungen Mann Zuflucht anbietet, überschlagen sich die Ereignisse. Das Drachenherz wurde gestohlen und muss dringend zurück an seinen Platz. Es hat den Anschein, als müsste Nale abermals sein Leben von Grund auf ändern. Zugleich wühlt sich die Magierin Trish Layt in einer anderen Zeitebene durch ihren Bürokram. In ihrer Welt herrscht jedoch Aufruhr. Zusammen mit dem jungen Pärchen Amanda und Michael geht sie den Ursachen auf den Grund. Die drei ahnen zu Beginn ihrer Reise nicht, welche Gefahren sie erwarten und was dieser Weg mit sich bringt.

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Seitenzahl: 586

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-966-5

ISBN e-book: 978-3-99131-967-2

Lektorat: Birgit Himmüller

Umschlagfoto: Tudorpopaart, Refluo, Olga Miltsova | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Kapitel 1

Sein Magen knurrte wie verrückt. Das Knurren war so schlimm, dass er davon aufwachte. Im Halbschlaf konnte Nale Chyser nicht verstehen, warum sein Magen so sehr knurrte. Gestern Abend hatte er doch drei Schalen Gemüsesuppe und dazu zwei große Scheiben Brot gegessen. Jedem anderem würde davon übel, ihm jedoch nicht. Er konnte wirklich einiges vertragen, obwohl man ihm das gar nicht ansah. Nale war groß und noch dazu schlank. Außerdem war er nicht mehr der Jüngste, was ihn dennoch nicht davon abhielt, bei jeglicher Arbeit anzupacken. Viele Menschen wurden mit zunehmendem Alter ruhiger und saßen mehr herum. Das war bei Nale nicht der Fall. Er ging zwar manche Sachen ruhiger an, vor allem wegen seiner weiß-grauen, bis zur Hüfte reichenden Haare, die er hegte und pflegte, oder er ließ Vyrira so manches übernehmen, aber dennoch arbeitete er fleißig weiter. Dies trug wahrscheinlich zum Teil dazu bei, dass er so viel essen konnte, ohne zuzunehmen.

Abermals gab sein Magen ein Knurren von sich. Nale nervte das Geräusch immens, weshalb er es nicht mehr länger aushalten konnte, liegen zu bleiben. Damit sein Hunger etwas gestillt wurde, stand er auf, ging aus seinem Zimmer und schnappte sich eine Scheibe Brot aus einer Schale, die auf dem Tisch stand. Da er bereits sein Gewand anhatte, musste er sich nicht mehr ankleiden und konnte daher unbeschwert aus seinem Zimmer gehen. Es handelte sich um ein großteils braun gehaltenes, stellenweise, vor allem in der Höhe der Beine, mit grün versetztes, vom Hals abwärts durchgängiges Gewand. Nale fand dieses Gewand viel bequemer als Hosen und Hemden. Er musste einfach, wenn er das Gewand ausziehen wollte, zuerst zwei Knöpfe an der rechten Schulter öffnen, die alles in der Position hielten, wo es sein sollte. Danach konnte er es einfach über den Kopf ziehen. Wenn er es wieder anziehen wollte, streifte er es dementsprechend wieder über den Kopf und schloss zum Schluss die Knöpfe.

Nale biss ein Stück vom Brot ab und ging kauend vor die Tür seiner Hütte. Als er hinaustrat, strahlte ihm die Sonne angenehm entgegen. Mit einem Blick zum Himmel merkte er, dass es heute wieder einmal ein herrlicher Tag werden würde. Denn schon jetzt gab es keine einzige Wolke am Himmel. Er ließ seinen Blick über die Lichtung und den kleinen Hügel, auf dem seine Hütte stand, weiter über seinen Kräuter- und Gemüsegarten bis hin zum angrenzenden Wald schweifen.

Er fragte sich, wo Vyrira steckte. Nale hatte nämlich beim Holen der Brotscheibe gesehen, dass die Tür zu ihrem Zimmer leicht offenstand. Für gewöhnlich war diese geschlossen. Es war ein geheimes Zeichen zwischen ihnen. Nale wusste durch die Tür meist, ob das Mädchen noch schlief oder bereits wach war. In diesem Fall bedeutete es, dass sie nicht mehr im Bett lag, sondern vor ihm aufgewacht war. Da er Vyrira nicht im Garten oder auf der Lichtung vor sich erblickte, war sie wahrscheinlich Pilze sammeln gegangen. Das Mädchen war immer vor ihm munter, aber normalerweise wartete es, bis er aufgestanden war. Dann sagte Vyrira ihm immer, wohin sie ging und wie lange sie ungefähr unterwegs sein würde. Vielleicht wollte sie einfach nach so langer Zeit wieder einmal den Sonnenaufgang genießen, was sie schon lange nicht mehr getan hatte, wenn er sich recht erinnerte. Sie sollte ja ihre Jugend noch genießen und nicht dauernd daheimbleiben und ihm bei der Arbeit helfen, dachte er. Vyrira war so ein fleißiges Mädchen, immer eifrig etwas Neues zu lernen und sie probierte alles aus. Ebenfalls erledigte sie alle Arbeiten so schnell es ging und mit einer Präzision, die ihn jedes Mal aufs Neue erstaunte. Daneben war auch ihr Wissensdurst unendlich, was ihn genauso faszinierte, und dafür liebte er sie umso mehr.

Trotzdem kam er nicht umhin, sich auch Sorgen um sie zu machen. Jedes Mal, wenn sie allein in den Wald ging, um Pilze und anderes zu sammeln, oder wenn sie Spaziergänge unternahm, fragte er sich, ob alles in Ordnung war. Immer wieder fragte er sich, ob Vyrira nicht überfallen wurde oder schlimmer noch verletzt im Wald lag. Nale ermahnte sich, ihr Freiraum zu lassen und sie nicht zu sehr einzuengen. Schließlich musste sie irgendwann auch ohne ihn auskommen.

Sie lebte seit ihrem Kindesalter bei ihm und er bereute keine einzige Sekunde davon, obwohl so einiges in ihrer Kindheit schiefgelaufen war. Daran konnte sie sich, sehr zu seiner Freude, nicht erinnern, da sie noch recht jung war. Er hatte sie aufgezogen wie eine Tochter, obwohl sie weit mehr war als das. Doch wenn er an die damalige Zeit zurückdachte, kamen ihm die Tränen. Nale hätte sich alles so viel anders gewünscht, als es wirklich gekommen war, aber er konnte nichts mehr dagegen tun. Er versuchte, das Beste daraus zu machen und Vyrira, wie versprochen, ohne große Erwartungen aufzuziehen.

Er schob sich den Rest des Brotes in den Mund. Während er dieses Stück zerkleinerte und hinunterschluckte, schritt er in seinen angelegten Garten. Er suchte sich das reifste Gemüse und die reifsten Gewürze aus, um etwas davon zu pflücken oder auszugraben. Von den Gewürzen sammelte er vor allem etwas Knoblauch und ein paar Zwiebeln. Des Weiteren kamen noch Pfeffer, Anis, Fenchel, Senfkörner, Zimt, etwas Ingwer, Petersilie und zwei Lorbeerblätter dazu. Er überlegte, ob er noch genug andere Pflanzen hatte, die er für Salben benötigte. Soweit er sich erinnern konnte, waren nicht mehr viele da. Daher beschloss der Mann, nachdem er das Wasser geholt hatte, in den Wald zu gehen. Sein Freund würde vielleicht schon warten.

Ihm fiel auf, dass der Boden seines Gartens wieder trocken war und so entschied er, nachdem er alles in die Hütte getragen hatte, Wasser aus dem See zu holen. Der See war zwar ein gutes Stück entfernt, aber ihm war das egal. An diesem Tag musste er so oder so Wasser holen, weil er sonst keins zum Kochen hätte. Wenn es nur wegen der Gewürze war, bat er Vyrira, zum See zu gehen, aber da sie nicht zu Hause war, war er gezwungen, selbst zu gehen. Nachdem er einiges gepflückt hatte und sein linker Arm vollgepackt war, ging er in seine Hütte zurück und legte alles auf den Tisch, der in der Mitte des Raumes stand.

Nale sah nach rechts, um festzustellen, ob die zwei Eimer dort standen, die er für gewöhnlich für das Wasser verwendete. Dies war nicht der Fall, weshalb er erst überlegen musste, wo die beiden standen. Wasser holen, gut und schön, aber ohne Eimer war dies unmöglich. Vyrira hatte die Angewohnheit, mindestens jede Woche alles umzuräumen, deshalb hieß es erst einmal suchen. Er suchte überall, selbst in seinem und in ihrem Zimmer, aber nirgends waren die Eimer zu finden. Nale rieb sich nachdenklich über seinen weißen Bart, der nur andeutungsweise vorhanden war. Er musste sich wieder einmal rasieren, aber dafür war jetzt keine Zeit. Der Mann dachte nach und dann kam ihm eine Idee. Mit großen Schritten durchquerte er den Raum, marschierte zur Tür hinaus, ging zur Rückseite des Hauses, die zum Wald zeigte. Genau dort fand er das, was er suchte.

„Da sind sie ja. Ich muss mit dem Mädchen wirklich ein ernstes Wörtchen reden. Jede Woche steht alles woanders und ich kann nichts mehr finden! Von wem hat sie das nur?“

Doch im Grunde kannte er die Antwort bereits. Es war seine Schuld, dass Vyrira das tat. Er gab ihr zu viele Freiheiten und ließ ihr alles durchgehen. Außerdem hatte er ihr all die Jahre hindurch erklärt, wie wichtig es war, Ordnung zu halten. Vor allem in seinem Beruf war es wichtig, eine gewisse Ordnung zu halten. Nale arbeitete als Heiler und versorgte jeden, der Hilfe benötigte. Besonderes Augenmerk legte er auf ein großes Dorf, das sich auf der anderen Seite des Waldes befand. Dort gab es jedes Jahr diverse Probleme wie Knochenbrüche oder verschiedene kleinere Wunden. Auch bei Geburten war Nale zugegen. Salben sowie deren Zutaten und Verbände mussten daher geordnet sein, damit er sie schneller wiederfand.

Nale schnappte sich zwei von den vier Eimern und verschwand damit. Nale genoss den Weg von seiner Hütte bis zum See und wieder zurück. Obwohl er außerhalb des Dorfes wohnte und daher von genug Natur umgeben war, war es trotzdem immer wieder schön. Hier gab es keine Menschen, die herumschrien und drängten. Er konnte Vyrira daher verstehen. Sie liebte genauso wie er die Natur. So oft es ging, sagte sie ihm, wie schön es hier war, und dass sie nie ins Dorf ziehen würde, nur um näher bei den Geschäften zu sein. Beide waren froh, wenn sie nach ihrem Einkauf wieder aus dem Dorf nach Hause kamen und wieder unter sich waren.

Nach langem Gehen erreichte er endlich den See. Einen Eimer nach dem anderen tauchte er ins kalte Wasser und füllte sie bis oben hin, damit der Spaziergang erst recht nicht umsonst war. Nachdem beide Eimer voll waren, ging er mit vorsichtigen Schritten zurück. Das Gras unter seinen Schuhen war etwas feucht und die vollen Eimer erhöhten die Gefahr, sich zu verletzen, deshalb setzte er vorsichtig ein Bein vor das andere. Nale war so in seine Gedanken vertieft, dass er nicht bemerkt hatte, dass er seine Hütte schon fast erreicht hatte.

Vor der Tür angekommen, stellte er einen Eimer davor ab und ging mit dem anderen zu seinem Garten, um diesen Punkt abzuhaken, bevor er ihm entfiel. Nach getaner Arbeit ging er zurück, sammelte den anderen Eimer ein, ging in die Hütte und stellte beide Eimer neben den Tisch auf dem Boden ab. Aus seinem Zimmer holte er seinen Rucksack, damit er etwas hatte, wo er die Sachen aus dem Wald hineinpacken konnte. Ein Messer hatte er bereits im Rucksack, daher holte er aus einem Schrank nur mehr einige bereits geschnittene Fleischstücke. Diese stopfte er in eine Tasche seines Umhanges, während er wieder hinausging und dieses Mal Richtung Wald marschierte.

Nale hatte noch nicht einmal den Waldrand erreicht, als ein Wolf zwischen den Bäumen heraussprang und genau auf ihn zu lief. Er musste mitbekommen haben, dass Vyrira nicht zu Hause war, ansonsten wäre er nicht gekommen. Die beiden freuten sich zwar darüber, sich zu sehen. Dennoch verbrachte Brandon mehr Zeit im Wald, wenn Vyrira anwesend war. Normalerweise wartete der Wolf im Wald, bis Nale ebenfalls dort war.

„Brandon, alter Freund. Hoffentlich hast du nicht lange gewartet“, rief Nale dem Tier entgegen.

Der Wolf namens Brandon stellte sich auf die Hinterbeine und legte die Vorderpfoten auf Nales Unterarme. Als Antwort auf seine Frage berührte Brandons Zunge sein Gesicht.

„Danke, Brandon. Das reicht für heute. Diese ständige feuchte Begrüßung ist wirklich eine schrecklich nervige Angewohnheit von dir“, sagte Nale und ließ die Pfoten von seinen Armen gleiten.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg tiefer in den Wald hinein. Der Wolf schlich hechelnd um seine Beine herum, aber Nale ignorierte es eine Weile. Er hielt Ausschau nach einem bestimmten Baum, von dem er die Rinde benötigte. Brandon war beharrlich, bis es dem Alten letzten Endes doch zu viel wurde. Sein Begleiter war schon immer eine Nervensäge gewesen und testete ständig Nales Geduld, wenn er etwas roch, das er mochte.

„Ja, ich weiß, dass du das Fleisch riechst. Hier hast du ein wenig, du Nervensäge.“

Nale warf ein Stück des Fleisches weg. Gierig rannte der Wolf hinterher. Jetzt trabte Brandon ein Stück vor ihm her und wedelte glücklich mit seinem Schwanz. Minuten vergingen ohne eine weitere Störung, in denen der Alte nach dem gewünschten Baum suchte. Er suchte nach einer Buche, an der sich Wucherungen gebildet hatten. Diese wurden Feuerschwämme genannt. Nale benötigte sie einerseits für die Herstellung von Salben. Feuerschwämme waren hervorragend geeignet dafür, gute Salben herzustellen. Andererseits benutzte er sie zum Feuermachen. Zusätzlich sammelte er die Rinde des Baumes. Während er noch suchte, sammelte er einige Heilpflanzen und steckte sie in den Rucksack. Als er nach rechts sah, entdeckte er den Baum und ging in diese Richtung. Nale legte seinen Rucksack ab und blickte dem Stamm entlang nach oben. Er wollte nicht die Rinde, die in seiner Reichweite war, herunterreißen. Ihm war die am liebsten, die weiter oben war, und dies hieß jedes Mal klettern. Es gab einen bestimmten Grund, warum er die Rinde von weiter oben verwenden wollte. Der Grund war nämlich der, dass diese für Nales Zwecke sehr wertvoll war, da man aus ihr die besten Salben herstellen konnte. Die Rinde war an der richtigen Stelle. Einerseits nicht zu nah am Boden und andererseits nicht zu nah am Wipfel. Schön in der Mitte und genau dieser Teil der Rinde war am besten.

„Dann mal los. Pass ja auf meine Sachen auf und spiel nicht daran herum!“, rief der Mann Brandon zu und holte das Messer aus einer Seitentasche des Rucksackes.

Er ließ es in eine der Taschen seines Gewandes gleiten und griff dann nach dem Ast, der ihm am nächsten war. Anfangs probierte er zaghaft, ob der Ast sein Gewicht auch wirklich hielt. Als er sicher war, zog er sich daran hoch. Er hatte generell nichts gegen das Klettern, aber es wurde mit zunehmendem Alter immer schwieriger. Langsam gelangte er weiter nach oben und blieb dann auf einem kräftigen Ast stehen, bei dem er sicher war, dass er sein Gewicht tragen konnte. Nun ging er daran, Rinde vom Stamm zu trennen. Jedes Teil, das er vom Baum lösen konnte, warf er Richtung Waldboden. Als er gerade ein erneutes, großes Stück Rinde vom Baum trennen wollte, rutschte ihm das Messer ab und die Klinge schnitt in die Handfläche seiner linken Hand.

„Verdammt!“, fluchte Nale.

Sofort trat Blut aus der Wunde. Zum Glück hatte Nale immer mehrere Stoffstücke in einer Tasche seines Umhanges, falls so etwas einmal passiert. Er holte eins heraus und wickelte dieses so gut wie möglich um seine Hand. Der Schnitt schmerzte mächtig und wie er feststellte, war dieser recht tief. Wenigstens konnte er seine Hand bewegen. Das Rindenstück schnitt er noch vom Baum und ließ es fallen. „So, das genügt“, dachte er sich, steckte das Messer zurück in seine Tasche und begann wieder Ast für Ast hinunterzuklettern. Beim letzten Ast angekommen, hüpfte der Mann von diesem hinunter. Dabei kam er mit den Füßen unglücklich auf dem Boden auf, sodass sein rechter Fuß umknickte. Nale kippte um und fiel zu Boden. Sitzend griff er mit einer Hand nach unten und tastete seinen Knöchel ab. Dabei bewegte er vorsichtig seinen Fuß. Schmerz fuhr durch den Fuß und der Mann unterließ weitere Berührungen und unnötige Bewegungen.

„Gerade jetzt muss das passieren. Mist! Heute ist wirklich nicht mein Tag“, fluchte er.

Da konnte er sich etwas von Vyrira anhören, wenn sie es herausfinden sollte. Sie hatte bereits vor einigen Monaten bestanden, diese Kletterei zu übernehmen. Ab und an ließ er sie gewähren. Manchmal jedoch hörte er nicht auf sie und kletterte selbst hinauf. Auf einem Bein sammelte Nale die Stücke der Rinde ein und packte sie anschließend in den Rucksack. Jetzt bräuchte er nur noch etwas, um sich abzustützen, damit er den Fuß nicht allzu stark belastete. In dem Moment, als er sich umsehen wollte, kam Brandon auch schon mit einem Stock zu ihm.

„Danke dir. Was wäre ich nur ohne dich?“, sagte Nale und nahm die Gabe entgegen.

Als Belohnung bekam der Wolf das restliche Fleisch. Den Rucksack aufgeschnallt, begann Nale, sich auf den Stock stützend in die Richtung zu humpeln, aus der er gekommen war. Auf seinem Weg zurück nahm er sich fest vor, den Fuß ruhen zu lassen und eine Salbe aufzutragen. Bevor er dies jedoch tat, wollte er zuerst die gesammelten Zutaten verteilen und das Essen für später vorbereiten. Nale wusste, wenn er die Sachen nicht erledigte, würde er keine Ruhe haben. Und Vyrira wollte er die Arbeit auch nicht überlassen. In dieser Hinsicht war er leider stur. Vyrira würde ihm zwar die Hölle heißmachen, wenn sie erfuhr, dass er verletzt arbeitete, aber das war ihm momentan egal. Ausruhen konnte er sich nach getaner Arbeit schließlich immer noch. Am Waldrand angelangt schleckte der Wolf zum Abschied eine von Nales Handfläche ab.

„Ich werde sicher bald wiederkommen. Sei vorsichtig im Wald. Nicht, dass du verletzt wirst.“

Mit einem Knurren verschwand Brandon wieder im Wald. Nale blickte dem Wolf noch kurz hinterher, bis er sich mühsam weiter auf den Weg nach Hause machte. In der Hütte angekommen legte er den Rucksack auf den Tisch. Ohne sich weiter auf den Stock zu stützen, machte er sich daran, alles, was er gesammelt hatte, zu Recht zu schneiden und in Gläser zu füllen. Gerade war der Mann dabei, das Essen vorzubereiten. Doch in diesem Moment vernahm er die erschöpfte und verzweifelt klingende Stimme von Vyrira, die seinen Namen rief. Er ließ alles stehen und liegen und stürmte aus der Hütte. Vor der Tür angekommen sah er, dass sie einen jungen Mann stützte, der am Arm verletzt war.

„Vyrira! Was ist passiert?“, rief er und lief ihnen entgegen.

„Das erkläre ich dir später! Hilf zuerst ihm!“, antwortete sie erschöpft.

Den Rest des Weges zur Hütte übernahm Nale den Verletzten und legte ihn vorsichtig auf das Bett, das neben dem Kamin stand. Er sammelte alles zusammen, was er für die Wunde brauchte. Zum Glück hatte Nale immer genügend Salben für solche schweren Verletzungen parat und fertig angerichtet, um sich die Mühe zu sparen, erst welche anzurichten. Mit einem gezielten Handgriff holte der Alte ein Glas und einen Verband von einem Regal an der Wand und eilte mit beidem zurück zum Bett. Er schlug den zerrissenen Stoff beiseite und trug die Salbe auf den tiefen Schnitt, der unter der Schulter begann und kurz vor dem Ellbogen endete.

„Nach dem Schnitt zu urteilen, musst du ziemlich viel Blut verloren haben. Du hattest Glück, dass man dich gefunden und hierhergebracht hat, sonst wärst du verblutet. Inzwischen kannst du mir erklären, was das alles zu bedeuten hat, Vyrira!“, forderte Nale, während er begann, seinen Patienten zu verbinden.

„Er wurde von Soldaten angegriffen. Ich war zum Glück in der Nähe und bin sofort eingeschritten“, antwortete Vyrira, die auf der Bank beim Tisch saß.

„Du hast was gemacht? Wie hast du das angestellt, ohne großartig verletzt zu werden? Wichtig ist jedoch, mit welchem Gegenstand du überhaupt gekämpft hast?“, fragte Nale verdutzt, während er sich unablässig um seinen Patienten kümmerte. Ihm war aufgefallen, dass das Mädchen nur einige Blessuren im Gesicht aufwies.

„Das Schwert, das du mir vor einigen Jahren besorgt hast, war meine Waffe“, antwortete sie sicher, obwohl ihre Selbstsicherheit bei seinem Gesichtsausdruck blitzartig nachließ.

Auf das war er nicht vorbereitet und Nale betrachtete das Mädchen verwirrt. Erst als seine Lungen brannten, merkte der Mann, dass er sogar vergessen hatte zu atmen, und holte gierig Luft. Dieses Mädchen brachte ihn bald völlig um den Verstand, wenn das so weiter ging, dachte er sich. Er fuhr mit dem Auftragen der Salbe fort, während niemand ein Wort von sich gab. Die einzigen Laute kamen von dem jungen unbekannten Mann, der trotz längerem Liegen immer noch stoßweise atmete. Als er den Arm fertig eingesalbt und verbunden hatte, stand er auf, ging zum Tisch und fing an, alles wegzuräumen.

Dass sie das Schwert mit sich herumgeschleppt und womöglich damit geübt hatte, beunruhigte ihn und bereitete ihm Kopfzerbrechen. Sie musste geübt haben, kam es ihm in den Sinn. Wenn sie eingeschritten war, bedeutete dies, dass sie in einen Kampf verwickelt gewesen war. Und als Ungeübte zu kämpfen, hätte nicht gut geendet. Nach den wenigen Blessuren zu urteilen, musste sie sich gut geschlagen haben. Oder aber, die Soldaten hatten vorerst den Rückzug angetreten, da sie nicht mit Vyrira gerechnet hatten und nicht unnötig Aufsehen erregen wollten. Sie konnten schließlich nicht wissen, ob nicht noch jemand in der Nähe war, um zu helfen. Trotzdem war er auch irgendwie stolz auf sie. Sie hatte trotz aller Ermahnungen, niemals eine Waffe in die Hände zu nehmen, höchstens als Selbstverteidigung oder Verteidigung für Unschuldige, ihren Kopf durchgesetzt. Er könnte sich selbst dafür beschimpfen, denn er war ja selbst schuld an der Misere. Schließlich war er es, der das Schwert besorgt hatte.

Nale stützte sich an der Tischplatte ab und fragte ruhig, den Blick auf die Tischplatte gerichtet: „Warum hast du mir nie erzählt, dass du mit dem Schwert übst?“

„Ich wollte nicht, dass du dir noch mehr Sorgen um mich machst.“

„Ich mache mir immer Sorgen. Es will mir gerade nicht in den Kopf, warum du das getan hast. Du hättest dich selbst verletzen können und ich hätte nichts davon bemerkt. Die ganze Zeit über hatte ich dir geglaubt und vertraute auf dein Wort!“

Stolz war er natürlich auch auf sie, auf ihren Mut und ihren Ehrgeiz, aber das sagte er ihr nicht, zumindest noch nicht. Damit er etwas ruhiger wurde, schlug Nale mit einer Faust auf den Tisch. Unglücklicherweise tat er dies mit der falschen Hand. Der Schmerz, der dabei entstand, war schlimm und Nale zuckte sogar etwas zusammen. Ansonsten ließ er sich nichts anmerken, dass etwas mit seiner Hand nicht stimmte. Hinter seinem Rücken vernahm der Alte die Stimme des Jungen und drehte sich zu ihm um.

„Sie hat es nur gut gemeint. Wenn sie nicht gewesen wäre, dann wäre sonst was mit mir passiert. Ich verdanke ihr mein Leben.“

Für eine kurze Zeit herrschte Stille und Nale dachte über die Worte nach. Vyrira hat einen guten Eindruck bei dem Jungen hinterlassen, wenn er sich für sie einsetzte, dachte sich der Alte. Sein Zorn verflog, dafür stieg sein Stolz, weshalb er es langsam bereute, mit dem Mädchen in solch einem Ton gesprochen zu haben.

„Wenn du nichts dagegen hast, dann werde ich deine Kratzer versorgen, sonst entzünden sie sich noch. Zumindest den einen in deinem Gesicht, der wirklich nicht sehr gut aussieht“, sagte er schließlich und in verzeihendem Ton.

Der Alte sah aus dem Augenwinkel, dass der Junge sie ständig beobachtete, aber schon in solch einem Zustand war, dass er beinahe seine Augen nicht mehr offenhalten konnte. Um ihm seinen Schlaf zu gönnen, meinte Nale zu ihm gewandt: „Am besten wäre es, wenn du eine Weile schläfst, solange die Salbe noch nicht vollständig wirkt. Der Schlaf wird dir guttun und bei der Heilung helfen.“

Kapitel 2

Mit einem Nicken schloss der Junge seine Augen. Nale merkte, dass er einige Augenblicke später eingeschlafen war. Auf seine Salben war Verlass. Sie waren effektiv und wirkten schnell. Während Nale derweil eine andere Schale mit einer anderen Salbe holte, wartete das Mädchen still an seinem Platz. Vor Vyrira auf der Bank sitzend, begann Nale dann ganz vorsichtig, die Kratzer an ihrer Wange und an ihrem Hals mit der Salbe zu bedecken. Sie hielt den Kopf gesenkt und ließ ihre Hände zwischen ihre Beinen hängen.

Um die Stimmung ein wenig zu lockern, fragte Nale: „Du warst bestimmt früh auf, um den Sonnenaufgang anzusehen, habe ich recht?“

„Stimmt. Obwohl ich ihn schon öfters gesehen habe, bezaubert er mich immer wieder. Übrigens tut es mir leid, dass ich heute Morgen nicht auf dich gewartet habe. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, liegt schon ziemlich lange zurück und ich habe mich spontan dazu entschlossen.“

„Das braucht dir nicht leid zu tun. Den Sonnenaufgang muss man einfach immer wieder ansehen.“

Vyrira schwang ein Bein auf die andere Seite der Bank, sodass sie nun die Bank zwischen ihren Beinen hatte und sich ihr Kleid ein wenig darüber spannte. Auf der anderen Seite ihres Gesichts waren keine Kratzer, daher wischte der alte Mann seine Hand an einem Stück Stoff ab und stellte die Schale mit der Salbe auf den Tisch. Vyrira ließ wieder den Kopf hängen und spielte mit ihren Händen an ihrem Gewand herum. Ohne ein Wort zu sagen, beobachtete Nale das Mädchen eine Weile.

„Ich bin stolz auf dich, Vyrira. Du hast dir selbst den Umgang mit dem Schwert beigebracht und das finde ich bemerkenswert“, meinte der Alte und stupste dem Mädchen mit einem Finger gegen dessen Kinn.

Das tat er immer, wenn er das Mädchen beruhigen wollte, nachdem sie eine heftige Diskussion hinter sich hatten. Gleichzeitig versuchte er mit dieser Geste, die Stimmung wieder etwas zu heben und die Sache als erledigt abzuhaken.

„Weißt du was? Erzähle mir alles. Denn ich will alles wissen, von den Übungen bis hin zum heutigen Vorfall.“

„Wenn du es wirklich hören willst und solange Zeit hast? Es wird etwas dauern!“, fragte Vyrira.

Ein wenig schüchtern blickte sie ihn an, und als er ihr deutete, sie solle ruhig anfangen, begann sie, ihre Geschichte zu erzählen. Währenddessen stand Nale auf, ging um den Tisch herum und fing dort wieder an, wo er vor Vyrira und dem jungen Mann geendet hatte.

„Also, es war so. Heute Morgen war ich bereits vor Sonnenaufgang wach. Obwohl ich noch müde war, plagte mich die Sehnsucht, wieder einmal aufzustehen und mir den Sonnenaufgang anzusehen. Ich zwang mich, weiterzuschlafen, aber es funktionierte nicht und so bin ich aufgestanden. Außerdem dachte ich mir, wäre es auch wieder eine gute Gelegenheit, mit dem Schwert zu üben.“

„Wie hast du bisher geübt? Du warst, soweit ich mich erinnere, meistens in meiner Nähe. Und die vor allem wichtige Frage ist, welchen Gegner du hattest. Du wirst dir wohl nicht einen Bewohner aus dem Dorf dazu geholt haben.“

„Nein, das habe ich nicht, zumindest nicht immer“, antwortete das Mädchen und half Nale beim Kochen. „Ich habe am Anfang einfach mehrere Male auf einen Baum eingeschlagen. Und wenige Male hatte ich Unterstützung vom Schmied, bei dem du das Schwert gekauft hast. Du musst wissen, dass er, wie er mir erzählte und ich auch bemerkte, ein hervorragender Meister im Umgang mit dem Schwert ist. Als ich ihm erklärte, ich wolle den Umgang ebenfalls erlernen, hat er mir seine Hilfe angeboten.

Und es stimmt. Meistens war ich in deiner Nähe, aber ich muss gestehen, dass ich mich des Öfteren davongeschlichen und dich manchmal sogar belogen habe. Sonst hätte ich mich nicht mit dem Schmied treffen oder allein üben können.“

Wenn sie nur wüsste, wozu er fähig war, dann würde sie erst staunen, dachte Nale, behielt es aber für sich. Er hatte nicht vor, ihr jemals davon zu erzählen. Da das Mädchen ihm beim Kochen behilflich war, war das Essen schneller fertig als gedacht. Es war nichts Spektakuläres, eine einfache Gemüsesuppe, die sie mit einer oder mehreren Scheiben Brot verspeisten. Um dem jungen Mann seine Ruhe zu gönnen, trugen sie alles, was sie fürs Erste benötigten, in Nales Zimmer. Die Hütte war so angelegt, dass man, wenn man eintrat, zu seiner Rechten Regale, zwei Schränke und noch zwei kleine Tische, die allesamt an der Wand aufgereiht waren, sah. Gegenüber der Eingangstür befand sich der Kamin mit dem zusätzlichen Bett und dazwischen war ein großer Tisch mit zwei Bänken und genauso vielen Hockern. Und wenn man vom Eingang nach links blickte, konnte man zwei Türen erkennen. Hinter jeder Tür befand sich ein Schlafzimmer, eins, von der Eingangstür aus gesehen die linke Tür, gehörte Vyrira, das andere klarerweise Nale.

Als das Mädchen noch kleiner war, war eins der Zimmer nur für Gerümpel reserviert gewesen. Aber als sie älter geworden war, musste alles, was nicht mehr gebraucht wurde, verständlicherweise verschwinden. Es war jedoch keine große Tragödie, weil vieles Müll war. Nachdem Nale und Vyrira das Zimmer aufgeräumt und geräumig gemacht hatten, hatte er sich selbst gefragt, wofür er das alles überhaupt verwahrt hatte. Einige Erinnerungsstücke jedoch, die er in diesem Zimmer gelagert hatte, bewahrte er heute in seinem auf. Nun in seinem Zimmer angelangt, nahmen beide auf dem Bett Platz und während sie aßen, fuhr Vyrira mit ihrer Geschichte fort. Sie machte nur dann Pausen, wenn sie Suppe in ihren Mund löffelte und hinunterschluckte.

„Wie gesagt, ich hatte mir vorgenommen, heute wieder zu üben. Bevor du dir Sorgen machst, sage ich gleich, dass ich natürlich so lange wartete, bis die Sonne aufging. Der Sonnenaufgang war herrlich. Schade, dass du ihn nicht gesehen hast. Auf jeden Fall sah ich der Sonne mehrere Minuten zu, wie sie hinter dem Horizont hervorkroch, bis ich mich letzten Endes dazu entschloss, einen Baum zum Üben zu suchen.

Ich marschierte lange von meinem Aussichtspunkt weg, bis ich den richtigen gefunden hatte. Jedoch hatte ich keine Chance, ordentlich auf diesen einzuschlagen. Denn ich vernahm nach Kurzem Geschrei und Klirren und da hat mich die Neugier dazu geritten, den Geräuschen auf den Grund zu gehen. Um nicht entdeckt zu werden, schlich ich mich an und versteckte mich hinter dichten Sträuchern. Ich sah Jason, der von sechs Soldaten, unfairerweise hatten zwei von ihnen Pferde, umzingelt und bereits schwer verletzt worden war. Als ich gemerkt habe, was los war, bin ich aus meinem Versteck und half. Als alle erledigt und die beiden Soldaten auf den Pferden verschwunden waren, brachte ich ihn zu dir und das war es im Großen und Ganzen.“

Nale hatte während Vyrira erzählte, zwar aufmerksam zugehört und hin und wieder ein Kommentar abgegeben, war jedoch gelegentlich in seine Gedanken vertieft gewesen. Nachdem er die Schüssel geleert und sie mitsamt der von Vyrira neben seine Beine am Boden abgestellt hatte, lehnte er seinen Kopf gegen die Hüttenwand hinter sich. Seither war sein Blick die ganze Zeit starr zur gegenüberliegenden Wand gerichtet, ohne dass er diese wirklich wahrnahm. Währenddessen hatte er seine Arme vor der Brust verschränkt und seine Beine überschlagen. Wenn Vyrira recht hatte und wirklich zwei Soldaten davongeritten waren, dann kamen sicher bald mehr von ihnen. Nale fragte sich, warum Soldaten hinter einem jungen, verletzten Mann her waren. Der Alte nahm sich vor, den Jungen zu fragen, wenn dieser wieder wach war. Das könnte zwar noch ein paar Tage dauern, aber er konnte warten. Von Weitem drang Vyriras Stimme an seine Ohren, die ihn aus den Gedanken riss.

„Was hast du gesagt? Ich habe gerade nicht zu gehört!“, sagte er entschuldigend und sah das Mädchen an.

„Ich habe nur gefragt, warum du die ganze Zeit humpelst“, wiederholte Vyrira und blickte zu ihm auf.

„Schau mich nicht so an. Ich habe etwas im Schuh und hatte bisher noch keine Zeit, es herauszuholen“, log er und versuchte dabei eine unschuldige Miene aufzusetzen, obwohl ihm erst wieder eingefallen war, was vor nicht allzu langer Zeit passiert war. Er hatte eigentlich vorgehabt, den Knöchel ruhen zu lassen, aber durch den Zwischenfall war ihm seine Verletzung entfallen. Es war schon früher vorgekommen, dass er Verletzungen vergessen hatte. Er unterdrückte einfach den Schmerz, was nicht gerade eine schöne Angewohnheit war. Vyrira hatte nie Erbarmen gezeigt, wenn sie es herausfand. Da konnte er reden, so viel und solange er wollte.

Er war sich zwar sicher, dass das Mädchen nicht nachgeben würde, aber ein Versuch war es dennoch wert. Obwohl Vyrira ihn streng ansah, hatte er einen Hoffnungsschimmer. Er hoffte wirklich inständig, dass das Mädchen ihm die Lüge abgekauft hatte. Plötzlich, sodass er einen Schrecken bekam, schnellte Vyriras Oberkörper nach vorne, fiel auf seine Beine. Ihre Hände waren blitzartig beim Fuß. Er hatte nicht einmal die Chance, seine überkreuzten Beine zu lösen, denn sie lag mit dem gesamten Oberkörper und Gewicht auf seinen Beinen. Nale spürte, wie der obere Teil des Schuhs etwas zur Seite geschoben wurde und hörte dann einen Zischlaut. Mit finsterer Miene drehte Vyrira ihm das Gesicht zu.

„Wusste ich es doch. Du hast dir den Knöchel verstaucht und ihn nicht ruhen lassen.“

„Der Knöchel schmerzt nicht so sehr. Ich kann gehen und das reicht mir vollkommen.“

„Du bist nicht gegangen, sondern gehumpelt! Und so wie du dir Sorgen um mich machst, mache ich mir auch welche um dich“, sagte Vyrira und richtete sich wieder auf. „Warum hast du keinen nassen Stoff oder eine Salbe darüber gegeben? Wann ist das passiert?“

„Ich wollte zwar einen um den Fuß wickeln, aber ihr seid mir dazwischen gekommen und ich habe völlig vergessen. Und es ist passiert, als ich Rinde für eine Salbe besorgt habe. Ich bin von einem Ast gesprungen und ungünstig mit den Füßen aufgekommen.“

„Du hast darauf vergessen?“, fuhr das Mädchen ihn an. „Für gewöhnlich verspürt man doch Schmerzen, wenn man sich den Knöchel verstaucht. Anscheinend muss ich die Versorgung übernehmen. Ich werde dir einen Verband auf den Knöchel und einen frischen um deine Hand geben. Und ja keine Widerworte, denn du hast deine Chance verspielt, es selbst zu tun.“

Auch wenn Nale widersprochen hätte, das Mädchen hätte sowieso auf die Arbeit bestanden. Daher zuckte er einfach mit den Schultern und ließ alles auf sich zukommen. Vyrira stand auf, eilte aus dem Zimmer und verschwand dadurch aus seinem Blickwinkel. Das Mädchen brauchte nicht lange, um wenige Augenblicke später mit einem Messer und einer Schüssel mit Wasser wieder zu kommen. Abermals verschwand sie und kam kurz darauf mit mehreren größeren Stücken Stoff und einer Salbe auf zwei Fingern wieder zurück. Sie setzte sich dann zu seiner Linken, um besser an die Hand zu kommen. Nale sah verwirrt auf das Messer und zog seine Hand etwas von ihr weg.

„Was willst du mit dem Messer?“

„Ich muss irgendwie den Stoff von deiner Hand holen. Mir wird es wahrscheinlich nicht möglich sein, ihn einfach so von der Wunde zu bekommen und herunterziehen möchte ich ihn nicht. Nach dem zu urteilen, wie der Verband aussieht, könnte der Stoff nämlich auf der Wunde kleben. Würde ich daran ziehen, würde die Wunde nur weiter aufreißen. Es wäre daher ratsam, das Messer zu benutzen“, erklärte Vyrira und legte den Verband das und Messer auf ihr Knie.

Nale bereute es dem Mädchen alles, was er über Salben und ihre Wirkung und das Verbandanlegen wusste, beigebracht zu haben. Aber wichtiger war zu fragen, weshalb er sich überhaupt beschwerte. Er war selbst schuld an dem Ganzen. Als Vyrira noch kleiner war, hatte sie ihn so lange genervt, bis er ihr alles gezeigt hatte. Immer wieder gab er nach und er fand, dass er es nur zu Recht in mancherlei Hinsicht bereute. Es war zwar nicht schlecht, dass sie ein wenig Ahnung davon hatte, aber ihn machte es wahnsinnig, wenn sie überfürsorglich war.

Vyrira drehte die Hand, bis die Innenseite nach oben deutete. Sie wies ihn an, die Hand so zu lassen, wie sie sie haben wollte, und machte sich dann daran, den provisorischen Verband mit dem Messer zu öffnen. Nale versuchte, die Hand ruhig zu halten, aber das war nicht gerade leicht. Denn er wollte die Hand instinktiv zurückziehen, wenn das Messer der Wunde zu nahekam. Nachdem der blutgetränkte Verband von der Wunde verschwunden war, betrachtete Nale diese und fuhr mit einem Finger darüber, während das Mädchen das große Stück sauberen Stoffs in die Schüssel mit Wasser tauchte.

„Anscheinend hattest du ziemliches Glück. Du hast es geschafft, dich nicht allzu sehr zu verletzen, obwohl die Wunde nicht gerade zu verachten ist.“

„Die hier ist gar nicht mal arg. Ich hatte schon viel schlimmere, die mehr geschmerzt haben als diese hier.“

Vyrira schüttelte den Kopf und begann das Blut um die Wunde mit dem nassen Tuch weg zu tupfen. Nale sah, dass sie vorsichtig zur Sache ging, aber das nützte in diesem Fall überhaupt nichts. Einmal fuhr der Schmerz so heftig durch die Hand, dass der Alte sie zurückziehen wollte, aber Vyrira reagierte schnell. Sie hielt seine Hand fest, damit sie weitermachen konnte. Danach trug sie die Salbe auf und sobald die Salbe verbraucht war, verband das Mädchen die Hand mit Geschick.

„Fertig. Ich hoffe, dass ich dir nicht allzu sehr wehgetan habe“, verkündete Vyrira.

Nale begutachtete die Hand und musste sich eingestehen, dass das Mädchen wirklich eine gute Arbeit geleistet hatte, und lobte es dafür. Den neuen Verband würde er nicht so schnell herunterbekommen, das war sicher. Während er noch immer seine Hand betrachtete, stand Vyrira auf, umrundete seine Beine mit der Wasserschüssel und nahm neben ihnen auf dem Boden Platz. Dieses Mal konnte Nale nicht anders und sagte, dass sie sich keine Mühe machen müsse, da er seinen Knöchel verbinden würde, bevor er zu Bett ginge.

„Nein, das erledige ich jetzt und hier. Ich sagte doch, ich will keine Widerrede“, erwiderte sie in strengem Ton.

Den Stoff tauchte sie dann ins Wasser und stellte die Schüssel auf den Boden. Danach deutete sie Nale, ihr den Fuß zu reichen. Seufzend löste der Alte seine Beine voneinander. Er hatte sein rechtes Bein gerade über das andere gehoben, als sich Vyriras Hände näherten. Nale wusste, warum sie das tat. Sie wusste genau, dass er dies nicht wollte und sie versuchte, ihn daran zu hindern, seinen Fuß vor ihr zu verstecken.

Vyrira griff mit beiden Händen nach seinem Bein und führte es dann zu sich. Sie setzte seinen Fuß mit der Ferse auf eines ihrer Beine. Während sie den Schuh öffnete, hielt sie sein Bein fest. Vorsichtig streifte sie den Schuh vom Fuß und stellte ihn neben sich auf den Holzboden. An seinem Knie vorbeischielend, bemerkte Nale, dass der Knöchel zu einer unangenehmen Größe angeschwollen war. Er wunderte sich gerade selbst, wie er noch hatte gehen können. Ein Blick zu Vyrira genügte, um zu sehen, dass sie mit aufgerissenen Augen die Schwellung ansah. Mit zwei Fingern berührte sie leicht die Schwellung, wobei selbst diese kleine Berührung nicht schmerzfrei war. Nale zuckte zusammen.

„Entschuldige. Ich wollte dir nicht wehtun.“

Nale tat es mit einer Handbewegung ab und deutete ihr, dass es ihm gut ginge. Sie bückte sich, um mit Wasser getränkten Stoff aus der Schüssel zu holen. Das überschüssige Wasser drückte sie aus und breitete den Stoff wieder zu seiner vollen Größe aus. Langsam legte sie den Stoff auf die Haut und umwickelte den Knöchel vollständig. Einerseits war die Kälte eine Wohltat für die Haut. Doch andererseits kam sie so plötzlich, dass es schmerzte. Vyrira strich danach geistesabwesend über den Fußrücken und hielt ihren Blick stur nach unten gerichtet.

„Warum machst du das?“, hörte Nale das Mädchen leise hinter dem Vorhang aus Haaren fragen. Als er nichts erwiderte, klemmte sie eine Seite ihrer Haare hinter ihr Ohr und sah ihn an. „Ich verstehe nicht, warum du dich manchmal so kindisch anstellst. Warum nimmst du manchmal die Verletzungen nicht ernst? Und weshalb erzählst du mir erst davon, wenn es zu spät ist?“

„Dafür kann ich dir beim besten Willen keine Erklärung geben. Aber eins kann ich dir sagen: Mir geht es selbst manchmal auf die Nerven.“

„Es muss aber eine Erklärung dafür geben!“

Wieder sank ihr Blick auf seinen Fuß. Ihre Hand stoppte mit dem Auf- und Ab-Bewegen. Nale richtete seine Augen auf Vyriras Gesicht und sah ihr an, dass sie immer noch über die Sache nachdachte. Einige Sekunden beobachtete er das Mädchen, bis er sagte: „Denke nicht darüber nach, Vyrira. Es bringt nichts, dass du dir deswegen deinen Kopf zerbrichst!“

„Aber das lässt mir einfach keine Ruhe“, entgegnete sie und stand auf.

Aber sie blieb nicht lange auf den Beinen. Denn sie setzte sich rechts neben ihm auf das Bett, nachdem sie behutsam seinen verletzten Fuß abgestellt hatte, und lehnte sich an ihn. Beruhigend legte er ihr eine Hand auf den Oberschenkel.

„Warum machst du dir eigentlich, auch bei jeder Kleinigkeit, Sorgen um mich?“

„Ich mag es nicht, dich leiden zu sehen. Und wenn du mir nie sofort sagst, was dir fehlt, artet es noch mehr aus“, antwortete das Mädchen.

„Ich will aber nicht, dass du dir Sorgen machst, erst recht nicht wegen mir. Daher versuche ich immer wieder, dir nichts zu erzählen. Ein junges Mädchen wie du sollte sich nicht schon in jungen Jahren über so etwas Sorgen machen. Manchmal machst du nämlich aus einer kleinen eine große Verletzung. Was wäre, wenn du bereits einen Ehemann und Kinder hättest? Da hättest du keine Zeit, dir Sorgen um mich zu machen. Da müsste ich mich allein um alles kümmern.“

„Und wie ich die hätte. Ich würde mich trotzdem um dich sorgen, ob mit Familie oder ohne. In diesem Punkt wirst du mich nicht so schnell los, wenn überhaupt.“

Nale seufzte. Er hob seine Hand von ihrem Oberschenkel und drückte sie auf die freie Wange von Vyrira. Es war zum Verzweifeln. Das Mädchen würde nicht so schnell aufgeben, auch wenn er noch so oft auf sie einredete. Er befreite seinen Arm, beugte sich nach vorne und schaffte es, die Schüssel, die noch immer neben seinen Beinen auf dem Boden stand, in die Finger zu bekommen.

„Was hast du vor?“

Ohne zu antworten, befeuchtete er noch einmal den Stoff um seinen Knöchel. Mit einer Hand zog er sich den Schuh an, während er mit der anderen den nassen Stoff festhielt. Als er aufblickte, stand auf einmal Vyrira vor ihm und hatte die Hände in die Hüften gestemmt. Er wollte gerade aufstehen, da drückte sie ihn an den Schultern wieder nach unten. Mit einem sehr altbewährten Trick brachte er sie trotzdem dazu, zurückzuweichen. Da ihre Arme auf seine Schultern gerichtet waren, konnte er sie mit Leichtigkeit kitzeln. Nale schritt humpelnd durch die Hütte zur Eingangstür hinaus. Vyrira nahm sofort die Verfolgung auf.

„Tut mir leid, aber du bringst mich trotzdem nicht dazu, länger sitzen zu bleiben“, sagte er, nachdem er draußen angekommen war und sich umgedreht hatte. Währenddessen humpelte er weiter, doch nun rückwärts.

„Na, warte. Ich werde dich schon erwischen, dann bekommst du eine Abreibung, die du nicht so schnell vergisst.“

Sie nahm Anlauf und rannte auf ihn zu. Als sie auf ihn zu sprang, wich Nale geschickt aus und sie landete der Länge nach im Gras.

„Das musst du eindeutig noch üben. So schnell wirst du mich nicht erwischen.“

Vyrira war sofort wieder auf den Beinen und rannte abermals auf ihn zu. Dieses Mal konnte Nale nicht mehr ausweichen. Noch bevor er ausweichen konnte, trat er mit seinem gesamten Gewicht auf seinen verletzten Fuß auf. Aufgrund der Verletzung schoss ein Schmerz durch seinen Körper, sodass er gezwungen war, plötzlich sein Gewicht zu verlagern, damit er weiter gehen konnte. Und ausgerechnet in diesem Moment stürzte sich Vyrira auf ihn. Nale konnte sich nicht mehr halten und fiel zurück. Er traf so hart auf den Boden, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Das Gewicht von Vyrira, die auf ihm landete, verschlechterte die Situation ungemein. Sie verschwendete keine Zeit, sondern begann sofort ihren Gegenzug. Nale krümmte sich unter ihr, als sie anfing, ihn zu kitzeln. Er flehte um Gnade, aber sie ignorierte ihn. Vor lauter Lachen musste er auf einmal husten. Er drehte sich auf eine Seite und Vyrira kletterte von ihm herunter und setzte sich hinter seinen Rücken hin.

„Es wird schon wieder. Lass es raus“, sagte Vyrira und klopfte besorgt und sanft auf seinen Rücken. Nale stoppte und schnappte sofort nach dem Mädchen. Die Attacke kam für sie überraschend, sodass sie einfach nur einen kurzen Schrei ausstieß. Er packte sie an den Oberarmen und sie landete auf dem Rücken.

„Waffenstillstand?“, fragte Nale und sie nickte.

Er ließ ihre Arme los und rollte sich auf den Rücken. Nale wischte sich die Augen trocken, legte seine Hand anschließend auf seinen Bauch und blickte in den Himmel. Still blieben sie so eine Weile liegen, bis Vyrira nach seinem Arm griff, der neben ihr im Gras lag, und ihre Arme darum schlang. Ihre Finger überkreuzten sich mit seinen und das Mädchen strich mit dem Daumen darüber, während sie eine Wange an seinen Oberarm drückte und ebenfalls in den Himmel blickte.

„Glaubst du, dass noch mehr Soldaten kommen?“, fragte Vyrira nach einer Weile.

„Ich bin mir nicht sicher. Nachdem, was du mir erzählt hast, bin ich der Meinung, dass es so kommen wird. Aber solange keine hier sind, brauchst du dir keine Sorgen darüber machen.“

Vyrira stieß ihn mit der Faust gegen die Rippen und meinte, er solle nicht vergessen, dass sie sich nun selbst in einen Kampf einmischen konnte und er sie nicht behandeln sollte wie ein kleines Kind. Nicht lange danach und völlig unerwartet schlang sie einen Arm um seinen Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Er tat es ihr gleich und gab ihr ebenfalls einen.

„Du solltest dich wieder einmal rasieren“, meinte sie und strich mit einem Finger über die Bartstoppeln.

„Vergiss nicht, dass ich mich nicht so oft rasieren muss. Rasieren kann ich mich in paar Tagen auch noch oder gar erst in einigen Wochen. Aber jetzt genug geredet. Der Tag war sehr stressig. Außerdem wäre es angebracht, bis es dunkel wird ein wachsames Auge auf den jungen Mann zu werfen. Währenddessen könntest du mir mit den Salben helfen, die ich heute noch zubereiten will. Zudem muss noch eine Salbe auf den Knöchel.“

Das Mädchen löste sich von ihm und stand als Erstes auf. Als sie auf den Beinen war, reichte sie Nale eine Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Dankend nahm er ihre Hilfe an und richtete sich auf. Einen Arm auf ihrer Schulter und einen von ihren hinter seinem Rücken gingen sie zurück. In der Hütte angekommen, unterhielten sie sich noch eine Weile leise miteinander.

Als vor den Fenstern die Dunkelheit hereinbrach, unterbrachen sie ihr Gespräch und ihre Arbeit, wünschten dem anderen eine gute Nacht und gingen zu Bett. Nale blieb noch wach, da er sich über die Soldaten Gedanken machte. Doch der Schlaf übermannte ihn letzten Endes und er sank in einen traumlosen Schlaf.

Kapitel 3

Amanda Martins verstand die Welt nicht mehr. In den vergangenen Tagen, nachdem sie in diesen merkwürdigen Fall verwickelt gewesen war, passte einfach nichts mehr. Und das Verhalten ihrer Eltern machte ihr auch noch zu schaffen, als sie ihnen davon erzählt hatte. Je öfter Amanda darüber nachdachte, desto weniger verstand sie die Situation.

Es war ein ganz gewöhnlicher Tag Mitte Juni gewesen. Amanda hatte dasselbe getan wie immer. Sie war früh von zu Hause aufgebrochen, war zur letzten Veranstaltungsfeier ihrer nun ehemaligen Schule gegangen und gegen Mittag wieder nach Hause unterwegs gewesen. Wahrscheinlich war es ein Fehler gewesen, an diesem Tag zu Fuß von ihrer Schule nach Hause gegangen zu sein. Sie hatte mindestens zwei Stunden für die Strecke benötigt. Das Mädchen hatte es sich jedoch in den Kopf gesetzt, die Zeit nicht in einem Bus zu verschwenden. Und außerdem hatte sie es an dem Tag nicht eilig gehabt. Ihre Eltern waren, wie schon ungefähr sechs Monate zuvor, jeden Tag voll und ganz mit ihrer Arbeit beschäftigt gewesen. Selbst da, als sie zu Hause waren, hatten sie sich nur um ihre Arbeit gekümmert.

Amanda verstand, dass sie anstrengende Berufe hatten. Ihr Vater war vorübergehend zum Leiter der städtischen Tierklinik ernannt worden, da sein eigentlicher Chef zu einem Seminar in ein anderes Land reisen musste. Und es wurden laufend verletzte Tiere vorbeigebracht. Wie ihr Vater ihr einmal erzählte, war es schon immer sein Wunsch gewesen, Tieren zu helfen, was die Arbeit erleichterte. Aber da momentan nur er und zwei weitere Tierärzte in der Klinik waren und der Papierkram auch erledigt werden musste, hinkten sie mit der Arbeit etwas hinterher. Und die Arbeit ihrer Mutter war, wie Amanda von ihr erfahren hatte, in letzter Zeit ebenfalls anstrengend. Im Rathaus, wie Miranda einmal sagte, gingen Tag für Tag immer mehr Meldungen aufgrund einer Wahl innerhalb des Rathauses ein. Obwohl die Wahl nicht die Bewohner von Drallston hinzuzog, war die Organisation dennoch das reinste Chaos.

In diesem Sinne konnte Amanda davon ausgehen, dass niemand daheim war, um sie zu empfangen. Und da sie an diesem Tag alle Zeit der Welt hatte, wollte sie ihre Beine vertreten. Sie hatte sogar vorgehabt, ein wenig im Zentrum der Stadt, wo die meisten Läden waren, herumzustöbern, aber dazu kam es nicht. Amanda war noch nicht lange unterwegs gewesen, sie schätzte so fünfzehn oder zwanzig Minuten, als aus heiterem Himmel ein Mann und eine Frau von hinten auf sie zu stürmten. Amanda bekam anfangs gar nichts davon mit, da sie an diesem Tag Kopfhörer in den Ohren und die Musik nicht gerade leise aufgedreht hatte. Somit hörte sie weder die Rufe der Passanten noch sonst irgendetwas. In diesem Moment geschah etwas, dass sich das Mädchen nicht erklären konnte.

Sie hatte noch nie irgendeinen Kampfunterricht genossen oder gar jemals zuvor solch ein starkes Gefühl für Bedrängnis in sich gespürt. Ihr wurde ganz mulmig zumute. In ihrem Inneren kribbelte es furchtbar und sie spürte, jawohl spürte, dass sich von hinten etwas Gefährliches näherte. Amanda hatte noch nie zuvor so ein ungutes Gefühl verspürt und drehte sich mit der Hoffnung um, dass da doch nichts war. Doch sie wurde eines Besseren belehrt. Als sie die beiden Personen auf sich zu rennen sah, war sie aus irgendeinem Grund kampflustig und bereit, sich gegen die beiden zu wehren, obwohl sie normalerweise jeglichem Kampf aus dem Weg ging. Die Frau war die erste, die Amanda erreichte. Sie war bereit, sich auf das Mädchen zu stürzen, aber sie bekam einen solch ordentlichen Tritt in den Magen, dass sie ein Stück in die Richtung flog, aus der sie gekommen war.

Und den Mann vermöbelte das Mädchen ebenfalls mit einer Leichtigkeit, die sie sich heute nicht erklären konnte. Amanda hatte noch gesehen, dass etwas Schimmerndes seine rechte Hand umkreiste, bei dem sie nicht recht wusste, was das sein sollte. Die schimmernde Hand war auf sie gerichtet, und obwohl Amanda Angst verspürte, griff sie nach der Hand, verdrehte diese und schleuderte den Mann mit einem Ruck zu Boden. Er stand auf und griff wieder an, dieses Mal zeitgleich mit der unbekannten Frau, die sich schwerfällig auf die Beine gerappelt hatte. Die beiden steckten so einiges weg, aber nach einigen Schlägen sahen sie nicht mehr ansehnlich aus. Erstaunlicherweise hatte Amanda bis dahin keinen einzigen Kratzer abgekommen.

Sie bemerkte, dass der Mann und die Frau ziemlich geschwächt waren, deshalb war sie bereit davonzulaufen, doch da erschien neben ihr ihre Großmutter Helen Anderson. Das Mädchen erschrak sich heftig, da sie nicht gehört hatte, dass sich jemand näherte. Amanda wurde bewusst, dass sie immer noch die Kopfhörer in den Ohren hatte, nahm sie deshalb heraus und stopfte sie in ihre linke Hosentasche. Helen stand direkt vor den Angreifern und sprach leise, aber ganz energisch mit ihnen, da sie mit ihren Händen wild herum gestikulierte. Seit dem Auftauchen ihrer Großmutter war auch ihr unangenehmes Gefühl verschwunden und Amanda schämte sich für das, was sie getan hatte.

Das Mädchen beobachtete, wie die beiden vor ihrer Großmutter einen grimmigen Blick an sie richteten, sich umdrehten und anschließend von dannen zogen. Seit dieser Minute wich ihre Großmutter nicht mehr von ihrer Seite und begleitete sie nach Hause. Selbst als sie im Haus von Miranda und Leonard angelangt waren, blieb Helen so lange, bis die beiden ebenfalls zu Hause waren. Dort unterhielt sie sich im Wohnzimmer allein mit den beiden, während Amanda in ihrem Zimmer blieb und abwartete. Helen war es wichtig gewesen, zuerst mit ihren Eltern einmal allein zu reden, da sie etwas loswerden musste, was momentan nicht für Amandas Ohren gedacht war, erklärte sie ihrer Enkeltochter.

Minuten vergingen, bis die Tür zu ihrem Zimmer aufging und Leonard und seine Frau eintraten. Nachdem ihr Vater sie aufgefordert hatte, genau zu schildern, was vorgefallen war, hatte Amanda in ein paar Minuten alles erklärt und beteuerte, dass sie nichts angestellt hatte.

„Wir wissen, dass du nicht daran schuld bist, Kind“, meinte Miranda, nachdem ihre Tochter geendet hatte.

„Stimmt. Die beiden wollten anscheinend an jemandem ihren Frust auslassen und du bist ihnen über den Weg gelaufen“, fügte ihr Mann grimmig hinzu.

„Aber warum ich? Könnt ihr mir das erklären? Und könnt ihr mir auch erklären, woher ich mich auf einmal, ohne mich groß anstrengen zu müssen, so gut verteidigen kann? Habe ich etwa, als ich noch kleiner war, einen Unterricht besucht, in dem ich Verteidigung und Angriff erlernte?“, fragte Amanda ihre Eltern verzweifelt.

Sie war den Tränen nahe und wollte einfach nur noch heulen. Ihre Mutter nahm sie behutsam in die Arme und sagte: „Nein, hast du nicht. Du hast etwas in dir, das dich zu solchen Schritten befähigt. Und aus demselben Grund wusstest du auch, dass die beiden von hinten an dich herankamen, ohne sie vorher gehört zu haben.“

„Was ist es? Ich hatte dieses Etwas doch vorher auch nicht, warum also jetzt?“

„Du hattest es seit deiner Geburt in dir, aber bis jetzt blieb es in dir verborgen, wie in einem verschlossenen Kästchen. Doch heute öffnete es sich bei dem Angriff und das Etwas trat ans Tageslicht“, erklärte ihr Vater und strich ihr beruhigend über den Rücken.

„Doch was ist dieses Etwas?“, wiederholte Amanda verzweifelt.

„Bitte gib uns noch etwas Zeit, bis wir alles diesbezüglich geklärt haben“, bat Miranda sie. „Es wird nicht gerade einfach werden, die notwendigen Schritte einzuleiten und dir alles zu erklären.“

„Und wie lange wird es dauern?“

„Nicht allzu lange. Versprochen!“

Und seit dieser rätselhaften Unterhaltung waren mehrere Tage vergangen und Amanda hatte immer noch keine Antwort bekommen. So langsam fragte sie sich, ob das Versprechen doch nicht ernst gemeint und einfach nur ein Ablenkungsmanöver war. Wahrscheinlich wussten ihre Eltern selbst nicht, woher Amanda auf einmal das alles hatte, was sie beim Angriff gekonnt hatte.

Anfangs hatte sie jeden Tag auf ihre Eltern gewartet und gehofft, dass sie endlich eine Antwort erhielt, doch sie waren wieder im selben Trott wie Wochen zuvor. Die Arbeit hatte sie wieder voll und ganz eingenommen und sie machten den Anschein, als hätten sie diesen merkwürdigen Tag völlig vergessen. Nach dem vierten Tag, an dem Amanda noch auf eine Erklärung gewartet hatte, hatte sie das Warten aufgegeben und war zu dem Schluss gekommen, dass das Versprechen einfach eine Finte gewesen war. Weitere acht Tage ohne jegliche Reaktion waren vergangen.

Amanda saß an ihrem Schreibtisch und blätterte die Zeitung durch. Sie hoffte, nach ihrem vortrefflichen Abschluss an der Hochschule für Gastronomie in Drallston eine Arbeit in dieser Richtung zu bekommen. Nachdem sie ernüchtert feststellen musste, dass keine Angebote infrage kamen, las sie die übrige Zeit die Zeitung durch. Während sie gerade an einem Artikel, der über einen Häuserbrand in einer Stadt einige Kilometer von Drallston berichtete, vertieft war, bemerkte sie nicht, wie ein Fremder sich durch den Dachboden Eintritt in das Haus verschaffte. Und das auch noch bei eingeschalteter Alarmanlage!

Das Mädchen bemerkte den Fremden erst, als dieser absichtlich mehrere Gegenstände zu Boden stieß und diese teilweise auf dem Boden zerschellten. Das Geräusch von zerspringenden Gläsern drang vom Dachboden herunter durch die weit geöffnete Zimmertür an Amandas Ohren. So schnell sie konnte, ließ sie die Zeitung fallen, schnappte sich ihren Tennisschläger, der seit Jahren nutzlos in ihrem Zimmer herumlag, vom Regal neben dem Bett und eilte zum Dachboden hinauf. Das Mädchen musste nur aus ihrem Zimmer nach rechts und die Treppe, die in der Nähe ihres Zimmers war, nach oben gehen. Die Tür zum Dachboden stand offen und sie konnte ohne stehen zu bleiben mit erhobenem Tennisschläger einfach weitergehen.

Oben angekommen konnte sie nicht viel sehen. Draußen verdeckten die Wolken die Sonnenstrahlen und deshalb drang kein ordentlich erhellendes Licht durch die beiden Fenster. Und Amanda wollte das Licht nicht anmachen, da sie befürchtete, in der Sekunde, in der sie ihre Konzentration auf den Lichtschalter richtete, angegriffen zu werden. Daher schlich sie einfach weiter und richtete ihr Augenmerk auf die Dunkelheit.

„Na, das ging ja flott. Ich hätte mir nicht erwartet, dass du so schnell auftauchen würdest, nachdem ich einige Gegenstände demoliert habe. Bewaffnet bist du auch noch. Wie köstlich“, ertönte eine erheiterte Stimme, die Amanda eindeutig als die eines jungen Mannes identifizierte.

„Zeig dich gefälligst, du Feigling, sonst fange ich an, jeden Gegenstand einzeln zu verschieben. Ich kann dir gleich sagen, dass ich bestimmt nicht zimperlich sein werde, auch wenn der Großteil hier meinen Eltern gehört“, antwortete Amanda und blieb ein paar Schritte von der Tür entfernt stehen.

„Oh, ein Hitzkopf! Du wirst mir immer sympathischer, weißt du das?“

Schritte ertönten vor ihr und im trüben Schein des Lichtes, das durch das Fenster ungefähr drei Meter von Amanda entfernt hereindrang, erschien ein junger Mann. Auf den ersten Blick passte das Aussehen zu der Stimme, doch die Erscheinung verunsicherte Amanda. Sie hatte dasselbe ungute Gefühl wie an dem Tag, an dem sie aus unerfindlichen Gründen angegriffen worden war.

„So und nun sage mir, wer du bist und was du hier willst. Und wie hast du es überhaupt geschafft, ins Haus zu kommen? Die Alarmanlage ist aktiv!“, forderte Amanda den Unbekannten auf.

„Und, wenn ich es dir nicht sage, was machst du dann? Mir den Schädel mit einem einfachen Tennisschläger einschlagen?“, erwiderte er sichtlich amüsiert.

„Falls nötig, versuche ich es. Ich ziehe ihn dir so lange über den Kopf, bis du mir freiwillig die Antworten gibst.“

„Na, na, so springt man doch nicht mit seinen Artgenossen um. Das gehört sich nicht.“

„Artgenossen? Ich bin im Gegensatz zu dir kein Einbrecher. Also bin ich keineswegs ein Artgenosse, falls man Einbrecher überhaupt als eine Art ansehen kann.“

„Anscheinend weißt du es nicht“, sagte der Mann und sah Amanda verdutzt an.

„Was weiß ich nicht?“

„Du weißt nicht, wer du bist und welche Fähigkeiten du besitzt. Schade, ich dachte, du wüsstest es schon. Aber sei es drum. Du wirst es bestimmt bald erfahren, denn soweit ich mitbekommen habe, ist deine Kraft vor Kurzem ausgebrochen.“

„Schluss mit dem Blödsinn!“, fuhr das Mädchen aufgebracht den Mann an. „Ich habe keine Ahnung, von welcher Kraft oder welchen Fähigkeiten du redest. Ich will endlich wissen, wer du bist! Wenn du es mir nicht verraten willst, dann rate ich dir, so schnell wie möglich wieder zu verschwinden, bevor ich mich nicht mehr halten kann und aushole.“

„Ich verstehe. Ich wollte eigentlich nur einen kurzen Blick auf dich werfen, da ich hörte, dass du diese spezielle Person sein sollst, von der eine Überlieferung berichtet“, erklärte der Fremde. „Dein Zorn ist ausschlaggebend für deine Kraft, was dich noch so unglaublich viel stärker macht. Wie ich merke, ist deine Kraft ein wahres Feuerwerk, das du jedoch erst noch zu kontrollieren lernen musst. Den Zorn hast du eindeutig von deinem Vater. Mein Name ist übrigens Hunter. Ich bin sehr erfreut, dich kennenzulernen, Amanda Martins.“

„Woher kennst du meinen Namen?“, fragte Amanda erstaunt.

„Seit dem Übergriff auf dich vor über einer Woche wurdest du von ein paar Leuten von mir beobachtet. Sie beschatteten dich und trugen so viele Informationen über dich zusammen, wie sie nur finden konnten. Und ich habe schließlich eine Verbindung zwischen dir und der Überlieferung gezogen. Um mich von deiner angeblichen, noch nicht kontrollierten Kraft zu überzeugen, bin ich heute hier und weiß nun, dass du diejenige bist.“

„Und wie haben sie mich beschattet, ohne dass ich etwas davon mitbekommen habe?“

„Meine Leute sind professionell auf ihrem Gebiet, aber um dir das zu erklären, benötige ich eine Menge Zeit, und die habe ich jetzt nicht. Vielleicht kommst du selbst drauf, wenn du erst einmal deine wahre Identität kennst und deine Fähigkeiten kontrollieren kannst“, antwortete Hunter und blickte auf seine Armbanduhr. „So, genug geplaudert. Ich habe mich viel länger als eigentlich gedacht mit dir unterhalten. Wir sehen uns bestimmt wieder. Und versprich mir, deine Fähigkeiten zu trainieren.“

Vor Amandas Augen löste sich sein Körper in Rauch auf. Selbst der Rauch verzog sich von selbst, ohne in irgendwelche Ritzen oder Rillen zu verschwinden. Toll und wieder keine Antwort bekommen, wie er ins Haus gekommen war, dachte sich Amanda und ließ den Tennisschläger sinken. Wenn er jedoch so hereingekommen war, wie er eben verschwand, dann hatte sie ihre Antwort, aber sie glaubte an solche plötzlich auftauchenden und verschwindenden Erscheinungen nicht.

Während der nächsten Stunden, bis ihre Eltern schließlich zu Hause waren, saß sie vorm Fernseher im Wohnzimmer, das sich im Erdgeschoss befand, und schaltete von einem Kanal zum nächsten. Selbst als Amanda einen geeigneten Film gefunden hatte, ließ ihr der Eindringling keine Ruhe. Sie berichtete schließlich ihren Eltern von dem Kerl und allem, was er ihr erzählt hatte. Nachdem sie fertig war, zog ihre Mutter ihr Mobiltelefon aus der Hosentasche, drückte kurz herum und führte es schließlich zum Ohr.

„Du musst sofort vorbeikommen“, war das Einzige, was sie sagte, bevor sie das Telefonat wieder beendete.

Sekunden später ertönten Schritte vom ersten Stock, wo sich die Schlafzimmer und ein Bad befanden, und Amanda vernahm, wie jemand die Treppe herunterkam. Augenblicke später erschien wie aus dem Nichts ihre Großmutter in der Tür zum Wohnzimmer. Amanda war verblüfft, denn sie konnte sich nicht erklären, wie ihre Großmutter so schnell hier sein konnte. Und vor allem stellte sich das Mädchen die Frage, wie die Frau sich im Haus aufhalten konnte. Amanda wusste nur zu gut, dass heute den ganzen Tag, bis Miranda und Leonard von der Arbeit kamen, niemand außer sie selbst und dieser Hunter im Haus waren.