Das dritte Auge - T. Lobsang Rampa - kostenlos E-Book

Das dritte Auge E-Book

T. Lobsang Rampa

0,0

Beschreibung

Wir erleben die Aufnahme des Zöglings in das streng geführte Chakpori Lamakloster, der Stätte der tibetischen Medizin in Lhasa. Von Geburt an mit einer hellsichtigen Gabe ausgestattet, wurde ihm durch einen chirurgischen Eingriff an der Stirne Das dritte Auge geöffnet, um diese angeborene Hellsichtigkeit noch zu verstärken. Danach konnte er die Aura der Menschen noch klarer sehen; das heißt, ihren Charakter, ihre Absichten, ihre Reinheit und Krankheiten. Er beschreibt seinen Werdegang als Hochbegabter und anerkannte Inkarnation vom gewöhnlichen Akoluthen bis zum Medizinlama und Abt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 414

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



T. Lobsang Rampa

Das dritte Auge

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Widmung

E. E. G.

Von den wenigen, ein Freund in Zeiten der Not

Über den Autor

T. Lobsang Rampa gilt als umstrittener Autor, der mit seinen Aussagen für großes Aufsehen sorgte. Seine Behauptung, dass er mittels Transmigration den Körper eines anderen, mit dessen Einverständnis, übernommen habe, löste Ungläubigkeit, ja Bestürzung aus, weil sie nicht in unser gängiges Weltbild passt. Dieses, in der Regel sehr geheim gehaltene Verfahren, wird in seinem dritten Buch "Die Rampa Story" und noch in weiteren seiner Bücher sehr detailliert beschrieben. Seine Biografie ist außergewöhnlich, deshalb bleibt es, wie so oft, dem Leser überlassen, inwieweit er dem Gelesenen Glauben schenkt und Unbekanntes anzunehmen vermag.

Klappentext

Wir erleben die Aufnahme des Zöglings in das streng geführte Chakpori Lamakloster, der Stätte der tibetischen Medizin in Lhasa. Von Geburt an mit einer hellsichtigen Gabe ausgestattet, wurde ihm durch einen chirurgischen Eingriff an der Stirne das dritte Auge geöffnet, um diese angeborene Hellsichtigkeit noch zu verstärken. Danach konnte er die Aura der Menschen noch klarer sehen; das heißt, ihren Charakter, ihre Absichten, ihre Reinheit und Krankheiten. Er beschreibt seinen Werdegang als Hochbegabter und anerkannte Inkarnation vom gewöhnlichen Akoluthen bis zum Medizinlama und Abt.

Vorwort des Autors

Ich bin Tibeter. Einer der wenigen, der diese fremdartige westliche Welt erreicht hat. Die Satzbildung und die Grammatik dieses Buches lassen viel zu wünschen übrig, aber ich hatte nie herkömmlichen Unterricht in der englischen Sprache. Mein «Englischunterricht» erhielt ich in einem japanischen Gefangenenlager, wo ich die Sprache, so gut es ging, von englischen und amerikanischen Patienten lernte, die ebenfalls Gefangene waren. Englisch schreiben lernte ich hauptsächlich durch «Versuch und Irrtum.»

Jetzt ist meine geliebte Heimat – wie vorausgesagt – vom kommunistischen Mob eingenommen worden. Nur deshalb habe ich meinen wahren Namen und die meiner Freunde verschleiert. Ich habe so viel gegen den Kommunismus unternommen, und ich weiß, dass meine Freunde in den kommunistischen Ländern sehr zu leiden hätten, wenn meine wahre Identität zurückverfolgt werden könnte. Da ich sowohl in kommunistische als auch in japanische Hände geriet, weiß ich aus eigenen persönlichen Erfahrungen, was Folter anrichten kann. Aber in diesem Buch geht es nicht um Folter, sondern um ein friedliebendes Land, das so lange missverstanden und falsch dargestellt wurde.

Man sagte mir, die Leser würde manche meiner Aussagen vielleicht nicht glauben. Das ist ihr gutes Recht, doch Tibet ist für die übrige Welt ein unbekanntes Land. Der Mann, der über ein anderes Land geschrieben hat, dass dort die Leute «im Meer auf Schildkröten ritten», wurde verlacht und verspottet. Ebenso erging es den Menschen, die «lebende fossile Fische» gesehen hatten. Die Letzteren wurden erst neulich entdeckt und ein Exemplar davon mit einem Kühlflugzeug zum Studium in die Vereinigten Staaten geflogen. Den Aussagen dieser Männer glaubte man nicht. Sie erwiesen sich aber letzten Endes als Wahrheit und korrekt. Und meine Aussagen werden das auch.

 

T. Lobsang Rampa

 

Geschrieben im Jahre des Holz-Schafes

Vorwort des Verlegers zur englischen Ausgabe

Diese Autobiographie eines tibetischen Lamas ist eine einzigartige Aufzeichnung von Erfahrungen, die als solche unvermeidlich schwer zu erhärten sind. Bei einem Versuch, eine Bestätigung der Erklärung des Autors zu erhalten, legte der Verleger fast zwanzig Personen ein Manuskript vor. Alle erwählten Personen verfügten über Intelligenz und Erfahrung. Einige hatten auf diesem Gebiet spezielle Kenntnisse. Ihre Meinungen aber gingen derart weit auseinander, dass kein positives Resultat dabei herauskam. Einige bezweifelten die Richtigkeit des einen Kapitels und andere wiederum ein anderes. Was der eine Experte anzweifelte, wurde von einem andern bedingungslos akzeptiert. Wie auch immer, der Verleger hat sich gefragt, ob es denn überhaupt einen Experten gab, der das Studium eines tibetischen Lamas in der höchsten Entwicklungsstufe durchlaufen hatte? Gab es unter ihnen überhaupt jemand, der in einer tibetischen Familie aufgewachsen war?

Lobsang Rampa hat Dokumente vorgelegt, die bezeugen, dass er das Medizinstudium an der Universität von Chungking abgeschlossen hat. Diese Dokumente weisen ihn als Lama des Potala Mönchsklosters von Lhasa aus. Die vielen persönlichen Gespräche, die wir mit ihm geführt haben, haben ihn als jemand mit ungewöhnlichen Kräften und Kenntnissen ausgewiesen. Große Zurückhaltung erbat er sich hinsichtlich seines persönlichen Lebens. Manchmal war das von unserer Seite nicht einfach zu verstehen. Aber jeder hat das Recht auf seine persönliche Privatsphäre. Lobsang Rampa bekräftigte, dass ihm zum Schutze seiner Familie im kommunistischen Tibet ein gewisses Maß an Geheimhaltung auferlegt worden sei. Deshalb wurden tatsächlich gewisse Details, so zum Beispiel die wahre Position seines Vaters in der tibetischen Hierarchie absichtlich verschleiert.

Aus diesem Grund muss der Autor die Verantwortung für die in seinem Buch gemachten Aussagen alleine tragen – die er willig auf sich nimmt. Wir mögen vielleicht beim einen oder andern Thema das Gefühl haben, dass er die Grenzen der westlichen Leichtgläubigkeit überschreitet, obwohl die westliche Sichtweise bei den hier behandelten Themen kaum entscheidend sein kann. Nichtsdestotrotz glaubt der Verleger, dass «Das dritte Auge» im Wesentlichen ein authentischer Bericht über die Erziehung und Schulung eines tibetischen Jungen in seiner Familie und im Lamakloster ist. In diesem Sinne publizieren wir das Buch. Wer sich von uns unterscheidet, wird, so glauben wir, zumindest zustimmen, dass der Autor mit einer außergewöhnlichen Erzählergabe ausgestattet ist und mit der Fähigkeit, Szenen und Eigenschaften so zu beschreiben, dass sie fesselnd und interesseweckend sind.

Tibet

Tibet: Ein Land aus Gold und Armut. Ein Land aus verblüffenden sowie einfachen Seelen, wo nur ein paar wenige Auserwählte über die Gabe verfügen, mit nur einem kurzen Blick tief in die geheimsten Gedanken anderer Menschen einzudringen, ihren Unwillen und ihre Freude zu sehen, und selbst ihre Krankheiten zu erkennen. Das entspringt der Kraft des «dritten Auges». Lobsang Rampa selbst hat diese schmerzvolle Operation, bei der das dritte Auge geöffnet wird, erduldet. 

In diesem fesselnden Buch erzählt er außerdem, wie er, gerade mal sieben Jahre alt, seine Eltern und sein Zuhause verließ und ins Chakpori-Lamakloster, der Stätte der tibetischen Medizin, eintrat. Er studierte unter den größten Lehrmeistern und erlernte von ihnen die verschiedensten mystischen Künste, wie zum Beispiel, das Hellsehen, die Levitation, die Astralprojektion (eine Versetzung in die Astralebene) und das Drachenfliegen. Seine Geschichte ist eine der faszinierendsten, die jemals geschrieben wurde.

Skizze von Lhasa

Kapitel 1 - Die frühen Tage daheim

«O nein, o nein! Vier Jahre alt und kann sich immer noch nicht auf dem Pferd halten! Aus dir wird nie ein richtiger Mann werden! Was wird dein erlauchter Vater wohl dazu sagen?» Damit verpasste der alte Tzu dem Pony – und dem unglücklichen Reiter – einen kräftigen Schlag auf den Hinterteil und spuckte in den Staub.

Die goldenen Dächer und Kuppeln des Potala glänzten im hellen Sonnenschein. Etwas näher im Vordergrund kräuselte sich das blaue Wasser des Schlangentempelsees und markierte den eingeschlagenen Weg eines Wasservogels. Vom steinigen Pfad etwas weiter hinten ertönten die Rufe und Schreie der Männer, die die trägen, eben aus Lhasa ausziehenden Yaks zur Eile antrieben. In der Nähe erklang das tiefe durch die Brust fahrende «Bmmn, Bmmn, Bmmn» der Basstuben, die die Musikanten-Mönche etwas abseits von der Menschenmenge auf dem Felde übten.

Doch für solch gewohnte Alltäglichkeiten hatte ich keine Zeit. Ich musste die schwierige Aufgabe lösen, mich auf meinem widerspenstigen Pony zu halten. Nakkim hatte anderes im Sinn. Er wollte frei von seinem Reiter sein, frei, um zu grasen, sich auf dem Rücken zu wälzen und die Beine in die Luft zu strecken.

Der alte Tzu war ein missmutiger und schrecklicher Zuchtmeister. Sein ganzes Leben lang war er streng und hart gewesen. Nun als Aufpasser und Reitlehrer eines kleinen Jungen von vier Jahren, verlor er bei seinen Bemühungen oft die Geduld. Als einer der Männer aus Kham war er wie die andern wegen seiner Größe und Körperkraft ausgewählt worden. Er war über zwei Meter groß und dementsprechend breit. Dick ausgepolsterte Schultern verstärkten den Eindruck seiner Breite noch. Im Osten von Tibet gibt es ein Landkreis, wo die Männer ungewöhnlich großgewachsen und stark sind. Viele waren über zwei Meter groß, und diese Männer wurden ausgesucht, um sie in allen Lamaklöstern als Polizeimönche einzusetzen. Sie polsterten ihre Schultern aus, um noch mächtiger in Gestalt zu erscheinen, und um noch grimmiger auszusehen, schwärzten sie ihre Gesichter. Sie trugen lange Wanderstäbe bei sich, die sie gegen jeden unglücklichen Missetäter einzusetzen bereit waren.

Tzu war ein Polizeimönch gewesen, jetzt aber versah er als Kinderbetreuer eines Adligen seinen Dienst. Viel zu behindert, um lange zu Fuß gehen zu können, machte er alle seine Reisen zu Pferd. Im Jahre 1904 waren die Engländer unter Oberst Younghusband in Tibet eingefallen und hatten viel Schaden angerichtet. Offenbar meinten sie, die einfachste Art, wie man sich unsere Freundschaft sichern könnte, sei, unsere Häuser zu zerstören und unsere Leute zu töten. Tzu war einer der Verteidiger gewesen, und im Gefecht war ihm ein Stück von seiner linken Hüfte weggeschossen worden.

Mein Vater war einer der führenden Männer in der tibetischen Regierung. Seine Familie und die meiner Mutter gehörten zu den oberen zehn Familien, daher hatten meine Eltern einen bedeutenden Einfluss in den Angelegenheiten des Landes. Später werde ich noch etwas eingehender auf unsere Regierungsform eingehen.

Mein Vater war ein großgewachsener, stattlicher Mann, über einen Meter achtzig groß. Er durfte auf seine Stärke stolz sein. In seiner Jugend konnte er ein Pony vom Boden aufheben, und er war einer der Wenigen, der es mit den Männern aus Kham im Ringkampf aufnehmen konnte und als Bester abschnitt.

Die meisten Tibeter haben schwarzes Haar und dunkelbraune Augen. Mein Vater war eine Ausnahme, sein Haar war kastanienbraun und seine Augen grau. Oft brach er plötzlich in Wut aus, ohne dass wir wussten, warum.

Wir sahen unsern Vater selten. Tibet hatte unruhige Zeiten durchgemacht. Als die Engländer bei uns eindrangen, flüchtete der Dalai Lama in die Mongolei und ließ meinen Vater und andere Kabinettsmitglieder zurück, um in seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte zu führen. 1909 kehrte der Dalai Lama nach Lhasa zurück, nachdem er Peking besucht hatte. Durch den Erfolg des englischen Einmarsches ermutigt, erstürmten 1910 die Chinesen Lhasa. Wieder zog sich der Dalai Lama zurück, diesmal nach Indien. Die Chinesen wurden 1911, in der Zeit der chinesischen Revolution, aus Lhasa vertrieben, doch Zwischenzeitlich hatten sie furchtbaren Frevel gegen unser Volk begangen. 1912 kehrte der Dalai Lama wieder nach Lhasa zurück. Während seiner ganzen Abwesenheit, in jenen äußerst schwierigen Tagen, mussten mein Vater und die andern Kabinettsmitglieder die volle Verantwortung für Tibet übernehmen. Unsere Mutter pflegte zu sagen, Vater sei danach nie mehr der gleiche gewesen. Jedenfalls hatte er keine Zeit für uns Kinder, und wir kamen nie in den Genuss von väterlicher Zuneigung. Vor allem ich schien seinen Unwillen zu erregen und wurde der spärlichen Barmherzigkeit Tzus überlassen, «auf Biegen oder Brechen», wie mein Vater sagte.

Tzu empfand meine armselige Leistung auf dem Pony als persönliche Niederlage. In Tibet lernen kleine Jungen der Obererschicht schon reiten, bevor sie richtig gehen können. Die Fertigkeit im Sattel ist in einem Land, in dem es keinen Verkehr auf Rädern gibt und wo man alle Reisen zu Fuß oder zu Pferd bewältigen muss, etwas Wesentliches. Tibetische Adlige üben sich Stunde um Stunde, Tag um Tag in der Reitkunst. Sie können auf dem schmalen hölzernen Sattel eines galoppierenden Pferdes stehend zuerst mit dem Gewehr auf eine sich bewegende Scheibe schießen und es dann gegen Pfeil und Bogen austauschen. Manchmal galoppieren geschickte Reiter in Formation quer über die Ebenen und wechseln die Pferde, indem sie von Sattel zu Sattel springen. Ich allerdings fand es im Alter von vier Jahren schwer, mich überhaupt auf einem einzigen Sattel zu halten.

Nakkim, mein Pony, war gescheckt. Er hatte einen langen Schwanz und einen kleinen, intelligenten Kopf. Er kannte erstaunlich viele Methoden, um einen unsicheren Reiter abzuwerfen. Einer seiner beliebtesten Tricks war, eine kurze Strecke vorwärts zu laufen, dann plötzlich bockstillzustehen und den Kopf zu senken. Wenn ich dann rettungslos über seinen Nacken und weiter bis zu seinem Kopf hinabrutschte, pflegte er ihn mit einem Ruck hochzuheben, sodass ich regelrecht einen Purzelbaum schlug, bevor ich den Boden berührte. Dann stand er da und betrachtete mich mit einer heuchlerischen Liebenswürdigkeit.

Tibeter reiten nie im Trab, die Ponys sind klein, und ein Reiter auf einem trabenden Pony sieht lächerlich aus. Meistens genügte ein guter Passgang, und der Galopp wird zu Übungszwecken geritten.

Tibet war ein theokratisches Land. Wir hatten kein Verlangen nach dem «Fortschritt» draußen in der Welt. Wir begehrten nichts anderes, als uns der Meditation widmen zu können, und fähig zu sein, die Grenzen des physischen Körpers zu überwinden. Unsere weisen Männer hatten schon seit Langem klar erkannt, dass es dem Westen nur nach unsern Schätzen gelüstet, und sie wussten auch, dass der Friede dann das Land verlassen würde, wenn es Fremde betraten. Das Eindringen der Kommunisten in Tibet hat jetzt bewiesen, dass das richtig erkannt worden war.

Unser Anwesen in Lhasa lag im vornehmen Lingkhor Ortsteil neben der Ringstraße, die rings um Lhasa herum und in den Schatten der Berggipfel führte. Es gibt drei Straßengürtel, die äußere vor allem, die Lingkhorstraße, wird viel von den Pilgern benutzt. Wie alle Häuser in Lhasa war auch das unsere zu der Zeit, als ich geboren wurde, auf der zur Straße gewandten Seite zwei Stockwerke hoch. Niemand darf auf den Dalai Lama herabschauen, daher beträgt die höchste erlaubte Höhe eines Hauses zwei Etagen. Da sich das Höhenverbot jedoch nur auf eine einzige Prozession im Jahr beschränkte, haben viele Häuser ungefähr elf Monate lang einen leicht abnehmbaren Holzaufbau auf ihren flachen Dächern.

Unser Haus war vor vielen Jahren aus Stein gebaut worden. Es hatte die Form eines hohlen Quadrats und umschloss einen sehr großen Innenhof. Unsere Tiere waren im Erdgeschoss untergebracht, und wir wohnten oben. Wir waren sehr begünstigt, wir besaßen eine Treppe aus Stein, die in die oberen Zimmer führte. Die meisten tibetischen Häuser haben eine Leiter oder, in den Bauernhöfen, eine mit Kerben versehene Pfostenleiter, die man nur mit großem Risiko für seine Schienbeine benutzte. Denn diese eingekerbten Pfostenleitern wurden durch den Gebrauch sehr glatt und rutschig. Die mit Yak-Butter eingefetteten Hände übertrugen das Fett auf den Pfosten, und wenn der Bauer das nicht bedachte, dann kam er mit einer Schnelllandung wieder unten am Boden an.

Während der Invasion der Chinesen im Jahre 1910 war unser Haus teilweise zerstört worden. Die Innenmauern des Gebäudes waren beschädigt. Mein Vater ließ es vier Stockwerke hoch wieder aufbauen. Es gewährte keinen Ausblick über die Ringstraße, und wir konnten folgedessen nicht auf den Kopf des Dalai Lama hinabschauen, wenn er in der Prozession an unserem Haus vorbeizog; daher wurden keine Einwände erhoben.

Das Tor, durch das man unsern zentralen Innenhof betrat, war schwer und vor Alter schwarz. Die chinesischen Angreifer hatten die massiven Holzbalken nicht bezwingen können, so hatten sie anstelle eine Mauer niedergerissen. Direkt über diesem Eingangstor lag das Büro des Verwalters. Er konnte alle sehen, die ein- und ausgingen. Er stellte Personal ein – und entließ es – und sah zu, dass der Haushalt gut geführt wurde und funktionierte. Hierher, an sein Fenster, kamen auch, wenn die Sonnenuntergangs-Trompeten aus den Lamaklöstern ertönten, die Bettler von Lhasa und erhielten zur Stärkung für die Dunkelheit der Nacht eine Mahlzeit. Alle Adligen von Rang sorgten für die Armen ihres Bezirks. Auch die in Ketten gelegte Missetäter kamen vorbei, denn in Tibet gibt es nur wenige Gefängnisse; so wanderten sie durch die Straßen und erbettelten sich ihr Essen.

In Tibet verachtet man Missetäter nicht. Sie werden auch nicht als Ausgestoßene betrachtet. Wir waren uns dessen bewusst, dass die meisten von uns Straftäter wären – wenn man uns durchschaute –, deshalb wurden die Unglücklichen so halbwegs angemessen behandelt.

In den Zimmern zur Rechten des Verwalters wohnten zwei Mönche; sie waren unsere Hauspriester, die täglich um die göttliche Billigung unseres Tuns beteten. Die, die dem niederen Adel angehörten, hatten nur einen Priester, doch unser gesellschaftlicher Rang erforderte zwei. Vor jedem wichtigen Ereignis wurden diese Priester befragt und ersucht, um die Gunst der Götter zu beten. Alle drei Jahre kehrten die Priester in die Lamaklöster zurück und wurden durch andere ersetzt.

In jedem Flügel unseres Hauses befand sich eine Kapelle. Immer wurde darauf geachtet, dass die Butterlampen vor den geschnitzten Holzaltären brannten. Die sieben Schalen des heiligen Wassers wurden mehrere Male am Tage gereinigt und neu aufgefüllt. Sie mussten rein sein für den Fall, dass die Götter kämen und aus ihnen trinken wollten. Die Priester wurden gut verpflegt, sie aßen die gleiche Kost wie die Familie, sodass sie besser beten und den Göttern bestätigen konnten, wie gut unser Essen war.

Links vom Verwalter wohnte der Gesetzeskundige, dessen Amt es war, dafür zu sorgen, dass der Haushalt rechtmäßig und auf geordnete Weise geführt wurde. Tibeter halten sich streng an die Gesetze, und mein Vater musste in der Befolgung der Gesetze ein besonders gutes Beispiel vorleben.

Wir Kinder, Bruder Paljör, Schwester Yasodhara und ich, wohnten im neuen Teil des Hauses, auf der Seite, die weiter von der Straße entfernt lag. Zu unserer Linken befand sich die Kapelle, zur Rechten der Schulraum, den auch die Kinder unserer Bediensteten besuchen durften. Unsere Unterrichtsstunden waren lang und abwechslungsreich. Paljör lebte und bewohnte seinen Körper nicht sehr lange. Er war schwächlich und ungeeignet für das harte Leben, das wir beide führen mussten. Er verließ uns kurz vor seinem siebten Geburtstag, und kehrte in das Land der vielen Tempel zurück. Yaso war knapp sechs, als er hinüberging, und ich war vier. Ich erinnere mich noch, wie er, eine leere Hülle, dalag, als sie ihn holen kamen, und wie die Männer des Todes ihn forttrugen, um ihn nach althergebrachter Sitte zu zerlegen und den Geiern als Nahrung vorzusetzen.

Nun als nachfolgender Erbe der Familie wurde meine Ausbildung vorangetrieben. Ich war vier Jahre alt und ein sehr mittelmäßiger Reiter. Mein Vater war ein wirklich strenger Mann, und als Kirchenfürst war er sehr darauf bedacht, seinem Sohn eine strenge Disziplin und Erziehung angedeihen zu lassen, damit er ein Beispiel sei, wie andere Kinder erzogen werden sollten.

In meiner Heimat wird ein Junge umso strenger erzogen, je höher sein Rang ist. Einige der Adligen begannen der Ansicht zu sein, die Jungen sollte es in ihrer Jugend etwas leichter haben, nicht so mein Vater. Seine Einstellung war die: ein Junge aus armem Verhältnissen hätte keine Hoffnung auf spätere Annehmlichkeiten, also sollte man ihm Güte und Rücksicht angedeihen lassen, solange er jung war. Ein Junge aus der Oberschicht dagegen erwartete in späteren Jahren alle Reichtümer und Annehmlichkeiten, daher sollte man mit ihm in seiner Kindheit und Jugend sehr unnachgiebig sein, damit er Ungemach kennenlerne und Rücksicht gegen andere übe. Dies war im ganzen Lande auch die allgemein vorherrschende Meinung. Bei einem solchen Erziehungssystem blieben Schwächlinge nicht am Leben, doch die, die am Leben blieben, konnten beinahe alles überleben.

Tzu bewohnte ein Zimmer im Erdgeschoss, ganz in der Nähe des Haupteingangstores. Jahrelang hatte er es als Polizeimönch mit Menschen aller Arten zu tun gehabt, und jetzt tat er sich schwer damit, zurückgezogen zu leben und von all dem fern zu sein. Er wohnte neben den Ställen, in denen mein Vater seine zwanzig Pferde, alle Ponys und die Arbeitstiere hielt.

Die Stallknechte mochten Tzu nicht, weil er übereifrig war und sich immer in ihre Verrichtungen einmischte. Wenn mein Vater ausritt, mussten ihm sechs bewaffnete Männer das Geleit geben. Diese Männer trugen Uniformen, und Tzu hatte dauernd etwas an ihnen auszusetzen, indem er sich stets vergewisserte, ob an ihren Ausrüstungen auch alles in Ordnung war.

Aus irgendeinem Grund pflegten diese sechs Männer sich mit ihren Pferden gegen eine Wand aufzustellen, um dann, sobald mein Vater angeritten kam, vorzupreschen und sich ihm anzuschließen. Ich entdeckte, dass ich einen der Reiter auf seinem Pferd erreichen konnte, wenn ich mich aus dem Fenster eines Vorratraums hinauslehnte. Eines Tages zog ich in einer müßigen Minute, während er an seiner Ausrüstung herumhantierte, vorsichtig einen Strick durch seinen Ledergürtel. Die beiden Enden verknüpfte ich und hängte den Strick an einen Haken an der Innenseite des Fensters. In dem Getue und dem Gerede beachtete man mich nicht. Mein Vater erschien, und die Reiter preschten vor. Fünf von ihnen. Der sechste wurde von seinem Pferd herunter und nach hinten gerissen. Gellend schrie er auf, die Dämonen hätten ihn gepackt. Sein Gürtel zerriss, und in der ganzen Aufregung gelang es mir, den Strick wegzuziehen und mich unentdeckt davonzustehlen.

Später bereitete es mir immer viel Vergnügen, zu sagen: «Siehst du, Ne-tuk, auch du kannst dich nicht auf dem Pferd halten!»

Unsere Tage waren hart und streng; von den vierundzwanzig Stunden waren wir achtzehn wach. Die Tibeter glauben, es sei nicht das Klügste, zu schlafen, solange es noch hell ist, denn die Dämonen des Tages könnten kommen und einen ergreifen. Sogar ganz kleine Kinder werden wachgehalten, damit die Dämonen sich ihrer nicht bemächtigen. Auch Kranke müssen wachgehalten werden, das ein Mönch ausführt, den man eigens für diese Aufgabe herbeiholt. Niemand ist davon ausgenommen, sogar Sterbende müssen solange wie möglich bei Bewusstsein gehalten werden, damit sie den rechten Weg durch die Zwischenreiche in die nächste Welt finden.

In der Schule lernten wir Sprachen, Tibetisch und Chinesisch. Es gibt zwei verschiedene tibetische Sprachen, die gewöhnliche und die gehobene Sprache. Die gewöhnliche Sprache benutzten wir, wenn wir mit Bediensteten und Personen von niederem Rang sprachen, und die Gehobene mit denen von gleichem oder höherem Rang. Das Pferd eines Höhergestellten musste in der gehobenen Sprache angesprochen werden. Unsere selbstherrliche Katze musste, wenn sie durch den Hof schlenderte und irgendwelchen geheimnisvollen Geschäften nachging, von einem Bediensteten in folgendem Wortlaut angesprochen werden: «Würde es Ihnen, edle Miezekatze, etwas ausmachen, zu kommen, um diese unwerte Milch zu trinken?» Doch egal, wie die «edle Miezekatze» auch immer angesprochen wurde, sie kam nie früher als sie wollte.

Unser Schulzimmer war sehr groß, eine Zeitlang hatte man den Raum als Speisesaal für durchreisende Mönche benutzt, doch seit die neuen Gebäudeteile des Hauses fertig waren, war dieser besonders große Raum in eine Schule für unser Anwesen umgewandelt worden. Ständig besuchten sie ungefähr sechzig Kinder. Wir saßen im Schneidersitz auf dem Boden vor einem Tisch, beziehungsweise vor einer langen Bank von ungefähr fünfundvierzig Zentimeter Höhe. Wir saßen mit dem Rücken gegen den Lehrer gekehrt, sodass wir nie wussten, wann er uns beobachtet. Das veranlasste uns, immer konzentriert zu arbeiteten. Papier wird in Tibet von Hand hergestellt und ist sehr teuer, viel zu teuer, um es an Kinder zu verschwenden. Wir benutzen Schiefertafeln, große dünne Platten von ungefähr dreißig auf fünfunddreißig Zentimeter. Unsere «Bleistifte» waren eine Art Kreide, die in den Tsu-La Bergen gefunden wurde, ungefähr dreitausendsechshundert Meter höher gelegen als Lhasa, das selbst schon auf dreitausendsechshundert Meter über dem Meeresspiegel liegt. Ich versuchte, immer rötlich getönte Kreide zu bekommen, doch meine Schwester Yaso liebte besonders die zarten Purpurfarbenen. Es gab eine ganze Reihe von Farben: rot, gelb, blau, und grün. Manche Farben, wenn ich mich nicht irre, waren auf das Vorhandensein von metallischen Erzen in dem weichen Kalkboden zurückzuführen. Was immer auch der Grund gewesen sein mag, wir waren froh, sie zu haben.

Das Rechnen bereitete mir wirklich Schwierigkeiten. Wenn siebenhundertdreiundachtzig Mönche je zweiundfünfzig Tassen Tsampa im Tag tranken, und jede Tasse fünf Achtel von einem halben Liter enthielt, wie groß muss dann ein Behälter für eine Wochenration sein? Schwester Yaso konnte solche Aufgaben lösen, ohne dabei nachzudenken. Nun, ich war nicht so klug.

Ich kam auf meine Kosten, wenn wir schnitzten. Das war ein Fach, das ich liebte, und in dem ich recht geschickt war. In Tibet werden jegliche Schriften mit vorgängig geschnitzten Holzbrettern gedruckt, daher betrachtete man das Schnitzen als eine besondere Fertigkeit. Wir Kinder bekamen für unsere Schnitzübungen kein Holz. Holz war teuer, da es den weiten Weg von Indien hierhertransportiert werden musste. Tibetisches Holz war zu hart und hatte nicht die richtigen Fasern. Wir bedienten uns einer weichen Sorte des Seifensteins, den man mit einem scharfen Messer leicht bearbeiten konnte. Manchmal verwendeten wir auch alten Yakkäse!

Etwas, das nie vergessen werden durfte, waren die Wiederholungen der Gesetze. Wir mussten sie aufsagen, sobald wir das Schulzimmer betraten, und bevor wir es verlassen durften, noch ein zweites Mal. Diese Gesetze lauteten:

 

Vergelte Gutes mit GutemKämpfe nicht gegen freundliche und liebenswerte MenschenLies die Heiligen Schriften und verstehe sie Hilf deinen NächstenDas Gesetz ist hart gegen die Reichen, um sie Verständnis und Gerechtigkeit zu lehrenDas Gesetz ist milde gegen die Armen, um ihnen Mitleid zu zeigenZahle deine Schulden pünktlich

 

Damit wir sie ja nicht vergaßen, hatte man diese Gesetze auf Spruchtafeln geschnitzt und je eine an den vier Wänden unseres Schulzimmers aufgehängt. Dennoch, unser Leben bestand nicht nur aus Lernen und Trübsinn, wir spielten genau so eifrig, wie wir lernten. Alle unsere Spiele hatten den Zweck, uns abzuhärten und uns für das Leben in dem rauen Tibet mit seinen extremen Temperaturen zu stählen. Im Sommer kann die Temperatur zur Mittagszeit bis zu dreißig Grad betragen, doch in derselben Sommernacht konnte sie bis zu vierzig Grad unter Null sinken. Im Winter war es oft noch viel, viel kälter.

Das Bogenschießen machte uns viel Spaß. Es stärkte die Muskeln. Wir fertigten Bogen aus Eibenholz an, das aus Indien eingeführt wurde, und manchmal bastelten wir auch Armbrüste aus tibetischem Holz. Als Buddhisten schossen wir nie auf etwas Lebendes. Verborgene Bedienstete zogen an einer langen Schnur eine Zielscheibe auf und ab, sodass sie unerwartet auftauchte oder wieder verschwand – wir wussten nie, wann sie zu erwarten war. Die meisten Jungen konnten die Zielscheibe stehend auf dem Sattel eines galoppierenden Ponys treffen. Ich konnte mich nie so lange oben halten! Weitspringen war etwas anderes. Da musste man sich nicht mit einem Pferd herumschlagen. Wir hielten einen gegen vier Meter lange Stange und liefen so schnell wir konnten; wenn unsere Geschwindigkeit ausreichend war, sprangen wir mit Hilfe dieses Stange ab. Ich pflegte zu sagen, die andern säßen schon so lange auf ihren Pferden, dass sie keine Kraft in den Beinen hatten; doch ich, der die Beine gebrauchen musste, konnte tatsächlich weit springen. Sogar Flüsse konnte man auf diese Weise überqueren, und es war sehr befriedigend für mich, zu sehen, wie die Jungen, die mir zu folgen versuchten, einer nach dem andern ins Wasser fielen.

Ein weiterer Zeitvertreib von uns war, auf Stelzen zu laufen. Wir kostümierten uns und wurden zu Riesen. Oft fochten wir auf Stelzen Kämpfe aus – und wer herunterfiel, hatte verloren. Unsere Stelzen waren selbstgemacht, wir konnten nicht einfach in den nächstbesten Laden gehen und uns welche kaufen. Wir boten immer unsere ganze Überredungskunst auf, bis uns die Aufsichtsperson über die Vorräte – meist der Verwalter – ein paar geeignete Holzstangen gab. Die Fasern mussten genau richtig liegen und es durften keine Astlöcher darin haben. Dann brauchten wir noch die entsprechenden keilförmigen Holzstücke als Fußstützen. Weil Holz rar war, um es zu verschwenden, mussten wir immer eine gute Gelegenheit abwarten und im richtigen Augenblick darum bitten.

Die Mädchen und junge Frauen spielten eine Art Federball. In ein kleines Holzstück wurden an einer der oberen Kanten Löcher getrieben und Federn hineingesteckt. Man hielt den Federball mit Hilfe der Füße in der Luft. Das Mädchen hob dann den Rock auf eine angemessene Höhe an, um ungehindert mit dem Fuß abstoßen zu können. Von nun an gebrauchte es nur noch die Füße. Den Federball mit der Hand zu berühren hätte es disqualifiziert. Ein geschicktes Mädchen konnte den Federball zehn Minuten lang ununterbrochen in der Luft halten, ehe es einen Stoß verfehlte.

Etwas vom Interessantesten in Tibet, oder zumindest im Bezirk Ü, zu dem Lhasa gehört, war das Drachensteigenlassen. Man könnte es als einen Nationalsport ansehen. Es durfte aber nur zu bestimmten Zeiten des Jahres betrieben werden. Man hatte vor Jahren herausgefunden, dass, wenn in den Bergen Drachen aufstiegen, es immer in Strömen regnete. Damals hatte man geglaubt, die Regengötter seien böse darüber; daher war das Drachensteigenlassen in Tibet nur in der trockenen Jahreszeit, im Herbst, erlaubt. Zu gewissen Jahreszeiten werden die Menschen in den Bergen auch nie laut schreien, da der Widerhall ihrer Stimmen die schweren, von Indien herkommenden Wolken erschüttert und bewirkt, dass sie ihre Last viel zu schnell und an den falschen Stellen abladen und heftige Niederschläge verursachen. Am ersten Herbsttag wurde vom Dach des Potala ein einsamer Drache empor geschickt, und innerhalb von wenigen Minuten tummelten sich über ganz Lhasa unzählige Drachen in allen Formen, Größen und Farben in der Luft. Sie wanden sich hin und her und drehten sich im heftigen Wind.

Ich liebte es, Drachen steigen zu lassen, und achtete darauf, dass sich mein Drachen immer als einer der ersten in die Luft erhob. Wir alle fertigten unsere Drachen selbst an, meist mit einem Bambusrahmen und fast immer mit feiner Seide bezogen. Wir erhielten dieses gute Material ohne Schwierigkeiten, denn es war für den Haushalt eine Ehrensache, wenn der Drache erstklassig war. Diese rechteckige Kastenform statteten wir häufig mit einem wild aussehenden Drachenkopf und mit Schwingen und einem Schweif aus.

Wir lieferten uns auch Schlachten, in denen wir versuchten, den Drachen unserer Rivalen herunterzuholen. Wir steckten Glasscherben in die Drachenschnur, wir überzogen sie zum Teil mit Leim und bestreuten sie mit Glassplittern in der Hoffnung, damit die Schnüre der andern durchzuschneiden und so den abstürzenden Drachen erbeuten zu können.

Manchmal stahlen wir uns in der Nacht ins Freie und ließen unsere Drachen mit kleinen Butterlampen im Innern des Kopfes und Rumpfes aufsteigen. Vielleicht leuchteten die Augen dann rot und der Rumpf machte verschiedene Farben am Nachthimmel sichtbar. Besonders gerne taten wir das, wenn die mächtigen Yak-Karawanen aus dem Lho-Dzong Bezirk erwartet wurden. In unserer kindlichen Unschuld meinten wir, die unerfahrenen Bewohner von weit entfernter Orte wüssten nichts von so «modernen» Erfindungen wie unsere Drachen. Also zogen wir los, um sie in Schrecken zu versetzen.

Einer unserer Einfälle war, drei verschiedengroße Muscheln auf eine bestimmte Weise im Drachenrumpf anzubringen, sodass sie einen geheimnisvollen, klagenden Ton hervorbrachten, wenn der Wind durch sie hindurchblies. Wir verglichen ihn mit einem in der Nacht feuerspeienden und flötenden Drachen, und hofften, er würde den Handelsleuten einen heilsamen Schrecken einjagen. Manchmal lief uns vor Gruseln selbst ein köstlicher Schauer über den Rücken, wenn wir an diese Männer dachten, die jetzt angstvoll unter ihre Decken lagen, während unsere Drachen über ihnen kreisten.

Mein Spielen mit den Drachen sollte mir, obwohl ich das zu jener Zeit noch nicht wusste, im späteren Leben sehr zugutekommen, dann nämlich, als ich tatsächlich in ihnen selbst flog. Jetzt war es nur ein Zeitvertreib, wenn auch ein aufregender. Wir hatten ein besonderes Spiel, das recht gefährlich hätte werden können: wir fertigten umfangreiche Drachen an – große Dinger, ungefähr zwei auf zweieinhalb Meter im Durchmesser mit auf beide Seiten ausladenden Flügeln. Wir stellten sie auf eine ebene Stelle unweit von einer Schlucht, wo ein besonders starker Aufwind wehte. Dann stiegen wir auf unsere Ponys, schlangen das Ende der Drachenleine um unsern Leib und galoppierten los, so schnell unsere Ponys laufen konnten. Der Drache stieg in die Luft und immer höher und höher hinauf, bis er in diesen besonderen Aufwind geriet. Da gab es einen Ruck und der Reiter wurde plötzlich von seinem Pony abgehoben, vielleicht drei Meter hoch in die Luft und sank dann langsam und schwingend wieder zu Boden. Einige arme Wichte wurde dabei beinahe entzweigerissen, wenn sie vergaßen, ihre Füße aus den Steigbügeln zu ziehen; doch ich, der nie ein guter Reiter war, konnte immer vom Pferd loskommen, und das Emporgehobenwerden war ein richtiges Vergnügen für mich. Ich war ungemein abenteuerlustig, ich entdeckte, dass es mich noch höher trug, wenn ich im Augenblick des Aufsteigens fest an der Leine zog, und durch ein weiteres geschicktes Ziehen konnte ich meine Flüge um Sekunden verlängern.

Einmal zog ich besonders stark, wobei der Wind das seine dazu beitrug und mich auf das Flachdach eines Bauernhauses verfrachtete, auf dem das ganze Brennmaterial für den Winter gelagert war.

Tibetische Bauernhäuser haben flache Dächer mit einer kleinen Dachbrüstung, wo der getrocknete und als Brennmaterial verwendete Yak-Dung lagerte. Dieses Haus aber war nicht, wie es sonst üblich ist, aus Stein gebaut, sondern aus getrockneten Lehmziegeln. Es gab auch kein Kamin; eine Öffnung im Dach diente dazu, den Rauch des Feuers unten abziehen zu lassen. Meine plötzliche Landung am Ende der Drachenleine brachte das Brennmaterial durcheinander, und als ich über das Dach geschleift wurde, fegte ich den größten Teil davon durch das Loch auf die unglücklichen Bewohner darunter.

Ich machte mich dadurch nicht beliebt. Mein Erscheinen, noch dazu durch das Loch, wurde mit Zornesausbrüchen begrüßt, und nachdem ich von dem wütenden Hausherrn die erste Tracht Prügel bekommen hatte, wurde ich zu einem weiteren Nachschlag der Besserungsmedizin vor meinen Vater geschleppt. In jener Nacht lag ich auf dem Gesicht!

Am nächsten Tag hatte ich die unangenehme Aufgabe, durch die Ställe zu gehen, um Yak-Dung einzusammeln, den ich zu dem Bauernhaus tragen und wieder auf dem Dach aufschichten musste. Eine schwere Arbeit, denn ich war damals noch nicht einmal ganz sechs Jahre alt. Doch alle, außer mir, waren zufrieden: die anderen Jungen hatten etwas zum Lachen, der Bauer hatte nun zweimal so viel Brennmaterial und mein Vater hatte bewiesen, dass er ein strenger, gerechter Mann war. Und ich! Ich verbrachte auch die nächste Nacht auf dem Gesicht, und ich war nicht wund vom Reiten!

Man könnte meinen, das sei eine sehr raue Erziehungsmaßnahme, doch in Tibet ist kein Platz für Schwächlinge. Lhasa liegt dreitausendsechshundert Meter über dem Meeresspiegel und unterliegt extremen Temperaturschwankungen. Andere Bezirke liegen noch höher. Ihre Lebensbedingungen sind noch härter, und Schwächlinge konnten andere sehr leicht gefährden. Aus diesem Grund, und nicht aus einer grausamen Absicht heraus, war die Erziehung so hart.

In noch höheren Lagen tauchen die Eltern ihre neugeborenen Kinder in eisige Flüsse, um zu prüfen, ob sie stark genug sind, um weiterleben zu dürfen. Sehr oft sah ich in Höhen von mehr als fünftausend Meter über dem Meeresspiegel kleine Prozessionen sich solch einem Fluss nähern. An seinem Ufer macht die Prozession halt, und die Großmutter übernimmt das Kind. Um sie herum gruppiert sich die Familie: Vater, Mutter und die nächsten Verwandten. Das Kind wird entkleidet, die Großmutter beugt sich vor und taucht den kleinen Körper ins Wasser, sodass nur der Kopf und der Mund der Luft ausgesetzt bleiben. In der schneidenden Kälte wird das Kind zuerst rot, dann blau, und seine Protestschreie hören auf. Es sieht aus wie tot; doch die Großmutter hat viel Erfahrung in solchen Dingen, das Kleine wird aus dem Wasser gehoben, getrocknet, angezogen und eingewickelt. Wenn das Kind am Leben bleibt, dann ist es Gottes Fügung, wenn es stirbt, dann wurde ihm viel Leid auf der Erde erspart. Das ist eigentlich die humanste Methode in einem so frostigen Land. Weit besser, es sterben dann einige Kinder, als wenn sie in einem Land, in dem es nur spärliche medizinische Versorgung gibt, unheilbare Invaliden werden.

Nach dem Tode meines Bruders musste ich noch intensiver lernen, denn sobald ich sieben Jahre alt war, sollte meine Schulung für die Laufbahn beginnen, welche die Astrologen mir vorschlugen. In Tibet hängt jede Entscheidung von der Astrologie ab, vom Kauf eines Yaks angefangen bis zur Entscheidung über die Berufswahl. Nun nahte dieser Zeitpunkt heran. Kurz vor meinem siebenten Geburtstag wollte meine Mutter ein wirklich großes Fest veranstalten, zu dem Adelige und Personen von Rang und Namen eingeladen werden sollten, um die Voraussagen der Astrologen mit anzuhören.

Meine Mutter war etwas korpulent, sie hatte ein rundliches Gesicht und schwarzes Haar. In Tibet tragen die Frauen eine Art Holzrahmen auf dem Kopf, über den das Haar so wirkungsvoll wie möglich drapiert wird. Die Rahmen sind sehr kunstvoll bearbeitet und bestehen häufig aus rotlackiertem Holz, das mit Jade und Korallen und mit Halbedelsteinen bestückt und geschmückt war, und das gut geölte Haar wirkte sehr prächtig darauf.

Die Frauen in Tibet tragen sehr bunte Gewänder mit viel Rot-, Grün- und Gelbfarbtönen. Meistens tragen sie eine einfarbige Schürze mit einem kontrastreichen Querstreifen, der mit den andern Farben dennoch harmoniert. Am linken Ohr wird ein Ohrring getragen, dessen Größe vom Rang der Trägerin abhängt. Meine Mutter hatte ein über fünfzehn Zentimeter langes Ohrgehänge.

Unserer Meinung nach sollten Frauen durchaus die gleichen Rechte haben wie die Männer, doch in der Haushaltführung ging meine Mutter noch weiter, sie war die uneingeschränkte Herrscherin, eine Autokratin, die wusste, was sie wollte, und bekam es immer.

Als die Aufregung und die Hektik losgingen, das Haus und das Grundstück für das Fest vorzubereiten, war Sie tatsächlich in ihrem Element. Alles musste organisiert werden. Befehle erteilt und neue Einfälle ausgedacht werden, um die Nachbarn an Glanz zu übertreffen. Darin war sie einmalig. Da sie mit meinem Vater weite Reisen nach Indien, nach Peking und Shanghai unternommen hatte, standen ihr eine Fülle von ausländischen Ideen zu Verfügung.

Sobald der Termin für das Fest feststand, begannen die Schriftkundigen Mönche sorgfältig die Einladungen auf dickem, handgefertigtem Papier zu schreiben, das immer für sehr wichtige Mitteilungen verwendet wurde. Jede Einladung war ungefähr dreißig Zentimeter breit und über einen halben Meter lang. Jede Einladung trug das Familiensiegel meines Vaters, und da meine Mutter ebenfalls aus den oberen zehn Familien stammte, musste auch ihr Siegel darauf sein. Außerdem hatten Vater und Mutter ein gemeinsames Siegel, das ergab zusammen drei. Dadurch wurden die Einladungen zu imposanten Dokumenten. Der Gedanke, dass dies alles nur um meinetwillen veranlasst wurde, ängstige mich sehr. Ich wusste nicht, dass ich dabei nur eine untergeordnete Rolle spielte und eigentlich das gesellschaftliche Ereignis im Vordergrund stand. Wenn man mir erklärt hätte, dass die Großherzigkeit dieses Festes das Ansehen meiner Eltern noch vergrößern würde, dann wäre mir das völlig egal gewesen, so aber hielt meine Angst an.

Wir hatten für die Zustellung dieser Einladungen besondere Boten eingestellt. Jeder Mann saß auf einem Vollblutpferd. Jeder trug einen gespaltenen Botenstab, in dem die Einladung steckte. Den Stab krönte eine Reproduktion des Familienwappens. Die Stäbe waren mit gedruckten fröhlichen, im Winde flatternden Gebetsfahnen geschmückt. Es herrschte ein heilloses Gedränge im Hof.

Alle Boten schickten sich an, zu gleicher Zeit aufzubrechen. Die Dienstleute waren heiser vom Schreien. Die Pferde wieherten, und die schwarzen tibetischen Riesendoggen bellten wie verrückt. Nach einem letzten Schluck tibetischen Biers, und noch bevor die Boten ihre Krüge klirrend hinstellten, öffneten sich rasselnd die schweren Tore, und der Trupp Männer galoppierte mit wildem Geschrei hinaus.

In Tibet wird eine schriftliche Mitteilung von Boten überbracht, die ihr noch eine mündliche Version hinzufügen mussten, die oft ganz anders lauten kann. In alten Tagen lauerten Banditen den Boten auf und machten sich die geschriebenen Mitteilungen zunutze, um vielleicht ein ungeschütztes Haus oder eine Prozession zu überfallen. So entstand eine Gepflogenheit, eine irreführende Botschaft niederzuschreiben, die die Banditen oft an Orte lockte, wo man sich ihrer habhaft werden konnte. Und diese alte Sitte der schriftlichen und mündlichen Mitteilung ist ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Selbst heute noch können die beiden Botschaften manchmal voneinander abweichen, wobei immer die mündliche Version als die Richtige galt.

Überall im ganzen Haus herrschte Hektik und Unruhe. Die Wände wurden gereinigt und neu gestrichen. Die Böden wurden geputzt und ihre Holzbretter poliert, bis es beinahe gefährlich wurde, darüberzugehen. Die geschnitzten Holzaltäre in den Haupträumen wurden glänzendgerieben und frisch lackiert, und viele neue Butterlampen wurden aufgestellt. Manche dieser Lampen waren aus Gold und manche aus Silber, doch sie waren alle auf Hochglanz poliert, sodass es schwer war, die silbernen von den goldenen zu unterscheiden. Meine Mutter und der Hauptverwalter eilten unaufhörlich hin und her, und tadelten mal hier und gaben dort eine Anweisung weiter und machten den Bediensteten das Leben schwer. Wir hatten zu der Zeit über fünfzig Bedienstete, und es wurden für den bevorstehenden Anlass noch weitere dazu eingestellt. Sie hatten alle Hände voll zu tun, doch sie arbeiteten voller Eifer. Selbst der Innenhof wurde gescheuert, bis die Steine, wie neu verlegt, glänzten. Die Zwischenräume wurden mit einem farbigen Material ausgefüllt, um das Erscheinungsbild zu verbessern. Als alles fertig war, wurden die unglücklichen Bediensteten vor meine Mutter zitiert und bekamen den Befehl, nur die allersaubersten Gewänder anzuziehen.

In den Küchen herrschte Großbetrieb. Speisen in riesigen Mengen wurden vorbereitet. Tibet ist ein natürlicher Kühlschrank. Nahrungsmittel können dort zubereitet und beinahe unbegrenzt lange aufbewahrt werden. Das Klima ist sehr, sehr kalt und trocken. Doch selbst wenn die Temperatur ansteigt, bleiben die gelagerten Lebensmittel aufgrund des trockenen Klimas frisch. Fleisch hält sich ungefähr ein Jahr, während Getreidekörner jahrhundertelang halten.

Buddhisten töten nicht, daher ist Fleisch nur von abgestürzten oder durch Zufall getöteten Tieren erhältlich. Unsere Vorratskammern waren mit solchem Fleisch gut gefüllt. Es gibt in Tibet auch Metzger, doch sie gehören einer «unberührbaren» Kaste an, und die streng orthodoxen Familien wollen nichts zu tun haben mit ihnen.

Meine Mutter hatte beschlossen, die Gäste mit seltenen und teuren Speisen zu bewirten. Sie wollte ihnen eingelegte Rhododendronblüten servieren. Schon vor Wochen waren Bedienstete aus unserem Innenhof in die Vorberge des Himalajas geritten, wo die schönsten Blüten zu finden waren. In unserem Land wachsen Rhododendren zu riesigen Bäumen heran, und es gibt erstaunlich viele Farbsorten und Blütendüfte. Die noch nicht voll erblühten Knospen werden gepflückt und sehr sorgfältig gewaschen. Sorgfältig, weil man sie nicht konservieren kann, wenn sie gequetscht werden. Dann wird jede Blüte in ein großes Glasgefäß in eine Mischung aus Wasser und Honig gelegt, wonach das Glas sorgfältig und luftdicht verschlossen wird. Danach werden die Gläser an die Sonne gestellt und wochenlang täglich in regelmäßigen Abständen gedreht, sodass alle Blütenteile dem Licht hinlänglich ausgesetzt werden. Die Blüte wächst sich langsam aus und sättigt sich mit dem Nektar aus dem Honigwasser. Manche Leute setzen die Blüten gerne einige Tage der Luft aus, bevor sie sie essen, sodass sie trocknen und ein wenig knusprig werden, ohne dabei ihr Aroma oder ihre Form zu verlieren. Man streut dann ein wenig Zucker auf die Blütenblätter, um Schnee vorzutäuschen. Vater murrte über die Kosten dieser Konserven: «Wir hätten zehn Yaks samt Kälbern kaufen können für die Summe, die du für diese hübschen Blumen ausgegeben hast», sagte er.

Die Antwort meiner Mutter war typisch weiblich: «Sei kein Narr! Wir müssen Staat machen, und außerdem ist der Haushalt meine Sache.»

Ein weiterer Leckerbissen waren Haifischflossen. Sie wurden aus China importiert, in Stücke geschnitten und zu einer Suppe verarbeitet. Jemand sagte, Haifischflossensuppe sei der größte kulinarische Genuss der Welt. Ich aber fand das Zeug schrecklich. Es war eine Qual, es hinunterzuschlucken, umso mehr als dass der ursprüngliche Haifischbesitzer seine Haifischflossen nicht mehr erkannt hätte, bis sie Tibet erreichten. Um es milde auszudrücken, sie waren ein wenig «hinüber». Das aber schien bei manchen den Wohlgeschmack noch zu erhöhen.

Mein Lieblingsgericht waren saftige junge, ebenfalls aus China eingeführte Bambusschösslinge. Man konnte sie auf verschiedene Arten zubereiten, doch ich aß sie am liebsten roh mit einer kleinen Prise Salz. Vor allem liebte ich die aufgehenden gelblichgrünen Spitzen. Ich fürchte, viele Schösslinge verloren ihre Spitzen auf eine Art, die der Koch, bevor er sie kochte, nur ahnen und nicht beweisen konnte! Eigentlich schade darum, denn auch der Koch liebte sie.

Das Kochen besorgen in Tibet Männer. Frauen eignen sich nicht gut, zum Umrühren von Tsampa oder zur Herstellung der richtigen Mischung. Frauen nehmen eine Handvoll von diesem, werfen ein Stück von jenem hinein und würzen das Ganze, in der Hoffnung auf gutes Gelingen. Männer sind gründlicher und gewissenhafter, und von daher die besseren Köche. Frauen sind gut im Abstauben, im Reden und natürlich noch in ein paar andern Dingen. Aber nicht in der Zubereitung von Tsampa.

Tsampa ist die Hauptnahrung der Tibeter. Manche Menschen leben von ihrer ersten bis zu ihrer letzten Mahlzeit nur von Tsampa und Tee. Tsampa wird aus Gerste hergestellt, die schön knusprig und goldbraun geröstet wird. Dann werden die Gerstenkörner zu Mehl gemahlen, das noch einmal geröstet wird. Dieses Mehl wird dann in eine Schale geschüttet und heißer, gebutterter Tee hinzugegeben. Die Mischung wir so lange umgerührt, bis sie die Konsistenz eines Teiges bekommt. Dass es einen Geschmack bekommt fügt man noch Salz, Borax und Yak-Butter hinzu. Das Ergebnis – Tsampa – kann dann zu Fladen ausgerollt, zu Häufchen geformt oder sogar zu hübschen Formen geknetet werden. Nur Tsampa ist eine monotone, aber tatsächlich eine sehr kräftige und reichhaltige Nahrung, mit der man sein Leben in jeder Höhe und unter allen Bedingungen fristen kann.

Während einige Bedienstete Tsampa zubereiteten, stellten andere Butter her. Unsere Butterherstellungsmethoden könnten nicht gerade als hygienisch bezeichnet werden. Die Butterbehälter waren große Ziegenfellsäcke deren Haare nach innen gekehrt sind. Sie wurden mit Yak- oder Ziegenmilch gefüllt, dann wurde der Sackhals zugedreht, umgeschlagen und zusammengebunden, sodass nichts auslaufen konnte. Der Sack wurde dann auf und abgeschlagen, bis sich Butter bildete. Wir hatten einen speziellen Butterherstellung-Boden, der aus einem etwa fünfundvierzig Zentimeter hohen Steinabsatz bestand. Man hob die mit Milch gefüllten Säcke auf und ließ sie auf diese Absätze niederfallen, was das «Buttern» der Milch bewirkte. Es war eine monotone Arbeit, zuzusehen und zuzuhören, wie gegen zehn Bedienstete Stunde um Stunde die Säcke hoben und wieder fallen ließen. Beim Heben des Sackes hörte man ein eingezogenes «Uhhh», und beim Fallenlassen ein matschiges «Zonk». Manchmal konnte auch ein alter oder unachtsam gehandhabter Sack platzen. Ich erinnere mich noch an einen Zwischenfall mit einem sehr starken Burschen, der seine Kraft zur Schau stellen wollte. Er arbeitete doppelt so schnell wie alle andern, und an seinem Hals standen vor lauter Anstrengung die Adern heraus. Jemand sagte: «Du wirst alt, Timon, du wirst immer langsamer.»

Timon knurrte vor Ärger und packte mit seinen mächtigen Händen den Sack noch einmal fester am Hals. Er hob ihn auf und ließ ihn nach unten sausen, aber seine enorme Kraft tat ihr Übriges. Der Sack prallte auf, doch Timon hielt die Hände – mitsamt dem Sackhals – immer noch in der Luft. Der Sack war rechtwinklig auf den Steinabsatz gefallen, und ein Strahl halbfertige Butter schoss aus ihm heraus, mitten in das verdutze Gesicht von Timon, in seinen Mund, in die Augen, in die Ohren und in sein Haar. Sie rann seinen Körper hinab und hüllte ihn in fünfzig bis sechzig Liter goldenen Breis ein.

Durch den Lärm angelockt, stürzte meine Mutter herbei. Das war das einzige Mal, dass ich sie sprachlos erlebte. Vielleicht war es der Ärger über den Verlust der Butter, oder sie dachte, der arme Bursche werde ersticken, doch sie packte das zerrissene Ziegenfell und schlug es dem armen Timon über den Kopf. Er verlor darauf den Halt auf dem schlüpfrigen Boden und fiel in die auseinanderlaufende Buttersoße.

Ungeschickte Arbeiter wie Timon konnten die Butter verderben. Wenn sie beim Aufschlagen der Säcke auf die Steinabsätze unachtsam waren, konnten sich die Fellhaare an der Innenseite der Säcke ablösen und sich mit der Butter vermischen. Ein oder zwei Dutzend Haare aus der Butter herauszuklauben störte niemand, doch bei ganzen Büscheln runzelte man schon die Stirne. Solche Butter wurde dann beiseitegelegt und als Brennstoff für die Butterlampen verwendet, oder den Bettler verteilt, die sie erwärmten und durch einen Lappen seihten. Auch die kulinarischen Speisen, die bei der Zubereitung «missglückten», wurden für die Bettler beiseitegelegt. Wenn eine Familie ihre Nachbarn wissen lassen wollte, wie gut es ihr ging, wurden besonders gute Speisen gekocht und den Bettlern als «missglückt» verteilt. Diese glücklichen, wohlverpflegten Herren Bettler machten dann die Runde bei den andern Häusern und erzählten, wie gut sie gegessen hätten. Die Nachbarn reagierten darauf und bewirteten die Bettler ebenfalls gut. Es gäbe noch Vieles zu erzählen über das Leben der Bettler in Tibet. Sie leiden nie Mangel. Wenn sie die «Tricks ihres Gewerbes» verstehen, leben sie außerordentlich gut. Betteln ist in den meisten östlichen Ländern keine Schande. Viele Mönche, die unterwegs sind, betteln sich auf ihrem Weg von Lamakloster zu Lamakloster durch. Es ist ein anerkannter Brauch und wird nicht anders betrachtet, als sagen wir, in andern Ländern Spenden für Hilfswerke zu sammeln. Einen Mönch auf seiner Wanderung zu verpflegen, gilt als eine gute Tat. Doch die Bettler unterliegen auch Gesetzen. Wenn zum Beispiel jemand einem Bettler etwas gibt, wird dieser Bettler dem Spender eine Weile fernbleiben und ihn für eine bestimmte Zeit nicht mehr behelligen.

Auch unsere beiden Hauspriester trugen ihren Teil zu den Vorbereitungen für das kommende Ereignis bei. Sie begaben sich in unsere Vorratskammern, gingen zu jedem Tier, das ums Leben gekommen war und sprachen Gebete für die Seelen der Tiere, die diese Körper einmal bewohnt hatten. Nach unserem Glauben sind die Menschen einem Tier gegenüber, das getötet und gegessen wurde – auch wenn es Zufall war – mit einer Schuld belastet. Solch eine Schuld wurde durch das Gebet eines Priesters über dem Tierkörper getilgt, man hoffte, dem Tier dadurch eine höhere Reinkarnation im nächsten Leben auf der Erde zu sichern. In Lamaklöstern und Tempeln verbrachten manche Mönche ihre ganze zur Verfügung stehende Zeit mit Gebeten für die Tiere. Unseren Priestern oblag es auch, vor einer langen Reise Gebete für die Pferde zu sprechen. Gebete, um sie vor zu großer Ermüdung zu bewahren. Übrigens, unsere Pferde wurden nie zwei Tage nacheinander eingesetzt. Wenn ein Pferd an einem Tag geritten wurde, musste es am nächsten Tag ruhen. Dieselbe Regel galt auch für die Arbeitstiere. Das wussten sie alle. Wenn man zufällig ein Pferd zum Reiten auswählte, das am vorgehenden Tag geritten worden war, stand es einfach still und verweigerte weiterzugehen. Wenn ihm der Sattel dann wieder abgenommen wurde, drehte es sich um und ging mit einem Kopfschütteln weg, so als wollte es sagen: «Bin ich aber froh, dass man mir diese Ungerechtigkeit abgenommen hat.» Esel waren noch schlimmer. Sie warteten, bis sie beladen waren, dann legten sie sich hin und versuchten, sich auf die Last zu wälzen.