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Elisabeth Albertsen führt das Leben zahlloser gut ausgebildeter Frauen: die Germanistin wohnt mit Mann und zwei Kindern im Grünen, dort wo die «Ausfallstraßen» einer westdeutschen Großstadt enden. Die schmerzende Entscheidung gegen «das Dritte», die sie hier eindringlich schildert, bedeutet mehr als nur eine Reise nach Holland – zur Schwangerschaftsunterbrechung, nicht der Tulpen wegen. Sie bedeutet, daß man jetzt, allerspätestens jetzt, die bislang hingenommenen Voraussetzungen des eigenen Lebens überprüfen und zu einem klaren Lebensplan vordringen muß. Erzählend, mit sich zu Rate gehend, zeichnet Elisabeth Albertsen hier die innere und äußere Ansicht einer jungen Frau, die entschlossen ist, aus der passiven Schicksalsergebenheit der Mütter zu lernen. Das Buch erschien erstmals 1977.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Elisabeth Albertsen
Das Dritte
Geschichte einer Entscheidung
Ihr Verlagsname
Elisabeth Albertsen führt das Leben zahlloser gut ausgebildeter Frauen: die Germanistin wohnt mit Mann und zwei Kindern im Grünen, dort wo die «Ausfallstraßen» einer westdeutschen Großstadt enden.
Die schmerzende Entscheidung gegen «das Dritte», die sie hier eindringlich schildert, bedeutet mehr als nur eine Reise nach Holland – zur Schwangerschaftsunterbrechung, nicht der Tulpen wegen. Sie bedeutet, daß man jetzt, allerspätestens jetzt, die bislang hingenommenen Voraussetzungen des eigenen Lebens überprüfen und zu einem klaren Lebensplan vordringen muß.
Erzählend, mit sich zu Rate gehend, zeichnet Elisabeth Albertsen hier die innere und äußere Ansicht einer jungen Frau, die entschlossen ist, aus der passiven Schicksalsergebenheit der Mütter zu lernen.
Elisabeth Albertsen wurde in Holstein geboren und studierte Germanistik in Tübingen.
Für Carsten und Eva
In der Nacht kann sie wieder nicht schlafen. Sie hat Angst. Sie fürchtet, den Termin zu verpassen. Er würde wach bleiben, sagt er, sie wecken zur rechten Zeit. Aber sie traut ihm nicht.
Ihr Mund ist trocken. Die Füße zucken vor Nervosität. Einen neuen Wecker hätte sie kaufen sollen. Dann hätte sie vielleicht noch ein wenig geschlafen. Und wenn es nur eine Stunde gewesen wäre.
In seinem Zimmer brennt noch das Licht. Sie geht zu ihm, er liegt angezogen auf seinem Bett, liest. An ihrem Hemd zieht er sie zu sich hinunter.
«Du, laß es doch! Noch ist Zeit.»
Sie rollt sich zusammen, geballte Abwehr, steht auf, geht in ihr Zimmer zurück.
Auf dem Tisch liegt das Buch dieses Tschechen, das sie lesen wollte, sein Titel wie ein Schlag ins Gesicht. ‹Das Leben ist anderswo›. Weiß Gott, das Leben ist anderswo!
Schlafen. Schlafen. Aber in ihrem Kopf ist es ganz hell. Gedanken reflektieren sich ab, Dialoge auf einer grell erleuchteten Bühne.
Um 3 Uhr früh gibt sie es auf, nimmt ein Bad und zieht sich an. Eine Stunde später brechen sie auf, leise, damit die Kinder nicht wach werden. Vor der Haustür streckt sie sich, atmet tief.
Es ist ein milder, verhangener Morgen. Hinter den Apfelbäumen die Fertighäuser, grau, in einem Rahmen aus grauer Luft.
Bei Nacht und Nebel, denkt sie. Noch nie hat sie zu so früher Stunde dies Haus verlassen, und einen Augenblick lang klopft ihr das Herz wie vor einer tolldreisten Unternehmung. Die nun schon Wochen währende Niedergeschlagenheit bricht wie eine Kruste auf: wenigstens geschieht etwas, das Warten hat ein Ende, etwas wird sich verändern, weil sie eine Entscheidung gefällt hat, gegen seinen Willen, seit sieben Jahren zum erstenmal.
Und wie sie so dasteht, verjüngt von kindlichem Trotz, bemerkt er, daß sie die neue Jacke aus Antilopenleder trägt. «Ein trauriges Debüt!» sagt er. Hastig öffnet sie die Wagentür.
Fahrt nach F. durch die Wetterau. Flach und grau liegt sie da, und so eigensinnig trostlos und erstarrt, als könne kein Wind sie bewegen, kein Licht sie zum Glänzen bringen. Ja, wenn dahinter das Meer wäre! Aber da ist kein Meer. Wie oft, wenn sie hindurchgefahren ist, hat sie sich gefragt, was willst du eigentlich hier, in diesem Niemandsland, das ohne Vergangenheit für dich ist und ohne Zukunft. Und weil es ohne Vergangenheit für sie war, und wie sie glaubte, auch ohne Zukunft, hatte es auch keine Gegenwart.
Radio an, bloß nicht reden, die qualvoll vergeblichen Reprisen. Zu sagen gibts da nichts mehr. Nur ein paar praktische Hinweise zum häuslichen Management dieses Tages, was die Kinder anziehen, was sie essen sollen.
Einmal sagt er noch: «Um 8 Uhr operieren sie ihn. Lauter schlechte Omen.» Und wieder hört sie den Vorwurf heraus. Als ob es einen Zusammenhang gäbe zwischen ihr und seinem todkranken Vater, der heute, ausgerechnet heute, nun schon zum zweitenmal unter das Messer soll.
Aber es gibt für sie nur diesen Termin, sie muß ihn wahrnehmen. Jetzt oder nie. Und was das andere betrifft, na sagen wir mal, moraltheologisch, die Ehrfurcht vor dem Leben … nichts davon. Davon nichts.
Ihre Angst, zu spät zu kommen; viel zu früh sind sie in F. Das war schon immer so. Zu Veranstaltungen erscheint sie mindestens eine halbe Stunde zu früh. Sie kann nicht anders, es ist wie verhext. Einmal in letzter Minute zum Zug, einmal zu spät zu einer Verabredung, einer Party zu kommen, nicht sauer geworden vom Warten, sondern frisch, mit der kalkulierten Nonchalance derer, die rechtzeitig zu spät kommen, das scheinbar Beiläufige, Improvisierte ihres Auftritts auskostend: Es gelingt ihr nicht.
Der Platz ist leer. Kein Mensch zu sehen. Auch der Bus ist noch nicht da. «Nur keine Straßen, nicht den Namen des Platzes am Telefon nennen», haben sie gesagt, «Sie wissen doch, wir werden abgehört.»
Sie bleiben im Auto sitzen, warten. Nervös trommeln seine Finger aufs Lenkrad. Noch niemand zu sehen? Verstohlen blicken sie sich um.
Eine dicke Alte schiebt einen Kinderwagen vor sich her, spindeldürr das Männchen, das neben ihr hertrippelt. Bei der Tankstelle nimmt es einen Packen Zeitungen auf, wuchtet ihn in den Wagen; sie verschwinden, eine häßliche Allegorie, im rauchigen Zwielicht einer Seitengasse.
Nun sitz doch nicht so da, so kalt, so fremd. Eine Hand nur auf mein Knie, mein Haar, oder frag mich «Hast du ein Taschentuch dabei?» Die will ich ja gar nicht, die laute Solidarität, aber die kleine, stille Geste, und sei sie resigniert, damit ich weiß, du verstehst …
Statt dessen die zynische Frage, welche Henkersmahlzeit sie dem Kind denn bereitet habe. Sie steigt grußlos aus. Die Wagentür läßt sie offen, immerhin. Er schließt sie, endgültig, der Motor heult auf, die Reifen kreischen, fort ist er.
So, jetzt bist du allein, denkt sie, und in ihre Wut mischt sich wieder dieser leise Jubel. Nach langer Zeit der Abhängigkeit gehört sie sich wieder einmal selbst.
Erst jetzt bemerkt sie das Mädchen in der Pfadfinderjacke auf der Treppe zur Tankstelle. Ja, sie wartet auch auf den Bus nach Den Haag, dort drüben sind noch andere. Am Kiosk drei Frauen in leisem Gespräch, und da eine, dort zwei, jetzt kommen sie von allen Seiten aus dem Dämmer, zaghaft, manche bleiben etwas entfernt noch einmal stehen, schauen über alle Maßen interessiert in irgendein belangloses Schaufenster, als zögerten sie noch zu bekennen, ich gehöre auch dazu. Man mustert, taxiert einander.
Hinter der Telefonzelle versteckt ein bieder aussehendes älteres Ehepaar, mit Tochter vermutlich. Die Tochter weint.
Auch einige Herren haben sich eingefunden. Ihr Gang, ihre Blicke demonstrieren, ich laß doch meine Frau, meine Freundin nicht im Stich, und dann wieder stehen sie da, Standbein-Spielbein, das Gesicht peinlich verlegen über krampfhaft verschränkten Armen, und wissen nicht, wohin schauen.
Na, wann kommt er denn endlich, der Bus, er sollte längst hier sein, es wird doch nicht platzen, das Unternehmen, bloß das nicht, wo es neulich, ach das wissen Sie gar nicht, ja da gab es doch eine Razzia im Frauen-Zentrum, durch alle Zeitungen ist es gegangen, nun mal man nicht den Teufel an die Wand!
Da taucht ein Polizei-Auto auf, fährt einmal langsam um den Platz. Die Gruppe bröckelt ab, verkrümelt sich. Vor allem diejenigen Frauen, die aussehen, als hätten sie Demonstrationserfahrung, schlendern die Straßen hinunter, betont gelangweilt, absichtslos, stellen sich nach und nach wieder ein.
Endlich der Bus. Er hat geparkt, ein paar Straßen weiter, der Fahrer gepennt. Unsanft geweckt von Paula und Sigrid aus dem Frauen-Zentrum, den Begleiterinnen dieser Fahrt, reibt er sich mürrisch das verschwiemelte Gesicht.
Erleichterung. Den Herren fällt ein Stein vom Herzen. Das hätten wir, die Sache ist so gut wie geritzt.
Das Motorengeräusch des anfahrenden Busses beruhigt sie. Fröstelnd duckt sie sich in ihren Sitz, schaut zum Fenster hinaus.
Zeitungsausträger sind unterwegs, Bäckerjungen. Sie kennt diese Straßen, die Geschäfte, die Cafés. Aber was heißt schon kennen? Sie hat zwei Jahre in diesem Viertel gelebt. Aber was heißt schon leben!
Die Neugier auf diese Stadt kam spät, da wohnten sie schon nicht mehr in ihr.
Unwirtlich und häßlich sei F., architektonisch vermurkst, ohne Gesicht, ohne Charakter, ohne Flair, kommunikationsfeindlich, stinkend von Kapital und Verbrechen.
Wie gern, wie willig überließ sie sich diesem Klischee. Und ihre Isolation trug dazu bei, daß sie es täglich überall bestätigt fand.
Sie hatte Heimweh nach T., der kleinen Universitätsstadt, und wann immer sie an diese glücklichste Zeit dachte, packte sie das heulende Elend. Sie zerfloß vor Selbstmitleid. Was halfs, der Beruf des Mannes band sie nun einmal für ungewisse Zeit an diese Stadt, also Zähne zusammenbeißen, Augen zu, hindurch. Überstehn ist alles.
So zog sie weiter mit ihrem kleinen Sohn von einem gestankumwölkten, hundebepißten Schmuddelspielplatz zum anderen. Rutschbahn, Schaukel, Wippe, Kletterstangen, Sandkasten, eine Bank für die Rentner, eine für die Gastarbeiter.
Wehe, eines der Kinder ergriff Besitz von Schaufel und Eimer des anderen. Es wurde bestraft und in die entfernteste Ecke des Sandkastens gepflanzt. «So, da hast dei Schipp, un nu sei still!» Lückenlos dicht war der Gürtel toupierter und ondulierter Leibwächter, sie saßen um die Sandgruben herum, die Kinder blickten verängstigt zu ihnen hinauf.
Sie erinnert sich: ein Junge stürzte einmal vom Fahrrad und schlug sich die Knie blutig. Einen Augenblick kämpfte er mit den Tränen, dann weinte er, leise, mit abgewandtem Gesicht. Der Vater brüllte über den Platz: «Sei ein Mann, Michael, ein Mann weint nicht!»
