Das dritte Element - Christiane S. Brackmann - E-Book

Das dritte Element E-Book

Christiane S. Brackmann

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Beschreibung

Die Liebe ist ein Tanz zwischen Anziehung und Widerstand. Als Klara und Julius sich begegnen, ahnen sie noch nicht, dass jeder zunächst seinen eigenen Tanz finden muss, bevor der gemeinsame Rhythmus der Liebe entdeckt werden kann. Dieses Buch beschreibt die Entwicklung einer Liebe, in die zwei Menschen hineinwachsen können, wenn sie den Mut haben, in ihrer eigenen Wahrheit zu bleiben, sich darin auszutauschen und zu respektieren. Dann ist die Liebe das dritte Element, um das es eigentlich geht, losgelöst von Erwartungen und Enttäuschungen. Eine spirituelle Erfahrung

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EPUB
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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Copyright 2020 Christiane S. Brackmann

Erste Auflage

tredition Verlag

Autor: Christiane S. Brackmann

Umschlaggestaltung, Illustration:

Brackmann-Landgraf, P. Märlender

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 42, 22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen National-bibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Christiane S. Brackmann

Das

dritte Element

Eine spirituelle Erfahrung

Inhaltsverzeichnis

Mallorca

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November – Dezember

Januar – Februar

März

Das dritte Element

Mallorca

Klara

Drei Wochen Mallorca! Ich sitze im Taxi zum Hamburger Flughafen und kann kaum glauben, dass es jetzt soweit ist! Erst einmal zur Ruhe kommen, abschalten, dem Alltag entfliehen. Zeit für mich, mal wieder ausschlafen, ein Buch lesen, Musik hören oder auch einfach nur aufs Meer gucken. Noch immer kreisen meine Gedanken darum, ob ich auch alles eingepackt habe: Personalausweis, Ticket, Sonnenschutz, Lesebrille, alles dabei? Das Taxi hält vor dem Terminal, ich bezahle den Fahrer, der auch gleich mein Gepäck aus dem Kofferraum wuchtet, versuche, mich zu orientieren und begebe mich in der Abflughalle zur Anzeigentafel. Da fällt er mir das erste Mal auf. Der gutaussehende Mann, der ebenfalls den richtigen Schalter sucht und auf die Tafel starrt. Als er erkennt, wohin er muss, nimmt er seinen Trolley und marschiert los. Auch ich schließe mich der langen Schlange an der Gepäckaufgabe an. Das kann jetzt dauern.

Eine Stunde später stehe ich in der nächsten Schlange, um mein Handgepäck durchleuchten zu lassen, da spüre ich so eine angenehme Wärme im Rücken. Da ist er wieder, dieser Mann steht hinter mir und angelt Tablet und Handy aus den Taschen, um es in die Plastikbox zu legen. Ich bin irritiert über dieses warme Gefühl, das ich zu diesem Fremden empfinde, bin aber schon bald durch die Kontrolle und vergesse es auch wieder. Ein Rätselheft wollte ich noch besorgen. Als ich einen Platz am Gate ergattere, beginne ich gleich das erste Rätsel zu lösen. Noch 30 Minuten bis Boarding. Ich bin bereit.

Auf Mallorca erwartet mich ein Doppelzimmer zur Alleinnutzung in einer abgelegenen Finca nahe am Wasser. Sehr gemütlich ist es hier, die Umgebung ist wunderschön, die Sommerblumen leuchten in den schönsten Farben, Sonnenschein, 24 Grad Celsius misst das Thermometer und es weht ein leichter Wind. Und ganz langsam kommen meine Gedanken zur Ruhe, ich darf ankommen, genießen, meine Zeit frei gestalten. Keine Erwartungen, keine Termine, oder doch? Vorhin habe ich mich zu einem morgendlichen Yogakurs angemeldet und abends wird sogar Meditation angeboten. Aber das ist ja alles freiwillig. Mal sehen, wozu ich Lust habe. Nach einem leckeren Abendessen klingt der Abend aus und ich gleite in einen traumlosen Schlaf.

Am Morgen schlüpfe ich in Sporthose und T- Shirt und finde auch gleich den Raum, in dem der Yogakurs stattfindet. Es haben sich bereits etwa 10 Urlauber auf den bereitliegenden Matten eingefunden. Frauen und wenige Männer unterschiedlichen Alters sind bereit, sich sportlich zu betätigen. Mein Verstand versucht sogleich, die Gruppe zu erfassen und innerlich abzuchecken, ob ich gut genug und schön genug bin, und ob ich mit meinen 48 Jahren in die Gruppe passe. Bis die sympathische Yogalehrerin auftaucht und uns mit einer Sammlung in die innere Mitte zurechtrückt. Schnell stellt sich heraus, dass ich bei Atemkatze, Hund und auch den Übungen im Stand gut mithalten kann, so dass sich meine Zweifel beruhigen und ich die 90 Minuten Yoga zufrieden beende.

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem mein geliebter Mann an Krebs gestorben ist. Jahre der Trauer, des Schmerzes und der absoluten Neuorientierung. Zeit, in der ich mich zunächst wie amputiert gefühlt habe, orientierungslos, fassungslos und allein gelassen. Fünfzehn Jahre waren wir zusammen, jeden Morgen sind wir zusammen aufgewacht, jeden Abend gemeinsam ins Bett gegangen. Alles aufeinander abgestimmt, symbiotisch miteinander verbunden. Kinder wurden uns nicht geschenkt, aber das haben wir auch nicht wirklich vermisst. Wir waren glücklich zusammen, bis zu dem Tag, als er mit der Diagnose Prostata Krebs nach Hause kam und unsere Idylle einen riesen Sprung bekam.

Ich sitze am Strand und meine Gedanken verlieren sich in der Vergangenheit. Eigentlich wollte ich diese Zeit verdrängen, aber es gelingt mir nicht so richtig. Viel gearbeitet habe ich, nachdem der erste Schock vorbei war. Mich um andere Schicksale gekümmert. Meine Gefühle vermieden, die Einsamkeit verdrängt. „Hey, darf ich?“ Jemand lässt sich in den Sand sinken und hockt nun neben mir. Sie nimmt ihre Stöpsel aus dem Ohr und streckt mir die Hand hin. „Ich bin Nora, wir haben heute Morgen zusammen Yoga gemacht“. „Klara“, sage ich und erwidere ihren Händedruck. Nora wurschtelt in ihrem kleinen Rucksack herum und zaubert zwei Äpfel hervor, einen bietet sie mir an. „Danke,“ ich nehme den Apfel und fast gleichzeitig beißen wir hinein. „Du bist gestern angekommen, oder?“ „Ja, ich bin noch dabei, mich einzuleben, habe dich heute Morgen beim Yoga gar nicht wahrgenommen. Aber schön, dich kennenzulernen. Seit wann bist du in der Finca del Sol?“ Nora kaut ihren Bissen zu Ende und berichtet, dass sie auch erst zwei Tage hier ist, aber schon im letzten Jahr in der Finca Urlaub gemacht hat, insofern kennt sie den Ort und die Unterkunft gut und hat sich schnell eingelebt. Wir sitzen einfach so nebeneinander und genießen den Meerblick. Sie schein tiefenentspannt. Ihr dunkles Haar mit gräulichen Strähnen hat sie hochgesteckt, Sie trägt eine blaue Shorts mit einem pinken Top, ihre Sandalen liegen im Sand, ihre Sonnenbrille ist ziemlich groß, sie ist mir auf Anhieb sympathisch. Irgendwie wirkt sie bei sich, nicht so viel im Außen und innerlich entspannt.

Eine ganze Weile sitzen wir einfach nur da, ohne viel zu quatschen. Nachdem sie sich nochmal vergewissert hat, mich nicht zu stören, gehen wir fast schweigend den Strand entlang. Es ist einfach nur angenehm, in ihrer Nähe zu sein. Nora ermutigt mich, am Abend an der geführten Meditation teilzunehmen. „Du wirst sehen, das tut einfach gut,“ sagt sie und macht mir Mut. Also erkläre ich mich einverstanden.

Sechs Frauen und ein Mann finden sich zum Meditieren ein. Wie auch beim Yoga sind alle Altersstufen vertreten. Ananda nennt sich die Kursleiterin und sie hat eine sehr angenehme Stimme, mit der sie uns auf eine innere Reise führt. Entlang von Klippen spaziert unser inneres Auge auf einem schmalen Weg und wir gelangen in eine Höhle, deren Wände mit Amethyst, Bergkristall und Rosenquarz versehen sind und die wunderschön funkeln, weil kleine Lichtstrahlen sich darin brechen. Frisches, klares Wasser sprudelt aus einer Ecke in einen kleinen Höhlenteich, in dem wir uns erfrischen und neue Energie tanken. Am Ende der geführten Meditation fühle ich mich erneuert und aufgetankt. Es ist ein herrliches Gefühl und ich bekomme einen Eindruck davon, wieder mit mir selbst in Kontakt zu sein. Dies ist der Beginn eines Urlaubs, der nicht nur der Erholung dient. Eine Reise zu mir selbst.

Am dritten Abend sitzen Nora und ich auf ihrer Terrasse. Wir haben uns etwas angefreundet und teilen uns gemütlich eine Flasche Rioja. Der Weg zum Strand führt an ihrem Appartement vorbei und wir beobachten, wie Hans vom Strand zurück schlendert.

Als er uns da sitzen sieht winkt er. Hans ist vielleicht Anfang sechzig, hat ein kleines Bäuchlein und hellgraue und noch üppige Haare. Er ist auch in der Meditationsgruppe. Wir laden ihn ein, sich zu uns zu setzen. „Gerne,“ antwortet er erfreut und Nora holt ihm ein Weinglas. Wir tauschen uns über unsere Erfahrungen in der Meditation aus und lernen uns etwas näher kennen. Die Frau von Hans ist an Brustkrebs gestorben vor vier Jahren. Seitdem hat er hier in der Finca del Sol für sich einen guten Platz gefunden, um alleine Urlaub zu machen. „Ich musste mich komplett neu finden“ erzählt er offen. „Meine Frau und ich waren ein eingespieltes Team, jeder in seiner Rolle, aber das hat wunderbar funktioniert“. Seitdem sie gestorben war, hat sich dieses Konstrukt komplett aufgelöst. „Ich habe diese Rolle bedient, ohne je zu hinterfragen, ob ich das eigentlich wirklich will“. Hans nippt an seinem Rotwein. „Dann habe ich herausgefunden, dass ich jetzt meinen eigenen Bedürfnissen folgen muss, aber die zu finden, das war wirklich nicht so einfach“. „Oh je, das kenne ich auch gut“. Nora stöhnt, während sie uns allen nochmal nachschenkt. „Ich war in meiner Ehe auch immer die Mutter für alle, egal, ob sie schon erwachsen waren oder nicht. Selbst mein Mann hat sich manchmal so verhalten, als wäre er einer von unseren Kindern“. Und dann erkenne ich, dass auch ich mich auf die Suche machen darf, wo eigentlich meine Bedürfnisse sind. Als Psychotherapeutin bin ich sehr geübt darin, meine Klienten in ihren Bedürfnissen wahrzunehmen. Aber wo bin ich? Es ist Zeit, danach zu forschen!

Der nächste Tag zeigt sich windstill und wolkenlos. Wir starten mit dem Sonnengruß in den Morgen, frühstücken auf der Terrasse und lassen uns treiben. Ich mache einen langen Spaziergang am Strand und versuche, mich an das zu erinnern, was ich schon immer mal machen wollte. Es fühlt sich richtig gut an, mit mir selbst in Kontakt zu sein und nicht mehr das Gefühl zu spüren, irgendetwas darstellen zu müssen. Mir wird klar, dass wir von Kindesbeinen an lernen, uns an den Eltern, Erziehern, Lehrern usw. zu orientieren. Auch wenn wir in das Leben hineinwachsen müssen, sind wir doch oft fremdbestimmt und lernen nicht wirklich unsere Fähigkeiten zu integrieren. Also machen wir uns Rollen zu eigen, weil wir uns wertlos fühlen. Wir versuchen etwas vermeintlich Wertvolleres darzustellen. Ich gehe in mich: Welche Rollen nehme ich ein? Also auf jeden Fall die Therapeutenrolle, die meistens mehr weiß, als die, die zu ihr kommen. Naja und in meiner Ehe habe ich mich eher angepasst. Zusätzlich zu meiner Arbeit natürlich den Haushalt. Mein Mann hat eher wenig dazu beigetragen. Und die Attraktive wollte ich sein, wahrscheinlich, weil ich mich nicht wirklich so gefühlt habe. Und eigentlich immer nur, wenn ich das Haus verlassen habe. Also nach außen hin.

Am Nachmittag treffe ich Nora und Hans. Er hat einen Leihwagen und fragt vorsichtig an, ob es unseren Bedürfnissen entspricht, mit ihm eine kleine Spritztour an die Westküste zu machen. Nora und ich grinsen und stimmen sehr gerne zu. Es ist eine tolle Fahrt, die Westküste Mallorcas ist bergig und man hat einen wunderschönen Blick über das Meer. Besonders in dem einen Restaurant, in dem wir eine kleine Pause einlegen, um Café con leche zu trinken. Schnell sind wir wieder im Gespräch. Nora ist 57 Jahre alt, geschieden und hat zwei erwachsene Kinder. „Ich stelle immer wieder fest, dass die Menschen in Identifikationen leben,“ sagt sie. „Sie haben nicht gelernt, aus sich selbst heraus zu leben.“ Wir stimmen zu. „Genau,“ Hans rührt den Zucker in seinen Kaffee. „Dabei ist alles so viel einfacher, wenn wir uns authentisch begegnen könnten.“ Plötzlich zeigen einige Urlauber aufs Meer und alle drehen ihre Köpfe in die Richtung. Tatsächlich schwimmen dort Delfine! Mit ihrer Eleganz und Leichtigkeit tanzen sie geradezu durch das Wasser! Sie sind einfach, was sie sind. Wir staunen und zucken unsere Handys, um das Erlebnis einzufangen.

In der Abendmeditation geht unsere Reise in Kontakt zu unserem inneren Kind. Das passt. Meine kleine Klara empfinde ich als aufgeweckt, offen und neugierig. Diese Fähigkeiten möchte ich mir bewahren und in meinem zukünftigen Leben zu eigen machen.

Die nächsten beiden Tage verbringe ich alleine. Je mehr ich wieder in Kontakt zu mir komme, desto mehr spüre ich auch die verdrängte Traurigkeit über den Verlust meines Mannes. Lange Spaziergänge am Wasser entlang und besonders auch auf Wegen, die eher einsamer sind, geben mir Zeit und Mut, nicht geweinte Tränen kommen zu lassen. Ich spüre, dass es wichtig und gut ist, mich davon zu befreien. Manchmal sitze ich einfach nur da und habe fast das Gefühl, gar nicht mehr zu denken. Abends schreibe ich einige Dinge auf, die ich für mich bemerke und nicht mehr vergessen will. Yoga und Meditation tun mir sehr gut, auch das will ich unbedingt nach meinem Urlaub weiter machen. Auch der Kontakt mit Nora und Hans gestaltet sich unkompliziert und bereichernd. Meine Bedürfnisse werden langsam klarer. Meine therapeutische Arbeit nimmt zu viel Raum ein. Vielleicht möchte ich sie auch etwas verändern. Ich brauche mehr Zeit für mich und möchte mich mit Freunden intensiver austauschen. Nicht so sehr an der Oberfläche. Mir wird klar, dass der Tod meines Mannes dazu beigetragen hat, dass unsere Freunde auch verunsichert waren. Wie können sie mir begegnen? Was dürfen sie fragen? Wann würde es mir zu nahe gehen? Aus Angst, etwas falsch zu machen, haben manche nichts gemacht, einige haben sich zurückgezogen. Hätten sie nach meinen Bedürfnissen gefragt und hätte ich diese Frage auch beantworten können, wäre es leichter für alle gewesen. In Zukunft werde ich offensiver damit umgehen.

Während der Tage, die ich mit mir alleine war, habe ich Nora und Hans des Öfteren zusammen gesehen. Sie saßen zusammen am Strand und auch abends mal auf ihrer Terrasse. Fast habe ich das Gefühl, nicht mehr dazu zu gehören. Aber am folgenden Abend fragt Nora mich, ob ich Lust hätte, mit ihr eine Strandbar zu besuchen. Gerne sage ich zu.

Wir schlendern entspannt die Promenade entlang und ich kann ihr von der Krankheit meines Mannes erzählen. Ich berichte von den Tränen der letzten Tage und davon, wie wichtig es für mich war, mir die Zeit, die ich verdrängt hatte wieder ins Bewusstsein zu holen. Nora versteht sofort, was ich meine. „Weißt du, Klara, nach der Trennung von meinem Mann ging es mir genauso. Der Klassiker; die Kinder werden erwachsen und der Mann sucht sich eine jüngere Frau. Unsere Freunde wussten nicht so recht damit umzugehen. Einige dachten, sie müssten Partei ergreifen, einige Paare konnten mit einer nun alleinstehenden Frau nichts mehr anfangen. Es gab sogar Frauen, die fürchteten, ich würde mich nun an ihre Männer ran machen. Dabei war mir vollkommen klar, dass ich jetzt aufgefordert war, meine Mutter Rolle abzulegen und meine Wahrheit zu finden. Und das habe ich auch getan. Von den ursprünglichen Freunden ist nur noch meine Schulfreundin übriggeblieben. Ich habe mehrere Workshops besucht, die mich interessiert haben. Dadurch haben sich neue Kontakte ergeben, intensiverer Austausch mit Menschen, die auch auf der Suche waren.“

Wir finden einen geschützten Platz in der Strandbar und bestellen Sangria. „Hast du nie wieder das Bedürfnis gehabt, eine Beziehung einzugehen?“ Nora schüttelt den Kopf. „Nein, das war für mich die ersten Jahre undenkbar. Jetzt, nach sieben Jahren Single Dasein fange ich an, es für möglich zu halten. Aber nur wenn der Mann bereit ist, sich mit einer Frau einzulassen, die sich ihrer selbst bewusst ist. Und den musst du erst einmal finden.“ Wir nuckeln an unserem Strohhalm.

In der zweiten Woche findet in einer Höhle in einem Nachbarort ein Klavierkonzert statt. Ananda fragt nach der Meditation, ob einer der Teilnehmer Interesse daran hat. Sie hätte noch fünf Karten dafür zur Verfügung. Spontan heben Nora, Hans und ich unsere Hände. Hans erklärt sich bereit, zu fahren. Ich freue mich sehr darauf! Ananda erzählt, dass in dieser Höhle eine spezielle Akustik vorhanden ist, die das Konzert zu einem besonderen Erlebnis macht. Wir sind sehr gespannt. Die Höhle ist nicht sehr tief im Felsen, so dass man sich nicht eingeschlossen fühlt. Sie ist nicht besonders groß. Ich schätze, dass ungefähr 100 Menschen darin Platz finden. Insofern sind die Stühle nicht nummeriert und wir starten rechtzeitig, um einen guten Platz zu bekommen. Es ist speziell, sich für ein Konzert hier einzufinden. Der Flügel ist gut platziert, so dass alle Gäste einen freien Blick darauf haben. Das Programm kündigt Klavierkonzerte von Beethoven, Schubert und Mozart an. Die Höhle ist wunderschön ausgeleuchtet. Schon während wir warten, fühlen wir uns wohl und inspiriert. Eine tolle Atmosphäre! Plötzlich wird das Licht gedämpft und nur ein Lichtkegel beleuchtet den Flügel.

Der Pianist Julius Kielmann erscheint und wird mit begeistertem Applaus willkommen geheißen. Er sieht unheimlich gut aus in seinem weißen Anzug.

Mein Herz beginnt zu pochen uns ich kann es kaum glauben. Es ist der schöne Mann vom Flughafen! In der Höhle ist es mucks Mäuschen still. Er schlägt die ersten Tasten an und die Klänge entfalten sich in diesem Raum wie ein Zauber. Wie gebannt lauschen wir dem Konzert und als der letzte Akkord erklingt, ist es einen Moment lang ganz still, bis der Applaus losbricht.

Am nächsten Morgen ist der Himmel bedeckt. Nach dem Frühstück fahre ich mit Nora und Hans auf einen Markt im übernächsten Ort. Es gibt jede Menge Obst, Fisch, Gewürze und Gemüse. Spontan beschließen wir üppig einzukaufen und bei Nora im Appartement am Abend zu kochen. Ich bin gespannt. Drei unterschiedliche Menschen, die sich kaum kennen zaubern ein mediterranes Menü. Gerade als wir alles aus dem Auto in Noras Küche geschleppt haben, bricht das Unwetter los. In Sturzbächen schütten die Wolken den Regen über Mallorca aus. Aber wir sind im Trocknen. Nora kocht eine Kanne Tee und wir machen es uns gemütlich. Wir kommen nochmal auf das Thema Bedürfnisse zu sprechen. Nora sagt, sie hat erst nach der Scheidung angefangen mit sich selbst in Kontakt zu kommen. „Klar, mit 20 Jahren habe ich mich in Alex verliebt, dann waren wir verrückt nacheinander, er hat sein Studium in Betriebswirtschaft gemacht, ich wurde Zahnarzthelferin. Dann haben wir mit 26 geheiratet, die beiden Jungs bekommen, und schon waren wir eine ganz normale Familie. Eigentlich haben wir das gemacht, was alle gemacht haben, mit einigen wenigen Abweichungen. Vielleicht haben wir uns mal gefragt, wo wir Urlaub machen wollen, aber Bedürfnisse im Alltag, das gab es nicht. Ich meine, du bist auch wahnsinnig eingespannt mit zwei Kindern. Abhängig von den Ferien, Schularbeiten, Fußballverein, Schwimmen, und was die Kids sonst noch so alles vorhaben. Am Abend war ich müde, lustlos, ausgelaugt. Und am nächsten Tag ging es wieder los.“ Hans bestätigt das. Bei ihm war es ähnlich. Er hat mit seiner verstorbenen Frau Inge eine Tochter, die jetzt 32 ist. „Ich habe das Geld verdient und Inge war Hausfrau. Wir wollten es so. Ganz klassisch. Ich bin in der Immobilienbranche tätig. Wir haben nichts vermisst. Und später, als Jenny älter wurde hat Inge mir bei der Buchhaltung geholfen. Bis bei ihr der Knoten in der Brust entdeckt wurde. Mist war das.“

Mir wird klar, dass ich ohne eigene kleine Familie ein ganz anderes Leben habe. Jetzt bin ich eigentlich mit meiner Praxis verheiratet. Aber ich bin nicht so in einen Familienalltag involviert, wie es andere sind. Mein Mann war Unternehmensberater.

„Als Georg noch lebte, hatten wir es richtig gut. Wir hatten jeder unseren Arbeitsbereich, haben tolle Reisen gemacht und uns gegenseitig unterstützt. Seit seinem Tod versuche ich, alleine weiter zu machen. Einerseits, um mich abzulenken, andererseits, um die Praxis zu halten. Aber jetzt merke ich, dass mir das alles zu viel wird. In den letzten zwei Wochen ist mir klar geworden, dass ich mir etwas einfallen lassen muss. Und in erster Linie brauche ich den Kontakt zu mir. Sonst habe ich ja keine Orientierung.“ Wir tauschen uns noch eine Weile aus, bis die Abendmeditation beginnt.

Wie immer machen wir es uns auf den Matten bequem und kuscheln uns ein. Die Meditationsreisen sind für Einsteiger gedacht und so dürfen wir dabei liegen. Ich schließe schon mal die Augen und stimme mich innerlich ein. Kurz gibt es noch eine kleine Unruhe, anscheinend ist noch jemand dazu gekommen. Dann folgen wir Anandas ruhiger Stimme auf die innere Reise. Dieses Mal beginnt sie mit progressiver Muskelentspannung und anschließend machen wir einen imaginären Waldspaziergang. Auf einer Lichtung begegnen wir unserem Weggefährten aus der geistigen Welt. Vor meinem inneren Auge erscheint ganz klar ein Reh. Wir sehen uns direkt in die Augen und ich spüre eine solche Sanftheit von ihm ausgehen, die mich tief innen berührt. Fast bin ich ein wenig ärgerlich, als Ananda uns aus der Meditation herausführt. Wir ruckeln uns alle zurecht, recken und strecken uns und öffnen dann langsam unsere Augen. Ich glaube, ich guck nicht richtig. Drei Matten weiter schält sich der Neuankömmling aus seiner Decke und blinzelt in die Runde. Es ist der Mann am Klavier.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen mache ich mich auf zu einem weiteren Spaziergang am Wasser. Ich denke an gestern Abend. Das war richtig gemütlich. Zu dritt haben wir ein drei Gänge Menü gekocht, Wein getrunken und locker geplaudert. Und viel gelacht haben wir. Ganz interessant, wie wir uns Stück für Stück näher kennenlernen, uns austauschen und tatsächlich dabei versuchen, unsere Bedürfnisse zu erforschen. Heute Morgen ist mir mehr danach alleine zu sein. So mache ich mich auf den Weg zum Strand. Ich bin immer noch nicht sicher, ob es wirklich der Pianist aus der Höhle war, der gestern Abend bei der Meditation dabei war. Die anderen scheinen ihn nicht bemerkt zu haben. Es weht eine laue Brise, schönster Sonnenschein, meine Füße genießen das gehen im Sand, das Wasser empfinde ich aber noch zu kalt zum Baden. Irgendwann finde ich ein schönes Plätzchen und setze mich in den Sand. Ich krame mein Handy heraus, mir ist eingefallen, dass ich nachsehen wollte, was das Reh als Krafttier bedeutet: Das Krafttier Reh fordert dich auf, immer wieder offen für Veränderungen zu sein, auch wenn du deinem Zuhause und deinen Gewohnheiten gerne treu bleiben würdest. O.k., dann will ich mich mal öffnen für die Veränderungen, die mein geistiger Weggefährte angekündigt hat. Welche Veränderungen wünsche ich mir? Etwas weniger Arbeit und Verantwortung, mehr Privatleben. Ja, ich möchte auch zuhause mit Yoga und Meditation weiter machen, mich meiner eigenen Wahrheit annähern. Und ich hoffe, ich kann das auch umsetzen. Ganz in meiner Nähe ist ein Yogazentrum, da könnte ich mich nach einem Kurs für Anfänger umsehen, und ich glaube, die bieten auch Meditationskurse an. Mit diesem Vorsatz bin ich ganz zufrieden und steuere auf die Strandbar zu, ein Cappuccino scheint mir jetzt genau das Richtige zu sein. Und siehe da, Nora und Hans hatten das gleiche Bedürfnis und winken mich schon herbei. „Sag mal Klara, was ist eigentlich ein Weggefährte aus der geistigen Welt?“ Ich habe noch nicht einmal den Kaffee bestellt, da sind wir schon wieder im Thema. „Nora und ich philosophieren gerade darüber,“ sagt Hans. „Also ich glaube, dass wir alle auf der Suche sind nach unserer inneren Wahrheit. Und wenn wir uns der Meditation widmen, empfangen wir möglicherweise kleine Impulse, die uns begleiten, dem näher zu kommen. Die geführte Meditation gestern Abend hat uns in Verbindung gebracht mit unserem momentanen Krafttier. Was ist euch denn da eigentlich begegnet?“ Nora ist bemüht, sich zu erinnern und sagt plötzlich: „Ich habe eine Eule gesehen.“ Und Hans sagt sofort: „Und ich einen Bären.“ Ich bin erstaunt, wie gut sich die beiden erinnern und erzähle von meiner Begegnung mit dem Reh. „HERZENSWÄRME, DASEINSFREUDE, INNERER FRIEDEN, LEICHTIGKEIT, OFFENHEIT, SCHÖNHEIT, VERÄNDERUNG und VERTRAUEN sind die Attribute, die das Reh verkörpert. Ich habe eben schon über die Veränderungen nachgedacht, die ich mir wünsche und die ich auch einleiten möchte, wenn ich wieder zuhause bin.“ „Wow,“ Nora staunt. „Du machst ja richtig was damit. Ich sehe vor meinem inneren Auge die Eule, denke, ach eine Eule, recke und strecke mich nach der Meditation und hab es auch schon wieder vergessen.“ Hans ist schon ins Internet eingetaucht und versucht die Bedeutung seines Krafttieres Bär heraus zu finden. „Die Energien des Bären wirken als eine Art innerer Widerspruch in dir. Weil du dich einerseits gerne in der Gemeinschaft mit Menschen aufhältst, meist aber lieber als Einzelgänger durchs Leben gehst oder alltägliche Anforderungen im Alleingang meisterst. “ Wir nicken, ja das passt, in unserer Runde wirkt Hans gesellig und locker, aber er hat auch erzählt, dass er sich nach dem Tod seiner Frau sehr zurückgezogen hat. „Naja,“ sagt er, „unsere Freunde haben sich nach dem Tod von Inge auch immer mehr zurückgezogen. Ich glaube, die wussten nicht wirklich damit umzugehen. Und mir war ehrlich gesagt auch nicht danach in den Pärchenrunden alleine aufzutauchen, da kommt der Schmerz nochmal so richtig zum Vorschein und das wollte ich natürlich nicht. Aber hört her: Die Eigenschaften des Bären sind STÄRKE, INTUITION, LEBENSKRAFT, BODENSTÄNDIGKEIT, INNERER HEILER und WANDELDURCHSETZUNG.“ Wir sind beeindruckt. Es scheint so, dass auch Hans aufgefordert ist, in seinem Leben etwas zu verändern und Neues zu integrieren. „So,“ Nora ist nun auch neugierig geworden, „nun kannst du ja auch nochmal schauen, was die Eule so zu bieten hat, bitte.“ „ Wenn die Eule dir als geistiges Krafttier erscheint, wirst du in deinem Kern nicht wahrgenommen. Die Eule istkein Wesen der Oberflächlichkeit. Ihr Weg führt dich hinab zu den Tiefen deines ursprünglichen Selbst – dem wertvollsten Schatz, den es zu finden gibt.“Wir sind beeindruckt. Nora macht schon mehrere Jahre Yoga und hat sich damit schon ein wenig auf den Weg gemacht. „Das darf noch ausgebaut werden,“ verkündet sie. „Mal sehen, was mir dazu noch begegnet und was mir noch so einfällt. Nenne mir doch bitte nochmal die Stärken dieses Nachttieres.“ „INNENSCHAU, KLARSICHT, GEDULD, EINSICHT, ZENTRIERUNG, KONZENTRATION, WEITBLICK und INTUITION,“ Nora tippt alles in ihr Handy und man merkt ihr bereits an, dass es schon in ihr arbeitet.

Die Meditation am Abend ist eine reine Entspannung. Auch das tut gut. Diesmal spielt Ananda eine ruhige Hintergrundmusik und wir gleiten alle in eine Art Trance, bei der wir die Welt im Außen total ausblenden und nur bei uns selbst sind. „Stell dir vor, du atmest dich aus allen Situationen heraus, in die du zu sehr involviert bist. Lasse die Welt im Außen mit jedem Atemzug etwas mehr los. Und dann beginne mit der Einatmung in dich selbst hinein zu atmen. Stell dir vor, du wirst von innen gerufen. Öffne dich dafür, dass sich dein Bewusstsein so sehr erweitert, dass du sowohl dein Körper, als auch deine Seele sein kannst. Atme dich selbst ein!“ Ich erlebe diesen Meditationsabend wie eine Sternenstunde. Am Ende stelle ich mir die Frage, ob alles, was ich wissen möchte in mir selbst zu finden ist? Aber häufig nehme ich die Impulse von innen heraus nicht ernst genug. Ich bin immer noch in Abhängigkeiten und Zwängen verhaftet.

Der Pianist ist nicht mehr aufgetaucht. Heute möchte ich am Abend nochmal am Wasser sitzen. Der Sonnenuntergang ist zwar schon vorbei, aber das Rauschen des Meeres und die Stille tun mir total gut. Ich merke, dass ich immer noch viel zu viele Gedanken habe, die mir den ganzen Tag so durch den Kopf gehen. Wie Wolken am Himmel ziehen lassen, sagt Ananda. Gar nicht so einfach. Auf dem Rückweg kehre ich noch kurz in die Bar ein um eine Sangria zu trinken. Es sind kaum Gäste dort, und ich bin auch froh, dass die Musik nicht so laut ist. Plötzlich kommt er angeschlendert, der Klavierspieler. Ich kann kaum glauben, dass er sich zu mir an die Bar setzt und einen Rioja bestellt. Wir sind beide nicht so in Erzähllaune, aber ein paar Eckdaten tauschen wir dann doch aus. Sympathisch, stelle ich fest.

„Guten Morgen ihr beiden Hübschen,“ Hans kommt bestens gelaunt zum Frühstück und will Nora und mich überreden, einen Ausflug nach Port de Pollenca zu machen. Er muss es uns nicht lange schmackhaft machen. Eine Stunde später sind wir bereits unterwegs zur nördlichen Spitze Mallorcas. „Ihr glaubt nicht, mit wem ich gestern Abend noch in der Bar gesessen habe. Julius Kielmann, der Pianist.“ Etwas in mir strahlt, obwohl es eigentlich nicht besonders spektakulär war. Nora und Hans sind erstaunt, sie haben ihn noch gar nicht in der Finca del Sol gesehen. Ich berichte kurz von unserem Smalltalk während der Fahrt. Dann steigen wir aus, machen einen langen Spaziergang am Hafen entlang und gönnen uns später noch Kaffee und Kuchen. „Und, was machen eure Krafttiere? Sind sie schon aktiv?“ Nora will es wissen. Sie berichtet, dass sie einen Traum hatte, indem sie Achterbahn gefahren ist und in dem Moment aufwachte, als es ganz steil bergab ging. „Ich war völlig fertig. Normalerweise träume ich gar nicht, oder besser, ich kann mich nicht daran erinnern.“ Gestern hat sie dann auch den ganzen Tag alleine verbracht. „Und jetzt kommt es: ich habe beschlossen, eine Ausbildung zum Hypnosecoach zu machen. Das spricht mich total an. Wir haben so viele Angstpatienten in der Praxis, da kann ich das wunderbar einsetzen.“ Wir sind beeindruckt. „Das wäre auch was für mich,“ werfe ich ein „das würde meine Arbeit auch noch ganzheitlicher machen.“ Hans findet das unheimlich. „Habt ihr keine Angst davor? Nachher weißt du nicht mehr, was du alles gemacht und gesagt hast, als du in Trance warst.“ Nora und ich haben keine Bedenken. Im Gegenteil. Da Nora auch aus Hamburg kommt, beschließen wir, uns nach einem guten Lehrer zu erkundigen, „Und, wir bleiben so auf jeden Fall in Kontakt!“ Nora ist schier begeistert. „Ich will auch im Kontakt bleiben,“ nuschelt Hans vor sich hin und wir lachen. „Na klar!“

Der Klavierspieler in Jogginghose, auch nicht schlecht. Wir begegnen uns wieder bei der Abendmeditation. Ananda wiederholt nochmal die Meditation in der Edelsteinhöhle. Wir tanken die Energie von Bergkristall, Amethyst und Rosenquarz und erfrischen uns mit kristallklarem Wasser. Es ist wunderbar in der Höhle. Und diesmal bin ich nicht alleine. Ich treffe den Pianisten in meiner Meditation und wir haben eine innige Verbindung zueinander. Als wir wieder auftauchen bin ich irritiert. Was war das denn? Er grinst mich an, als hätte er dasselbe erlebt wie ich. Irgendwie will ich diesmal schneller den Raum verlassen als sonst.

Die Zeit in der Finca vergeht im Fluge. Schon hat Nora ihren letzten Abend und wir verabreden uns im Laguna, ein Fischrestaurant an der Promenade. Sie hat sich gewünscht, dass wir zu dritt ihren Urlaub mit einer Fischplatte ausklingen lassen. Nora und Hans sind bereits da, als ich eintreffe, und nippen schon an ihrem ersten Glas Weißwein. Und, ich bin ein wenig überrascht, sie halten Händchen. Sehr vertraut wirken sie miteinander. „Hola, ihr zwei, habe ich was verpasst?“ Ich rücke meinen Stuhl zurecht und setze mich dazu. „Abschiedsblues“ sie antworten unisono und wir lachen. Der Fisch ist lecker, der Abend lustig, der Wein trägt zu allem Genuss bei und eins ist klar: Der Kontakt bleibt, auch wenn alle wieder in und bei Hamburg sind. Die Idee mit der Hypnoseausbildung wollen wir auch verfolgen. Am Ende ist es also nur ein Abschied von der Finca del Sol und von Mallorca.

Mein letzter Abend in der Finca ist ein ganz ruhiger. Nora und Hans sind schon zwei Tage weg, Julius ist gestern abgereist. Zuvor hatten wir noch einen langen Abendspaziergang, an dem wir uns gut unterhalten haben. Er wirkte ein wenig verschlossen, ist aber dann doch etwas aufgetaut und hat mir von seiner Freundin Vanessa erzählt. Auch ich habe ihm von Georg berichtet und davon, dass ich mich hier in diesen drei Wochen entschieden habe, mein Leben wieder aktiv zu gestalten. Am Ende haben wir noch eine Sangria in der Bar getrunken und unsere Handynummern ausgetauscht. Wenigstens etwas. Ich weiß nicht, was das ist, aber ich spüre ein so warmes Gefühl in seiner Nähe, das kenne ich gar nicht. Es ist keine sexuelle Anziehungskraft, die da wirkt, eher ein tiefes Einverständnis. Nur weiß ich nicht, womit ich einverstanden sein soll.

 

Julius

So sehr ich das Klavierspielen liebe und die Musik genieße- das Touren durch Europa stresst mich inzwischen. Madrid, Barcelona und dann noch nach Mallorca, bevor ich für eine Woche wieder zuhause in Hamburg bin. Ständig irgendwo am Flughafen stehen, in Hotelzimmern übernachten. Auch wenn mein Manager alles recht gut organisiert, merke ich, dass ich auf Dauer nicht dafür geschaffen bin. „Vanessa“, mein Handy klingelt und meine derzeitige Freundin meldet sich verstimmt. „Hast du nicht versprochen, dich zu melden, wenn du angekommen bist?“ Ich beruhige sie und erkläre, dass der Flieger Verspätung hatte. Sie nervt mich etwas, weil sie andauernd hinter mir her telefoniert und nicht akzeptieren kann, dass ich keine wirklich verbindliche Beziehung eingehen möchte. „Hör zu, ich habe gerade erst im Hotel eingecheckt. Lass mich doch bitte in Ruhe ankommen, bevor ich mich melde.“ Das fällt ihr schwer, dennoch lässt sie sich besänftigen und nachdem wieder Ruhe eingekehrt ist, legen wir auf. Ich gehe auf den Balkon und schaue aufs Meer. Das tut gut, dann setze ich mich auf einen der beiden Outdoor Stühle und atme die Meeresluft ein. Der Blick ist wunderbar, ich schweife in die Ferne, gönne meinen Augen die Weite und genieße den Moment. Tatsächlich habe ich mich am meisten auf das Konzert hier in der Höhle auf Mallorca gefreut. Es ist eine besondere Atmosphäre und damit ein