1,99 €
Rudyard Kiplings "Das Dschungelbuch (Mit Original-Illustrationen)" ist ein faszinierendes Werk, das in der literarischen Tradition der viktorianischen Fabel und des Kolonialismus verankert ist. Es erzählt die Geschichte des Menschenjungen Mogli, der im indischen Dschungel von Wölfen aufgezogen wird und die Herausforderungen des Überlebens sowie die komplexen Beziehungen zwischen Mensch und Natur erforscht. Kiplings lebendiger, poetischer Stil und die bemerkenswerten Illustrationen schaffen eine atmosphärische Kulisse, die sich sowohl an Erwachsene als auch an Kinder richtet und den Leser in die innere Reise seines Protagonisten eintauchen lässt. Rudyard Kipling, geboren 1865 in Indien, erlebte selbst die kulturellen Spannungen und die natürlichen Schönheiten Indiens, die sein Schaffen nachhaltig beeinflussten. Seine Kindheit und Jugend im subkontinentalen Raum prägten seinen literarischen Stil und sein Verständnis der Tierwelt. Kipling, der viele Facetten der menschlichen Natur und des Kolonialerbes studierte, nutzte seine Erlebnisse, um Geschichten zu kreieren, die sowohl die Unschuld der Kindheit als auch die harten Lektionen des Lebens beleuchten. "Das Dschungelbuch" ist eine zeitlose Erzählung, die die Leser dazu einlädt, die Grenzen von Zivilisation und Wildnis zu hinterfragen. Es bietet tiefe Einblicke in Themen wie Identität, Zugehörigkeit und das Zusammenleben von verschiedenen Arten. Für Leser jeden Alters ist es ein einladendes und lehrreiches Erlebnis, das in keiner Bibliothek fehlen sollte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung vereint die beiden klassischen Erzählungsbände, die unter dem Titel Das Dschungelbuch bekannt sind, in einer Ausgabe mit historischen Original-Illustrationen. Ziel der Zusammenstellung ist es, den vollständigen Textumfang beider Bände in einer stimmigen Lektüre zu präsentieren und zugleich die visuelle Dimension der frühen Ausgaben zu bewahren. Damit wird ein Werkzusammenhang sichtbar, der sich aus wiederkehrenden Motiven, Figuren und Schauplätzen ergibt. Die Ausgabe richtet sich an Erstleserinnen und Erstleser ebenso wie an Kennerinnen und Kenner, die die Texte in ihrer literarischen Dichte und bildnerischen Begleitung neu entdecken möchten.
Die hier versammelten Bücher entstanden im späten 19. Jahrhundert und tragen die Handschrift eines Autors, der zwischen britischer Herkunft und indischem Lebensraum geprägt wurde. Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch sind jeweils Sammlungen eigenständiger Erzählungen, die sich thematisch und atmosphärisch zu einem Ganzen fügen. Der historische Kontext ist im Text spürbar, ohne dass ein dokumentarischer Anspruch bestünde: Die Geschichten entfalten sich in einem poetisch verdichteten Indien, in dem Topografie, Klima und Tierwelt eine literarische Bühne bilden. Diese Ausgabe stellt die Texte in ihrer überlieferten Form dar.
In dieser Sammlung begegnen wir vor allem erzählender Prosa: kurze bis mittellange Geschichten, die in sich abgeschlossen sind und dennoch durch wiederkehrende Figuren, Orte und Motive verbunden werden. Begleitende Gedichte und Lieder rahmen oder kommentieren einzelne Erzählungen; sie verleihen den Bänden eine rhythmische Struktur und erweitern den Klangraum der Prosa. Das Spektrum reicht von abenteuerlicher Tiererzählung bis zu nachdenklichen, fast fabelhaften Stücken. Die Bandbreite der Textsorten ist damit klar umrissen: Erzählungen mit poetischen Einsprengseln, die als eigenständige Teile lesbar sind und zugleich ein Ensemble bilden.
Die verbindenden Themen kreisen um Zugehörigkeit, Identität und die Suche nach einem Platz in der Gemeinschaft. Fragen von Freiheit und Verantwortung, von Freundschaft und Loyalität, von Mut und Vorsicht werden in Situationen erprobt, die die Figuren an Grenzen führen. Das Verhältnis von Natur und Kultur, Instinkt und Regel, Wildnis und menschlicher Ordnung ist dabei ein wiederkehrendes Spannungsfeld. Die Geschichten betrachten Initiation und Heranreifen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und lassen Raum für Ambivalenzen. So entsteht ein Themenbogen, der sowohl unmittelbar anspricht als auch zu weiterem Nachdenken einlädt.
Stilistisch verbindet Kipling anschauliche, wirtschaftliche Prosa mit hoher Bildkraft. Sätze sind oft klar gebaut, die Wortwahl präzise, und dennoch schwingt eine erzählerische Musikalität mit, die die Gedichte organisch in die Prosa integriert. Szenen werden mit wenigen, markanten Strichen gezeichnet; Geräusche, Gerüche und Bewegungen sind sorgfältig gesetzt und erzeugen eine dichte Atmosphäre. Charakteristisch ist zudem eine Balance aus Ernst und Heiterkeit: Humor und Wärme stehen neben Momenten der Gefahr und Strenge, ohne die Gesamtkomposition zu zerreißen. Diese Mischung gibt den Texten ihre nachhaltige Suggestionskraft.
Ein prägendes Merkmal der Bücher ist die Darstellung der Tierwelt als handelnde Kraft. Tiere erscheinen nicht als bloße Allegorien, sondern als Wesen mit eigenem Gesetz, Rhythmus und Erfahrungshorizont. Die Erzählungen nutzen Elemente der Fabel, ohne sich vollständig in Symbolik zu verlieren; sie öffnen eher einen Resonanzraum, in dem menschliche und nichtmenschliche Perspektiven einander spiegeln. Aus der Nähe von Beobachtung und Imagination entsteht eine literarische Dschungelwirklichkeit, die weder naturalistisch noch märchenhaft aufgelöst wird, sondern zwischen Erkenntnis, Staunen und Respekt ihren Ton findet.
Der Schauplatz ist überwiegend der indische Dschungel mit seinen Flüssen, Tälern, Felsen und Lichtungen. Landschaft ist hier nicht bloße Kulisse, sondern wirkt als Handlungsträgerin mit: Wetterwechsel, Dunkelheit und Tagesanbruch, Geräuschschichten und Geruchsspur bilden einen Erfahrungsraum, der die Entscheidungen der Figuren mitprägt. Zugleich blitzt gelegentlich die Nähe menschlicher Siedlungen auf, was die Reibung zwischen Wildnis und Ordnung noch spürbarer macht. Die Topografie entfaltet sich im Text durch prägnante Ortsangaben und Bewegungsverläufe, die Lesende förmlich miterleben lassen, wie sich Wege öffnen und wieder schließen.
Die Geschichten entfalten einen deutlichen pädagogischen Impuls, ohne didaktisch zu wirken. Sie zeigen, wie Regeln Orientierung geben können, ohne jeden Widerspruch zu ersticken; wie Mut ohne Übermut, und Fürsorge ohne Bevormundung möglich ist. Lernen geschieht in Stufen, durch Versuch und Irrtum, und häufig im Verbund einer Gemeinschaft, die zugleich schützt und fordert. Dadurch gewinnen die Erzählungen etwas Zeitloses: Sie sprechen nicht nur Kinder an, sondern auch Erwachsene, die in den Konflikten von Nähe und Distanz, Freiheit und Bindung, wiedererkennbaren Erfahrungen begegnen.
Strukturell sind die Bände lose komponiert: Geschichten können einzeln gelesen werden, doch ergeben sie in der Folge ein feines Netz von Anspielungen und Rhythmen. Wiederkehrende Motive – etwa der Übergang von der Nacht zum Morgen, Spurenlesen, Ruf und Antwort – stabilisieren diesen Zusammenhalt. Die Gedichte wirken wie Zwischenspiele, die den Ton einer Erzählung vor- oder nachklingen lassen. Diese Bauart verleiht der Sammlung Offenheit: Es gibt keinen linearen Zwang, wohl aber eine innere Dramaturgie, die den Lesefluss trägt und das Erinnern an frühere Szenen fruchtbar macht.
Die anhaltende Bedeutung dieser Werke zeigt sich in ihrer weltweiten Verbreitung und in zahlreichen Adaptionen für verschiedene Medien. Sie sind zugleich Gegenstand kulturhistorischer Debatten, weil sie Aspekte ihrer Entstehungszeit widerspiegeln, darunter Perspektiven, die heute kritisch beleuchtet werden. Eine zeitgenössische Lektüre nimmt beides wahr: die sprachliche und erzählerische Kunst, die generationenübergreifend wirkt, und die historischen Prägungen, die zu reflektieren sind. Gerade diese Doppelbewegung – ästhetischer Genuss und kontextbewusste Aufmerksamkeit – macht den Reiz einer neuen Begegnung mit den Texten aus.
Die beigefügten Original-Illustrationen öffnen einen zweiten Zugang. Sie machen Bewegungen, Körperhaltungen und Gruppendynamiken sichtbar, veranschaulichen Räume und Stimmungen und verdichten die Szenen zu einprägsamen Bildern. Als zeitgenössische Bildsprache der frühen Ausgaben vermitteln sie zugleich eine historische Sicht auf Tiere, Menschen und Landschaften. Damit ergänzen sie die Prosa nicht nur dekorativ, sondern interpretierend: Sie lenken den Blick, setzen Akzente und regen zum Vergleich zwischen gelesener und gesehener Szene an. Das Zusammenspiel von Wort und Bild stärkt die immersive Qualität der Lektüre.
Diese Ausgabe führt beide Bände in einem Band zusammen, um die innere Verwandtschaft der Geschichten erfahrbar zu machen und die Vielfalt ihrer Töne zu bewahren. Lesende können die Erzählungen in der überlieferten Reihenfolge oder nach Interesse erkunden; beides eröffnet sinnvolle Zugänge. Wer aufmerksam auf wiederkehrende Themen, Bilder und Klänge achtet, wird den roten Faden leicht entdecken. So bietet die Sammlung eine verlässliche Grundlage für Erstbegegnungen und Wiederlektüren gleichermaßen – und lädt dazu ein, den Dschungel der Sprache, der Bilder und der Gedanken mit neuen Augen zu betreten.
Rudyard Kipling (1865–1936) war ein englischsprachiger Autor der späten viktorianischen und edwardianischen Epoche, dessen Werk Kinder- und Abenteuergeschichte, Erzählprosa und Lyrik prägte. Geboren im damaligen Bombay und gestorben in London, verband er Erfahrungen zwischen Südasien und Großbritannien zu prägnanten Bildern von Natur, Gesellschaft und Macht. Bekannt wurde er vor allem durch Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch, deren Figuren und Motive weit über die Literatur hinauswirkten. Seine Texte verbanden eingängige Erzählweise mit strenger Struktur und einem Sinn für mündliche Tradition. Zugleich lösten sie Bewunderung und Widerspruch aus, weil sie ihre Zeit mitsamt ihren Spannungen spiegeln.
Seine Ausbildung erfolgte vornehmlich in England; belegt ist der Besuch des United Services College in Devon, dessen straffe Disziplin und klassischer Lehrplan sein Lektüreinteresse und stilistische Präzision förderten. Prägende Eindrücke stammten jedoch aus früh erlebten indischen Sprachen, Erzähltraditionen und Landschaften, die ihm Bilderreichtum und Rhythmus gaben. Frühzeitige Tätigkeit im Umfeld des Journalismus schärfte Beobachtung, Szenenbau und pointierte Dialogführung. Literarisch stand er in der Spätphase des Realismus und des imperialen Diskurses, nahm aber ebenso Anregungen aus Volkslied, Ballade und Märchenerzählung auf. Diese Mischung aus Schulbildung, Reportageton und mündlicher Überlieferung bereitete die spätere Meisterschaft seiner Tier- und Abenteuergeschichten vor.
Beruflich begann Kipling als Reporter und Erzähler kurzer Prosastücke, deren knappe Form ihn zur ökonomischen Sprache zwang und seine Vorliebe für pointierte Szenen stärkte. In den späten 1880er und frühen 1890er Jahren publizierte er regelmäßig Erzählungen und Gedichte in Zeitungen und Magazinen, wodurch er rasch eine breite Leserschaft erreichte. Reisen und Ortswechsel erweiterten sein Panorama von Stimmen, Dialekten und sozialen Milieus. Aus dieser Phase stammen die Routinen des strengen Aufbaus: klare Setzungen, prägnante Wiederholungen, refrainsartige Einsprengsel. Dieser erzählerische Werkzeugkasten trug direkt zur Gestalt jener Geschichten bei, die später als Das Dschungelbuch bekannt wurden.
Das Dschungelbuch bündelt lose verbundene Erzählungen, die Tiere und Menschen in einem moralisch aufgeladenen Naturraum zeigen. Die Komposition arbeitet mit wiederkehrenden Motiven, Liedern und knappen Sentenzen, wodurch jede Geschichte zugleich Parabel, Abenteuer und Sittenbild wird. Besonders auffällig ist die Idee eines Gesetzes des Dschungels, das Zugehörigkeit, Verantwortung und Grenzen verhandelt. Die sprachliche Oberfläche ist rhythmisch, oft balladenhaft, doch die Struktur bleibt streng und zielgerichtet. Zeitgenössisch traf das Buch den Nerv eines Publikums, das nach packenden, gleichwohl sinnbildlichen Geschichten suchte; in Übersetzungen fand es früh Verbreitung und prägte Vorstellungen von Wildnis, Erziehung und Gemeinschaft weit über Großbritannien hinaus.
Das neue Dschungelbuch führt diese Welt fort und vertieft sie. Die Episoden greifen Motive wie Zugehörigkeit, List, Recht und Gegengewalt auf, oft in strengerer, zuweilen dunklerer Tonlage. Erzählerisch steigert Kipling das Spiel mit Perspektiven und Stimmen; Gesang, Refrain und Spruch verstärken die symbolische Dichte. Die Sammlung wirkt weniger wie ein Nachtrag denn als komplementärer Teil, der das ethische Koordinatensystem des Dschungels differenziert. Leserinnen und Leser fanden darin sowohl abenteuerliche Spannungsmomente als auch nachhallende Einsichten in Regeln, Loyalität und Selbstbehauptung. So entstand ein zweiteiliges Gefüge, dessen Autorität auf sorgfältiger Komposition und präziser, bildkräftiger Sprache beruht.
Kiplings Weltbild war von den politischen und kulturellen Rahmenbedingungen seiner Zeit geprägt. In seinen Schriften spiegelt sich eine imperiale Perspektive, die Pflicht, Ordnung und Zivilisationsanspruch betont, zugleich aber die Ambivalenzen von Herrschaft, Gewalt und Zugehörigkeit nicht ausblendet. Die Dschungelbücher verhandeln diese Spannungen indirekt, indem sie Gesetze der Gemeinschaft, Grenzüberschreitungen und Loyalitäten in eine fabelhafte Natur übertragen. Moderne Lesarten heben daher sowohl erzählerische Virtuosität als auch ideologische Problemlagen hervor. Die anhaltende Diskussion um Deutungen zeigt, wie stark Form, Stimme und Rhythmus der Texte in gesellschaftliche Fragen eingreifen, ohne sich in eindeutige Botschaften aufzulösen.
In den späteren Jahren wirkte Kipling vor allem in England und veröffentlichte weiterhin Erzählprosa, Gedichte und Essays, blieb aber zunehmend eine maßgebliche Stimme in kulturpolitischen Debatten. 1936 starb er in London. Sein literarisches Vermächtnis ruht wesentlich auf Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch. Beide Sammlungen prägten die Kinder- und Jugendliteratur, inspirierten Bühnen-, Hör- und Bildschirmadaptionen und bleiben im Unterricht präsent. Heute werden sie zugleich wegen erzählerischer Raffinesse geschätzt und kritisch im Hinblick auf historische Perspektiven gelesen. Diese doppelte Rezeption hält die Texte lebendig und macht sie zu beständigen Bezugspunkten literarischer Diskussion.
Rudyard Kipling verfasste die Geschichten, die in der Sammlung Das Dschungelbuch (Mit Original-Illustrationen) vereint sind, in den Jahren 1894 und 1895, am Ende der viktorianischen Epoche und im Hochimperialismus des Britischen Weltreichs. Der Autor, 1865 in Bombay geboren, bewegte sich zwischen britischer und indischer Lebenswelt. Die Erzählungen greifen Erfahrungen aus Britisch-Indien auf, werden jedoch in einer transatlantischen Buchkultur verbreitet. Die Sammlung umfasst Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch, die Geschichten aus unterschiedlichen Schauplätzen verbinden. Ihr historischer Rahmen ist geprägt von kolonialer Verwaltung, globaler Mobilität und einer Leserschaft, die zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur kaum klare Grenzen zog.
Kipling wuchs in Indien auf, wurde als Kind nach England geschickt und kehrte als junger Journalist nach Lahore und Allahabad zurück. Diese Wechsel prägten seine Perspektive auf Sprache, Macht und Alltagskultur im Raj. 1892 heiratete er Caroline Balestier und lebte mehrere Jahre in Vermont. Ein beträchtlicher Teil der Dschungelbuch-Erzählungen entstand in diesem US-amerikanischen Umfeld, was die transnationale Produktionsweise des Werks zeigt. Kiplings Erfahrung mit Presse und Feuilleton, seine Beobachtungen kolonialer Institutionen und sein Sinn für mündlich tradierte Stoffe flossen in Geschichten ein, die zeitgleich für britische, indische und amerikanische Lesepublika anschlussfähig wurden.
Die Dschungelbücher stehen im Kontext des Britischen Raj, der nach 1858 die Macht der Ostindien-Kompanie ablöste und bis 1947 andauerte. Spätviktorianische Debatten über Verwaltung, Recht, Erziehung und Loyalität bildeten den Resonanzraum. Zugleich waren Nordwestgrenzen und Kommunikationslinien des Empire durch Rivalitäten im sogenannten Great Game belastet, was den Blick auf Grenzräume, Dienstpflicht und Informationsordnung schärfte. In dieser Atmosphäre wurde Literatur zu einem Medium, das imperialen Zusammenhalt imaginierte, zugleich aber auch lokale Lebenswelten sichtbar machte. Kiplings Werk nahm daran teil und konkretisierte Imperium als Erfahrungsraum, nicht nur als politische Abstraktion.
Die Entstehung und Verbreitung der Dschungelbuch-Geschichten ist ohne die boomende Magazin- und Buchkultur der 1890er Jahre nicht denkbar. Viele Texte erschienen zunächst in Periodika und wurden bald in schön ausgestatteten Bänden veröffentlicht. Transatlantische Verlagsnetzwerke sorgten für nahezu parallele Ausgaben in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Technische Neuerungen in Druck und Illustration begünstigten reich bebilderte Ausgaben, die als Geschenkbücher für Familien und Schulen zirkulierten. Die frühe Rezeption zeugt von einer Leserschaft, die Abenteuer, Naturkunde und moralische Erzählformen kombinierte und die illustrierte Prosa als besonders ansprechend empfand.
Die ursprünglichen Ausgaben wurden von namhaften Illustratoren begleitet. Eine zentrale Rolle spielte John Lockwood Kipling, der Vater des Autors, der über Indien forschte und lehrte und die visuelle Welt der Bücher prägte. Neben ihm wirkten zeitgenössische Künstler wie W. H. Drake und P. Frenzeny an Bildtafeln mit. Diese Illustrationen verknüpften Text und Sehgewohnheiten der Epoche, sie machten Tiergestalten und Landschaften der Erzählungen unmittelbar zugänglich und rahmten das Lesen als ästhetische und ethnografisch gefärbte Erfahrung. Der Hinweis auf Original-Illustrationen erinnert an diese historische Bildsprache und ihre Leitfunktion.
Literarisch knüpfen die Dschungelbücher an mehrere Traditionen an. Sie verbinden die europäische Fabel- und Tiererzählung mit südasiatischen Erzählzyklen wie Panchatantra- oder Jataka-Motiven, zugleich mit dem britischen Abenteuer- und Erziehungsroman. Diese Gemengelage ermöglicht eine Darstellung von Natur und Gesellschaft, die weder rein märchenhaft noch rein dokumentarisch ist. Die Geschichten nutzen die Symbolik der Tierwelt, um Fragen nach Zugehörigkeit, Regeln, Mut und Gemeinschaft zu verhandeln. Dass sie zugleich im kolonialen Raum verortet sind, schärft ihren Bezug zu Macht- und Kontaktzonen zwischen Sprachen, Klassen und Rechtsordnungen.
Der intellektuelle Hintergrund der Zeit war durch die Autorität naturwissenschaftlicher Diskurse geprägt. Seit Darwin und der Popularisierung evolutionsbiologischer und verhaltenskundlicher Vorstellungen zirkulierten neue Deutungen von Tierverhalten, Anpassung und Umwelt. Naturkundeausstellungen, zoologische Gärten und koloniale Sammelpraxis förderten ein Interesse an exotisierten Lebensräumen. In diesem Klima konnte eine Erzählprosa, die Tiere als handelnde Figuren ernst nimmt, zugleich an populäre Wissenschaft anschließen und deren Begriffe literarisch refraktieren. Die Dschungelbücher bündeln diese Strömungen, ohne wissenschaftliche Abhandlungen zu sein.
Kipling griff häufig auf Hindustani- und andere lokale Begriffe zurück, die in englische Prosa integriert wurden und später in Übersetzungen kursierten. Toponyme wie Seonee/Seoni verweisen auf Zentralindien, während Ausdrücke für Tiere, Dinge und soziale Rollen aus nordindischen Sprachkontexten stammen. Diese Sprachmischung reflektiert koloniale Mehrsprachigkeit und macht die Erzählungen zu Kontaktzonen zwischen Alltagsidiomen. Sie zeigt auch, wie der späte Viktorianismus Fremd- und Eigenes kodierte, indem er lokale Lexeme aufgriff und in englischsprachige Erzählökonomien einband, was spätere Übersetzungen vor besondere Vermittlungsaufgaben stellte.
Zeitgenössische Ideale von Disziplin, Kameradschaft und Pflichtbewusstsein prägten den moralischen Ton vieler populärer Texte. In Großbritannien und seinen Dominions zirkulierten Erzählungen, die Loyalität gegenüber Gemeinschaft, Regelbefolgung und Selbstüberwindung modellierten. Die Dschungelbücher artikulieren solche Leitwerte erzählerisch, ohne reine Lehrdichtung zu sein. Sie gehörten zu einem breiteren Korpus, der Jugend und Erwachsene ansprach und in dem Fragen nach Führung, Zutrauen und sozialer Einbindung mithilfe von Handlung, Ritual und Gesetzlichkeit inszeniert wurden. Diese Konstellation erklärt ihre weite Aufnahme in Schulen und Familienbibliotheken.
Die ökologischen und wirtschaftlichen Realitäten Britisch-Indiens lieferten Hintergrundmotive. Die Ausdehnung der Eisenbahn, die Institutionalisierung der Forstverwaltung und koloniale Jagdpraktiken veränderten Landschaften und Tierpopulationen. Der indische Forstdienst entwickelte seit den 1860er Jahren Regularien zur Ressourcennutzung; zugleich waren Elefanten, Tiger und andere Tiere Teil von Jagd- und Schutzdiskursen. Literatur über Natur und Wildnis nahm diese Konfliktlinien auf. Die Dschungelbücher spiegeln eine Zeit, in der Naturräume erforscht, kartiert und reguliert wurden und in der Wildnis zugleich Faszination, Risiko und politisches Terrain bedeutete.
Die Sammlung beschränkt sich nicht auf ein indisches Setting. Einzelne Erzählungen verlagern sich an nördliche Meeresküsten und thematisieren maritime Wirtschaftsweisen des 19. Jahrhunderts, darunter die Robbenjagd. Diese globalen Bezugspunkte erinnern daran, dass Imperien nicht nur Landreiche waren, sondern über Schifffahrt, Handelsnetze und küstennahe Industrien funktionierten. Die Dschungelbücher artikulieren damit eine Welt, in der Tier- und Menschenmigrationen, saisonale Arbeitsbewegungen und Ressourcenausbeutung über Ozeane hinweg miteinander verschränkt waren.
Die Rezeption in Großbritannien und den Vereinigten Staaten war früh lebhaft. Leserinnen und Leser lobten Stil, Tempo und die Verbindung von Naturbeobachtung und Erzählkunst. Dass Kipling 1907 als erster englischsprachiger Autor den Nobelpreis für Literatur erhielt, stärkte retrospektiv die Aufmerksamkeit für sein Gesamtwerk, zu dem die Dschungelbücher als besonders einflussreicher Teil gezählt wurden. Der Preis würdigte nicht einzelne Geschichten, sondern die formale Kraft und Imaginationsfähigkeit, die auch in diesen Erzählungen sichtbar ist, und festigte Kiplings Stellung im Kanon populärer wie schulnaher Lektüre.
Im deutschsprachigen Raum wurden die Dschungelbücher seit dem frühen 20. Jahrhundert regelmäßig übersetzt und neu aufgelegt. Sie fanden in Familienbibliotheken, Lesebüchern und Jugendreihen Verbreitung. Übersetzungen mussten kulturelle und sprachliche Vermittlungsarbeit leisten, etwa bei indischen Begriffen oder Reimformen in Begleitgedichten. Deutsche Ausgaben variierten in Umfang und Illustrationsauswahl; der Verweis auf Original-Illustrationen betont den Quellencharakter bestimmter Editionen. Die Texte gelangten in unterschiedliche Milieus, vom bürgerlichen Bildungswesen bis zu populären Jugendverlagen, und wurden je nach pädagogischer Leitidee verschieden kommentiert.
Ein markanter Strang der Wirkungsgeschichte verläuft über die Pfadfinderbewegung. Robert Baden-Powell gründete 1916 die Wolfskinder bzw. Cub Scouts, die Motive und Begriffe aus den Dschungelbüchern aufgriffen, darunter die Figur Akela und Formeln über das Rudel. Diese Übernahmen verankerten die Erzählungen im Vereinsleben und in Ritualen von Jugendgruppen. Dadurch wurden sie zu einem gemeinsamen Referenzrahmen für Kameradschaft, Regeln und spielerische Naturbegegnung. Die Popularisierung über Pfadfinderstrukturen trug dazu bei, dass die Dschungelbücher über Generationen präsent blieben, unabhängig von schulischen Lektürelisten.
Bereits zu Kiplings Lebzeiten, erst recht im 20. Jahrhundert, entzündeten sich Debatten an der imperialen Perspektive seines Werks. Während viele Leserinnen und Leser sprachliche Virtuosität, Witz und erzählerische Präzision schätzten, kritisierten andere die Einbettung in Machtverhältnisse des Empire. Mit der Dekolonisation nach 1945 und der Etablierung postkolonialer Theorien wurden die Dschungelbücher neu gelesen: als Texte, die koloniale Ordnungsvorstellungen ebenso sichtbar machen wie kulturelle Vermittlungsleistungen. Solche Lektüren betonen Ambivalenzen und fragen nach der historischen Situiertheit von Gesetz, Zugehörigkeit und Naturbild.
Die massenmediale Nachgeschichte hat die Rezeption stark geprägt. Vor allem die populäre Animationsverfilmung eines großen US-Studios von 1967 brachte Motive und Figuren in ein weltweites Publikum und setzte eigenständige Akzente. Dadurch entstanden Differenzen zwischen Buch- und Filmwahrnehmung, zugleich aber auch eine anhaltende Nachfrage nach Neuauflagen, oft mit Rückbezug auf historische Illustrationen. Die Bücher wurden in dieser Phase Teil einer globalen Populärkultur, deren Bilderflüsse die ursprünglichen Drucke flankierten und teils überlagerten.
In literaturhistorischer Perspektive stehen die Dschungelbücher an der Schnittstelle von Unterhaltung, Volksbildung und Kulturtransfer. Sie kommentieren ihre Zeit, indem sie Fragen nach Ordnung, Gemeinschaft und Bewältigung von Gefahr erzählerisch erproben und Natur als sozialen Raum darstellen. Spätere Deutungen haben ihren historischen Kontext herausgearbeitet und die Spannungen zwischen Faszination für Fremdes und imperialer Normierung betont. Editionen mit Original-Illustrationen machen diese Schichtung sichtbar: Sie zeigen Text und Bild als Produkte einer spezifischen Epoche und erlauben, die lang anhaltende Wirkung der Sammlung im Licht ihrer Entstehungsbedingungen zu verstehen.
Eine Sammlung von Erzählungen, in der vor allem die Geschichte des Menschenkindes Mowgli erzählt wird, das unter Wölfen im indischen Dschungel aufwächst. Die Episoden verbinden Abenteuer und Lehrgeschichten, in denen Mowgli die Regeln des Dschungels kennenlernt und seinen Platz zwischen Tier- und Menschenwelt sucht; daneben stehen eigenständige Tierparabeln mit prägnanten Figuren. Der Ton ist lebhaft und anschaulich, mit klaren moralischen Linien und einem Sinn für Gefahr, Kameradschaft und die Ordnung der Wildnis.
Der zweite Band vertieft Mowglis Weg und weitet das Panorama des Dschungels, wobei Loyalität, Macht und Zugehörigkeit stärker in Spannung geraten. Die Erzählungen sind oft dunkler und feierlicher, greifen Mythen und Rituale auf und zeigen die Konsequenzen von Entscheidungen innerhalb und außerhalb des Rudels. Zugleich finden sich weitere eigenständige Tiergeschichten, die den Blick auf das Zusammenleben von Wesen und die Härte wie Fürsorge der Natur schärfen.
Beide Bände kreisen um Gesetz und Gemeinschaft, Initiation und Identität sowie um den Versuch, zwischen verschiedenen Welten zu vermitteln. Kipling setzt auf klare, rhythmische Prosa, einprägsame Tiercharaktere und eine Mischung aus Spannung, Beobachtung und lakonischer Weisheit. Wiederkehrende Motive sind die Balance von Freiheit und Verantwortung, die Sprache und Regeln als Bindeglieder der Welt sowie die Ambivalenz von Zivilisation und Wildnis.
Nun bringt der Weih die dunkle Nacht, Und »Mang«, die Fledermaus, erwacht. Der Stall birgt alles Herdentier, Denn bis zum Morgen herrschen wir! Die Stunde stolzer Kraft hebt an Für Prankenhieb und scharfen Zahn. Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft: Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft.
Nachtgesang in der Dschungel
Gegen sieben Uhr an einem recht schwülen Sommerabend in den Sionibergen erwachte Vater Wolf, gähnte, reckte sich und streckte die Läufe, einen nach dem anderen, um das Schlafgefühl in den Pfoten loszuwerden. Neben ihm lag Mutter Wolf, die lange graue Nase quer über den vier winselnden und quarrenden Jungen, und von draußen her schien der Mond in die Höhle, in der sie alle hausten.
»A-ruff«, knurrte Vater Wolf, »schon wieder Zeit, auf Jagd zu gehen.« Gerade wollte er den Hang hinabsetzen, als am Eingang der Höhle ein kleiner Schatten mit buschiger Rute erschien und winselte: »Glück sei mit dir, Häuptling der Wölfe! Und viel Glück deinen edlen Kindern, weiße, scharfe Zähne sollen ihnen wachsen. Mögen sie nie die Hungernden und Darbenden vergessen in dieser Welt!«
Der Schakal war es – Tabaqui, der Schüssellecker. Die Wölfe in Indien verachten ihn, weil er Unheil stiftend umherschweift und böse Geschichten erzählt. Ja, er verschlingt sogar alte Lumpen und Lederstücke von den Abfallhaufen der Dörfer. Aber sie fürchten ihn auch, denn Tabaqui wird leicht von Tollwut befallen, viel leichter als irgendein anderes Tier in der Dschungel. Dann vergißt er, daß er je Angst gehabt hat, rennt blindwütend durch die Wälder und beißt und würgt alles, was ihm in den Weg kommt. Dann flüchtet selbst der Tiger vor dem kleinen Tabaqui und verbirgt sich im Dickicht; denn von der Tollwut befallen zu werden, ist die größte Schande für die Tiere der Wildnis. Wir Menschen nennen es Hydrophobie, aber die Bewohner der Dschungel sagen einfach Dewanii – Wahnsinn – und flüchten davon.
»Tritt ein und schau«, sagte Vater Wolf. »Fraß findest du hier nicht.«
»Für einen Wolf wohl kaum«, antwortete Tabaqui. »Aber für ein so niedriges Geschöpf wie ich ist ein trockener Knochen ein Festschmaus. Wer sind wir denn, wir Gidurlog, wir armes Schakalvolk, daß wir wählerisch sein könnten?« Er trat nach dem Hintergrund der Höhle und fand dort den Knochen eines gerissenen Bocks mit noch etwas Fleisch daran; bald saß er und knackte vergnügt an dem Knochen.
»Tiefen Dank für das prächtige Mahl«, sagte er, sich die Lippen leckend. »Ah, wie schön sind die edlen Kinder! Wie groß und klar sind ihre Augen. Und so jung sind sie noch, die lieben Kleinen! Freilich – freilich, es ist ja allbekannt, daß Kinder von Königen schon Männer sind von Geburt an.«
Nun wußte Tabaqui ebensogut wie jeder andere, daß man nichts Unschicklicheres tun kann, als Kinder ins Gesicht hinein zu loben – denn das ist von schlimmer Vorbedeutung. Und es freute ihn, als Vater und Mutter Wolf betreten schwiegen.
Noch eine Weile saß Tabaqui und weidete sich an dem Unheil, das er angerichtet hatte. Dann sagte er boshaft:
»Schir Khan, der Gewaltige, hat seine Jagdgründe verlegt. Hier in diesen Hügeln wird er jagen im nächsten Mond – so sagte er mir selbst.«
Schir Khan war der Tiger, der an den Ufern des Waingungaflusses lebte – ungefähr zwanzig Meilen entfernt.
»Dazu hat er kein Recht!« brauste Vater Wolf auf. »Nach dem Gesetz der Dschungel darf er seine Jagdgründe nicht wechseln ohne vorherige Ankündigung. Alles Wild wird er uns vergrämen auf zehn Meilen im Umkreis, und ich – ich muß jetzt jagen für zwei.«
»Seine Mutter nannte ihn nicht ohne Grund Langri, den Lahmen«, warf Mutter Wolf ein. »Lahm auf einem Fuß ist er von Geburt an. Darum auch reißt er nur Rindvieh. Nun sind die Dörfler am Waingunga zornig über ihn, und jetzt kommt er hierher und wird unsere Dörfler aufbringen. Um seinetwillen werden sie die Dschungel ausräuchern, wenn er schon wieder weit fort ist; wir aber und unsere Jungen müssen dann flüchten, wenn das Gras in Brand gesteckt ist. Wahrlich, sehr dankbar sind wir ihm, dem großen Schir Khan!«
»Soll ich ihm vielleicht euren Dank überbringen?« fragte Tabaqui.
»Pack dich!« jappte Vater Wolf. »Geh zu deinem Herrn und Meister! Unheil genug hast du gestiftet in einer Nacht!«
»Ich gehe!« sagte Tabaqui gelassen. »Da könnt ihr ihn schon hören, den Schir Khan, drunten im Dickicht. Die Botschaft konnte ich mir sparen.«
Lauschend spitzte Vater Wolf die Ohren. Dann vernahm er unten im Tal, das sich zu einem kleinen Bach hinabsenkt, das ärgerliche, schnarrende, näselnde Gewinsel eines Tigers, der nichts geschlagen hatte und den es nicht kümmert, daß alles Dschungelvolk sein Mißgeschick erfährt.
»Der Narr, der!« knurrte Vater Wolf. »Die Nachtarbeit mit solchem Lärm zu beginnen! Glaubt er etwa, daß unsere Böcke ebenso dumm sind wie seine fetten Ochsen am Waingungafluß?«
»Still!« sagte Mutter Wolf. »Still, Alter. Hörst du denn nicht? Weder Ochse noch Bock hetzt er heute … den Menschen jagt er!«
Das Gewinsel des Tigers ging nun über in ein langgezogenes, summendes Schnurren – so laut und doch so unbestimmt, daß es schien, als käme es aus allen Himmelsrichtungen zugleich. Das war das Summen, das den Holzfällern und Zigeunern, die in den Lichtungen rasten, das Blut erstarren macht – kopflos fliehen sie dann, stürzen wie von Sinnen davon, oft gerade hinein in den flammenden Rachen des Tigers.
»Menschen!« wiederholte Vater Wolf und fletschte seine weißen Zähne. »Puh! Gibt es denn nicht genug Gewürm und Frösche in den Sümpfen, daß er Menschen fressen muß … und noch dazu in unserem Gebiete?«
Das Gesetz der Dschungel, das nichts ohne guten Grund vorschreibt, verbietet den Tieren, Menschen anzugreifen, mit der einzigen Ausnahme, wenn ein Tier seine Jungen das Jagen und Töten lehrt. Das aber darf nur abseits geschehen, niemals in den Jagdgründen des eigenen Rudels oder Stammes. Der wahre Grund dafür ist, daß früher oder später, wenn ein Mensch getötet ist, die Bleichgesichter anrücken auf Elefanten, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern, mit Gongs, Raketen und Fackeln. Dann haben alle in der Dschungel zu leiden. Die Tiere aber geben als Grund an, daß der Mensch das schwächlichste und wehrloseste aller Geschöpfe ist, daher sei es unsportlich, ihn anzugreifen. Sie sagen ferner – und das ist die Wahrheit –, vom Menschenfleisch würden sie räudig und verlören die Zähne.
Lauter wurde das Schnurren und endete plötzlich in einem scharfen, tiefkehligen »Aaaoh!« beim Aufsprung des Tigers.
Dann ertönte Geheul – untigerisches Geheul und Gemaunz von Schir Khan. »Er hat gefehlt«, sagte Mutter Wolf. »Was war es?«
Vater Wolf trabte ein paar Schritte vor die Höhle und vernahm das wütende Geheul Schir Khans, der in den Büschen im Talgrund herumfegte.
»So ein Dummkopf«, brummte Vater Wolf. »In das Feuer eines Holzfällers ist er gesprungen und hat sich dabei die Pfoten verbrannt! Tabaqui ist bei ihm.«
»Etwas kommt den Hügel herauf«, flüsterte Mutter Wolf und stellte einen Lauscher hoch. »Aufgepaßt!«
In dem Gebüsch raschelte es leise, und Vater Wolf duckte sich, zum Sprunge bereit. Dann aber geschah etwas höchst Seltsames. Der Wolf war gesprungen, bevor er noch das Ziel erkannt hatte, und suchte sich nun plötzlich mitten im Satze aufzuhalten. Die Folge war, daß er vier oder fünf Fuß kerzengerade in die Luft schoß und fast auf derselben Stelle landete, von der er abgesprungen war.
»Ein Mensch!« stieß er hervor. »Ein Menschenjunges! Sieh nur!«
Gerade vor ihm, an einen niedrigen Zweig geklammert, stand ein nackter, brauner Junge, der eben erst laufen gelernt hatte – ein ganz zartes, kleines, krauslockiges Wesen, das da in der Nacht zu einer Wolfshöhle gekommen war. Es sah dem Wolf ins Gesicht und lachte.
»Was?« fragte Mutter Wolf. »Ist das ein Menschenjunges? Ich habe noch nie eins gesehen. Bring es her!«
Wölfe, die ihre eigenen Jungen über Stock und Stein tragen, können, wenn nötig, ein Ei zwischen die Zähne nehmen, ohne es zu zerbrechen. Obgleich sich Vater Wolfs Rachen über dem Kinde schloß, so hatten seine spitzen Zähne doch nicht einmal die weiche Haut des strampelnden Kleinen geritzt, als er ihn zu seinen eigenen Jungen legte.
»Wie winzig! Wie nackt und – wie tapfer!« sagte Mutter Wolf sanft. Der Kleine drängte die Wolfsjungen beiseite, um dicht an das warme Fell der Mutter zu gelangen. »Ahai, er sucht seine Nahrung ganz wie die anderen. Das also ist ein Menschenjunges? Sag, hat sich je eine Wölfin rühmen können, ein Menschenjunges unter ihren Kindern zu haben?«
»Hier und dort hörte ich davon, doch niemals in unserem Rudel oder zu meiner Zeit«, antwortete Vater Wolf. »Wahrhaftig, ganz ohne Haar ist der Körper. Mit einem Prankenschlag könnte ich es zerquetschen. Aber sieh doch, wie es aufschaut zu uns, und nicht ein bißchen Angst hat es.«
Da plötzlich wurde es dunkel in der Höhle. Dem Mondlichte wurde der Eintritt versperrt, denn Schir Khans mächtiger, eckiger Kopf und breite Schulter schoben sich in den Eingang. Tabaqui rief hinter ihm her mit schriller Stimme:
»Hier, mein Gebieter – hier ist es hineingegangen.«
»Schir Khan erweist uns große Ehre!« sagte Vater Wolf, doch Zorn glomm in seinen Augen. »Was wünscht Schir Khan?«
»Meine Beute! Ein Menschenjunges ist hier hereingeflüchtet! Seine Eltern sind davongelaufen. Gib es heraus! Es gehört mir!«
Wie Vater Wolf gesagt hatte, war Schir Khan in das Feuer eines Holzfällers gesprungen, und der Schmerz in den verbrannten Pfoten machte ihn rasend. Aber Vater Wolf wußte, daß die Öffnung der Höhle zu klein sei, um dem Tiger Eingang zu gestatten. Schon in seiner jetzigen Stellung waren Schir Khans Schultern und Vordertatzen eingezwängt, und er glich einer wütenden Katze, die vergebens versucht, in ein Mauseloch zu dringen.
»Wir Wölfe sind ein freies Volk«, sagte der Wolf. »Unsere Befehle nehmen wir nur von dem Führer des Rudels, aber nicht von irgendeinem gestreiften Viehmörder. Das Menschenjunge gehört uns. Wir können es töten oder am Leben lassen, ganz nach unserem Belieben!«
»Belieben oder Nichtbelieben! Was schwatzt du für dummes Zeug? Bei dem Ochsen, den ich soeben schlug, soll ich hier stehen und mir die Nase wundstoßen am Eingang eurer Hundebehausung, um das zu verlangen, was mir gebührt? Schir Khan ist es, der mit dir spricht!«
Des Tigers Gebrüll erfüllte die Höhle mit rollendem Donner. Mutter Wolf schüttelte ihre Jungen von sich ab; sie sprang vor, und ihre Augen starrten wie zwei grüne Mondsicheln in der Dunkelheit auf die beiden lohenden Lichter im gewaltigen Kopfe Schir Khans.
»Und ich, Raschka, der Dämon, bin’s, der jetzt spricht und dir antwortet. Das Menschenjunge gehört mir, du lahmer Langri – und mein wird es bleiben. Es soll nicht getötet werden! Es soll leben, um mit dem Pack zu rennen und zu jagen, und zuletzt – sieh dich vor, du großer Jäger kleiner, nackter Jungen, du alter Paddenfresser, du Fischfänger! –, sieh dich vor, denn zuletzt, ganz zuletzt soll es dich hetzen, unser kleines Menschenjunges, ja, und soll dir das Fell über die Katzenohren ziehen. Und nun pack dich fort! Oder ich schwör’s bei dem letzten Sambar, den ich schlug (ich vergreife mich nicht am hungrigen Herdenvieh), ich schwör’s, du verbranntes Biest, lahmer sollst du zu deiner Mutter zurückkehren, als du zur Welt gekommen bist. Fort mit dir!«
Ganz verblüfft blickte Vater Wolf sie an. Fast vergessen hatte er die Zeit, da er Mutter Wolf sich errang im offenen, ehrlichen Kampf gegen fünf andere Wölfe – damals, als sie mit dem Pack lief und nicht umsonst der Dämon genannt wurde.
Schir Khan würde es wohl mit Vater Wolf aufgenommen haben, aber gegen Mutter Wolf anzugehen, das wagte er denn doch nicht, denn er wußte, daß sie alle Vorteile der Lage für sich hatte und es einen Kampf auf Tod und Leben geben würde. So zog er sich knurrend aus dem engen Eingang zurück und brüllte, als er frei war:
»Im eigenen Hof kläfft jeder Hund! Aber wir wollen doch erst einmal sehen, was das Rudel zu dieser Geschichte sagen wird. Mir allein gehört das Menschenjunge, und zwischen meine Zähne wird es doch noch kommen zuletzt, ihr buschschwänzigen Spitzbuben, ihr!«
Mutter Wolf warf sich keuchend zwischen ihre Jungen nieder, und Vater Wolf sagte jetzt mit besorgter Miene: »Schir Khan hat nicht ganz unrecht. Das Menschenjunge muß dem Rudel gezeigt werden. Willst du es wirklich behalten?«
»Wirklich behalten?« fragte sie entrüstet. »Nackt und ganz allein kam es zu uns in der Nacht und sehr hungrig und hatte doch nicht ein bißchen Furcht. Sieh doch nur, jetzt hat es schon wieder eins meiner Kinder beiseite gedrückt. Und dieser lahme Viehschlächter hätte es beinahe verschlungen und sich dann zum Waingungaflusse aus dem Staube gemacht, während die Dorfbewohner hier alle Schlupfwinkel durchsucht hätten, um Rache zu nehmen! Ihn behalten? Natürlich will ich das. Lieg still, kleiner Frosch. Oh, mein Mogli – denn Mogli, Frosch, werde ich dich nennen –, der Tag wird für dich kommen, diesen Schir Khan zu jagen und zu hetzen, wie er dich heute gehetzt hat!«
»Aber was wird unser Rudel dazu sagen?« meinte Vater Wolf.
Das Gesetz der Dschungel stellt es jedem Wolfe frei, sich von dem Rudel zu trennen, wenn er die Wölfin in sein Lager holt. Sobald aber seine Jungen groß genug sind, um auf eigenen Läufen zu stehen, muß er sie zur Ratsversammlung bringen, die einmal im Monat zur Zeit des Vollmonds tagt; und dort werden sie von allen Wölfen des Rats in Augenschein genommen und anerkannt. Nach dieser Musterung haben die Jungen das Recht, frei umherzustreifen; und bevor sie nicht ihren ersten Bock gerissen haben, darf unter keinen Umständen ein erwachsener Wolf sie angreifen oder töten. Das Gesetz der Dschungel ist streng, und wer gegen die Vorschrift fehlt, wird ohne Gnade mit dem Tode bestraft. Wenn man ein bißchen nachdenkt, muß man zugeben, daß es so sein muß.
Vater Wolf wartete, bis seine Kleinen laufen konnten, und dann nahm er sie alle mit Mutter Wolf und Mogli eines Nachts mit zum Ratsfelsen, einer Hügelkuppe, die mit Steinen und Geröll bedeckt war und die wohl hundert Wölfen und mehr ein sicheres Versteck bot. Akela, der große, graue Einsiedelwolf, war dank seiner Stärke und Schläue der Führer des Rudels. Er lag lang ausgestreckt auf einem ragenden Felsblock, und etwas tiefer unterhalb kauerten mehr als vierzig Wölfe von jeder Farbe und Gestalt. Da waren dachsgraue Veteranen, die es allein mit jedem Bock aufnahmen, bis herunter zu den schwarzen, drei Jahre alten Wölfen, die meinten, sie könnten es auch. Der große, graue Einzelgänger hatte das Rudel nun schon ein Jahr lang geführt. In seiner Jugend war er zweimal in Wolfsfallen geraten, und einmal hatte man ihn beinahe erschlagen; deshalb kannte er ein gut Teil von den Sitten und Gebräuchen der Menschen.
In der Versammlung wurde wenig gesprochen. Mitten im Kreise, um den die Eltern saßen, stolperten und purzelten die Kleinen umher; ab und zu kam ein Altwolf lautlos herbei, sah sich die Jungen genau an, beschnüffelte sie sorgfältig und schritt dann wieder gravitätisch auf seinen Platz zurück. Manchmal schob eine besorgte Mutter ihr Kleines recht weit hinaus in das helle Mondlicht, um ganz sicher zu sein, daß man es nicht übersehen habe. Von seinem Felsen rief Akela immer wieder: »Ihr kennt das Gesetz – ihr kennt das Gesetz wohl! Äuget genau, ihr Wölfe!« Und ängstliche Mütter nahmen den Ruf auf und wiederholten: »Äuget – äuget genau, o Wölfe!«
Und zuletzt – Mutter Wolfs Nackenhaare stellten sich hoch – zuletzt schob Vater Wolf »Mogli, den Frosch«, in den Kreis. Da saß er lachend und spielte mit kleinen Steinchen, die im Mondlicht glänzten. Akela hob seinen Kopf nicht von den Pranken, sondern wiederholte den eintönigen Ruf: »Äuget – äuget genau!«
Da kam ein dumpfes Gebrüll hinter den Felsen hervor. Es war Schir Khans Stimme: »Das Junge gehört mir! Gebt es mir! Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«
Akela rührte nicht einmal die Lauscher, er sagte nur: »Äuget wohl, ihr Wölfe! Was geht das freie Volk die Weisung eines Fremdlings an?«
Da erhob sich im Rate ein Grollen und Murren. Ein junger Wolf im vierten Jahr griff Schir Khans Frage auf und warf sie Akela zu: »Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«
Das Gesetz der Dschungel bestimmt, daß im Falle einer Meinungsverschiedenheit, ob ein Junges im Rudel aufgenommen werden soll oder nicht, mindestens zwei Mitglieder des Rates zugunsten des Kleinen sprechen müssen, doch haben die beiden Eltern keine Stimme.
»Wer spricht für das Junge?« fragte Akela. »Wer unter dem freien Volke spricht für ihn?«
Keiner meldete sich, und Mutter Wolf machte sich bereit zu ihrem letzten Kampf – denn sie wußte, daß es ihr letzter sein würde, wenn es zum Kampfe kam.
In diesem Augenblick stellte sich Balu auf die Hinterbeine und knurrte – Balu, der schläfrige, braune Bär, der die jungen Wölfe das Dschungelgesetz lehrt. Der einzige Fremdling ist er im Rate der Wölfe, er kann gehen und kommen, ganz wie er will, denn er lebt nur von Nüssen, Wurzeln und Honig.
»Das Menschenjunge, das Menschenjunge?« fragte er. »Ich spreche für das Menschenjunge. Warum denn nicht? Was kann ein Menschenjunges dem Packe schaden? Wie? Schöne Reden halten kann ich nicht, aber ich spreche die Wahrheit. Nehmt ihn auf und laßt ihn mit dem Rudel laufen. Ich selbst werde ihn unterrichten.«
»Noch einen Fürsprecher brauchen wir!« sagte Akela. »Balus Wort gilt, er ist der Lehrer der Jungen. Wer spricht noch außer Balu?«
Ein dunkler Schatten fiel in den Kreis. Es war Baghira, der schwarze Panther, tintenschwarz über und über, doch mit der Pantherzeichnung, die in der Seide des Felles zuweilen aufleuchtete. Jeder kannte Baghira, und niemand kreuzte gern seinen Pfad; denn schlau war er wie Tabaqui, stark wie der Büffel und tollkühn wie Hathi, der Elefant, wenn er verwundet ist. Aber seine Stimme war sanft wie wilder Honig, der vom Baume tröpfelt, und sein Fell weicher als Flaumfedern.
»Du, Akela, und ihr, das freie Volk!« schnurrte er. »Ich habe kein Recht in eurer Versammlung; doch nach dem Dschungelgesetze kann das Leben eines Jungen, dessen Aufnahme bestritten wird, für einen Preis erkauft werden. Und das Gesetz schreibt nicht vor, wer den Preis bezahlen soll und wer nicht. Spreche ich wahr?«
»Gut, sehr gut!« jaulten die immer hungrigen jungen Wölfe. »Hört, was Baghira sagt! Um einen Preis ist das Junge einzukaufen in das Rudel. So steht’s im Gesetz!«
»Ich habe kein Recht, hier zu sprechen, so bitte ich um eure Erlaubnis!«
»Sprich nur!« schrien zwanzig Stimmen.
»Ein nacktes Junges zu töten ist Schmach und Schande. Im übrigen taugt es besser dazu, euch an ihm zu erproben, wenn es erst groß und erwachsen ist. Balu hat gesprochen. Den Worten Balus füge ich nur einen Bullen hinzu – fett, sage ich euch, und eben erst getötet! Keine halbe Meile liegt er von hier, wenn ihr bereit seid, das Menschenjunge aufzunehmen nach dem Gesetz. Leuchtet euch das ein?«
Da tönte es bunt durcheinander: »Warum sollten wir nicht? Was kann es schaden? Es wird ja doch im Winterregen umkommen oder in der Sonne verdorren. Was kann uns denn so ein nackter Frosch antun? Laßt ihn mit dem Rudel laufen! Wo ist dein Bulle, Baghira! Wir stimmen für den Antrag!«
Und wieder erklang Akelas heiseres Bellen vom Felsen her: »Äuget, ihr Wölfe! Äuget genau!«
Mogli spielt versonnen mit den Steinchen; so wurde er es gar nicht gewahr, daß die Wölfe einer nach dem anderen herankamen, um ihn zu beäugen. Dann liefen sie alle den Hügel hinab zu dem toten Bullen, und nur Akela, Baghira, Balu und Moglis eigene Wölfe blieben zurück. Schir Khans Gebrüll erfüllte die Nacht, denn er war sehr zornig, daß man ihm Mogli nicht ausgeliefert hatte.
»Heule nur!« brummte Baghira in seinen Bart. »Heule nur! Die Zeit wird kommen, dann wird das nackte Ding dir in einer anderen Tonart aufspielen – oder ich weiß nichts vom Menschen.«
»Gut getan!« sagte Akela. »Menschen und ihre Jungen sind sehr klug. Wer weiß – er kann uns später eine Hilfe werden.«
»Wahrlich, Hilfe in der Not; denn keiner kann hoffen, das Rudel ewig zu führen«, sagte Baghira.
Akela antwortete nicht. Er gedachte der Zeit, die für jeden Leiter eines Rudels kommt, wenn seine Stärke von ihm weicht, wenn er schwach und immer schwächer wird, bis zuletzt die eigenen Wölfe über ihn herfallen und ihn reißen. Ein neuer Führer ersteht, bis auch er an die Reihe kommt, getötet zu werden.
»Nimm das Menschenjunge fort mit dir«, sagte Akela zu Vater Wolf, »und erziehe es, wie es sich ziemt für einen vom freien Volk.«
… Und so geschah es, daß Mogli im Rudel der Sioniwölfe aufgenommen wurde um den Preis eines fetten Bullen und auf Balus Fürsprache.
Zehn oder zwölf Jahre müßt ihr nun überspringen und euch selbst das seltsame Leben ausmalen, das Mogli unter den Wölfen führte; denn alles im einzelnen zu erzählen, würde Bände füllen. Mit den Wolfsjungen wuchs er auf, aber diese waren natürlich schon groß und stark, ehe noch Mogli alle seine Milchzähne hatte. Vater Wolf lehrte ihn alles, was ein Wolf wissen mußte, und weihte ihn in das Leben der Dschungel ein, bis jedes Rascheln im Grase, jeder Hauch der warmen Nachtluft, jeder Ruf der Eule über seinem Kopf, jeder Kratzer von den Krallen der Fledermäuse, wenn sie eine Weile im Baum gerastet hatten, und jeder klatschende Sprung des kleinsten Silberfisches im Teiche – bis dies alles seine genaue Bedeutung für ihn hatte. Und wenn er nicht lernte, dann lag er in der Sonne und schlief und aß und legte sich wieder schlafen. War er durstig oder heiß, schwamm er in den Weihern des Waldes. Hatte er ein Gelüste nach Honig (Balu sagte ihm nämlich, daß Honig und Nüsse mindestens so gut schmeckten wie Fleisch), dann kletterte er in den Bäumen umher, und Baghira zeigte ihm, wie er das tun müsse. Der schwarze Panther war ein verständiger Lehrer. Er sprang zuerst selbst den Baum hinauf, als sei es gar kein Kunststück, streckte sich bequem auf einem Aste aus und rief: »Komm her zu mir, kleiner Bruder!« Anfänglich wollte Mogli sich anklammern wie das Faultier, aber später schwang er sich durch die Baumkronen fast so kühn wie der graue Affe.
Er hatte bald auch seinen Platz bei dem Ratsfelsen in der Versammlung. Und hier machte er eines Tages die seltsame Entdeckung, daß die Wölfe seinen Blick nicht aushalten konnten. Starrte er einem von ihnen gerade ins Gesicht, so senkte der Wolf die Augen. Und so gewöhnte er sich daran, rein aus Mutwillen, sie anzustarren.
Oft aber auch zog er mit seinem kleinen, flinken Händen die Dornen aus den Ballen seiner Freunde, denn Wölfe leiden schrecklich unter Dornen und Splittern in ihren Pfoten und ihrem Fell. Zuweilen schlich er sich des Nachts nahe an die Dörfer und betrachtete neugierig die braunen Bewohner der Hütten; aber er mißtraute den Menschen, denn Baghira hatte ihm eine Kastenfalle gezeigt, die mit schweren Fangeisen so geschickt im Grase verborgen war, daß Mogli beinahe hineingeraten wäre. Am liebsten ging Mogli mit dem Panther so recht in das dunkle, feuchtwarme Herz des Urwaldes, um dort den schwülen Tag über zu schlafen und des Nachts Baghira auf der Jagd zu begleiten. Wenn der Panther hungrig war, würgte er rechts und links alles, was ihm in den Weg kam, und so tat auch Mogli – mit einer einzigen Ausnahme. Sobald er alt und verständig genug geworden, sprach Baghira zu ihm: »Die ganze Dschungel gehört dir, und du darfst alles erlegen, was du zu töten vermagst – aber um des Bullen willen, für den du erkauft wurdest, darfst du niemals Rindvieh töten oder essen, es sei jung oder alt. So lautet das Gesetz der Dschungel.«
Und Mogli gehorchte gewissenhaft. Er wuchs und wurde so stark, wie ein Knabe werden muß, der nicht weiß, was lernen heißt, und an nichts zu denken hat, als was man essen kann.
Mutter Wolf erzählte ihm ein-oder zweimal, daß man Schir Khan nicht trauen dürfe und daß er die Pflicht habe, eines Tages den Tiger zu töten. Ein Jungwolf würde zu jeder Stunde dieser Mahnung gedacht haben; Mogli aber vergaß sie immer und immer wieder, denn er war nur ein Knabe. Er selbst würde sich allerdings einen Wolf genannt haben, hätte er die Sprache der Menschen reden können.
Häufig kreuzte Schir Khan herausfordernd Moglis Pfad in der Dschungel; denn Akela wurde älter und schwächer, und der lahme Tiger schloß Freundschaft mit den Jungwölfen des Rudels, die ihm folgten um des Beuteabfalls willen. Das aber wäre nie geschehen in den Tagen von Akelas Macht. Schir Khan schmeichelte den jungen Wölfen und fragte oft verwundert, warum sich so starke, junge Jäger von einem verreckenden alten Wolfe und einem nackten Menschenjungen leiten ließen.
»Man erzählt sich in der Dschungel«, näselte er dann wohl höhnisch, »daß ihr in der Ratsversammlung nicht wagt, dem Menschenkind in die Augen zu schauen!« Dann knurrten die jungen Wölfe und sträubten das Fell.
Baghira, der seine Augen und Ohren überall hatte, erfuhr davon; und er warnte Mogli, daß Schir Khan ihm eines schönen Tages auflauern und ihn erwürgen werde. Aber Mogli lachte nur und antwortete: »Ich habe doch das Rudel und habe dich und habe Balu, der zwar faul geworden ist, aber immer noch für mich ein paar Schläge austeilen würde. Warum also mich fürchten?«
An einem sehr heißen Tage war es, da überkam den schwarzen Panther ein neuer Gedanke – vielleicht hatte er etwas gehört, oder Ikki, das Stachelschwein, hatte ihm davon erzählt. Kurz und gut, zu Mogli sagte er plötzlich in der tiefsten Dschungel, als des Knaben Kopf auf Baghiras schwarzem, schimmerndem Fell ruhte:
»Kleiner Bruder, wie oft sagte ich dir schon, daß Schir Khan dein Feind ist?«
»So oft, als Nüsse an der Palme dort hängen«, antwortete Mogli, der natürlich nicht zählen konnte. »Doch, was soll’s? Schläfrig bin ich, Baghira, und Schir Khan ist nichts als ein langer Schwanz und ein großes Maul, wie Mao, der Pfau.«
»Aber jetzt ist nicht Zeit zum Schlafen. Balu weiß es; ich weiß es; das Rudel weiß es, und sogar die dummen, dummen Rehe wissen’s. Dir hat es auch Tabaqui erzählt.«
»Ho, ho«, höhnte Mogli. »Tabaqui kam vor kurzem zu mir, das Maul voll frecher Redensarten: ich sei ein nacktes Menschenjunges und tauge nicht einmal, um Erdnüsse auszugraben. Aber ich, ich packte ihn beim Schwanze und schwang ihn zweimal gegen eine Palme, um ihn Anstand zu lehren.«
»Dummheit war das! Tabaqui ist zwar ein Unheilstifter, dennoch hätte er dir von Dingen erzählen können, die dich nahe angehen. Sperr die Augen auf, kleiner Bruder. Schir Khan wird es nicht wagen, dich in der Dschungel zu würgen; aber bedenke, Akela ist sehr alt geworden, und bald wird der Tag kommen, an dem er nicht mehr den Bock zu reißen vermag, und dann – hört er auf, Führer des Rudels zu sein. Viele Wölfe, die dich damals im Rat musterten, sind nun schon ergraut; die Jungen aber hängen Schir Khan an, der ihnen vorschwatzt, daß für ein Menschenjunges kein Platz ist im Rudel. In kurzem wirst du ein Mann sein.«
»Und was ist denn ein Mann, daß er nicht mit seinen Brüdern laufen soll?« fragte Mogli erregt. »In der Dschungel bin ich geboren, nach dem Gesetz der Dschungel habe ich gelebt. Keiner ist im Rudel, dem ich nicht schon einen Dorn aus der Pfote zog. Es sind doch meine Brüder.«
Baghira streckte sich in seiner ganzen Länge aus und schloß halb die Augen. »Kleiner Bruder«, sagte er, »fühle mir einmal unter den Kiefer.«
Mogli hob seine starke braune Hand, und gerade unter Baghiras seidigem Kinn, dort, wo die gewaltigen Muskeln spielten unter dem glänzenden Fell, da fühlte er eine kleine, kahle Stelle.
»Keiner in der Dschungel weiß, daß ich, Baghira, dieses Zeichen trage – die Spur eines Halsringes; und doch, mein kleiner Bruder, ist es wahr, daß ich unter Menschen geboren bin, und unter Menschen siechte meine Mutter dahin und verendete – in den Käfigen des Königspalastes zu Udaipur. Das war der Grund, warum ich den Preis für dich zahlte, als du noch ein kleines, nacktes Junges warst. Ja, auch ich kam unter Menschen zur Welt. Ich hatte niemals die Dschungel gesehen. Sie fütterten mich hinter eisernem Gitter, bis ich eines Nachts fühlte, daß ich Baghira sei, der Panther! … und kein Spielzeug für Menschen. Da zerbrach ich mit einem Schlag meiner Tatze das Schloß, das dumme, und war frei … und wurde erst wirklich Baghira, der Panther. Und weil ich Menschenbrauch kannte, wurde ich furchtbarer in der Dschungel als Schir Khan. Ist es nicht so?«
»Ja, mein Bruder, alle in der Dschungel fürchten Baghira, alle, außer Mogli.«
»Oh, du bist ein Menschenkind!« sagte der schwarze Panther mit zärtlichem Knurren. »Und so wie ich zur Dschungel heimkehrte, so wirst du zuletzt zu den Menschen zurückfinden, den Menschen, deinen Brüdern – wenn man dich nicht vorher im Rate tötet.«
»Aber warum? Warum sollten sie mich töten?«
»Sieh mich an!« sagte Baghira, und Mogli blickte ihm fest in die Augen. Nach einer halben Minute wandte der große Panther den Kopf zur Seite. »Deshalb«, sagte er und verschob die Pranke auf dem raschelnden Laubwerk. »Sogar ich vermag dir nicht gerade in die Augen zu sehen, und doch wurde ich unter Menschen geboren und liebe dich, mein kleiner Bruder. Aber die anderen hassen dich, weil deine Augen ihnen wehe tun, weil du weise bist und ihnen Dornen aus den Tatzen gezogen hast … kurz, weil du ein Mensch bist!«
»Von alledem wußte ich nichts«, sagte Mogli, und finster runzelten sich seine schwarzen Brauen.
»Wie lautet das Gesetz der Dschungel? Erst schlage und dann sprich! Gerade an deiner Sorglosigkeit sehen sie, daß du ein Mensch bist. Sei aber klug. Mir schwant, wenn Akela das nächste Mal seine Beute fehlt … und jedesmal wird es ihm schwerer, den Bock zu packen … dann wird das ganze Rudel über dich herfallen … über ihn und über dich. Einen Dschungelrat werden sie halten am Felsen, dann aber – dann – – – Ich hab’s!« rief Baghira erregt und sprang auf. »Höre, kleiner Bruder, laufe so schnell du kannst ins Tal zu den Hütten der Menschen und hole die rote Blume, die sie dort hegen. Dann wirst du in der Stunde der Not einen mächtigeren Freund haben als mich oder Balu oder die vom Rudel, die dich lieben. Lauf schnell und hole die rote Blume!«
Baghira meinte mit der roten Blume das Feuer; aber kein Tier der Dschungel wird das Feuer bei seinem Namen nennen. In großer Furcht leben alle vor dem glühenden Atem der Flamme und erfinden hundert Worte, sie zu umschreiben.
»Die rote Blume?« fragte Mogli, »die wächst vor den Hütten in der Dämmerung. Ich will sie holen!«
»So spricht ein Menschenjunges!« erwiderte Baghira mit Stolz. »Vergiß nicht, in kleinen Töpfen wächst sie. Und nun fort! Eile! Und bewahre sie wohl für die Zeit der Not!«
»Gut!« sagte Mogli. »Ich laufe. Aber bist du sicher, mein lieber Baghira«, er schlang seinen Arm um den glänzenden Hals seines Freundes und sah ihm tief in die großen Augen, »bist du auch ganz sicher, daß alles das Schir Khans Werk ist?«
»Bei dem gesprengten Schloß, das mich befreite, sicher bin ich, kleiner Bruder.«
»Dann, bei dem Bullen, der mein Kaufpreis war, dann will ich Schir Khan voll heimzahlen und vielleicht auch ein wenig mehr, als ich ihm schulde.« Und mit langen Sätzen sprang Mogli davon.
Ja, Mensch! Ganz und gar Mensch, dachte Baghira, sich wieder lagernd. »Oh, Schir Khan, niemals gab es schlimmere Jagd als deine Froschhetze vor zehn Jahren!«
Mogli rannte und rannte durch den Wald, und hoch schlug ihm das Herz. Als der Abendnebel stieg, gelangte er zu der Höhle, schöpfte Atem und blickte hinab ins Tal. Seine Brüder waren fort, aber Mutter Wolf lag hinten im Dämmer der Höhle. Sie hörte seinen keuchenden Atem und wußte sogleich, daß ihr kleiner Frosch Kummer hatte.
»Was hast du, Sohn?« fragte sie.
»Ach, nichts, nichts, nur dummes Geschwätz von Schir Khan!« rief er zurück. »Ich jage auf den gepflügten Feldern heute nacht!« und fort war er, seinen Weg durch das Dickicht bahnend, fort zum Flusse im Talgrunde. Da plötzlich stutzte er, denn er vernahm das Geheul des jagenden Rudels, hörte dumpfes Röhren gehetzter Sambarhirsche und das wilde Schnauben des Bockes, der sich den Verfolgern stellte. Dann ertönte das höhnische, böse Heulen der jungen Wölfe. »Akela, Akela! Der Einsiedelwolf zeige seine Stärke. Platz dem Führer des Rudels. Spring an, Akela!«
Und Akela sprang, mußte aber gefehlt haben, denn Mogli hörte das scharfe Zuklappen des Gebisses und gleich darauf ein Wehgeheul, als der wütende Hirsch mit seinen Vorderläufen den Wolf niederschlug.
Mogli verharrte nicht länger, sondern preschte weiter. Das Bellen und Heulen hinter ihm ward schwächer, als er durch die Äcker und Saatfelder lief zu den Wohnungen der Menschen.
»Baghira sprach wahr«, keuchte er und ließ sich auf einem Strohhaufen neben dem Fenster einer Hütte niederfallen, »morgen gilt’s uns beiden – Akela und mir!«
Dann erhob er sich geräuschlos, preßte das Gesicht gegen das kleine Fenster und beobachtete das Feuer auf dem Herd. Er sah, wie in der Nacht das Weib des Dörflers aufstand und dem Feuer kleine schwarze Stücke zur Nahrung gab. Als dann der Morgen anbrach und weiß und kalt die Nebel zogen, gewahrte er, wie der Knabe des Dörflers einen Weidenkorb nahm, der innen mit Lehm ausgelegt war, Stücke rotglühender Holzkohle hineintat, ihn zudeckte und hinaustrat, um nach den Kühen im Stall zu sehen.
»Ist das alles?« sagte Mogli zu sich. »Wenn das ein Menschenjunges tun kann, so ist keine Gefahr dabei.« Er bog rasch um die Ecke, trat auf den Knaben zu, entriß ihm den Topf und war im Nebel verschwunden, während der Junge in ein Angstgeheul ausbrach.
Sie sehen ganz aus wie ich – die Menschen, dachte Mogli und blies in den Topf, wie es die Frau gemacht hatte. Es wird sterben, wenn ich es nicht füttere. Und er legte kleine Zweige und Baumrinde auf die rote Blume. Er war schon wieder weit den Berg hinauf, als er Baghira traf, auf dessen Fell die Tautropfen des Morgens wie Mondsteine glänzten.
»Akela hat den Sprung verfehlt«, erzählte der Panther. »Sie hätten ihn schon diese Nacht getötet, aber auch dich wollten sie haben. Überall in der Dschungel suchten sie nach dir.«
»Bei den Hütten der Menschen war ich. Jetzt bin ich bereit. Sieh!« Er hielt den rauchenden Topf in die Höhe.
»Gut, aber höre. Ich sah, wie die Menschen einen trockenen Ast in die Masse bohrten, und dann blühte plötzlich die rote Blume an seinem Ende auf. Hast du keine Angst?«
»Nein! Warum sollte ich denn? Jetzt entsinne ich mich – wenn es kein Traum war –, wie ich einst, bevor ich ein Wolf wurde, neben der roten Blume lag; warm war sie und freundlich.«
Mogli saß den ganzen Tag in der Höhle bei seinem Feuertopfe und steckte trockene Zweige hinein, um zu sehen, wie die rote Blume aufzüngelte. Zuletzt fand er einen starken Ast, der ihm gefiel. Am Abend dann, als Tabaqui in die Höhle kam und ihm höhnisch zurief, er werde gewünscht auf dem Ratsfelsen, da lachte er und lachte, bis Tabaqui entsetzt davonlief. Und lachend noch ging Mogli zur Ratsversammlung der Wölfe.
Akela, der Einsiedelwolf, lagerte am Fuß seines felsigen Sitzes zum Zeichen, daß die Führerschaft des Rudels frei war. Schir Khan schritt stolz auf und ab, umschmeichelt von seinem Anhang, den abfallfressenden Wölfen. Baghira lag dicht bei Mogli, der den Feuertopf zwischen den Knien hielt. Als alle vollzählig versammelt waren, hob Schir Khan an zu sprechen, wie er’s zur Zeit von Akelas kraftvoller Führung nie gewagt haben würde.
»Er hat kein Recht zu reden«, flüsterte Baghira. »Sage ihm das! Ein Hundesohn ist er! Sag es ihm! Er wird dann Furcht haben!«
Mogli sprang auf. »Freies Volk!« rief er. »Ist Schir Khan des Rudels Führer? Was hat ein Tiger mit der Führerschaft zu tun?«
»In Anbetracht dessen, daß die Führerschaft frei ist – in Anbetracht, daß ich ersucht worden bin, zu sprechen…«, begann Schir Khan.
»Ersucht? Von wem?« rief Mogli. »Sind wir denn alle Schakale, daß wir vor diesem lahmen Viehschlächter kriechen? Die Führerschaft über das Rudel steht ganz allein dem Rudel zu.«
Wildes Geschrei erhob sich: »Schweige, du Menschenjunges!« Und andere riefen: »Er rede! Er hat das Gesetz gehalten!« Endlich übertönte die donnernde Stimme des Ältesten des Rudels das Gewirr: »Der tote Wolf soll sprechen. Akela hat das Wort.« Sobald nämlich der Führer des Rudels seine Beute verfehlt hat, wird er der »tote Wolf« genannt, solange er noch am Leben ist.
Akela hob müde sein graues Haupt und sagte:
»Freies Volk, und auch ihr, Schakale Schir Khans! Zwölf Jahre lang führte ich euch vom Lager zum Schlagen, vom Schlagen zum Lager, und während der ganzen Zeit geriet keiner in Fallen, kam keiner zu Schaden. Nun habe ich meine Beute gefehlt. Ihr alle wißt von der Verschwörung gegen mich. Ihr wißt, wie ihr mich zu dem Bock in der Brunft gebracht habt, um dem Rudel meine Schwäche zu zeigen. Die Falle war gut gestellt. Euer Recht ist nun, mich hier am Ratsfelsen zu töten. Ich frage daher, wer kommt an, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen? Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen. Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mich anzugehen, einer nach dem anderen.«
Tiefes Schweigen herrschte ringsum; niemand regte sich, denn keiner hatte den Mut, Akela zu Tode zu kämpfen. Da brüllte Schir Khan:
»Bah! Was haben wir denn mit diesem zahnlosen Narren zu schaffen? Er ist sowieso dem Tode verfallen! Aber das Menschenjunge ist’s, um das es sich handelt! Freies Volk, er war meine Beute von Anbeginn! Liefert ihn mir aus! Meine Geduld mit ihm ist zu Ende! Dieser Menschenwolf hat zehn Jahre lang in der Dschungel sein Unwesen getrieben! Gebt ihn heraus, oder … ich schwör’s … ich werde immerdar in euren Gründen jagen und keinen trockenen Knochen übriglassen. Mensch ist er, eines Menschen Kind – ich hasse ihn, bis in das Mark meiner Gebeine hasse ich ihn!« Mehr als die Hälfte des Rudels heulte:
»Ein Mensch ist er! Was haben wir mit einem Menschen zu schaffen? Zum Menschenpack gehe er, wo er hingehört!«
»Um alle Dörfler gegen uns aufzuhetzen?« fragte Schir Khan. »Nein, gebt ihn mir. Mensch ist er, und keiner von uns vermag ihm in die Augen zu blicken.«
Wieder erhob Akela den grauen Kopf. »Er hat mit uns sich gesättigt. Er hat mit uns geschlafen. Er hat uns das Wild zugejagt. Er hat niemals ein Gesetz der Dschungel gebrochen.«
»Ich zahlte einen Bullen für ihn als Preis für seine Aufnahme. Gewiß, der Wert eines Bullen ist gering, aber für seine Ehre wird Baghira möglicherweise zu kämpfen wissen«, sagte der Panther mit sanfter Stimme.
»Ein Bulle, vor zehn Jahren bezahlt«, knurrte das Rudel. »Was kümmern uns alte gebleichte Knochen?«
»Auch nicht Verträge?« Baghira fletschte sein weißes Gebiß. »Freies Volk nennt man euch und mit Recht.«
»Kein Menschenjunges darf laufen und leben mit den Völkern der Dschungel«, heulte Schir Khan. »Gebt ihn mir frei!«
»Er ist unser Bruder in allem – nur nicht im Blute![1q]« fuhr Akela fort, »und dennoch wollt ihr ihn erwürgen? Wahrlich, zu lange schon habe ich gelebt! Manche unter euch sind Viehfresser geworden, und andere – so hörte ich sagen – schleichen sich nachts im Gefolge Schir Khans in die Dörfer und stehlen kleine Kinder von den Türschwellen! Feiglinge seid ihr und Hundegezücht, und zu Feiglingen spreche ich jetzt. Ich bin dem Tode verfallen, und keinen Wert hat mein Leben, sonst würde ich es euch anbieten, um das Menschenjunge zu retten. Aber um der Ehre des Rudels willen, die ihr – führerlos geworden – vergaßt, schwöre ich euch, daß ich mich nicht wehren will, wenn meine Zeit kommt, zu sterben! Laßt das Menschenjunge in sein Dorf zurückkehren, und ich lasse mich willig von euch zerreißen, ohne zu kämpfen! Das wird zum mindestens dreien aus dem Rudel das Leben retten. Mehr kann ich nicht tun; aber wenn ihr wollt, kann ich euch die Schande ersparen, einen Bruder zu töten, gegen den keine Klage ist – einen Bruder, für den man sprach und den man einkaufte ins Pack nach dem Gesetz der Dschungel.«
