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Rudyard Kiplings "Das Dschungelbuch" entführt die Leser in die tiefen und geheimnisvollen Wälder Indiens, wo das Schicksal des Findelkindes Mowgli zwischen Mensch und Tier, Natur und Zivilisation oszilliert. Mit einem einzigartigen literarischen Stil, der sowohl poetische Erzählungen als auch packende Abenteuer verbindet, reflektiert Kipling die komplexen Beziehungen zwischen den Charakteren und der Natur. Die Original-Illustrationen bereichern diese klassiche Sammlung von Geschichten, indem sie der eindringlichen Schilderung der indischen Fauna und Flora visuelle Tiefe verleihen und dabei den Leser in die ergreifende Welt des Dschungels eintauchen lassen. Rudyard Kipling, ein Meister der Erzählkunst und Nobelpreisträger, wurde 1865 in Indien geboren. Sein tiefes Verständnis für die Kultur und Tierwelt Indiens prägte seine Schreibweise und ließ ihn die Grenzen zwischen Mensch und Tier nahtlos aufheben. Kiplings Erlebnisse in diesem exotischen Land und seine Faszination für die Mythologie und Folklore spiegeln sich in den lebendig und eindringlich gestalteten Figuren wider, die diesem Buch Leben einhauchen. Das Dschungelbuch ist nicht nur ein Kinderbuch, sondern eine vielschichtige Fabel, die über Generationen hinweg Menschen anspricht. Leserinnen und Leser, die sich für Themen wie Identität, Freiheit und die Herausforderungen des Erwachsenwerdens interessieren, werden in diesem zeitlosen Werk sowohl Unterhaltung als auch profundes Nachdenken finden. Ein wahres Meisterwerk, das sowohl jung als auch alt in seinen Bann zieht. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Diese Werksammlung vereint unter dem Titel „Das Dschungelbuch (mit Original-Illustrationen)“ die beiden klassischen Bände „Das Dschungelbuch“ und „Das neue Dschungelbuch“ von Rudyard Kipling. Ziel der Zusammenstellung ist es, den vollständigen Zyklus dieser Erzählungen in einer kompakten, leserfreundlichen Form zugänglich zu machen und zugleich die historische Bildwelt mitzupfassen, die die frühesten Ausgaben begleitet hat. Die hier vorliegenden Texte bilden kein fortlaufendes Romangeschehen, sondern entfalten sich als eigenständige, miteinander verbundene Geschichten, deren Wiederlesen ebenso reizvoll ist wie die erste Begegnung. So entsteht ein geschlossenes Leseerlebnis, das Vielfalt und Einheit verbindet.
Rudyard Kipling veröffentlichte die Erzählungen zunächst in Zeitschriften, bevor sie 1894 als „The Jungle Book“ und 1895 als „The Second Jungle Book“ in Buchform erschienen. Die vorliegende Sammlung folgt dieser Zweiteilung und führt beide Bände wieder zusammen. Sie stellt die Texte so vor, wie sie als komplementäre Werke gedacht sind: mit wiederkehrenden Figuren, Motiven und Schauplätzen, die von Geschichte zu Geschichte in neue Konstellationen treten. Darüber hinaus macht die Vereinigung in einem Band die Entstehungszeit der späten 1890er Jahre als literarischen Kontext sichtbar, der Sprache, Themenwahl und Erzählstruktur maßgeblich geprägt hat.
Die Bücher versammeln vor allem Erzählungen, die Elemente der Fabel, des Abenteuerberichts und des Kunstmärchens verbinden. Neben den Prosatexten finden sich in der Überlieferung begleitende Verse und Lieder, die den Ton der jeweiligen Episoden rahmen oder nachklingen lassen. Diese Mischung aus narrativer Spannung, symbolischer Verdichtung und lyrischer Akzentuierung ist charakteristisch für Kiplings Gestaltung. Leserinnen und Leser begegnen damit keiner einheitlichen Gattung, sondern einer bewusst vielgestaltigen Textlandschaft, in der kurze Formen, prägnante Szenen und pointierte Dialoge die Hauptrolle spielen und in der jedes Stück zugleich für sich steht und im Gesamtbogen mitschwingt.
Das verbindende Band der Sammlung sind Themen, die über die Einzelepisode hinausweisen: Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Regeln und Freiheit, Sprache und Verständigung, Loyalität, Mut und Verantwortung. Der Dschungel wird dabei nicht nur als exotischer Schauplatz entworfen, sondern als moralisch und sozial strukturierter Raum, in dem Handeln Konsequenzen hat. Die Spannungen zwischen Natur und Kultur, Instinkt und Lernen, Gemeinschaft und Individualität verleihen den Geschichten ihre nachhaltige Wirkung. Das Ergebnis ist eine poetische Welt, die zugleich anschaulich und gedankentief bleibt und in der Ethos, Abenteuer und Spieltrieb ein dynamisches Gleichgewicht bilden.
Im Zentrum vieler Erzählungen steht die Figur eines Kindes, das zwischen Menschen- und Tierwelt aufwächst. Diese Konstellation bietet einen klaren Ausgangspunkt, ohne den Fortgang vorwegzunehmen: Sie eröffnet Fragen nach Identität, Erziehung, Sprache und Recht. Das Heranwachsen wird als tastender, manchmal riskanter Lernprozess gezeigt, in dem Regeln nicht nur eingeschärft, sondern auch verstanden werden müssen. Gerade in der Wiederkehr bestimmter Figuren über mehrere Texte hinweg entsteht ein stiller Dialog der Geschichten miteinander. So bildet sich, ohne linearen Romanbogen, ein Entwicklungsraum, dessen Stationen die Leserinnen und Leser selbst erkunden.
Zur Vielfalt der Sammlung tragen zahlreiche Erzählungen bei, die abseits dieser Figur eigenständige Akzente setzen. Unterschiedliche Lebenswelten – von dichtem Wald bis zu offenen Landschaften und Küstenregionen – treten auf, ebenso verschiedene soziale Gefüge von Tieren und Menschen. Manche Stücke rücken Arbeit, Handwerk, Disziplin oder Kooperation in den Vordergrund, andere schärfen den Blick für Wahrnehmung, Täuschung und List. Die Spannweite der Perspektiven erzeugt ein Kaleidoskop von Stimmen, in dem Erkundung, Gefahr, Beobachtung und Freundschaft einander durchdringen, ohne dass die Selbstständigkeit der einzelnen Geschichten verloren ginge.
Stilistisch arbeitet Kipling mit anschaulicher, ökonomischer Prosa, die Präzision und Musikalität verbindet. Seine Erzählweise setzt auf klare Szenen, deutliche Handlungslinien, wiederkehrende Motive und eine pointierte, oft rhythmische Satzführung. Wissensdetails über Tierverhalten, Landschaften und Gebrauchsgegenstände werden sparsam, aber wirkungsvoll eingesetzt, um Glaubwürdigkeit und Atmosphäre zu stützen. Die Perspektive ist dabei meist erzählerisch bündelnd, gelegentlich mit ironischer Distanz, stets jedoch darauf gerichtet, Handlung und Charakterzug in wenigen Strichen vernehmbar zu machen. Diese sprachliche Disziplin verleiht den Texten Dauerhaftigkeit und hohe Zitierfähigkeit, ohne in Rhetorik zu erstarren.
Die Original-Illustrationen, die diese Ausgabe begleitet, stammen aus dem Umfeld der frühen Buchausgaben und prägen bis heute die ikonische Vorstellung vom Dschungel, seinen Tieren und Figuren. Sie sind mehr als bloße Dekoration: Sie rhythmisieren das Lesen, setzen Akzente, öffnen Zwischenräume der Imagination und machen Haltungen, Bewegungen und Blicke sichtbar. In ihrer zeitgenössischen Ästhetik spiegeln sie zudem den Buchkunstgeschmack des späten 19. Jahrhunderts. Die Verbindung von Bild und Text lädt zu einem dialogischen Lesen ein, bei dem Anschaulichkeit und Deutung ineinandergreifen, ohne den Eigenklang der Prosa zu übertönen.
Die anhaltende Bedeutung der Dschungelbücher zeigt sich in ihrer weiten Verbreitung, in zahlreichen Übersetzungen und in einer lebendigen Rezeptionsgeschichte. Sie werden von Kindern wie Erwachsenen gelesen, weil sie Abenteuerlust mit moralischer Imagination verbinden und komplexe Fragen in erzählerisch zugängliche Formen gießen. Im Bildungsbereich finden die Texte ebenso Anknüpfungspunkte wie in der Literaturwissenschaft, die ihre Komposition, Motivik und kulturelle Wirkung untersucht. Ihre erzählerische Ökonomie, die dichte Symbolik und die einprägsamen Figuren haben die Bücher zu einem festen Bestandteil der Weltliteratur werden lassen.
Gleichzeitig sind die Dschungelbücher Produkte ihrer Zeit und werden vor dem Hintergrund ihrer Entstehung diskutiert. Fragen nach Macht, Ordnung, Sprache und Zugehörigkeit berühren auch historische Diskurse, in denen sich Bewunderung für Natur und Disziplin mit hierarchischen Sichtweisen mischen kann. Die Texte laden deshalb zu verantwortungsvollen Lektüren ein, die Faszination und Kritik miteinander ins Gespräch bringen. Gerade diese Spannweite – zwischen poetischer Verdichtung und historischer Kontextualisierung – macht die anhaltende Relevanz der Sammlung aus und öffnet sie für immer neue Lesegenerationen.
Die vorliegende Zusammenstellung präsentiert beide Bände bewusst als zusammengehörige Werkhälften. In dieser Anordnung lassen sich Übergänge, Spiegelungen und Kontraste unmittelbar wahrnehmen: Motive kehren wieder, Perspektiven verschieben sich, und Themen gewinnen in veränderter Umgebung neue Konturen. Die Original-Illustrationen begleiten diesen Weg, indem sie Erinnerungsanker setzen und den Blick leiten. So entsteht ein Lesefluss, der sowohl punktuelles Eintauchen in einzelne Erzählungen als auch eine umfassende Lektüre erlaubt, bei der die innere Architektur des Doppelwerks als stilles Gerüst spürbar bleibt.
Diese Ausgabe versteht sich als Einladung, die Dschungelbücher in ihrer formalen, thematischen und visuellen Geschlossenheit neu zu entdecken. Wer die Geschichten zum ersten Mal liest, findet einen klaren Einstieg über Ausgangssituationen, die ohne Vorkenntnisse verständlich sind. Wer zurückkehrt, kann die Vielzahl an Spiegelungen, Leitmotiven und feinen Übergängen erkunden, die sich zwischen beiden Bänden entfalten. In der Verbindung von prägnanter Erzählkunst und historischer Bildwelt liegt der besondere Reiz dieser Werksammlung, die Abenteuer, Nachdenklichkeit und poetische Klarheit in einem nachhaltigen Leseerlebnis bündelt.
Joseph Rudyard Kipling (1865–1936) war ein englischer Autor und Dichter, dessen Werk die späte viktorianische und edwardianische Epoche sichtbar mitgeprägt hat. Geboren in Bombay und 1936 in London verstorben, verband er journalistische Schärfe mit erzählerischer Bildkraft. 1907 erhielt er den Nobelpreis für Literatur, als einer der frühesten englischsprachigen Preisträger. International bekannt wurde er vor allem durch Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch, die Erzählungen aus einem verdichteten Indien entwerfen. Kiplings Stimme vereint Sinn für Abenteuer, strenge Form und ein Ethos von Pflicht und Ordnung, dessen Wirkung bis heute bewundert und kritisch befragt wird.
Seine Ausbildung erhielt Kipling in England; prägend war der Besuch des United Services College in Westward Ho!, Devon. Dort traf eine strenge Internatskultur auf lebhafte Lektüreerfahrungen, die seinen Ton zwischen Disziplin, Ironie und Lakonie formten. Früh stand er zwischen Welten: Erinnerungen an Indien, der Rhythmus von Sprachen und Erzähltraditionen, und die Normen eines imperialen Großbritanniens. Aus dieser Spannung erwuchs ein Blick für Regeln, Rituale und soziale Codes, die seine Figuren und Settings durchziehen. Als junge Stimme suchte er handwerkliche Klarheit, pointierte Beobachtung und eine Prosarythmik, die aus präzisem Detail und bündiger Pointe Wirkung erzielte.
Nach Abschluss der Schule kehrte Kipling im jungen Erwachsenenalter nach Indien zurück und arbeitete als Journalist. In Lahore schrieb er für die Civil and Military Gazette, später in Allahabad für The Pioneer. Reportagen, Miniaturen und Feuilletons schulten seinen Blick für Szenerie, Dialog und soziale Hierarchien. Er sammelte frühe Erzählungen, die aus Zeitungsspalten hervorgingen, und gewann rasch Leserschaft. Die tägliche Praxis verdichteter Prosa, die sich an Tatsachen und Rhythmus orientiert, blieb sein Handwerksfundament. Aus dem Wechsel zwischen Beobachtung und Verdichtung entwickelte er jene erzählerische Ökonomie, die seine literarischen Sammlungen, einschließlich der Dschungelbücher, nachhaltig prägt.
Das Dschungelbuch (1894) und Das neue Dschungelbuch (1895) brachten Kiplings Kunst auf einen prägnanten Nenner. In lose verbundenen Erzählungen entfaltet er eine Welt, in der Tiere sprechen, Regeln gelten und Zugehörigkeit stets errungen werden muss. Zentral ist der Kontrast zwischen Instinkt und Gesetz, Mut und Maß, Gemeinschaft und Eigenwillen. Die indische Landschaft erscheint als literarische Bühne, die Erfahrung und Mythos, Abenteuer und Moral verdichtet. Die Bände wurden früh breit gelesen, von Kindern und Erwachsenen, und prägten das Bild eines erzählerischen Kosmos, der Einfachheit der Oberfläche mit dichter symbolischer Struktur verbindet.
Kipling verband eine ausgeprägte Vorstellung von Ordnung und Verantwortung mit ästhetischer Präzision. Seine Weltsicht, oft im Sinne imperialer Stabilität verstanden, lenkte den Blick auf Dienst, Loyalität und Regelbewusstsein; zugleich öffneten seine Dschungelgeschichten Räume für Ambivalenz, in denen Zugehörigkeit verhandelt und Macht begrenzt wird. Die berühmte Formel vom „Gesetz des Dschungels“ fungiert als erzählerischer Prüfstein: Normen sichern Zusammenhalt, doch ihre Auslegung bleibt Sache der Figuren und Situationen. Damit wirken die Bände als Parabeln über Regeln, Solidarität und Maß, die ihre Zeit widerspiegeln und zugleich über historische Grenzen hinaus lesbar bleiben. Diese doppelte Lesbarkeit erklärt einen Teil ihrer anhaltenden Resonanz.
In den späteren Jahrzehnten blieb Kipling eine produktive und weithin gehörte Stimme. Er veröffentlichte Prosa und Gedichte, hielt Vorträge und mischte sich, insbesondere in Kriegszeiten, publizistisch in Debatten ein. Dabei wurde sein Ansehen bereits zu Lebzeiten unterschiedlich bewertet: handwerklich bewundert, inhaltlich teils kritisch diskutiert. Internationale Reisen und Leseerfolge festigten die Bekanntheit; zugleich verschob sich der literarische Zeitgeschmack. Die beiden Dschungelbücher behaupteten dabei einen besonderen Status, weil sie Generationen erreichten und in vielen Sprachen präsent blieben. Bis in die dreißiger Jahre schrieb und überarbeitete Kipling Texte, die sein Bild als disziplinierter Erzähler prägten.
Kiplings Vermächtnis lebt in stilistischer Genauigkeit, erzählerischer Ökonomie und Bildern fort, die in Kultur und Bildung verankert sind. Das Dschungelbuch und Das neue Dschungelbuch werden weiterhin gelesen, adaptiert und erforscht; ihre Geschichten funktionieren als Abenteuer und als Reflexion über Regeln, Zugehörigkeit und Verantwortung. Zugleich bleibt seine Rolle als Chronist imperialer Denkweisen Gegenstand kontroverser Deutungen. Heute wird Kipling sowohl als Meister prägnanter Erzählkunst wie auch als Autor mit historisch gebundenen Überzeugungen rezipiert. Diese doppelte Perspektive hält sein Werk im Gespräch und schärft den Blick für literarische Formen, die Wirkung und Wert neu aushandeln.
Rudyard Kipling wurde 1865 im britisch beherrschten Bombay geboren und wuchs zwischen Indien und Großbritannien auf. Die in dieser Sammlung vereinten Bände Das Dschungelbuch (1894) und Das neue Dschungelbuch (1895) entstanden in den letzten Jahren der viktorianischen Epoche, als das Britische Empire seine größte Ausdehnung erreichte. Kipling, als Kind der imperialen Welt geprägt, schrieb in einer Zeit, in der Kolonialverwaltung, Wissenschaft und globale Verkehrsnetze stark ausgebaut wurden. Die Geschichten reflektieren, ohne direkt zeitgebunden zu sein, Erfahrungen in kolonialen Grenzräumen und die Begegnung unterschiedlicher Wissenskulturen. Sie stehen somit im Spannungsfeld zwischen kolonialer Ordnungsvorstellung und der Faszination für vielfältige Lebenswelten.
Politisch ist die Entstehungszeit der Sammlung vom Britischen Raj bestimmt, der nach 1858 die Herrschaft der Krone in Indien festigte. Verwaltungsapparate wie der Indian Civil Service und militärische Präsenz strukturierten Macht und Alltag. Die Außenpolitik des Empire war vom „Großen Spiel“ in Zentralasien geprägt, während im Inneren der Kolonie Debatten über Reformen und Loyalität zunahmen. Gleichzeitig formierten sich ab den 1880er Jahren in Indien zivilgesellschaftliche Strömungen, etwa der 1885 gegründete Indian National Congress. Vor diesem Hintergrund gewinnen Motive wie Gesetz, Pflicht und Zugehörigkeit besondere Resonanz und prägen die Wahrnehmung der in den Erzählungen entworfenen Ordnungen.
Gesellschaftlich transformierten Eisenbahnen, Telegrafie und neue Kommunikationskanäle Indien und verbanden entlegene Regionen mit Kolonialmetropolen. Städte wuchsen, während Militärstationen, Forststationen und Plantagen die ländlichen Räume neu ordneten. Zwischen europäischen Siedlungsgemeinschaften und einheimischen Gesellschaften entstanden Kontaktzonen, in denen Übersetzung, Missverständnis und Pragmatismus koexistierten. Diese Gemengelagen bilden den Resonanzraum, in dem Naturbeobachtung, Erfahrungswissen und administrative Rationalität zusammentreffen. Die Erzählwelten der Sammlung erhalten dadurch ein Gewebe aus Topografie, Infrastruktur und institutioneller Präsenz, das nicht in Statistiken benannt wird, aber als historische Folie erkennbar bleibt.
Kipling arbeitete in den 1880er Jahren als Journalist in Lahore und Allahabad, in einer Zeit rasant expandierender Pressemärkte. Die periodische Presse schuf vernetzte Leserschaften in Indien, Großbritannien und Nordamerika. Viele Erzählungen erschienen zunächst in Zeitschriften, bevor sie als Buch gesammelt wurden. Dieses Publikationsmodell beeinflusste Form, Länge und Struktur einzelner Stücke und begünstigte eine modulare, episodenartige Komposition. Gleichzeitig förderte die transnationale Zirkulation der Texte eine Lesbarkeit, die lokale Details vermittelt, ohne die Rezeption außerhalb des Entstehungsorts zu erschweren. Journalistische Präzision und ökonomische Erzählökonomie prägen so den Ton der Sammlung.
Buchhandel und Verlage der 1890er Jahre agierten zunehmend transatlantisch. London und New York etablierten parallele Ausgaben, die mit Ausstattung, Satz und Illustration Lesergruppen adressierten, die sowohl Kinder- als auch Erwachsenenliteratur nachfragten. Solide Leinenbände mit reicher Bebilderung waren nicht nur Schmuck, sondern auch Vertrauenssignal für Bildungsbürger und Bibliotheken. Gleichzeitig trugen internationale Rechtefragen und die Synchronisierung von Erscheinungsterminen zur Standardisierung des literarischen Produkts bei. Die Dschungelbücher profitierten von dieser Infrastruktur: Sie wurden zeitnah in mehreren Märkten verbreitet und gewannen dadurch früh einen kanonischen Status über nationale Grenzen hinweg.
Im späten 19. Jahrhundert veränderte sich Kinder- und Jugendliteratur grundlegend. Neben moraldidaktischen Texten etablierte sich Abenteuer- und Reiseliteratur, die kindliche Autonomie, Entdeckergeist und Grenzerfahrung thematisierte. Zeitgenössische Autoren entwickelten hybride Formen, die zugleich von Erwachsenen gelesen wurden. In diesem Feld positionieren sich die Dschungelbücher mit einer Mischung aus Fabeltradition, Naturbeobachtung und erzählerischer Verdichtung. Sie greifen vertraute Gattungsmuster auf, erweitern sie aber um eine globale Perspektive, in der regionale Kenntnisse, Tierkunde und Fragen des Zusammenlebens in Regeln und Ritualen verhandelt werden, ohne ausschließlich als Kinderlektüre verstanden werden zu müssen.
Das 19. Jahrhundert war von naturwissenschaftlichen Debatten geprägt, die bis in die Populärkultur reichten. Seit Darwins Veröffentlichungen standen Evolution, Anpassung und Umweltbeziehungen im Zentrum wissenschaftlicher Aufmerksamkeit. Naturkundliche Vereine, Museumsnetzwerke und koloniale Sammlungen verbreiteten Wissen über Flora und Fauna. Diese Wissensordnung beeinflusste die literarische Gestaltung von Tieren und Landschaften, die nicht bloß Kulisse sind, sondern Akteure einer eigenständigen Ordnung. Die Sammlung reflektiert damit die zeitgenössische Faszination für Beobachtung, Klassifikation und Naturverhalten, ohne sich auf didaktische Wissenschaftsprosa zu reduzieren.
Ein Leitmotiv der Zeit ist die rechtlich-administrative Durchdringung von Territorien. Begriffe wie Gesetz, Gewohnheit und Rangordnung dominierten britische Selbstdarstellungen und koloniale Praxis. In den Erzählungen wird Ordnung vielfach als kodifiziertes Regelwerk imaginiert, dessen Befolgung Zugehörigkeit stiftet und Konflikte moderiert. Diese symbolische Aufwertung von Regeln korrespondiert mit dem viktorianischen Vertrauen in Institutionen und in die Steuerbarkeit komplexer Systeme. Zugleich macht sie sichtbar, wie prekär Ordnung in Grenzräumen bleibt, in denen unterschiedliche Normen kollidieren. Der historische Kontext hilft, diese Ambivalenz als Kern der späten Imperialkultur zu erkennen.
Um 1860 bis 1880 professionalisierte der Raj seine Forstverwaltung; der Indian Forest Act von 1878 regelte Nutzung und Schutz großer Waldflächen. Parallel florierte die Jagdkultur europäischer Eliten, während naturkundliche Beobachtung und Trophäensammlungen Wissenskapital generierten. Eisenbahnen erleichterten den Zugang zu vormals schwer erreichbaren Regionen und veränderten Wildtierpopulationen ebenso wie lokale Ökonomien. In dieser Konstellation wurden Tiere zu Projektionsflächen kolonialer Wissensansprüche und moralischer Selbstbilder. Die Sammlung spiegelt diese Diskurse, indem sie Natur als eigenständige Sphäre ernst nimmt, zugleich aber von den zeitgenössischen Hierarchien des Blicks nicht unberührt bleibt.
Die koloniale Sprachlandschaft war von Übersetzungen, Lehnwörtern und Vermittlungsarbeit geprägt. Anglo-Indisches Englisch übernahm Begriffe aus regionalen Sprachen; Verwaltung, Militär und Handel entwickelten eigene Jargons. Literatur, die in diesem Umfeld entsteht, balanciert zwischen Verständlichkeit für transnationale Leserschaften und der Authentizität lokaler Register. Die Dschungelbücher integrieren solche Register in Namen, Bezeichnungen und kulturelle Codes, wodurch eine spezifische Atmosphäre entsteht. Historisch markiert dies eine Phase, in der sprachliche Grenzgänge als Zeichen von Weltläufigkeit galten, aber auch Machtasymmetrien sichtbar machten, weil Benennungen und Kategorisierungen selten neutral waren.
Die Illustrationen spielten in der Rezeption eine Schlüsselrolle. Zeitgenössische Ausgaben wurden von John Lockwood Kipling, W. H. Drake und weiteren Künstlern bebildert, deren Arbeiten Detailfreude und ethnografische Anmutung verbanden. Technische Innovationen in der Reproduktion – von verbesserten Druckplatten bis zu neuen Halbtonverfahren – ermöglichten eine feinere Wiedergabe von Fellstrukturen, Ornamenten und Landschaften. Bilder dienten nicht nur der Zierde, sondern rahmten Lektüreerwartungen und vermittelten Autorität durch scheinbar dokumentarische Präzision. In einer Zeit visueller Wissensvermittlung trugen sie wesentlich zur Glaubwürdigkeit und internationalen Attraktivität der Sammlung bei.
Zwischen 1892 und 1896 lebte Kipling überwiegend in Neuengland und schrieb einen Großteil der Dschungel-Erzählungen in Vermont. Diese transatlantische Distanz strukturierte den Blick: Indische Stoffe wurden aus räumlicher Entfernung und für ein anglophones Weltpublikum weitergedacht. Das amerikanische Verlagswesen bot zugleich günstige Bedingungen für aufwendig illustrierte Bände und eine breite Leserschaft. Die Verbindung von kolonialer Erinnerung, globalem Markt und ruhiger Arbeitsumgebung förderte eine Erzählform, die regionale Details mit universell lesbaren Fragen nach Zugehörigkeit, Erziehung und Gemeinschaft verknüpft, ohne sich in Reiseschilderungen zu erschöpfen.
Die zeitgenössische Rezeption war überwiegend positiv und hob Erzählkraft, Bildmächtigkeit und die Verbindung von Abenteuer und Moral hervor. Die Sammlung wurde rasch in zahlreiche Sprachen übersetzt und fand über Schulbibliotheken, Leihbibliotheken und Familienhaushalte Verbreitung. Diese internationale Anerkennung stärkte Kiplings Reputation, die 1907 im Literaturnobelpreis kulminierte. Zwar setzte die intensive Kritik an imperialen Perspektiven erst später ein, doch bereits um 1900 diskutierte man die Doppeladressierung an Kinder und Erwachsene sowie die Frage, ob die Texte vor allem Unterhaltung, Charakterbildung oder kultivierte Welterklärung bieten wollten.
Ein bedeutender Strang der Rezeptionsgeschichte verläuft über die Jugendbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts. Robert Baden-Powell gründete 1907 die Pfadfinderbewegung und etablierte 1916 ein Programm für jüngere Mitglieder, das auf Motiven und Figuren aus den Dschungel-Erzählungen aufbaute. Kipling stimmte dieser Nutzung zu. Dadurch wurden Namen, Begriffe und Rituale der Sammlung in Vereinsleben und pädagogische Praxis übersetzt. Die Verflechtung von Literatur, Charakterbildung und kollektiver Symbolik prägte Generationen von Leserinnen und Lesern und verankerte die Dschungelbücher als Referenzpunkt bürgerlicher Erziehungsdiskurse in verschiedenen Ländern.
Im 20. Jahrhundert folgten zahlreiche Bühnenfassungen, Hörspiele, Fernseh- und Filmadaptionen, die das Bildmaterial und melodische Elemente ausbauten. Besonders einflussreich wurden populäre Filmversionen, die internationale Publikumserwartungen prägten und oft die Schauplätze romantisierten oder die Handlung vereinfachten. Diese Adaptionen verstärkten die globale Bekanntheit der Motive, entfernten sich jedoch mitunter vom historischen Kontext und vom Ton der Buchvorlagen. Für die Rezeptionsgeschichte bedeutet das eine doppelte Spur: Einerseits dauerhafte Verankerung im kulturellen Gedächtnis, andererseits Überlagerung literarischer Feinheiten durch massenmediale Ikonographie.
Nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 und im Zuge postkolonialer Debatten befragte die Kritik Kiplings Werk neu. Forschungen diskutierten koloniale Blickregime, Hierarchien und die Rolle von Sprache in der Konstruktion des „Anderen“. Während einige Lesarten die Sammlung als Ausdruck imperialer Ordnungsvorstellungen interpretieren, betonen andere ihre Mehrdeutigkeit, die Vielstimmigkeit und die Aufmerksamkeit für lokale Wissensformen. Diese Auseinandersetzungen veränderten den didaktischen Gebrauch der Texte, führten zu kommentierten Ausgaben und machten sichtbar, wie historische Kontexte Lektüren strukturieren, ohne die literarische Komplexität auf ein ideologisches Schema zu reduzieren.
In jüngeren Jahrzehnten setzten sich ökologische und tierstudienbezogene Perspektiven durch, die Interaktionen zwischen Menschen, Tieren und Räumen in den Blick nehmen. Die Sammlung wird hier als frühes Archiv populärer Naturvorstellungen gelesen, in dem Fragen nach Lebensräumen, Anpassung und Koexistenz literarisch verhandelt werden. Gleichzeitig reflektiert die Übersetzungsgeschichte – mit vielfältigen Übertragungen seit dem späten 19. Jahrhundert – nationale Lesarten, sprachliche Entscheidungen und editorische Eingriffe. Anmerkungsapparate heutiger Ausgaben kontextualisieren koloniale Termini, erläutern historische Hintergründe und öffnen den Text für kritisch informierte, zugleich genussvolle Lektüren unterschiedlicher Altersgruppen.
Eine Sammlung verbundener und eigenständiger Erzählungen, in denen das Menschenkind Mowgli unter Wölfen aufwächst und die Gesetze des Dschungels kennenlernt. Zwischen Jagd, Rat und Ritualen verhandeln die Geschichten Loyalität, Zugehörigkeit und die Balance zwischen Instinkt und Verantwortung. Neben Mowgli geben weitere Episoden – etwa um einen wachsamen Mungo oder einen wandernden Seehund – dem Dschungel zusätzliche Perspektiven und einen abenteuerlich-fabelhaften Ton.
Die Fortsetzung vertieft Mowglis Weg zwischen Tier- und Menschenwelt und konfrontiert ihn stärker mit Grenzen, Entscheidungen und deren Folgen. Die Erzählungen erweitern den Schauplatz und schärfen Motive von Gesetz, Freiheit und Gemeinschaft, während neue Figuren und Begegnungen die Spannungen zwischen Welten akzentuieren. Der Ton ist etwas dunkler und nachdenklicher, bleibt aber von lebendigen Szenen, Liedern und prägnanten Lehrmomenten getragen.
Beide Bände kreisen um Zugehörigkeit, das Verhältnis von Individuum und Ordnung sowie das Spannungsfeld zwischen Naturtrieb und Regelwerk. Charakteristisch sind knappe, bildhafte Prosa, fabelhafte Klarheit und Episoden, die Abenteuer mit leisen, lehrhaften Untertönen verbinden. Über die Sammlung hinweg verschiebt sich der Schwerpunkt von staunender Entdeckung zu reiferer Ambivalenz, wodurch die Welt des Dschungels größer, verbindlicher und folgenreicher wirkt.
Nun bringt der Weih die dunkle Nacht, Und »Mang«, die Fledermaus, erwacht. Der Stall birgt alles Herdentier, Denn bis zum Morgen herrschen wir! Die Stunde stolzer Kraft hebt an Für Prankenhieb und scharfen Zahn. Jagdheil! und kühn gehetzt, gerafft: Das Dschungelrecht ist jetzt in Kraft.
Nachtgesang in der Dschungel
Gegen sieben Uhr an einem recht schwülen Sommerabend in den Sionibergen erwachte Vater Wolf, gähnte, reckte sich und streckte die Läufe, einen nach dem anderen, um das Schlafgefühl in den Pfoten loszuwerden. Neben ihm lag Mutter Wolf, die lange graue Nase quer über den vier winselnden und quarrenden Jungen, und von draußen her schien der Mond in die Höhle, in der sie alle hausten.
»A-ruff«, knurrte Vater Wolf, »schon wieder Zeit, auf Jagd zu gehen.« Gerade wollte er den Hang hinabsetzen, als am Eingang der Höhle ein kleiner Schatten mit buschiger Rute erschien und winselte: »Glück sei mit dir, Häuptling der Wölfe! Und viel Glück deinen edlen Kindern, weiße, scharfe Zähne sollen ihnen wachsen. Mögen sie nie die Hungernden und Darbenden vergessen in dieser Welt!«
Der Schakal war es – Tabaqui, der Schüssellecker. Die Wölfe in Indien verachten ihn, weil er Unheil stiftend umherschweift und böse Geschichten erzählt. Ja, er verschlingt sogar alte Lumpen und Lederstücke von den Abfallhaufen der Dörfer. Aber sie fürchten ihn auch, denn Tabaqui wird leicht von Tollwut befallen, viel leichter als irgendein anderes Tier in der Dschungel. Dann vergißt er, daß er je Angst gehabt hat, rennt blindwütend durch die Wälder und beißt und würgt alles, was ihm in den Weg kommt. Dann flüchtet selbst der Tiger vor dem kleinen Tabaqui und verbirgt sich im Dickicht; denn von der Tollwut befallen zu werden, ist die größte Schande für die Tiere der Wildnis. Wir Menschen nennen es Hydrophobie, aber die Bewohner der Dschungel sagen einfach Dewanii – Wahnsinn – und flüchten davon.
»Tritt ein und schau«, sagte Vater Wolf. »Fraß findest du hier nicht.«
»Für einen Wolf wohl kaum«, antwortete Tabaqui. »Aber für ein so niedriges Geschöpf wie ich ist ein trockener Knochen ein Festschmaus. Wer sind wir denn, wir Gidurlog, wir armes Schakalvolk, daß wir wählerisch sein könnten?« Er trat nach dem Hintergrund der Höhle und fand dort den Knochen eines gerissenen Bocks mit noch etwas Fleisch daran; bald saß er und knackte vergnügt an dem Knochen.
»Tiefen Dank für das prächtige Mahl«, sagte er, sich die Lippen leckend. »Ah, wie schön sind die edlen Kinder! Wie groß und klar sind ihre Augen. Und so jung sind sie noch, die lieben Kleinen! Freilich – freilich, es ist ja allbekannt, daß Kinder von Königen schon Männer sind von Geburt an.«
Nun wußte Tabaqui ebensogut wie jeder andere, daß man nichts Unschicklicheres tun kann, als Kinder ins Gesicht hinein zu loben – denn das ist von schlimmer Vorbedeutung. Und es freute ihn, als Vater und Mutter Wolf betreten schwiegen.
Noch eine Weile saß Tabaqui und weidete sich an dem Unheil, das er angerichtet hatte. Dann sagte er boshaft:
»Schir Khan, der Gewaltige, hat seine Jagdgründe verlegt. Hier in diesen Hügeln wird er jagen im nächsten Mond – so sagte er mir selbst.«
Schir Khan war der Tiger, der an den Ufern des Waingungaflusses lebte – ungefähr zwanzig Meilen entfernt.
»Dazu hat er kein Recht!« brauste Vater Wolf auf. »Nach dem Gesetz der Dschungel darf er seine Jagdgründe nicht wechseln ohne vorherige Ankündigung. Alles Wild wird er uns vergrämen auf zehn Meilen im Umkreis, und ich – ich muß jetzt jagen für zwei.«
»Seine Mutter nannte ihn nicht ohne Grund Langri, den Lahmen«, warf Mutter Wolf ein. »Lahm auf einem Fuß ist er von Geburt an. Darum auch reißt er nur Rindvieh. Nun sind die Dörfler am Waingunga zornig über ihn, und jetzt kommt er hierher und wird unsere Dörfler aufbringen. Um seinetwillen werden sie die Dschungel ausräuchern, wenn er schon wieder weit fort ist; wir aber und unsere Jungen müssen dann flüchten, wenn das Gras in Brand gesteckt ist. Wahrlich, sehr dankbar sind wir ihm, dem großen Schir Khan!«
»Soll ich ihm vielleicht euren Dank überbringen?« fragte Tabaqui.
»Pack dich!« jappte Vater Wolf. »Geh zu deinem Herrn und Meister! Unheil genug hast du gestiftet in einer Nacht!«
»Ich gehe!« sagte Tabaqui gelassen. »Da könnt ihr ihn schon hören, den Schir Khan, drunten im Dickicht. Die Botschaft konnte ich mir sparen.«
Lauschend spitzte Vater Wolf die Ohren. Dann vernahm er unten im Tal, das sich zu einem kleinen Bach hinabsenkt, das ärgerliche, schnarrende, näselnde Gewinsel eines Tigers, der nichts geschlagen hatte und den es nicht kümmert, daß alles Dschungelvolk sein Mißgeschick erfährt.
»Der Narr, der!« knurrte Vater Wolf. »Die Nachtarbeit mit solchem Lärm zu beginnen! Glaubt er etwa, daß unsere Böcke ebenso dumm sind wie seine fetten Ochsen am Waingungafluß?«
»Still!« sagte Mutter Wolf. »Still, Alter. Hörst du denn nicht? Weder Ochse noch Bock hetzt er heute … den Menschen jagt er!«
Das Gewinsel des Tigers ging nun über in ein langgezogenes, summendes Schnurren – so laut und doch so unbestimmt, daß es schien, als käme es aus allen Himmelsrichtungen zugleich. Das war das Summen, das den Holzfällern und Zigeunern, die in den Lichtungen rasten, das Blut erstarren macht – kopflos fliehen sie dann, stürzen wie von Sinnen davon, oft gerade hinein in den flammenden Rachen des Tigers.
»Menschen!« wiederholte Vater Wolf und fletschte seine weißen Zähne. »Puh! Gibt es denn nicht genug Gewürm und Frösche in den Sümpfen, daß er Menschen fressen muß … und noch dazu in unserem Gebiete?«
Das Gesetz der Dschungel, das nichts ohne guten Grund vorschreibt, verbietet den Tieren, Menschen anzugreifen, mit der einzigen Ausnahme, wenn ein Tier seine Jungen das Jagen und Töten lehrt. Das aber darf nur abseits geschehen, niemals in den Jagdgründen des eigenen Rudels oder Stammes. Der wahre Grund dafür ist, daß früher oder später, wenn ein Mensch getötet ist, die Bleichgesichter anrücken auf Elefanten, mit Büchsen bewaffnet, begleitet von Hunderten von braunen Dienern, mit Gongs, Raketen und Fackeln. Dann haben alle in der Dschungel zu leiden. Die Tiere aber geben als Grund an, daß der Mensch das schwächlichste und wehrloseste aller Geschöpfe ist, daher sei es unsportlich, ihn anzugreifen. Sie sagen ferner – und das ist die Wahrheit –, vom Menschenfleisch würden sie räudig und verlören die Zähne.
Lauter wurde das Schnurren und endete plötzlich in einem scharfen, tiefkehligen »Aaaoh!« beim Aufsprung des Tigers.
Dann ertönte Geheul – untigerisches Geheul und Gemaunz von Schir Khan. »Er hat gefehlt«, sagte Mutter Wolf. »Was war es?«
Vater Wolf trabte ein paar Schritte vor die Höhle und vernahm das wütende Geheul Schir Khans, der in den Büschen im Talgrund herumfegte.
»So ein Dummkopf«, brummte Vater Wolf. »In das Feuer eines Holzfällers ist er gesprungen und hat sich dabei die Pfoten verbrannt! Tabaqui ist bei ihm.«
»Etwas kommt den Hügel herauf«, flüsterte Mutter Wolf und stellte einen Lauscher hoch. »Aufgepaßt!«
In dem Gebüsch raschelte es leise, und Vater Wolf duckte sich, zum Sprunge bereit. Dann aber geschah etwas höchst Seltsames. Der Wolf war gesprungen, bevor er noch das Ziel erkannt hatte, und suchte sich nun plötzlich mitten im Satze aufzuhalten. Die Folge war, daß er vier oder fünf Fuß kerzengerade in die Luft schoß und fast auf derselben Stelle landete, von der er abgesprungen war.
»Ein Mensch!« stieß er hervor. »Ein Menschenjunges! Sieh nur!«
Gerade vor ihm, an einen niedrigen Zweig geklammert, stand ein nackter, brauner Junge, der eben erst laufen gelernt hatte – ein ganz zartes, kleines, krauslockiges Wesen, das da in der Nacht zu einer Wolfshöhle gekommen war. Es sah dem Wolf ins Gesicht und lachte.
»Was?« fragte Mutter Wolf. »Ist das ein Menschenjunges? Ich habe noch nie eins gesehen. Bring es her!«
Wölfe, die ihre eigenen Jungen über Stock und Stein tragen, können, wenn nötig, ein Ei zwischen die Zähne nehmen, ohne es zu zerbrechen. Obgleich sich Vater Wolfs Rachen über dem Kinde schloß, so hatten seine spitzen Zähne doch nicht einmal die weiche Haut des strampelnden Kleinen geritzt, als er ihn zu seinen eigenen Jungen legte.
»Wie winzig! Wie nackt und – wie tapfer!« sagte Mutter Wolf sanft. Der Kleine drängte die Wolfsjungen beiseite, um dicht an das warme Fell der Mutter zu gelangen. »Ahai, er sucht seine Nahrung ganz wie die anderen. Das also ist ein Menschenjunges? Sag, hat sich je eine Wölfin rühmen können, ein Menschenjunges unter ihren Kindern zu haben?«
»Hier und dort hörte ich davon, doch niemals in unserem Rudel oder zu meiner Zeit«, antwortete Vater Wolf. »Wahrhaftig, ganz ohne Haar ist der Körper. Mit einem Prankenschlag könnte ich es zerquetschen. Aber sieh doch, wie es aufschaut zu uns, und nicht ein bißchen Angst hat es.«
Da plötzlich wurde es dunkel in der Höhle. Dem Mondlichte wurde der Eintritt versperrt, denn Schir Khans mächtiger, eckiger Kopf und breite Schulter schoben sich in den Eingang. Tabaqui rief hinter ihm her mit schriller Stimme:
»Hier, mein Gebieter – hier ist es hineingegangen.«
»Schir Khan erweist uns große Ehre!« sagte Vater Wolf, doch Zorn glomm in seinen Augen. »Was wünscht Schir Khan?«
»Meine Beute! Ein Menschenjunges ist hier hereingeflüchtet[1q]! Seine Eltern sind davongelaufen. Gib es heraus! Es gehört mir!«
Wie Vater Wolf gesagt hatte, war Schir Khan in das Feuer eines Holzfällers gesprungen, und der Schmerz in den verbrannten Pfoten machte ihn rasend. Aber Vater Wolf wußte, daß die Öffnung der Höhle zu klein sei, um dem Tiger Eingang zu gestatten. Schon in seiner jetzigen Stellung waren Schir Khans Schultern und Vordertatzen eingezwängt, und er glich einer wütenden Katze, die vergebens versucht, in ein Mauseloch zu dringen.
»Wir Wölfe sind ein freies Volk«, sagte der Wolf. »Unsere Befehle nehmen wir nur von dem Führer des Rudels, aber nicht von irgendeinem gestreiften Viehmörder. Das Menschenjunge gehört uns. Wir können es töten oder am Leben lassen, ganz nach unserem Belieben!«
»Belieben oder Nichtbelieben! Was schwatzt du für dummes Zeug? Bei dem Ochsen, den ich soeben schlug, soll ich hier stehen und mir die Nase wundstoßen am Eingang eurer Hundebehausung, um das zu verlangen, was mir gebührt? Schir Khan ist es, der mit dir spricht!«
Des Tigers Gebrüll erfüllte die Höhle mit rollendem Donner. Mutter Wolf schüttelte ihre Jungen von sich ab; sie sprang vor, und ihre Augen starrten wie zwei grüne Mondsicheln in der Dunkelheit auf die beiden lohenden Lichter im gewaltigen Kopfe Schir Khans.
»Und ich, Raschka, der Dämon, bin’s, der jetzt spricht und dir antwortet. Das Menschenjunge gehört mir, du lahmer Langri – und mein wird es bleiben. Es soll nicht getötet werden! Es soll leben, um mit dem Pack zu rennen und zu jagen, und zuletzt – sieh dich vor, du großer Jäger kleiner, nackter Jungen, du alter Paddenfresser, du Fischfänger! –, sieh dich vor, denn zuletzt, ganz zuletzt soll es dich hetzen, unser kleines Menschenjunges, ja, und soll dir das Fell über die Katzenohren ziehen. Und nun pack dich fort! Oder ich schwör’s bei dem letzten Sambar, den ich schlug (ich vergreife mich nicht am hungrigen Herdenvieh), ich schwör’s, du verbranntes Biest, lahmer sollst du zu deiner Mutter zurückkehren, als du zur Welt gekommen bist. Fort mit dir!«
Ganz verblüfft blickte Vater Wolf sie an. Fast vergessen hatte er die Zeit, da er Mutter Wolf sich errang im offenen, ehrlichen Kampf gegen fünf andere Wölfe – damals, als sie mit dem Pack lief und nicht umsonst der Dämon genannt wurde.
Schir Khan würde es wohl mit Vater Wolf aufgenommen haben, aber gegen Mutter Wolf anzugehen, das wagte er denn doch nicht, denn er wußte, daß sie alle Vorteile der Lage für sich hatte und es einen Kampf auf Tod und Leben geben würde. So zog er sich knurrend aus dem engen Eingang zurück und brüllte, als er frei war:
»Im eigenen Hof kläfft jeder Hund! Aber wir wollen doch erst einmal sehen, was das Rudel zu dieser Geschichte sagen wird. Mir allein gehört das Menschenjunge, und zwischen meine Zähne wird es doch noch kommen zuletzt, ihr buschschwänzigen Spitzbuben, ihr!«
Mutter Wolf warf sich keuchend zwischen ihre Jungen nieder, und Vater Wolf sagte jetzt mit besorgter Miene: »Schir Khan hat nicht ganz unrecht. Das Menschenjunge muß dem Rudel gezeigt werden. Willst du es wirklich behalten?«
»Wirklich behalten?« fragte sie entrüstet. »Nackt und ganz allein kam es zu uns in der Nacht und sehr hungrig und hatte doch nicht ein bißchen Furcht. Sieh doch nur, jetzt hat es schon wieder eins meiner Kinder beiseite gedrückt. Und dieser lahme Viehschlächter hätte es beinahe verschlungen und sich dann zum Waingungaflusse aus dem Staube gemacht, während die Dorfbewohner hier alle Schlupfwinkel durchsucht hätten, um Rache zu nehmen! Ihn behalten? Natürlich will ich das. Lieg still, kleiner Frosch. Oh, mein Mogli – denn Mogli, Frosch, werde ich dich nennen –, der Tag wird für dich kommen, diesen Schir Khan zu jagen und zu hetzen, wie er dich heute gehetzt hat!«
»Aber was wird unser Rudel dazu sagen?« meinte Vater Wolf.
Das Gesetz der Dschungel stellt es jedem Wolfe frei, sich von dem Rudel zu trennen, wenn er die Wölfin in sein Lager holt. Sobald aber seine Jungen groß genug sind, um auf eigenen Läufen zu stehen, muß er sie zur Ratsversammlung bringen, die einmal im Monat zur Zeit des Vollmonds tagt; und dort werden sie von allen Wölfen des Rats in Augenschein genommen und anerkannt. Nach dieser Musterung haben die Jungen das Recht, frei umherzustreifen; und bevor sie nicht ihren ersten Bock gerissen haben, darf unter keinen Umständen ein erwachsener Wolf sie angreifen oder töten. Das Gesetz der Dschungel ist streng, und wer gegen die Vorschrift fehlt, wird ohne Gnade mit dem Tode bestraft. Wenn man ein bißchen nachdenkt, muß man zugeben, daß es so sein muß.
Vater Wolf wartete, bis seine Kleinen laufen konnten, und dann nahm er sie alle mit Mutter Wolf und Mogli eines Nachts mit zum Ratsfelsen, einer Hügelkuppe, die mit Steinen und Geröll bedeckt war und die wohl hundert Wölfen und mehr ein sicheres Versteck bot. Akela, der große, graue Einsiedelwolf, war dank seiner Stärke und Schläue der Führer des Rudels. Er lag lang ausgestreckt auf einem ragenden Felsblock, und etwas tiefer unterhalb kauerten mehr als vierzig Wölfe von jeder Farbe und Gestalt. Da waren dachsgraue Veteranen, die es allein mit jedem Bock aufnahmen, bis herunter zu den schwarzen, drei Jahre alten Wölfen, die meinten, sie könnten es auch. Der große, graue Einzelgänger hatte das Rudel nun schon ein Jahr lang geführt. In seiner Jugend war er zweimal in Wolfsfallen geraten, und einmal hatte man ihn beinahe erschlagen; deshalb kannte er ein gut Teil von den Sitten und Gebräuchen der Menschen.
In der Versammlung wurde wenig gesprochen. Mitten im Kreise, um den die Eltern saßen, stolperten und purzelten die Kleinen umher; ab und zu kam ein Altwolf lautlos herbei, sah sich die Jungen genau an, beschnüffelte sie sorgfältig und schritt dann wieder gravitätisch auf seinen Platz zurück. Manchmal schob eine besorgte Mutter ihr Kleines recht weit hinaus in das helle Mondlicht, um ganz sicher zu sein, daß man es nicht übersehen habe. Von seinem Felsen rief Akela immer wieder: »Ihr kennt das Gesetz – ihr kennt das Gesetz wohl! Äuget genau, ihr Wölfe!« Und ängstliche Mütter nahmen den Ruf auf und wiederholten: »Äuget – äuget genau, o Wölfe!«
Und zuletzt – Mutter Wolfs Nackenhaare stellten sich hoch – zuletzt schob Vater Wolf »Mogli, den Frosch«, in den Kreis. Da saß er lachend und spielte mit kleinen Steinchen, die im Mondlicht glänzten. Akela hob seinen Kopf nicht von den Pranken, sondern wiederholte den eintönigen Ruf: »Äuget – äuget genau!«
Da kam ein dumpfes Gebrüll hinter den Felsen hervor. Es war Schir Khans Stimme: »Das Junge gehört mir! Gebt es mir! Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«
Akela rührte nicht einmal die Lauscher, er sagte nur: »Äuget wohl, ihr Wölfe! Was geht das freie Volk die Weisung eines Fremdlings an?«
Da erhob sich im Rate ein Grollen und Murren. Ein junger Wolf im vierten Jahr griff Schir Khans Frage auf und warf sie Akela zu: »Was hat das freie Volk mit einem Menschenjungen zu schaffen?«
Das Gesetz der Dschungel bestimmt, daß im Falle einer Meinungsverschiedenheit, ob ein Junges im Rudel aufgenommen werden soll oder nicht, mindestens zwei Mitglieder des Rates zugunsten des Kleinen sprechen müssen, doch haben die beiden Eltern keine Stimme.
»Wer spricht für das Junge?« fragte Akela. »Wer unter dem freien Volke spricht für ihn?«
Keiner meldete sich, und Mutter Wolf machte sich bereit zu ihrem letzten Kampf – denn sie wußte, daß es ihr letzter sein würde, wenn es zum Kampfe kam.
In diesem Augenblick stellte sich Balu auf die Hinterbeine und knurrte – Balu, der schläfrige, braune Bär, der die jungen Wölfe das Dschungelgesetz lehrt. Der einzige Fremdling ist er im Rate der Wölfe, er kann gehen und kommen, ganz wie er will, denn er lebt nur von Nüssen, Wurzeln und Honig.
»Das Menschenjunge, das Menschenjunge?« fragte er. »Ich spreche für das Menschenjunge. Warum denn nicht? Was kann ein Menschenjunges dem Packe schaden? Wie? Schöne Reden halten kann ich nicht, aber ich spreche die Wahrheit. Nehmt ihn auf und laßt ihn mit dem Rudel laufen. Ich selbst werde ihn unterrichten.«
»Noch einen Fürsprecher brauchen wir!« sagte Akela. »Balus Wort gilt, er ist der Lehrer der Jungen. Wer spricht noch außer Balu?«
Ein dunkler Schatten fiel in den Kreis. Es war Baghira, der schwarze Panther, tintenschwarz über und über, doch mit der Pantherzeichnung, die in der Seide des Felles zuweilen aufleuchtete. Jeder kannte Baghira, und niemand kreuzte gern seinen Pfad; denn schlau war er wie Tabaqui, stark wie der Büffel und tollkühn wie Hathi, der Elefant, wenn er verwundet ist. Aber seine Stimme war sanft wie wilder Honig, der vom Baume tröpfelt, und sein Fell weicher als Flaumfedern.
»Du, Akela, und ihr, das freie Volk!« schnurrte er. »Ich habe kein Recht in eurer Versammlung; doch nach dem Dschungelgesetze kann das Leben eines Jungen, dessen Aufnahme bestritten wird, für einen Preis erkauft werden. Und das Gesetz schreibt nicht vor, wer den Preis bezahlen soll und wer nicht. Spreche ich wahr?«
»Gut, sehr gut!« jaulten die immer hungrigen jungen Wölfe. »Hört, was Baghira sagt! Um einen Preis ist das Junge einzukaufen in das Rudel. So steht’s im Gesetz!«
»Ich habe kein Recht, hier zu sprechen, so bitte ich um eure Erlaubnis!«
»Sprich nur!« schrien zwanzig Stimmen.
»Ein nacktes Junges zu töten ist Schmach und Schande. Im übrigen taugt es besser dazu, euch an ihm zu erproben, wenn es erst groß und erwachsen ist. Balu hat gesprochen. Den Worten Balus füge ich nur einen Bullen hinzu – fett, sage ich euch, und eben erst getötet! Keine halbe Meile liegt er von hier, wenn ihr bereit seid, das Menschenjunge aufzunehmen nach dem Gesetz. Leuchtet euch das ein?«
Da tönte es bunt durcheinander: »Warum sollten wir nicht? Was kann es schaden? Es wird ja doch im Winterregen umkommen oder in der Sonne verdorren. Was kann uns denn so ein nackter Frosch antun? Laßt ihn mit dem Rudel laufen! Wo ist dein Bulle, Baghira! Wir stimmen für den Antrag!«
Und wieder erklang Akelas heiseres Bellen vom Felsen her: »Äuget, ihr Wölfe! Äuget genau!«
Mogli spielt versonnen mit den Steinchen; so wurde er es gar nicht gewahr, daß die Wölfe einer nach dem anderen herankamen, um ihn zu beäugen. Dann liefen sie alle den Hügel hinab zu dem toten Bullen, und nur Akela, Baghira, Balu und Moglis eigene Wölfe blieben zurück. Schir Khans Gebrüll erfüllte die Nacht, denn er war sehr zornig, daß man ihm Mogli nicht ausgeliefert hatte.
»Heule nur!« brummte Baghira in seinen Bart. »Heule nur! Die Zeit wird kommen, dann wird das nackte Ding dir in einer anderen Tonart aufspielen – oder ich weiß nichts vom Menschen.«
»Gut getan!« sagte Akela. »Menschen und ihre Jungen sind sehr klug. Wer weiß – er kann uns später eine Hilfe werden.«
»Wahrlich, Hilfe in der Not; denn keiner kann hoffen, das Rudel ewig zu führen«, sagte Baghira.
Akela antwortete nicht. Er gedachte der Zeit, die für jeden Leiter eines Rudels kommt, wenn seine Stärke von ihm weicht, wenn er schwach und immer schwächer wird, bis zuletzt die eigenen Wölfe über ihn herfallen und ihn reißen. Ein neuer Führer ersteht, bis auch er an die Reihe kommt, getötet zu werden.
»Nimm das Menschenjunge fort mit dir«, sagte Akela zu Vater Wolf, »und erziehe es, wie es sich ziemt für einen vom freien Volk.«
… Und so geschah es, daß Mogli im Rudel der Sioniwölfe aufgenommen wurde um den Preis eines fetten Bullen und auf Balus Fürsprache.
Zehn oder zwölf Jahre müßt ihr nun überspringen und euch selbst das seltsame Leben ausmalen, das Mogli unter den Wölfen führte; denn alles im einzelnen zu erzählen, würde Bände füllen. Mit den Wolfsjungen wuchs er auf, aber diese waren natürlich schon groß und stark, ehe noch Mogli alle seine Milchzähne hatte. Vater Wolf lehrte ihn alles, was ein Wolf wissen mußte, und weihte ihn in das Leben der Dschungel ein, bis jedes Rascheln im Grase, jeder Hauch der warmen Nachtluft, jeder Ruf der Eule über seinem Kopf, jeder Kratzer von den Krallen der Fledermäuse, wenn sie eine Weile im Baum gerastet hatten, und jeder klatschende Sprung des kleinsten Silberfisches im Teiche – bis dies alles seine genaue Bedeutung für ihn hatte. Und wenn er nicht lernte, dann lag er in der Sonne und schlief und aß und legte sich wieder schlafen. War er durstig oder heiß, schwamm er in den Weihern des Waldes. Hatte er ein Gelüste nach Honig (Balu sagte ihm nämlich, daß Honig und Nüsse mindestens so gut schmeckten wie Fleisch), dann kletterte er in den Bäumen umher, und Baghira zeigte ihm, wie er das tun müsse. Der schwarze Panther war ein verständiger Lehrer. Er sprang zuerst selbst den Baum hinauf, als sei es gar kein Kunststück, streckte sich bequem auf einem Aste aus und rief: »Komm her zu mir, kleiner Bruder!« Anfänglich wollte Mogli sich anklammern wie das Faultier, aber später schwang er sich durch die Baumkronen fast so kühn wie der graue Affe.
Er hatte bald auch seinen Platz bei dem Ratsfelsen in der Versammlung. Und hier machte er eines Tages die seltsame Entdeckung, daß die Wölfe seinen Blick nicht aushalten konnten. Starrte er einem von ihnen gerade ins Gesicht, so senkte der Wolf die Augen. Und so gewöhnte er sich daran, rein aus Mutwillen, sie anzustarren.
Oft aber auch zog er mit seinem kleinen, flinken Händen die Dornen aus den Ballen seiner Freunde, denn Wölfe leiden schrecklich unter Dornen und Splittern in ihren Pfoten und ihrem Fell. Zuweilen schlich er sich des Nachts nahe an die Dörfer und betrachtete neugierig die braunen Bewohner der Hütten; aber er mißtraute den Menschen, denn Baghira hatte ihm eine Kastenfalle gezeigt, die mit schweren Fangeisen so geschickt im Grase verborgen war, daß Mogli beinahe hineingeraten wäre. Am liebsten ging Mogli mit dem Panther so recht in das dunkle, feuchtwarme Herz des Urwaldes, um dort den schwülen Tag über zu schlafen und des Nachts Baghira auf der Jagd zu begleiten. Wenn der Panther hungrig war, würgte er rechts und links alles, was ihm in den Weg kam, und so tat auch Mogli – mit einer einzigen Ausnahme. Sobald er alt und verständig genug geworden, sprach Baghira zu ihm: »Die ganze Dschungel gehört dir, und du darfst alles erlegen, was du zu töten vermagst – aber um des Bullen willen, für den du erkauft wurdest, darfst du niemals Rindvieh töten oder essen, es sei jung oder alt. So lautet das Gesetz der Dschungel.«
Und Mogli gehorchte gewissenhaft. Er wuchs und wurde so stark, wie ein Knabe werden muß, der nicht weiß, was lernen heißt, und an nichts zu denken hat, als was man essen kann.
Mutter Wolf erzählte ihm ein-oder zweimal, daß man Schir Khan nicht trauen dürfe und daß er die Pflicht habe, eines Tages den Tiger zu töten. Ein Jungwolf würde zu jeder Stunde dieser Mahnung gedacht haben; Mogli aber vergaß sie immer und immer wieder, denn er war nur ein Knabe. Er selbst würde sich allerdings einen Wolf genannt haben, hätte er die Sprache der Menschen reden können.
Häufig kreuzte Schir Khan herausfordernd Moglis Pfad in der Dschungel; denn Akela wurde älter und schwächer, und der lahme Tiger schloß Freundschaft mit den Jungwölfen des Rudels, die ihm folgten um des Beuteabfalls willen. Das aber wäre nie geschehen in den Tagen von Akelas Macht. Schir Khan schmeichelte den jungen Wölfen und fragte oft verwundert, warum sich so starke, junge Jäger von einem verreckenden alten Wolfe und einem nackten Menschenjungen leiten ließen.
»Man erzählt sich in der Dschungel«, näselte er dann wohl höhnisch, »daß ihr in der Ratsversammlung nicht wagt, dem Menschenkind in die Augen zu schauen!« Dann knurrten die jungen Wölfe und sträubten das Fell.
Baghira, der seine Augen und Ohren überall hatte, erfuhr davon; und er warnte Mogli, daß Schir Khan ihm eines schönen Tages auflauern und ihn erwürgen werde. Aber Mogli lachte nur und antwortete: »Ich habe doch das Rudel und habe dich und habe Balu, der zwar faul geworden ist, aber immer noch für mich ein paar Schläge austeilen würde. Warum also mich fürchten?«
An einem sehr heißen Tage war es, da überkam den schwarzen Panther ein neuer Gedanke – vielleicht hatte er etwas gehört, oder Ikki, das Stachelschwein, hatte ihm davon erzählt. Kurz und gut, zu Mogli sagte er plötzlich in der tiefsten Dschungel, als des Knaben Kopf auf Baghiras schwarzem, schimmerndem Fell ruhte:
»Kleiner Bruder, wie oft sagte ich dir schon, daß Schir Khan dein Feind ist?«
»So oft, als Nüsse an der Palme dort hängen«, antwortete Mogli, der natürlich nicht zählen konnte. »Doch, was soll’s? Schläfrig bin ich, Baghira, und Schir Khan ist nichts als ein langer Schwanz und ein großes Maul, wie Mao, der Pfau.«
»Aber jetzt ist nicht Zeit zum Schlafen. Balu weiß es; ich weiß es; das Rudel weiß es, und sogar die dummen, dummen Rehe wissen’s. Dir hat es auch Tabaqui erzählt.«
»Ho, ho«, höhnte Mogli. »Tabaqui kam vor kurzem zu mir, das Maul voll frecher Redensarten: ich sei ein nacktes Menschenjunges und tauge nicht einmal, um Erdnüsse auszugraben. Aber ich, ich packte ihn beim Schwanze und schwang ihn zweimal gegen eine Palme, um ihn Anstand zu lehren.«
»Dummheit war das! Tabaqui ist zwar ein Unheilstifter, dennoch hätte er dir von Dingen erzählen können, die dich nahe angehen. Sperr die Augen auf, kleiner Bruder. Schir Khan wird es nicht wagen, dich in der Dschungel zu würgen; aber bedenke, Akela ist sehr alt geworden, und bald wird der Tag kommen, an dem er nicht mehr den Bock zu reißen vermag, und dann – hört er auf, Führer des Rudels zu sein. Viele Wölfe, die dich damals im Rat musterten, sind nun schon ergraut; die Jungen aber hängen Schir Khan an, der ihnen vorschwatzt, daß für ein Menschenjunges kein Platz ist im Rudel. In kurzem wirst du ein Mann sein.«
»Und was ist denn ein Mann, daß er nicht mit seinen Brüdern laufen soll?« fragte Mogli erregt. »In der Dschungel bin ich geboren, nach dem Gesetz der Dschungel habe ich gelebt. Keiner ist im Rudel, dem ich nicht schon einen Dorn aus der Pfote zog. Es sind doch meine Brüder.«
Baghira streckte sich in seiner ganzen Länge aus und schloß halb die Augen. »Kleiner Bruder«, sagte er, »fühle mir einmal unter den Kiefer.«
Mogli hob seine starke braune Hand, und gerade unter Baghiras seidigem Kinn, dort, wo die gewaltigen Muskeln spielten unter dem glänzenden Fell, da fühlte er eine kleine, kahle Stelle.
»Keiner in der Dschungel weiß, daß ich, Baghira, dieses Zeichen trage – die Spur eines Halsringes; und doch, mein kleiner Bruder, ist es wahr, daß ich unter Menschen geboren bin, und unter Menschen siechte meine Mutter dahin und verendete – in den Käfigen des Königspalastes zu Udaipur. Das war der Grund, warum ich den Preis für dich zahlte, als du noch ein kleines, nacktes Junges warst. Ja, auch ich kam unter Menschen zur Welt. Ich hatte niemals die Dschungel gesehen. Sie fütterten mich hinter eisernem Gitter, bis ich eines Nachts fühlte, daß ich Baghira sei, der Panther! … und kein Spielzeug für Menschen. Da zerbrach ich mit einem Schlag meiner Tatze das Schloß, das dumme, und war frei … und wurde erst wirklich Baghira, der Panther. Und weil ich Menschenbrauch kannte, wurde ich furchtbarer in der Dschungel als Schir Khan. Ist es nicht so?«
»Ja, mein Bruder, alle in der Dschungel fürchten Baghira, alle, außer Mogli.«
»Oh, du bist ein Menschenkind!« sagte der schwarze Panther mit zärtlichem Knurren. »Und so wie ich zur Dschungel heimkehrte, so wirst du zuletzt zu den Menschen zurückfinden, den Menschen, deinen Brüdern – wenn man dich nicht vorher im Rate tötet.«
»Aber warum? Warum sollten sie mich töten?«
»Sieh mich an!« sagte Baghira, und Mogli blickte ihm fest in die Augen. Nach einer halben Minute wandte der große Panther den Kopf zur Seite. »Deshalb«, sagte er und verschob die Pranke auf dem raschelnden Laubwerk. »Sogar ich vermag dir nicht gerade in die Augen zu sehen, und doch wurde ich unter Menschen geboren und liebe dich, mein kleiner Bruder. Aber die anderen hassen dich, weil deine Augen ihnen wehe tun, weil du weise bist und ihnen Dornen aus den Tatzen gezogen hast … kurz, weil du ein Mensch bist!«
»Von alledem wußte ich nichts«, sagte Mogli, und finster runzelten sich seine schwarzen Brauen.
»Wie lautet das Gesetz der Dschungel? Erst schlage und dann sprich! Gerade an deiner Sorglosigkeit sehen sie, daß du ein Mensch bist. Sei aber klug. Mir schwant, wenn Akela das nächste Mal seine Beute fehlt … und jedesmal wird es ihm schwerer, den Bock zu packen … dann wird das ganze Rudel über dich herfallen … über ihn und über dich. Einen Dschungelrat werden sie halten am Felsen, dann aber – dann – – – Ich hab’s!« rief Baghira erregt und sprang auf. »Höre, kleiner Bruder, laufe so schnell du kannst ins Tal zu den Hütten der Menschen und hole die rote Blume, die sie dort hegen. Dann wirst du in der Stunde der Not einen mächtigeren Freund haben als mich oder Balu oder die vom Rudel, die dich lieben. Lauf schnell und hole die rote Blume!«
Baghira meinte mit der roten Blume das Feuer; aber kein Tier der Dschungel wird das Feuer bei seinem Namen nennen. In großer Furcht leben alle vor dem glühenden Atem der Flamme und erfinden hundert Worte, sie zu umschreiben.
»Die rote Blume?« fragte Mogli, »die wächst vor den Hütten in der Dämmerung. Ich will sie holen!«
»So spricht ein Menschenjunges!« erwiderte Baghira mit Stolz. »Vergiß nicht, in kleinen Töpfen wächst sie. Und nun fort! Eile! Und bewahre sie wohl für die Zeit der Not!«
»Gut!« sagte Mogli. »Ich laufe. Aber bist du sicher, mein lieber Baghira«, er schlang seinen Arm um den glänzenden Hals seines Freundes und sah ihm tief in die großen Augen, »bist du auch ganz sicher, daß alles das Schir Khans Werk ist?«
»Bei dem gesprengten Schloß, das mich befreite, sicher bin ich, kleiner Bruder.«
»Dann, bei dem Bullen, der mein Kaufpreis war, dann will ich Schir Khan voll heimzahlen und vielleicht auch ein wenig mehr, als ich ihm schulde.« Und mit langen Sätzen sprang Mogli davon.
Ja, Mensch! Ganz und gar Mensch, dachte Baghira, sich wieder lagernd. »Oh, Schir Khan, niemals gab es schlimmere Jagd als deine Froschhetze vor zehn Jahren!«
Mogli rannte und rannte durch den Wald, und hoch schlug ihm das Herz. Als der Abendnebel stieg, gelangte er zu der Höhle, schöpfte Atem und blickte hinab ins Tal. Seine Brüder waren fort, aber Mutter Wolf lag hinten im Dämmer der Höhle. Sie hörte seinen keuchenden Atem und wußte sogleich, daß ihr kleiner Frosch Kummer hatte.
»Was hast du, Sohn?« fragte sie.
»Ach, nichts, nichts, nur dummes Geschwätz von Schir Khan!« rief er zurück. »Ich jage auf den gepflügten Feldern heute nacht!« und fort war er, seinen Weg durch das Dickicht bahnend, fort zum Flusse im Talgrunde. Da plötzlich stutzte er, denn er vernahm das Geheul des jagenden Rudels, hörte dumpfes Röhren gehetzter Sambarhirsche und das wilde Schnauben des Bockes, der sich den Verfolgern stellte. Dann ertönte das höhnische, böse Heulen der jungen Wölfe. »Akela, Akela! Der Einsiedelwolf zeige seine Stärke. Platz dem Führer des Rudels. Spring an, Akela!«
Und Akela sprang, mußte aber gefehlt haben, denn Mogli hörte das scharfe Zuklappen des Gebisses und gleich darauf ein Wehgeheul, als der wütende Hirsch mit seinen Vorderläufen den Wolf niederschlug.
Mogli verharrte nicht länger, sondern preschte weiter. Das Bellen und Heulen hinter ihm ward schwächer, als er durch die Äcker und Saatfelder lief zu den Wohnungen der Menschen.
»Baghira sprach wahr«, keuchte er und ließ sich auf einem Strohhaufen neben dem Fenster einer Hütte niederfallen, »morgen gilt’s uns beiden – Akela und mir!«
Dann erhob er sich geräuschlos, preßte das Gesicht gegen das kleine Fenster und beobachtete das Feuer auf dem Herd. Er sah, wie in der Nacht das Weib des Dörflers aufstand und dem Feuer kleine schwarze Stücke zur Nahrung gab. Als dann der Morgen anbrach und weiß und kalt die Nebel zogen, gewahrte er, wie der Knabe des Dörflers einen Weidenkorb nahm, der innen mit Lehm ausgelegt war, Stücke rotglühender Holzkohle hineintat, ihn zudeckte und hinaustrat, um nach den Kühen im Stall zu sehen.
»Ist das alles?« sagte Mogli zu sich. »Wenn das ein Menschenjunges tun kann, so ist keine Gefahr dabei.« Er bog rasch um die Ecke, trat auf den Knaben zu, entriß ihm den Topf und war im Nebel verschwunden, während der Junge in ein Angstgeheul ausbrach.
Sie sehen ganz aus wie ich – die Menschen, dachte Mogli und blies in den Topf, wie es die Frau gemacht hatte. Es wird sterben, wenn ich es nicht füttere. Und er legte kleine Zweige und Baumrinde auf die rote Blume. Er war schon wieder weit den Berg hinauf, als er Baghira traf, auf dessen Fell die Tautropfen des Morgens wie Mondsteine glänzten.
»Akela hat den Sprung verfehlt«, erzählte der Panther. »Sie hätten ihn schon diese Nacht getötet, aber auch dich wollten sie haben. Überall in der Dschungel suchten sie nach dir.«
»Bei den Hütten der Menschen war ich. Jetzt bin ich bereit. Sieh!« Er hielt den rauchenden Topf in die Höhe.
»Gut, aber höre. Ich sah, wie die Menschen einen trockenen Ast in die Masse bohrten, und dann blühte plötzlich die rote Blume an seinem Ende auf. Hast du keine Angst?«
»Nein! Warum sollte ich denn? Jetzt entsinne ich mich – wenn es kein Traum war –, wie ich einst, bevor ich ein Wolf wurde, neben der roten Blume lag; warm war sie und freundlich.«
Mogli saß den ganzen Tag in der Höhle bei seinem Feuertopfe und steckte trockene Zweige hinein, um zu sehen, wie die rote Blume aufzüngelte. Zuletzt fand er einen starken Ast, der ihm gefiel. Am Abend dann, als Tabaqui in die Höhle kam und ihm höhnisch zurief, er werde gewünscht auf dem Ratsfelsen, da lachte er und lachte, bis Tabaqui entsetzt davonlief. Und lachend noch ging Mogli zur Ratsversammlung der Wölfe.
Akela, der Einsiedelwolf, lagerte am Fuß seines felsigen Sitzes zum Zeichen, daß die Führerschaft des Rudels frei war. Schir Khan schritt stolz auf und ab, umschmeichelt von seinem Anhang, den abfallfressenden Wölfen. Baghira lag dicht bei Mogli, der den Feuertopf zwischen den Knien hielt. Als alle vollzählig versammelt waren, hob Schir Khan an zu sprechen, wie er’s zur Zeit von Akelas kraftvoller Führung nie gewagt haben würde.
»Er hat kein Recht zu reden«, flüsterte Baghira. »Sage ihm das! Ein Hundesohn ist er! Sag es ihm! Er wird dann Furcht haben!«
Mogli sprang auf. »Freies Volk!« rief er. »Ist Schir Khan des Rudels Führer? Was hat ein Tiger mit der Führerschaft zu tun?«
»In Anbetracht dessen, daß die Führerschaft frei ist – in Anbetracht, daß ich ersucht worden bin, zu sprechen…«, begann Schir Khan.
»Ersucht? Von wem?« rief Mogli. »Sind wir denn alle Schakale, daß wir vor diesem lahmen Viehschlächter kriechen? Die Führerschaft über das Rudel steht ganz allein dem Rudel zu.«
Wildes Geschrei erhob sich: »Schweige, du Menschenjunges!« Und andere riefen: »Er rede! Er hat das Gesetz gehalten!« Endlich übertönte die donnernde Stimme des Ältesten des Rudels das Gewirr: »Der tote Wolf soll sprechen. Akela hat das Wort.« Sobald nämlich der Führer des Rudels seine Beute verfehlt hat, wird er der »tote Wolf« genannt, solange er noch am Leben ist.
Akela hob müde sein graues Haupt und sagte:
»Freies Volk, und auch ihr, Schakale Schir Khans! Zwölf Jahre lang führte ich euch vom Lager zum Schlagen, vom Schlagen zum Lager, und während der ganzen Zeit geriet keiner in Fallen, kam keiner zu Schaden. Nun habe ich meine Beute gefehlt. Ihr alle wißt von der Verschwörung gegen mich. Ihr wißt, wie ihr mich zu dem Bock in der Brunft gebracht habt, um dem Rudel meine Schwäche zu zeigen. Die Falle war gut gestellt. Euer Recht ist nun, mich hier am Ratsfelsen zu töten. Ich frage daher, wer kommt an, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen? Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mit dem alten Führer ein Ende zu machen. Denn mein Recht ist nach Dschungelgesetz, daß ihr einzeln kommt, um mich anzugehen, einer nach dem anderen.«
