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Der junge Historiker Dr. Brandon Lennard doziert mit 26 Jahren bereits erfolgreich an seiner Universität in San Francisco. Einzige Verwandte ist seine entfernt lebende Mutter, denn wer sein Vater ist, hat sie nie preisgegeben. Zufällig kann Brandon der DEA bei der Aufdeckung eines Drogenhandels an seiner Universität behilflich sein, indem sie einen Ermittler undercover als Studenten einschleusen. Daraus entsteht eine Freundschaft mit dem DEA-Ermittler Nathan Wallace und seiner Familie, sowie dessen Kollegen Ben und Eddy. Als er sich in die peruanische Austauschstudentin Tatika Ramos verliebt und mit ihr zusammenzieht, scheint sein Glück vollkommen. Brandon bekommt die Möglichkeit, als Experte für die Inka-Kultur Südamerikas, an einer Expedition entlang der alten Inka-Straße im Dschungel von Ecuador teilzunehmen; mit Tatika als wissenschaftlicher Assistentin. Am Fuße des Pichincha schlagen sie mit ihrem Team das Camp auf. Dabei kommen sie dem kolumbianischen Carlos-Kartell in die Quere, das dort in den Bergen Zwischenlager für Drogen und Waffen unterhält. Brandon und Tatika sind zufällig allein außerhalb des Camps unterwegs, als der Rest ihres Team erschossen wird. Bei dem Versuch, Hilfe zu holen, werden sie gefasst. Juan Martinez stellt sich als der skrupelloseste der Männer heraus: Er versucht, Tatika zu erschießen, doch Brandon stellt sich schützend vor sie und wird selbst angeschossen... Nehmen Sie teil an den Ereignissen in Ecuador. Erleben Sie, wie Brandon, zurück in den USA, den Prozess gegen das Kartell übersteht; konfrontiert mit seinen bitteren Erinnerungen an die Geschehnisse. Begleiten Sie ihn im ersten Band, bis er nach Hause zurückkehren kann. Und begreift, dass er im Alltag wieder Fuß fassen muss. Schwerer traumatisiert, als er zugeben will.
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Orelinde Hays
Das Dunkel der Hölle
Band 1
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Ausblick auf Band 2/Hinweis der Autorin
Impressum neobooks
Gedankenverloren radelte der junge Historiker Dr. Brandon Lennard über das Gelände seiner Universität. Er fühlte sich wohl hier in San Francisco, denn diese Stadt hatte er schon immer gemocht. Umso größer war die Freude gewesen, als es mit einer Dozentur in seinem Fachbereich Archäologie geklappt hatte. Vor drei Semestern hatte er mit seiner Arbeit hier begonnen. Es machte ihm Spaß und das schien sich wohl auch auf seine Studenten zu übertragen, denn seine Vorlesungen waren immer überfüllt. Wenn man ihn sah, konnte man ihn selbst noch für einen Studenten halten. Mit seinen 1,70 m war er nicht gerade sehr groß. Seine dunkelbraunen, lockigen Haare trug er schulterlang, meistens zu einem Zopf zusammen gebunden. Das ließ ihn, trotz seiner 26 Jahre, auf den ersten Blick noch recht jung erscheinen. Seine Studenten schien er allerdings gut im Griff zu haben. Zwar gewann er durch seine lockere Art schnell ihre Zuneigung, doch andererseits bewies er auch genügend Gefühl für Autorität, um sich als Lehrkraft eine klare Position zu verschaffen.
Brandon musste an seine Mutter denken. Sie hatte ihn allein großgezogen, lebte jetzt in Atlanta. Er hatte eine ganze Weile nichts mehr von ihr gehört. Seinen Vater kannte er nicht. Das Einzige, was er von ihm wusste, war, dass sie beide das gleiche Muttermal in Form eines kleinen Ahornblattes an der linken Wade hatten, ansonsten hüllte seine Mutter sich in Schweigen und war nicht bereit, die Identität des Vaters preiszugeben. Angeblich wusste er nichts von der Existenz seines Sohnes.
Zur Zeit machte Brandon sich Gedanken um eine Studentin im ersten Semester, die eines seiner Nachmittags-Seminare besuchte. Ihretwegen war er auf dem Weg zu Direktor Farnham. Anscheinend gab es da ein Problem. Schon länger war ihm aufgefallen, dass sie manchmal völlig grundlos kicherte, unkonzentriert reagierte und oft fahrig wirkte. Der Versuch, sie vorsichtig darauf anzusprechen, war jedoch kläglich gescheitert: Sein Angebot, dass sie sich vertrauensvoll an ihn wenden könne, falls da Probleme irgendwelcher Art wären, war barsch abgeschmettert worden. Und das geheime Getuschel unter den Studenten in irgendwelchen Ecken war von ihm nicht unbemerkt geblieben. Er hatte ein gutes Verhältnis zu seinen Studenten. Daher registrierte sein wacher Verstand sehr schnell, wenn man ihm ungewohnter Weise aus dem Weg ging; als solle er nicht mitbekommen, was da ablief. Leider bestätigte sich sein Verdacht dann auch, als er von einer Mitbewohnerin der Studentin ins Vertrauen gezogen wurde. Sie war drogenabhängig und an der Uni selbst schien sich so etwas wie ein Drogenhandel etabliert zu haben. Die Zeit war reif um zu handeln!
Direktor Miles Farnham fuhr sich durch seinen ergrauten Schopf, nachdem Brandon ihm die Sachlage geschildert hatte. Insgeheim seufzte er ein wenig und fragte sich, warum er sich mit seinen 64 Jahren nun auch noch mit so einem Problem herumschlagen musste. Er liebäugelte schon länger mit dem Gedanken, endlich in den Ruhestand zu gehen und sich nur noch dem Schreiben von Fachliteratur zu widmen. Nachdenklich schaute er seinen jungen Dozenten an. "Nun... ich denke, Sie haben völlig Recht, Doktor Lennard. Wir müssen in dieser Angelegenheit etwas unternehmen. Sicherlich ist niemand von uns daran interessiert, dass solche Dinge den guten Ruf unserer Universität schädigen!"
Sein Gegenüber nickte zustimmend: "Was meinen Sie, soll ich mich mal mit der örtlichen Polizei in Verbindung setzen?"
Farnham schüttelte den Kopf, dann schmunzelte er jedoch und meinte: "Ich weiß Ihr Engagement zu schätzen, aber das ist nicht nötig. Wissen Sie, ich spiele am Wochenende zufällig Golf mit dem Polizeipräsidenten. Verbleiben wir einfach dahingehend: Ich werde mit ihm eine Lösung besprechen und Sie dann in Kenntnis setzen... sagen wir Anfang nächster Woche?"
"Gut, einverstanden!" Brandon erhob sich von seinem Stuhl. "Ich warte also auf Ihre Nachricht!" Dann verabschiedete er sich höflich und ging erleichtert von dannen.
Farnham sah ihm hinterher. Wer hatte gedacht, dass sie mit diesem jungen Mann einen derartigen Glücksgriff machen würden? Zunächst war er skeptisch gewesen, als ihm damals die Bewerbung vorgelegen hatte. Brandon Lennard war ihm einfach zu jung erschienen für eine Dozentur. Immer wieder hatte er seinerzeit dessen Unterlagen durchgesehen und sich gefragt, wie Brandon es schaffen konnte, schon so früh sein Studium abzuschließen und als Fünfundzwanzigjähriger in seinem Fachbereich Südamerikanische Kultur zu promovieren. Und alles hatte er mit Auszeichnung bestanden. Manchmal kam er ihm sogar viel zu ernsthaft vor für sein Alter. Doch Farnham gefiel der Eifer, mit dem der junge Dozent seine Arbeit verrichtete. Anscheinend war er immer auf dem Laufenden, was auch seinen Studenten zugutekam. Seine Vorlesungen waren dabei, Kultstatus zu erreichen und schienen nie langweilig zu sein. Die Universität hatte seit Beginn seiner Tätigkeit einen sprunghaften Anstieg bei den neuen Einschreibungen verzeichnet. Da die Studenten auch merkten, dass ihre Probleme ihn nicht unberührt ließen, war er zum Anfang des neuen Studienjahres mit überwältigender Mehrheit zum Vertrauensmann der Studentenschaft gewählt worden. Miles Farnham lächelte still vor sich hin. Der junge Doktor Lennard hatte Leben in den verstaubten Lehrkörper gebracht - das musste er zugeben!
Es klopfte energisch an der Tür seines kleinen Büros und Brandon fuhr erschrocken zusammen, denn er war völlig in neue Unterlagen vertieft gewesen. Aufgescheucht nahm er seine Lesebrille ab und sah auf die Uhr: 18:30... Ach herrje, das hatte er ja völlig vergessen, wahrscheinlich war es der Cop vom Drogendezernat.
Irritiert sah Nathan Wallace sich um, nachdem er eingetreten war. "Entschuldigung... ich suche Doktor Lennard?"
Brandon musste schmunzeln. "Ich bin Doktor Lennard, nehmen Sie doch bitte Platz!"
Wallace zeigte Brandon vorschriftsmäßig seinen Dienstausweis und stellte sich vor:
"Agent Nathan Wallace, Drug Enforcement Administration."
Sie schüttelten sich die Hände und waren sich gleich sympathisch.
Nathan Wallace wurde ziemlich schnell klar, dass sein Gegenüber gewillt war, sich ernsthaft und mit allen Konsequenzen für seine Studenten einzusetzen.
Brandon hatte ebenfalls sofort das Gefühl, mit Nathan an den richtigen Mann geraten zu sein. Dieser burschikose, drahtige Typ, der ihm nun gegenüber saß, machte einen entschlossenen Eindruck. Mit der Materie schien er sich ebenfalls bestens auszukennen, hatte unter anderem Undercover–Erfahrung. Sehr schnell waren sie in ein intensives Gespräch verwickelt. In dessen Verlauf stellte sich auch heraus, dass Brandons Verdacht keineswegs unbegründet war. Bereits seit geraumer Zeit hatte die DEA seine Uni im Auge, man hatte sogar schon daran gedacht, einen verdeckten Ermittler einzusetzen. Natürlich war es in diesem Fall ideal, wenn man mit Brandon einen Kontaktmann hatte, dem die Studenten vertrauten. Bei ihm würde sicherlich niemand Verdacht schöpfen.
Sie hatten sich schon fast eine Stunde unterhalten, als Nathan meinte, ob Brandon nicht vielleicht Lust habe, noch auf ein Bier mitzukommen. Er wolle sich sowieso noch mit seinen Kollegen Eddy und Ben treffen.
"Dann könnten Sie sich gleich kennen lernen, wie wär's?"
Brandon nickte. "Ja, warum nicht! Ist das weit weg von hier?"
"Nein. Wir wollen uns im Skylab treffen, kennen Sie das?"
"Ja, klar! Liegt noch im Uni-Viertel, da bin ich manchmal."
"Wollen Sie selber fahren oder kann ich Sie mitnehmen?"
"Ach, ich werde mit dem Rad hinfahren - ich habe nämlich kein Auto!" grinste Brandon.
Nathan war erstaunt. "Kein Auto? Gibt's so was auch?... Sind Sie 'n Öko-Freak oder so?"
Ein amüsiertes Lachen war die Antwort. "Keine Bange. Ich werde Sie nicht zum Körnerfressen überreden!"
Nathan lachte ebenfalls. "Na, dann bin ich ja beruhigt! Also, dann treffen wir uns dort in... sagen wir einer viertel Stunde?"
"Abgemacht! Ich packe meine Sachen zusammen und mache mich auf den Weg!"
"Okay - wir treffen uns an der Theke, ja?"
"Alles klar! Bis gleich!"
"Wo bleibt Nat denn so lange?"
"Na, vielleicht unterhält er sich immer noch mit diesem Archo-Doc?"
Eduardo Nuriega und Benjamin Thomas warteten im Skylab bereits an der Theke. Als das nächste Mal die Kneipentür aufging, wurden sie anscheinend wieder enttäuscht.
"Nur 'n Student...", murmelte Eddy und bestellte sich noch ein Bier.
Fünf Minuten später öffnete sich die Tür erneut und die beiden staunten nicht schlecht, als Nat hereinkam, auf den "Studenten" zuging und ihn mit herübernahm.
"Jungs! Darf ich euch Doktor Lennard vorstellen! Und das hier sind also meine weltbesten Kollegen und Freunde Eddy und Ben!"
Es wurde noch ein längerer Abend, nachdem sie in Fahrt gekommen waren. Der förmliche Umgangston zwischen ihnen war schnell ad acta gelegt. Brandon hatte sofort seinen Spitznamen weg:
"Also, Lenny!", klopfte Eddy ihm auf die Schulter, "Dann werden wir mal einen Schlachtplan austüfteln, wie wir die Jungs hochnehmen!"
Aber Brandon gähnte müde: "Seid mir nicht böse, Leute - heute nicht mehr; ist schon spät! Ich muss jetzt wirklich nach Hause, morgen früh um zehn habe ich Vorlesung!"
"Ja, und?", wunderte sich Eddy, "Dann kannst du doch länger schlafen als wir!"
"Eigentlich nicht. Ich bin immer schon früh unterwegs, weil ich vorher erst noch Papierkram erledige!"
Er tauschte noch seine Handy-Nummer mit Nat aus, verabschiedete sich von seinen neuen Bekannten und radelte davon.
"Scheint ja ein ausgeschlafener Bursche zu sein!", meinte Eddy.
"Das kannst du laut sagen!", stimmte Nat ihm zu, "Ich glaube, der hat einiges auf dem Kasten!"
"Zuerst wirkt er ja wie so ein Studenten-Jüngelchen", sinnierte Ben vor sich hin, "aber wenn man sich näher mit ihm unterhält, merkt man, was für einen hellwachen Verstand er hat. Na, dann... auf unseren neuen Mitarbeiter!"
"Oh jaaa... weißt du, Nat, reifere Semester haben einen geschulten Blick dafür!", witzelte Eddy herum und spielte damit auf Bens Alter an. Mit seinen 37 Jahren war er der Älteste von ihnen dreien, während Nat mit seinen 28 und er selbst mit seinen 29 Jahren fast die Jüngsten ihrer DEA-Einheit waren.
Ben drohte ihnen lachend mit dem Zeigefinger. "Na ist ja gut, wenn die "reiferen Semester" euch Jüngelchen auf die Finger schauen!"
"Immerhin habe ich "Jüngelchen" schon 'ne fast vierjährige Tochter!", brüstete sich Nat, "ich habe schon damit angefangen, da hast du noch in die Windeln geschissen!"
"Angefangen...?" Eddy konnte es ebenfalls nicht lassen. "Ich glaube, unser Benny-Boy hat den Sexualkundeunterricht in der Schule wohl verpennt, oder? Aber wir sind ja nicht so, Alter", klopfte er Ben dann "mitfühlend" auf die Schulter, "wir erklären dir natürlich gerne, wie es geht...!"
"Oh Gott, hör sich einer diesen Kindergarten an!", tat Ben entnervt und alle drei lachten.
Ihr lockeres Miteinander hatte ihnen schon oft geholfen, über erlebte Dinge hinweg-zukommen. Ernst genug war ihr Job leider allzu oft. Darüber hinaus waren sie wirklich gute Freunde geworden. In ihrer Dienststelle hatten sie schon einen Spitznamen, weil sie auch privat ständig zusammen hockten: Die drei Musketiere, denn sie hielten zusammen wie Pech und Schwefel.
Jedenfalls waren sie sich einig an diesem Abend: Mit Lenny hatten sie einen guten Verbindungsmann an der Uni.
Die interne Einsatzbesprechung der DEA erfolgte zwei Tage später. Man hatte einen jungen Kollegen aus der Sitte hinzugezogen, der sowieso für einen Wechsel zur DEA vorgesehen war. Gerald Foster sollte undercover als Student im zweiten Semester an Brandons Uni eingeschleust werden. Angeblich von seiner alten Universität verwiesen, hatte man ihm jedenfalls eine lupenreine Vergangenheit verschafft und einen erstklassigen schlechten Ruf.
Nat, Eddy und Ben wurden für den Fall als zuständig erklärt und kontaktierten Brandon, der dann zu einer internen Besprechung mit ihrem Vorgesetzten gebeten wurde. Er bekam einen Sonderberater-Ausweis, damit er sich bei der DEA und bei einem eventuellen Einsatz frei bewegen konnte. Einige Formalitäten folgten noch, dann sollte er auf weitere Anweisungen von den drei Musketieren warten.
"Herrje, Nat...", schüttelte Brandon den Kopf, als Nathan ihn anschließend im Wagen mit nach Hause nahm. "Wie könnt ihr bei so viel Bürokrimskrams noch die ganzen bösen Jungs fangen, sag' mal?"
Nat lachte und grinste ihn an: "Ach, sowas machen wir mal so eben nebenbei, weißt du!"
"Haha... schon klar!", meinte Brandon, dann schüttelte er plötzlich mit dem Kopf und schmunzelte vor sich hin.
"Hey, was ist so lustig?", wollte Nat sofort wissen.
"Ach, ich dachte nur gerade, hätte ich Eddy und Ben so getroffen, ich hätte nie vermutet, dass die beiden Cops sind."
"Wieso das?" Nat runzelte seine Stirn.
"Also, ich finde, Eddy sieht aus wie der "Latinlover" schlechthin, so als sei er gerade aus einem Model-Katalog entsprungen..."
Nat lachte sich ins Fäustchen. "Na, sage ihm das bloß nicht. Genauso benimmt er sich nämlich auch, sobald die holde Weiblichkeit aufkreuzt!"
"Tja, und Ben ist einfach so der Typ biederer Familienvater, oder?"
"Genau das", wurde Nat jetzt ein wenig nachdenklich, "wäre er gerne. Ich glaube, seine Frau und er haben ungefähr zehn Jahre versucht, Kinder zu bekommen und haben inzwischen ihren Traum von einer Familie begraben..."
"Oh, das tut mir leid für ihn", meinte Brandon mitfühlend. "Ist ein netter Kerl, ich mag ihn gerne!"
"Ja, da kann ich dir nur beipflichten. Aber sag mal, Lenny, hast du noch was vor heute Abend?"
"Nee, eigentlich nicht, wieso?"
"Komm doch mit zu mir zum Abendessen, wie wär's? Dann kannst du mal meine Familie kennen lernen, ja?"
"Ach... ich weiß nicht... Deine Frau rechnet doch bestimmt nicht mit Besuch und ich will bei euch nicht so unerwartet hereinplatzen."
"Blödsinn! Carol kennt das. Eddy und Ben, die kommen auch öfters hereingeschneit. Also: Du fährst mit, keine Widerrede!"
Brandon schmunzelte, leicht überrumpelt, und sah ihn von der Seite an. "Kriege ich jetzt noch Handschellen verpasst oder hast du mich schon adoptiert?", kam es dann ganz trocken.
Nat lachte lauthals los. "Na, ich sehe schon, du passt gut in unser Team!"
Somit stand Brandon einige Minuten später in Nats Haus.
"Carol? Wo bist du?", rief Nathan nach seiner Frau.
"Hier! In der Küche!"
"Hi, Schatz!" Er gab ihr einen Begrüßungskuss. "Ich habe Lenny mitgebracht!"
Ein sympathisches Gesicht, umrahmt von kastanienbraunem, schulterlangem Haar, lachte Brandon an und er wurde aufs Herzlichste von Carol begrüßt: "Wie schön! Lerne ich also den berühmten "Archo-Doc" endlich mal kennen! Grüß dich! Ihr kommt ja gerade passend. Setz dich doch, Lenny! Dann können wir gleich zusammen Abendessen, ja? Du bleibst doch noch, oder?"
Nat grinste: "Er hat keine Wahl. Ich habe ihn adoptiert!"
"Okay, dann sind die Familienverhältnisse ja schon geklärt...", schmunzelte Carol.
"Sag mal, Schatz, wo ist denn unsere kleine Kröte?", suchte Nat nach seiner Tochter.
"Lucy ist hinten im Garten - holst du sie eben?"
Brandon zog seine Jacke aus und hängte sie über eine Stuhllehne. Dann nahm er Carol die Teller aus der Hand. "Warte - ich helfe dir mit dem Tischdecken."
"Daddy... wie heißt der?"
Nat stand mit der kleinen Lucy in der Tür. Wem sie ähnelte, war nicht zu übersehen, nur, dass ihre Haare noch ein wenig rötlicher leuchteten als die ihrer Mutter. Aufmerksam wurde Brandon von oben bis unten gemustert.
Er ging in die Hocke und reichte der Kleinen seine Hand: "Ich heiße Brandon. Aber du kannst auch Lenny sagen. Hi, Lucy!"
"Hi!" Lucy zog ihre Stirn kraus und mit einem kritischen Blick beäugte sie Brandons Haare.
"Du... bist du ein Mädchen?"
"Aber Lucy! Wie kommst du denn darauf?", wunderte sich Nat.
Brandon hockte immer noch vor ihr. "Ja, sag mal, warum meinst du das denn?"
"Nur Mädchen haben so lange Haare!"
"Tja, da hast du sicherlich Recht. Die meisten Jungs haben nicht ganz so lange Haare... Ich glaube, ich muss sie mir mal wieder schneiden lassen", gab Brandon ihr recht.
Vorsichtig fuhr Lucy mit ihrer Hand über seine Backe und stellte fachkundig fest: "Aber einen Kratzebart hast du, wie Daddy... Du bist doch ein Junge! Und außerdem", fügte sie hinzu, "hast du keinen Busen."
Carol lachte: "Nachdem ihr die anatomische Seite abgecheckt habt, könnten wir ja jetzt essen, oder?"
Brandon fühlte sich wohl in der lockeren Stimmung und nahm gerne Platz. Verschmitzt sah er Nat an. "Na, ich hoffe, bei einem halben Mädchen machst du die Adoption jetzt nicht wieder rückgängig!"
Nat lachte: "Na gut, ist genehmigt."
Schon meldete sich Lucy kauend zu Wort: "Du, Lenny... spielst du gleich mit mir?"
"Oh, oh", grinste Nat verstohlen, "der Härtetest!"
Brandon schmunzelte: "Du, ich denke, Lucy, ich muss erst mal fragen, ob das noch geht. Ich weiß ja gar nicht, wann du ins Bett musst."
Prompt schmollte die Kleine schon, während Carol meinte: "Na ja, eigentlich gleich, gegen sieben... Aber ich denke, heute machen wir mal eine Ausnahme, weil du Lenny ja gerade erst kennen gelernt hast. Heute darfst du mal bis halb acht, ja?"
Schon wollte Lucy vom Stuhl aufspringen, aber Carol ermahnte sie: "Halt, halt, Miss Ungeduldig! Schau mal, Lenny ist ja noch gar nicht fertig mit dem Essen und du auch nicht!"
Prompt stopfte Lucy sich ihre restliche Schnitte in den Mund und kaute mit vollen Backen was das Zeug hielt. Auffordernd sah sie Brandon mit noch vollem Mund an:
"Kannzunichschnellerkaun?"
Der hatte Mühe ernst zu bleiben und tat so, als habe er sie nicht verstanden. "Du, ich kann dich so schlecht verstehen, wenn du den Mund voll hast. Weißt du, eigentlich esse ich nämlich lieber langsam, weil ich sonst Bauchschmerzen kriege..."
Dankbar für die Schützenhilfe kniff Carol ihm ein Auge zu und meinte zu ihrer Tochter: "Hey... ihr habt gleich noch genug Zeit, okay?", während Lucy, immer noch mit vollen Backen, vor sich hin seufzte.
"Ja, ja...", stellte Nat fest, "das Leben kann schon hart sein!"
Später, nachdem die kleine Lucy im Bett war, saßen sie noch gemütlich zusammen und unterhielten sich.
"Sag mal, Lenny", überlegte Carol, "wie bist du denn eigentlich ausgerechnet auf Archäologie gekommen? Also, ein ganz normaler Berufswunsch ist das ja nun nicht unbedingt, oder?"
"Hmm...", zuckte Brandon mit den Schultern, "weiß ich auch nicht so genau. Irgendwie habe ich mich immer schon für Geschichte und so was interessiert, habe dann ein Stipendium bekommen..." Schmunzelnd erinnerte er sich: "Als Kind habe ich meine Mum schon ständig mit meinem Schatzsuche-Tick genervt. Ich glaube, ich war zehn, als Indiana Jones in die Kinos kam. Ab da war's dann völlig vorbei! Sie musste mit mir die Bibel durchforsten, weil ich mir einbildete, ausgerechnet ich könnte herausfinden, wo die Bundeslade geblieben sei. Na ja, hat sich dann von selbst erledigt." Er lächelte. "Sie hat immer gerne die Geschichte von dem vergrabenen Schatz im Garten zum Besten gegeben..."
"Erzähl doch mal!", bat Carol.
"Ich war ihr mal wieder auf den Wecker gefallen, wo man denn wohl einen Schatz finden könnte und so. Daraufhin kam sie auf die Idee, hinterm Haus, dort, wo sie ihre Blumen pflanzen wollte, einige alte Sachen zu vergraben, damit ich endlich mal was entdecken konnte. Jedenfalls hat sie dann ganz listig Rückenschmerzen vorgetäuscht und bat mich, ihr beim Umgraben zu helfen. Na ja, Lust hatte ich keine, das weiß ich noch ganz genau. Also habe ich ziemlich widerwillig zum Spaten gegriffen. Kurze Zeit später stieß ich dann auf etwas und muss wohl ganz hektisch angefangen haben zu schaufeln. Total aufgeregt hätte ich die Sachen ausgebuddelt und die wildesten Vermutungen angestellt, wie alt die wohl sein könnten und so..."
"Wie lieb von deiner Mum!", fand Carol. "Ich kann mir direkt vorstellen, wie schwer es ihr gefallen sein muss, sich nicht zu verraten."
"Allerdings!", lachte Brandon vor sich hin. "Sie amüsiert sich heute noch königlich, wenn sie sich daran erinnert. Und ihr werdet es nicht glauben: Die kleine Tonvase, die ich damals ausgegraben habe, die habe ich immer noch. War schließlich mein erster "archäologischer" Fund! Das Teil ist irgendwie so was wie mein Talisman geworden."
"Und dein Vater, was hat der dazu gesagt?", wollte Carol wissen.
Brandon zuckte mit den Schultern. "Meinen Vater habe ich leider nie kennen gelernt."
"Oh, tut mir leid, das wusste ich nicht!", entschuldigte sich Carol.
"Ach, macht doch nichts."
"Deine Mutter weiß aber schon, wer dein Vater ist?", hakte Nat nun nach.
"Jetzt lässt er wieder den Cop raushängen!", wies Carol ihren Mann zurecht und stupste ihn in die Seite. Nat schien die Stichelei gewöhnt zu sein.
"Doch, das weiß sie natürlich!", ging Brandon bereitwillig auf seine Frage ein. "Ganz genau sogar, hat sie gesagt, weil nur ein Einziger in Frage käme. Wie auch immer: Jedenfalls war sie keine, die mit vielen rumgemacht hat. Im Gegenteil, sie muss wegen mir ganz schöne Schwierigkeiten auf sich genommen haben, weil sie zu ihrer Schwangerschaft stand. Sie war damals gerade mal zwanzig, aber sie wollte mich unbedingt und ist dafür von ihren Eltern rausgeschmissen worden..."
Das machte Carol neugierig. "Und später, hat sie sich wieder mit ihren Eltern versöhnt?"
"Nein, ich habe sie leider nie kennen gelernt. Es gab immer nur Mum und mich. Na ja, und manchmal einen Freund, den sie hatte..."
"Lebt sie auch hier, in San Francisco?"
"Nein, sie ist nach Atlanta gezogen, konnte dort einen besseren Job bekommen..."Es war noch etwas später geworden, sie hatten sich über alles Mögliche unterhalten. Brandon hatte sich wirklich wohl gefühlt bei Nats Familie, dachte lächelnd an die kleine Lucy, die ihm noch eine Gute-Nacht-Geschichte abgerungen hatte.
Als er an diesem Abend im Bett lag, hatte Brandon zum ersten Mal in seinem Leben das Gefühl, an einem Ort zu Hause zu sein und richtige Freunde gefunden zu haben.
"Ach, der ist aber sooo süüüß!"
