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Im 19. Jahrhundert stand die literarische Suche nach einer westfälischen Identität, nach einem regionalen Selbstverständnis sowie nach einer spezifisch westfälischen Sprache und Sensibilität noch im Mittelpunkt des literarischen Interesses. Die eigene Scholle galt es humorvoll, satirisch oder romantisch zu bebauen, ja, teilweise zu verklären. Max von Spiessen ist indes von der Wissenschaft geprägt und setzt literarisch genau dort mit seinen Erzählungen an. Es gelang ihm als Literat jene für ihn so charakteristische Mischung aus Wahrheit und Dichtung, frei nach Goethe, die ihn auch jenseits des Münsterlandes populär machte. Dennoch ist Max von Spiessen heute – zu Unrecht – nicht mehr als eine Randnotiz in der Literaturgeschichte Westfalens, denn ihm ist es gelungen, Provinzliteratur im besten Sinne des Wortes zu schaffen. Daher verdient sein literarisches Werk vor dem Hintergrund eines sich stärker ausprägenden regionalen Literaturbewusstseins erneute Beachtung. In seinen Geschichten erweist sich von Spiessen als aufmerksamer und genauer Beobachter seiner Heimat und deren Bewohner, ihrer Sitten und Gebräuche wie auch ihrer Legenden und Sagen. Mit der Sprachgewalt eines Künstlers entführt er uns in eine großbürgerliche und adlige Welt, deren Zentrum in Westfalen, im Münsterland und in Dülmen liegt. Volkstümlich, in Hochdeutsch oder Platt, anschaulich, humorvoll und auch spannend, schildert von Spiessen Schicksale und Leben seiner Zeit. Im Zusammenhang mit dem 170. Geburtstag von Max von Spiessen, den wir in diesem Jahr am 22.Juni 2022 feiern, entstand jene Ausgabe, die erstmals 30 bislang unveröffentlichte Geschichten aus dem Nachlass des Dichters der literarisch interessierten Öffentlichkeit präsentiert.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Max von Spissen
Das Efeublatt
Münsterländer Schollinsen
Erzählungen aus einer fast vergessenen Zeit
– Eine deutsche Erstveröffentlichung –
Herausgegeben von Ralf Oldenburg
Copyright © der bisher unveröffentlichten Texte: Dr. Ralf Oldenburg/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer mit Kerstin Peschel, 2022
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
Alle Rechte vorbehalten
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Vorbemerkung
Vorwort
Münsterländer Schollinsen zusammengelesen hier und dort von Max von Spiessen, 22.10.1894 begonnen.
Vorwort
1. Kesselmännsch
2. Punkt um Mitternacht
3. Diepenbrocks Kinder
4. Der Leutnant von Lützow
5. Haus Eisbergen
6. Die weiße Frau
7. S. Anonymus M.
8. Auf der Biesterbahn
9. Alba longa
10. Das Wildenhaus
11. Das Wunderkind
12. Die letzten Kinder
13. Der letzte seines Stammes
14. Die Ahnfrau von Schwarzenraben
15. Die Libelle
16. Das fliegende Herz
17. Der ungeschliffene Edelstein
18. Belladonna
19. Das Efeublatt
20. Der Engel von der Totengasse
21. Die fidele Ecke
22. Das Schwalbennest
23. Schmetterlinge
24. Mummenschanz
25. Die Rosenperlen
26. Unter der Linden
27. Treffle Bube
28. Mein liebster Kamerad
29. Mertensia
30. Sankt Johannis Minne
Biografie: Max von Spiessen (1852-1921)
Dem Mitte des 19. Jahrhunderts geborenen Max von Spiessen gelang als Literat jene für ihn so charakteristische Mischung aus Wahrheit und Dichtung, frei nach Goethe, die ihn auch jenseits des Münsterlandes populär machte. Dennoch ist Max von Spiessen heute – zu Unrecht – nicht mehr als eine Randnotiz in der Literaturgeschichte Westfalens, denn ihm ist es gelungen, Provinzliteratur im besten Sinne des Wortes zu schaffen. Daher verdient sein literarisches Werk vor dem Hintergrund eines sich stärker ausprägenden regionalen Literaturbewusstseins erneute Beachtung.
In seinen Geschichten erweist er sich als aufmerksamer und genauer Beobachter seiner Heimat und deren Bewohner, ihrer Sitten und Gebräuche wie auch ihrer Legenden und Sagen. Mit der Sprachgewalt eines Künstlers entführt er uns in eine großbürgerliche und adlige Welt, deren Zentrum in Westfalen, im Münsterland und in Dülmen liegt. Volkstümlich, in Hochdeutsch oder Platt, anschaulich, humorvoll und auch spannend, schildert von Spiessen Schicksale und Leben seiner Zeit.
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Der am 22. Juni 1852 in Dülmen geborene Max von Spiessen gelangte mit 16 Erzählungen aus seiner dreibändigen Ausgabe "Tante Kläres Raritäten", die anlässlich der 600 Jahrfeier Dülmens 1911 erschien, zu literarischer Bekanntheit. Dennoch ist Max von Spiessen bisher nicht mehr als eine Randnotiz in der Literaturgeschichte Westfalens. Den Rang einer Annette von Droste-Hülshoff, eines Christian Dietrich Grabbe oder eines Georg Weerth konnte von Spiessen nicht erlangen, wenngleich er Provinzliteratur im besten Sinne des Wortes geschaffen hatte. Daher verdient sein literarisches Schaffen vor dem Hintergrund eines sich stärker ausprägenden regionalen Literaturbewusstseins Beachtung. In seinen Geschichten erweist sich von Spiessen als aufmerksamer und genauer Beobachter seiner Heimat und deren Bewohner, ihrer Sitten und Gebräuche wie auch ihrer Legenden und Sagen. Mit der Sprachgewalt eines Künstlers entführt uns der Verfasser von »Tante Klares Raritäten« in eine großbürgerliche und adlige Welt, deren Zentrum in Westfalen, im Münsterland und in Dülmen liegt. Volkstümlich, in Hochdeutsch oder Platt, anschaulich, humorvoll und auch spannend, schildert von Spiessen Schicksale und Leben seiner Zeit. Im Zusammenhang mit dem 170. Geburtstag von Max von Spiessen, den wir in diesem Jahr am 22. Juni 2022 feiern, entstand jene Ausgabe, die erstmals 30 bislang unveröffentlichte Geschichten aus dem Nachlass des Dichters der literarisch interessierten Öffentlichkeit präsentiert. Max von Spiessen starb am 5. November 1921 in Münster.
Fulda, im Juni 2022
Dr. Ralf Oldenburg
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»Heimat« ist ein seit einigen Jahren vieldiskutierter Begriff, der immer wieder neu interpretiert wird. Das Heimatbewusstsein wird zum einen gebildet aus historischen Ereignissen, zum anderen aus Geschichten, aus Sagen und Legenden, die von einer nicht immer ganz genau greifbaren Vergangenheit erzählen. Bei Max von Spiessen verbinden sich beide Elemente: In seiner Familie spiegelt sich die Geschichte Dülmens und Westfalens wider. Sein literarisches Schaffen, das teilweise im Stadtarchiv Dülmen überliefert ist, berichtet uns über Sagen und Legenden aus dem Dülmener Raum. Der hier vorliegende Band stellt ganz unterschiedliche Geschichten der Region vor und bringt uns damit etwas näher, wie der aus Dülmen stammende Schriftsteller Max von Spiessen vor mehr als 100 Jahren seine Heimat gesehen hat. Ich wünsche eine anregende Lektüre!
Carsten Hövekamp
(Bürgermeister der Stadt Dülmen)
Dülmen, im Juni 2022
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Es ist ein veraltetes, fast vergessenes Wort, welches ich der Sammlung dieser kleinen Erzählungen, Skizzen und Bilder vorausgesetzt habe, veraltet und fast vergessen wie die meisten dieser Geschichten selbst. Als Kinder suchten wir uns kleine glänzende Steinchen, farbige Glasstückchen und Scherben von buntem, bemaltem Porzellan zusammen. Dieselben wurden in einem besonderen Beutelchen aufbewahrt und von uns als ein wertvoller Schatz betrachtet. Wir nannten diese Sammlung: Schollinsen. Woher das Wort stammt, weiß ich nicht anzugeben, ich habe es auch später nur noch sehr selten wieder gehört; damals aber kannte es bei uns jedes Kind. Hier und dort aufgelesen, vertauscht: »verkungelt«, wie wir sagten, wuchs der bunte Schatz immer mehr. Und waren die Sachen auch an sich wertlos, es bot doch ein ganz hübsches, lebhaftes Bild, wenn wir denselben vor uns ausbreiteten und damit spielten. Mit den Schollinsen meiner Kinderzeit möchte ich die nachstehenden Erzählungen vergleichen. Sie stammen zum größeren Teil aus älterer Zeit und sind fast verschollen – vergessen.
Ich habe mich immer, auch schon in früheren Jahren gern mit älteren Leuten, ganz besonders gern mit alten Damen unterhalten und habe aus deren Mund manche Geschichte gehört, die tief in des Gedächtnisses Schrein in irgendeinem Geheimfach steckte und die nun durch eine hingeworfene Bemerkung, durch ein zufälliges Wort, der Vergessenheit entrissen wurde. Mir kommt das Gedächtnis der Menschen überhaupt immer vor wie ein mächtiger, alter, eingelegter Schrank mit Hunderten von Schubladen, die alle vollgepfropft sind von den erdenklichsten Gegenständen. Was in den vorderen Schüben steckt ist leicht zu erreichen, sie werden häufig geöffnet und durchgekramt. Wenn aber einmal nach einer Sache geforscht wird, die in einem der vielen Lädchen steckt, welche hinter den ersten Schubladen rechts und links und oben und unten versteckt angebracht sind, so kommt aus diesen Geheimfächern Manches zum Vorschein, was längst in Vergessenheit geraten war, was eben zu gut und zu sicher weggepackt war, als dass es hätte ganz verloren gehen können, was aber gerade dadurch, dass es zu gut verwahrt war, in Vergessenheit geriet.
Wie oft kommen dem Menschen durch den Anblick eines Bildes oder einer Gegend, durch den Ton einer Stimme, ja gar durch den Duft einer seltenen Blume Sachen ins Gedächtnis zurück, deren er sich sonst höchst wahrscheinlich nie wieder erinnert hätte. Wie psychologisch fein ist die letzte Szene in der weißen Dame durchgeführt, in welcher George Brown durch die Melodie des uralten Liedes, welches er seit seinen Kinderjahren nicht wieder gehört, zuerst darauf gebracht wird, dass er Schloss Avenel schon einmal früher gesehen. Aber es ist ihm, als sei es im Traume gewesen. Wie horcht er gespannt, als die alte Weise des Avenelliedes ihm immer bekannter klingt. Wie saugt er gierig jeden Ton in sich auf, bis die dämmernde Erinnerung immer klarer in ihm wird und dann strahlt dieselbe schließlich wie die volle Sonne auf ihn ein und jauchzend ruft er aus: »So wird das Ende sein« und fällt singend in die Melodie ein.
Solch zufälligem Erinnern habe ich die meisten dieser Geschichten zu verdanken, und damit sie nicht ganz vergessen werden und verloren gehen, will ich sie in diesem Buch zusammenfassen, wie wir Kinder unsere Schollinsen in einen bunt gestrickten Beutel taten, damit sie nicht auseinanderkamen. Die Erzählungen selbst sind einfach und schlicht, es ist ein buntes Steinchen hier, ein farbiges Glasstückchen dort aufgelesen und wenn dergleichen Sachen auch an sich ohne Wert sind, der Eine oder Andere sieht sie vielleicht doch einmal durch und hat seine Freude daran, wie wir Kinder an unseren Schollinsen.
Münster, den 25. Oktober 1894
Liebe Maria!
Du fragtest in Deinem letzten Briefe bei mir darüber an, ob ich mich noch aus meiner Kinderzeit der Frau Kesselmann erinnern könne, und ob es mit der Person nicht eine eigene Bewandtnis gehabt habe. Ich hatte lange, sehr lange Zeit nicht mehr an sie gedacht, durch Deinen Brief aber ist sie mir wieder vor die geistigen Augen gekommen, und zwar so deutlich, dass ich sie malen könnte, wenn ich nur das nötige Talent dazu hätte. Das alte Weibchen ging immer gebeugt und drucknackig. Sie trug Winters und Sommers einen weiten, rotgefütterten Tuchmantel mit vielen Kragen übereinander, den sie vielleicht einst von einem »Postillöner« erstanden hatte, nur dass sie Sommers die Kragen bis auf einen fortließ. Auf dem Kopf hatte sie eine Kapuze mit schräg gesteppten Vierecken, unter der das spärliche, weiße, krausliche Haar wirr hervorquoll und im Winde flatterte. Sie hatte Eulenaugen mit roten Rändern und eine stark gebogene Hakennase. Mit der Rechten stützte sie sich beim Gehen auf einen Krückstock, und unter dem linken Arm trug sie stets eine große, hörnerne Schnupftabaksdose.
Wenn sie so mit großen, langsamen Schritten durch die Stadt schritt, murmelte sie stets unverständliche Worte vor sich hin. Man fürchtete sie allgemein und schlug ihr selten eine Bitte ab, weil man vor ihrer Rache bange war. Den jungen Burschen und Mädchen wahrsagte sie aus Kaffeesatz und aus den Linien der Hand, und man hatte allgemein die Meinung, sie könne mehr als Brot essen.
Josef Klein, der von allen Kindern wegen seiner gespaltenen Nase, er war früher in eine Scherbe gefallen, »Dobben«, das ist Doppe Klein, hieß, hat mir selbst einmal erzählt, er sei zu ihr gegangen und sie habe ihm für ein Käsmanchen seine ganze Zukunft enthüllt, und sehr Vieles von dem, was sie ihm gesagt, sei bereits in Erfüllung gegangen. Nun sei er doch sehr neugierig, ob das andere auch noch wahr würde.
Woher Frau Kesselmann, oder Kesselmännsch, wie sie allgemein genannt wurde, eigentlich stammte, wusste kein Mensch anzugeben. Sie war Witfrau, ernährte sich durch eine Pension, die sie bezog und verdiente ziemlich viel nebenbei durch Wahrsagen und Besprechen von Krankheiten an Menschen und Vieh. Man erzählte sich von ihr, sie habe, als das Volk aufgestanden und der Sturm losgebrochen sei, sich Männerkleider angezogen, habe sich mit den anderen Männern gestellt und so einen Teil der Freiheitskriege mitgemacht und sich auch ganz wacker gehalten. Da aber hätten sie einst im Sturmmarsch einen breiten Graben überspringen müssen. Das sei ihr sehr unangenehm gewesen und sie habe die Augen zugedrückt und den Mädchenausruf »Hu – u« von sich gegeben. Daran habe man zuerst erkannt, dass sie kein Mann sei und sie habe die Uniform ablegen sollen. Sie aber habe von dem Soldatenleben nicht wieder lassen können, habe bloß die Beinkleider mit dem Weiberrock vertauscht, die Obermontur und den Tschako habe sie anbehalten, habe sich ein Fässchen auf den Rücken geschnallt, und sei so als Marketenderweibchen immer mitmarschiert und habe so den ganzen Feldzug ausgehalten.
Da sei sie einst mit den Ihrigen arg ins Gedränge gekommen, im Handgemenge sei der Fähnrich gefallen und die Fahne selbst habe Gefahr gelaufen, in Feindes Hand zu kommen. Sie, nicht links, habe einem gefallenen Artilleristen den Säbel aus der erstarrten Faust gerissen und sei dann rechts und links um sich fechtend bis an den gefallenen Fähnrich vorgedrungen. Dort habe sie einen Franzosen, der sich schon der Fahne bemächtigt gehabt, niedergehauen. Dadurch sei die Fahne gerettet worden und für diese Heldentat bezöge sie nun lebenslänglich eine Rente.
Unser Mädchen Mina Velling erzählte, als sie eines Tages mit Sophie Döpper am Kapellenbache Wäsche gespült hätte, da habe ganz plötzlich Kesselmännsch, wie aus dem Boden hervorgewachsen, hinter ihnen gestanden und zu ihr gesagt: »Giff mi eene Nachtmüsk, dann segg ick Di auk, wu di’t geiht.«
Das habe sie nun nicht tun wollen und habe gesagt, das sei doch Unrecht, sie dürfe es nicht; denn die Hauben gehörten nicht ihr, sondern ihrer Frau, und da habe die Kesselmännsch gesagt:
»Dumms Wicht, dumme Dähne.«
Dann habe sie sich zu der Sophie gewandt: »Dann giff Du mi eene.«
Die habe es schließlich getan, und da habe Kesselmännsch gesagt: »Boll kümp en Frieer, den niem die män, dat iß de Rechte, un ick will Di öm auk beliekteknen, dat Du en kennen kannst. He heff en Vornamen, den kinne drei in de ganße Stadt hebbt. Wann ick Di ruoden kann, dann nimmst Du öm.
Et iß en vermüegenden Mann un Du wäddest up de Duer noch eene von de Rieksten int ganße Kiärspiel un gued geiht es Di auk alltied bi öm.«
Dann habe sie sich wieder zur Mina gewendet und ihr gesagt: »Un Di will ick auk wat seggen. Du kriggst auk eenen met, de heff de länksten Beene in ganß Dülmen, de Beene sind so lank, dat Du öm binaoh risk uprecht derdör gaohen kannst. Un he kümp wied heer un iß boll ümmer up dee Patt, män dat iß zum Tiedverdriew von öm, dat iß so sin Geschäft. Wu dit aower geiht, dat seggt Di nich viel, dat Du mi deine Nachtmüsk girwen wullst.«
Nun, wie es ergangen ist, weißt Du ja selbst, liebe Maria. Die Sophie Döppen heiratete den Brennereibesitzer Göllmann, der den in unserer Gegend recht seltenen Vornamen Thomas führt, und unsere Mina hat den langen Polizeidiener Schürmann, der, wenn ich mich nicht irre, von der Garde in Berlin kam und vermöge seiner Stellung fast immer unterwegs ist.
Wir fürchteten uns als Kinder immer sehr vor Kesselmännsch. Ich habe sie lange für eine leibhaftige Hexe gehalten, und wenn sie uns auf der Straße begegnete, war ich immer bange, sie würde uns einmal wie Hänsel und Gretel in ihr Haus locken, dort in ein Ställchen sperren und uns fett machen, um uns dann zu schlachten. Sie stand gern für sich murmelnd an den Straßenecken still, nahm dann den Krückstock unter den rechten Arm und die Schnupftabaksdose in die linke Hand, klopfte dann mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zweimal darauf, öffnete sie und nahm dann ganz bedächtig eine Prise, und die unartigen Kinder riefen ihr dann nach: »Kesselmännsk een Schnüfken.«
So war ich auch eines Tages auf die Straße gelaufen und hatte mit den Nachbarsjungen Rundball gespielt. Da sahen wir plötzlich Frau Kesselmann an der Ecke der Münsterstraße stehen und eine Prise nehmen, und alsbald erscholl aus aller Kehlen der Ruf: »Kesselmännsk een Schnüfken.« Zuerst achtete die Alte nicht recht darauf, dann aber wurde sie sehr böse und schimpfte wie ein Rohrspatz. Wir machten uns nicht viel daraus, und als ich abends nach Hause kam, erzählte ich unserer Mutter mit freudigem Stolz meine vermeintliche Heldentat, indem ich meinte, dass ich wirklich dadurch ein gutes Werk getan, dass ich das alte Weib geärgert. Mama war indes ganz anderer Meinung wie ich. Sie verwies mir mit eindringlichen, ernsten Worten meine Unart und gab mir als Strafe auf, das nächste Mal, wenn ich Frau Kesselmann sähe, solle ich ganz artig mein Hütchen vor ihr abnehmen, ihr die Hand geben und »Schön guten Tag« wünschen. Ei! Das war eine bittere Pille. Einmal war es meine natürliche Angst vor dem unheimlichen, alten Weibchen, die mich quälte und dann kam auch noch die Scham dazu. Was sollten die anderen Jungen von mir denken, wenn ich vor Kesselmännsch den Hut zog oder erst, wenn ich ihr gar die Hand gab und freundlich mit ihr sprach. Ein Ausweichen aber gab es nicht; denn ich wusste es sicher, Mama würde fragen, ob ich auch ihrem Befehle gehorsam gewesen sei. Es sollte indes viel besser gehen als ich gedacht.
Einige Tage nachher, es war zu Anfang Oktober, spielte ich mit mehreren anderen Kindern auf dem Hofe des Steuerempfängers Schweling. Da ging plötzlich die Tür auf und aus dem Hause trat Kesselmännsch, die sich wahrscheinlich ihre Rente geholt hatte, mit freundlich schmunzelndem Gesicht. Das machte mir Mut. Ich schritt, allerdings klopfenden Herzens, auf sie zu, nahm mein Hütchen ab, zog einen dicken, roten Apfel aus der Tasche und drückte ihr den in die Hand, indem ich sagte: »Schön guten Tag, Frau Kesselmann. Du bist eine gute Frau und da hast Du auch einen schönen Apfel.«
Kesselmännsch war sichtlich gerührt, sie ließ den Apfel in eine Manteltasche gleiten, nahm den Krückstock unter den Arm und legte mir dann die Hand auf den Kopf und sagte: »Gued Kind, gued Kind! Nu laot mi auk eß dien Händken seihen, nee düt nich, dat iß verkährd, dat linke mott et sin, dat sitt neiger bit Hiärt.«
Ich gab ihr meine linke Hand, sie schaute lange hinein und sagte dann: »Gued gaohn, jau gued gaohn lange Tied. Un örwerall viel Spaß, viel Pläseer. Wäddst licht bekannt met jedwereen, müergt Di auk nerst alle guede lieden. Nee, nu kiek es hier. Dao kümp ne Tied, dann kriggst Du en witt Röcksken an. Ja, kiek mi män so an, et wädd waor. Un dat Röcksken dat dräggst Du so lange, bes Du ne Frau kriggst, dann treckst Du et wier ut. Kriggst auk ne gans guede Frau. Män nu kümpt et. Kourt dernaoh geiht Di Alles brük, Alles miß. Wat Du anfänkst, dat mißglückt Di un dann den lärger un Verdrott von allen Sieden, wat Du te Järwen kriegen kannst, geiht Di jüst an de Niärse vörbi, män loat den Kopp män nich allto deip hangen. Nee, dat döhst Du auk nich, en Gemöth äs en Bickel, je hädder man öm an en Grund schmitt, um so höchter sprinkt he. Un wann Du nu gar nichts mähr te kriegen huorchst, dann kümpt dat Glück von alle Eggen un Kanten. Du hast vorher nich raoden können, wor et alle denne kümpt. Du kriggst so viel Geld un Gued, dat Du der gar nich met te bliewen weest. Un dann segg män, dat hädd Di de Kesselniänsk wirkt.«
Damit strich sie mir noch einmal übers Haar und ging ihrer Wege. Bald danach ist Kesselmännsch gestorben. Inwieweit die Prophezeiung in Erfüllung gegangen ist, weißt Du ja selbst, liebe Maria. Eine vergnügte Jugendzeit habe ich hinter mir, das weiße Röckchen habe ich an- und ausgezogen, die gute Frau habe ich bekommen, viel Leid, Unannehmlichkeiten und Verdrießlichkeiten sind mir über den Weg gekrochen und Erbschaften -ja Scheibe! Ob wohl auch noch der letzte Teil ihrer Prophezeiung wahr wird? Wir wollen das Beste hoffen, wie »Dobben« Klein es auch tat. Wenn’s aber wahr wird, dann sollst Du auch Deinen Teil mitbekommen. Bis dahin verbleibe ich
Dein treuer Bruder Max.
Es war schon in später Abendstunde zu Ende Januar des Jahres 1854. Der Schneesturm fegte um das Eckhaus, an welchem die kleine Gasse in die Hauptstraße einmündete. Er trillte die alten, rostigen Wetterfahnen, dass sie laut dabei kreischten, heulte um die Schlote und hohen Giebel der Häuser und schleuderte ganze Massen von weißen Flocken gegen die Fenster, dass die Scheiben erklirrten. Ein unheimliches Wetter war es.
Soeben hatte die Glocke des St. Lambertiturms zu Coesfeld elfmal ausgeholt. Zitternd verhallten die Schläge durch die sturmgepeitschte Luft.
»Schon elf Uhr und noch keinen Schritt weiter«, seufzte der junge Studiosus, der bei dem Schein der grünen Öllampe in einem kleinen Stübchen des oberen Stockwerks saß und den Kopf mit beiden Händen stützte. Es wollte und wollte ihm heut’ nicht glücken, den Schlüssel zur Auflösung der schwierigen mathematischen Aufgabe zu finden, über die er bereits seit langer Zeit nachgedacht.
Das Feuer im großen Holzofen prasselte und bullerte, eine immer stärker werdende Hitze hatte sich allmählich, ohne dass der junge Mann es bemerkt, im Zimmer verbreitet. Müder und immer müder wurde sein armer, gemarterter Kopf, und die Augen fielen ihm zu. Einen Augenblick, nur einen einzigen Augenblick will ich ausruhen, dachte er, vielleicht geht es nachher besser. Er verschränkte die Arme auf dem Tisch, legte den Kopf darauf und ehe er es gedacht, hält ihn der Schlummer umfangen. Doch die Gedanken an die unvollendete Arbeit durchkreuzten auch noch im Schlafe sein Gehirn und quälten und peinigten ihn fortwährend.
Wie lange er so schlummernd gelegen, er wusste es nicht anzugeben. Plötzlich fuhr er mit dem Gefühl des Schreckens empor und sah sich wild um. Der Sturmwind hatte sich indessen gedreht und trieb jetzt den Rauch in dicken Wolken aus dem Ofen. Die ganze Stube war voll von Dampf. Der Student schwang auf und öffnete das Fenster, um etwas frische Luft in das enge Gemach zu lassen. Das Schneien hatte mittlerweile auch aufgehört. Große, schwarze Wolken jagten unablässig am Himmel vorüber, und ab und zu fiel das Mondlicht grell hindurch und beleuchtete mit seinem Glanze die Straße und die nächstliegenden Häuser. Alles lag voller Schnee. Das glänzte und glitzerte in den Mondstrahlen an den Dachfirsten und Vorsprüngen der Gebäude und breitete sich wie ein reines, weißes Tuch über das schmutzige Straßenpflaster. Rings war alles still, kein Laut zu hören.
Der junge Mann hatte sich einen Augenblick ins offene Fenster gelegt und atmete mit vollen Zügen die reine, aber kalte Luft ein. Da plötzlich stutzt er. Die nächtliche Stille wird jäh unterbrochen. Ist die Wirklichkeit oder ein Traum? Vom St. Lambertiturm ertönt in kurzen, abgemessenen Schlägen die Totenglocke. Noch ehe er sich fassen kann, sieht er mehrere Leute herankommen und in die Gasse einbiegen, auf welche die Tür seines Hauses mündet. Dann ist er wie gefesselt, wie gebunden, er kann sich nicht bewegen, er kann nicht fragen, es ist ihm, als ob das Band seiner Zunge gelähmt sei. Dann kommen wieder andere Leute vorüber und biegen in die Gasse ein, immer mehr, immer mehr: Männer, Jünglinge und Knaben, und dort gar erscheint der Priester im Ornat, begleitet von den Chorknaben mit Stocklaterne und Rauchkessel. Horch! Da ertönt aus der Gasse ein feierlicher, mehrstimmiger Gesang: Nach dem Tode kommt der Friede Auf die Arbeit folgt die Ruh.
Und dann kommt langsam und feierlich aus der Gasse ein Leichenzug hervor, vorne der Priester mit den Knaben, dann der Sarg, mit grünen Kränzen bedeckt. Er sieht alles ganz genau, der Mond ist gerade hinter einer Wolke hervorgetreten, und es ist fast so hell wie am Tage. Der Sarg wird von seinen Klassengefährten getragen, und das ganze Gymnasium folgt hinterher. Gleich hinter dem Sarge geht sein bester Freund: Bernhard. Der hält das weiße Taschentuch vors Gesicht und weint bitterlich.
Da kann er sich nicht mehr halten; er versucht die Bande zu sprengen, die seine Zunge halten, und endlich, endlich gelingt es ihm, einige Töne hervorzubringen. Rauh und abgebrochen quellen sie aus seiner Kehle hervor, und schaurig, und ihm selbst fremd, tönt die Frage: »Wer wird denn dort begraben?« Und dumpf hört er von unten seinen eigenen Namen an sein Ohr klingen. Da kann er sich nicht halten, es ist, als ob eine innere Gewalt, gegen die er nicht ankämpfen kann, ihn zwingt, noch eine zweite Frage zu stellen. Er stellt sie, als ob sie ihn selbst nicht im Geringsten anginge: »Und wann ist der gestorben?«, klingt es aus seinem Munde.
»Am zwanzigsten Februar 1854, Punkt um Mitternacht«, schallt es zu ihm herauf. Da umnachtet eine Ohnmacht seine Sinne, er will sich am Fensterbrett festhalten, taumelt aber zurück und schlägt hart auf den Boden auf.
Als er wieder zu sich kommt, befindet er sich in seinem Schlafzimmer. Seine Hausleute haben erst einen Schrei, dann einen schweren Fall gehört, sind aufgestanden, herbeigeeilt und haben ihn zu Bette gebracht. Erstaunt fragt er die Wirtin, die ihm geschäftig eine Tasse heißen Kamillentees einflößt, nach ihrer Meinung, ein Heilmittel gegen alles Wo und Wie, aus. Dann kommt die Erinnerung an das, was er gehört und gesehen über ihn, und ein Grausen fährt durch seinen Körper. Die gutmütige Kupferschlägers Frau fragt ihn besorgt, ob sie nicht zum Arzte schreiben solle. Er verneint, und dann schüttet er ihr stockend und bebend, wie von Frost geschüttelt, sein Herz aus. Man sucht ihm die Sache auszureden. »Das hat Ihnen ganz sicher nur geträumt«, meint die Hausfrau, »und Träume sind Schäume, und wenn sie wirklich was bedeuten, so ist es sicher das Gegenteil von dem, was man sieht. Nur meine selige Tante sagte immer, wenn man von einer Leiche träumt, so bedeutet das eine Hochzeit.« Er aber lässt es sich nicht ausreden, und als er immer wieder von Neuem davon anfängt, so weiß sie sich schließlich nicht anders mehr zu helfen, als dass sie sagt, er möge die ganze Angelegenheit doch einmal mit einem Geistlichen besprechen.
Mit Tagesgrauen begab er sich dann auf zur Kirche und bat einen Priester um Gehör. Derselbe suchte ihm das Ganze als ein Hirngespinst, als ein Gaukelbild der Phantasie vorzusprechen. Doch der junge Mann blieb dabei: »Ich hab’s mit meinen eigenen Augen gesehen, ich hab’s mit meinen eigenen Ohren gehört.« Endlich sagte der Geistliche, es war ein frommer, alter Mann: »Dann kann es auch am Ende sein, dass der liebe Gott Ihnen ein ganz besonderes Zeichen hat geben wollen von Ihrem bevorstehenden Tode, damit Sie willig Zeit und Gelegenheit haben, sich darauf vorzubereiten.«
Der Student ging bereitwilligst auf alle Vorschläge ein. Er bereitete sich gut vor, legte eine Generalbeichte ab und wurde auch danach ganz ruhig und gottergeben. Von einem Unwohlsein, von einer Krankheit verspürte er indes nichts.
So war allmählich der zwanzigste Februar gerückt, und noch immer fühlte er sich ganz wohl. Am Morgen dieses Tages empfing er noch mal die heiligen Sakramente, und zum Abend hatte ihm der Priester seinen Beistand zugesagt. Er wolle mit Dunkelwerden kommen und bei ihm bleiben, bis Mitternacht vorüber sei. Der Hauswirt hatte dem jungen Manne einige Tage vorher seine Taschenuhr abgeliehen und wie aus Versehen die Feder davon entzwei gedreht. Auch mit dem Glöckner von St. Lambertikirche hatte man sich in Vereinbarung gesetzt, dass er um vier Uhr abends die Turmuhr um eine Stunde vorrücken solle. Man war in den eifrigsten Gesprächen beisammen, und so war es geglückt, und der Student hatte es gar nicht wahrgenommen, dass die Glocke, statt neunmal, zehnmal geschlagen hatte. Erst als sie wieder voll schlug, sagte er: »Nun schlägt es schon elf Uhr, die Zeit vergeht mir doch heute Abend so schnell wie nie, jetzt habe ich nur noch eine Stunde vor mir, bis das Ereignis eintreten soll, und doch ist’s merkwürdig, ich fühl’ mich immer noch ganz wohl.« Es schlug Viertel, es schlug Halb, es schlug Dreiviertel. Der Student blieb dabei: außer einer gewissen Aufregung verspürte er nichts.
Endlich holte die Turmuhr wieder aus. Bei dem ersten Schlage wurde er kreidebleich, aber die zwölf Schläge verhallten, und noch immer saß er zwar zitternd und bebend, sonst aber gesund und aufrecht da. Als der letzte Schlag verklungen war, da atmete er tief auf und sagte: »Gott sei Dank! Nun ist’s vorbei, ich lebe wieder aufs Neue!«
»Gott sei Dank«, sprach auch der Priester, »dass die Angst von Ihnen genommen ist. Sehen Sie nun wohl, zu was die Phantasie einen jungen Menschen führen und was sie ihm vorgaukeln kann?«
»Ja, das sehe ich ein«, erwiderte der Student.
»Doch kann man nicht wissen«, meinte der Geistliche nach einigem Besinnen, »ob der liebe Gott Ihnen nicht wirklich ein Zeichen hat zukommen lassen, und ob er Sie jetzt nicht, da Sie sich mit Ergebung in seinen Willen gefügt haben, verschont hat. Ich meine, es wäre jetzt wohl an der Zeit, dass wir eine kleine Danksagung verrichteten.«
Der junge Mann nickte. Der Priester holte den Rosenkranz hervor und fing ganz langsam an, ihn vorzubeten. Bei dem jungen Menschen aber trat jetzt nach all’ den Tagen der Aufregung eine überwältigende Müdigkeit ein, so dass er sich nicht mehr halten konnte und immer wieder einschlief. Den Geistlichen dauerte einerseits der Arme, andererseits konnte er sich aber auch von dem ängstlichen Gedanken nicht freimachen, dass die zwölfte Stunde in Wirklichkeit noch nicht vorüber sei. So betete er wieder den freudenreichen, den schmerzhaften und den glorreichen Rosenkranz hintereinander, und wenn der Student immer wieder einnickte und die Antwort ausblieb, so gab der Priester das selbst.
Mittlerweile hatte es längst dreiviertel Eins geschlagen. Da sprach der Geistliche: »Nun will ich Sie aber auch nicht länger mehr aufhalten, ich sehe, Sie sind zu müde.«
Ganz langsam zog er seinen Mantel an, nahm Hut und Stock, um zu gehen und sprach dann zum Abschiede: »Denken Sie, wenn Sie einmal in Gefahr, in Versuchung kommen, an diese Stunden der Angst, die Sie durchlebt, dann werden dieselben für Sie zum Heile sein. Und dann wünsche ich Ihnen nach all’ den Aufregungen eine gute Nacht.«
Somit ging er aus dem Zimmer heraus. Der Student begleitete ihn mit der Lampe, den Hausschlüssel hatte er ihm mitgegeben und stand nun oben am Treppengeländer. Unten im Hausflur fiel dem alten Herrn der Hausschlüssel aus der Hand. Der Student beugt sich mit hochgehobener Lampe vor, um besser zu leuchten. Da bricht das morsche Treppengeländer, gegen welches er sich gelehnt, plötzlich krachend zusammen. Ein Schrei, ein schwerer Fall, ein Klingeln, und mit zerschmettertem Hirnschädel liegt der Unglückliche auf dem Steinflur. Im selben Augenblick schlägt die Uhr von Lamberti: Eins.
»Wollt Ihr nun wohl endlich mal stille sein, Ihr geht ja an, wie die Tyrannen«, das war stets die sonderbare, aber stehende Redensart unseres Kindermädchens, wenn wir einmal überlaut spielten und tollten und wenn das noch nicht fruchtete, dann kam sie mit ihrer Ultima Ratio: »Wartet nur, wenn Ihr nicht artig sein wollt, dann wird’s euch noch ergehen wie Diepenbrocks Kindern«, und das half dann jedes Mal. Wir duckten uns zusammen wie die Vögel im Nest und waren mäuschenstill und voller Furcht über die schreckliche Drohung. Als wir größer wurden, verwischte sich die Erinnerung indes immer mehr und mehr. Mir war wohl noch allerlei Schauriges im Gedächtnis zurückgeblieben, aber die Tatsachen gingen mir durcheinander, der eigentliche Zusammenhang fehlte mir; und selten, immer seltener dachte ich an das, was mir früher so viel Furcht eingeflößt hatte. Indessen ganz unerwartet sollte die Geschichte in mir aufgefrischt werden.
Es war im Herbste 1877; ich stand bei der Schwadron in Hamm und eines Sonnabends war ich der Einladung einer befreundeten Familie gefolgt. Ich hatte meine schöne, braune Dina satteln lassen, hatte mich hinaufgeschwungen und war über Rhynern und Hilbeck geritten, um den Sonntag über auf dem Gute zu bleiben. Ich fand die freundlichste Aufnahme. Die damals schon über siebzig Jahre alte verwitwete Hausfrau und ihre Kinder taten mir alles Gute und Liebe an, was man einem Gast erweisen kann. Am Abend saßen wir alle in dem großen Saale beisammen, plauderten und erzählten uns so allerlei aus alter und neuer Zeit. Die Rede ging hin und her, endlich kam sie auch auf Vorgeschichten, Spukgeschichten und seltsame Ereignisse. Da fiel mir auch plötzlich der Schrecken meiner Kinderzeit wieder ein und ich befragte die alte Dame, ob sie sich vielleicht der sonderbaren Geschichten erinnern könne, die sich in alter Zeit in Buldern ereignet hätten.
»Gewiss kann ich Ihnen davon erzählen«, sagte die Greisin, »und zwar umso besser, als ich das letzte Fräulein von Diepenbrock, die 96 Jahre alt geworden ist, persönlich noch recht gut gekannt habe. Ich habe aus ihrem eigenen Mund das traurige Schicksal ihrer Brüder öfters gehört.«
»O bitte, dann erzählen Sie«, bat ich und die alte Dame begann: »Das jetzige Schloss Buldern kennen Sie. Es ist ein schönes, neues Gebäude und erst nach der Zeit erbaut, in welcher meine Geschichte spielt. Vordem stand ein anderes Haus daselbst. Das soll eine vollständig erhaltene mittelalterliche Burg im gotischen Style gewesen sein mit Spitzbogen über Türen und Fenstern, mit Türmen, Erkern und Zinnen, und in der Mitte des Binnenhofes hat noch ein Donjon, der alte Bergfried, gestanden. Innen ist es voller Ecken und Winkel gewesen mit Wappen von einem Gemache zum anderen. Unbequem und für heutige Zeit unpraktisch soll es gewesen sein, aber doch wieder angenehm zu bewohnen, wenn man sich einmal daran gewöhnt hatte und äußerst heimlich und gemütlich.
Gleich vorn im Hause hat eine große Halle gelegen mit großen Schränken und Rüstungen. Das Gut war bereits mindestens seit 250 Jahren im Besitz der Familie von Diepenbrock gewesen. Da waren um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zwei Brüder von Diepenbrock. Der Ältere, Johann Hermann, hatte, wenn ich mich recht erinnern kann, ein Fräulein Voigt von Elspe zur Frau gehabt. Dieselbe war jung gestorben und hatte nur eine einzige Tochter, Louise Elisabeth, nachgelassen. Als nun auch Johann Hermann fühlte, dass sein Leben sich dem Ende nähere, da ließ er seinen Bruder kommen, der Hannoverscher Oberstleutnant war, und vermachte ihm die Güter unter der Bedingung, dass er innerhalb einer gewissen Frist heiraten müsse. Sollten aus der künftigen Ehe Söhne geboren werden, so solle einer derselben der Erbe sein, sollten aber nur Töchter hinterbleiben, so solle des Johann Hermanns einzige Tochter Louise Elisabeth ihren Basen vorgehen. Bald darauf starb der Erblasser, ich glaube, es war im Jahre 1747.
Friedrich Anton quittierte seinen Dienst und heiratete Caroline von Wrede aus dem Hause Steinbeck. Das erste Kind dieser Ehe wurde Sophie Marie genannt. Dann wurde ein Sohn geboren, welcher den Namen Friederich Heinrich erhielt. Als dieser etwa ein halbes Jahr alt war, ging die Wärterin eines Morgens mit ihm an der Weseler Landstraße spazieren. Entsetzt und ganz außer sich kam sie gegen Mittag zurück, jedoch ohne das Kind und erzählte Folgendes: Sie sei mit dem Kleinen auf- und abgegangen, da habe sie plötzlich Pferdegetrappel gehört. Sie habe sich umgeschaut und habe aus der Richtung von Münster her eine prächtige Karosse mit vier Pferden davor anfahren sehen. Neugierig habe sie sich auf die Seite gestellt. Als nun der Kutschwagen neben ihr gewesen sei, da habe der Kutscher plötzlich die Pferde angehalten. Zwei vermummte Männer seien aus dem Wagen gesprungen, hätten ihr das Kind aus den Armen gerissen und hätten es in das Gefährt gehoben und den Schlag geschlossen. Sie habe noch gesehen, dass der Kutscher wie besessen auf die Pferde eingehauen habe, dieselben seien in wildem Galopp davon gestürmt und sie sei ohnmächtig zusammengebrochen.
Die bestürzten Eltern waren außer sich. Man warf sich auf alle disponiblen Pferde und sprengte davon, um die Räuber einzuholen, jedoch alles war vergebens. Schon in Dülmen ging die Spur verloren, indem einige Leute behaupteten, dass der beschriebene Wagen in der Richtung nach Coesfeld gefahren sei, andere blieben dabei, sie hätten ihn ganz bestimmt nach Lüdinghausen fahren sehen, und noch andere wollten ihm vor dem Burgtor begegnet sein. Kurz, alles Suchen war vergebens, und von dem kleinen Friederich Heinrich hat man nie eine Spur wieder gesehen.
Dann wurden der Reihe nach drei Töchter geboren, und dann gegen Ende der fünfziger Jahre wiederum ein Sohn: Carl Friederich Leopold. Das Kind war gesund und behändig und wuchs kräftig heran. Es war etwa zwei Jahre alt, da spielte es eines Tages mit seinen vier Schwesterchen im Burghagen unter der Aufsicht der alten Wärterin, die man beibehalten hatte, ganz vergnügt auf einem Sandhaufen. Da ward die Wärterin plötzlich durch einen ihr fremder Mann im blauen Kittel angeredet. Sie solle schleunigst eben an das Torgitter kommen, es sei ein Bote aus ihrem Heimatdorfe Everswinkel da, der ihr eine wichtige Nachricht von ihrer Schwester überbringen wolle. Der Bote habe aber nicht lange Zeit, sie müsse sich beeilen. Da sagte die Wärterin: »Ich kann aber die Kinder nicht allein lassen. Kann denn der Mann nicht eben bis hierhin kommen oder kann er selbst mir nicht sagen, was mit meiner Schwester ist?«
Der Fremde antwortete: »Selbst kommen kann der Bote nicht, er hält dort mit Pferd und Wagen und kann davon nicht fort gehen; denn die Pferde sind unruhig und wollen nicht alleinstehen, was aber mit Ihrer Schwester ist, kann ich ihr nicht sagen. Der Everswinkler hat mir gesagt, er dürfe es ihr nur selbst von Mund zu Ohr sagen, was Gutes aber ist es nicht, so viel habe ich wohl gemerkt. Wenn Sie aber ängstlich ist, wegen der Kinder, so will ich wohl, bis Sie zurück ist, auf dieselben Acht geben, dass ihnen nichts zustößt. Ich bin nämlich Jans Ulending und der Bruder von der Frau Hellmann in Hiddingsel. Die wird Sie ja wohl kennen. Ich bin bei Leppers in Münster in der Brauerei, wollte meiner Schwester zum Namenstag gratulieren, morgen ist ja Sophie. Nun habe ich die Gelegenheit benutzt und bin mit dem Boten, der Leinen zum Bleichen nach Hausdülmen bringen will und der bei Leppers ausspannt, gefahren.«
Die Wärterin sah sich den Jans Ulending an, es war ein ganz netter und ordentlich aussehender Mann. Mit der Frau Hellmann, die sie ganz gut kannte, stimmte das auch und für den folgenden Tag stand wirklich Sophia im Kalender. Sie ließ also die Kinder in seiner Obhut und eilte voll Sorge ans Gittertor, welches etwa zwei Minuten von der Stelle entfernt war, an der die Kinder spielten. Dort war indes weder von einem Boten noch von einem Wagen etwas zu entdecken. Das war der Wärterin ganz auffallend. Sie stand noch ein Weilchen und spähte umher, da schaute sie auf den Weg und der zeigte keine frischen Wagenspuren. In fliegender Hast eilte sie zu den Kindern zurück. Die vier Mädchen spielten noch ganz in Einträglichkeit auf ihrem Sandhaufen und backten Kuchen, aber der Fremde war fort und mit ihm der kleine Carl Leopold. Auf ihre besorgte Frage: »Mein Gott, wo ist denn euer Brüderchen?«, erzählte die kleine Sophie, der fremde Mann habe zu Carlchen gesagt, sie wollten einmal Pferdchen spielen, er wolle ihm auch etwas Schönes zeigen. Dann habe sich ihr Brüderchen auf des Mannes Huckepack gesetzt und habe jauchzend »Hotte hüh!« gerufen, und der Mann sei mit ihm davon getrabt. Sie hätte auch mitlaufen wollen, da hätte der Mann sie abgewehrt und gesagt: »Bleibt Ihr nur ruhig am Spielen, für Wichter ist das nichts, das Jüngsken kommt gleich wieder und bringt Euch auch ein Vogelnest mit flüggen Jungen mit«, aber sie seien bis jetzt noch nicht zurückgekommen.
Da wurde die Wärterin ängstlich besorgt, sie nahm das kleinste Mädchen auf den Arm, ließ sich die anderen drei rechts und links an ihre Kleider halten und suchte nun, Carlchen über Carlchen rufend, das ganze Wäldchen ab. Aber es war vergebens, weder von Carlchen noch von Jans Ulending fand sich eine Spur. Die Mädchen wurden ängstlich und weinten und kreischten laut vor Angst und durch das Geschrei wurden die Eltern herbeigerufen. Sie erschraken heftig über das, was sie hörten und boten all ihre Leute auf, aber das Kind wurde nicht gefunden. Niemand in der Gegend wollte einen fremden Mann gesehen haben und Frau Hellmann sagte, sie habe zwar einen Bruder, der heiße aber nicht Jans, sondern Anton, und er sei auch kein Brauknecht in Münster, sondern er habe eine kleine Weinschenke in Koblenz und habe noch gestern von da geschrieben. Tiefe Trauer und Bekümmernis herrschten in Buldern. Am dritten Tage nach dem Verlust des Kindes sollte auf dem Gute große Wäsche gehalten werden, und als eine der Waschfrauen an den großen Regenwasserbehälter ging, der sich an dem etwas abseits gelegenen Waschhause befand, und den schweren Eichendeckel mühsam in die Höhe hob, da sah sie etwas Weißes im Wasser liegen. Sie schrie laut auf, und als man herbeieilte, fand man die Leiche des vermissten Knaben in dem Behälter liegen. Die Eltern waren fassungslos, war es doch schon der zweite Knabe, der ihnen auf geheimnisvolle Weise entrissen wurde. Die alte Wärterin wurde entlassen, an ihrer Stelle wurde ein neues Mädchen, welches man für durchaus zuverlässig hielt, angenommen.
Ein Jahr nach der Geburt des kleinen Friederich Carl Leopold war wieder ein Mädchen geboren, welches indes bald verstarb und dann erschien im Jahre 1760 wiederum ein männlicher Erbe, der den Namen Friederich Heinrich Ernst erhielt. Auch dieses Kind verschwand eines Tages spurlos. Das Kindermädchen behauptete, als sie mit dem Kleinen im Wäldchen umhergegangen sei, habe ihr eine unsichtbare Hand das Kind aus den Armen gerissen. Weiteres war weder durch Güte noch durch Strenge aus ihr heraus zu bekommen, aber sie machte entschieden einen Eindruck, als sei in ihrem Geiste nicht alles richtig. Zwei Tage nach dem Verschwinden dieses Knaben ging der Jäger des Hauses durch das Wäldchen. Da sprang ein Eichhörnchen vor ihm auf. Er nahm sein Gewehr zur Hand. Das Tierchen sprang gewandt von Ast zu Ast, von Baum zu Baum. Da plötzlich sank dem Jäger das Gewehr aus der Hand. Entsetzt und wie angewurzelt blieb er stehen. In der Astgabel eines hohen Eichenbaums, ganz oben in der höchsten Spitze, mit dem Köpfchen zwischen den zwei Ästen eingeklemmt, hing die Leiche des vermissten Kindes. Man eilte herbei, auch das Kindermädchen erschien und bei dem entsetzlichen Anblick brach bei ihr der volle Wahnsinn aus. Sie wurde tobsüchtig und musste mit Gewalt entfernt werden.
Und wieder wurde nach Jahresfrist den Eltern ein Sohn, Carl Friederich Heinrich, geboren. Dieses Kind behüteten die Eltern wie ihren Augapfel, und die Mutter ließ es keinen Augenblick von sich. Da brach eines Abends, als Frau von Diepenbrock an der Wiege saß, im Nebengebäude Feuer aus. Die hoch erschreckte Hausfrau, welche die erste war, die die Flammen erblickte, lief zur Küche, in welcher die gesamte Dienerschaft am Essen saß, um Lärm zu schlagen. Sie war nur wenige Minuten fort gewesen, aber wer beschreibt ihr Entsetzen, als sie in das Kinderzimmer zurückkehrte und die Wiege leer fand. Das Feuer wurde bald gelöscht, das ganze Haus vom Keller bis auf den Söller durchsucht, das Kind wurde nicht wieder gefunden. Nach einigen Tagen verbreitete sich unten in der großen Halle ein pestilenzialischer Geruch, und als man demselben nachforschte, fand man auf einem der mächtigen Schränke hinter dem geschnitzten Aufsatz das vermisste Kindchen wieder. Das hatte das Gesicht im Nacken stehen und war bereits in Verwesung übergegangen. Diese entsetzlichen Ereignisse hatten die Gesundheit des Hausherrn untergraben. Er kränkelte und starb bald, nachdem ihm noch ein männlicher Erbe geboren war, der den Namen Christian Emil bekam. Nun bestand das ganze reiche Erbe nur noch aus diesem letzten Knaben.
Eines Tages saß die verwitwete Frau von Diepenbrock mit ihren Töchterchen beim Mittagsessen. Da kam plötzlich ein vierspänniger Wagen und fuhr vor der Freitreppe vor. Die Hausfrau war ans Fenster getreten, um auszuschauen, was für ein Besuch denn dort anlange, und, denken Sie sich ihr Erstaunen, aus dem Wagen stiegen ihre Nichte Luise Elisabeth von Diepenbrock mit ihrem Gemahl Caspar Wolf von Romberg. Die jungen Eheleute benahmen sich nun aber ganz absonderlich. Anstatt ins Haus zu kommen, bückte sich Frau von Romberg, nahm eine Erdscholle auf und steckte sie in ihren Pompadour. Dann zog sie einen kleinen Dolch aus dem silbernen Gehänge, welches sie an ihrer Gürtelkette trug und schnitt ein Blütenreis von dem neben dem Hause stehenden Apfelbaume ab. Ein Diener folgte ihr und nahm den Zweig in Empfang. Die Tante öffnete das Fenster, um sich das seltsame Gebaren näher anzusehen. Die junge Frau tat, als ob sie ihre Tante nicht gesehen, erstieg die Freitreppe vor dem Hause und schnitt einen kleinen Span aus dem Türpfosten. Dann ging sie ins Haus. Ihr Mann und der Diener folgten hinterher. Auch Frau von Diepenbrock trat in die Halle und ging ihnen nach.
Die Nichte war indes mit ihrer Begleitung in die Küche getreten. Dort gab sie dem Diener einen Wink, derselbe ergriff einen mit Wasser gefüllten Eimer und übergab ihn seiner Herrin, welche damit das Herdfeuer ausgoss. Dann zog der Diener bereit gehaltene Späne hervor und an einigen glimmenden Kohlen, welche Herr von Romberg inzwischen abseits geschoben hatte, entfachte die junge Frau ein neues Feuer.
