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Eine Lady, die ein Geheimnis hütet, und ein Viscount mit gewissen Vorzügen …
Die Regency Romance mit viel Gefühl für Fans von historischen Liebesromanen
Nach dem Tod seines Vetters tritt Aldon Westkay das Erbe an und erhält somit nicht nur den Titel Viscount Graywood, sondern auch ein heruntergekommenes Anwesen. Außerdem muss sich der neue Viscount auch noch um die Mutter seines Vetters und dessen junge Witwe Lady Lavinia kümmern. Diese stempelt er kurzerhand als graue Maus ab und versucht ihr so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Dennoch wird er immer wieder mit der eigenwilligen Lady konfrontiert und muss sich eingestehen: Sie ist zwar störrig, aber auch wunderschön …
Erste Leser:innenstimmen
„Ich bin immer auf der Suche nach Regency Romance-Nachschub und habe das Buch nur so verschlungen!“
„Gefühlvolle Story, erfrischende Dialoge und authentische, liebenswerte Charaktere.“
„Der historische Liebesroman ist flüssig-leicht erzählt und mit zahlreichen romantischen Momenten gespickt.“
„Fesselt und geht ans Herz!“
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Seitenzahl: 311
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Nach dem Tod seines Vetters tritt Aldon Westkay das Erbe an und erhält somit nicht nur den Titel Viscount Graywood, sondern auch ein heruntergekommenes Anwesen. Außerdem muss sich der neue Viscount auch noch um die Mutter seines Vetters und dessen junge Witwe Lady Lavinia kümmern. Diese stempelt er kurzerhand als graue Maus ab und versucht ihr so gut es geht aus dem Weg zu gehen. Dennoch wird er immer wieder mit der eigenwilligen Lady konfrontiert und muss sich eingestehen: Sie ist zwar störrig, aber auch wunderschön …
Erstausgabe August 2022
Copyright © 2025 dp Verlag, ein Imprint der dp DIGITAL PUBLISHERS GmbH Made in Stuttgart with ♥ Alle Rechte vorbehalten
E-Book-ISBN: 978-3-98637-890-5 Taschenbuch-ISBN: 978-3-98637-900-1
Covergestaltung: Emily Bähr unter Verwendung von Motiven von periodimages.com: © Maria Chronis, VJ Dunraven Productions shutterstock.com: © BenChaYaPa, © ABCDstock, © CEW, © AN NGUYEN, © Chansom Pantip Lektorat: Astrid Rahlfs
E-Book-Version 03.07.2025, 11:11:17.
Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Sämtliche Personen und Ereignisse dieses Werks sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, ob lebend oder tot, wären rein zufällig.
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Lady Lavinia stand aufgerichtet in ihrer schwarzen Trauerkleidung am Fenster. Sie sah mit verschleiertem Blick auf den Garten hinunter. Dieses Stückchen Erde war das Einzige, was sie vermissen würde. In drei unendlich langen Jahren war dieses Fleckchen Grün ihr Zufluchtsort gewesen. Hierhin war sie immer geeilt, wenn sie glaubte, ihr Leben nicht mehr ertragen zu können.
In dieser Situation war sie oft gewesen. Der vor einer Woche verstorbene Lord Ronan Westkay, Viscount Graywood, war kein angenehmer Zeitgenosse. Hätte man ihn mit drei Worten beschreiben müssen, dann würden sie reich, arrogant und unbeherrscht lauten. Letztere Eigenschaft hatte sich in den Jahren der arrangierten Ehe ständig verstärkt. Immerhin war es Lady Lavinia nicht vergönnt gewesen, schwanger zu werden und somit war Graywood der ersehnte Erbe verwehrt geblieben. Und das, obwohl er zum Anfang ihrer Ehe fast allabendlich in Lavinias Schlafgemach gestürmt war. Sobald die Tür herrisch aufgerissen wurde, war ihr klar gewesen, was nun folgen würde. Der Ablauf war immer der Gleiche ‒ ohne Zärtlichkeit, ohne Emotionen. Der edle Viscount hatte sich auf den reinen Zeugungsakt beschränkt. Schon in der Hochzeitsnacht hatte er seiner vor Aufregung zitternden Gemahlin klargemacht, dass er kein weiteres Interesse an ihr hätte. Ihre Aufgabe sei es, ihm einen Erben oder besser noch zwei zu schenken und sich ansonsten aus seinem Leben herauszuhalten. Dass diese sich nach vollzogenem Akt vor Scham und Enttäuschung stets in den Schlaf weinte, hatte ihn nie interessiert.
Überhaupt hatte ihn alles ziemlich wenig interessiert, wenn es um seine Gattin ging. Einmal im Monat hatte sie ihm berichten müssen, ob sie nun endlich schwanger war. Abgesehen von den nächtlichen Besuchen mied er den Kontakt zu ihr, indem er außer Haus speiste und die Abende in seinem Club, in der nahegelegenen Stadt oder immer öfter auch in London verbrachte. Lavinia war froh gewesen, ihn so wenig wie möglich zu Gesicht zu bekommen. Im Grunde genommen hätte sie sich mit diesem einsamen Leben sogar eingerichtet, wenn nicht seine ständig anwesende Mutter versucht hätte, ihr das Leben zur Hölle zu machen.
Ihre Schwiegermutter hatte die perfide Neigung, ständig an ihr herumzukritisieren. Nicht nur, dass sie ihrem vergötterten Sohn keinen Erben schenkte, sie sei auch unfähig, einen Haushalt zu leiten, sich geschmackvoll zu kleiden oder auch nur einigermaßen angemessene Konversation zu betreiben. Jeder Gast, der sich im Hause Graywood aufhielt, bekam schon nach kurzer Zeit den Eindruck, dass Lady Lavinia nichts anderes sei als eine leidlich ansprechende Hülle, die über keinen eigenen Willen und schon gar nicht über einen wie auch immer gearteten Charakter verfügte.
Im weitläufigen Anwesen der Graywoods schwang die verwitwete Schwiegermutter unnachgiebig das Zepter. Die rüstige Dowager Viscountess hatte sich geweigert, mit Hinweis auf ihren angeblich angeschlagenen Gesundheitszustand, in das dem Manor gegenüberliegende Gartenhaus, welches als Wittumssitz vorgesehen war, überzusiedeln. Allerdings erfreute sie sich besten Wohlbefindens und hinterließ den Eindruck, dass sie mit ihrer Konstitution selbst Methusalem Konkurrenz machen würde. Das Personal lebte in ständiger Furcht vor der hageren Frau mit den schmalen und harten Lippen, deren eisige Stimme bis in den hintersten Winkel der Gesinderäume drang, obwohl sie nie schrie. Es war eher ein Zischen, das aus ihrem Mund kam. Fast wie von einem Basilisken, der nur darauf wartete, sein Opfer zu verschlingen. Und so kam es, dass kaum einer der Bediensteten es lange im Hause Graywood aushielt. Sobald sie eine bessere Stelle gefunden hatten, wechselten die meisten der Angestellten in einen Haushalt, in dem die Stimmung weniger unfreundlich war. Eine Ausnahme bildeten der Butler, die Köchin und die Zofe der Mutter des Hausherrn, die alte Mary. Diese drei schon recht betagten Angestellten waren die einzigen, mit denen die Witwe einigermaßen freundlich umging, denn sie hatte sie bei ihrer Heirat aus ihrem Elternhaus mit nach Graywood Manor gebracht. Es gab noch eine weitere Bedienstete, die nicht ständig unter den Launen der selbstgerechten Herrin litt: Das war Lady Lavinias Zofe Mary. Nicht dass sich die junge Frau ihre Vertraute selbst ausgesucht hätte. Bei der Eheschließung war sie noch von ihrer alten Amme und der Zofe Anne, die sie schon seit Kindertagen kannte, begleitet worden. Graywood und seine Mutter hatten es aber unter fadenscheinigen Gründen schnell geschafft, beide zu entlassen und Lavinia damit weitgehend zu isolieren. Die neue Zofe, die ihre Schwiegermutter für sie ausgesucht hatte, stand ganz unter dem Einfluss derselben und war eher ein Bewacher als eine Vertraute. Der einzige Lichtblick in ihrem Leben war der Garten, auf dem ihr Blick jetzt ruhte. Und auch den könnte sie nun vielleicht verlieren. Sie hatte keine Vorstellung, was nach dem Tode ihres Gatten mit ihr geschehen würde.
Die Tür wurde so plötzlich aufgerissen, dass Lavinia aus ihren düsteren Gedanken schrak und zusammenfuhr. Dabei hätte sie sich doch schon längst an das ungehobelte Auftreten ihrer ungeliebten Zofe gewöhnen können.
„Lord Graywood ist eingetroffen“, polterte diese, ohne den respektvollen Begrüßungsknicks zu machen.
Lavinia erschrak. Graywood war doch tot. Dann erinnerte sie sich. Der Titel war auf seinen Cousin Aldon übergegangen. Der war jetzt der neue Herr über Graywood Manor, die zugehörigen Ländereien und ‒ ihr stockte bei dieser Vorstellung der Atem ‒ auch über sie. Immerhin fungierte er nun als eine Art Vormund. Auch wenn sie als Witwe mehr Freiheiten genoss als eine unverheiratete weibliche Verwandte, hatte der neue Lord Graywood das Sagen. Zumindest was ihre Finanzen betraf. Ihr verstorbener Gatte hatte keineswegs mit seinem Ableben gerechnet, als er sich auf ein wildes Rennen hoch zu Ross mit einigen seiner Freunde eingelassen hatte. Er hatte daher keinerlei finanzielle Vorsorge für den Fall getroffen, dass er, anstatt als Erster durch Ziel zu reiten, kalt und steif auf einer Bahre heimgetragen wurde. Lavinia war sich sicher, dass der selige Graywood aber auch sonst keinen Gedanken an ihren Unterhalt verschwendet hätte. Immerhin hatte sie ihm keinen Erben geboren. Ja, sie war nicht einmal schwanger geworden.
Die Zofe hüstelte ungehalten. „Sie sollten nach unten in den Salon gehen und Lord Graywood begrüßen.“ Wie immer ließ sie es an der passenden höflichen Anrede fehlen.
Lavinia nickte, raffte ihr schwarzes, unvorteilhaft geschnittenes Kleid, das ihre Schwiegermutter für sie hatte einfärben lassen, warf einen letzten Blick auf den Garten und fügte sich in das Unvermeidliche. Ihr Aussehen im Spiegel zu überprüfen, hatte sie schon längst aufgegeben. Den Anblick ihres schmalen, blassen Gesichts mit den großen, traurigen Augen, um die tiefe Schatten lagen, war ihr nach und nach unerträglich geworden. Wo war das lebenslustige Mädchen mit der wilden Lockenmähne hin, die in der Sonne bernsteinfarben schimmerte? Auf Geheiß ihrer Schwiegermutter trug sie ihr Haar inzwischen streng nach hinten gekämmt. Als ob es ein Spiegel ihres Seelenzustandes war, hatte es nach und nach jegliches Strahlen verloren. Matt und glanzlos lag es an ihrem Kopf an und schien ihre Hoffnungslosigkeit zu teilen.
Der frischgebackene Lord Graywood stand, lässig an den Kamin gelehnt, im Salon und wartete auf die Damen des Hauses. Er war modisch gekleidet, ohne jedoch wie ein Stutzer daherzukommen. Stoff und Schnitt seiner Bekleidung verrieten, dass er Kunde eines der besten Schneider in London war. Zum strahlend weißen Leinenhemd mit einem Kragen, der nicht ganz so hoch war, wie ihn die aktuelle Mode vorschrieb, hatte er gedeckte Farben für Hose und Rock gewählt. Sein Halstuch kam mit einem recht einfachen Knoten aus und verzichtete auf aufwendige Falten. Diese Garderobe ließ ihn jedoch keineswegs trist erscheinen. Alles an ihm verriet, dass er es nicht für nötig erachtete, Eindruck zu machen. Die glänzenden Hessenstiefel und die zweireihig geknöpfte Weste waren in einem matten Taubenblau gehalten und schienen die einzige Reminiszenz an seine neue Stellung zu sein. Er hatte weder einen der derzeit so beliebten Gehstöcke dabei, noch trug er ein scharlachrotes Uhrband. Seine Haltung war aufrecht, das braune Haar ein wenig zu lang und wellte sich leicht. Die typischen scharfen Gesichtszüge der männlichen Familienmitglieder traten bei ihm in abgemilderter Form auf. Die Graywood’sche Adlernase war nur angedeutet und nicht so dominant wie bei einigen der Porträts in der Ahnengalerie. So sah er weniger streng aus als sein verblichener Vetter. Allerdings schien er auf den ersten Eindruck, genau wie dieser, abweisend und hochmütig. Das war zuletzt nicht dem Blick aus seinen grau-grünen Augen zu verdanken. Er hatte viele Stunden damit verbracht, sich einen gelangweilten Ausdruck zuzulegen, der ihn wie eine Schutzmauer vor allzu vertraulichen Begegnungen umgab.
Auch wenn man es ihm nicht ansah, er fühlte sich momentan reichlich unbehaglich in seiner neuen Rolle. Sein Cousin hatte sich bester Gesundheit erfreut. Mit seinem Ableben war nicht zu rechnen gewesen. Die Ehe zwischen dem vorherigen Lord und seiner Gattin bestand erst seit drei Jahren, da war es nicht ungewöhnlich, dass es noch keinen unmittelbaren Erben gab. Er hatte fest damit gerechnet, dass sich dieser Umstand jedoch bald ändern würde. Hinter vorgehaltener Hand galt der fünfte Lord Graywood nicht als besonders häuslich. Vielleicht hatte er seine Gattin nicht besonders geschätzt und sein Vergnügen außerhalb des eigenen Ehebettes gesucht. Er hatte die Witwe seines Cousins nur ein einziges Mal gesehen und konnte sich kaum an das blasse, aufgeregte Kindchen erinnern. Aus gesellschaftlichen Gründen, dem guten Ton zuliebe, war man nicht umhingekommen, ihn zur Hochzeit einzuladen, obwohl zwischen ihm und dem Bräutigam sowie dessen Mutter kein gutes Verhältnis herrschte. Beide hatten dem Sohn des jüngeren Bruders seiner verblichenen Lordschaft keine Sympathie entgegengebracht. Schließlich war seine Mutter eine bürgerliche Krämertochter gewesen, deren Vater zwar viel Geld, aber keinen entsprechenden Stammbaum vorwies. Die Familie seiner Lordschaft hatte es Aldon immer spüren lassen, dass er weit unter den Verwandten stand. Da hatten ihm auch das viele Geld seiner Mutter und der Besuch der besten Schulen nichts genützt. Er war nicht standesgemäß und das rieb man ihm bei den wenigen Begegnungen mit der Familie seines Vaters schonungslos und mit unverhohlener Schadenfreude unter die Nase. Seine Tante tat sich dabei durch besondere Boshaftigkeit hervor und ließ keine Gelegenheit aus, um ihr Missfallen über die unerwünschte Verwandtschaft kundzutun. Bei der Hochzeit seines Cousins hatte sie es mal wieder besonders arg getrieben und Aldon hatte sich geschworen, nie wieder einen Fuß in dieses Haus zu setzen. Daran hatte er bis heute festgehalten.
Aber nun war er wieder hier. Und er war der neue Hausherr. Und schon begannen seine Sorgen. Was sollte er nur mit den weiblichen Wesen anfangen, die ihm sein Cousin gleichsam mit dem Erbe hinterlassen hatte? Viel Freude würde er sowieso nicht an seiner neuen Stellung haben. Die Ländereien seines Vetters waren schlecht geführt, mit Hypotheken belastet und wenig ertragreich. Er würde einen Teil seines zum Glück schier unerschöpflichen Vermögens opfern müssen, um Ordnung zu schaffen. Immerhin war er der Meinung, dass man als Lord seinen Untergebenen gegenüber eine gewisse Verpflichtung hatte. Er würde die Misswirtschaft, die allenthalben auf den zu Graywood gehörenden Gütern herrschte, beenden und das Land zu neuer Blüte führen.
Der neue Lord Graywood beugte sich nach unten, um der schwarzen Labradorhündin, die zu seinen Füßen lag, über den Kopf zu streicheln. „Ach Blacky, was soll ich nur mit den Weibsbildern anfangen? Die bringen doch nur Ärger.“
Das Tier hob seinen Kopf, wedelte mit dem Schwanz und schien zu grinsen.
„Ja, lach mich nur aus. Du bist das einzige weibliche Wesen in meinem Leben und weißt genau, dass ich keines dieser Geschöpfe in meiner Nähe haben will. Entweder sind sie bösartige Harpyien, falsche Schlangen oder hohlköpfige Puppen, deren Geschwätz mir den letzten Nerv raubt.“
„Ich habe nicht die Absicht, ihnen den letzten Nerv zu rauben!“ Lady Lavinias Stimme drang leise, aber bestimmt an sein Ohr.
Verflixt! Während er sich mit dem Hund beschäftigt hatte, war sie von ihm unbemerkt ins Zimmer getreten. Seine ohnehin schon miese Laune verschlechterte sich noch mehr. „Schleichen Sie sich immer so an?“, blaffte er.
„Bisher war es in diesem Haus nicht üblich, mit den Türen zu knallen, um auf sich aufmerksam zu machen“, konterte sie.
Graywood starrte sie wütend an. Was bildete sich diese kleine, unscheinbare Spitzmaus in ihrem sackartigen Trauerkleid ein? Wie kam ein so farbloses Persönchen dazu, ihm solche Widerworte zu geben? Und wie sie ihn danach ansah! So als hätte sie plötzlich Angst vor der eigenen Courage bekommen. Er war ja kein Unmensch. Und jeder, der seine fünf Sinne beisammen hatte, würde verstehen, dass die Situation, in der er sich befand, nicht gerade erfreulich war. Kein Mann war glücklich darüber, wenn er plötzlich zwei wildfremde Frauen am Hals hatte, die er zutiefst verabscheute.
Lavinia zuckte erschrocken zusammen und ihre Augen weiteten sich vor Furcht. Wenn der neue Lord Graywood einen ähnlichen Charakter hatte wie ihr verblichener Mann, dann wäre eine schallende Ohrfeige das geringste Übel, das sie erwartete. Was war ihr nur eingefallen? Sie wusste doch aus eigenen schmerzhaften Erfahrungen, dass man in diesem Haus keine Widerworte geben durfte.
Zum Glück begnügte er sich damit, sie wütend anzustarren. Und da war noch etwas in seinem Blick zu lesen. War es Verachtung? Sie wurde sich plötzlich ihres unförmigen Trauerkleides bewusst. Nie und nimmer hätte sie sich freiwillig diese stoffliche Scheußlichkeit ausgesucht. Aber da ihr der selige Lord Graywood so gut wie kein Nadelgeld zugestanden hatte, blieb ihr nichts anderes übrig, als das zu tragen, was ihre boshafte Schwiegermutter für sie anfertigen oder meist einfach nur umarbeiten ließ. Sich in einem ihrer schlichten Sommerkleider, die sie noch von früher besaß und vor den sogenannten Verschönerungsarbeiten der Dowager Viscountess gerettet hatte, so kurz nach der Beisetzung auch nur vor dem Personal sehen zu lassen, wäre undenkbar gewesen. Die Moderegeln schrieben es vor, dass sie als Witwe ein Jahr und einen Tag nur schwarze Kleidung tragen sollte. Daran würde sie sich halten, hatte sie sich vorgenommen. Auch wenn sie hier auf dem Land weitab vom ton lebte, war es besser, nicht gegen die geltenden Moralvorstellungen zu verstoßen. Lavinia machte sich keine Illusionen darüber, dass die Angestellten auf Graywood Manor nicht wussten, wie es um ihre Ehe bestellt gewesen war. Aber sie wollte nicht den kleinsten Anschein nach außen dringen lassen, dass der Tod ihres Gatten in Wahrheit eine Erleichterung für sie war. Sie würde die Rolle der trauernden Gemahlin annehmen und niemand sollte daran zweifeln können. Immerhin trauerte sie wirklich. Um die Jahre, die sie in einer lieblosen Ehe gefangen gewesen war, die zunehmend von Gewalt geprägt gewesen war. Wenn sie wenigstens ein Kind gehabt hätte, an dem sie sich hätte erfreuen können. Aber dieser Trost war an ihr vorübergegangen. Graywood hatte seine ehelichen Pflichten zuletzt immer seltener eingefordert, denn sein ständiger Alkoholgenuss hatte ihn zunehmend daran gehindert, seinen Mann zu stehen. Allerdings hatte er ihr die Schuld daran zugeschoben, denn er hatte sie als reizlos und kalt wie einen Frosch bezeichnet. Sie war ohnehin nicht sonderlich auf seine plumpen Aufmerksamkeiten erpicht gewesen und hatte ihm das einmal kurz vor seinem Tod unmissverständlich zu verstehen gegeben. Mit Schaudern erinnerte sie sich daran, wie er sie daraufhin grün und blau geschlagen hatte. Als sie wimmernd in der Ecke gelegen hatte, war er über sie hergefallen und hatte, berauscht von seiner Macht, endlich wieder einmal die Ehe vollziehen können. Lavinia versuchte, sich nicht vor Entsetzen zu schütteln, als sie daran dachte.
Der neue Lord Graywood bemerkte die Veränderung, die in seiner unscheinbaren Widersacherin vorgegangen war. Sie war zusammengezuckt. Recht so! Sie sollte sich bloß nicht einbilden, dass sie ihm auf der Nase herumtanzen könnte. Er würde sie irgendwo weit weg hin verbannen, sodass sie ihm nie wieder unter die Augen käme. Natürlich würde sie genug Nadelgeld erhalten, damit sie ein relativ sorgloses Leben führen könnte. Vielleicht widmete sie sich wohltätigen Aufgaben, engagierte sich für Waisenkinder oder im Tierschutz. Auch dafür würde er, wenn es sein musste, Geld bereitstellen. Hauptsache, er hatte nichts mehr mit ihr zu schaffen. Notfalls konnte er ihr auch eine kleine Mitgift aussetzen und irgendein trottliger Dorfpfarrer wäre so dumm, sie dann zur Gattin zu nehmen. Das erschien ihm als die idealste Lösung. Damit hätte er sie sich ein für alle Mal vom Hals geschafft. Während er überlegte, welches der ihm durch das Erbe zugefallenen Güter entfernt genug für diese Pläne schien, ging die Tür erneut auf. Diesmal wurde sie nicht lautlos bewegt, sondern öffnete sich mit Schwung und einem Geräusch, das keinen Zweifel daran ließ, dass die Hausherrin eintrat. Zumindest benahm sich die Dame so, als wäre sie das noch immer. Graywood konnte im letzten Moment verhindern, dass er missbilligend die Augenbrauen zusammenzog. Stattdessen verbeugte er sich leicht, gerade so, um es nicht als unhöflich gelten zu lassen. Er blickte die Eingetretene mit einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck an, dem man nicht ablesen konnte, wie sehr er diese Frau verabscheute.
„Mein Beileid, verehrte Tante.“ Er sprach mit fester Stimme, der man keine Emotionen entnehmen konnte und war stolz auf sich. Immerhin schaffte er es, keine Verachtung in seinen Tonfall zu legen. Sein Cousin war im zuwider gewesen. Die Eskapaden des Verblichenen waren ein beliebtes Thema beim ton gewesen, der sich gern an den Skandalgeschichten labte. Das war ein Grund mehr für ihn gewesen, seine Gegenwart zu meiden.
Lady Amalia Westkay, die Witwe des vierten Viscount Graywood, schnaubte verächtlich. „Mein Unglück gereicht dir wahrlich zum Vorteil, lieber Neffe. Wer hätte gedacht, dass der Sohn einer Krämertochter einmal der neue Viscount Graywood wird.“
Aldon versteifte sich. „Ich habe meinem Cousin niemals etwas Schlechtes gewünscht. Es hat mich sehr erschüttert, als ich von seinem plötzlichen Ableben erfahren habe.“
„Plötzlich, aber nicht unerwünscht“, konterte sie mit steinernem Gesichtsausdruck.
Lavinia hatte dem kurzen Schlagabtausch mit unbeteiligter Mine gelauscht. Ihre Gedanken überschlugen sich. Tante und Neffe machten den Eindruck, als ob sie sich nur mit Mühe beherrschen konnten, um sich nicht gegenseitig an die Kehle zu gehen. Was würde das für ihre Zukunft bedeuten? Gab es Hoffnung, dass sie nicht mit ihrer Schwiegermutter zusammen in das Witwenhaus des Anwesens ziehen musste? Vielleicht konnte der neue Herr auf Graywood den Gedanken nicht ertragen, dass seine verhasste Tante sich im Umkreis von weniger als einhundert Meilen von ihm entfernt aufhielt? Wenn sie nur wüsste, was für Pläne er überhaupt für die zwei Frauen hatte, für die er so urplötzlich verantwortlich war … Lavinia wurde aus ihrer Grübelei gerissen, als die schneidende Stimme ihrer Schwiegermutter an ihr Ohr drang.
„Sei dir deiner neuen Rolle nur nicht zu sicher. Immerhin kann es sein, dass Lavinia den Erben meines Sohnes unter dem Herzen trägt. Wenn sie guter Hoffnung ist, dann wird mein Enkelsohn den Titel erben und du gehst leer aus. Dann kannst du dich wieder zu deiner Krämerverwandtschaft scheren, wo du hingehörst!“ Während dieser boshaft hervorgestoßenen Worte drehte sie sich zu Lavinia um und betrachtete sie mit einem missbilligenden Blick. „Bisher hast du es ja erfolgreich vermieden, einen Erben auszutragen. Ich hoffe doch, dass du am Ende nicht noch unfruchtbar bist! Aber vielleicht ist noch nicht alles verloren und du bist einmal in deinem Leben zu etwas nütze.“ Ihre Augen schienen ihre Schwiegertochter zu durchbohren. „Wann hat mein Sohn das letzte Mal bei dir gelegen?“
Lavinia schnappte empört nach Luft. Was war das für eine Frage? Wie konnte sie so etwas nur in aller Öffentlichkeit erörtern! Noch dazu vor einem Fremden! Eine plötzliche Röte überzog ihr Gesicht. Sie würde sich nicht die Blöße geben und auf diesen Affront antworten. Verzweifelt rang sie die Hände und tat in ihrer Not, als würde sie den Hund, der vor dem Kamin lag und den Kopf auf die Pfoten gelegt hatte, beobachten. Doch damit kam sie nicht durch.
Lord Graywood legte den Kopf schief und sah sie aus dunklen Augen an. „Dieser Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen. Verzeihen Sie, Mylady, aber es ist von ungeheurer Wichtigkeit für unser aller Zukunft. Wann hat mein verstorbener Cousin das letzte Mal ihr gemeinsames Schlafzimmer aufgesucht?“
Lavinia stockte der Atem. Was erdreistete sich dieser Kerl? Sie hatte in all der Zeit nicht viel über ihre angeheiratete Familie erfahren. Der Name des Emporkömmlings, Aldon, war indes mehr als einmal gefallen. Sie hatte damals gedacht, wenn ihr Gatte und seine Mutter so schlecht über diesen Mann sprachen, wäre er vielleicht nicht so übel. Das war wohl weitaus gefehlt. Wie konnte er nur! Aber richtig, seine Mutter war ja eine Bürgerliche. Da musste es ihm unausweichlich an einer entsprechenden Erziehung mangeln. Wütend starrte sie ihn an, ohne zu antworten.
„Mylady, haben Sie meine Frage nicht verstanden?" Aldon war sich bewusst, dass sie sich bei diesem Verhör unwohl fühlen würde, aber er musste darauf bestehen, dass sie ihm antwortete. Zu viel hing davon ab, ob sie guter Hoffnung war oder nicht.
„Ihr seht doch, dass das arme Ding von dem herben Verlust, den wir gerade erlitten haben, noch ganz geschockt ist. Sie hing mit so einer Liebe und Dankbarkeit an meinem Sohn, dass ich um ihre zarte Gesundheit fürchte, wenn Ihr weiter so in sie dringt", empörte sich seine Tante. „Ich weiß, dass mein Ronan mit großer Leidenschaft an seiner Gattin hing und sie fast jede Nacht aufgesucht hat. Warum sollte das also vor seinem tragischen Tod anders gewesen sein? Um die zarten Nerven der untröstlichen Witwe zu schonen, müsst ihr schon mindestens einen Monat warten, nein, besser noch zwei oder drei, ehe Ihr über unseren Verbleib entscheidet.“ Lady Amalia sah bei diesen Worten sehr zufrieden aus.
Aldon warf einen wütenden Blick auf die schweigsame Lavinia, deren Gesichtsfarbe abwechselnd rot und dann wieder blass wurde. Wahrscheinlich war dieses unscheinbare Ding bis über beide Ohren in seinen Cousin verliebt gewesen und vor Trauer fast von Sinnen. Immerhin waren die Männer in seiner Familie durchweg schlank, groß und gutaussehend. Sicher hatte Ronan dem armen Ding den Kopf verdreht und ihr eingeredet, dass er sie nicht wegen ihrer doch recht stattlichen Mitgift geheiratet hatte. So manches Mauerblümchen war schon auf einen feschen, mittellosen Lord hereingefallen. Warum sollte es hier anders gewesen sein? Der Zustand von Graywood Manor und den dazugehörigen Ländereien zeugte nicht gerade von einer sachkundigen Hand. Wahrscheinlich war nach drei Jahren Ehe auch nicht mehr viel von Lavinias Mitgift übrig. Obwohl ihr der Titel Lady zustand, mochte er ihn nicht einmal in Gedanken verwenden. Das Wesen da, welches so stocksteif in diesen unförmigen Kleidungsstücken vor ihm stand, war weit entfernt von dem, was er sich unter einer Lady vorstellte. Im Gegensatz zu seinen ungeliebten Familienangehörigen hier hatten die Töchter des verarmten Adels in London gern über seine bürgerliche Herkunft hinweggesehen. Es war allgemein bekannt, dass seine Bankkonten und auch die Truhen in seinem Stadthaus gut gefüllt waren. Zudem verfügte er nicht nur über ein ansprechendes Äußeres, sondern auch über gute Manieren. So kam es, dass er sich der Gunst potenzieller Schwiegermütter erfreute und oftmals Mühe hatte, den Fallstricken der heiratswütigen Damen zu entgehen. Das alles würde jetzt noch viel schlimmer werden, mutmaßte er. Immerhin würde seine zukünftige Gattin den Namen einer Viscountess Graywood tragen. Um sich eine Lady nennen zu können, sollte man auch so wie eine auftreten, dachte er stirnrunzelnd, während er sie finster anstarrte.
„Da Ihr nicht reden wollt, so obliegt es mir, die Entscheidung ohne Eure Antwort zu treffen. Bis zur endgültigen Feststellung, ob Ihr schwanger seid oder nicht, verbleibt Ihr hier im Hause und könnt Eure gewohnten Zimmer behalten.“ Lord Graywood verschränkte die Hände hinter dem Rücken und begann auf und ab zu marschieren. „In einem Monat werde ich dann festlegen, was mit Euch geschehen soll. Tragt Ihr ein Kind unter dem Herzen, dann werdet Ihr hier auf dem Grundstück verbleiben, bis es geboren ist. Als sein Vormund werde ich dann über alles Weitere entscheiden. Seid Ihr nicht guter Hoffnung, dann werde ich Euch den verbliebenen Anteil Eurer Mitgift auszahlen und eine passende Unterkunft für Euch suchen.“ Er schwieg einen Moment. „Falls Eure Mitgift nicht ausreichen sollte, so setze ich Euch eine kleine Leibrente aus, damit Ihr ein Auskommen habt. Viel scheint Ihr ja nicht zu benötigen.“ Den letzten Satz unterlegte er mit einem abschätzigen Zucken um die Mundwinkel. Dabei sah man ihm genau an, was er von Lavinia als Person hielt, denn seine Miene verriet eine Mischung von Mitleid und Verachtung.
„Nun gut, so werden wir denn abwarten“, warf seine Tante ein.
Graywood wandte sich ihr langsam und mit abschätzigem Blick zu. „Wir“, er machte absichtlich eine längere Pause, „Wir werden nichts abwarten. Du, liebe Tante, hast drei Tage Zeit, um deine Sachen zu packen und dich auf dein geliebtes Anwesen in der Nähe von Bath zu begeben. Ich weiß nur zu gut, dass dein dortiger Besitz in hervorragendem Zustand ist und du auf keine deiner gewohnten Annehmlichkeiten verzichten musst, wenn du dorthin umsiedelst.“
„Was fällt dir ein! Du elender Emporkömmling! Du wagst es, mir den nötigen Respekt zu verweigern und wirfst mich aus meinem Haus? Das wirst du bitter bereuen! Ich verfluche dich, du elender Kretin! Dich und deine unwürdige Mutter! Welch eine Schande ist über das Haus Graywood gekommen! Keinen Tag länger als nötig halte ich es hier aus. Ich reise aus freiem Willen ab! Du wirst schon sehen, was du davon hast, wenn du dich mit mir anlegst!“ Zornig raffte sie ihre Röcke und stürmte mit hochrotem Kopf und wenig damenhaft davon.
Lavinia sah ihr entsetzt hinterher. Sie mochte ihre Schwiegermutter nicht besonders. Aber sie würde sie doch nicht mit diesem Monster allein lassen! Der Gedanke, einen ganzen Monat lang mit dem jetzigen Lord Graywood unter einem Dach leben zu müssen, entsetzte sie. Sicher war er ebenso übellaunig und bösartig wie ihr verblichener Gatte. Der Eindruck, den er bisher auf sie gemacht hatte, schien das zu belegen.
Ganz so, als wollte er ihre Gedanken bestätigen, blaffte der neue Lord sie an. „Was steht Ihr hier noch so herum? Ihr könnt euch entfernen! Es ist alles gesagt, was gesagt werden musste.“
Sie zuckte zusammen und brachte einen zittrigen Knicks zustande. Als sie zur Tür hinauseilte, rief er ihr hinterher: „Ihr braucht Euch nicht die Mühe zu machen und zu den Mahlzeiten herunterkommen. Die Köchin wird Euch sicher reichlich Verpflegung auf Euer Zimmer schicken.“
Entsetzt drehte Lavinia sich um: „Ihr sperrt mich ein?“
Er schüttelte den Kopf. „Ihr dürft jederzeit aus dem Haus und auch das Anwesen verlassen, wenn Ihr mir mitteilt, was Ihr vorhabt. Ich befreie Euch nur von der Verpflichtung, mir beim Speisen Gesellschaft zu leisten, was Euch sicher entgegenkommt. Solltet Ihr Euch jedoch langweilen, dann können wir die Mahlzeiten an den Tagen, an denen ich auf Graywood Manor weile, meinetwegen auch gemeinsam einnehmen.“ Er wollte noch hinzusetzen, dass es sicher für keinen von ihnen eine Freude sein würde, unterließ es aber im letzten Augenblick.
„So seid Ihr nicht ständig anwesend?“ Lavinia konnte die Hoffnung in ihrer Stimme nicht verbergen.
„Ich habe Geschäfte in London zu tätigen“, antwortete er mit eisiger Stimme und entließ sie mit einer Handbewegung.
Lavinia knickste gerade so tief, dass es nicht unhöflich wirkte, drückte den Rücken durch und wandte sich zum Gehen. Was bildete dieser Kerl sich ein? Wenn sie auch selten mit ihrer Schwiegermutter einer Meinung war, diesmal hatte die wohl doch recht. Der neue Lord Graywood war ein ungehobelter, bürgerlicher Klotz! Durch seine Herkunft fehlte es ihm an Manieren und gesellschaftlichem Schliff. In ihrem Zorn über die unfreundliche Behandlung, gepaart mit der Sorge um die Zukunft, vergaß Lady Lavinia ganz, dass der verblichene Lord Graywood keineswegs ein Musterbeispiel für einen Viscount abgegeben hatte. Es gab nicht wenige Stimmen im ton, die ihn als ungehobelt, verschlagen und jähzornig beschrieben. Er hatte wohl gerade zur rechten Stunde das Zeitliche gesegnet. Weil man über Tote nichts Schlechtes sagen sollte, wurde auch nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert, dass es eigentlich sein Glück war, vom Pferd zu fallen und sich den Hals zu brechen. In wenigen Wochen wäre er ohnehin ruiniert gewesen. Man würde jetzt schauen, ob der neue Viscount ein besseres Händchen für die heruntergewirtschafteten Ländereien hatte. Falls die Gerüchte stimmten, war er ziemlich reich. Ebenso war man der Meinung, dass reich und ein Viscount zu sein, eine gewissermaßen gute Kombination war. Da spielte das Aussehen kaum eine Rolle und auch nicht die bürgerliche Herkunft. Allerdings flüsterten sich die Debütantinnen, die auf der Suche nach einem Ehemann waren, zu, dass Lord Graywood mit einem recht ansehnlichen Äußeren gesegnet sei. War er bisher nur für die Töchter des niederen Adels interessant, deren Väter kaum eine magere Mitgift aufbrachten, so änderte sich das jetzt schlagartig. Lord Graywood galt als einer der fettesten Karpfen im Teich der heiratsfähigen Junggesellen.
Von all den Gerüchten wussten weder der neue Viscount Graywood noch die verwitwete Lavinia etwas. Während beide an die vor ihnen liegenden Tage mit Schaudern dachten und überlegten, wie sie einander am besten aus dem Weg gehen könnten, malten in London die Mühlen ein ganz anderes Mehl. Man war dem bürgerlichen Aldon in der Vergangenheit zwar nicht unbedingt mit Verachtung begegnet, sondern hatte ihn eher nur am Rande wahrgenommen. Es gab ja kaum Berührungspunkte, da er zu vielen Veranstaltungen gar nicht eingeladen wurde. Diese Situation hatte sich jetzt aber grundlegend geändert. Einem Viscount standen viele Türen offen, ganz egal, woher er sein Geld hatte. Er war mit einem Schlag zu einem der begehrtesten Junggesellen des ton geworden und der Traum aller Mütter, die mindestens eine unverheiratete Tochter besaßen. Unglücklicherweise saß er aber nun weit draußen, auf dem Land, auf Graywood Manor. Irgendwie müsste man ihn nach London in die Ballsäle locken, darüber waren die Damen einhelliger Meinung. Wenn er erst einmal da wäre, würde sich sicher eine Gelegenheit ergeben, seine nähere Bekanntschaft zu machen.
Nicht wenige der Mütter von heiratswilligen Töchtern hatten auch Söhne, deren Interesse ebenfalls darin lag, ihre Schwestern dem neuen Viscount vorzustellen. Blieb eine Debütantin unverheiratet und endete als alte Jungfrau, dann oblag es nach dem Tode der Eltern den Brüdern, sich um ihre übriggebliebenen Anverwandten zu kümmern. Ein lediges Frauenzimmer in der Familie war immer ein Ärgernis. Meist musste sich der Älteste als Familienoberhaupt um sie kümmern. Das war nicht nur lästig, sondern auch finanziell unangenehm. Die Unverheiratete brauchte eine entsprechende Unterkunft und ein Auskommen. Das kostete Geld, welches man dann nicht für sich oder die eigene Gattin ausgeben konnte. Oft war so eine sitzengebliebene Schwägerin auch noch ein Dorn im Auge, wenn es um die Herrschaft im Hause ging. Alles in allem war eine ledige Schwester, die das übliche Heiratsalter überschritten hatte, eine Belastung, die man sich gern ersparen wollte. Das dumme Ding sollte gefälligst heiraten und dann dem Gatten Ärger machen, meinten nicht wenige der jungen Herren. Natürlich gab es auch andere Brüder, die mit Liebe und Zärtlichkeit an ihren Schwestern hingen. Aber verheiratet wollten sie diese jedoch auch gern sehen.
Offiziell war es im ton verpönt, sein Geld durch Arbeit zu erlangen. Ein opulenter Lebensstil, wie man ihn pflegte, kostete jedoch. Die Kassen leerten sich meist schneller, als sie durch die Einnahmen aus den Gütern nachgefüllt wurden. Vielleicht hatte Graywood ein paar Tipps, wie man der ständigen Geldsorgen Herr werden könnte, ohne gleich als Krämer oder Pfeffersack zu gelten. Und so ganz nebenbei konnte man ihm ja auch die heiratswilligen Schwestern vorstellen. Immerhin würde man so zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Nun war es so, dass eine gute Idee selten geheim blieb. Hatte einer der Lords beim Kartenspiel halblaut über seinen Einfall sinniert oder eine der potenziellen Schwiegermütter ihre doch nicht so verschwiegene Freundin ins Vertrauen gezogen? Man würde es wohl nie erfahren. Die Überraschung des neuen Lord Graywood war jedoch keineswegs gespielt, als er schon am nächsten Tag mehr als ein Dutzend Briefe überreicht bekam, die alle einen ähnlichen Inhalt hatten. Man bat ihn zu einer dringenden geschäftlichen Unterredung, die einem persönlichen und vertraulichen Charakter entsprechen sollte. Unter normalen Umständen hätte er sicher abgelehnt, denn er kannte die Einstellung der meisten Adligen, wenn es um Geschäfte ging. In seiner Situation allerdings kamen ihm die Schreiben, die ihn nach London riefen, mehr als nur gelegen. So hatte er einen triftigen Grund, Graywood Manor am nächsten Tag zu verlassen. Er würde weder seiner Tante noch der Witwe seines Cousins begegnen müssen. Wenn er seinen Aufenthalt in der Hauptstadt auf vier Wochen ausdehnte, dann wäre die Frist für Lady Lavinia verstrichen. So weit kannte er sich mit den weiblichen Befindlichkeiten aus. Er würde zu diesem Zeitpunkt zurückkehren, ihr mitteilen, wo sie den Rest ihres Lebens verbringen konnte, ihr eine kleine Leibrente aussetzen und sie wegschicken. Damit hätte er seine Pflicht getan und könnte sich mit gutem Gewissen zurücklehnen. Dass die Dame noch einmal heiraten würde, war wohl doch sehr unwahrscheinlich. Dazu war sie zu farblos und nichtssagend. So wie es aussah, neigte sie auch noch zu boshaften Wiederworten. Wer würde so eine Person wohl freiwillig in sein Leben lassen? Er hatte das zänkische Weib wohl für den Rest seines Lebens am Hals, denn er nahm seine Verpflichtungen, auch der ungeliebten Verwandtschaft gegenüber, sehr ernst. Das hieß jedoch nicht, dass sie oder gar seine Tante einen Platz in seinem Leben beanspruchen konnten. Er wollte beiden so wenig wie möglich begegnen. Die Einladungen nach London waren der perfekte Grund, abzureisen. Die Ländereien von Graywood Manor würden zwar noch einen Monat auf seine ordnende Hand warten müssen, aber das würde er in Kauf nehmen.
Tief im Inneren schalt er sich einen Feigling, aber er verspürte nicht das geringste Bedürfnis nach irgendeiner weiblichen Gesellschaft ‒ selbst wenn er die zwei Frauen, für die er nun als Familienoberhaupt verantwortlich war, nicht in der Tiefe seines Herzens verabscheuen würde. Keineswegs, nach seinen Erfahrungen mit Alicia. Das Beste wäre, so entschied er, so schnell wie möglich abzureisen. Er schritt voller Elan ins Arbeitszimmer und setzte sich an den Schreibtisch, um zwei kurze Notizen zu verfassen. Dann klingelte er nach dem alten Butler, den er anwies, den Damen die Schreiben am nächsten Morgen zu überreichen.
Als sich dieser mit steifen Schritten entfernt hatte, warf Graywood noch einen schnellen Blick auf das Inventarverzeichnis des Anwesens. Das hatte ihm der Familienanwalt vor seiner Abreise aus London überreicht. Eigentlich hätte er die Angaben darauf überprüfen sollen. Aber er war in Gedanken schon bei seinen Reisevorbereitungen gewesen. Achtlos warf er die Blätter auf den Schreibtisch und rief nach seinem Kammerdiener. Es war Zeit zum Packen, damit sie bei Morgengrauen aufbrechen konnten.
Von all diesen Absichten ahnte Lady Lavinia nichts, als sie nach dem Gespräch mit dem neuen Viscount durch die Gärten von Graywood Manor streifte. Der Aufenthalt an der frischen Luft würde ihre aufgewühlten Nerven beruhigen. Zumindest hoffte sie das. Was bildete sich dieser Mensch nur ein? In Gedanken belegte sie ihn mit einigen sehr wenig damenhaften Schimpfworten, die sie bei den Stallknechten ihrer Großeltern aufgeschnappt hatte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Schönheit der Gartenanlagen um sich herum wahrnahm. Das passierte ihr sonst nie. Wenn sie ihre Schritte sonst auf die kiesbestreuten Wege lenkte, dauerte es nur wenige Minuten, bis sie ganz in dem Anblick schwelgte, der sich ihren Augen bot.
Gleich an das Hauptgebäude schloss sich in südlicher Richtung eine weitläufige Terrassenanlage mit etlichen Springbrunnen an. Die lenkte den Blick auf ein hübsches Gartenhaus, welches früheren Generationen mal als Witumshaus und mal als Vergnügungsort gedient hatte. Zu ihm führten mehrere verschlungene Pfade, die sich um kunstvolle Blumenrabatten wanden, die malerisch auf einer Wiese angelegt waren. Rechts davon, in westlicher Richtung, führte ein kunstvolles schmiedeeisernes Tor in einen Bereich, der als formaler Garten angelegt war. Er wurde von mit Giebeln versehenen Steinmauern umschlossen, die den Nutz- und Küchengarten vor den Augen der Spaziergänger verbargen. Die Mauern wurden von einem großen kreisförmigen Taubenschlag überragt, der ihr ein Märchen ins Gedächtnis rief, welches ihre Nanny einst erzählt hatte. Sie wusste nicht mehr genau, wie die Handlung war, konnte sich aber erinnern, dass die Heldin in diesem Turm gefangen gewesen war. Das erinnerte sie ein bisschen an ihre eigene Situation. Allerdings hatten solche Geschichten immer einen glücklichen Ausgang. Ihr eigenes Leben war weit entfernt davon, ein Märchen zu sein. Seufzend wandte sie ihren Blick vom Turm ab, auf dessen Dach ein Taubenpärchen verliebt turtelte. Da sah sie doch lieber in eine andere Richtung. Obwohl das nur für den ersten Moment eine bessere Lösung zu sein schien.
