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Die 23jährige Annelie erbt als einzige Enkelin Charlottes Schwaigers das Haus ihrer Großmutter, das in einem kleinen Dorf unweit Eisenachs steht. Beim wenig erfreulichen Prozedere des Ausräumens der Wohnstätte findet sie, tief hinten in einem wuchtigen Wäscheschrank platziert und fein säuberlich in einen Bettbezug gehüllt, ein altes Einrad. Die Beschäftigung mit dem Fund ist ein Stück Trauerarbeit und weckt die Hoffnung, über das Rad und seine Geschichte dem Leben der Großmutter weiterhin nahe zu sein. Aber alle Bemühungen bleiben vorerst ohne Erfolg. Ein Zufall hilft. Bei einem Kurzurlaub an der Ostsee begegnet Annelie schließlich einem ehemaligen Einradfahrer des örtlichen Sportvereins. Sein Name ist Henning Voigt, und dieser macht sie mit seiner früheren Trainerin bekannt, die letztlich den Schlüssel liefert, der die bisher fest verschlossene Tür in die Vergangenheit doch noch zu öffnen vermag. Sie hilft ihr, auf die Tochter des Mannes zu treffen, dessen Name auf dem Rad verewigt ist. Letztlich überlässt sie ihr einige der Tagebücher, die ihr Vater ein Leben lang geschrieben hat. Diese führen ins Jena der 1920er und 1930er Jahre kurz vor Machtübernahme der Nationalsozialisten und zu einem kleinen Jungen namens Claas Cramer, der Name, den Annelie eingraviert auf der Gabel des Einrades gefunden hatte...
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2020
Es war das dritte Weihnachtsfest, welches sie alle zusammen hier in diesem Haus verbrachten. Die drei zurückliegenden Jahre hatten vieles an bisher sicher Geglaubtem in Frage gestellt.
Alles hatte damit begonnen, dass Charlotte Schwaiger verstarb und ihrer einzigen Enkelin jenes Haus vererbte, ein Haus, in welchem sie selber nach einer langen Zeit der Hoffnungslosigkeit und des Elends doch noch glücklich werden konnte.
Anfänglich jedoch ahnte niemand, welch weitreichende Veränderungen mit dem Ableben der alten Dame verbunden sein würden.
Kapitel
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Es kostete Annelie erhebliche Mühe, die schwere Tür zum Speicher auch nur den einen winzigen Spalt zu öffnen. Irgendetwas dahinter hatte sich verklemmt und wollte partout um keinen Zentimeter weichen. Die junge Frau stemmte sich mit aller Kraft immer wieder gegen das Eichenholz, bis ihre Schulter schmerzte. Aber die Tür blieb standhaft und ging vorerst als Sieger aus diesem Kräftemessen hervor. Gerade eben so, als wolle sie die letzten Geheimnisse, die sie hinter sich im Dunkel des Dachbodens verbarg, noch für eine Weile bewahren.
Sich am Handlauf festhaltend, stieg Annelie die steile Treppe mit den schmalen Holzstufen enttäuscht wieder hinunter.
Wie wenig alltagstauglich man doch in früheren Zeiten gebaut hatte. Ihre wahrlich nicht großen Füße ragten weit über die knapp bemessenen Bretter hinaus. Zu dieser kalten Jahreszeit steckten sie zudem in dicken Winterstiefeln, und so konnte sie kaum mehr als den halben Fuß auf die Bohlen setzen und musste mit Bedacht Schritt für Schritt abwärts gehen. In der großen Diele angekommen, die in den Jahren ihrer frühen Kindheit als Spielplatz, Rollschuhbahn oder Turnsaal gleichermaßen gedient hatte und die sich nun dunkel und leblos vor ihr ausbreitete, verharrte sie kurz und trat erst dann in den knirschenden Schnee vor die Haustür.
Es war der erste ernstzunehmende Winter seit vielen Jahren. Und nun war es auch der Winter, in dem ihre Großmutter gegangen war. Großmutter, dachte sie, welch fremdes Wort für eine Frau, die ihr so viel bedeutet hatte. Mit ihrem Tod war ein Stück Geborgenheit nun endgültig entschwunden, mit ihm war ein weiterer Zipfel der Kindheit ihren Händen entglitten und das Erwachsenwerden zu einer sehr konkreten Aufgabe geworden.
Vor drei Wochen hatten sie Abschied nehmen müssen. Auch da schon hatte die Kälte geklirrt und die Trauergesellschaft am Grab frieren lassen.
Charlotte Schwaiger hatte den Winter geliebt, selbst im hohen Alter noch. Dieser bewölkte, bitterkalte Tag, an dem sich die kahlen Äste der Bäume und Sträucher kontrastreich vom weißen Horizont abhoben und am Saum zwischen Himmel und Erde zarte Kunstwerke, fein wie filigrane Scherenschnittbilder, in die Landschaft zauberten, wäre ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Überhaupt hatte sie vieles gemocht, was man durchaus als untypisch bezeichnen würde für eine Frau kurz vor dem 90. Geburtstag, unter anderem, mit ihrer Enkelin ausgiebig Wintersportereignisse im Fernsehen anzuschauen. Dieser Apparat schien ausschließlich zu jenem Zweck in den Haushalt gekommen zu sein. Das restliche Jahr über stand er als nutzloses Möbelstück an einer Wand des Gästezimmers, wohin ihn Charlotte nach dem Ende einer jeden Saison zuverlässig verbannte. Aber in den Wochen zwischen dem ersten Advent und den letzten Märztagen lief die Flimmerkiste auf Hochtouren. Wann immer Annelie an den Wochenenden des Winterhalbjahres Zeit hatte aufbringen können, war sie bei Oma Charlotte eingerückt. Dann hatten es sich die beiden Damen auf je einem der alten Chesterfield Sofas gemütlich gemacht, um die Übertragungen im Skispringen oder im Biathlon anzuschauen und diese bequemen Möbelstücke nur verlassen, wenn der Vorrat an Köstlichkeiten auf dem kleinen Beistelltisch zur Neige zu gehen drohte. Stets waren das Stunden tief empfundenen Glücks gewesen, die bekanntlich nur punktuell über das Leben verteilt und deshalb so unendlich kostbar sind.
Bis fast zum allerletzten Atemzug hatte Charlotte sich zudem mit Psychologie beschäftigt, hatte verschiedene Zeitschriften zu diesem Thema abonniert und zahllose Bücher gelesen, deren Anhäufung im Laufe der Zeit die Anschaffung immer weiterer Regale notwendig gemacht hatte. Einem Wunder gleich war das alte Haus unter der gewiss tonnenschweren Last der prall gefüllten Holzkonstrukte, die inzwischen jede freie Wand zierten, noch nicht zusammengebrochen. Woher dieses sehr spezielle Interesse rührte, vermochte niemand aus der Familie ganz genau zu sagen.
Bis vor wenigen Jahren war die alte Dame noch höchstpersönlich zu Vorträgen durch ganz Deutschland gereist. Wann immer ein angebotenes Thema sie interessierte hatte, war sie mit Zugfahrkarte und Hotelbuchung ausgestattet am betreffenden Morgen aufgebrochen und hatte stets ein Taxi vorfahren lassen, welches sie zum nächsten Bahnhof brachte, der zu ihrem großen Leidwesen über 15 Kilometer weit von ihrem Heimatort entfernt lag.
Erst nach ihrem 87. Geburtstag war sie gezwungen gewesen, diese Bildungsreisen aufzugeben, was ihr zweifelsohne unglaublich schwergefallen sein muss und einem herben Verlust an Lebensinhalt gleichgekommen war. Jedoch hatte man sie nie auch nur einen Klagelaut darüber verlieren hören.
Annelie entfernte sich mehrere Schritte vom Haus, die Schuhe knöcheltief im Schnee bewegend. Langsam drehte sie sich um und betrachtete aus einiger Entfernung das Gebäude. Es lag am südlichen Rande eines Dörfchens unweit von Eisenach im Westen Thüringens, nicht wirklich einsam, aber eben auch nicht mittendrin im Geschehen. Dieser Status hatte zu seiner Bewohnerin gepasst, befand die junge Frau.
Und nun sollte es ihr gehören. Die Testamentseröffnung vor wenigen Tagen hatte mit dieser Nachricht keine wirkliche Neuigkeit verkündet. Dass Charlotte das grundsolide Bauwerk ihrem einzigen Enkelkind vererben wollte, hatte sie nie zu einem Geheimnis gemacht. Und dass diese Tatsache nicht zu Streitigkeiten innerhalb der Familie führen würde, war ein tröstlicher Gedanke bei all dem Kummer um den Verlust der geliebten Person.
„Schau, so liegt doch auch etwas Gutes darin, dass du in deinen Kindertagen auf Cousins und Cousinen verzichten musstest, auch wenn dir das hin und wieder Verdruss bereitete“, hatte Charlotte vor Jahren einmal ziemlich pragmatisch von sich gegeben. Das war wohl um den Zeitpunkt herum, als sie ihre finanziellen und materiellen Angelegenheiten beim Notar geregelt wusste.
Ihre drei Söhne verstanden sich gut. Diese Tatsache genoss die alte Dame zeitlebens als verlässliche Quelle grundsolider Freude.
Johann, ihr Ältester, hatte ihre Leidenschaft für Bücher geerbt, war unverheiratet geblieben und führte nun schon seit Jahren einen kleinen, aber feinen Buchladen in der Kreisstadt. Neben den Büchern gehörte seine zweite Leidenschaft der Musik in Form des örtlichen, klassischen Chores, dem er seit vielen Jahren angehörte und der mit über 60 Sängern stattlich besetzt und klanglich von guter Qualität war, was ihm zahlreiche Konzerttermine auch in weiterer Entfernung bescherte.
Reinhard, der Mittlere, hatte Medizin studiert und arbeitete nun schon seit etlichen Jahren als Notfallmediziner in einer großen Unfallklinik das Nachbarkreises. Seine Frau und er waren leider kinderlos geblieben.
Annelies Vater Tom war der Praktiker und Familientechniker und als einziger nicht in der näheren Umgebung des Elternhauses ansässig geworden. Nach einem Ingenieurstudium hatte ihn die Offerte einer Firma südlich von Dresden gelockt, die riesige Monster von Baumaschinen produzierte, wie Annelie es als kleines Mädchen nach einem Besuch an seinem Arbeitsplatz ziemlich beeindruckt beschrieben hatte, und dort arbeitete er noch heute.
Drei Söhne – ein Enkelkind, nicht gerade eine üppige Ausbeute, hatte Charlotte zuweilen sinniert. Aber es war eben nicht zu ändern, und sich in unabänderliche Dinge klaglos zu fügen, hatte sie perfekt beherrscht und mit dieser konsequenten Haltung ihre Familie stets beeindruckt.
Annelie beschloss, mit der weiteren Inspektion des Hauses auf den Vater zu warten. Es war später Freitagnachmittag. Er hatte versprochen, sich gleich nach der Arbeit ins Auto zu setzen. Die beiden wollten das Wochenende nutzen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen und um zu beraten, wie es mit dem Haus weitergehen sollte. Sie fühlte sich wohler bei dem Gedanken, mit ihm an der Seite in die im Grunde vertrauten, nun aber doch bedrückend fremd wirkenden Räume zurückzukehren. Ein paar Stunden würde es noch dauern, bis mit seinem Eintreffen zur rechnen war. Sie ließ ihr Auto in der Einfahrt stehen und ging zu Fuß den knappen Kilometer ins örtliche Kaffeehaus am Kirchplatz, um unter Menschen zu sein und um sich noch für eine Weile in ihre Masterarbeit zu vertiefen, die sie gern zum Ende des Winters abgabebereit wüsste.
Es war schon lange dunkel, als sie nach mehreren Gläsern Tee den gastlichen Raum verließ, dessen zahlreiche, in den Fenstern aufgestellten Lampen ein warmes Licht spendeten. Wieder schneite es, der Vater hatte deshalb länger als erhofft für die 300 Kilometer benötigt. Nun aber werkelte er schon im Haus und war gerade dabei, im Ofen der geräumigen Wohnküche ein Feuer zu entfachen. Charlotte hatte zumeist mit Holz geheizt und die vorhandene Gasheizung nur auf sehr niedriger Stufe laufen lassen. Es würden noch einige Stunden vergehen, bevor eine Art wohlige Wärme durch die Räume ziehen konnte. Durch die Heizung wurde das Haus zwar zuverlässig frostfrei gehalten, aber darüber hinaus nicht direkt mit behaglichen Temperaturen versorgt.
Annelie hatte mit Blick auf die geplanten Tätigkeiten des bevorstehenden Wochenendes eingekauft und in ihrer Jenaer Studentenwohnung bereits gekocht und gebacken. Der Gedanke an leckeres Essen versprach ihr Trost bei der Beschäftigung, die sie sich für diesen beiden kommenden Tage vorgenommen hatten. Außerdem verschaffte ihr die Küchenarbeit immer wieder eine kleine, bodenständige Verschnaufpause im zuweilen recht abgehobenen Prozess des Anfertigens einer wissenschaftlichen Arbeit. Und deshalb konnten Vater und Tochter nun bei Flammkuchen und einem Glas Weißwein am alten Holztisch der Wohnküche im Lichtschein das prasselnden Feuers speisen und dabei ganz behutsam in diesem Haus ankommen.
Es war in einem guten Zustand, dafür hatten sie alle gemeinsam in all den Jahren immer gesorgt. Man müsste nichts Grundlegendes sanieren, wollte man denn auf der Stelle einziehen. Aber die neue Besitzerin war sich noch keineswegs sicher, ob diese Option überhaupt für sie in Frage käme. Momentan stand ein Umzug nicht zur Debatte. Sie studierte noch, musste zuerst ihren Abschluss schaffen und plante, danach für einige Monate nach Schottland zu gehen. Auch sie hatte Maschinenbau als Fach gewählt und würde in der elterlichen Firma einer schottischen Studienfreundin ein Praktikum absolvieren.
Darüber sprachen Vater und Tochter beim letzten Schluck Wein, vermieden unterdessen aber alle Themen, die mit dem eigentlichen Grund ihrer Anwesenheit zu tun hatten.
Beim gemeinsamen Abspülen brachte der Vater das Gespräch in die bisher elegant umfahrene Spur.
„Irgendwo und irgendwie müssen wir anfangen, Töchterlein, es hilft nichts“. Er ahnte Annelies Beklemmungen, schnürte es doch auch kräftig an seiner Kehle, wenn er sich vorstellte, das Leben seiner Mutter nun Stück für Stück aus dem Haus tragen zu müssen. Selbst, wenn die Immobilie im Besitz der Familie bleiben würde, wäre vieles an Inventar und persönlichem Hab und Gut seiner bisherigen Bewohnerin auszuräumen und zu entsorgen. Ein trauriges Prozedere stand ihnen da bevor.
Nachdem alles Geschirr und Besteck fein säuberlich verstaut war, unternahmen sie einen Gang durch das Haus. Zuerst in den Keller, um die Heizung zu kontrollieren, die in diesen kalten Wochen mit den frostklirrenden Nächten unbedingt zuverlässig funktionieren musste, wenn jedes zukünftige Bewohnen nicht von vornherein unmöglich werden sollte. Den Keller hatte Charlotte in den letzten Jahren nicht mehr wirklich genutzt. Waschmaschine und Bügelbrett waren schon vor langer Zeit hoch ins Erdgeschoss umgezogen, und den Müll hatte sie in einem kleinen Bretterverschlag an einer der schmalen Hausseiten gesammelt. Das ersparte ihr die vielen engen Stufen, die sich von jenen zum Dachboden kaum unterschieden und die sie ihrer Steilheit wegen nicht mehr hatte gehen mögen.
Ramsch oder über die Jahre angesammelten Hausrat suchte man vergebens in den dunklen Kellerräumen. So nach und nach hatte die alte Dame, als sie noch recht passabel zu Fuß unterwegs war, vieles davon Stück für Stück ans Tageslicht des Erdgeschosses befördert und den verschiedenen Müllsammlungen mitgegeben. Einige alte Koffer und etwas an nie gebrauchtem Kochgeschirr lagerten noch in den Regalen, die es auch in diesem Teil des Hauses zur Genüge gab. Überhaupt würde man hier kaum auf interessante Kisten mit alten Briefen oder anderweitige geheime Boten einer längst vergangenen Zeit treffen, dessen war sich Annelie sicher. Ob sie das bedauern oder darüber froh sein sollte, war ihr noch nicht so ganz klar.
Indessen hatten sie den Keller verlassen und waren ins obere Geschoss gestiegen. Die drei dort angesiedelten Wohnräume und das Bad präsentierten sich aufgeräumt und nur in Maßen verstaubt. Hin und wieder hatte sich die alte Dame hier heraufbegeben und im Rahmen ihrer Kräfte geputzt, was sie noch ohne akrobatische Kunststücke erreichen konnte. Die Schränke barsten beinahe vor Bett- und Tischwäsche und den frühen Habseligkeiten ihrer drei Jungs, die vor einer gefühlten Ewigkeit in den Zimmern residiert hatten. Von den Zeugen jener längst vergangenen Epoche hatte sie sich nie zu trennen vermocht. Diese Arbeit würden nun den Besitzern der Reichtümer selber zuteilwerden.
Ein besonders wuchtiges Exemplar von Wäscheschrank, das im oberen Flur seinen Platz hatte, war in eine bedrohliche Schieflage geraten. Dessen würden sie sich morgen annehmen müssen, wenn sie das schöne Möbelstück noch retten wollten.
Gelebt hatte Charlotte seit Jahren in den Räumlichkeiten des Erdgeschosses, die allesamt bezaubernd eingerichtet waren und bis zuletzt liebevoll gepflegt wurden. Ihre Konstitution hatte es ihr erlaubt, bis wenige Tage vor ihrem Tod noch sehr aktiv zu sein und ihre häuslichen Aufgaben selbst zu verrichten. Das vermittelte Annelie und ihrem Vater auch eher den Anschein, als sei die Bewohnerin nur mal eben für eine Besorgung aus dem Haus gegangen und würde jeden Moment wieder durch die Eingangstür hereinkommen.
Inzwischen zeigte die Uhr in der großen Diele auf viertel nach elf. Zeit zu Bett zu gehen, entschieden die beiden. Die junge Frau hatte das Gästezimmer für sich gewählt, der Vater bezog das Bett seines ehemaligen Kinderzimmers. Wann immer er bei Besuchen im mütterlichen Haus übernachtete, diente es ihm als Schlafstatt, wodurch ihm der Raum in all den Jahren nie wirklich fremd geworden war.
In keinem der beiden Gemächer tat man sich leicht mit dem Einschlafen. Der Vater versuchte mit einem Buch, den Fokus der Gedanken zu verschieben und zu schlafbringender Ruhe zu finden. Annelie stand nach einer halben Stunde vergeblicher Einschlafversuche wieder auf und setzte sich, eingehüllt in die inzwischen angewärmte Bettdecke, auf das breite Fensterbrett, beobachtete eine Weile das Schneetreiben draußen vor dem Haus und nahm dann ihr Smartphone zur Hand, auf das sie im Laufe das Tages noch kaum einen Blick geworfen hatte. Eine Flut von mehr oder weniger belanglosen Nachrichten rollte an ihrem Auge vorbei: Eine der vielen „Bald ist Schluss mit dem Studium“ - Parties, die sich inzwischen die Klinke in die Hand gaben, lud für den kommenden Freitag ein. Fachbücher wurden hin und her getauscht, endlose Mengen an Fotos gepostet, die entnervte Kommilitonen zeigten, welche verzweifelt vor ihrer Abschlussarbeit brüteten – das Übliche in diesen Tagen.
Als selbst die dicke Daunendecke die vom eisigen Fenster heranziehende Kälte nicht mehr abzuhalten vermochte, kletterte Annelie ins Bett zurück und unternahm einen zweiten Versuch in den Schlaf zu finden. Nach einer schieren Ewigkeit war sie in einen unruhigen Schlummer geglitten und bis zum Morgen unzählige Male munter gewesen.
Erholsam ist etwas anderes, dachte sie beim endgültigen Wachwerden. Es mochte kaum sieben Uhr sein, nur ein erster, zarter Schein war vor dem Fenster zu ahnen. Noch nie war sie eine besonders gute Schläferin gewesen und beschloss nun, trotz der frühen Morgenstunde aufzustehen. Als kleines Mädchen hatte sie mit ihrem stets geringen Schlafbedürfnis den Vater schwer auf Trapp gehalten und später ab und zu selber darunter gelitten, nie wirklich lange ausschlafen zu können und selten erholsame Nächte zu erfahren.
Sie schnappte sich ihre Sachen, huschte in die Küche und zog sich in der vom Ofenfeuer des Vorabends noch angenehm warmen Umgebung an. Das Feuer allerdings war restlos erloschen. Schade, sie hatte auf ein wenig Glut gehofft, der man lediglich ein paar Holzscheite würde füttern müssen, um sie wieder zum Lodern zu bringen. Nun aber hieß es, komplett neu anzufeuern. Dank Oma Charlotte war sie darin nicht ganz ungeübt. Als Kind hatte sie es kaum erwarten können, das Feuer selbst entfachen zu dürfen. Ungeachtet Vaters Ermahnungen, hatte Charlotte sie deshalb in ihrem Beisein recht früh das Anheizen üben lassen.
Heute ging es ihr nur mühsam von der Hand, die Flammen wollten kaum züngeln.
`Das Wetter drückt auf den Schornstein`, hörte sie Großmutters Worte, die jene immer dann gesprochen hatte, wenn auch sie zuweilen nicht beim ersten Versuch erfolgreich war.
Semmeln holen wäre eine gute Sache, überlegte sie, als es im Ofen endlich hell loderte. Aber jetzt raus in die Kälte? Andererseits offenbarte sich vor der Haustür das Paradies für jede winterliebende Seele. Ein erstes rosa Band zeigte sich am Horizont, und davor wirbelte das wilde Schneetreiben. Sie lauschte noch einmal in Richtung der oberen Etage. In Vaters Zimmer war es still. Im Gegensatz zu ihr war er schon immer mit gutem Schlaf gesegnet und würde kaum vor neun Uhr die Treppe herunterkommen. Also packte sie sich warm ein und trat beherzt vor die Tür. Eine kräftige Böe wehte ihr sogleich große Flocken um die Nase. Sie musste kurz blinzeln, denn einige der weißen Gesellen hatten sich ihr direkt auf die Pupillen gesetzt. Mit zusammengekniffenen Augen stiefelte sie los. Noch waren kaum Menschen im Ort unterwegs. Sie stapfte die ersten Spuren in die frische Schneedecke, die inzwischen eindrucksvoll dick auf Wegen und Wiesen lag. Wie hatte sie das in den Kindertagen geliebt, die Erste auf einer großen, zugeschneiten Fläche zu sein, Wörter, Muster und Bilder in die Landschaft zu zeichnen wie auf ein großes, leeres Blatt weißen Zeichenkartons. Heute begnügte sie sich mit dem Legen einer ebenmäßigen Spur, setzte jeden Schritt dafür ganz bewusst und im immer gleichen Abstand auf den Gehweg.
Beim örtlichen Bäcker war es noch still, der samstägliche Ansturm stand erst bevor. Für den Rückweg gönnte sie sich einen großen Milchkaffee, der selbst durch die dicken Handschuhe hindurch noch ordentlich wärmte.
Den Pappbecher fest umklammert, balancierte sie in ihren eigenen Fußabdrücken den knappen Kilometer wieder zurück an den Ortsrand.
Die Uhr der Dorfkirche schlug für Dreiviertel Acht, als sie sich vor der Tür den Schnee von den Stiefeln klopfte. Im Haus regte sich nach wie vor kein Laut. Heute allerdings beneidete sie den Vater nicht um seine Langschläferqualitäten, hatte er doch das berauschende Schauspiel des anbrechenden Wintertages mit dem lebhaften Flockenwirbel und den zarten Pastelltönen der frühmorgendlichen Himmelsfärbung schlichtweg verpasst.
Sie deckte den Frühstückstisch und überlegte dann, ob sie es sich mit einer weiteren Tasse Kaffee vor dem großen Panoramafenster der Wohnküche gemütlich machen sollte. So ein Schneespektakel wie hier und heute würde sie in den kommenden Wochen kaum zu sehen bekommen. In der Universitätsstadt schaute der Winter nur selten und wenn überhaupt, dann lediglich mit ungemütlicher, nasser Kälte vorbei. Flockenwirbel und dick weiß überzogene Straßen und Plätze hatte sie in den fünf Jahren ihres Aufenthaltes dort nicht erlebt.
Letztlich fand sie sich aber auf der Treppe zum Speicher wieder und unternahm einen neuerlichen Versuch, die Eintrittsbarriere in Form der klemmenden Holztür zu überwinden. Der Erfolg war der gleiche des Vortages. Der kleine Spalt reichte nicht aus, um in den dunklen Dachbodenraum hineinschlüpfen zu können.
Leider funktionierte auch das Licht nicht. Der Schalter, den sie mit durchgeschobenem Arm erreichen konnte, klickte, ohne das sich in der Deckenlampe etwas rührte. Zum zweiten Mal stieg sie unverrichteter Dinge die Treppe hinab. Was erwartete sie sich bloß von diesem Bodenkämmerchen? Die Oma hatte nie den Eindruck erweckt, als hätte sie dereinst sensationelle Geheimnisse dort eingelagert. So konnte auf dem Speicher kaum anderes zu finden sein als ausrangierte, kleinere Möbelstücke, vielleicht altes Holzspielzeug der drei Jungs oder ein paar Kisten mit Büchern, die um keinen Preis mehr Platz in den chronisch überfüllten Regalen der unteren Etagen gefunden hatten. Was sie also hinaufzog unters Dach, konnte sie nicht sagen. Es war nur ein unbestimmtes Gefühl.
Sie hatte sich bemüht, leise zu werke zu gehen. Allem Anschein nach war ihr das nicht gänzlich gelungen, denn der Vater steckte verschlafen den Kopf zur Tür heraus.
„Guten Morgen, mein Schatz!“ Er schaute verwundert nach oben, wo seine Tochter gerade die Treppe herunterstieg. „Woher kommst du denn schon?“
Annelie zeigte hinauf zur Tür. „Eigentlich wäre ich vom Speicher gekommen, hätte ich denn den Verschlag davor aufbekommen. Aber der klemmt fest, irgendetwas dahinter ist wohl umgefallen und bewegt sich nicht von der Stelle“.
Der Vater musterte sie mit gerunzelter Stirn. „Und was hättest du so früh da oben machen wollen?“
Annelie zuckte ein wenig zu belanglos mit den Schultern. „Och, nur mal schauen. Ich war noch nie da drin,“ bemühte sie sich, so nebensächlich wie nur möglich zu klingen.
„Als kleines Kind hat mich die dunkle Bodenkammer zu sehr gegruselt und später war sie einfach zu uninteressant. Außerdem hat Oma hier unten stets so viel Programm geboten, dass ich die Zerstreuung auf einem geheimnisvollen Speicher nie nötig hatte.“ Inzwischen war sie auf der untersten Stufe angelangt.
„Nun denn, ich ziehe mich rasch an, wir frühstücken und nehmen uns des Quertreibers da oben gemeinsam an“, versprach der Vater augenzwinkernd und verschwand wieder im Zimmer. Die Situation erinnerte ihn gewaltig an lang zurückliegende Wochenenden, als sie im Kindergartenalter gewesen sein mochte und oft schon das halbe Haus auf den Kopf gestellt hatte, bevor er munter wurde.
Wenige Minuten später saßen beide in der inzwischen gemütlich warmen Küche und besprachen beim Frühstück die Planung für den Tag. Nach dem Blick in die Reichtümer des Dachbodens wollte Annelie den krummen Wäscheschrank ausräumen und Tom würde versuchen, das schöne alte Einrichtungsstück zu stützen, damit es erhalten werden konnte. Danach wollten sie sich einige der überladenen Regale vornehmen und einen Teil der Bücher verpacken und zu Johanns Laden bringen. Der hatte den Kontakt zu einem wissenschaftlichen Antiquariat hergestellt und die Zusage bekommen, dass man ihnen bestimmte Exemplare abnehmen würde. Viel mehr an Arbeiten würden sie heute ohnehin kaum schaffen.
Der Vater hatte mehr Glück mit der schwerfälligen Tür, oder einfach mehr Kraft. Er warf sich zweimal beherzt dagegen, dann hörte man das Geräusch splitternden Holzes, und offen war der geheimnisvolle Raum. Es hatte Reinhards Schlitten erwischt. Umgefallen und verkeilt zwischen der Tür und einem Vertiko mit feinen Einlegearbeiten an den Schubladen, musste der Holzrodel nun weichen.
„Er wird es verschmerzen“, schmunzelte der Vater mit Blick auf den Holzhaufen vor ihnen. Die Schlitten der beiden anderen Brüder lehnten noch fein säuberlich an der Wand. Auch sie zeigten jene grobmotorische, von Kinderhand angefertigte Lötkolbenbeschriftung, mit der sie von ihren Eigentümern unverwechselbar gekennzeichnet worden waren. An der Wand gegenüber standen Ski säuberlich aufgereiht, solche aus Holz mit Seilzugbindung. Die vor vielen Jahren auf der Oberseite aufgetragene, blaue Ölfarbe blätterte bereits in großen Schollen ab.
Ein altes, graues Sofa befand sich der Eingangstür gegenüber. Nahe der rechten Armlehne offenbarte es ein großes Loch, dessen verkohlte Ränder auf einen Brand hindeuteten. Ein heißes Bügeleisen hatte sich dort seinen Weg durch die Polster zu den Federn gebahnt, wusste der Vater zu berichten. Einige Wäschekörbe aus Weidengeflecht, eine blecherne Milchkanne und mehrere Hocker verschiedener Größe komplettierten das Ensemble. Nichts Aufregendes, nichts Geheimnisvolles. Annelie konnte ihre Enttäuschung nur schwerlich verbergen.
Der Vater bemerkte ihren betrübten Gesichtsausdruck.
„Hattest du eine Schachtel mit mysteriösen Briefen erwartet?“, fragte er seine Tochter mit amüsiertem Seitenblick und war ihren Fantasien damit bemerkenswert nahegekommen.
´Vielleicht`, dachte sie, und fand sich ertappt und selber albern bei diesem Gedanken.
„Damit wird deine Oma nicht dienen können. Aber sie war doch zu Lebzeiten eine recht spannende Person, findest du nicht?“
Die junge Frau drehte beinahe schuldbewusst den Kopf in seine Richtung. „Ja, natürlich. Ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe. Vielleicht, dass alles nicht so endgültig ist, dass wir uns noch eine Weile mit irgendeiner Begebenheit ihres Lebens beschäftigen können, die uns bisher verborgen geblieben ist.“
Die väterliche Umarmung tröstete sie ein wenig. „Ich weiß, wie sehr du sie vermisst“, sagte er sanft und strich ihr dabei über den Kopf. „Aber lass uns etwas tun im Haus. Arbeit lenkt noch immer ab“, entschied er schließlich pragmatisch und gab Annelie aus der Umarmung frei. „Nehmen wir uns des windschiefen Kollegens im Flur an. Der hat unsere Hilfe nötig.“
Und so räumte seine Tochter in der kommenden halben Stunde den Inhalt des mächtigen Schrankes aus, der bald schon sämtliche Wäschekörbe des Hauses füllte. Sogar die alten vom Dachboden hatten herhalten müssen, aber noch immer nahmen die Berge an Leinentüchern, Deckbett- und Kissenbezügen sowie ausgeblichenen Handtüchern kein Ende. Als sie endlich beim untersten der drei Fächer angekommen war und dort schließlich nur noch eine dünne Schicht an Wäsche lagerte, kippte plötzlich etwas Großes, Hartes von der Rückwand nach vorn. Es war fein säuberlich in einen Bettbezug gehüllt. Annelie hielt kurz erschrocken inne, zog das Teil dann aber über die restlichen Sachen hinweg aus dem Schrank heraus und hielt ein mehrere Kilogramm schweres, sich kalt anfühlendes Ding in den Händen. Sie legte den weiß eingehüllten Gegenstand auf den Teppich, betrachtete das Fundstück eine Weile neugierig und öffnete dann gespannt die weißen, stoffüberzogenen Wäscheknöpfe. Beim Zurückkrempeln des Bezugs kam ein Sattel zum Vorschein. Nach und nach legte sie ein komplett erhaltenes Einrad frei.
Ein Einrad! Was machte das in diesem Haushalt? Noch nie war hier irgendjemand mit so einem Gerät in Berührung gekommen. Als kleines Mädchen hatte sie alle möglichen Fahrzeuge besessen, Roller, Dreirad, verschieden große Fahrräder, aber nie ein Einrad. Eine Zeitlang war es eine Modeerscheinung unter einigen Mädchen ihres Alters gewesen, sich so ein Teil zu wünschen und dann an den Gartenzäunen der Siedlungen entlangzuwackeln. Bis zum freien Fahren hatten es nur die wenigsten geschafft, und eines Tages verschwanden die Räder so unvermittelt aus dem Ortsbild, wie sie aufgetaucht waren.
