Das Ende - Attila Bartis - E-Book

Das Ende E-Book

Attila Bartis

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Beschreibung

András Szabad wächst in einer ungarischen Kleinstadt auf, innig geliebt von seiner Mutter, einer Bibliothekarin. 1956 wird sein Vater wegen Teilnahme am Aufstand verhaftet. Als er nach drei Jahren völlig gebrochen nach Hause kommt, stirbt die Mutter – das Ende einer Kindheit. Mit dem Vater zieht er nach Budapest, und András entdeckt das Fotografieren. Die Kamera wird seine Leidenschaft, das Organ, mit dem er der Welt auflauert, sie sich vom Leib hält und aufs Bild bannt. Nie lässt er sie los, die Kamera ist immer dabei, auch wenn er sich verliebt.

Als er Jahrzehnte später vom Unfalltod Évas erfährt, einer nach Amerika emigrierten Pianistin, mit der ihn eine Amour fou verband, beginnt er sein Leben niederzuschreiben – kurze Episoden, gestochen scharfe Dialoge, wie in einem Kammerspiel. Eine unheimliche Kälte und Einsamkeit durchweht diesen Künstlerroman, der um die Frage kreist, woher die Gewalt und die Verletzlichkeit kommen, die András in sich spürt.

»Schöner hat lange niemand mehr von der Düsternis erzählt«, schrieb die FR über Attila Bartis und seinen Roman Die Ruhe. »Unerklärlich die atemberaubende Stilsicherheit« (ZEIT) des jungen Autors, seine »Leichtigkeit im Umgang mit der Last der Geschichte« (NZZ). Fünfzehn Jahre hat Attila Bartis an seinem nächsten Roman gearbeitet: Das Ende ist sein opus magnum: ein Werk, das mit unerbittlicher Genauigkeit von erotischer Abhängigkeit, Lüge und Erpressung erzählt.

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Seitenzahl: 834

Veröffentlichungsjahr: 2017

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ATTILA BARTISDAS ENDE

Roman

Aus dem Ungarischen von Terézia Mora

Suhrkamp

Das Ende

»Kaufe Wiege, auch gebraucht.«

Volksblatt Marosvásárhely, Kleinanzeigen

ERSTER TEIL

Samstag früh, als ich zum Flughafen fuhr, war es noch neblig. Als das Taxi an der Wiese am Stadtrand Richtung Terminal 2 einbog, lag ein schwarzer Hund mitten auf der Straße. Er zuckte noch. Das vor uns rasende Auto wird ihn überfahren haben. Der Taxifahrer bremste, lenkte den Wagen an den Straßenrand, hielt an. Er nahm ein Stahlkabel unter seinem Blouson hervor, schlug damit zweimal auf die Stirn des Tiers, bevor er es an den Füßen auf den Wegesrand zog. Verzeihung, sagte er, als er sich wieder hinters Lenkrad setzte. Kein Problem, sagte ich.

Mein Name ist András Szabad, zweiundfünfzig Jahre alt, Fotograf. Ziemlich bekannt. Genauer gesagt, sehr. Obwohl das an sich noch kein Grund ist, sein Leben niederzuschreiben.

Ich flog nach Stockholm, um mich untersuchen zu lassen.

Seit zwei Jahren mache ich keine Fotos mehr. Seitdem Éva gestorben ist.

Zu Beginn möchte ich noch klarstellen, dass ich nicht an Gott glaube. Lange Zeit dachte ich anders darüber, aber nun sehe ich klar. Das sagt natürlich nicht etwas über Gott, sondern über mich. Ich habe keinen Glauben in mir. Und ohne Glauben ist Hoffnung nichts anderes als das Durchzählen der Chancen. Was, wie jedes Durchzählen, ein wenig lächerlich ist.

Zum Beispiel : ob der Arzt in Budapest versehentlich zwei Ergebnisse vertauscht hat.

Entweder ja oder nein.

Trotz alledem muss ich anerkennen, dass es in der Welt doch so etwas wie Vorsehung gibt, auch wenn ich nicht fähig bin, den Grund dafür unzweifelhaft bei Gott zu sehen. Kann sein, er ist mächtiger als wir, kann sein, er entspringt aus uns. Das wird niemand entscheiden können.

Kornél sagte, ich solle mein Leben niederschreiben, wenn man einmal das Ganze betrachtet, beantworten sich solche Fragen meist von allein.

(Budapest, Herbst 1960)

Aus jener Zeit erinnere ich mich eigentlich nur an die Dunkelheit. Oder eher an die Trübe. Genau drei Jahre waren in der gleichen Trübe vergangen, in der mein Vater und ich am teerstinkenden Keleti-Bahnhof ankamen. Vollkommen gleichgültig, ob es am Morgen hell wurde, das Licht machte das Tiefgraue nur sichtbarer. Das war eine andere Art Dunkelheit als die, in der die zurückliegenden drei Jahre vergangen waren. Da konnte man wissen, es wird ein Ende geben. Es gab ein Papier mit Stempel, auf dem stand : drei Jahre. Dass statt meines Vaters ein Schatten aus dem Gefängnis kommen würde, stand nicht drauf und auch nicht, dass meine Mutter, wenn er durch die Tür kommt, an diesen drei Jahren schon gestorben sein wird. Aber man konnte wissen, es würden drei Jahre sein. Und es gibt kein Naturgesetz, keine unerschütterliche physikalische Formel, die wichtiger gewesen wäre als diese Sicherheit : drei. Auch meine Mutter wäre um keinen Preis im ersten oder im zweiten Jahr gestorben. Wenn drei, dann drei. Dann muss man warten, bis wenigstens der Schatten meines Vaters wieder zu Hause war.

Wir suchten das Buffet, damit er sich Zigaretten kaufen konnte, dann gingen wir zu Fuß zu dem Mietshaus. Auch heute noch wohne ich die meiste Zeit hier. Seine Schuhe waren zu eng. Das heißt, ursprünglich passten sie, nur beim Packen schwollen ihm die Füße an, trotz Stock konnte er kaum einen Fuß vor den anderen setzen. Ich bot an, seinen Koffer zu tragen, aber er gab ihn nicht her, lieber blieben wir an jeder Straßenecke stehen, um auszuruhen. Den Weg kannte er, er war schon einmal hier gewesen, so mussten wir wenigstens niemanden fragen.

Es waren wenige Leute auf der Straße, die Geschäfte machten gerade auf. Der Hauswart zog die Mülltonnen auf die Straße. Mein Vater hatte auch ihn schon einmal getroffen, jetzt stellte er mich vor, dann gingen wir hoch in die Wohnung.

Der Schlüssel klemmte, im Flur war kein Licht. In den Zimmern hing je eine Fünfundzwanziger-Glühbirne. Die funktionierten. In der Küche eine Hunderter. Mein Vater fragte, welches Zimmer ich haben wolle. Ich schaute durch die Fenster, man konnte aus beiden das Gleiche sehen. Ich sagte, egal, also nahm ich das, in dem wir gerade standen. Mein Vater brachte meinen Koffer aus dem Vorraum herein. Eine Weile wusste er nicht, wohin damit, suchte nach einem geeigneten Platz, schließlich stellte er ihn in der Mitte des Zimmers ab. Ich schaute mir das Haus gegenüber an. Eine alte Dame goss hinter einem Nylonvorhang Blumen.

Übrigens war die Wohnung nicht ganz leer, die vorherigen Bewohner hatten in jedem Zimmer eine Matratze zurückgelassen, bei mir stand zwischen den beiden Fenstern ein Schreibtisch aus Sperrholz mit einem Stuhl, im Zimmer meines Vaters ein Kleiderschrank. Die Tür des Schranks war herausgefallen. Und natürlich waren da noch die beiden Kachelöfen. In der Küche ein Herd der Marke Otthon und eine rote Kredenz, auch aus Sperrholz. Ebenso der Spülschrank. Den warf ich nach dem Tod meines Vaters als Erstes hinaus.

Ich nahm den Stuhl und stellte ihn in die Zimmermitte, neben den Koffer. Ich setzte mich lieber dorthin als an den Tisch. Der Koffer war doch irgendwie meiner. Mein Vater fragte, ob er die Tür zwischen den beiden Zimmern schließen solle. Ich sagte, ja. Eine Flügeltür, ich half ihm, den Riegel zu schließen. Wir schlossen sie, und dann blieb sie so.

Ich hörte, wie das Schloss an seinem Koffer mit einem Klacken aufging. Dann, wie er weinte. Dann hörte er auf zu weinen und klackte den Koffer wieder zu. Danach hörte ich ihn nie mehr weinen.

Er sagte Bescheid, dass er hinuntergehen und Semmeln und Wurst besorgen würde. Ich sagte, gut. Nachdem die Wohnungstür sich hinter ihm geschlossen hatte, wartete ich noch eine Weile, bis ich mich endlich entschloss und hinausging, um zu pinkeln. Eine Kakerlake rannte durch das Badezimmer. Ich löschte das Licht und pinkelte lieber in die Küchenspüle. Danach ließ ich das Wasser laufen, bis mein Vater mit den Semmeln, zweihundert Gramm Lyoner und einem Stadtplan von Budapest zurückkehrte.

Wir aßen in meinem Zimmer, weil dort der Tisch stand. Ich saß auf dem hochkant gestellten Koffer, mein Vater auf dem Stuhl. Die Krümel warf ich mit der Papiertüte zusammen ins Klo, danach breitete mein Vater den Stadtplan aus und zeigte mir, wo wir waren.

Merke dir, es ist parallel zum Lenin-Ring. Du steigst auf dem Platz des Siebenten November aus und gehst die Népszabadság, die Straße der Volksrepublik, entlang Richtung Heldenplatz. Du kannst auch Metro fahren, aber es ist nicht so weit. Oder du kommst über die Majakowski. Szív utca acht. Herzgasse acht. Nimm ihn immer mit, dann verirrst du dich nicht, mein Sohn.

Also faltete ich den Plan zusammen und steckte ihn ein, und von da an trug ich ihn jahrelang mit mir herum. Ich verlief mich so gut wie nie. Auch wenn ich vorerst noch keine Ahnung hatte, von wo ich überhaupt mit der Straßenbahn am Platz des Siebenten November ankommen könnte. Erst am nächsten Tag kam ich drauf, dass ich zwar schon in dieser Stadt lebte, aber die Wohnung noch gar nicht verlassen hatte. Da nahm ich den Stadtplan und sah nach, wie man zur Donau kam. An der ersten Ecke nach links, dann auf dem Lenin-Ring nach rechts, bis zum Ende. Dem Maßstab nach zu urteilen war es genauso weit weg wie von uns zum Wäldchen. Man brauchte die Straßenbahn also gar nicht.

(auf der Brücke)

An der Ecke gegenüber gab es noch die Trafik. Später sind wir dort immer telefonieren gegangen. Ich kaufte eine Packung Zigaretten. Der Mann hatte gefragt, was für eine ich wollte. Ich kannte nur die Sorte, die mein Vater rauchte, Sellő. Also kaufte ich eine Packung Sellő. Die kostete nur zwei Forint. An Streichhölzer hatte ich nicht gedacht. Die Donau fand ich gleich beim ersten Versuch, es wurde schon dunkel. Ich ging auf die Brücke, damit ich beide Ufer auf einmal sehen konnte. Ich bat einen Passanten um Feuer. Ich hatte noch nie geraucht, dabei hätte ich es ruhig tun können. Ich wusste, dass mir schwindlig werden würde, also hielt ich mich am Geländer fest. Unter mir strudelte das Wasser, hinter mir fuhr eine Straßenbahn vorbei. Die Brücke erzitterte.

Eine Frau mit ihrem Kind ging vorbei. Dann zwei Männer. Dann noch eine Frau in einem grauen Herbstmantel, von weitem dachte ich, es wäre Imolka. Von der ersten Zigarette wurde mir tatsächlich etwas schwindlig, aber nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte. Als ich bei der zweiten wieder um Feuer bat, schenkte mir der Mann die Streichhölzer, so dass ich die Leute nicht mehr ansprechen musste. Obwohl es die Straßenbahn gab, gingen ziemlich viele zu Fuß über die Brücke. Zu Hause hätte ich in der gleichen Zeit schon mindestens fünfmal jemanden grüßen müssen. Bis ich die zehnte geraucht hatte, war ich vollkommen durchgefroren vom Wind. Ich hoffte, die Frau, die Imolka so ähnlich sah, würde denselben Weg zurückkommen, aber sie kam nicht. Obwohl, selbst wenn, wäre nichts passiert. Rechts eine Burg, links ein Parlament, in der Mitte ein Frachtschiff.

(der Lagerist)

Ursprünglich sollte der LKW mit unseren Möbeln drei Tage später ankommen. Ich kaufte einen Besen und einen Wischlappen. Beim Hausmeister besorgte ich mir einen Eimer und eine Leiter. Der Hausmeister hieß Gyula Korbán, er lebte allein. Hinten im Hof, neben den Gemeinschaftsklos war seine Dienstwohnung. Er stellte die Mülltonnen raus, salzte im Winter den Gehsteig, zeigte die Leute an, viel mehr hatte er nicht zu tun. Ich glaube, außer mir und meinem Vater hatten alle im Haus Angst vor ihm. Wir hatten keinen Grund, Angst zu haben. Aufpasser von viel höherem Rang als ein Hausmeister schrieben Berichte über meinen Vater. Ich machte sauber, obwohl es nicht besonders schmutzig war. Unser Radio war in dem LKW, also konnte ich nicht zu Radiomusik saubermachen, dennoch, das Parkett polierte ich mit einem Lappen und Wachs, wie wir das mit meiner Mutter immer gemacht hatten. Der LKW kam nicht. Mein Vater wartete noch einen Tag und erkundigte sich dann. Es gab ein Problem mit dem Frachtbrief, deswegen war der Wagen noch nicht da, aber in zwei Tagen würde er da sein, sagten sie ihm am Telefon. Dann, dass wir eine falsche Adresse angegeben hätten und der LKW wieder nach Mélyvár zurückgefahren sei. Wir hatten keine falsche Adresse angegeben.

Mein Vater arbeitete vom dritten Tag an. Er war Lagerist in der Gummifabrik hinter dem Friedhof. Das verschlimmerte den Zustand seines Beins wenigstens nicht. Seit dem Gefängnis konnte er ohne Stock nicht mehr richtig gehen. Obwohl er auch davor schon immer einen Stock benutzt hatte. Schon als Kind. Er erreichte irgendwie, dass ich aufs Gymnasium gehen konnte, obwohl das keinen Sinn hatte, ich hätte sowieso nicht studieren dürfen. Ich hätte es ohnehin nicht gewollt. Meine Fähigkeiten diesbezüglich sind beschränkt. Ich besuchte keine Stunde mehr als nötig, damit sie mich nicht hinauswarfen. So konnte man mich wenigstens ruhig auf der Straße kontrollieren, ich galt nicht als arbeitsscheu. Bevor Adél Selyem an die Schule kam, hatte ich zu niemandem näheren Kontakt.

Mein Vater ging manchmal los und besuchte den einen oder anderen alten Pester Bekannten. Manche baten ihn schon in der Tür, er möge sie nicht wieder aufsuchen, andere erst, als sie erfuhren, dass er vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen worden war. Es gab natürlich auch welche, die uns sonntags zum Mittagessen einluden. Und von denen ich Kleidung bekam und manchmal auch Bücher. Das kam, ehrlich gesagt, häufiger vor. Es waren die meisten. Sie können nichts dafür, dass sie in dieser Dunkelheit verlorengegangen sind. Auch die, die sich nur trauten, die Tür eine Sicherheitskette breit zu öffnen, sind darin verlorengegangen.

Wir sollten Weihnachten bei Bekannten verbringen, aber sie sagten ab. Nicht aus Angst oder Böswilligkeit, sondern weil ihr Kind ins Krankenhaus gekommen war. Also blieben mein Vater und ich zu Hause. Unten bei der Markthalle packten die Verkäufer schon ein, aber er konnte noch einen Weihnachtsbaum ergattern. Der Weihnachtsbaumfuß war auch im LKW, ebenso der Baumschmuck, also lehnten wir den Baum einfach nur in die Ecke. Wir hatten eine Kerze, vor ein paar Wochen, als die Sicherung herausflog, musste ich den Hausmeister darum bitten. Ich zündete sie an, wir stellten uns vor ihr auf und sangen Stille Nacht. Dann ging mein Vater in sein Zimmer und kam mit der Zorki zurück und einer Rolle Forte-Film.

Frohe Weihnachten, mein Sohn.

(die Zorki)

Das erste Bild schoss ich von der Donau. Das heißt, wenn ich die Fotos nicht mitzähle, die ich von meiner toten Mutter gemacht hatte. Aber die existierten nicht, der Film war herausgerissen, ich drückte stundenlang den Auslöser, ins Nichts. Am ersten Weihnachtsfeiertag ging ich auf die Brücke, wie beinahe jeden Abend. Ich stellte die Zorki auf das Geländer, damit sie sich nicht bewegte, und wartete, bis die Straßenbahn vorbeigefahren war, denn davon erzitterte die Brücke. Ich wollte ein ganz anderes Bild machen, aber damals ergab sich nur das. Rechts die Burg, links das Parlament, in der Mitte ein Eisbrecher. Es war schon dunkel, ich dachte, mit einer vollen Blende würde es eine Minute dauern, aber mir reicht eine halbe, dann leuchten nur die Lampen und die Eisschollen. Ich drückte ab, zählte stumm bis dreißig, dann ließ ich den Auslöser loxs. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass das, was einen Moment lang vor mir ist, nicht ewig währt. Dass im Laufe einer halben Minute die Lichter der Autos Schlangenlinien ziehen und der Fluss Schiff und Eisschollen davonträgt.

Mein zweites Foto war vom selben Abend, die nackte Glühbirne an meiner Zimmerdecke. Überbelichtet. Das dritte war die Tanne in der Ecke. Dann legte ich den Fotoapparat weg und nahm ihn tagelang nicht zur Hand. Es gab keinen Anlass. Dann zog am Tag nach Neujahr eine Frau um die vierzig in das Haus gegenüber, eine Etage unter uns. Sie war nicht schön, eher nichtssagend, aber sie machte das Fenster jeden Morgen sperrangelweit auf. Sie legte das Kissen und die Decke zum Lüften raus. Sie trug einen blauen, gesteppten Morgenmantel und ein Kopftuch. Sonntags stand sie zur gleichen Zeit auf wie die alte Frau gegenüber, so konnte ich auch einige Fotos machen, auf denen sie die Bettwäsche auslüften lässt, während die alte Frau über ihr die Blumen gießt. Nach dem Weihnachtsbaum habe ich im Grunde nur noch diese beiden fotografiert. Ich schoss noch ein Foto von der Teppichstange im Innenhof, damit der Film voll wird, und dann fand ich irgendwo in der Gegend, wo der Pester Pylon der gesprengten Elisabethbrücke stand, ein Labor.

Ich bestellte von jeder Aufnahme kleine Abzüge in Postkartengröße. Der Laborant war ein dürrer Mann um die fünfzig. An sich gutmütig. So dass er rein aus gutem Willen nur sechs von sechsunddreißig vergrößerte. Er sagte, der Rest sei immer alles das Gleiche. Wenn der Film schon verhunzt sei, dann sollte wenigstens kein Papier verschwendet werden. Er verstehe das überhaupt nicht, auf jedem Bild dieselben Fenster. Und dass es auch von diesen nur um die Donau und die Glühbirne schade ist. Das eine ist verwackelt, das andere überbelichtet. Ich sagte, ja, ich sehe es. Er kam in Fahrt und setzte fort, dass es auch um die Tanne schade sei. Da steht eine Tanne auf dem Parkett in einer Ecke, und das war’s. Das ist ein Weihnachtsbaum, sagte ich, aber er hörte mich nicht. Und die Teppichstange ist so uninteressant. Wenn jemand gerade einen Teppich klopfte und das Bild eine Dynamik hätte, etwas aus dem Leben zeigte, dann ja. Aber so ist es nur eine Eisenstange. Eine leere Klopfstange in einem trostlosen Hof. Und die Fenster versteht er ganz einfach nicht. Wieso musste man da dreißigmal draufdrücken ? Was ist da ? Ich sagte, dass wisse ich auch nicht, bezahlte und ging.

Mich irritierte am meisten die Teppichstange. Denn das war das beste Bild. Der Glühbirne hätte es auch nicht geholfen, wenn das Bild nicht überbelichtet gewesen wäre, auf der Aufnahme hing wirklich nur eine Glühbirne an einem grauen Draht. Und die Tanne hätte keiner außer mir als das sehen können, was sie war. Sie blieb eine Tanne, wurde zu keinem Weihnachtsbaum. Dazu hätte es noch etwas gebraucht. Drei Jahre später machte ich dieses Bild wenigstens richtig. Das Bild mit der Frau, die die Bettwäsche hinauslegt, mit der alten Frau darüber, die die Blumen gießt, wäre nur gut gewesen, wenn es oben keine Gardinen gegeben hätte. So war selbst der unscharfe Schatten der alten Frau kaum zu sehen. Die Teppichstange aber war gut. Viel besser als die Tanne. Sie machte den Hof so trostlos, wie er ohne sie niemals hätte sein können. Und deswegen irritierte es mich. Weil ich das Foto nur gemacht hatte, damit der Film voll war.

(der Zettel)

Unser Umzugsgepäck traf dreieinhalb Monate später ein. Wir hatten schon Neujahr und Weihnachten hinter uns. Die Kartons waren nass geworden, die Kleidung und die Bettwäsche hatten angefangen zu schimmeln. Der größere Teil der Möbel war davongekommen, nur der Spiegel hatte einen Sprung bekommen. Und auf dem großen Gemälde mit dem Vollmond zeigte sich ein langer Riss. Das Transportunternehmen stellte eine Rechnung über die Einlagerungskosten. Sie verfügten über ein unterschriebenes Papier, wonach mein Vater darum gebeten hatte, die Möbel erst Ende Januar zuzustellen. Es hatte keinen Sinn zu reklamieren. Wir zahlten, die Arbeiter fluchten, weil wir in der dritten wohnten, einmal ließen sie das Klavier fallen. Ich trug die Kartons hoch.

Als der Lastwagen eintraf, fragte mein Vater, was ich in meinem Zimmer haben wollte. So kamen Mutters Möbel zu mir. Nur der Blumenständer passte nicht hinein, aber die Vitrine mit den ganzen Porzellanscherben stand bei mir, ihr Schreibtisch mit den Briefen, die sie von Vater erhalten hatte, der Kleiderschrank mit ihren Kleidern, ihr Sekretär ohne Geheimnisse, ihr gesprungener Spiegel, ihr Sessel, ihr Bett. Das Klavier schob ich vor die Tür zwischen den beiden Zimmern, woanders war kein Platz. Und so wurde diese Tür nie wieder geöffnet. Man konnte sich kaum rühren. Ich schloss die Fensterläden und legte mich aufs Bett. Ich wusste, dass außer mir jeder in diesem Zimmer ersticken würde. Sogar mein Vater. Ich war endlich zu Hause.

Er versuchte sein Zimmer genauso einzurichten wie früher. Schreibtisch, Armlehnstuhl, Bücher. Eine Chaiselongue mit einem Tischchen und einer Leselampe und einem Glas Wasser. Ein Schrank mit Aufhängung für die Hemden und die beiden Anzüge. Seine Schreibmaschine wurde bei der letzten Hausdurchsuchung mitgenommen, sein Teleskop hatte er schon verkauft, als ich noch ein Kind war. Für das Geld, das er dafür bekam, kaufte er den Agfa-Vergrößerungsapparat. Seine Negative und Fotografien wurden wundersamerweise nicht beschlagnahmt, obwohl es dem Offizier zu denken gab, dass einer, der den Himmel fotografiert, nicht ganz normal sein konnte. Es ist bestimmt irgendwas hinter den Wolken. Worauf mein Vater sagte, natürlich ist da was, Gott ist hinter den Wolken. Deswegen würde er fotografieren, damit dieser einmal erscheine und er ihn dem Herrn Major zeigen könne. Woraufhin er sich vor mir und meiner Mutter aus der Rückhand eine exorbitante Ohrfeige einfing. Aber wenigstens wurden seine Bilder nicht mitgenommen. Sie sahen, dass nichts drauf war. Nur konnte ich mir nach drei Jahren Gefängnis nicht mehr so sicher sein, dass er immer noch bereit gewesen wäre, dem Offizier von der Inneren Sicherheit den Herrgott zu zeigen.

Was weder bei ihm noch bei mir hineinpasste, stapelten wir im Flur übereinander. Von da an stand zwischen Küche und Badezimmer ein Turm zu Babel aus zerbrochenen Tischchen, wurmstichigen Kommoden und zerrissenen Sesseln. Während des Räumens sagte er, es wäre besser, sie zu verkaufen. Ich stieg vom Hocker, damit er mir in die Augen sehen konnte. Niemals, sagte ich.

Am Abend klopfte er bei mir, fragte, ob er hereinkommen dürfte. Natürlich, sagte ich, aber er blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen. In Wahrheit kam er, um mich zu bitten, ihn nicht zu hassen, aber er traute sich nicht. So konnte auch ich nicht sagen, dass ich ihn nicht hasste, er konnte mir bloß nicht helfen. Aber es war gut, dass er lebte, dort, im anderen Zimmer. Schließlich sagte er nur, dass er Kartoffelsuppe gekocht habe.

Ich ging hinaus, er tat auf, die Kartoffeln waren in einem Stück. Er fragte, ob ich genug Geld bei mir hätte, ich sagte, ja. Er habe sein Gehalt bekommen, er habe es in seine Schublade gelegt, wenn ich Geld bräuchte, solle ich mir von dort was nehmen. Ich bedankte mich fürs Abendessen, sagte, es habe gut geschmeckt, dann ging ich in mein Zimmer zurück. Ich hatte das Licht schon gelöscht, ich schlief fast schon, als mir einfiel, dass er heute Geburtstag hatte.

Ich stand auf, sah mich um, suchte nach etwas, das ich ihm hätte schenken können. Von den Sachen meiner Mutter hätte ich nie etwas hergegeben. Und ich selbst hatte kaum etwas. Schließlich nahm ich meine Fotos hervor, suchte die Teppichstange heraus. Ich schrieb auf die Rückseite : für meinen Vater, Budapest. Dann ging mir auf, dass ich ihm das nicht geben konnte, denn es sah aus wie ein Gefängnishof. Aber dass die Tanne in der Ecke ein Weihnachtsbaum ist, das zumindest weiß er. Also schrieb ich noch mal dasselbe auf dessen Rückseite. Bevor ich ihm das Bild hätte geben können, war er schon eingeschlafen. Er ging früh in die Fabrik, ich wollte ihn nicht wecken. Ich legte es auf seinen Tisch, schrieb im Dunkeln noch Alles Gute zum Geburtstag drauf. Am nächsten Morgen fand ich einen Zettel vor meiner Tür : Danke, mein Sohn.

(in der Fabrik)

Frühmorgens musste ich zu meinem Vater in die Fabrik. Es war noch dunkel, beim Bahnhof fing es an zu regnen. Zwischen den Pflastersteinen lief graues Wasser, die Lichter der Straßenlaternen schwammen mit ihm davon. Eine Weile suchte ich nach dem richtigen Eingang, schließlich schob ich das rollengelagerte Eisentor beiseite. In der Pförtnerkabine hing eine nackte Glühbirne, 25 Watt. Darunter saß der Pförtner, in Uniform. Um die fünfzig. Nicht dick, eher nur mit einem fetten Gesicht, er trug einen Schnauzbart. Hinter ihm an der Wand, wie die Städte auf einer Landkarte, die Schlüssel. Ich blieb vor dem Fensterchen stehen und sagte, ich suche meinen Vater, András Szabad, Lagerist, er arbeitet hier. Der Mann blickte nicht einmal auf, er spielte weiter mit der Ratte. Er hatte sie mit einer Schnur mit dem Schwanz ans Telefon gebunden, als das Tier den Faden durchknabbern wollte, schlug er ihm mit einem Schlüsselbund auf den Schädel. Blut schlierte über den Tisch. Iadoch sagte noch einmal András Szabad, Lagerist, er arbeitet hier. Mein Vater. Endlich sah er mich an. Er hatte schöne, klare Augen. Der Sohn vom Hinkebein ist also doch gekommen, sagte er, aber die Ratte zog wieder seine Aufmerksamkeit auf sich, man musste sie wieder auf den Kopf schlagen, sie knabberte heftig. Nummer sieben, ganz hinten.

Im Hof der Fabrik brannten hier und da Haufen von Autoreifen. Ein Hund streifte durch den Rauch. Ihm ging das Fell aus, er war mager. Als er mich sah, trollte er sich in Richtung des Turmschornsteins. Drinnen, zwischen roten Ziegelsteinwänden, atmete eine Maschine ein und aus. Als würde sie schlafen. Die Fenster waren noch dunkel. Weit hinten, am Ende des Hofes, standen die sieben Lagerhallen. Aneinandergebaute, riesige Hallen. Drinnen, im kalten Licht der Lampen, standen zu Säulen aufgestapelt die schwarzen Reifen. In der letzten Tür ein Tisch mit Telefon, wie in der Pförtnerkabine. Da saß mein Vater. Über ihm eine 25-Watt-Birne, neben ihm sein Stock. Ich ging zu ihm und sagte, er solle kommen, die Knochen sind da, meine Mutter hat schon das Abendessen aufgetragen. Er antwortete nicht, er sah die ganze Zeit auf einen unsichtbaren Punkt. Dorthin, wo ich stand. Ich erwachte mit der Erkenntnis, dass dieser unsichtbare Punkt ich selbst war.

Ich hörte, dass er noch schlief. Dass er genauso langsam ein- und ausatmete wie die Maschinen in meinem Traum. Ich dachte daran, dass er sich verspäten wird, dann fiel mir ein, dass Sonntag ist. Ich suchte ein Heft, riss Geschichte heraus und schrieb den Pförtner, den Hund und meinen Vater auf. Das war das erste Heft. Später füllten sie im Lauf von dreiunddreißig Jahren eine ganze Kiste. Kann sein, dass meine Träume genauer sind als meine Bilder.

Ich ging in die Küche, um etwas zu essen. Die Fotos meines Vaters lagen in einer Schachtel in der Vorratskammer, über Zucker, Salz und Mehl. Ich holte die Schachtel herunter und sah mir die Aufnahmen an. Ein paar Fotos vom Garten in Mélyvár, ein paar von mir und meiner Mutter. Auf allen anderen Wolken. Auf der Rückseite der Wolkentyp, Ort und Zeit der Aufnahme, in Druckbuchstaben, mit Bleistift. Er wollte irgendeinen Katalog machen.

Ich verstand nicht, wie er, und sei es nur für die Dauer einer Ohrfeige, denken konnte, dass eines Tages jemand hinter den grauen Wolken erscheinen würde. Ich hatte vergessen einzukaufen, ich fand nur Eier. Während sie brieten, dachte ich daran, dass Fotosmachen im Grunde nichts wert ist. So wie auf den Bildern meines Vaters Gott immer fehlte, so werde auch ich nie den Hund, der im Rauch der brennenden Reifen umherstreift, fotografieren können. Wo Gott für einen Moment sichtbar wird, ist der Film gerissen.

(die FED)

Eines Morgens traf ich meinen Vater in der Küche. Ich fragte ihn, ob ich ihm auch ein Spiegelei braten solle. Seitdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, trug er in der Nacht statt eines Pyjamas lieber einen Bademantel. Es sah ein wenig aus, als trüge er einen Wintermantel. Er bedankte sich. Er sagte, solange das Ei brät, ziehe er sich lieber an. Er fühlte sich in Hausbekleidung nicht wohl. Er trug immer einen Anzug, das war am einfachsten. Aus irgendeinem Grund war er es so gewohnt. Er ging im Anzug unterrichten, zur Zwangsarbeit, überallhin. Und jetzt eben in die Gummifabrik.

Es gibt ein Bild von ihm aus dem Jahr sechsundfünfzig, auf dem er die Suppenteller, die sie aus der Garküche an der Ecke geholt hatten, auf dem Ring ablädt. Das Bild erschien auf der Titelseite einer englischen Tageszeitung. Wegen dieses Bildes wurde er verhaftet. Und weil wegen ein paar Suppentellern aus der Garküche die sowjetischen Panzer sich stundenlang nicht getraut hatten weiterzufahren. Auf dem Bild trägt er auch einen dunklen Anzug. Sein Gehstock hängt über dem Arm.

Als er sich angezogen hatte und wieder in die Küche kam, fragte ich, ob er seinen Fotoapparat nicht mehr benutzen wolle.

Er sagte, ganz sicher nicht.

Ich setzte mich zu ihm, und wir unterhielten uns eine ganze Weile. Er erzählte, dass er ursprünglich eine Leica gehabt hatte, aber die ging während der Zwangsarbeit verloren. Die Zorki hatte er nach dem Krieg gekauft. Genauer gesagt kaufte er sich zuerst eine FED, aber als er erfuhr, dass die Maschine nach jenem Felix Edmundowitsch Dsershinski benannt wurde, der die Tscheka und später die GPU gegründet hatte und nach dem auch die Offiziersschule der ÁVH, der ungarischen Stasi, benannt war, ekelte er sich und tauschte sie gegen die Zorki.

Ich fragte, ob die Leica besser gewesen sei.

Er sagte, er habe den Unterschied nicht gespürt, nur gesehen, aber ich würde ihn mit der Zeit sicher spüren.

Ich fragte, wieso er das denke.

Er sagte, weil ich ganz anders sei als er.

Ich hätte gerne gesagt, das stimmt, aber ich schwieg lieber.

Er sagte, er habe Talent dazu gehabt, zu fotografieren, was er sah. Präzise, gut komponiert, so dass keine störenden Elemente im Bild sind. Das mochte er auch an der Astronomie. Dass man klar sehen muss. Das große Ganze und jedes Detail. Und dazu reicht es, wenn man ein bisschen Gefühl für Proportionen und eine gute Maschine hat.

Das ist nicht sicher, sagte ich.

Doch, sagte er. Ich würde meiner Mutter viel ähnlicher sein als ihm. Sollte wirklich ein Fotograf aus mir werden, würde ich nicht das Sichtbare fotografieren wollen.

Man kann nur das Sichtbare fotografieren, sagte ich.

Ach was, mein Sohn, sagte er. Das Sichtbare ist nur ein Instrument. So, wie auch der Fotoapparat nur ein Instrument ist. Um das Unsichtbare fotografieren zu können, braucht es die Fähigkeit, gar nicht zu merken, dass wir einen Fotoapparat in der Hand halten.

Ja, das wäre gut, sagte ich.

Dabei kann eben eine perfekte Maschine helfen. Die mit dir verwächst, eins mit dir wird, als wäre die Linse dein Auge und der Film deine Erinnerung. Und eine Kopie kann nie perfekt sein. Ich sagte, die Zorki sei jetzt für mich perfekt, wenn ich nicht eins mit ihr werden kann, liegt das an mir, nicht daran, dass sie nur eine Kopie ist.

Ich bereute bereits, dass ich das Fotografieren angesprochen hatte. Wir waren nur noch einen Schritt davon entfernt, dass er mir anbot zu helfen. Als wäre es aus Versehen, fegte ich mein Messer vom Tisch, damit ich mich danach bücken musste, es in die Spüle legen, und wenn ich schon dabei war, sammelte ich auch die Teller ein. Aber während ich abwusch, fragte er dann doch, ob ich wolle, dass er am Nachmittag den Vergrößerungsapparat aufstellt. Er habe noch Papier und Chemikalien in einem der Kartons, er zeige mir gerne, wie der Apparat funktioniert. Der Abwasch reichte nicht, um ihn vom Thema abzulenken, so dass ich am Ende doch gezwungen war zu sagen, danke, lieber ein andermal. Wie du meinst, sagte er. Dann ging er los in die Fabrik, und ich ging in mein Zimmer und las Aufzeichnungen aus einem Totenhaus.

(das Selbstbedienungsrestaurant)

An der Ecke Majakowski gab es ein Selbstbedienungsrestaurant, ab und zu ging ich hin, um ein Hauptgericht zu essen. Es war billig. Man nahm sich ein Aluminiumtablett, Brot und Besteck, die Suppe musste man am Tresen verlangen. Es gab Gemüse mit Auflage, Topfennudeln, Pörkölt, Wiener Schnitzel und Beilagen. Bezahlen musste man an der Kasse. Das Essbesteck war auch aus Aluminium, ebenso die Schöpfkelle und das Gitter am Tresen, auf dem man das Tablett vorwärts schieben musste. Vor hundert Jahren hätte man von so viel Aluminium noch ein Haus kaufen können. Ein großes Haus, mit Garten und Sonnenschein und Brieftauben. Und dann, auf einmal, gab es jede Menge davon. Manchmal musste man auf einen freien Tisch warten, aber nicht lange. Die Leute kamen nur, um zu essen. Auf jedem Tisch stand ein Krug mit Wasser. Die Krüge wurden von einer Frau um die fünfzig gebracht. Sie konnte jeweils vier Krüge auf einmal tragen. Sie hatte einen weißen Kittel an und knöchelhohe Arbeitsschuhe aus Leinen, genau wie die beiden Tresenkräfte und die Kassiererin. Sie trug ihr Haar hochgesteckt, ihre Augenlider schminkte sie üppig grün und ihre Augenbrauen waren nachgezeichnet. Ihre goldenen Ringe klackten an den Henkeln der Krüge.

Das erste Mal war ich mit meinem Vater in dieser Kantine. Er hatte kochen wollen, aber er vergaß das Essen auf dem Herd. Das Wasser verdampfte, und die Hühnerflügel verbrannten. Wir lüfteten den ganzen Vormittag über. Dann fiel ihm dieses Selbstbedienungsrestaurant ein, das er am Ring gesehen hatte. Ich war nicht erfreut, denn hin und zurück brauchte man eine halbe Stunde, plus die Zeit, um zu essen. In der Wohnung hatte es sich schon eingependelt, wann wir uns trafen und wie viel Zeit wir zusammen verbrachten. Wenn wir irgendwo hingehen, ist mein Zimmer nicht in der Nähe. Schweigen ist unangenehm, und wenn wir uns unterhalten, wird es quälend. Aber ich sah, wie erbittert er sich bemühte, mit dem Messer die vier verkohlten Hühnerflügel vom Boden des Topfes zu kratzen, also sagte ich, in Ordnung, lass uns gehen.

Am Ende war es ganz gut. Er erzählte, dass er wahrscheinlich als Bibliothekar an einer Schule angenommen wird. Das hänge davon ab, ob er nur nicht wieder unterrichten oder überhaupt nicht mehr in einer Bildungseinrichtung arbeiten dürfe. Das sei noch nicht raus. Ich sagte, bestimmt dürfe er nur nicht unterrichten. Dass er gar nicht mehr in einer Bildungseinrichtung arbeiten dürfe, habe keinen Sinn, der Schulverwalter arbeitet auch im Bildungswesen. Das hoffte er auch.

Wie gesagt, dort sah ich diese Frau zum ersten Mal. Schon von der Straße aus. Es gab keine Vorhänge und sie brachte die Wasserkrüge gerade an die Tische neben dem Fenster. Ich traute mich nicht gleich am nächsten Tag zurückzugehen, aber am dritten Tag überwand ich mich. Sie kam und tauschte den Krug auf meinem Tisch aus, dabei war er fast noch voll. Dabei musterte sie mich, aber dann kam sie nicht mehr in meine Nähe.

Ich war eigentlich nicht hungrig, ich wollte sie nur wiedersehen, wie sie mit einer schwarz gefärbten Turmfrisur und fettiger Farbe auf den Lidern und den Lippen und acht Goldringen an den Fingern das Wasser austrug. Als hätte sie sich verirrt. Wie mein Vater im Lager der Gummifabrik. Das heißt nein, ganz und gar nicht. Sie schritt den Saal ab, als gehörte er ihr mitsamt den schmutzigen Tellern, den Bedienungen und den Gästen mit schmaler Brieftasche. Im Lagerhaus Nummer sieben gehörte meinem Vater nicht einmal sein eigener Schatten, geschweige denn die Gummischläuche. Wenn er dort drin überhaupt einen Schatten warf. Im Grunde war ich mir nicht einmal sicher, ob er in jener Fabrik überhaupt zu finden war. Deswegen ging ich auch nie dorthin.

Es dauerte Tage, bis ich mich traute, den Fotoapparat mitzunehmen. Schließlich fehlte mir der Mut, ihn aus der Tasche zu nehmen. Ich ging noch dreimal hin, bis ich mich endlich dazu durchrang. Ich stellte die Zorki auf den Tisch, neben meinen Teller, und als die Frau mit den Krügen in der Hand durch die Schwingtür trat, drückte ich den Auslöser. Im nächsten Augenblick wusste ich schon, dass die Hälfte des Bildes von der Lehne des Stuhls eingenommen sein würde, von ihr wäre kaum etwas zu sehen. Sie kam die Zweierreihe entlang, geradewegs auf mich zu. Ich erstarrte zu Stein. Sie musterte mich, als hätte sie mich bei einem Diebstahl ertappt. Mach das nicht noch einmal, sagte sie und ließ mich sitzen.

Das war am Vormittag, ich kam erst am Abend nach Hause. Bei den Imbissständen auf dem Kálvin-Platz hatte ich einen Kaffee getrunken, war zum Bahnhof gegangen, um mir den Zug anzusehen, der nach Hause, Richtung Mélyvár fuhr. Dann saß ich im Stadtpark auf einer Bank. Mütter führten ihre Kinder aus, Rentner ihre Hunde. An der Ecke Szív beschloss ich, noch einmal zurückzugehen zu der Frau und mich zu entschuldigen. Aber stattdessen bin ich lieber jahrelang nicht in die Nähe des Ladens gegangen. Endlich zu Hause, verkrampfte sich mir der Magen immer noch vor Scham, ertappt worden zu sein.

Mein Vater war schon da, er fragte, wo ich gewesen sei. Ich sagte, ich war nur spazieren. Er fragte, ob ich fotografiert habe, da er die Maschine über meiner Schulter hängen sah. Ich sagte, nein, dann ging ich in mein Zimmer. Imolka durch ein Souterrainfenster, als ich kaum zwölf Jahre alt war, ich schrieb es in ein Heft. Rechts eine Kredenz, ein Wasserhahn, links eine Chaiselongue, in der Mitte, am Tisch I., vor ihr ein Teller. Rechts eine Kredenz, ein Wasserhahn, links eine Chaiselongue, in der Mitte, am Tisch, stopft I. Strümpfe. Meine Mutter, tot. Die Frau von gegenüber zwischen den Fensterläden hindurch. Ich wusste, wenn ich die Maschine richtig hochgehoben hätte, durch den Sucher geschaut, wenn ich keine Angst gehabt hätte, wäre sie vielleicht sogar nett gewesen. Und ich wusste auch, dass dieses Wissen nichts hilft. Dass ich, es sei denn, jemand stellt sich freiwillig vor mich hin, ein Leben lang nur heimlich spähen werde.

(die Unterschrift)

Es stellte sich recht bald heraus, dass ich mich geirrt hatte, mein Vater durfte überhaupt nicht im Bildungswesen arbeiten. In einer Schule hätte er nicht einmal fegen dürfen, geschweige denn als Bibliothekar arbeiten. Im Übrigen verstand er nicht viel von der Arbeit eines Bibliothekars. Er wusste etwa so viel, wie er beim Abendessen von meiner Mutter darüber gehört hatte. Obwohl, was die Arbeit eines Lageristen anging, konnte er noch nicht einmal so viel wissen. Es störte mich ein wenig, dass er ausgerechnet nach einer Stelle als Bibliothekar aus war. Aber ich sagte nichts dazu. Man kann seinem Vater nicht sagen, er möge sich lieber einen anderen Beruf suchen als ausgerechnet den, den einst meine Mutter ausübte.

Eines Abends war die Tür abgeschlossen, als ich nach Hause kam. Ich versuchte, sie zu öffnen, aber der Schlüssel steckte von innen. Ich dachte, ich klopfe. Dann, dass es besser wäre, wenn ich noch ein wenig wartete. Es waren Stimmen zu hören, als würde jemand auf und ab gehen. Und Gewimmer. Für einen Moment dachte ich, dass er vielleicht eine Frau kennengelernt hatte. Darüber hätte ich mich gefreut, obwohl ich nicht weiß, wieso. Vielleicht, weil ich dann die Erinnerung an meine Mutter nicht mit ihm hätte teilen müssen. Ja, das ist am wahrscheinlichsten. Obwohl ich nicht weiß, wieso ich dachte, dass die Erinnerung an meine Mutter ihm dann nicht mehr zustünde.

Er sprach zu jemandem. Er war betrunken. Für euch, du Schwein ? Neeein. Ihr denkt, ihr könnt mich beschmutzen ? Neeein. Niemals könnt ihr mich beschmutzen ! Neeeein. Niemals, du Henkersknecht. Dann hörte ich, wie etwas Gläsernes zerbrach. Dann, wie er würgte. Dabei sagte er immer noch : nein, nein. Dann, dass Wasser in die Spüle rauschte. Es kam selten vor, dass ich meinen Vater betrunken sah. Öfter etwas angeheitert, zu Feiertagen, als meine Mutter noch lebte, aber betrunken kaum einmal. Zu wissen, weshalb er trank, war nicht schwer.

Ich ging auf die Straße hinunter, obwohl ich keine Ahnung hatte, wohin ich gehen sollte. Zum Bahnhof wollte ich nicht, dort wurde man spät in der Nacht ununterbrochen kontrolliert. Schließlich setzte ich mich an der Ecke Dohány-Straße in ein Café. Ich hatte es mir schon seit Monaten durch die Scheiben angesehen, aber aus irgendeinem Grund hatte ich mich bis jetzt nicht hineingetraut. Meistens waren auch sehr viele Leute da. Jetzt kaum einer. Ich bestellte einen Kaffee und sah dem großen Zeiger der Wanduhr zu. Ich versuchte, so zu zählen, dass er genau bei sechzig umsprang. Damit ich, wenn ich nachts Fotos machte, auch ohne Uhr die Sekunden messen konnte. Und um nicht an meinen Vater zu denken. Es gelang mir kein einziges Mal. Sechsundfünfzig war das beste Ergebnis.

Außer mir saß kaum jemand drin. Es war ein riesiger Raum mit goldenen Säulen, mit einem Restaurant im Souterrain, mit Fresken. Ein wenig wirkte es, als hätte man eine Kirche in ein Gastronomieobjekt umgewandelt. Ich hatte keine Ahnung, dass dies eines der berühmtesten Caféhäuser der Welt war.

In der Garderobe hing jetzt im Frühling nur noch ein einziger Mantel. Die Garderobiere löste ein Kreuzworträtsel. Ein wenig weiter weg, in einer Ecke, hinter den beiden alten Frauen, saß ein junger Mann halb mit dem Rücken zu mir. Er las. Aus der Tasche seines Sakkos lugte eine Zeitung. Von weitem sah es aus, als würde mein zehn Jahre älteres Ich dort sitzen. Aber vielleicht auch nur fünf Jahre älter. Außer der Zeitung gab es keinen Unterschied zwischen uns. Als er sich natürlich zu der Kellnerin umdrehte, um zu bezahlen, sah ich, dass es überhaupt nicht so war, als säße ich da, aber da war das schon egal.

Ich sah ihm dabei zu, wie er den Hundertforintschein überreichte und das Rückgeld einsteckte. Dann kramte er es wieder hervor und legte etwas Trinkgeld auf den Tisch. Dann, wie er an der Garderobe nach dem einzigen Wintermantel fragte. Ich sah noch durch das Fenster, wie er in Richtung Straßenbahn davoneilte. Um elf war Sperrstunde, ich musste gehen. Ich bezahlte mit einem Zwanziger, ich versuchte zu raten, wie viel wohl der Mann auf dem Tisch gelassen hatte. Am Ende ließ ich alles liegen. Die Kellnerin rief mir hinterher und gab mir den Zehner zurück. Den haben Sie vergessen, sagte sie. Es war mir peinlich, aber sie war nett, nichts Demütigendes war in ihrer Stimme oder in ihrem Blick. Ich bedankte mich, steckte den Zehner ein und machte mich auf den Heimweg.

Ich wusste, dass der Schlüssel immer noch im Schloss steckte und dass er auch bis zum Morgen dort bleiben würde, ich versuchte trotzdem die Tür zu öffnen, ohne Erfolg. Schließlich ging ich nach hinten zu den Gemeinschaftstoiletten. Über die Treppe zum Dachboden bis fast zur Eisentür. Ich setzte mich auf die Stufen und wartete. Ich traute mich nicht, einzuschlafen, aus Angst, einer der Nachbarn würde mich sehen. Obwohl mitten in der Nacht wohl kaum einer auf den Dachboden gehen würde. Und ich wollte auch wissen, wann mein Vater ging, nicht dass wir in der Tür aufeinandertreffen.

Ich sah aus der Nähe der Toiletten zu, wie er ging. Er war spät dran, er beeilte sich, wie man sich eben an einem Stock gehend beeilen kann. Ich ging nach oben, die Wohnung war in Ordnung, die Scherben des Glases lagen im Müll, die leere Wodkaflasche auch. Ich schlief ein wenig, dann las ich. Ich las jene Bücher, in denen die Lesezeichen meiner Mutter steckten. Sie benutzte halbierte Heftseiten als Lesezeichen. Selten schrieb sie auch etwas darauf, höchstens ein, zwei Worte. »Aljoscha ! Aljoscha !«

Als mein Vater von der Arbeit kam, tat ich so, als wäre ich gerade aufgewacht. Als würde ich gerade ins Bad gehen. Als würden wir rein zufällig im Flur aufeinandertreffen, vor dem Babelturm der unbenutzbaren Möbelstücke. Er schien verlegen zu sein, aber noch bevor er etwas hätte sagen können, sagte ich schnell, dass ich jetzt erst aufgewacht sei, ich sei erst um Mittag zu Hause gewesen, ich hätte gestern im Café einen Mann kennengelernt und wir hätten uns die ganze Nacht unterhalten. Er fragte etwas misstrauisch, was das für ein Mann gewesen sei. Ich sagte, er könne ganz beruhigt sein, ich hätte ihn angesprochen, ursprünglich nur wegen Streichhölzern, und wir fingen an, uns zu unterhalten, weil ich sah, dass er das Gleiche las wie ich. Er war also kein Spitzel. Wie alt ist er, fragte mein Vater. Ich sagte, er beendet gerade ein geisteswissenschaftliches Studium. Das beruhigte ihn ein wenig, als ob ein Student kein Spitzel sein könnte, und er ging auf sein Zimmer zu, aber in der Tür drehte er sich noch einmal um.

Sei mir nicht böse, ich habe den Schlüssel stecken lassen.

Ich weiß, sagte ich, deswegen bin ich ja ins Café runter.

Und wo hast du geschlafen ?

Hier, auf der Treppe zum Dachboden.

Sei mir nicht böse, mein Sohn.

Ich bin nicht böse. Ich finde, du solltest unterschreiben.

Er schwieg.

Was ?

Das.

Er sah mich an, als wäre ich gar nicht da. Wie im Traum, als ich ihn in der Fabrik besuchte.

Würdest du unterschreiben, mein Sohn ?

Nein, sagte ich, ohne nachzudenken.

Dann verstehe ich nicht, wie du darauf kommst.

Ich war nicht im Gefängnis. Du hast deinen Teil schon abgesessen. Für nichts. Unterschreib und betrachte es so, als hätten sie dich schon im Voraus dafür bestraft.

Ich hab nicht wegen nichts gesessen, mein Sohn.

So meinte ich es nicht.

So einen Handel wird es nicht geben.

Schadest du jemandem damit ?

Ja. Mir selbst.

Schadest du einem anderen ? Musst du irgendwas melden, wofür man eingesperrt wird ?

Mein Junge …

Womit erpressen sie dich ?

Damit, dass ich diese Wohnung illegal besorgt habe.

Du hast sie gekauft, oder nicht ?

Nein, mein Sohn. Das ist eine kommunale Wohnung. Das Geld haben wir gebraucht, damit sie sie uns zuteilten. Und damit wir überhaupt nach Budapest ziehen durften. Man kann nicht einfach so in diese Stadt ziehen. Nicht einmal andere, geschweige denn wir. Man braucht eine Sondererlaubnis dafür oder sehr viel Geld.

Und, was können sie dir tun ?

Sie können uns auf die Straße setzen. Wir würden vermutlich eine Notunterkunft bekommen.

Aus diesem Zimmer ziehe ich nicht mehr aus. Nie mehr. Weder in ein größeres noch in ein kleines.

Das heißt, wegen eines Zimmers würdest du doch unterschreiben.

Ich schwieg. Obwohl ich wusste, dass ich nicht unterschreiben würde, fühlte ich mich wie eine Ratte. Weil ich ihn wirklich hätte unterschreiben lassen. In dem Augenblick ist mir das gar nicht eingefallen, aber im Grunde hätte es mir geholfen, wenn ich ihn endlich hätte verachten können.

Ich verstehe, sagte ich.

Verzeih mir, mein Sohn, aber es geht nicht.

Dieses Zimmer ist alles, was ich habe.

Dann wirst du eben nicht mal mehr das haben.

Schließlich und endlich setzten sie uns doch nicht auf die Straße.

(die Wurzeln)

Wenn ich versuche, bis zu den Wurzeln zurückzugehen, sehe ich, dass meine Mutter, mein Vater, Hitler, Stalin und Imolka darüber entschieden haben, wie mein Leben sein würde. Wobei ich glaube, dass dies, abzüglich Imolkas, für uns alle gilt. Und natürlich hat jeder seine eigene Imolka.

Ich sehe keinen Grund, irgendeine große Familiengeschichte anzufangen, wenn es doch nur um eine Inventur meines eigenen Lebens geht. Ich eigne mich nicht dazu und mir fehlt es auch an Möglichkeiten. Ich kann weder meine Mutter noch meinen Vater fragen, meinen Großeltern bin ich nie begegnet. Und einen Grund dafür sehe ich deswegen nicht, weil die Geschichte meiner Familie weder außergewöhnlich noch privilegiert ist, sie ist bei all ihrer Individualität quasi der Prototyp der ungarischen Familiengeschichte. Wenn nicht der mitteleuropäischen, nichtjüdischen Familiengeschichte aus der Mittelklasse. Im Übrigen sind meiner Meinung nach auch die jüdischen Familiengeschichten ähnlich. Abzüglich des nicht Abziehbaren.

Aber es gibt einige Geschichten in meiner Familie, die ich für wichtig halte. Denn auf irgendeine Weise wiederholen sie sich wie ein Muster, immer aufs Neue. Glatt, verkehrt, glatt. Aber sie sind nicht nur wichtig, weil sie sich wiederholen, sondern weil diese Wiederholungen sich so hinterhältig verborgen halten, manchmal sind sie über Jahrzehnte nicht auszumachen. Mein Vater hat es nicht gemerkt, und mich hat es dreißig Jahre gekostet zu merken, dass wir uns, in einer Wohnung lebend, ebenso aus dem Weg gingen wie einst mein Großvater und mein Vater. Und wie mein Großvater und mein Urgroßvater.

Und dann gibt es natürlich die Geschichten, für die ich keine Parallelen finde, die ich einfach nur mag. Zum Beispiel dass meine Großmutter mütterlicherseits wahnsinnig wurde und für Jahre eingeschlafen ist. Oder dass meine Urgroßmutter väterlicherseits wahnsinnig wurde und fetzenweise Pferdekadaver in die Wohnung trug. Obwohl es auch sein kann, dass es nur eine Frage der Zeit ist, die Parallele zu finden.

(Meinurgroßvaterandrásszabad)

Meinurgroßvaterandrásszabad besaß von Berufs wegen eine Straße in Klausenburg und einige hundert Hektar Nadelwald. Er verabschiedete Meingroßvaterandrásszabad, nachdem dieser sein Diplom als Mediziner erhalten hatte, mit den Worten, geh ruhig zurück nach Pest, mein Sohn, hier braucht man keinen Hausarzt. Hier werden die Menschen von den Bergen und den Wäldern kuriert. Und wer doch ein Leiden hat, der isst entweder Huflattich oder geht nach hinten in den Stall und erhängt sich.

Hätte mein Großvater Jurist werden wollen, hätte er ihm auch keine Steine in den Weg gelegt, bloß hätte er in einem Umkreis von einigen hundert Kilometern um Klausenburg herum auch darin keinen Sinn gesehen. Man könnte sagen, damit Meinurgroßvaterandrásszabad irgendeine Betätigung meines Großvaters in seiner Nähe als sinnvoll angesehen hätte, hätte mein Großvater eine andere Mutter haben müssen. Das wusste auch mein Großvater, so dass er sich gentlemanlike bei Meinurgroßvaterandrásszabad für dessen väterliche Unterstützung seiner Studien bedankte und von Klausenburg zurück zu seiner Mutter nach Budapest zog, wo er geboren wurde. Später bewarb er sich als Kreisarzt in Mélyvár und kaufte das Jerecián-Haus.

Zur Verteidigung von Meinurgroßvaterandrásszabad sei angemerkt : Er hat seine Frau nie geliebt. Er versprach ihr weder Schönes, noch Gutes, und er heiratete auch nicht aus freien Stücken. Nach einem Stück Pflichthochzeitsnacht verfrachtete er meine Urgroßmutter mitsamt ihrer ganzen verarmten Familie nach Pest und hielt sie aus. Ebenso seinen Sohn, der aus dem einzigen, hochzeitsnächtlichen Beiliegen entstanden war. Später, während des Gymnasiums, nahm er meinen Großvater doch zu sich, weil er hoffte, er würde ihn liebgewinnen. Aber er gewann ihn nicht lieb, dafür konnte keiner der beiden etwas. Er ließ in drei Dörfern Schulen erbauen, gründete in Klausenburg einen Turnklub, betätigte sich mildtätig, unterstützte die Künste, ließ eine Glocke gießen, aber lieben konnte er sein ganzes Leben lang nur seine Jugendliebe, seine Cousine ersten Grades.

Als Debóra Farkas, seine Cousine ersten Grades, an der Schwindsucht starb, spazierte mein Urgroßvater vom Zentralfriedhof nach Hause, lud seine bis dahin nie benutzte Duellpistole und setzte seinem Leben eigenhändig ein Ende.

Die Kugel verfehlte zwar ihr Ziel, aber das Leben meines Urgroßvaters war dennoch zu Ende. Das heißt, er lag noch zwei Jahre lang gelähmt und blind auf einer Recamière. Seine Bediensteten badeten ihn, seine Bauern fütterten ihn, seine Verwandten erleichterten ihn um sein Vermögen. Während der Jahre des Siechtums sah er seinen Sohn ein einziges Mal und fragte ihn, was er dafür verlange, dass er ihn nicht wie ein Vater lieben konnte.

Meingroßvaterandrásszabad wählte das Jagdhaus im Tal der Mieresch, wo er einst, noch als Gymnasiast, einige Wochen mit seinem Vater verbracht hatte und wo sie nach den überstandenen Stürmen auf dem Gottesstuhl und der mit Durchfall endenden Pilzsuche beinahe vergessen hatten, dass sie einander nicht liebten. Ich hätte dasselbe gewählt, mein Sohn, sagte mein Urgroßvater, und mit großer Wahrscheinlichkeit war das der Moment, als mein Großvater beschloss, dass er seinen Sohn, wenn er einen bekäme, auch András Szabad nennen würde. Was wenige Monate später auch eintraf.

Später wurde in Versailles das Todesurteil Europas unterschrieben, was nach der Meinung vieler so vonstatten ging, dass man die Landkarte Großungarns auf dem Tisch ausbreitete und rumänische, südslawische und tschechoslowakische Huren mit verbundenen Augen so lange darauf tanzten, bis sie mit ihren Absätzen die Grenzen Kleinungarns gezogen hatten. Es ist nicht ganz sicher, ob es sich genau so zugetragen hat oder nicht, wenn man sich aber das Endergebnis ansieht, hätte es durchaus so passieren können. Und es ist nicht sicher, dass aus dem Frieden von Versailles ein Todesurteil geworden wäre, wenn man die betrunkenen Freudenmädchen nur und ausschließlich auf Ungarns Karte hätte tanzen lassen, aber es gab da noch andere Landkarten, zum Beispiel die deutsche. Jedenfalls gerieten, sobald die neuen Grenzen Ungarns gezogen waren, Klausenburg und das Tal der Mieresch so weit von Budapest weg wie Ulan Bator oder Darjeeling. Meingroßvaterandrásszabad betrachtete auf einmal jenes Haus im Mieresch-Tal als sein Geburtshaus, in dem er im Grunde nur einen einzigen Sommer verbracht hatte.

Später betrachtete dasselbe Haus auch mein Vater als sein Geburtshaus, obwohl er keinen einzigen Tag dort verbracht hatte. Er lernte seine Heimat aus Atlanten und revisionistischen Fotoalben kennen, und bis die Jagdvilla von Meinurgroßvaterandrásszabad zu meinem Geburtshaus wurde, wurden Tigris und Euphrat zu zwei Nebenflüssen der Mieresch und der Gottesstuhl erhob sich über den Ararat und den Berg Sinai. Im Grunde schreibt sich Mythologie genauso wie Geschichte. Und wie das Leben eines Menschen.

Jedenfalls, im Jahre vierzig, als Ungarns Grenzen wieder neu gezogen wurden, nunmehr realistischer, nur dass leider ausgerechnet die Nazis einen Sinn für die Realität hatten, bestieg mein Großvater, der nicht besonders viel von besagtem Realitätssinn besaß, einen Zug und kaufte von einem Weinhändler namens Petre Armenis das Haus im Mieresch-Tal zurück. Er hätte es auch umsonst zurückbekommen können, aber das kam ihm nicht statthaft vor.

Abgesehen davon, dass fast sein ganzes Geld für dieses Haus draufging, hatte das Geschäft eher einen symbolischen Wert. Petre Armenis wohnte weiterhin im Haus und übernahm dafür die anfallenden Reparaturarbeiten. Mein Großvater bot ihm Schutz vor der neuen ungarischen Administration, so dass Armenis weiterhin die Weine vom Ufer der Kokel in großen Fässern sammelte, die er an die Priester und die Wirte der Berggegend verkaufte, so lange, bis die Rumänen Siebenbürgen mitsamt dem Haus meines Großvaters zurückbekamen. Und die Kommunisten Armenis die Eichenfässer und den LKW wegnahmen.

Wenn man es recht bedenkt, so hatte von allen András Szabads ich die größte Chance, im Jahre 43 tatsächlich dort geboren zu werden. Aber ich wurde in Mélyvár geboren und lebte nun schon seit Monaten in Pest. Und wenn ich mich selbst herausnehme, was man freilich nicht kann, entschieden im Großen und Ganzen drei Menschen darüber, wie mein Leben sein würde. Mein Vater, János Kádár und Gagarin.

Und natürlich der Hausmeister, der Besitzer des Ladens an der Ecke, der Schaffner in der Straßenbahn, die Kellnerin im Kaffeehaus, die alte Frau von gegenüber, die jeden Morgen ihre Blumen goss, und alle Unbekannten, die mir entgegenkamen. Und Imolka. Aber alles zusammengenommen waren es etwa so viele.

(Meingroßvaterandrásszabad)

Nur weil wir manchmal niederträchtige Sachen tun, sind wir noch nicht für unser ganzes Leben ganz und gar niederträchtig. Das sagte mein Großvater zu meinem Vater, als er von der Front zurückkehrte und das Jerecián-Haus leer vorfand, weil die Nachbarn die Einrichtung geplündert hatten. Genauer gesagt, sagte er es nicht in dem Moment, sondern Jahre später, nur eben im Zusammenhang mit dieser Plünderung. Und er sagte es zwar im Zusammenhang damit, aber sein Gedanke galt dem Menschen als solchem. Ihn selbst ausgenommen.

Er hatte das Haus von einem armenischen Teppichhändler gekauft, der eine seiner Geliebten dort wohnen ließ. Ich weiß nicht, wie die Frau hieß. Nennen wir sie Terézia. Und als sich Terézia von ihm entfremdete, errichtete der Armenier aus den zerkratzten Kissen, der zerrissenen Unterwäsche und den zertanzten Schuhen einen Scheiterhaufen auf dem Hof. Als das Feuer heruntergebrannt war, musste Terézia mit demselben Koffer abreisen, mit dem sie in die Stadt gekommen war, damit du mit dem Hühnerfüttern dort weitermachen kannst, wo du aufgehört hast, wenn dir das hier nicht gut genug war, du Bauernmagd.

Als er das Petroleum über den Scheiterhaufen aus Liebesutensilien goss, hoffte er immer noch, dass die Frau auf die Knie fallen und um Verzeihung flehen würde, aber er irrte sich. Terézia hielt das Hühnerfüttern mittlerweile für viel mehr wert als das Warten in Seidenstrümpfen und warf ihm die Streichhölzer ins Gesicht, hier hast du’s, zünde es an, du Bergjude.

Es war hauptsächlich dieser Bergjude, woraufhin Jerecián tatsächlich das Feuer entzündete, aber so heftig, dass die Hälfte des Nussbaums mit verbrannte. Von wegen Bergjude. Sie hat sich die Haare in Sekt gewaschen, hat sich die tollsten Cremes auf ihre hühnerdreckigen Hände geschmiert, lebte wie eine Primadonna und wagte es, ihn als Bergjuden zu bezeichnen, erzählte er meinem Großvater wutentbrannt. Keinem Juden der Welt hätte er dieses Haus aus rein affektiven Gründen so unter Wert abkaufen können. Denn ich verkaufe es aus Leidenschaft. Von wegen Bergjude, die verdammte kleine Schlampe. Und er verkaufte es tatsächlich unter Wert, jedenfalls für so viel, wie mein Großvater zu zahlen in der Lage war, und als Zugabe ließ er sogar die Einrichtung drin stehen.

So kaufte also Meingroßvaterandrásszabad dem Armenier diesen anrüchigen Vogelkäfig ab, dessen Schiffsdielen sogar noch Parfümgeruch entströmte, als meine Großmutter bei der Geburt meines Vaters starb. Und dann beschloss mein Großvater, wenn er es, obwohl selbst ein Arzt, nicht geschafft hatte, seine Frau am Leben zu halten, würde er nicht wieder heiraten, sondern den Sohn, meinen Vater, mit seiner Hüftdysplasie alleine großziehen. Später starb er an der russischen Front, denn das war das Geringste, was er verdient hatte.

Das mag der Grund dafür gewesen sein, dass er die Arbeit der ihm nachfolgenden Kreisärzte beträchtlich erschwerte, indem er die Bauern der Umgebung, während er sie untersuchte, über den Eid des Hippokrates belehrte. Tief einatmen, Onkel Ádi, und jetzt sprechen Sie mir schön nach : Der Arzt dient dem Leben, nicht den Armen oder den Reichen. Also nehmen Sie jeden Abend schön diese Pulver ein, und die dreißig Eier tragen Sie schön in die Kammer zurück, bis ich nach Hause komme, hätte ich sie sowieso zerbrochen. Dann setzte er sich in seinen Einspänner und fuhr nach Hause, um die Erziehung meines Vaters von der Amme zu übernehmen. So gab es welche, die ihn für einen Heiligen, und andere, die ihn schlicht für einen Narren hielten, dabei war er weder das eine noch das andere.

Zu der Frage, ob Meingroßvaterandrásszabad ein Heiliger war oder nicht, nur so viel, dass er zwar die Speckseiten in die Kammer zurücktragen ließ und ihn nie einer betrunken sah, aber nach seinem Tode kamen auf dem hinteren Dachboden zweihundertneunzig leere Flaschen Pálinka zum Vorschein. Auf jedem Etikett stand ein Datum und der Titel eines Buchs, 2. Juni1936,Vater Goriot ; 9.-11. November1938,Die Kartause von Parma ; 3.-13. Februar1940,Die Brüder Karamasow.

Außer diesen Etiketten hatte er kaum Aufzeichnungen hinterlassen. Und abgesehen von einer Stereo-Fotografie meiner Großmutter gab es im Haus auch keine Familienporträts. Die Holzkiste mit den beiden mit Vergrößerungsglas versehenen Gucklöchern stand auf seinem Tisch, neben der Arzttasche. Als wäre es ein medizinisches Instrument. Ein Gerät zur Bewusstseinsveränderung, das mit Hilfe des durch die beiden Glaspositive und den Blick meiner Großmutter gefilterten Lichts über die Nervenbahnen hinter den Augen ins Gehirn gelangt, Schuldgefühle in beinahe besessenes Pflichtbewusstsein umwandelte.

Meingroßvaterandrásszabad war also weder ein Heiliger noch meschugge, er war nur unglücklich. Und, wie die Unglücklichen im Allgemeinen, erinnerte er sich selbst jeden Tag daran. Er schaute jeden Tag in dieses Fernglas, mit dem er direkt bis zum Unglück sehen konnte. Denn unser Unglück und unser aus der Ferne betrachtetes Glück sind ein und dasselbe.

Ich könnte es auch so sagen, meinen Großvater unterschied ausschließlich das Pflichtbewusstsein von einem Depressiven. Er war wirklich kein Heiliger, er war sich nur im Klaren darüber, dass Unglücklichsein einen von nichts entbindet. Abgesehen davon, dass er täglich in die Augen meiner Großmutter sah und mit Pálinka einschlief, um sich nicht an seine Träume zu erinnern, tat er tagsüber alles für seine körperliche, geistige und seelische Gesundheit, soweit das nötig war, um seine Pflichten zu erfüllen. Zum Beispiel ging er mit demselben Pflichtbewusstsein, mit dem er die Stundenmagd nach der Arbeit unberührt nach Hause gehen ließ, einmal im Monat mit einem Strauß Blumen in der Hand ins Bordell in der Szemere-Gasse. Er machte kein Geheimnis daraus, zu Hause gab er Bescheid, wo man ihn suchen sollte, sollte es einen Notfall geben. Und bei den Freudenmädchen bedankte er sich für die Hilfe, die im Leben eines Menschen manchmal nicht weniger wichtig ist als jene Hilfe, die er in der Lage war, anderen zu leisten.

Bei alldem häufte er Fehler auf Fehler und Irrtum auf Irrtum. Zum Beispiel, als er dachte, Mutterlosigkeit sei besser als jede Stiefmutter oder dass man mit Büchern der Einsamkeit entkommen könnte. Er war der Überzeugung, dass ein hinkender Mann sein ganzes Leben lang einsam sein würde, so dass mein Vater lesen, schreiben, rechnen konnte, bevor er in die Schule kam, so wie ich später auch las und schrieb, aber nicht rechnete. Ich hinkte allerdings auch nicht.

Er hatte zweifellos recht, dass man mit ein wenig Aufmerksamkeit den Rollstuhl vermeiden konnte, er irrte sich allerdings, dass ein Hauslehrer besser sei, als hinkend in die Grundschule zu gehen. Er hatte recht, dass nichts so sehr ein Freiheitsgefühl vermittelt wie die Betrachtung des Sternenhimmels, aber er irrte, als er dachte, dass sein zehnjähriger Sohn sich über nichts mehr freuen würde als über ein Teleskop. Er hatte recht, dass die Russen die Ungarn deportieren würden, aber er irrte, als er dachte, die Deutschen würden die Juden zurückbringen. Alles zusammengenommen hatte er zahlenmäßig in genauso viel Fällen recht, wie er sich irrte, so dass das Endergebnis, die Null, nicht im Geringsten auf einen Heiligen, sondern auf einen ganz normalen Sterblichen hinweist.

Wie gesagt, im Sommer vierundzwanzig bestellte Meingroßvaterandrásszabad das neue Zeiss-Teleskop aus Pest, mit Ständer, Stundenkreis und einer Kiste voller Astronomiefachbücher, denn er rechnete aus, dass sein Sohn, je mehr er die Sterne betrachtete, sich umso weniger bewegen würde. Und je weniger er sich bewegte, umso weniger würde das verrutschte Gelenk den Hüftknochen abnutzen. Kann sein, dass er im Grunde auch damit recht hatte und mein Vater dank dieses Teleskops am Ende seines Lebens dem Rollstuhl entging. Oder dank seiner Krebserkrankung, das weiß ich nicht.

Und natürlich war es auch diesem Teleskop zu verdanken, dass er seinen Vater manchmal tagelang nicht sah – als hätte Terézia, die davongejagte Liebesdienerin, das Haus verflucht, dass darin zwei einsame Männer einander jahrelang aus dem Weg gehen sollten. Dass Unglücklichsein einen von nichts entbindet, damit hatte mein Großvater jedenfalls recht.

(Meineurgroßmutterandrásszabad)

Als mein Großvater im Jahre achtzehn von der Front wiederkam, war meine Urgroßmutter schon verrückt geworden. Und starb auch daran.

Es ist recht wahrscheinlich, dass sie vor lauter Angst wahnsinnig geworden war. Vor allen Dingen fürchtete sie sich vor dem Hunger, was während eines Krieges nicht ganz grundlos war. Deswegen zahlte sie jedes Mal, wenn sie drankam, ein Vermögen für ein Stück Schenkel, Schulter oder Lende aus Pferdekadavern. Sie schnitt den Pferdeschenkel mit einer Rasierklinge in dünne Scheiben, fädelte diese auf ein Stück Bindfaden und hängte sie in der Kammer zum Trocknen auf. Und auf dieselbe Weise überall in der Wohnung an den Gardinenstangen. Sie hatte irgendwo gelesen, dass man es so machen muss, das Trocknen. In der Wohnung in der Engelgasse hingen die Pferdefleischfetzen von der Decke wie in den Bauernhäusern das Fliegenpapier. Nur dass sie nicht im Geringsten gut gegen Fliegen waren.

Ihre andere Angst war die vor der Dunkelheit. Was ebenfalls eine begründete Angst ist, seit Urzeiten, und nicht nur während des Krieges. Deswegen besorgte sie neben den Pferdekadavern auch noch einige Petroleumlampen und einen Krug voller Petroleum. Sie traute der Elektrizität nicht.