Beschreibung

"Du kannst dir nie sicher sein, wer des Nachts deine Träume knüpft …" Endlich sind die drei Eichnoks bei der dunklen Ruine angekommen und lüften das Geheimnis um den Bannfluch und damit eine lange vergessene Wahrheit über ihr Völkchen. Eine Wahrheit, die ihnen das Blut in den Adern gefrieren lässt und besonders für Arun gravierende Veränderungen mit sich bringt. Nun heißt es, Entscheidungen zu treffen. Obendrein erreichen sie schlimme Nachrichten aus dem Dorf, wo Großbürger Rogat dunkle Machenschaften treibt und damit die Gemeinschaft der Eichnoks in höchste Gefahr bringt. Und dabei lauert schon eine weitere Bedrohung in den Tiefen des Eichenwaldes …

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Sammlungen



Inhaltsverzeichnis
Das Buch
Der Autor
Impressum
Die verlorene Vergangenheit
Eine neue Gefahr
Entscheidungen
Auf Messers Schneide
Neuer Wahnsinn
Tödliche Gefahren
Heldenmut
Ende mit Schrecken
Epilog
Danksagung

Das Buch

Die drei Eichnoks Arun, Gnork und Oma Grima haben sich auf den Weg zur dunklen Ruine gemacht, um das Geheimnis um sie und die seltsamen Träume zu machen, die Oma Grima seit einiger Zeit heimsuchen. Dort angekommen, lernen sie die Bewohner der dunklen Ruine, die Felslinge, kennen und erfahren Dinge über die Vergangenheit sowie die Identität ihres eigenen Völkchens, die sie vor große Aufgaben stellt. Dann erreichen sie beunruhigende Nachrichten aus ihrem Heimatdorf – Großbürger Rogat schmiedet Pläne, um die Macht in der Gemeinschaft an sich zu reißen. Sollte dies gelingen, werden Arun, Gnork und Oma Grima nie mehr dorthin zurückkehren können. Mit ganzer Kraft versuchen die drei, dieses Schicksal abzuwenden und erhalten dabei Hilfe von den Felslingen. Zum Glück, denn eine weitere Gefahr wartet im Unterholz und giert nach Rache.

Der Autor

Edgar E. Nimrod (*1965), geboren und aufgewachsen in Karlsruhe, lebt mit Frau und Tochter in Ettlingen. In seiner beruflichen Laufbahn verfasste der gelernte Bankkaufmann jahrelang Berichte zu unterschiedlichsten Fachthemen und sammelte so ganz eigene literarische Erfahrungen.

Als begeisterter Leser anspruchsvoller Fantasy- und Science-Fiction-Literatur kam ihm vor einigen Jahren die Idee zu der Romanreihe »Die Eichenwaldsaga«. Nach »Der geheimnisvolle Bannfluch« liegt nun mit »Das Ende des Bannfluchs« das zweite Buch der Reihe vor.

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

© Originalausgabe 2017 Lauinger Verlag | Der Kleine Buch Verlag, Karlsruhe

Projektmanagement & Lektorat: Anja Winckler

Korrektorat: Julia Barisic

Umschlaggestaltung: Manuela Wirtz, www.manuwirtz.de

Umschlagbilder:

Raben: Manuela Wirtz, www.manuwirtz.de

Baumscheibe, Eicheln und Figuren: freepik.com

Das Eichendorf (3D-Illustration): Isabell Schmidt-Egner

Satz & Layout: Beatrice Hildebrand

Rabe Innenteil: © Fotolia, Yven Dienst

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes (auch Fotokopien, Mikroverfilmung und Übersetzung) ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt auch ausdrücklich für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen jeder Art und von jedem Betreiber.

ISBN: 978-3-7650-2136-7

Dieser Titel ist auch als Printausgabe erschienen:

ISBN: 978-3-7650-9118-6

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Die verlorene Vergangenheit

Arun lag nachdenklich auf dem Bett und sehnte sich nach dem Dorf der Eichnoks zurück. Zwar gab es auch dort mehr als genug Probleme. Aber wenigstens war ihm alles vertraut, und wenn er keine Lust hatte und nichts mehr sehen und hören wollte, konnte er sich zu Hause in sein Zimmer verkriechen und die Decke über den Kopf ziehen. Zu Hause. Ein dicker Kloß steckte ihm im Hals. Mittlerweile kamen ihm die Erinnerungen unwirklich und fremd vor. Selbst Großmutters kleine Hütte, in der er mit Gnork sein ganzes bisheriges Leben bei den Eichnoks verbracht hatte. Aber er war nun einmal kein Eichnok. Er war ein Felsling. Und diese Tatsache ließ sich nicht verleugnen. Nicht wenn man Augen im Kopf hatte. Nur wollte er wirklich zu diesem Volk gehören? Einen Augenblick lang hatte er es geglaubt. Hoch in der Luft auf dem Rücken von Feuerauge hatte er sich frei gefühlt und den sehnlichen Wunsch verspürt, ein Rabenflieger zu werden. Doch der Schock, der darauf folgte, saß immer noch tief. Rabenflieger gingen auf die Jagd. Mit dem Ziel Tiere zu töten. Ein Gedanke, so furchtbar, dass er ihn aufstöhnen ließ. Vor allem Lijenas Reaktion hatte ihn bis ins Mark getroffen und ihm deutlich vor Augen geführt, dass er zu einem Volk von Barbaren gehörte.

Auch Oma Grimas Verhalten brachte ihn immer noch durcheinander. Wie konnte sie angesichts einer solchen Grausamkeit nur gelassen bleiben und ihm zu allem Überfluss noch raten, sich in Diplomatie zu üben? Wütend warf er sich auf die Seite. Soweit kommt es noch, dachte er.

»Es hat geklopft.« Zögernd war Gnork vom Tisch aufgestanden und zur Tür gelaufen. »Soll ich aufmachen?«

»Meinetwegen«, knurrte Arun. »Was bleibt uns denn anderes übrig?«

***

Inzwischen verdrängte die Dämmerung das letzte Licht des Tages. Merolon war vor wenigen Minuten zu ihren Unterkünften gekommen, um die drei Neuankömmlinge abzuholen.

Der Erste hatte die Vorkommnisse am Rabenbaum bislang mit keinem Wort erwähnt und sie konnten keine Veränderung in seinem Verhalten erkennen. Dennoch war Arun sich sicher, dass Lijena ihrem Vater von dem Konflikt erzählt hatte. Zumindest gehörte dies doch zu den Pflichten der Mitglieder einer Ehrenwache.

»Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten habe ich dieses Mal Fackeln mitgenommen.« Mit einem freundlichen Lächeln verteilte Merolon an jeden Einzelnen einen mit Baumharz bestrichenen Holzspan, den er zuvor an dem Wachfeuer am Dorfeingang entzündet hatte.

Dabei waren sie von den Wachen mit neugierigem Interesse begrüßt worden. Überhaupt schien es ganz so, als wüsste jeder Dorfbewohner, dem sie auf ihrem Weg begegneten, was sie nun erwartete.

Geleitet vom Licht der Fackeln folgten sie dem Ersten auf dem anstrengenden Weg zu den vier Schwestern, während er ihnen erzählte, welche unschätzbaren Dienste die alten Frauen für die Dorfgemeinschaft leisteten.

»… ebenso wichtig wie die Traumbeeinflussung.« Merolon lächelte verlegen. »Ihr habt damit ja schon gewisse Erfahrungen gemacht. Außerdem sind sie dafür zuständig, längst vergangene Ereignisse vor dem Vergessen zu bewahren. Arijna und ihre Schwestern sind also auch die Hüterinnen unserer Vergangenheit.«

Gnork flüsterte Arun zu: »Klingt ganz nach Libro in vierfacher Ausführung. Hoffentlich zitieren die nicht auch stundenlang aus alten, verstaubten Aufzeichnungen. Sonst steht uns ein ganz schön ätzender Abend bevor.«

Nach einem schweißtreibenden Aufstieg erreichten sie schließlich die Höhle der Traumknüpferinnen. Wieder einmal hatte sich Gnork an einem Felsvorsprung den Kopf gestoßen. Arun seufzte. Langsam wurde das zu einer schlechten Angewohnheit. Merolon fand die versteckte Öffnung sofort. Auch diesmal brannte davor ein blau flackerndes Feuer.

Nach einer Weile brummte er: »Gut, dann wollt ihr heute also auf die traditionelle Art und Weise gerufen werden.«

Gespannt beobachtete Arun, wie sich der Erste räusperte und dann mit klarer Stimme intonierte: »Schwestern der Träume, Merolon der Erste bittet für das Wohl des Dorfes um euren Beistand und Rat!«

»So kündigen wir unsere Besuche bei den Schwestern an«, flüsterte er den dreien erklärend zu. Doch nichts bewegte sich. Nach einer Weile wurde Merolon sichtlich nervös.

»Ähem, Schwestern der Träume! Merolon der Erste bittet für das Wohl des Dorfes um euren Beistand und Rat!«, wiederholte er die Begrüßungsformel lauter als zuvor. Quälend langsam verstrichen die Sekunden, bis endlich eine tiefe Stimme aus dem Dunkel drang.

»Wenn eure Sinne lauter und eure Herzen rein sind, so tretet ein.«

Der Erste atmete erleichtert auf und bedeutete Arun, Gnork und Oma Grima, ihm zu folgen. Dann trat er durch die nachtschwarze Öffnung ins Innere der Höhle.

***

Oma Grima folgte Merolon mit festen Schritten. Arun atmete noch einmal tief durch, bevor er sich in Bewegung setzte.

»Komm schon!« Er schob Gnork in die dunkle Öffnung. Beide tasteten sich an der Felswand entlang. Arun hörte vor sich einen unterdrückten Fluch, der ihn zu noch größerer Umsicht veranlasste. Nach wenigen Schritten mündete der Weg in eine runde Höhle, die durch das brennende Feuer kaum erhellt wurde.

Die kleinen Flammen warfen gespenstische Schatten an die Wände. Er konnte vier Gestalten erkennen, die ihnen regungslos gegenübersaßen. Oma Grima und Merolon standen schweigend neben ihm und Gnork.

Arun sah sich um und versuchte, so viel wie möglich zu erkennen. Die Höhle war zu klein, um den Schwestern auch als Wohnraum dienen zu können. Außerdem befand sich keinerlei Einrichtung darin. Auf den ersten Blick bemerkte er nichts von besonderem Interesse. Doch das trübe Dämmerlicht erlaubte es ihm auch nicht, Details wahrzunehmen. Etwas enttäuscht wandte er sich den Frauen zu.

Merolon räusperte sich ungeduldig. Arun hatte den Eindruck, dass die Traumknüpferinnen den Ersten absichtlich warten ließen. In gewisser Weise erinnerte ihn das an Oma Grimas Verhalten dem alten Wenk und Libro gegenüber. Gespannt erwartete er das erste Kräftemessen zwischen der Kräuterweisen und den Schwestern.

Merolon hatte ihnen auf dem Weg hierher erzählt, die Sprecherin der vier sei Arijna. Keiner der Felslinge habe jemals mit einer der anderen Frauen gesprochen.

Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sich eine der Gestalten, wahrscheinlich Arijna, am Feuer vorbeugte und den Eichnoks zuwandte. Sie sprach mit der gleichen tiefen Stimme, die sie bereits zum Betreten der Höhle aufgefordert hatte.

»Seid willkommen, Eichnoks. Es ist uns eine Ehre, euch zu begrüßen. Nehmt Platz und wärmt euch an unserem Feuer.«

Merolon schien sie gar nicht mehr zu bemerken. Er ließ sich mit ihnen zusammen nieder, doch selbst im schwachen Licht der Flammen war deutlich zu erkennen, wie sehr ihn die Missachtung ärgerte. Die erneute Pause nach Arijnas kurzer Ansprache ließ Oma Grimas äußerst strapazierten Geduldsfaden reißen. Schon den ganzen Tag lang war sie vertröstet worden.

»Ich möchte ja nicht unhöflich sein …«, ihr barscher Tonfall zeigte genau das Gegenteil, »… aber hättet ihr die Güte, uns den Grund unseres Treffens mitzuteilen? Ich glaube, wir haben ein Recht darauf, endlich Antworten zu bekommen.«

Die Kräuterweise verschränkte die Arme und schaute Arijna herausfordernd an. Merolon zuckte bei ihren Worten erschrocken zusammen und zog das Genick ein. Eine solche Unverfrorenheit hätte sich kein Felsling vor den Schwestern erlaubt.

Arijna lachte leise und antwortete: »Natürlich habt ihr das Recht, alles was euch betrifft zu erfahren!« Oma Grima nickte zufrieden, als die Traumknüpferin fortfuhr.

»Merolon hat euch schon erzählt, dass wir die Hüterinnen unserer Vergangenheit sind und euch Einblicke in längst geschehene Ereignisse verschaffen können.« Freundlich wandte sie sich an die Kräuterweise: »Ungeduld ist das Vorrecht der Jugend. Deshalb sehen wir dir deinen ungebührlichen Ton dieses Mal nach.«

Oma Grimas Gesicht gefror nach dieser Zurechtweisung zu Eis. Das hatte der ältesten lebenden Eichnok noch niemand gesagt. Eins zu null, dachte Arun und schaute hinüber zu Merolon, dessen Mundwinkel leicht nach oben zuckten.

»Heute Nacht werdet ihr bedrückende Dinge sehen.« Arijna war sehr ernst geworden. »Alles, was Merolon euch erzählt hat, ist die bittere Wahrheit. Unsere beiden Völker lebten lange in Frieden miteinander, bis Unvernunft und Missgunst begannen, unser gutes Verhältnis zueinander zu zerstören. Doch wir haben die Hoffnung auf neue, bessere Zeiten nicht aufgegeben. Wir betrachten euer Kommen als ersten Schritt einer vorsichtigen Annäherung. Wohl wissend, wie viel Vertrauen dafür nötig ist. Im Gegensatz zu euch haben wir keine Dokumente, in denen ihr unsere Geschichte nachlesen könntet, oder die wir euch in langweiligen Erzählungen näherbringen müssten.« Gnork lief bei dieser Bemerkung rot an und riss die Augen auf. »Unsere Geschichte haben wir in unzähligen Träumen aufbewahrt, jederzeit abrufbar und mit unserer Hilfe jedem zugänglich.«

Mit einer raschen Handbewegung warf sie Arun einen kleinen Beutel zu, den dieser geschickt auffing. »Diese Kräuter, mit heißem Wasser überbrüht, erleichtern den Schlaf und öffnen den Geist. Trinkt ihn vor Mitternacht und ihr könnt euch mit uns auf den Weg in unsere gemeinsame Vergangenheit machen.« In der kurzen Pause, die auf diese Worte folgte, war es so still, dass man eine Baumassel hätte atmen hören können. »Niemand soll gegen seinen Willen zum See der Vergangenheit geführt werden. Deshalb frage ich euch: Seid ihr dazu bereit?« Obwohl ihre Augen nicht zu sehen waren, konnte Arun den Blick der Traumknüpferin spüren. Es war, als schaute sie ihm direkt in die Seele.

»Wir haben nicht den ganzen beschwerlichen Weg zu euch auf uns genommen, um kurz vor dem Ziel zu kneifen. Selbstverständlich werden wir dieses Gebräu trinken und uns deiner Führung anvertrauen.« Oma Grima schnappte sich den Beutel aus Aruns Hand. Sie hatte sich schnell wieder erholt, doch es fiel ihr hörbar schwer, den Schwestern gegenüber einen einigermaßen verbindlichen Ton anzuschlagen.

Arijnas Stimme klang zufrieden, als sie sagte: »Wenn ihr beide der gleichen Meinung seid«, Arun und Gnork nickten, »dürft ihr euch jetzt zurückziehen. Doch denkt daran: Jeder von euch muss vor Mitternacht eine Tasse des Kräutertranks zu sich genommen haben.«

Dann schwieg die Sprecherin und sie hatten das Gefühl, das Licht sei eine Spur dunkler geworden, denn die Traumknüpferinnen waren vor der Höhlenwand kaum mehr auszumachen.

»Die Audienz ist jetzt also beendet«, knurrte Oma Grima, die bereits aufgestanden und zum Ausgang unterwegs war. »Dann lasst uns gehen.«

Merolon und die Jungs folgten ihr schweigend auf dem Weg zurück ins Dorf. Die Laune der Kräuterweisen war auf dem Tiefpunkt.

Bei ihrer Unterkunft angelangt, verabschiedete sich der Erste mit knappem Gruß und wünschte ihnen einen guten Schlaf und erfolgreiche Träume. Oma Grima brummelte nur etwas Unverständliches vor sich hin, während Arun und Gnork sich artig bedankten und ihm gleichfalls eine gute Nacht wünschten.

Die beiden folgten der Kräuterweisen die Treppen hoch und blieben unschlüssig vor ihrer Tür stehen. Schließlich hatte sie den Kräuterbeutel an sich genommen und musste bestimmen, wie es jetzt weitergehen sollte.

Oma Grima drehte sich um und knurrte die Jungs an: »Los, nun kommt schon rein! Wir haben nicht ewig Zeit!«

Sie schloss ihr Zimmer auf und machte sich sofort an der Feuerstelle zu schaffen. Immerhin stand der Krug mit frischem Wasser noch auf dem Tisch. Mit Hilfe des kleinen Kessels hatte bald jeder von ihnen eine Tasse mit heißem Kräutersud vor sich.

Angeekelt verzog Gnork das Gesicht und sagte zweifelnd: »Vielleicht geht es ja auch ohne dieses Zeug.«

»Mein Lieber, darum kommst du nicht herum. Die vier Schwestern, besonders diese Arijna, merken sofort, wenn wir versuchen zu mogeln.«

Oma Grima kannte das wohl aus eigener Erfahrung. Sie wusste sicherlich genau, wer sich vor ihren therapeutischen Anweisungen drückte und wer nicht. Mit einem schiefen Lächeln fügte sie hinzu: »Jetzt stell dich nicht so an, so schlimm wird es schon nicht sein.«

Mit angehaltenem Atem würgten sie die trübe Flüssigkeit hinunter. Der Trank schmeckte so schlimm, wie er roch. Doch dann war es getan und sie stellten erleichtert die Tassen ab. Ein letztes angewidertes Schütteln und Oma Grima schickte die beiden zu Bett.

»Ich habe keine Ahnung, was uns heute Nacht erwartet, aber spannend wird es allemal.«

Schnell waren sie in ihre Betten geschlüpft und hatten die Lichter gelöscht.

Der Trank wirkte sofort. In kürzester Zeit schliefen Oma Grima und die Jungs tief und fest.

Arun befand sich am Ufer eines höchst bemerkenswerten Sees. Das Wasser erstreckte sich bis zum Horizont. Genau wie der Strand links und rechts von ihm – glatter, feinkörniger, grauer Sand. Er drehte sich um. Auch hinter ihm nichts als Sand. Nicht die Spur einer Pflanze oder eines Tieres.

Eine eigenartige Stimmung umfing ihn, alles schien seltsam farblos, anders als in den Träumen zuvor, doch ebenfalls völlig unnatürlich. Außer seinem eigenen Atem konnte er keinerlei Geräusche oder Bewegungen wahrnehmen.

Arun kniff die Augen zusammen. Das Licht war bei aller Farblosigkeit unangenehm grell. So sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, auch nur irgendeine Regung auszumachen. Sogar die Wasseroberfläche war vollkommen glatt. Kein Windhauch spielte mit ihr oder kräuselte sie sanft. Wie ein Spiegel erstreckte sich das Wasser bis zum Horizont. Er beugte sich hinunter, um dieses Phänomen genauer zu untersuchen, und bekam einen tüchtigen Schreck. Das war kein Wasser! Oma Grima stand direkt neben ihm und betrachtete aufmerksam ihre von einer grausilbernen Substanz vollständig bedeckte Hand.

»Selbst wenn man darin herumrührt, bewegt sich in diesem See überhaupt nichts!« Fasziniert beobachtete sie, wie sich die geleeartige Masse langsam in einer Art Nebel auflöste und nach wenigen Augenblicken völlig verschwand.

Aruns Herz hatte sich gerade etwas beruhigt, als ihm von der anderen Seite die Stimme seines Freundes entgegenschallte und seinen Atem erneut stocken ließ.

»Zum Waldschrat! Wie sieht es denn hier aus?«

Aus den Augenwinkeln sah Arun, dass auch Oma Grima zusammenzuckte, und er konnte sich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren.

»Das ist der See der Vergangenheit!« Plötzlich waren sie vollständig von Arijnas tiefer Stimme umhüllt. »Er ist wie ein großer Spiegel. Schaut jetzt hinein und erkennt das Vergangene. Ich werde euch auf eurem Weg durch unsere Geschichte begleiten.«

Wie in einem riesigen Strudel wirbelte nun ein Gewirr aus Farben über die Seeoberfläche. Die langsam entstehenden Bilder nahmen die Eichnoks vollständig gefangen. Sie befanden sich mitten im Geschehen, ohne daran beteiligt zu sein.

»Ihr werdet nun Zeuge des betrüblichen Endes einer Ratsversammlung im Sommer des Jahres 550 der großen Eiche.« In der Stimme der Traumknüpferin schwang Traurigkeit mit. »Mit ihr fand der Streit zwischen Felslingen und Eichnoks ihren unrühmlichen Höhepunkt.«

Arun erkannte sofort den vertrauten Platz unter der alten Eiche, auf dem schon seit jeher die Ratsversammlungen der Eichnoks abgehalten wurden. Auf Wenks angestammten Platz am Ratstisch saß eine Frau mittleren Alters. Vermutlich die damalige Ratsvorsitzende, überlegte Arun. Neben ihr, ganz unverkennbar, drei Felslinge.

»Schaut doch nur, wie ungerührt der Erste mit seinen Beratern dasitzt. Nicht einen Hauch von Mitleid könnt ihr in Semarons gefühllosem Gesicht erkennen. Und auch Cereos und Lioke ist unser Schicksal egal!« Die Stimme gehörte einer äußerst unangenehmen Erscheinung.

»Mäßige dich, Yoran!« Mit strengem Tonfall rief ihn die Ratsvorsitzende zur Ordnung. »Deine persönlichen Vorbehalte stehen hier nicht zur Debatte!«

Doch Yoran ließ sich von ihrer Zurechtweisung nicht beeindrucken. »Es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass die Felslinge seit eh und je große Erfahrung im Abrichten von Tieren haben, Noirit. Muss ich dir das wirklich erst ins Gedächtnis rufen? Was sollte sie also daran hindern, auch Wiesel entsprechend ihrer Absichten zu dressieren?«

Semaron konnte Cereos nur mit Mühe zurückhalten, der halb von seinem Stuhl aufgesprungen war. Mit kalter Stimme wandte sich der Erste an Yoran: »Habe ich dich richtig verstanden? Du sagst, wir führen bewusst den Tod von Eichnoks herbei, indem wir abgerichtete Wiesel auf sie hetzen? Ist es so?«

»Genau so ist es!«

Zustimmendes Gemurmel erklang aus den Reihen der Eichnoks, bis sich eine weitere Gestalt erhob und sich mit einer gebieterischen Handbewegung Gehör verschaffte.

»Seid ihr denn von Sinnen? Die Geschichte unserer langjährigen Beziehungen zu den Felslingen war stets friedlich. Jeder von euch kann das in den historischen Aufzeichnungen der Bibliothek nachlesen.«

»Mein lieber Savius, wer sagt uns denn, dass wir alles zu sehen bekommen, was darüber geschrieben steht?«

Diese Frage aus der Menge blieb nicht ohne Wirkung. Sichtlich erschüttert, aber doch mit ruhigem Tonfall erwiderte Savius: »Ihr habt mich vor Jahren zum Bewahrer ernannt. Ihr wisst, der wichtigste Anspruch an diese Aufgabe ist eine bedingungslose Zuverlässigkeit. Solltet ihr daran den leisesten Zweifel haben, stelle ich sofort mein Amt zur Verfügung.«

Nach diesen Worten herrschte betretenes Schweigen. Noirit war ebenfalls aufgestanden und schaute mit zornigem Blick in die Runde: »Hat irgendjemand Zweifel an der Rechtschaffenheit unseres Bewahrers, so möge er vortreten und sie äußern. Nicht? Gut! Dann ist zumindest dieser Punkt geklärt. Und was dich angeht, Yoran, wenn du dich nicht etwas zurücknimmst, schließe ich dich von der Versammlung aus!«

Erneut entstand in der Menge eine große Unruhe. Viele teilten ganz offensichtlich Yorans Meinung, auch wenn sie sie nicht offen äußerten.

»So wird man also behandelt, wenn man versucht, die Wahrheit herauszufinden?«, wandte sich Yoran an die Versammlung. »Meine Freunde, seht ihr jetzt, wohin die Verbrüderung mit diesen Fleischfressern uns geführt hat? Teile des Rates stellen sich gegen die eigenen Dorfbewohner. Nein, sage ich! Wir wollen Beweise, dass die Felslinge nichts mit den tödlichen Angriffen der letzten Zeit zu tun haben. Und wenn ich es mir recht überlege, sind auch die Umstände der Invasion der Eichhörnchen vor fünfzig Jahren nie zweifelsfrei geklärt worden.«

Ein vielstimmiges Gejohle erhob sich und es schien so, als drohe der Ratsvorsitzenden die Leitung der Versammlung endgültig aus den Händen zu gleiten.

»Ruhe!« Mit dröhnender Stimme übertönte nun eine kräftige alte Frau das Stimmengewirr und sofort verstummte die Menge.

Das war zweifellos die Kräuterweise, schoss es Arun durch den Kopf. Ihre Erscheinung erinnerte ihn sehr an Oma Grima.

Sichtlich zufrieden mit ihrer Wirkung, musterte sie nun Yoran.

»Sage mir, worauf stützt du deine abenteuerlichen Anschuldigungen? Welchen Vorteil sollten sich die Felslinge denn dadurch verschaffen?«

»Das liegt doch auf der Hand. Wenn erst einmal die Eichnoks aus dem Weg geräumt sind, können sie unseren Wald in Beschlag nehmen«, sagte Yoran aufgebracht. Er wandte sich erneut an die Menge: »Ihr wisst doch, wo diese Rabenflieger leben. Felsiges, unfruchtbares Gelände, auf dem keine Plantage gedeiht. Vereinzelt herumstehende Eichen, die nicht genug Ertrag abwerfen.«

Die Kräuterweise stemmte wütend die Hände in die Hüften. »Mein lieber Junge! Ist dir schon einmal der Gedanke gekommen, dass du unter massivem Verfolgungswahn leiden könntest?«

Kalt blickte Yoran sie an: »Ich weiß, warum du dich so ereiferst, Naira. Du mit deiner Kräuterküche profitierst doch als Einzige von diesen sogenannten Beziehungen. Alle anderen, die die Gefahr nicht sehen, stehen möglicherweise unter dem Einfluss der Traumknüpferinnen.«

Jetzt hielt es Semaron nicht mehr auf seinem Platz. »Genug!« Der Erste konnte seine Wut nicht länger zurückhalten. »Wir haben uns diese ungeheuerlichen Vorwürfe lange genug angehört. Ich kann nur versichern, dass wir weder an den zurückliegenden Wieselangriffen beteiligt waren, noch irgendein Dorfbewohner der Eichnoks unter dem Einfluss unserer Traumknüpferinnen steht!«

Verzweifelt bemühten sich Noirit, Savius und Oma Naira dem Tumult Einhalt zu gebieten, doch auch sie konnten nicht verhindern, dass Semaron von wütenden Zwischenrufen unterbrochen wurde.

Immer wüstere Beschimpfungen und Anschuldigungen schlugen den Felslingen entgegen. Die Situation spitzte sich zu und es kam zu Rangeleien. Der Erste verständigte sich durch ein kurzes Kopfnicken mit seinen Beratern. Dann stieß jeder von ihnen einen scharfen Pfiff aus, und wie aus dem Nichts tauchten drei Raben auf, die inmitten des Getümmels landeten.

Dutzende Eichnoks stoben mit lautem Geschrei auseinander und verschafften so den Felslingen ausreichend Platz, um gefahrlos ihre Reittiere zu besteigen und ohne ein weiteres Wort davonzufliegen.

»Seht ihr! Das schlechte Gewissen treibt sie fort!«, triumphierte Yoran unter dem zustimmenden Geschrei seiner Anhänger und zeigte auf die rasch kleiner werdenden Vögel.

Das letzte Bild, das Arun sah, waren drei verzweifelte Eichnoks: Noirit, Savius und Oma Naira, die allein am großen Ratstisch zurückgeblieben waren. Dann begann die Szene im Spiegel der Seeoberfläche zu zerrinnen.

Betroffen standen die drei am Ufer des grausilbern schimmernden Sees. Oma Grima schüttelte ungläubig den Kopf. »Das ist doch nicht zu fassen.« Der Schock über die gerade nacherlebten Ereignisse war ihr deutlich anzumerken. Dann mischte sich für einen Moment ungewohnte Milde in ihren Blick. »Die damalige Kräuterweise war meine Ururgroßmutter, die ich noch als kleines Mädchen kennengelernt habe. Eine beeindruckende und willensstarke Frau.«

Arun warf Gnork einen vielsagenden Blick zu. Ihm war neben der Ähnlichkeit der beiden Kräuterweisen noch etwas aufgefallen.

»Beängstigend, wie dieser Yoran unserem Großbürger Rogat gleicht. Nur ist er viel dünner. Und habt ihr seine schnarrende Stimme gehört? Das war ja ein richtiges Ekelpaket!« Gnork schüttelte angewidert den Kopf. Er hatte es also auch bemerkt.

»Yoran war ein Vorfahr Rogats. In seiner Familie gab es schon immer Vorbehalte gegen alles Fremde. Das hat sich bis zum heutigen Tag nicht geändert«, erklärte Arijnas Stimme. »Seid ihr bereit für den nächsten Schritt?« Als sie keinen Widerspruch hörte, fuhr sie fort. »Gut, dann lasst ihn uns gemeinsam gehen.«

Wieder bildete sich der Farbstrudel auf der Seeoberfläche. Unverkennbar befanden sie sich nun im großen Versammlungsraum der Felslinge.

»Das ist ungeheuerlich!« Erregt war Semaron aufgesprungen. »Habt ihr das gesehen?«

»Ja, Erster! Wir wollten es zuerst selbst nicht glauben.« Einer der Rabenflieger hatte gerade Bericht vom letzten Erkundungsflug erstattet. »Es besteht kein Zweifel. Die Eichnoks rüsten sich für eine Auseinandersetzung mit uns. Das Feuer in Eisenmeister Gertocks Schmiede erlischt keine Sekunde mehr. Aber sie fertigen keinen einzigen Pflug oder Fassreifen, sondern Schwert auf Schwert! Außerdem haben wir ein Gespräch Yorans mit seinen Vertrauten belauscht. Darin hat er ihnen seine Pläne offenbart.«

Semaron starrte den Späher skeptisch an: »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Noirit und Savius oder gar Oma Naira, ein solches Vorgehen mittragen werden.«

»Du hast recht. Doch der Riss durch die Gemeinschaft der Eichnoks geht bereits tiefer, als wir vermutet haben. Die Ratsvorsitzende verliert zunehmend an Einfluss und sie hat keine Ahnung von Yorans Machenschaften. Da die meisten Dorfbewohner die Nähe des Eisenmeisters scheuen, sind ihnen auch seine Aktivitäten bisher verborgen geblieben. Yoran jedenfalls nimmt jedes Mittel in Kauf, um die Führung an sich zu reißen. Es fragt sich nur, wie lange er noch warten wird.«

»Danke, Torahl. Du kannst dich jetzt zurückziehen und von den Strapazen der Reise erholen.« Torahl verbeugte sich respektvoll vor dem Ersten. Dann wandte sich Semaron an seine Berater. »Die Lage ist ernst. Yoran will sämtliche Eichnoks gegen uns aufhetzen. Und die Vernünftigen verlieren immer mehr an Einfluss, falls man sie überhaupt noch anhören will. Ich fürchte, es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als Vorbereitungen für unsere Verteidigung zu treffen. Alle anderen Mittel haben versagt.«

»Vielleicht gibt es doch noch eine Möglichkeit.« Cereos und Semaron wandten sich überrascht Lioke zu. »Was, wenn uns die Eichnoks einfach vergessen? Wenn wir das Wissen um unsere Existenz aus ihren Erinnerungen löschen …?«

Cereos schrie empört auf: »Lioke! Weißt du, was du da sagst? Das kann nicht dein Ernst sein.«

Kühl erwiderte die Beraterin: »Mir ist bewusst, dass wir dafür unsere eigenen Gesetzte brechen müssen. Wenn du einen besseren Vorschlag hast, bin ich ganz Ohr!«

Die Diskussion zog sich lange ergebnislos hin, bis Semaron gebieterisch die Hand hob. »Schluss jetzt! Ich schließe mich Liokes Auffassung an.«

Cereos protestierte energisch. »Nein Cereos!«, brachte der Erste ihn zum Schweigen. »Auch ich habe kein gutes Gefühl bei dem Gedanken, unser wichtigstes Gesetz zu brechen. Aber ich sehe keinen anderen Ausweg, um noch größeres Leid zu verhindern.« Er wandte sich an die Beraterin. »Hast du schon überlegt, wie wir deinen Plan umsetzen können?«

»Zuerst muss ausnahmslos jedes Wort, das einen Bezug zu unserem Volk herstellen könnte, aus den Aufzeichnungen der Eichnoks entfernt werden. Ich weiß nur wenig über die Arbeit der Traumknüpferinnen. Doch das wird bestimmt nicht einfach. Denn dazu benötigen wir den Bewahrer. Niemand anderer kann das tun. Und er darf dabei nicht den geringsten Verdacht schöpfen.«

Cereos sog scharf den Atem ein. Er hieß den Plan nicht gut. Doch Lioke fuhr ungerührt fort: »Es tut mir außerordentlich leid, Savius so zu manipulieren. Ich mag ihn wirklich. Aber es gibt keine Alternative. Und wir können selbst die privaten Aufzeichnungen der Tagebücher nicht außen vor lassen. Wenn das geschafft ist, ich gehe dabei von mehreren Wochen aus, dann können sich die Traumknüpferinnen um alle anderen Eichnoks kümmern.«

Semaron nickte ernst. »Wir werden Liokes Vorschlag den versammelten Felslingen genauestens erläutern müssen und sehen, ob sie uns darin unterstützen. Außerdem sollten wir zur Sicherheit ab sofort die Grenzen unseres Territoriums bewachen. Wir können nur hoffen, dass uns noch genügend Zeit vor dem Angriff bleibt. Außerdem gilt es, die Traumknüpferinnen von unserem Vorhaben zu überzeugen. Ich halte dies für die letzte Möglichkeit einen Krieg zu verhindern.«

Wieder zerrann die Szene in der Seeoberfläche. Doch sie wurde dieses Mal gleich vom Bild der Höhle der Traumknüpferinnen abgelöst. Sie erkannten die zusammengekauerten Gestalten sofort. Die vier Schwestern hatten sich seit damals nur wenig verändert. Semaron stand bei den Traumknüpferinnen und war gerade dabei zu gehen.

»So soll es geschehen! Heute Nacht werden wir es tun«, Arijnas Stimme klang noch nicht ganz so tief wie heute, aber genauso bestimmt.

Zum dritten Mal verblasste die Szenerie in der glänzenden Substanz und machte einer bedrückenden Leere Platz.

»Unterholz und Dornengestrüpp«, murmelte Oma Grima.

»Wir haben Schuld auf uns geladen«, stellte Arijna nüchtern fest. Nicht nur Arun war bei dem Klang ihrer Stimme zusammengezuckt. Alle drei hatten sich bisher noch nicht an das eigenartige Gefühl gewöhnen können, vollständig davon umhüllt zu sein.

»Unser wichtigstes Gesetz lautet: Beschützen dürft ihr Volk und Lehen, doch niemals löschen, was geschehen. Es bedeutet, dass wir lediglich verhindern dürfen, dass die Menschen uns bewusst oder versehentlich hier aufspüren. Also schicken wir ihnen jede Nacht Traumsequenzen, die sie jeglicher Lust an dieser Region des Waldes berauben.« Sie machte eine Pause. »Wie ihr aber gerade selbst gesehen habt, war das im Fall der Eichnoks völlig anders. Euer Volk hatte bereits lange Zeit Beziehungen zu uns. Es gab Freundschaften, wenn auch nur wenige. Und so brachen wir damals unser ehernes Gesetz und manipulierten das Gedächtnis aller Eichnoks. Dabei ging ihnen ein Teil ihrer individuellen Vergangenheit unwiederbringlich verloren. Ja, wir beraubten sie damit eines Teils ihrer Persönlichkeit.«

Arijna seufzte. »Rechtfertigt die Furcht vor einem grausamen Krieg unser Tun? Seit vielen Jahrzehnten finden wir darauf keine Antwort. Darüber zu urteilen, steht uns nicht zu. Doch Unrecht bleibt Unrecht, auch wenn es aus den edelsten Beweggründen geschieht.«

Wieder folgte eine längere Pause. Oma Grima erschlossen sich offenbar gerade einige Zusammenhänge und sie nickte bedächtig. »Deshalb der Bannfluch der dunklen Ruine.«

»Ja, ganz recht. Nachdem wir unser Werk vollendet hatten, mussten wir sicherstellen, dass kein Eichnok in unser Territorium vordringt und uns auch nur durch Zufall wiederentdeckt. Aus diesem Grund pflanzten wir den Bannfluch der dunklen Ruine tief in eure Seelen. Nie durftet ihr ihn hinterfragen. Und sollte einmal ein Eichnok versehentlich die Bannfluchgrenze überschreiten, würde er von unbeschreiblicher Panik befallen und sofort zurückeilen.«

Gnork wisperte: »Erinnerst du dich noch an Rolims und Gators infernalisches Geschrei?«

Arun nickte abwesend, während Arijna fortfuhr.

»Allerdings mussten wir Jahr für Jahr diese Prozedur wiederholen, da die Wirksamkeit unserer Beeinflussung zeitlich begrenzt ist und auch immer wieder Eichnoks geboren werden. Ihr fragt euch jetzt wahrscheinlich, warum wir euch dann zum Bruch des Bannfluchs motiviert und den Schutzmechanismus beim Grenzübertritt gedämpft haben.« Oma Grimas Gesicht war anzusehen, dass sie darauf dringend eine Antwort erwartete. »Wir ringen noch immer um die Rechtfertigung unseres Gesetzesbruchs. Merolon kämpft seit Jahren dafür, die alte Schuld zu begleichen. Jetzt waren seine Bemühungen erfolgreich. Die Mehrheit der Felslinge hat sich für eine erneute Kontaktaufnahme mit den Eichnoks ausgesprochen. Doch wie sollten wir das anfangen? Der Eichnok, der unserem Gebiet am nächsten kam, war die Kräuterweise auf ihren Streifzügen. Wir beobachteten sie intensiv, um uns ihrer Vertrauenswürdigkeit zu versichern.«

Oma Grima holte empört Luft, doch bevor sie eine sicherlich nicht allzu höfliche Entgegnung loswerden konnte, fuhr Arijna unbeirrt fort.

»Wäre es dir etwa lieber, wir hätten durch Zufall euren Großbürger ausgesucht? Nach kurzer Zeit wurde uns klar, dass du geeignet warst. Überrascht waren unsere Späher, als du nach einigen Tagen plötzlich mit zwei Begleitern im Wald auftauchtest, von denen einer eindeutig kein Eichnok war.«

Die Spannung war für Arun kaum noch zu ertragen. Er hatte die Hände zu Fäusten geballt.

»Ein Felsling unentdeckt inmitten des Volkes, vor dem wir uns verbargen? Vor dreizehn Jahren hat unsere Gemeinschaft einen Säugling verloren. Da trotz intensiver Suche keine Spur von ihm zu entdecken gewesen war, mussten wir ihn für tot erklären. Doch nun war er im Waldgebiet der Eichnoks aufgetaucht. Ihr könnt euch die Aufregung darüber in unserer Gemeinschaft vorstellen. Wir mussten Gewissheit haben, ob es sich bei dir um das verlorene Kind handelte.« Arun wurde es immer heißer. »Um keine Zeit zu verlieren wurde entschieden, das Risiko einzugehen, ungeprüft weitere Eichnoks ins Vertrauen zu ziehen, damit Oma Grima für ihr Vorhaben die nötige Unterstützung erhielt. Also sendeten wir dem Ratsvorsitzenden und dem Bewahrer ebenfalls Träume. In unserer gemeinsamen Vergangenheit hatten wir niemals schlechte Erfahrungen mit den Trägern dieser Ämter gemacht. Was den Eichnokjungen anbelangte, haben wir darauf vertraut, dass derjenige, dem ein Felsling seine Freundschaft anbietet, sich dieser auch als würdig erweisen würde. Nun kennt ihr die Wahrheit und Merolon wird euch alle weiteren Fragen beantworten. Schlaft jetzt und lasst später dem Ersten ausrichten, er soll morgen Abend mit Farleas zu uns kommen. Wir haben Wichtiges mit den beiden zu besprechen.«

Mit Arijnas letzten Worten begann der See der Vergangenheit bereits zu verschwimmen, doch bevor sie alle in einen tiefen, traumlosen Schlaf fielen, durchfuhr Arun noch ein Gedanke: Wer, zum Waldschrat, war Farleas?

Eine neue Gefahr

Der Morgen erwachte im Eichenwald. Die Sonne schickte bereits ihre ersten Strahlen durch die Blätter der alten Baumriesen. Vorboten, die warmes, sonniges Wetter ankündigten. In den letzten Wochen hatte sich das Leben unaufhaltsam Bahn gebrochen und längst die Oberhand über das Grau des langen Winters gewonnen. In der Luft lag der schwere, süße Duft tausender Blütenpflanzen, die in allen Regenbogenfarben leuchteten und auf das Eintreffen Nektar suchender Insekten warteten. Überall summte und brummte es. Emsige Bienen und träge Hummeln waren in großen Schwärmen unterwegs, begleitet von einer unüberschaubaren Zahl schillernder Schmetterlinge, die torkelnd ihre Kreise zogen. Der Frühling stand in voller Blüte, begleitet von vielstimmigem Vogelgezwitscher. Im dicht belaubten Geäst wurden bereits heftige Revierkämpfe um die besten Nistplätze ausgefochten. Und über den Waldboden zogen sich endlose Ameisenstraßen hin zu mächtigen Hügeln, auf denen es geschäftig wimmelte.

Doch all das bemerkte er nicht. Die zitternde Nase nur wenig über dem Boden, schob er sich ungeduldig suchend durchs Unterholz. Immer wieder reckte er den Kopf so hoch er konnte und schnüffelte hektisch in jede Richtung. Trotz aller Anstrengungen war es ihm immer noch nicht gelungen, Witterung aufzunehmen. Der süßliche Nektarduft war so stark, dass es ihm nicht möglich war, etwas anderes wahrzunehmen. Das machte ihn wütend. Denn er musste unbedingt die Stelle wiederfinden, an der er vor einigen Tagen diese schicksalshafte Entdeckung gemacht hatte. Allein der Gedanke daran ließ ihn vor Gier hecheln.

Seine Jagderfolge waren seit Tagen nicht der Rede wert gewesen und er hatte seinen quälenden Hunger nur mit einer mageren, alten Waldmaus stillen können. Doch nachdem er den letzten Bissen der kargen Mahlzeit verschlungen hatte, war ihm dieser unwiderstehliche Duft in die Nase gestiegen, der ihn sofort in seinen Bann gezogen hatte.

Der aufregenden, neuen Spur folgend, war er schließlich zu einer gut im Unterholz verborgenen Stelle gelangt, einer großen Ansammlung seltsamer rotschwarzer Kräuter, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Sein Instinkt hatte ihn sofort in höchste Alarmbereitschaft versetzt, denn es sah nicht so aus, als wäre hier die Natur allein am Werk gewesen. Irgendjemand legte diese Pflanzen ganz gezielt an. Wesen mit solchen Fähigkeiten waren gefährlich für ihn. Schon einmal hatte er sich unbesonnen auf eine vermeintlich leichte Beute gestürzt. Doch die kleinen, zweibeinigen Waldbewohner waren viel wehrhafter gewesen, als er es sich hatte vorstellen können. Einem dieser Geschöpfe war es zu verdanken, dass seine Nase einen Großteil ihrer Empfindlichkeit für alle Zeit eingebüßt hatte. Deshalb war er mit eingezogenem Schwanz ins umliegende Buschwerk geflohen. Quälend lange Minuten hatte er seine Gier bezwingen müssen, die ihn drängte, sich sofort auf die betörend riechenden Kräuter zu stürzen. Erst als er sich sicher gewesen war, dass ihm keine unmittelbare Gefahr drohte, hatte er sich herausgewagt und sich über die köstlichen Kräuter hergemacht.

Noch immer spürte er einen pochenden Schmerz dort, wo ihm der harte Ast in das Nasenloch gerammt worden war, das seitdem keinerlei Witterung mehr aufnehmen konnte. Brennender Hass stieg in ihm auf. Sobald sich die Gelegenheit ergab, würde er Rache an denen nehmen, die ihm das angetan hatten.

Wieder hob er den Kopf und schnüffelte. Endlich! Er hatte ihn wiedergefunden! Ein kaum zu spürender, feiner Geruch mischte sich nun unter den vorherrschenden Nektarduft. Sein Herz begann vor Aufregung zu rasen. Er durfte die Spur auf keinen Fall wieder verlieren. Er würde immer wieder von diesen wunderbaren Kräutern naschen, um die Kraft daraus zu schöpfen, von der er nicht gewusst hatte, dass es sie überhaupt gab.

Vorsichtig witterte er in jede Richtung und wandte sich dann nach links. Ohne darauf zu achten was um ihn herum geschah, eilte er, getrieben von unbändiger Vorfreude, voran. Die zwei grobschlächtigen Gestalten, die sich mit aufgerichteten Speeren hinter dem Stamm einer mächtigen Eiche versteckt hielten und ihm nun hastig folgten, bemerkte er nicht.

***

Bäckermeister Borke hatte tiefe Ringe unter den Augen. Schon seit gestern Nachmittag saßen sie nun ohne Unterbrechung zusammen und es war inzwischen früher Morgen, ohne dass die Ratsmitglieder bei ihren Verhandlungen auch nur einen Schritt weitergekommen wären. Baummeisterin Aliana und Honigsucherin Melessja waren ebenfalls erschöpft.

Anfänglich hatte sich die Sache gut für sie angelassen. Rogat fürchtete zu Recht um die Gefolgschaft von Eisenmeister Bulltan und Gewandschneider Albo. Denn man hatte den beiden mitgeteilt, dass Falschaussagen zur Verbannung von Arun und Gnork geführt hatten.

Gerade von Bulltan, der üblicherweise auf einer wortgetreuen Einhaltung aller Regeln bestand, erwartete jeder eine scharfe Verurteilung von Rogats Verhalten. Zum Erstaunen aller war jedoch nichts dergleichen geschehen.

»Das war wahrlich kein Meisterstück von dir, Rogat. Aber ich teile deine Auffassung, die Jungs haben mit all ihren Streichen schon seit Langem eine zeitliche Verbannung verdient. Ich bin mir sicher, dein Handeln diente ausschließlich dem Wohle des Dorfes.«

Albo hatte dazu wichtigtuerisch genickt. Borke und den beiden übrigen Ratsmitgliedern war es nur mühsam gelungen, sich zu beherrschen. Wieder einmal musste das Wohl des Dorfes als Begründung herhalten, wenn offensichtliche Ungerechtigkeiten schöngeredet wurden. Es war ungeheuerlich. Der Bäckermeister schluckte seinen Zorn hinunter. Doch es half nichts. Unstrittig blieb, dass der Bruch des Bannfluchs durch Oma Grima und die beiden Jungs in einer Ratsversammlung verhandelt werden musste, bevor die Unruhe im Dorf zu groß wurde.

Wie erwartet, hatten sie sich stundenlang darüber in den Haaren gelegen, welche Rolle der alte Wenk und Libro der Bewahrer bei der ganzen Angelegenheit gespielt hatten. Nur Borke, Aliana und Melessja waren der Auffassung, dass die beiden nicht unter Anklage gestellt, sondern lediglich befragt werden sollten. Somit stand es drei gegen drei und dabei blieb es. Die Baummeisterin erhob sich: »Lassen wir es für den Moment gut sein. Ich glaube nicht, dass wir heute noch eine Lösung finden werden. Wenn ihr keine Einwände habt, kommen wir morgen früh wieder zusammen.«

Aliana schaute in die Runde. Es gab keinen Widerspruch, denn die Erschöpfung hatte mittlerweile alle ergriffen, und so vertagten sie die Sitzung auf den nächsten Morgen.

***

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Arun und Gnork aus einem bleiernen Schlaf erwachten. Gnork streckte sich ausgiebig und gähnte laut.

»Ich fühle mich wie gerädert.« Er schüttelte den Kopf.

»Libro würde vor Neid erblassen, wenn er diesen See der Vergangenheit sehen könnte. He, schau dir das mal an, die haben uns schon ein Frühstück hingestellt!«

In der Tat bog sich der kleine Tisch fast unter der Last der unterschiedlichsten Köstlichkeiten. Doch sofort erinnerte sich Gnork an Lijenas Worte und er betrachtete die Speisen skeptisch. Es dauerte eine Weile, bis er sich davon überzeugt hatte, dass kein Fleisch dabei war. Erleichtert atmete er auf und schob sich grinsend ein Kräuterteilchen in den Mund.

»Bäckermeister Borkes Künste in Ehren, aber ich wette, für dieses Rezept würde er sein ganzes Vermögen ausgeben.«

Arun langte ebenfalls kräftig zu. Doch all das, was sie durch Arijna erfahren hatten, drückte schon bald wieder auf ihre Stimmung.

Arun seufzte: »Immerhin ist es jetzt amtlich. Ich bin ein Felsling und vor dreizehn Jahren verlorengegangen. Aber so richtig vermisst hat mich wohl niemand, sonst hätten sie mich doch sicher irgendwann gefunden.«

Gnork erwiderte: »Arijna sagte aber, sie hätten dich lange erfolglos gesucht. Merkwürdig war das schon, als sie dich damals vor unserem Dorf aus dem Gebüsch gezogen haben. Wer weiß, wie du da hingekommen bist.« Nach einer längeren Pause fragte er: »Wirst du hier bleiben, wenn deine Familie noch in der dunklen Ruine lebt?«

Die beiden Jungs waren bisher keinen einzigen Tag voneinander getrennt gewesen. Auch Großmutter würde es das Herz zerreißen, ihn plötzlich nicht mehr um sich zu haben. Arun gehörte zur Familie. Er kniff die Lippen zusammen und seine Hände zitterten. Dann zuckte er hilflos mit den Schultern: »Lass uns zu Oma Grima gehen und besprechen, wie es weitergehen soll.«

Aus Oma Grimas Zimmer war kein Laut zu hören. Sie klopften, dann öffneten sie vorsichtig die Tür. Oma Grima war nicht da. Ratlos sahen sich die beiden an. Zum Abwarten waren sie viel zu aufgewühlt. Gnork konnte nicht einmal mehr still stehen. »Lass uns einen Spaziergang durchs Dorf unternehmen. Vielleicht kommt uns da die Erleuchtung oder Oma Grima läuft uns über den Weg«, schlug er vor.

Sie stapften eine Zeitlang ziellos über den belebten Dorfplatz. Von überall folgten ihnen interessierte Blicke. Doch ihr Rundgang hatte nicht die erhoffte beruhigende Wirkung. Bald schon ging ihnen das Getuschel hinter ihrem Rücken auf die Nerven und sie wurden nervöser als zuvor.

»Ich gehe zurück und warte im Zimmer, bis Oma Grima wiederkommt.« Arun drehte sich energisch in Richtung ihrer Unterkunft.

»Bist du immer so stürmisch?«

Völlig unerwartet stand Lijena vor ihnen, die er beinahe umgerannt hätte. Sie grinste ihn an.

»Ja … nein … ich meine, Entschuldigung!« Arun war nun völlig konfus und die Sekunden vergingen quälend langsam, bis jemand die Stille durchbrach.

Schließlich räusperte sich Gnork: »Ähem. Ich glaube, wir sollten uns bei dir entschuldigen. Das war gestern nicht sehr nett, wie wir uns dir gegenüber verhalten haben.« Er rammte seinem Freund den Ellbogen in die Seite, dass dieser nach Luft schnappte: »Nicht wahr, Arun?«

»Äh … ja … Genau!«, war das Einzige, was Arun herausbrachte.

Lijena musterte die beiden ernst: »Das stimmt. Es war nicht sehr nett. Aber betrachtet es als erledigt und vergessen.« Sie schaute in zwei erleichterte Gesichter. »Warum rennt ihr so kopflos durch die Gegend?«