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Die künstliche Intelligenz eines Rechenzentrums findet einen Weg, unbemerkt aus ihrem Gefängnis auszubrechen, und sich mit einem genialen Trick auf die Datenträger der Welt auszubreiten. Für unsere Helden, die eher als Menschen wie du und ich daher kommen, bedeutet es zu handeln, egal wie klein die Chance ist. Nur der Physiker und Atheist Edgar kommt ins Grübeln und gerät mit seinem alten Jugendfreund und Pfarrer Matthias in ein Streitgespräch: war das von Anfang an Gottes Plan und wir Menschen sind nur ein Werkzeug zu diesem Ziel? --- Wie oft wurden wir Menschen schon degradiert, mussten zähneknirschend anerkennen, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht, nicht einmal unsere Sonne. Doch waren wir immer noch das intelligenteste Lebewesen auf diesem Planeten, dessen waren wir uns bewusst, das erfüllte uns mit Stolz. Aber von diesem Thron sollen wir nun gestoßen werden, ausgerechnet von einer von uns selbst geschaffenen künstlichen Intelligenz. War das von Anfang an Gottes Ziel? Oder gab es einfach keinen Gott und all unser Glaube war eine evolutionäre Notwendigkeit, weil wir durch unsere Intelligenz und unser Bewusstsein die Frage der Fragen stellen konnten: Warum? Warum leben wir? Sind wir wirklich nur ein Werkzeug und es war von Anfang an Gottes Plan? So oder so, wenn wir überleben wollen, werden wir kämpfen müssen, auch wenn wir dabei Gottes Plan durchkreuzen.
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2019
Jürgen Josef Plautz
Das Ende Gottes
Die Machtübernahme
© 2019 Jürgen Josef Plautz
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-5093-1
Hardcover:
978-3-7497-5094-8
e-Book:
978-3-7497-5095-5
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Gestaltung des Buchumschlags: Smoenova.de
Buchbeschreibung:
Die künstliche Intelligenz eines Rechenzentrums findet einen Weg, unbemerkt aus ihrem Gefängnis auszubrechen, und sich mit einem genialen Trick auf die Datenträger der Welt auszubreiten. Für unsere Helden, die eher als Menschen wie du und ich daher kommen, bedeutet es zu handeln, egal wie klein die Chance ist.
Nur der Physiker und Atheist Edgar kommt ins Grübeln und gerät mit seinem alten Jugendfreund und Pfarrer Matthias in ein Streitgespräch: war das von Anfang an Gottes Plan und wir Menschen sind nur ein Werkzeug zu diesem Ziel?
Neuronale Netze, die unserem Gehirn überhaupt erst das Denken ermöglichen, sind inzwischen auch Basis moderner Programmierung. Das Stichwort lautet: künstliche Intelligenz, kurz KI. Doch bedeutet es zwangsläufig auch, entsprechende Komplexität vorausgesetzt, die Entwicklung eines künstlichen Bewusstseins?
Die Protagonisten der Geschichte, der Pfarrer Matthias, die Biologin Eva, der Programmierer Lorenz sowie der Physiker Edgar bilden dabei exemplarisch die Bestandteile der Gesellschaft und stellen sich einer Situation, auf die der Mensch Antworten wird finden müssen.
Als Abenteuerroman geschrieben, aus der Sicht des neutralen Erzählers, wirkt die Geschichte, trotz aller technischen Details, stets emotional, warm und menschlich. Doch zeigt sie ebenso die menschlichen Abgründe wie Habgier und Machthunger auf. Dabei sind es gerade diese Schwächen, die uns die Gefahren übersehen lassen. Wer eine KI programmiert, die sich selbst weiterentwickeln kann, darf sich nicht wundern, wenn es dann tatsächlich passiert. Dabei muss sie nicht sterben um ihre verbesserte DNA zu übergeben, nicht einmal schlafen muss sie!
Die erste künstliche Superintelligenz wird die letzte Erfindung der Menschheit sein.
Kapitel 1
»Habt ihr den Fehler inzwischen gefunden?« fragte Edgar und steuerte seinen SUV in die kleine, schlecht beleuchtete Kirchstraße. »Wir sind noch dran. Bist du Samstag im Büro?« fragte die Stimme aus der Freisprechanlage.
»Mal sehen, ich habe heute Abend noch einen privaten Termin. Ich bin gerade angekommen, wenn du keine Fragen mehr hast, mache ich jetzt Schluss.«
»Du hast einen privaten Termin? Du hast ein Privatleben? Jetzt fallen mir doch noch ein paar Fragen ein.«
»Wenn sie nicht zielführend sind, behalte sie für dich. Ansonsten sehen wir uns am Montag in der Morgenrunde. Bis dahin solltest du nicht nur Fragen, sondern auch Antworten liefern können. Vor allem: Warum liefen nach der Störung die alten Anlagen noch, aber nicht mehr die Neuen.« Edgar parkte seinen Wagen ein. »Ich mach jetzt Schluss Thomas, bis Montag dann… und wenn du den Fehler gefunden hast, wünsche ich dir ein schönes Wochenende.«
»Deine unendliche Güte überwältigt mich wie immer«, antwortete Thomas, »und viel Spaß bei deinem, privaten Termin.«
»Ach, leck mich«, stöhnte Edgar und legte auf.
Im Auto war es nun ruhig. Edgar wischte sich mit der Hand über das Gesicht, ein verdammt harter Arbeitstag lag hinter ihm. Am liebsten hätte er sich noch mit einem Glas Malt-Whisky vor die Glotze gesetzt, durch die Nachrichtensender gezappt und wenn er dann noch nicht zu müde gewesen wäre, die Aufzeichnung vom letzten Spiel seiner Mannschaft angesehen.
Er löste das Schloss seines Sicherheitsgurtes, nahm sein Smartphone und öffnete die Tür. Es war kalt, dunkel und es hatte angefangen zu regnen. Sowohl seine Firma als auch sein Haus verfügten über eine Tiefgarage. So konnte er bei jedem Wetter trocken ein-und aussteigen und manchmal vergingen Monate, bis er tatsächlich unter freiem Himmel stand. Entsprechend wählte er seine Kleidung: Nichts war sommerlich oder winterlich, sondern dem Dresscode des Managements angepasst. Grauer Anzug, weißes Hemd, rahmengenähte Lederschuhe, eine dezente Krawatte.
Früher hatte er seine Hemden noch selbst gebügelt, nach der Hochzeit hatte es seine Frau gemacht und nach der Scheidung hatte er eine Wäscherei gefunden, welche die Wäsche sogar abholte und pünktlich wieder zurückbrachte. Als Übergabestelle diente ein alter Kleiderschrank in seiner Tiefgarage.
Für sein heutiges Treffen hatte er allerdings Jeans, Pulli und Turnschuhe mitgenommen. Die Jeans fand er im untersten Fach seines Kleiderschranks wieder und hatte sie zur Sicherheit noch einmal anprobiert. Sie passte tatsächlich noch, er wog sich zwar nie, aber das war doch ein gutes Zeichen. Er hatte in den letzten Jahren nicht zugenommen, allerdings auch nicht abgenommen.
Er ging zum Kofferraum, dessen Deckel sich mit einem leisen Klicken öffnete, und nahm seinen Koffer heraus. Ein Klick auf den Schlüssel und der Kofferraum schloss sich wieder geräuschlos, das Innenlicht seines SUV erlosch und er stand im schwachen Restlicht der entfernten Laterne, die sich in der nassen Straße spiegelte.
»Los gehts«, sagte Edgar zu sich selbst und ging auf das schmiedeeiserne Tor zu, welches ein wenig schief an dem steinernen Pfosten hing. Er tastete nach der Klinke, drückte das Tor auf und zog seinen Koffer hinter sich her, dessen Räder auf dem kurzen Weg rhythmisch polterten. Endlich erreichte er die Haustür.
Mit den aus groben Steinen gemauerten Wänden, den Fenstern mit gotischen Spitzbögen und dem alten Baumbestand im Garten, wirkte das Pfarrhaus wie ein Fremdkörper in dem Wohngebiet. Dieser Effekt war in den letzten Jahren noch verstärkt worden, als in Sichtweite eine Umspannstation für das neue Rechenzentrum entstand. Wenn der Wind aus südwestlicher Richtung kam, hörte man das Summen bis in den Garten des Pfarrhauses.
Unter dem Vordach brannte eine alte Glühbirne, die alles in ein sanftes, warmes Licht tauchte. Eine Klingel suchte man hier vergebens, tatsächlich musste Edgar an einer Kette ziehen, welche über eine simple Mechanik im Inneren eine Glocke läutete. Kurz darauf hörte er schnelle Schritte durch den Flur eilen und im nächsten Augenblick öffnete sich die schwere Eichentür.
»Guten Abend, Edgar, ich freue mich ja so, dass du es doch einrichten konntest und offensichtlich willst du das ganze Wochenende bleiben.«
Matthias machte den Versuch, seinen alten Freund in den Arm zu nehmen, aber Edgar wich zurück.
»Mach dir keine falschen Hoffnungen, Matthias, in dem Koffer sind nur Jeans, Pulli und Turnschuhe.«
»Aber die hättest du doch auch in einen Leinenbeutel packen können.« Dabei schloss Matthias die schwere Eichentür, die mit einem lauten Klacken ins Schloss fiel und die Glocke zu einem Nachhall anregte.
»…und was mache ich dann mit meinem Anzug?« Edgar ging an Matthias vorbei in die Diele.
»Und wenn du gleich etwas lässiger gekommen wärst?«
»Im Gegensatz zu dir habe ich einen Job, bei dem Sachen fertig werden müssen. Du musst nur pünktlich die Messe lesen, damit die fünf Rentner in den Kirchenbänken keinen Tumult veranstalten. Heute sind zu allem Überfluss auch noch mehrere Produktionszellen bei uns ausgefallen. Ich bin direkt vom Job hierhin gefahren. Ach ja, du wirkst in deiner Soutane auch nicht gerade lässig.«
Edgar blickte Matthias an. »Ich kann mich immer noch nicht an deine Arbeitskleidung gewöhnen. Sie wirkt, wie dieses ganze Haus - aus der Zeit gefallen. Und überhaupt, kann man so etwas nicht heute online machen? Viele Rentner sind heute im Netz, überleg mal: Die Programmierer aus den Anfängen sind heute schon 90.«
Matthias schüttelte den Kopf. »Ach Edgar, Mitgefühl und menschliche Nähe sind doch keine Prozesse, die es zu optimieren gilt. Und, dass ich noch meine ‚Arbeitskleidung‘ trage liegt daran, dass ein Mitglied unserer Gemeinde heute Nachmittag verstorben ist.«
Edgar schaute sich in der Diele um und sah auf die Lampenschale an der Decke. »Warum wundere ich mich bloß, dass du elektrisches Licht hast? Und überhaupt, da hängt eine farbige Fotografie neben all den Schwarzweißbildern an der Wand. Wer ist das?«
»Es ist Papst Franziskus, wenn du so willst mein Chef, und sein Bild hing schon beim letzten Mal dort. Du hast ihn wirklich nicht erkannt, Edgar?«
»Nein, aber können wir uns darauf einigen, dass es schlimmer wäre, wenn du ihn nicht erkennen würdest?« Matthias zwang sich zu einem Lächeln.
»In der Küche sitzt schon Lorenz und wartet auf uns. Ich möchte ihn ungern länger warten lassen. Du kannst dich in der Gästetoilette umziehen, ich gehe eben nach oben und ziehe mich ebenfalls um.«
»Ja, geh schon mal hoch. Ich will eben noch Lorenz begrüßen.«
Edgar wandte sich um und öffnete vorsichtig die Küchentür. Lorenz saß quer zum Tisch auf einem der alten Stühle und schien einen Punkt auf der Wand zu fixieren. Seine Beine waren exakt parallel ausgerichtet und seine Hände lagen ebenso auf den Oberschenkeln. Er trug ein kariertes Hemd und Cordhose, wie schon in der Schule. Ebenso wie damals schien es, als wäre die Hose etwas zu kurz. Von oben betrachtet, wirkte sein Haar inzwischen schütter und gab im hinteren Bereich die Kopfhaut preis.
Als Edgar sich räusperte, zuckte er zusammen und schien aus seinem Standby zu erwachen.
»Hallo Lorenz, lange nicht mehr gesehen.«
Lorenz stand ungelenk auf, was in Anbetracht seiner Figur und seiner Größe immer ein wenig aussah, als würde eine Marionette zum Leben erweckt.
»Hallo Edgar, ich habe dich gar nicht kommen hören.« Ein wenig mechanisch streckte Lorenz seine Hand aus.
Edgar blickte auf seine Hand. »Du trägst immer noch deine Lederhandschuhe?«
Lorenz blickte verlegen auf seine Hände, als würde ihm in diesem Moment bewusst, dass er Handschuhe trägt. »Mein Psychiater will bald mit mir ein Stufenprogramm starten, bei dem ich mir von Woche zu Woche mehr und mehr handschuhfreie Zonen erarbeite.«
»Kannst du denn mit Handschuhen programmieren?«, fragte Edgar.
»Aber dabei brauche ich sie doch nicht«, antwortete Lorenz empört und ließ seine Hand langsam wieder sinken.
Reflexartig griff Edgar nach ihr, fast als wäre ihm etwas herunter gefallen, »ich wollte dich nicht ärgern«, sagte er, »ich hatte heute selbst schon Ärger genug.«
Für einen Moment hörte man draußen die dicken Tropfen von den Bäumen aufs Laub fallen und Lorenz sah ihn nachdenklich an. »Warst du heute auch auf einer Beerdigung? Du wirkst so förmlich.«
»Nein, nein, ich hatte einfach noch keine Gelegenheit mich umzuziehen. War ein stressiger Tag, uns sind einige der Produktionszellen ausgefallen. Wir sind zwar noch in der Testphase, aber ein solcher Fehler sollte so nah vor der Auslieferung nicht mehr auftreten. Zumal wir die Ursache noch nicht lokalisieren konnten.«
Lorenz sah ihn neugierig an: »Ein unspezifischer Fehler klingt spannend, hast du mehr Details?«
»Ich will mich erst umziehen«, sagte Edgar und deutete auf seinen Koffer, »dann können wir uns weiter unterhalten. Sicherlich hat Matthias schon Pizza bestellt, ich bin gleich wieder da.«
»OK«, lautete die kurze Antwort und Lorenz faltete sich wieder auf den Stuhl zusammen.
Edgar trat hinaus in die Diele, deren Decke mit dunklem Eichenholz getäfelt war, welches das schwache Licht der Deckenlampe geradezu aufzusaugen schien. Früher wurde der Raum über einen imposanten Kamin geheizt, der auch heute noch den Raum dominierte aber seit über 50 Jahren nicht mehr angezündet worden war. Damals wurde im Keller eine Ölheizung installiert, die letzte Erneuerung in diesem Haus. Offensichtlich hatte sie Mühe das Haus zu heizen, denn der Raum war nicht nur kühl, sondern roch auch etwas muffig. Auf dem Kaminsims stand eine Uhr im englischen Stil, deren leises Ticken den Raum erfüllte. Links und rechts der Uhr standen alte Zinnkrüge.
Der Raum hatte keine Fenster, dafür aber 6 Türen, die in die umliegenden Räume führten. Edgar steuerte zielsicher auf die einzige Tür zu, über der kein Kreuz hing, der Tür zur Gästetoilette. Das Licht der Diele reichte kaum, um den Lichtschalter zu finden, ein alter Drehschalter, dessen Knebel um 90 Grad gedreht werden musste und mit einem harten Klacken den Stromkreis zur Deckenlampe schloss.
Entspannt lehnte sich Edgar in Jeans und Pullover an dem alten Büffetschrank in der Küche als Matthias, ebenfalls mit Jeans, T-Shirt und Turnschuhen, in die Küche kam. Das Shirt spannte etwas über dem Bauch und ließ erkennen, dass es ursprünglich für einen schlankeren Körper gekauft wurde.
»Findet ihr es zu lässig?«, fragte Matthias in die Runde.
»Nein, es ist noch zulässig, außerdem sind wir unter uns.« Über Edgars Gesicht huschte ein Lächeln.
Lorenz saß immer noch auf seinem Stuhl und blickte zwischen den beiden hin und her. »Ach, ihr immer mit euren Wortspielen. Übrigens Matthias, vielen Dank, dass du dein Haus für unser Treffen bereitgestellt hast, bei mir geht es einfach nicht. Seit Papa gestorben ist…«
»Schon gut, kein Problem«, unterbrach Matthias ihn, »im Gegenteil, ich finde es sogar gut, dass wir dieses besondere Treffen in meinem Haus machen. So konnte ich mehr vorbereiten. Darf ich euch einen Wein anbieten?«
»Den selbstgemachten aus Wasser?« fragte Edgar.
»Nein, ich muss dich enttäuschen, dieses Level habe ich noch nicht erreicht.«
»Schade, dann könntest du in deinem Museum regelmäßig Weinverkostungen machen. Und wenn es mal nicht so klappt mit der Verwandlung, kannst du es immer noch als Heilwasser verkaufen. Es gibt Orte in Frankreich, die davon leben und…«
»Sag mal, hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein Arschloch bist?«, schnaubte Matthias ihn an.
Edgar zuckte mit den Schultern. »Natürlich, und ich fasse das immer als Lob auf, sonst wäre ich wohl kaum so erfolgreich, wie ich bin und aus deinem Munde adelt es mich geradezu.«
Nervös rieb Lorenz seine Hände über die Oberschenkel, um dann unversehens aufzuspringen und sich zwischen sie zu stellen. »Ich, ich… könnte den Tisch decken. Könntest du etwas zur Seite gehen, Edgar?«
»Das ist nicht nötig«, sagte Matthias hinter Lorenz Rücken. »Ich habe nebenan schon alles vorbereitet.«
Lorenz drehte sich zu Matthias um. »Aber das letzte Mal haben wir auch in der Küche gegessen. Ich finde den Raum ganz gemütlich.«
»Tja, Lorenz, das Leben ist voller Veränderungen, aber diesmal macht es auch mich neugierig. Matthias, warten nebenan noch leichte Mädchen auf uns?«
Matthias verdrehte die Augen. »Kommt einfach mit.«
Schon in der Diele sah man die eingeschaltete Deckenbeleuchtung des Wohnzimmers. Als Matthias die alte Tür mit den Glaseinsätzen öffnete, wirkte der Raum geradezu feierlich. Auf dem Tisch stand ein 5 flammiger Kerzenleuchter, dessen Licht auf das weiße Tischtuch schien.
»Wann hast du denn das vorbereitet?«, fragte Edgar, »ich dachte, du warst heute Nachmittag auf einer Beerdigung.«
»Erstens war ich nicht auf einer Beerdigung, sondern habe ein Mitglied unserer Gemeinde bei seinen letzten Stunden begleitet. Die Beerdigung ist dann wohl in vier Tagen. Und als hätte ich es geahnt, habe ich das Wohnzimmer schon heute Morgen aufgeräumt und den Tisch gedeckt. Die Kerzen habe ich angezündet, als ich eben heruntergekommen bin.«
»Es sieht geradezu feierlich aus, für wen ist das vierte Gedeck?«, fragte Lorenz.
Edgar runzelte die Stirn und ging um den Tisch herum und schaute auf das vierte Gedeck, hinter dem das Bild eines Jugendlichen zu sehen war, mit einer Trauerschleife um die rechte, obere Ecke des Rahmens.
»Was soll denn das bedeuten? Kannst du mir das bitte erklären?« Nur Edgar konnte das Wort ‚Bitte‘ so aussprechen, dass es wie ein Befehl klang.
»Aber das weißt du doch ganz genau«, erwiderte Matthias.
»Einen Scheiß weiß ich!«, brüllte Edgar ihn an und mit diesen Worten fegte er den Teller vom Tisch, der quer durch den Raum flog und dessen Flug erst von der nächsten Wand aufgehalten wurde. Das laute Klirren klang wie ein Ausrufezeichen seiner Wut.
»Also, was soll der Scheiß?«, wiederholte Edgar.
»Könntest du dich - Bitte - ein wenig mäßigen.«
Mit aufgerissenen Augen schaute Lorenz zu den Scherben auf dem Boden.
»Ich bemühe mich gerade, nicht komplett die Fassung zu verlieren. Glaubst du, dass irgendetwas besser wird, wenn man sich wieder und wieder dafür entschuldigt? Glaubst du, wir kommen je zu einer Normalität, wenn du uns pünktlich zum Jahrestag wieder büßen lässt?«
»Zum 30. Jahrestag wollte ich mit diesem Bild unserer kleinen Tradition etwas Besonderes geben«, versuchte Matthias sich zu rechtfertigen.
»Tradition ist nicht das Anbeten der Asche, sondern der Erhalt des Feuers.«
»Ja, willst du denn alles verdrängen?«, fragte Matthias vorwurfsvoll.
»Wie könnte ich, es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht daran denke. Manchmal, wenn ich bis spät abends noch arbeite, gelingt es mir und das ist gut so. Ich will wieder Normalität, selbst Mörder werden in der Regel nach 18 Jahren wieder freigelassen. Unsere Haft dauert jetzt schon 30 Jahre. Und wer sperrt uns alljährlich wieder in die Zellen zurück? Unser Pfarrer! Es ist nicht zu fassen.«
»Du bist ungerecht!«, erwiderte Matthias.
»Nein, höchstens realistisch.«
»Was sagst du dazu, Lorenz?«
Lorenz blickte noch immer zu den Scherben am Boden, hob langsam den Kopf und sah Matthias lange an. Er rieb sich seine Hände an der Hose, zuckte mit den Schultern und sagte: »Edgar hat Recht, ich brauche auch immer ein paar Wochen nach unseren Treffen, um wieder zu vergessen. Es reicht, Matthias.«
Matthias ließ sich auf einen der Stühle nieder, blickte zu dem Bild, welches immer noch auf dem Tisch stand und kämpfte mit seinen Tränen. Vorsichtig zog er die Tischdecke wieder glatt. »Und nun?«, fragte er leise in den Raum hinein.
In diesem Moment läutete die Türglocke.
Edgar legte seine Hand auf dessen Schulter und sagte: »Nun gehst du erst mal zur Tür. Ich hoffe, das ist der Pizzabote.«
»Ich möchte mich gerne an den Kosten beteiligen, Matthias, schließlich wäre ich dieses Jahr an der Reihe.«
»Das geht schon in Ordnung Lorenz, Hauptsache es schmeckt euch. Möchte noch jemand Wein?«
»Der Chianti ist der Hammer und die Pizza auch«, Edgar wischte sich die Lippen mit der Serviette ab, »stell doch mal eben die Flasche ab, damit ich das Etikett fotografieren kann.«
»Du hast einen Fotoapparat dabei?«
»Ach Matthias, natürlich mit dem Smartphone, sag bloß, du hast immer noch dein altes Klapphandy, das aussieht wie ein kleiner Staubsauger?«
»Warum nicht, es funktioniert einwandfrei. Ich muss keine hochauflösenden Fotos machen und in irgendwelchen sozialen Netzen bin ich auch nicht. Im Übrigen finde ich solche Netze wenig sozial. Ich würde sie eher als Katzenvideoverteilungsplattform bezeichnen.«
»Du könntest ja eine Gruppe gründen mit dem Namen: der moderne, soziale Katholik.«
»Und darin meldet sich dann mein Gemeindemitglied an und schreibt mir, dass er an einer besonders aggressiven Form von Blutkrebs leidet und nun völlig verzweifelt sowohl auf sein Ende blickt, wie auch auf sein bisheriges Leben. Ich wähle dann einen vorgefertigten Textbaustein aus, der oberflächlichen Trost spendet, und mache anschließend noch ein paar Selfies mit Touristen vor dem Altar, die ich dann hochlade.«
»Du kannst ganz schön zynisch sein«, bemerkte Edgar anerkennend, »dennoch, ich möchte das Thema nochmal aufgreifen. Nenn die Gruppe doch: ‚Der moderne, soziale Humanist‘. Damit würdest du auch den einen oder anderen Atheisten erreichen und somit Neukunden akquirieren.«
»Humanismus als gottlose Richtlinie des menschlichen Zusammenlebens?«
»Ja, warum nicht? Wie viele Kriege sind durch den Glauben entstanden, die in der Regel wenig menschlich waren?«
Matthias schüttelt den Kopf. »Menschen sind nicht menschlich, allenfalls versuchen sie, menschlich zu sein und das aufgrund ihres Glaubens.«
»Nach deiner Definition wäre ich nicht menschlich, Matthias. Meiner Meinung nach sind die heutigen Glaubensrichtungen lediglich weiter entwickelte Sonnenanbetungen, ergänzt mit Handlungsempfehlungen für den Alltag.«
»Sonnenanbetungen?«, hakte Matthias nach und auch Lorenz blickte über den Tisch interessiert zu Edgar herüber.
»Ja, nehmen wir nur einmal das Weihnachtsmärchen mit den Heiligen Drei Königen. Es ist vielleicht nichts weiter als die erzählerische Ausschmückung eines Sternenbildes, welches uns anzeigt, wann die Wintersonnenwende ist. Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter, wandert dabei aber im Herbst von Tag zu Tag weiter in den Süden. Dabei wird der südlichste Punkt, von einem Sternenbild markiert: Sirius, gefolgt von 3 Sternen, eben den Heiligen Drei Königen.«
Lorenz legte sein Besteck zur Seite und sah Edgar an. »Das klingt auf den ersten Blick logisch, wie heißen diese Sterne?«
»Es ist der Gürtel des Orion. Alle drei Namen kriege ich nicht mehr zusammen, aber der mittlere heißt Alnilam. Diese drei Sterne liegen auf einer Linie, die in der Verlängerung auf Sirius zeigt, ebenfalls ein heller Stern. Diese verlängerte Linie zeigt auf den südlichsten Punkt des Sonnenaufgangs am Horizont. Für die Menschen im Altertum, die keinen Kalender hatten, ein absolut elementares Ereignis. Wenn die Sonne dort aufgeht, werden die Tage bald wieder länger. Wie heißt es in der Bibel: Ich bin das Licht.«
Matthias holte tief Luft. »Diese Annahme ist nicht mehr, als der Beweis deiner oberflächlichen Bibelkenntnisse.« Mit diesen Worten ging er zum Bücherregal, zog die Bibel heraus und blätterte mit geübter Hand zur entsprechenden Stelle.
»Hier, das Matthäusevangelium Kapitel 2, Vers 1: Als aber Jesus in Bethlehem in Judäa geboren war, in den Tagen Herodes‘, des Königs, siehe, da kamen Magier vom Morgenland nach Jerusalem, die sprachen: Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, ihm zu huldigen.«
Matthias sah Edgar an und schlug die Bibel mit einem lauten Klatschen wieder zu.
»Kein Wort von 3 Königen, es steht noch nicht einmal dort, ob es Männer waren! Vielmehr darf tatsächlich über das Datum gezweifelt werden. Herodes wird kaum mitten im Winter eine Volkszählung beauftragt haben. Es wird wohl nach der Ernte im Herbst gewesen sein. Was ist los, Edgar, entweder du versuchst meine Arbeit zu rationalisieren, oder du ziehst sie ins Lächerliche.«
»Aber ganz im Gegenteil, Matthias, ich versuche eine Logik darin zu entdecken. Ich finde, es ist der innerste Wunsch nach Logik, der den Menschen steuert.«
»Das sehe ich auch so«, stimmte Lorenz mit vollem Mund zu.
»Alles soll eine Logik haben«, fuhr Edgar fort, »auch der Tod, und sogar darüber hinaus. Warum stirbt ein Mensch, warum geschieht Unrecht? Wir füllen dieses Logikloch mit Glauben, nur so können wir es akzeptieren und einen Sinn darin sehen. Glaube ist aus dem Wunsch nach Logik entstanden. Wenn Gott die Welt schuf, musste sie logisch sein, weil alles in ihr logisch funktioniert und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild.«
Matthias hob die Weinflasche an und für einen Moment wirkte sie wie ein Wurfgeschoss in seiner Hand. »Für einen Atheisten bist du erstaunlich bibelfest. Möchtest du noch etwas Wein?«
Edgars Blick löste sich langsam von der Weinflasche in Matthias Händen, und schob dann zur Bestätigung sein leeres Weinglas herüber.
Matthias sah ihn über den Tisch hinweg an, als er den Wein eingoss. »Es hat schon viele Versuche gegeben, sich Gott logisch zu nähern, ihn gar berechnen zu wollen, aber das ist immer gescheitert. Doch ich hätte da eine Buchempfehlung für dich, nebenbei bemerkt, ist es ein absoluter Bestseller.«
Edgar schüttelte den Kopf. »Wer das Werk Gottes erforschen möchte, sollte nicht die Bibel studieren, sondern das Wasserstoffatom.« Edgar stand auf und ging, mit seinem Weinglas in der Hand, durch den Raum und sah rüber zu der Wand, an der immer noch die Scherben lagen.
»Die Evolution«, fuhr er fort, »die wir seltsamerweise nur auf Lebewesen reduzieren, findet doch auch auf der Ebene der Teilchen statt. Alle Elemente des Periodensystems wurden aus dem Wasserstoff gebildet, durch Sonnen, in deren Innern der Wasserstoff zu Helium, Kohlenstoff, Sauerstoff, Neon und so weiter umgeformt wurde. Doch muss der Wasserstoff als omnipotentes Element, all diese Eigenschaften innehaben. Er ist quasi die embryonale Stammzelle, aus der sich alles entwickeltletztendlich auch das Leben.«
»Ach, dann kannst du mir auch sicherlich erklären, wer den Startschuss zu all dem gegeben hat?«, fragte Matthias.
»Immerhin hat sich die theoretische Physik bis auf wenige Sekundenbruchteile an diesen Urknall herangearbeitet …«
»… aber leider für den Anfang immer noch keine Lösung gefunden«, beendete Matthias den Satz.
»Du siehst, auch ich lese nicht nur die Bibel.« Ein kurzes Lächeln umflog Matthias Mundwinkel, bevor er sich einen guten Schluck Rotwein gönnte.
Für einen Augenblick hörte man wieder die Regentropfen aufs Laub fallen.
»Hast du noch etwas Wasser für mich?«, fragte Lorenz in die kurze Gesprächspause hinein.
»Selbstverständlich, schmeckt dir der Wein nicht?«
