Das Ende ist nah - Amir Gudarzi - E-Book

Das Ende ist nah E-Book

Amir Gudarzi

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Beschreibung

Ein notwendiges Buch, vor dem man sich beim Lesen verneigen möchte Während der Proteste im Iran 2009 ist der Student A. gezwungen, sein Land zu verlassen. Die Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend voll Gewalt nimmt er mit. Aus einem Künstler wird ein Flüchtling in Österreich, der offen verachtet wird und in Lagern und Heimen nicht nur Einsamkeit und Verzweiflung, sondern auch Hunger und Demütigung ertragen muss. In Wien trifft er auf Sarah, die sich Hals über Kopf in ihn verliebt. A., der sich nicht öffnen kann, ist für sie Studienobjekt und Halt zugleich, obwohl er selber Halt sucht. Eindringlich und mit großer literarischer Kraft erzählt Gudarzi vom Durchhaltewillen eines Menschen auf der Flucht. Ein bedeutender Roman über Fremdheit und Außenseitertum, über Mut, die Macht der Sprache, Liebe.

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Seitenzahl: 505

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Über das Buch

Während der Proteste im Iran 2009 ist der ehemalige Student A. gezwungen, sein Land zu verlassen. Die Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend voller Gewalt nimmt er mit. Aus einem Künstler wird ein Flüchtling in Österreich, der offen und heimlich verachtet wird und in Lagern und Heimen nicht nur Einsamkeit und Verzweiflung, sondern auch Hunger und Demütigung ertragen muss. In Wien trifft er auf Sarah, die sich Hals über Kopf in ihn verliebt. A., der sich nicht öffnen kann, ist für sie Studienobjekt und Halt zugleich, obwohl er selber Halt sucht.

 

Eindringlich und mit großer literarischer Kraft erzählt Amir Gudarzi vom Durchhaltewillen eines Menschen auf der Flucht. Ein bedeutender Roman über Fremdheit und Außenseitertum, über Mut, die Macht der Sprache, Liebe.

Amir Gudarzi

Das Ende ist nah

Roman

 

 

 

Für E.

Du und die Erinnerungen an dich leben in mir bis in die Ewigkeit.

 

Für G.

Die Erwähnung deines Namens erleuchtet dieses Haus.

Mezzanin

1

Eine Hand lässt A. stets in der Tasche seines schwarzen Kapuzenpullovers. Es ist viel zu warm dafür, aber später wird er die Kapuze brauchen, um sich vor den Überwachungskameras zu schützen. Die Leute in der U-Bahn geben ihm mit Blicken zu verstehen, dass sie wissen, was er vorhat. Im Wagon ist er als Einziger schwarz gekleidet. Die anderen Männer tragen Bart, weiße Hemden und dunkelgrüne Stoffhosen. Auch dass er keinen Bart trägt, macht ihn suspekt. Sollte er bei der nächsten Station aussteigen? Wie könnte er im schlimmsten Fall den Schlagstock loswerden?

Den Teleskopschlagstock hat er gestern in dieser U-Bahn von einem Mann ergattert, der aussah wie jetzt die Männer im Wagon. A. war mit seinen Freunden unterwegs, das Handynetz war plötzlich weg, sie hatten die Zone der Proteste erreicht. Seit einigen Tagen bekamen sie SMS von unbekannten Nummern mit Angaben zu Ort und Uhrzeit, dort würden am nächsten Tag die Proteste stattfinden; nicht immer stimmten die Informationen. Ihnen fielen zwei junge bärtige Männer auf, die neben der Tür standen. Was sie anhatten, machte klar, dass sie zu den Milizen gehörten, unterwegs zu den Protesten, um Menschen wie ihn und seine Freunde niederzuschlagen. Sie versteckten etwas in ihren Taschen. Seine Freunde und er tauschten Blicke, stürmten dann wie auf Kommando auf die beiden zu und fanden tatsächlich Teleskopschlagstöcke. Die Schreie der Milizionäre entfesselten im ganzen Wagon Aufruhr. Hände und Füße, die auf etwas Unsichtbares trafen, regimekritische Parolen – Spucke und Todeswünsche – aus Mündern. So war die Atmosphäre im Jahr 2009 während der Proteste in seinem Land.

Nun, mit dem Schlagstock in der Tasche, sitzt A. in einem Wagon mit Dutzenden Milizionären, die ihn und andere Protestierende als Verräter betrachten. Er schaut kurz aus dem Fenster, und in der Spiegelung erkennt er die Umrisse eines Gesichtes. Das Gesicht kennt er. Ihm fällt der Traum ein, in dem ihm dieses Gesicht, das Gesicht des Todes, in Form einer Kugel begegnete. Er hörte ein Knallen. Kugeln flogen auf ihn zu, und sie hatten Gesichter wie dieses. Sie riefen seinen Namen und verfolgten ihn, egal, wo er hinging. Werden ihn die Milizen verhaften? Werden die zwei Männer von gestern auch unter ihnen sein?

Das Netz ist weg, er ist in der Zone angekommen, er muss aussteigen. Er steht auf – und sein Teleskopschlagstock fällt auf den Boden. A. wird von Milizionären zusammengeschlagen und verhaftet. Im Gefängnis wird er, wie damals im Land üblich, vergewaltigt. Diese Bilder sieht er vor seinem geistigen Auge.

A. steigt aus und erreicht den Ort der Proteste. »Seit gestern höre ich ein Knallen. Seit gestern weiß ich, dass ich heute ums Leben komme, ich habe davon geträumt«, erzählt er einem Bekannten, den er dort zufällig trifft.

Eine halbe Stunde später hört er dieses Knallen aus seinem Traum wieder. Auf seinem Gesicht wird es warm. Er fasst sich dorthin. Seine Finger glänzen rot. Er blutet, ohne den Schuss gespürt zu haben, auch sein Kapuzenpullover ist rot. Bevor er schreien kann, schreien Leute neben ihm. A. dreht sich um und sieht zu seiner Rechten einen Mann, der blutüberströmt auf dem Boden liegt. Ihm wurde in den Kopf geschossen. Kurz zuvor hatten sie sich noch angeschaut – A. hatte seinen Schlagstock aus der Tasche geholt, der andere hatte ihn angelächelt und ihm die Steine in seiner Hand gezeigt. Jetzt liegt er in seinem Blut. Dem Blut, das eben noch in ihm war und seine lächelnden Lippen gerötet hatte. Soll A. froh sein, dass die Hand, die ihn erschoss, die Pistole nicht einen Zentimeter weiter nach links gehalten hatte? Dann wäre er jetzt tot. Dann wäre auf dem Gesicht des anderen jetzt sein Blut.

Wieder ist die Masse der Protestierenden außer sich. Wieder haben sie eine Leiche, die sie zur Schau stellen können. Ohne einen Versuch unternommen zu haben, den jungen Mann zu retten, tragen sie seinen Körper auf Händen. Manche nehmen sein Blut, um sich die Hände zu röten und so vor den Kameras zu posieren. Sein Körper wird auf den Händen weitergereicht, als ob er in einem Fluss treiben würde, und er verschwindet im Fluss des Todes. A. weiß nicht, wohin, niemand weiß es. So gehen die Protestierenden mit geröteten, hochgestreckten Händen weiter. Händen, die manchmal Steine werfen oder auf Milizen einschlagen. Der Körper ist längst verschwunden, aber das Lächeln hat A. noch im Gedächtnis.

So war die Atmosphäre im Jahr 2009 während der Proteste in seinem Land.

 

A. ist wieder in der Zone der Proteste, auf dem Weg zu seiner Freundin Ava. Diesmal zu Fuß, Taxis und Autos sind kaum auf den Straßen. Es ist Sommer in Teheran, und sie sind beide fertig mit dem Studium. Daher kann er Ava nicht mehr so oft sehen, sie hat selten einen Vorwand, um aus dem Haus zu gehen. Also geht er zu ihr. In seinem Rucksack befindet sich ein Tschador, den er heimlich aus dem Schrank seiner Mutter genommen hat. Seine Mutter hat mehrere schwarze Tschadors, sie wird nicht bemerken, dass einer fehlt.

Die Geschäfte sind offen, als ob nichts Außergewöhnliches im Land vorfiele. Er kauft eine Dose Thunfisch, macht vor einem Blumengeschäft halt und kauft eine rote Rose. Die Hauptstraße ist voller Leute, die flanieren und einkaufen. Er biegt in eine Seitenstraße, weil ihn das Licht der Sonne, das sich auf den vereinzelt in den Gehsteig eingelassenen Fliesen bricht, blendet. Frauen im Tschador maßregeln zwei junge Frauen, weil ihr Haar zu sehen ist. Die Sittenpolizei ist sogar jetzt, während der Proteste, unterwegs.

A. denkt an seine Mutter und fragt sich, wann sie angefangen hat, einen Tschador zu tragen. Bis er in die dritte Klasse ging, trug sie keinen und war nicht religiös. Als sein Vater im Süden Irans endlich wieder eine feste Arbeit aufnahm – nach vielen Jahren bei der Marine und Dutzenden Jobwechseln leitete er nun in Bandar Abbas eine große halb staatliche Fabrik –, wurde sie einsam und begann, mit anderen Frauen zu verkehren. Viele Frauen trugen schon damals einen Tschador, aber eher aus traditionellen als aus ideologischen Gründen. Die meisten in ihrem Viertel waren erst kürzlich nach Teheran gezogen und hatten diesen Brauch aus ihren Heimatprovinzen mitgebracht.

A.s Mutter hingegen lernte die Ehefrauen der Revolutionsgarden kennen, die andere radikalisierten. Es fing an mit der Vergabe von kleinen Krediten ohne Zinsen, die mit der Zeit größer wurden und zu regelmäßigen Treffen führten. Denn natürlich mussten alle, die Kredite wollten, auch zu den religiösen Zeremonien gehen, die im Verborgenen veranstaltet wurden. Die Frauen der Revolutionsgarden nahmen auf diese Weise die Rolle der Familien der einsamen, sich fremd fühlenden Frauen an: die der vermeintlich netten Schwestern und Mütter, die ihnen fehlten. Im Fall von A.s Mutter war das die Mutter, die der Tod aus ihrem Leben gerissen hatte, als sie sieben Jahre alt gewesen war. Die Mutter, die sie noch als erwachsene Frau vermisste, die sie geschützt hätte vor einer zu frühen Heirat, vor ihrem Mann und seiner sie ständig schikanierenden Familie, vor Armut und Einsamkeit.

So wurde sie mit der Zeit religiöser und begann, einen Tschador zu tragen. Am Anfang fand A. ihn aufregend. Er konnte sich darunter verstecken und durch das schwarze Tuch Leute beobachten, ohne gesehen zu werden. Die anzüglichen Kommentare der anderen Jungen über seine Mutter hörten auf. Doch die Veränderung ging weiter, denn seine Mutter fing an, Menschen zu maßregeln, wie es später die Sittenpolizei machte. Jedes Mal, wenn sie in ein Taxi stiegen, verlangte sie vom Fahrer, die Musik auszuschalten. Falls er sich weigerte, stiegen sie aus und nahmen ein anderes Taxi. Einmal, als sie zu seiner Tante fahren wollten, wechselten sie viermal das Taxi, und immer schämte er sich dafür – so sehr, dass er seine Mutter anschrie. Er wollte nicht anders sein als die Leute auf der Straße.

Damals wusste er nicht genau, was ihn störte. Jetzt weiß er es: Er wollte nicht als Teil des Regimes, als Feindbild betrachtet werden. Er hatte kein Problem mit Musik, mit Menschen, die tanzten und Spaß hatten, mit Bartlosigkeit, mit westlicher Kleidung, mit Beziehungen zwischen Frauen und Männern, zwischen Mädchen und Jungen. Er hatte kein Problem mit Amerika, mit »dem Westen«, mit Israel. Genauso wenig wie sein Vater, der auch gegen das Regime war, aber er war weit weg. Die Veränderung seiner Frau nahm er wahrscheinlich nicht einmal wahr, vielleicht fand er sie sogar gut, fand gut, dass sie sich nun vor Männern verschleierte und hauptsächlich zu Hause war. Trotz seiner politischen Ansichten war er konservativ, und die Religiosität seiner Frau sicherte ihm die bequeme, traditionelle Verteilung der Geschlechterrollen innerhalb der Familie. Vielleicht war er heimlich mit anderen Frauen beschäftigt, die ihm nach dem islamischen Recht auch zustanden, und interessierte sich deswegen nicht für die Veränderung seiner Frau. Die zweimal die Woche geführten Telefonate dienten zum Austausch notwendiger Informationen, für Emotionales war kaum Platz.

 

Das Knallen, das sich anhört wie Schüsse, bringt A. zurück in die Gegenwart. Aus der Entfernung sieht er schwarze Rauchsäulen in den Himmel steigen. Er geht die Hauptstraße Navvab Safavi entlang: Sie ist nach einem Islamisten benannt, der Intellektuelle ermordete, Menschen, die dem Islam kritisch gegenüberstanden – unter dem derzeitigen Regime wurde Navvab vom Mörder zum Märtyrer, zum Helden. In einer der Gassen hinter der Rudaki-Straße wartet Ava zu Hause auf ihn. Die Straße ist gesperrt. Die Mülltonnen qualmen, seine Augen brennen. Polizei und Milizen sind überall. A. geht unauffällig über die Straße. Er bekommt einen Schlag auf seinen Rucksack. Eine Hand greift danach, hindert ihn daran weiterzugehen. Während sie ihm den Rucksack abstreift, wird er befragt.

»Was hast du da drin? Was machst du hier?«

»Ich habe für meine Mutter einen Tschador und Blumen gekauft, weil sie Geburtstag hat. Ich wohne da hinten.«

Die Hand öffnet seinen Rucksack. A. schaut den bärtigen Mann an. Er ist jünger als er.

»Und was ist das?«

»Thunfisch.«

Die Hand reicht ihm seinen Rucksack, ohne ihn zugemacht zu haben. »Warum schaust du dann so aus, wenn deine Mutter einen Tschador trägt?«

Fliegende Steine unterbrechen das Gespräch. Milizen und Polizisten laufen weg, und A. flieht in eine Seitengasse. Die Moschee brennt, Milizen schießen von oben in die Menge. Er läuft weiter und unterdrückt seine Wut. Bald, denkt er, wird das Land frei sein von solchen Menschen.

Er klingelt bei Ava, ihre Mutter ist nicht zu Hause. Ava hat sich schon Sorgen gemacht und ist erleichtert, ihn vom Fenster aus sehen zu können. Da die Wohnung klein ist, hören die Nachbarn, wenn jemand auf der Straße läutet, und schauen durch den Türspion, weil sie wissen wollen, wer hochkommt.

Im Stiegenhaus macht er seinen Rucksack auf, nimmt die Rose heraus, reißt alle Blätter ab und steckt sie sich in die Unterhose. Danach zieht er sich den Tschador über den Kopf und beginnt, langsam, wie eine ältere Frau, zu gehen. Er achtet darauf, seine Sportschuhe nicht zu zeigen. Einige Nachbarn schauen tatsächlich durch ihr Guckloch. Auch der Nachbar unten, der oft versucht hat, nachts zu Avas Mutter vorzudringen, da sie geschieden ist und daher im Iran als willige Schlampe wahrgenommen wird. Bestimmt wundern sich die Nachbarn, dass eine religiöse Frau zu Besuch kommt.

In der Wohnung küssen sich die beiden. Avas Hände öffnen seine Hose, und die Rosenblätter fallen heraus. Sie lacht, weil er sie wieder überrascht hat.

Nach dem langen Vorspiel bleibt es beim Vorspiel, weil Ava eine Jungfrau ist und es bleiben will. Es gibt keinen Oralsex, da er es erniedrigend findet, wenn die Frau, die er liebt, seinen Schwanz lutscht. Er versucht erfolglos, sie mit der Hand zu befriedigen und dann seinen Schwanz zwischen ihren Beinen zu reiben, damit auch er befriedigt ist. Ava will gleichzeitig Sex haben und Jungfrau bleiben – so ähnlich wie die iranische Bevölkerung: Die Bevölkerung hasst das Regime, will Freiheit, gleichzeitig will sie jedoch traditionell und konservativ unter einer islamischen Verfassung leben.

In den ersten Jahren ihrer Beziehung hatte Ava nur stundenlanges Küssen und Fummeln in Kleidung erlaubt. Manchmal saugte er so fest an ihren Lippen, dass sie blau wurden und Ava sie mit Lippenstift rot übermalen musste. Unter seinen Freunden auf der Universität war er der Einzige, der eine Beziehung und keinen Sex hatte. Ava verstand ihre Jungfräulichkeit als einzige Garantie für eine Heirat. Er war ein paar Jahre jünger als sie, deswegen war sie sich nicht sicher, dass er sie heiraten würde. Sie bestand darauf, erst nach der Hochzeit Sex zu haben. Am Anfang akzeptierte er es, dann aber versuchte er immer wieder, sie umzustimmen, indem er ihr versicherte, er werde sie heiraten, vergeblich. Sie lagen immer nur nackt im Bett und umarmten sich wie jetzt.

Jetzt nehmen sie Schreie und Schüsse wahr. Sie gehen zum Fernseher und schalten ihn ein. Avas Familie hat im Gegensatz zu seiner eine Satellitenschüssel, sodass sie Nachrichten über die Proteste mittels iranischer Auslandssender verfolgen können. Einige Videos zeigen die Moschee in der Nähe, die von Protestierenden attackiert wird. Ein anderes Video zeigt die Hauptstraße Navvab, die einem Kriegsgebiet ähnelt.

Es läutet kurz. Beide springen auf und ziehen sich schnell an. Er muss Schuhe und Rucksack nehmen und sich im Bad verstecken. Jemand will die Tür öffnen, aber der Schlüssel steckt innen. Ava schaut durch das Guckloch und macht auf. Seine Socken werden nass von der Feuchtigkeit im Bad. Er will seine Schuhe anziehen, aber es gelingt ihm nicht, weil er heftig zittert. Er versucht, sich zu beruhigen, damit er keinen Lärm macht. Er kann nicht hören, wer da ist. Wenn es der Bruder wäre, hätte er ein großes Problem. Am besten wäre es die Schwester, weil sie noch am ehesten Verständnis hätte. Vielleicht ist es auch die Mutter. Er hört die Stimme seiner Freundin, die absichtlich lauter spricht, damit er es versteht.

»Warum bist du so früh heute? Musstest du nicht lange arbeiten?«

Es ist die Mutter. Zum Glück hat sie die Angewohnheit zu klingeln, bevor sie hochkommt. Vielleicht ahnt sie, dass ihre Töchter jemanden bei sich haben könnten. Sie ist das Gegenteil von seiner Mutter. Seine Mutter hätte ihre Freude daran, ihre Söhne zu erwischen.

Da er sich etwas beruhigt hat, kann er seine Schuhe anziehen, die nassen Socken kleben in den Schuhen. Dann öffnet sich die Tür des Bades, vor ihm steht Ava. Sie legt den Finger auf ihren Mund. Mit der anderen Hand gibt sie ihm zu verstehen, dass er ihr folgen soll. Die Mutter ist auf der Toilette, er kann schnell rauslaufen.

Ihm ist kalt, aber die Sonnenstrahlen auf seiner Haut erinnern ihn daran, dass es Sommer ist. Er hört Schreie. Nebelähnliche Schwaden ziehen über die Hauptstraße. Über der Moschee steigen noch immer Rauchsäulen auf, und man hört einzelne Schüsse. Seine Augen brennen. Viele halten sich nasse Tücher vor Mund und Nase. Aus den Mülltonnen qualmt es. Auf der Straße liegen Tausende Steine. Noch immer fahren keine Autos. Er ist eingekesselt, aber es gibt zwei Wege aus der Zone: nach vorne, wo sich die Milizen und Spezialeinheiten befinden, oder entlang der Navvab-Straße Richtung Süden. Er könnte mitprotestieren, doch er fühlt sich nicht danach. Für heute hat er genug. Letzte Woche, als er beinahe verhaftet worden wäre, hat er nicht so heftig gezittert wie jetzt.

Vielleicht ist aberu die Ursache. Aberu bedeutet wortwörtlich »das Wasser des Gesichtes oder der Oberfläche«. Es gibt kein Äquivalent im Deutschen, könnte aber mit Ehre, Ansehen oder Reputation übersetzt werden. Keine dieser Übersetzungen trifft jedoch die Bedeutung genau, dabei ist Aberu ein Schlüsselwort, um die iranische Kultur zu verstehen. Aberu ist das Wort, das seine Mutter am häufigsten verwendet. Aberu ist das Wort, das jede Person im Iran am häufigsten verwendet. Sogar unpassende Kleidung kann das Aberu in Gefahr bringen.

Ja, von Avas Mutter entdeckt zu werden wäre katastrophal gewesen, zumal sie bereits Vorurteile ihm gegenüber hat. Er mag sie nicht und sie ihn ebenso wenig. Sie glaubt, er wolle ihre Tochter verführen, wolle nur Avas Jungfräulichkeit und lasse sie dann sitzen. Sie kann sich nicht vorstellen, dass sie heiraten werden. Er wiederum glaubt, sie übe Druck aus, damit sie heiraten. Aber er ist erst 23, hat keinen festen Job und kein Geld für eine Hochzeit. Seitdem er aufgehört hat, Propagandaserien für das Fernsehen zu schreiben, verdient er kaum was, und seine Eltern können keine Hilfe anbieten. Seit einiger Zeit erzählt Ava, dass mehrere Männer um ihre Hand angehalten hätten, und falls er sich nicht beeile, werde sie zu einem dieser Männer Ja sagen. Sie sind seit fünf Jahren ein Paar, und jetzt droht sie ihm mit Phantasiemännern, dass er sie verlieren könnte? Dafür hasst er nicht sie, sondern ihre Mutter. Ihre Mutter und seine Mutter sind Gegenstand millionenfacher Streitereien gewesen. Das Gleiche gilt auch für die Beziehung von Avas Schwester und ihrem Freund.

A. wollte bereits einige Male zu Avas Mutter, um mit ihr zu sprechen. Er wollte ihr sagen, er brauche Zeit, um Geld zu verdienen und eine Wohnung zu finden, danach werde er ihre Tochter heiraten. Aber die Mutter will alles offiziell haben, will eine Heiratsurkunde sehen. Sie will die Töchter vor ihrem eigenen Schicksal bewahren. Deshalb soll seine Familie dafür bürgen, dass sie heiraten, und für alle Kosten aufkommen. Er soll Ava offiziell Hunderte Goldmünzen versprechen, als Zeichen seiner Liebe. Er soll unterschreiben, dass im Falle einer Scheidung 360 Goldmünzen zu zahlen sind. »Nur« 360, weil Ava ihn liebt. Sonst würde sie wie ihre Freundinnen und Cousinen viel mehr verlangen, 1360 zum Beispiel, abgeleitet von ihrem Geburtsdatum. Das sei üblich, aber sie verzichte wegen der »Liebe« auf 1000 und wolle nur 360. Jede Goldmünze kostet etwa 182 Euro, 360 Münzen machen also ungefähr 65520 Euro aus. Im Falle einer Scheidung würde er mindestens zehn Jahre lang im Gefängnis sitzen müssen, nur aus Liebe, weil er nicht in der Lage wäre, die Summe zu bezahlen. Außerdem gibt es immer wieder Frauen, die gleich nach der Hochzeit ihre Goldmünzen verlangen, weil sie nur deswegen geheiratet haben. Er glaubt nicht, dass Ava das vorhat, sondern ist überzeugt: Ava liebt ihn. Dafür, dass alles offiziell sein soll, ist allein die Mutter verantwortlich.

Ein Stein trifft ihn am Kopf. Ihm wird schwarz vor Augen, er fällt zu Boden. Er weiß nicht, wie lange er ohnmächtig war – er kommt zu sich, als jemand ihm Wasser ins Gesicht schüttet. Er blutet ein bisschen. Seine Augen brennen, und ihm ist übel. Man empfiehlt ihm, nicht ins Krankenhaus zu gehen, dort werde er höchstwahrscheinlich wegen seiner typischen Demonstrationsverletzung verhaftet. Er entscheidet sich, nach Hause zu fahren, kann kaum atmen. Er taumelt die Straße entlang Richtung Süden. Am Weg sieht er einen Motorradfahrer und fragt ihn, wie viel er dafür verlangen würde, ihn nach Hause zu bringen. Der Motorradfahrer verlangt viel, weil er den Ausnahmezustand ausnutzen will. A. bittet ihn, gütig zu sein. Sie einigen sich auf einen Preis, der trotzdem höher ist als der normale.

Sie verlassen die Zone der Proteste, nun kann er besser atmen. Bei einem Park halten sie an, damit er sich das Gesicht und den Kopf waschen kann. Gen Osten sieht die Stadt normal aus. Westlich von Teheran-Mitte ist der Schauplatz der Proteste, sonst ist alles ruhig. In seinem Bezirk gibt es nur kleine Anzeichen wie die Autokonvois der Spezialeinheit, die Richtung Westen fahren, da die Spezialeinheit der Polizei in der Nähe von A.s Wohnung stationiert ist.

Sie fahren an einem solchen Konvoi vorbei. Der Motorradfahrer schimpft: »Sie werden bald gefickt sein. Das ist ihr letztes Jahr. Die Leute werden sie ficken«, sagt er.

A. fragt sich, warum der Motorradfahrer nicht an den Protesten teilnimmt. Warum versucht er sogar, davon zu profitieren? Aber er spricht seinen Gedanken nicht aus, weil ihm schwindlig ist und er keine Diskussion führen will.

Damit er seiner Familie nicht begegnet, steigt er am Anfang der Gasse ab. Dort sitzen seine Freunde und trinken aus einer großen Flasche Cola. Er geht zu ihnen und lässt seine Verletzung anschauen. Ein Freund, Hamid, fährt ihn mit dem Motorrad zu einem Arzt, den er seit seiner Kindheit kennt. Die Patienten in der Warteschlange regen sich auf, weil er sofort drankommt, aber Hamid schafft es, sie mit einem lauten Schrei zum Schweigen zu bringen. Da er ein berüchtigter Schlägertyp ist, traut sich niemand, etwas einzuwenden. Der Arzt sagt, es sei, abgesehen von einer Platzwunde, nur eine leichte Gehirnerschütterung. Ihm geht es langsam besser.

Erst auf dem Weg zurück riecht A. den Alkohol. Er fragt Hamid, ob er betrunken sei, was dieser verneint. Wieder bei den anderen, nimmt er den Alkoholgeruch noch stärker wahr. Die Freunde trinken Rosinenschnaps, mit Cola gemischt. Mit ihnen ist er in dem Viertel aufgewachsen. Obwohl er sie als Freunde betrachtet, zieht er sich seit einiger Zeit zurück. Es sind teilweise Schläger, teilweise Kleinkriminelle, die von seinen Theaterschulfreunden oder Mitstudenten offen verspottet und verachtet werden. A. versteht sie oft auch nicht. Gewalt und Brutalität verabscheut er, aber immer wieder war er früher, als kleiner Junge, auf ihren Schutz angewiesen. Auf den Schutz dieser Menschen, die sich als Ritter sehen.

A. setzt sich zu ihnen, und bevor er einen Schluck nimmt, fragt er sie, ob der Schnaps gut sei. »Nicht, dass wir alle blind werden.«

»Ja, ja. Du bist besser als wir. Du trinkst nur gutes Zeug, weil du mit den Reichis abhängst.«

 

Er wurde in der Theaterschule, in die er als Jugendlicher ging, als Prolet belächelt. Wegen seines Jargons und wegen seines Aussehens. Seine Klamotten verrieten, dass er aus dem Süden der Stadt stammte. Aber Klamotten und Jargon passte er an, sobald er zu lesen begann. Zu Hause hatten sie kaum Bücher, nur die wenigen, die in einer Bananenkiste auf dem Dach gelagert waren. Er hatte sie bei einem der Umzüge, die beinahe jährlich stattfanden, entdeckt. Eins davon versteckte er schnell, weil er sich anhand des Titels einen Porno erhoffte. Es stand »Film Super« darauf. Super ist eine iranische Bezeichnung für Pornos. Auf dem Buchcover war die Ziffer 8 in Form von Negativen abgebildet, aber er lernte erst einige Zeit später, was Super-8-Filme sind. Er war froh, dass er weder seinen Schlägerfreunden noch seinen Kameraden in der Theaterschule von dem Buch erzählt hatte.

Am Anfang lieh er sich Bücher aus der Bibliothek in der Nähe aus, aber langsam begann er, sich eine eigene Bibliothek zusammenzustellen. Er kaufte Bücher, sobald er Geld hatte. Fast war es eine Obsession. Es war seine Art, seine Herkunft zu kompensieren, sein Mittel, um sich besser zu fühlen.

Seitdem wird ihm vorgeworfen, dass er kaum mehr etwas mit seinen alten Freunden unternimmt. Ab und zu läuten sie bei ihm, dann sagt er zu seinen Eltern, sie sollten ausrichten, er sei nicht zu Hause. Doch schon früher hat A. gemerkt, dass zwischen ihm und seinen Freunden eine Welt liegt. Er hat keine Lust auf Schlägereien für nichts, hat er im Grunde nie gehabt. Nun äußert er das offen, ohne Angst, als Weichei zu gelten. Immer wenn sie unterwegs gewesen sind, passierte etwas Schlimmes. Deshalb versucht er, sie seltener zu sehen. Er fühlt sich oft auch nicht verstanden. Er ist der Einzige, der Bücher liest, der ins Museum und ins Theater geht. Die paar Male, als er sie zu einem Theaterstück mitnahm, blamierten sie ihn. Besonders Hamid, der einmal während der Aufführung fast eine Schlägerei verursacht hätte. Aber das Schlimmste war der letzte Besuch in einer Shisha-Bar.

An diesem Abend war er allein zu Hause, deshalb konnte er nicht lügen. So ging er mit ihnen raus, und sie fuhren mit vier Motorrädern, auf denen sie jeweils zu zweit saßen, zu einer schäbigen Shisha-Bar, die er nicht kannte. Es ist typisch für den Süden Teherans, dass sich die Menschen auf Motorrädern fortbewegen, weil sie sich kein Auto leisten können, aber auch Motorräder konnten sich nicht alle seiner Freunde leisten.

Die Shisha-Bar befand sich hinter einer Lärmschutzmauer an der Afsarieh-Autobahn, auf der gegenüberliegenden Seite waren die Air Force und die Spezialeinheit der Polizei stationiert. Sie gingen rein, und A. stellte fest, dass die Bar zweigeteilt war: In einem Teil saßen die bärtigen Milizen und im anderen die Proleten, die eigentlich alle Schlägertypen waren. In Südteheran galt es damals als kluge Strategie, augenscheinliche Gegner aus dem Nichts heraus zu schlagen, um sich Respekt zu verschaffen. Zumindest die Leute, die A. kannte, waren in keiner Weise in organisierte Kriminalität verwickelt, deshalb verstand er ihre Prinzipien noch weniger. Der Unterschied zwischen Milizen und Schlägertypen – obwohl auch die Milizen Schlägertypen sind – bestand darin, dass die Milizen das Regime unterstützten und die Proleten nicht. Die Proleten waren nicht per se Regimegegner, aber auch keine Anhänger. Nur manche von ihnen waren Gegner des Regimes, wie einige von A.s Freunden.

Die aggressive Stimmung war sofort spürbar, als sie die Shisha-Bar betreten hatten. Die beiden Seiten starrten sich an, und schon da war klar, dass das zu keinem guten Ende führen würde. A. kannte einige der Proleten flüchtig, Hamid aber kannte fast alle. Mit einem, der Hamid begrüßte, Nima, hatte A. in der dritten Klasse nebeneinandergesessen. Er konnte sich noch gut daran erinnern, dass Nima nach einer süßlichen Creme roch, weil seine Mutter Hände und Gesicht damit eingeschmiert hatte. Alle machten sich damals lustig über ihn und knuddelten seine Wangen, weil sie weich und rosa waren.

Jetzt gehörte Nima zu den Schlägertypen. Er hatte Dutzende Messerstiche auf den Armen und eine große Narbe im Gesicht, mitten auf seiner ehemals weichen, rosa Wange. Viele davon hatte er sich sicherlich selbst zugefügt, das war üblich unter den Proleten, Hamid hatte auch viele. A. war dabei gewesen, als sie sich gegenseitig mit Messern verletzt und Schusterleim draufgeschmiert hatten, damit aus den Wunden schöne Narben wurden. In seinem Bezirk galt das als Schutzmechanismus, weil die Leute dadurch gefährlicher aussahen. Wie Tiere, die sich verfärben oder groß machen, dachte A. Er brauchte das nicht, weil er Freunde hatte, die ihm Schutz boten. Sonst würde er öfter zusammengeschlagen werden.

»Kennst du mich noch?«, fragte Nima ihn.

»Ja, wie könnte ich dich vergessen. Wir waren früher gute Freunde.«

A. sprach ihn nicht auf die Vergangenheit an. Er wusste noch, dass Nima vor der fünften Klasse die Schule gewechselt hatte. Damals hatte er nicht gewusst, warum, aber später konnte er eine Verbindung herstellen. Der Sportlehrer war immer auf der Jagd nach hübschen Jungen gewesen. A. erinnerte sich daran, dass Nima einmal weinend aus einem Raum gekommen war, während er mit den anderen Fußball spielte. Einige Kinder machten Andeutungen, vielleicht hatten sie die gleiche Erfahrung gemacht, aber A. hatte keine genaue Vorstellung davon, was der Lehrer mit den Jungen tat, es wurde nie offen darüber gesprochen. Opfer sexuellen Missbrauchs zu sein war eine große Schande und ein absolutes Tabu.

Nima setzte sich wieder zu seinen Freunden.

Hamid fragte A., ob er Nima auch gefickt habe.

A. verneinte und sagte, sie seien nur in derselben Klasse gewesen.

»Ich sage euch immer, man muss alle ficken, damit sie später nicht Schaach werden.«

Schaach bedeutet auf Farsi Horn. Wenn jemand Schlägertypen provoziert, ihnen als Gegner gegenübertritt und sie zum Kampf auffordert, wird er als Schaach bezeichnet, weil Hörner gefährlich sind und er so hart und bedrohlich sein möchte wie ein Horn. Daher waren viele Männer in seinem Viertel der Ansicht, die Jüngeren müssten von klein auf erniedrigt und unterworfen werden, so wäre die eigene Position in der Hierarchie zementiert, und die Jungen würden nicht später Schaach werden und die Vormachtstellung gefährden.

»Siehst du, wie brav Nima zu mir kommt, wenn er mich sieht?«, sagte Hamid. »Hätte ich ihn nicht gefickt, hätte er jetzt versucht, mich zu schlagen, damit er berühmt wird. Euch habe ich verschont, weil ihr meine Freunde seid. Aber ich bereue es. Wenn du mal berühmt wirst, könnte ich sonst immer erzählen, dass ich dich gefickt habe.«

A. lächelte bitter und erinnerte sich daran, dass Hamid alle Jüngeren in der Umgebung gefickt hatte. Besonders beim Versteckenspielen verschwand er immer mit einem der Jüngeren für längere Zeit. Hamid war nicht der Einzige. Es gab noch einen anderen Typ in der Gasse weiter unten, der alle fickte, die ihm nah kamen. Entweder gab er ihnen Geld, Spielzeug, oder er zwang sie dazu. A. wusste noch, wie er ihn und seinen Arsch gemustert hatte. Er hatte sich aber nicht getraut, ihn zu fragen oder anzufassen, weil A. erstens eine richtige Familie hatte und zweitens unter dem Schutz der Hamid-Brüder stand. Einer der Brüder war ein bekannter Schlägertyp, nicht nur in der Gegend, sogar in ganz Teheran.

Er fühlte sich unwohl und wollte weg aus dem Lokal. Er inhalierte ein paar Male den Rauch der Shisha und pustete ihn aus, als ob er damit auch die lästigen Erinnerungen loswerden könnte.

»So musst du den Rauch ausatmen, wenn du willst, dass sich Kreise bilden.« Ein Freund von ihm führte vor, wie man das macht.

In diesem Moment sprang Nima auf einen Tisch und schlug mit der Shisha auf den Kopf des Milizionärs, dem er gegenübergesessen hatte. Offensichtlich hatten sie böse Blicke getauscht, und in dieser Gegend endet so etwas immer in einer Schlägerei. Dieses Mal hatte der Gegner keine Chance, sich zu wehren. Blut lief ihm aus Mund und Nase. Nima war längst auf die Straße gelaufen und sprang bereits auf sein Motorrad. Die Freunde des Milizionärs nahmen die Verfolgung auf. Der attackierte Mann starb auf der Stelle.

Später erfuhr A., dass Nima auf seiner Flucht noch einen alten Mann überfahren hatte. Obwohl A. schon viele Schlägereien miterlebt hatte, war er von diesem Vorfall erschüttert. Der Junge mit den rosigen, eingecremten Wangen war zum Mörder geworden, ohne vorher ein einziges Wort mit seinem Opfer gewechselt zu haben. Er hatte es nicht einmal gekannt. Später erfuhr A. auch, dass Nima, nachdem er eine Weile untergetaucht war, verhaftet und hingerichtet wurde. Er hörte, dass man ihn öffentlich und in der Nähe dieser Shisha-Bar exekutiert hatte. Deshalb hatte er jedes Mal, wenn er an der Shisha-Bar vorbeiging, den Geruch der Creme in der Nase. Er versuchte, wann immer möglich einen anderen Weg zu nehmen.

 

»Willst du was trinken oder nicht?«, fragt ihn Hamid und holt ihn zurück ins Jetzt.

»Doch, ich habe Kopfweh, ich brauche einen Schnaps.«

A. nimmt einen großen Schluck. Der Schnaps, der auf Farsi Hundeschweiß genannt wird, brennt in seinem Hals und dann in seinem Magen. Den bitteren Nachgeschmack kann sogar Cola nicht versüßen – auch seine Erinnerungen nicht. Kinder, die in der Gasse spielen, laufen schreiend vorbei.

»Haltet eure Fresse, sonst haue ich euch eine rein.«

»Die sind wie Ameisen. So viele Kinder.«

Das stimmt, denkt A. Früher hatten alle Häuser zwei Etagen, in denen je eine Familie wohnte, und einen schönen Garten. Jetzt werden die Häuser abgerissen, und stattdessen werden neue Häuser mit vier oder fünf Etagen gebaut, und auf jeder gibt es zwei oder drei Apartments. Fast jeder Hausbesitzer versucht so, aus den hinzugewonnenen Etagen Mieten rauszuholen. A.s Familie wohnte früher auch in so einem zweistöckigen Haus zur Miete, es war nur eine Frage der Zeit, bis es abgerissen wurde. Im Süden der Stadt zu wohnen ist für viele, die nach Teheran ziehen, immer noch erschwinglicher als ein Leben anderswo in der Stadt.

A. versucht zu zählen, wie oft sie bis jetzt umgezogen sind. Als er die Theaterschule besuchte, gab es Jahre, in denen sie einmal oder sogar zweimal die Wohnung gewechselt haben. Weil sie nur eine Gasse weiter zogen, blieben sie stets im selben Viertel. Jedes Jahr wurden die Eltern durch die Inflation ärmer und die Mieten höher. Sogar die Krähen leben länger in ihren Nestern als sie in ihren Wohnungen, dachte A. manchmal.

Wenn er melancholisch wurde, stellte er sich die Frage, auf wie viele Orte seine Kindheitserinnerungen wohl verstreut sind. Erinnerungen sind immer an Orte geknüpft. Seitdem er studiert, macht er seinen Eltern die Armut häufiger zum Vorwurf. Weil die Gegend, in der sie leben, konservativ und religiös ist, ist auch die soziale Kontrolle höher als in anderen Vierteln Teherans. Man kann nichts unternehmen, ohne von irgendjemand Bekanntem gesehen zu werden. Die Straßen sind eng, und jede Minute fahren unzählige Motorräder vorbei. A. findet keine Ruhe wegen dieses Lärms, umso mehr wünscht er sich das eigene Zimmer, das er nie hatte. Seine Eltern können sich aber nicht mehr leisten als sechzig Quadratmeter.

»Ich finde es gut, dass jetzt neue Familien mit Kindern in die Gasse ziehen. Sonst müsste ich euch ficken. So viele weiße unbehaarte Ärsche«, sagt Hamid.

»Du hast dich kaum verändert«, sagt A.

2

Auf einmal stehe ich in der Mitte einer Stadt, einer mir unbekannten Stadt. Ich schreibe auch jetzt im Präsens, weil ich versuche, alles zu rekonstruieren, alles aufs Neue zu erleben. Ich könnte auch in der Vergangenheitsform schreiben, aber ich schaffe es nicht, weil ich offensichtlich etwas in der Vergangenheit verloren oder vergessen habe und es dort wiederfinden muss. Beim Schreiben springe ich immer zwischen den Zeiten hin und her – die Sprache als Zeitmaschine. Welcher Wunsch zwingt mich dazu?

Ich bin berauscht vom Klang dieser Stadt. Sie gibt mir ein Gefühl von Zuhausesein. Nicht wie von einem Zuhausesein in meiner Stadt, sondern in irgendeiner Stadt. Etwas, was ich vermisst habe. Ich schließe die Augen und will alles wahrnehmen: die fahrenden Autos, die Gespräche der Passanten. Aber ein lang anhaltendes Klingeln lässt mich sie wieder aufreißen. Ich sehe eine Straßenbahn, die ein Auto wegjagen will – weggejagt wurde ich auch, aber durch Menschen. Eine Straßenbahn ist etwas, was ich aus meiner Stadt nicht kenne.

Ich gehe die Schienen entlang und nähere mich einer Kreuzung. Ich sehe ein prachtvolles Gebäude. Ein Pärchen schlendert an mir vorbei und spricht eine Sprache, die ich als Deutsch bezeichnen werde. Was gesagt wird, verstehe ich nicht. Aber es ähnelt diesem Gebäude, diesem Klingeln, dieser Stadt.

Dann stehe ich vor der Staatsoper, ohne zu wissen, dass es die Staatsoper ist. Ich stehe vor dem Gebäude und staune, wie hart und urban die Sprache klingt, die die Leute um mich herum sprechen. Ich kann nur die paar Wörter, die ich aus Büchern gelernt habe: Schule, Soldat, danke, bitte, vielleicht auch ein paar mehr. Ich denke an meine Muttersprache und einige Gedichte, die in ihr verfasst sind, sie klingen gar nicht urban. Eher wie das Rauschen eines Flusses oder wie Wind in den Blättern. Ich bin in Gedanken und höre den Leuten trotzdem zu, ich gehe ihnen nach, nur um dem Klang ihrer Sprache zu lauschen.

Hinter mir eine Sirene. Ich drehe mich um und sehe ein Polizeiauto vorbeifahren. Sogar die Sirene der Polizei klingt hier anders als in meiner Stadt. Eine tiefsitzende Angst lähmt mich. Einige Polizisten patrouillieren, von hinten kommen auch zwei. Würde ich stehen bleiben, würden sie vielleicht auf mich aufmerksam werden, denke ich. Ich muss mich ihren Blicken entziehen, aber der rote Rucksack ist auffällig. Ich merke, dass ich Blicke auf mich ziehe, gehe näher an das Gebäude heran und verstecke mich hinter den großen Säulen der Arkaden. In deren Schutz gehe ich bis zu einer Seitenstraße und biege ab.

Auf einmal höre ich einen vertrauten Klang. Meine Muttersprache wird auch hier gesprochen, von zwei Männern, die neben ihren Taxis stehen. Froh und zugleich skeptisch nähere ich mich ihnen. Sie sind nicht überrascht, als ich sie anspreche – anscheinend erkennen sie ihre Landsleute, noch bevor die etwas sagen. Ist es so klar ersichtlich, dass ich ein Landsmann bin? Ich hielt mich immer für besonders, weil ich anders gekleidet war als die Menschen in meinem Herkunftsland. Wie ein Künstler. In Europa würde man mich vielleicht »Hipster« nennen. Oder sind die Taxifahrer durch ihre Arbeit gute Menschenkenner geworden?

»Etwa erst kürzlich nach Europa gekommen?«

»Ja, gerade eben.«

»Wirklich? Wie ist die Stimmung im Iran?«

»Schlecht. Die Leute haben resigniert.«

»Aber die Proteste gehen doch weiter?«

»Ja, aber das sind nur Nachbeben. Ich hätte eine Frage: Wie kann ich von hier wegkommen?«

»Wie ›wegkommen‹?«

»Ich wollte eigentlich nach Kanada, aber der Schlepper hat mich hier hängenlassen. Ich kenne Österreich fast nur vom Namen her. Ich suche ein Hotel, damit ich in den nächsten Tagen einen neuen Schlepper organisieren kann.«

»Es gibt viele Hotels in Wien. Wir kennen ein paar günstige.«

»Aber ich bin illegal hier. Ich habe keinen Pass.«

Die zwei schauen sich an. Der Ältere signalisiert sofort, dass er damit nichts zu tun haben will, aber der Jüngere ist bereit, mir zu helfen. Das sehe ich in seinen Augen.

»Es gibt zwei Hotels, in denen Landsleute arbeiten. Wir könnten es dort probieren.«

In seinem Taxi fragt er mich aus. Er ist kein politischer Mensch, aber immerhin interessiert an einem Regimewechsel.

»Wir dürfen nicht sagen, dass du illegal hier bist. Wir sagen, dass du deinen Pass in Deutschland vergessen hast und ihn bald zurückbekommst. Im schlimmsten Fall kann ich auch meinen Ausweis hergeben, weil sie die Gäste registrieren müssen.«

Aber weder im ersten noch im zweiten Hotel lassen sie mich bleiben. Sie ahnen wohl, dass unsere Geschichte erfunden ist.

»Ich habe Kinder und nur eine kleine Wohnung«, sagt der Taxifahrer, als ob er wüsste, dass ich mich das kurz gefragt habe, und er mir sofort klarmachen müsste, dass es diese Option nicht gibt.

»Ich werde schon was finden. Wie viel macht es?«

»Hör auf. Ich helfe gerne.«

Er will mir tatsächlich helfen. Ich fühle mich schlecht, weil er meinetwegen seiner Arbeit nicht nachgehen kann, und versuche, ohne ihn weiterzukommen.

»Ich finde eine Lösung«, sage ich.

»Aber wenn die Polizei dich kontrolliert? Sie werden dich verhaften.«

»Verhaften?«

»Hier wird man dreißig Tage inhaftiert, wenn man illegal ins Land gekommen ist, und dann zu einer Asylunterkunft gebracht.«

»Dann muss ich jemanden anrufen.«

In einer Telefonzelle höre ich das Freizeichen. Sogar das hört sich hier anders an. Ein Piepsen, genauso hilflos wie ich. Ich sage zu mir: Noch zweimal klingeln lassen und dann auflegen. Aber in letzter Sekunde hebt im Iran jemand ab: mein Freund, der mir den Schlepper organsiert hat. Ich erkläre ihm die Situation. Das öffentliche Telefon schluckt meine 2-Euro-Münzen im Minutentakt. Nicht einmal fünf Minuten, und schon sind zehn Euro weg.

Mein Freund hat keine Ahnung, was ich machen soll. Nicht der Schlepper, den er kennt, sondern der türkische Schlepper aus Istanbul hat mich hier stranden lassen. Deshalb können sie nichts machen. In Europa kennen sie auch niemanden. Das heißt, das Geld ist weg und Europa meine Endstation.

»Wohin willst du denn in Europa?«, fragt mich der Taxifahrer, als ich wieder auf der Straße stehe.

»England.«

»Warum England?«

»Weil sie dort Englisch sprechen. Das ist einfacher für mich.«

»Aber da kommst du nicht hin ohne Schlepper. Nach Deutschland oder in die Schweiz kannst du mit dem Zug. Du kaufst dir ein Ticket und fährst einfach hin. Da gibt es keine Grenzen.«

»Wirklich? Keine Grenzen?«

»Es wird immer wieder im Zug kontrolliert, aber nur, wenn sie dich verdächtigen.«

»Dann fahre ich nach Deutschland, darüber weiß ich ein bisschen mehr als über Österreich. Warst du schon mal dort?«

»Ja, aber beides ist ziemlich gleich. Sie sprechen die gleiche Sprache. Der Himmel ist überall blau.«

Der Himmel ist überall blau – diesem Satz habe ich es zu verdanken, dass ich in Österreich geblieben bin. »Und wo kann ich Asyl beantragen?«

»Ich kenne mich damit nicht gut aus, weil ich als Student hergekommen bin. Aber ich kann nachfragen.«

Nachdem der Taxifahrer telefoniert hat, bringt er mich zurück zur Oper, zur Haltestelle der Badner Bahn. Auf einen Zettel schreibt er »Traiskirchen«, das ist der Ort, wo ich aussteigen muss. Er gibt mir seine Nummer und sagt, ich könne ihn jederzeit anrufen. In Traiskirchen sei eine Erstaufnahmestelle. Dort werde man durchsucht, einem werde das Bargeld abgenommen, und die Flüchtlinge würden sich gegenseitig beklauen. Das hat sein Freund am Telefon gesagt.

Ich überlege, was ich mit dem Bargeld mache. Ich habe noch rund siebentausend Euro. Ich behalte zweitausend und händige ihm fünftausend aus, obwohl ich sie wahrscheinlich nie wiedersehen werde. Kaum bin ich in die Bahn eingestiegen, ärgere ich mich über mich. Wieder habe ich Landsleuten vertraut. Offenbar habe ich nichts aus der Vergangenheit gelernt, aus meinen Fehlern.

Es wird schon etwas dunkel. Die Bahn füllt sich an jeder Station, an der sie hält, ein wenig mehr. Ich muss meinen Rucksack vom Sitzplatz nehmen, weil jemand mich unfreundlich dazu auffordert. Ich stelle den Rucksack auf den Boden und ignoriere ihn. Langsam fährt die Bahn aus der Stadt, und ich lausche der Sprache dieses Landes. Ich nehme die Lautsprecherstimme wahr, sie wiederholt die Durchsage. Ich würde gerne wissen, was sie sagt. Ich lese die Straßenschilder und stelle fest, dass das Wort »Straße« immer darauf steht, aber ich weiß nicht, was es bedeutet. Ich bemerke, dass hier auch andere Sprachen gesprochen werden. Ich kann Türkisch erkennen. Als ich mich umdrehe, werden zwei junge Männer auf mich aufmerksam. Sie verstummen und starren mich an. Ich lächele und drehe mich zurück.

Der Himmel glüht rot, und die Sonne geht unter. Hinter dem Bahnfenster sehe ich Felder und ein Industriegelände. Ein riesiges Gebäude, auf dem »XXX Lutz« steht. So ein riesiges Gebäude für Pornos? XXX stand auf dem Porno, den ich einmal in der Schule in die Hände bekam. Die Mullahs behaupten regelmäßig, dass die Europäer pervers seien und keine Moral hätten. Nun muss ich daran denken und versuche, den Gedanken rasch abzuschütteln. In den islamischen Ländern zählt »Porno« zu den am meisten eingegebenen Wörtern in Google. Pornos produzieren ist pervers und sie anschauen nicht?

Es ist heiß in der Bahn, es ist Mitte August. Ich lasse meinen Blick wandern. Ich sehe die bloßen Beine einer jungen Frau, die mir gegenübersitzt. Sie merkt meine Blicke und zieht ihr Kleid nach unten. Ich schäme mich und schaue weg. Hinten stehen zwei Jugendliche und küssen sich ganz gelassen. Ich bekomme Angst, eine Angst, die ich immer hatte, wenn ich in der Öffentlichkeit meine damalige Freundin heimlich küsste.

»Fahrkarte bitte.«

Ich verstehe ihn nicht, aber ich weiß, was er will, weil ihm alle ihre Tickets zeigen. Zwei junge Männer gehen rasch nach hinten, und bevor er sie erwischt, steigen sie bei der nächsten Station aus.

Allmählich wird die Bahn leer. Das Licht zwischen Sonnenuntergang und dem Ausbruch der Dunkelheit nennt man auf Farsi Gorg o Misch, also »Wolf und Schaf«. Ein Wolf attackiert eine Herde, das Blut spritzt in die Luft, und alles färbt sich rot wie der Himmel gerade. Ich schrecke aus meinen Gedanken und befürchte, dass ich die Station verpasst haben könnte. Obwohl ich der Lautsprecherstimme zuhöre und die Schilder an jeder Haltestelle lese.

Ich schaue mich um nach jemandem, den ich fragen könnte. Ein älterer Herr sitzt hinter mir. Ich stehe auf, will zu ihm gehen, aber seine Miene macht mir klar, dass ich nicht näher kommen soll. Ich gehe nach vorne, zu einem Mann in Arbeitskleidung voller Staub. Ich zeige ihm den Zettel.

»Traiskirchen? Noch drei Stationen.«

Ich frage, ob er Englisch spricht. Er verneint und zeigt mit dem Finger die Zahl drei.

Drei Stationen weiter steht tatsächlich »Traiskirchen« auf dem Bahnsteig. Ich steige aus. Alles wirkt sehr verlassen. Ich sehe alte Männer vor einem Café neben dem Bahnhof sitzen und rauchen. Auch sie sprechen Türkisch. Ich zeige den Zettel.

»Asyl?«

Ich verstehe nicht. Ich sage, dass ich nur Englisch kann.

Sie zeigen auf eine Straße und bedeuten mir, dass ich erst links und dann rechts abbiegen soll.

»Taschakür«, sage ich und setze meine Odyssee fort.

Die Straßen sind leer. Immer wieder sind Beleuchtungen ausgefallen. In den Häusern brennt kein Licht. Ich gehe die Straße entlang und frage mich, wo ich hinmuss.

Da höre ich hinter mir wieder eine vertraute Sprache. Dieses Mal sind es Afghanen. Ich spreche sie an. Sie mustern mich und sagen, dass ich ihnen folgen soll. Bei einem großen Tor biegen sie rechts ab. Dort sitzen drei Männer in einem kleinen Raum hinter Scheiben. Die Afghanen zeigen ihre Karten vor. Die Karten werden von einem Gerät gelesen, und sie dürfen passieren.

Ich will mit den Männern reden.

»Karte, Karte!«, schreien sie.

Hinter mir bildet sich in kürzester Zeit eine kleine Schlange. Ein Sicherheitsangestellter kommt raus und zieht mich zur Seite. Ich sage auf Englisch, dass ich Asyl beantragen möchte. Er telefoniert kurz. Ich muss warten, bis ich abgeholt werde. Inzwischen höre ich Arabisch, Russisch und einige andere Sprachen. Die Security durchsucht Rucksäcke und Plastikbeutel der anderen, bevor sie reingehen dürfen.

»Bist du aus dem Iran?«, fragt mich ein Mann auf Farsi. Er heißt Ahmad und spricht mit Akzent, er gehört der türkischen Minderheit im Iran an.

Ich bejahe.

Er warnt mich hastig, ich dürfe nicht sagen, dass ich in Griechenland gewesen sei. »Sie werden dich zurückschicken, wie sie mich zurückschicken wollen. Das ist die Dublin-Verordnung.«

»Aber ich war gar nicht in Griechenland.«

»Egal, wo. Sie schicken dich in das erste europäische Land, in dem du gewesen bist. Sag, dass du im Lkw warst und nichts gesehen hast.«

»Ich habe schon etwas gesehen, weil ich geflogen bin.«

»Das ist gut.«

Die Leute drängen ihn zur Seite, weil er im Weg steht. Ein Mann spricht mich auf Englisch an. Ahmad sagt etwas auf Türkisch zu ihm.

»Er ist ein Guter. Aus Aserbaidschan.«

»Iran?«, frage ich.

»Nein, Aserbaidschan.«

Der Mann arbeite hier und werde mich zur Polizei bringen, sagt er, während wir weitergehen.

Ich sehe Menschen aus der ganzen Welt, die herumsitzen und rauchen. Sie starren mich an. Anscheinend sehe ich zu nobel aus, um ein Flüchtling sein zu können. Der große, teure Rucksack. Ich lausche wieder den unterschiedlichen Sprachen, oft höre ich Dari und Paschtu.

Ein Polizist nimmt mich in Empfang. Ich fürchte mich, weil mir das mit den dreißig Tagen Inhaftierung einfällt. Wir gehen in ein größeres Zimmer, wo noch mehr Polizisten sitzen. Sie mustern mich kurz und fangen an zu lachen. Sofort beginnen sie, auf Deutsch über mich zu sprechen, das kann ich von ihren Blicken ablesen.

Eine Hand bedeutet mir zu folgen. Die Hand gehört einem riesigen Polizisten. Diese Hand hat einen Plastikhandschuh an, wie seine andere. Sie ergreift meine rechte Hand und zieht mich zu sich. Dann zieht sie mich weiter zu einem Gerät. Die Hand drückt auf meine Faust und zwingt mich, sie aufzumachen. Nun kommt auch die andere Hand ins Spiel, zieht an meinem Zeigefinger und drückt ihn auf das Gerät. »Aachhh«, stöhne ich vor Schmerz, aber die Hand drückt meinen Finger noch fester auf. Ich ziehe meine Hand zurück, aber die zwei großen Hände packen mich und heben mich kurz hoch. Der Mund des Polizisten sagt etwas, was ich nicht verstehe. Dann ziehen seine Hände meine Finger wieder auseinander, so fest, dass ich fast aufheule. Der Mund sagt etwas. Die Hände drücken wieder fester auf meine Finger. Ich schreie auf Englisch, dass er mich loslassen soll. Dass seine riesigen Hände mich loslassen sollen. Der Kopf des Polizisten schaut nach unten, seine Augen sind zornig und bedrohlich. »Wenn du nicht still bist, breche ich dir alle Finger«, scheint er auf Deutsch zu sagen, und ich begreife es, ohne die Worte zu verstehen. Ich lasse die Hände mit mir machen, was sie wollen. Ich gebe auf, und mein Körper gehört ihm.

Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind zum ersten Mal aufgegeben habe. Ich stand im Kaspischen Meer neben meiner älteren Cousine. Sie war mit uns ans Meer gefahren, und meine Eltern mussten auf sie aufpassen. Wir waren bis zum Brustkorb im Wasser, und mein Vater schwamm ein Stück vor uns. Ich tauchte mit dem Kopf immer unter, um durch meine Schwimmbrille die kleinen Fische zu beobachten. Die Sonne schien durch das trübe Wasser und ließ eine Muschel leuchten. Der Mantel meiner Cousine trieb neben mir. Damals fragte ich mich nicht, warum Männer mit Badehose schwimmen und Frauen in ihrer Kleidung. Ich griff ihr ans Bein, um eine Haiattacke vorzutäuschen. Sie schrie und machte sich los. Ich hob den Kopf, um Luft zu holen. Eine große Welle schlug uns ins Gesicht. Der Sand unter unseren Füßen verschwand. Meine Cousine schrie erneut, ich auch. Dann gingen wir unter. Ich sah zu ihr, weil ich noch meine Schwimmbrille aufhatte. Ihr Kopftuch war weg, und ihre Haare schwammen wie unzählige schwarze Schlangen umher. Dann wurde es kurz dunkel. Eine Hand zog meine Cousine hoch. Währenddessen packten mich die Wellen wie später die kräftigen Hände des Polizisten. Ich schluckte Wasser, weil ich nach Luft schnappen wollte. Ich war sicher, dass ich sterben würde, und gab auf. In letzter Sekunde kam die Hand wieder und zog mich nach oben. Ich bin noch immer sauer auf meinen Vater, der zuerst seine Nichte rettete und dann seinen Sohn. Obwohl ich vielleicht das Gleiche machen würde.

Die große Hand reicht mir ein Taschentuch, damit ich die Tinte von meinem Finger wischen kann. Sie haben meinen Fingerabdruck genommen, digital und analog. Ich denke an die von Tinte gefärbten Finger bei den Wahlen im Iran. In Ländern, die keine standardisierten Identitätsdokumente haben, wird Wahltinte verwendet, um Wahlbetrug vorzubeugen. Diese Tinte ist schwer zu entfernen, sodass man nicht mehrmals wählen kann. Obwohl man im Iran längst die Identität der Wählenden feststellt, bleibt die Tinte als Symbol. Alle präsentieren sich mit dem blauen Finger, um zu zeigen, dass sie an der Wahl teilgenommen haben. Etwas, was ich nie gemacht habe, weil ich dem islamischen Regime nicht damit Anerkennung verschaffen wollte.

Ich soll mich hinsetzen, das gibt mir ein anderer Polizist zu verstehen.

»Iran? Translator?«

Ja und nein, antworte ich auf Englisch. »Ich brauche keinen.«

Auf einmal hören sie auf, über mich zu sprechen. Jetzt spricht einer mit mir. Ich soll mich vor die Wand stellen, damit sie mich fotografieren können. Sie wollen wissen, wie ich nach Österreich gelangt bin. Sie wollen wissen, welche Länder ich durchquert habe, um nach Österreich zu gelangen. Griechenland? Italien? Ungarn?

Ich sage, ich sei mit dem Flugzeug nach Wien gekommen.

Gelächter.

Wieder beginnen sie, über mich zu sprechen. Das merke ich daran, dass sie mich anschauen. Sie fragen nach meiner letzten Adresse im Iran. Der Polizist fragt auf Deutsch nach dem Namen meiner Straße und korrigiert sich sofort: »Street?«

Ah, Straße heißt also street. Ich wiederhole: »Estraße.«

Der Polizist antwortet: »Straße.«

Das ist das erste Mal, dass jemand mit mir Deutsch spricht. Der Polizist ist unfreundlich, aber er ist mir wesentlich lieber als iranische Polizisten. Weil er eine Sprache spricht, in der ich noch nicht erniedrigt wurde.

Ich lächele ihn an und wiederhole: »Estraße.«

Er schüttelt seinen Kopf und sagt: »Straße.«

In diesem Moment habe ich das Gefühl, ich kann eine Art Komplizenschaft mit seiner Sprache eingehen. Diese Sprache kann etwas, was meine Sprache nicht kann. Ein s ohne Vokal davor gibt es auf Farsi nicht. Deswegen sagen alle Iranerinnen und Iraner: Estraße, Esport, Espaß. Ab jetzt ist die deutsche Sprache meine Komplizin gegen meine Muttersprache.

Ich wiederhole das Wort »Straße« wie ein Mantra. Ich wiederhole es, und mich überfallen Bilder und Erinnerungen. Das Erste, was man mich in der Haft fragte, nachdem man mich verprügelt hatte, war, ob ich eine Cola wolle. Man musste diese Frage beantworten, unbedingt. Wenn man bejahte, lautete die Antwort: »Wir wussten, dass du eine Schwuchtel bist!« Wenn man verneinte: »Wir schenken dir eine, nicht die Cola, sondern die Flasche.« Schwul ist in ihren Augen nur derjenige, der gefickt wird, nicht der Fickende.

Ein Mund sagte: »Besser alle totschießen.«

Ein anderer: »Willst du eine Cola-Flasche in den Arsch? Sollen wir dich ficken oder nur die Flasche reinschieben?«

Wenn Coca-Cola wüsste, wie gerne iranische Polizisten und Revolutionsgarden Cola haben. Nicht den Inhalt, sondern die Form der Flasche, die wie ein Schwanz aussieht, ein dicker, im Gegensatz zu ihren dünnen.

»Still loving it«, hieß es in einer Werbung. Are we really still loving it? Wie viele werden in diesem Moment im Iran mit Cola-Flaschen vergewaltigt? Und was, wenn die Flaschen viereckig wären?

Ich denke über die Fixierung der Iraner auf den Arsch nach. In Farsi sagen wir, wenn wir etwas mit viel Mühe und Zeitaufwand erreicht haben, »mein Arsch wurde zerrissen (oder aufgerissen)« – so ähnlich wie im Deutschen, aber der Arsch ist das Zentrum der Welt. Besonders der der Männer. Dieser Arsch ist ständig in Gefahr. Wenn man ein noch unbehaarter Junge ist: weil alle diesen Arsch ficken wollen. Weil sie einfacher einen Jungen zum Ficken finden können als eine Frau, die getrennt von den Männern lebt. Jungen stehen auf der Straße zur Verfügung. Auch in der Schule müssen sie aufpassen. Weil sie in nach Geschlechtern getrennten Schulen immer den männlichen Lehrern ausgeliefert sind oder den Mitschülern. Und selbst wenn man diesen Arsch durch Glück oder Zufall vor dem Geficktwerden gerettet hat, werden die Polizisten und Revolutionsgarden es auf ihn absehen.

Durch Vergewaltigungen sollen Männer in diesem Land, das nur zwei Geschlechter anerkennt, zu einem dritten Geschlecht gemacht werden. Das der Männer steht oben, das der Frauen ist in den Augen der Männer weniger wert: ein Geschlecht, das zum Erniedrigen, Gefickt- und Geschlagenwerden verurteilt ist. Aber in den Augen der Gesellschaft ist ein Mann, wenn er gefickt wird, noch weniger wert als eine Frau. Eine Schwuchtel eben. Farsi macht keine Unterscheidung zwischen weiblich und männlich, kennt keine Artikel, trotzdem ist die Sprache voller Sexismus.

 

Der Polizist fragt weiter und bringt mich ins Jetzt zurück. Das Problem, das ich mit meiner Muttersprache habe, bleibt. Wie kann diese Sprache, in der meine Großmutter mir Märchen erzählte, aus dem Mund von iranischen Männern so brutal sein?

»Welche Straße also?«

Die Befragung geht zu Ende, obwohl sie mir nicht glauben, dass ich mit dem Flugzeug aus Istanbul eingereist bin. Sie sagen, dass sie die Videoaufzeichnungen des Flughafens anschauen werden, weil ich angebe, mich an den Namen in meinem gefälschten Pass nicht genau erinnern zu können.

Ich werde in ein kleineres Zimmer geführt. Dort sitze ich eine Weile alleine und frage mich, wie viele Tage es her ist, dass ich meine Eltern zum letzten Mal gesehen habe. Einen gefälschten Reisepass für mich aufzutreiben dauerte ungefähr drei Wochen, die ich illegal in Istanbul verbringen musste. Vor meiner Flucht in die Türkei hatte ich sie auch schon eine Weile nicht gesehen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Vermutlich ist unsere letzte Begegnung anderthalb Monate her.

Eine schwarzhaarige Frau betritt mit einem Polizisten den Raum. »Ich bin Dolmetscherin«, sagt sie mit einem mir unbekannten Akzent auf Farsi. Sie ist offenbar in Österreich geboren und spricht die Sprache schlecht. »Du musst sagen, warum du geflüchtet bist« – bei ihr klingt das grammatikalisch weniger korrekt. »Obwohl, ist eh klar, warum. Ihr Iraner lügt alle. Ich schäme mich, auch Iranerin zu sein«, sagt sie.

»Wenn Sie ›ihr Iraner‹ sagen, heißt das doch, dass Sie keine Iranerin sind. Dann brauchen Sie sich auch nicht zu schämen. Und wenn Sie mich gleich als Lügner bezeichnen, möchte ich nicht mit Ihnen sprechen. Ich kann selbst sprechen, auf Englisch.«

»Nicht frech werden. Mein Mann ist der Polizeichef von Traiskirchen. Ich bin die Chefin von allen hier.«

»Schön für Sie.«

»Warum bist du da?«

»Es tut mir leid, dass ich ohne Einladung gekommen bin.«

Sie sagt etwas auf Deutsch zu dem Polizisten. Er schreit mich auf Englisch an, dass ich mich benehmen und ihre Fragen beantworten soll. Kurz packt mich Angst, aber dann kommt Hass auf den Polizisten hoch. Ich sage ihm, dass er mich nicht anschreien, sondern mir seine Fragen auf Englisch stellen soll.

»Warum bist du nach Österreich gekommen?«, fragt sie wieder.

»Ich werde gesucht, weil ich bei den Protesten war. Ich wurde bereits mehrmals aus politischen Gründen verhaftet. Wenn man mich jetzt verhaften würde, würde ich lange nicht mehr aus dem Gefängnis rauskommen.«

Sie grinst mich an. »Gut, dass du eine andere Geschichte erzählst als alle anderen. Du bist der Erste, der wegen der Proteste da ist. Du wirst gute Chancen haben mit deiner Geschichte.«

»Ich erzähle keine Geschichten. Das ist mein Leben.«

Aber sie will es nicht verstehen. Immer wieder muss ich Wörter auf Englisch sagen, weil ihre Farsi-Kenntnisse nicht ausreichend sind. Ich frage mich, was am Ende dabei rauskommen wird, wenn ich so eine Dolmetscherin habe.

Gegen Mitternacht sind wir fertig. Sie schicken mich hinaus, Richtung Schlafsäle, und ich mache mich auf die Suche nach dem Aserbaidschaner, damit er mir weiterhilft. Laut dem Polizisten ist er dafür zuständig.

3

Gleich zu Beginn meiner Arbeit an diesem Buch bin ich auf große Schwierigkeiten gestoßen. Diese Schwierigkeiten beziehen sich auf eine der Figuren, die im wirklichen Leben nicht mehr lebt. Über eine Person zu schreiben, die nicht mehr lebt, ist an sich schon schwer genug, und es birgt einige Gefahren.

Die erste Gefahr ist, dass ich als Autor über so eine Person schreiben kann, was ich will. Am Leben zu sein und etwas erzählen zu können verleiht mir Macht. Ich kann schreiben, was ich will, und niemand kann mich hindern, wenn ich lüge. Selbst wenn ich angebe, wahrheitsgetreu zu schreiben. Ich kämpfe schreibend gegen diese Macht und diese Gefahr an, mit der Vorahnung, dass ich kaum eine Chance haben werde.

Zweitens: Die erzählten Geschichten können unabhängig von der Person weiterexistieren – die Person selbst aber gerät in Vergessenheit, es bleibt nicht mehr als eine lückenhafte Erzählung von ihr zurück. Das Nacherzählen kann sich verselbstständigen und flieht vor der Realität des Lebenslaufes dieser Person, über die ich schreiben will. Vor allem, weil ich nicht ihr ganzes Leben kenne.

Die dritte Gefahr ist, dass ich die Tote verliere und nicht weiß, wie ich sie wiederfinden soll, wenn sie zwischen poetischen, das heißt schönen, literarischen Formulierungen verschwinden sollte.

Aber das größte Problem ist ihre Sprache. Ich bin nicht in der Lage, sie wiederzugeben, weil sie sich als Intellektuelle eine Sprache angeeignet hat, deren Niveau ich auf Deutsch nicht erreichen kann. Ihre Muttersprache war Deutsch, und als ich sie kennenlernte, musste ich mich in gebrochenem Englisch mit ihr verständigen. Ihr Farsi war gut genug, um mich teilweise zu verstehen, nicht jedoch, um es zu sprechen. Ich habe sie fast nie Deutsch sprechen hören – wie kann ich jetzt eine Sprache für sie finden? Die Erfindung einer Sprache für sie kommt mir wie Verrat vor. Ich kann nur versuchen, mich ihrer Sprache anzunähern, indem ich ihre Essays und Artikel lese. Aber noch immer sind sie schwer für mich zu verstehen, weil sie sich mit komplexen Themen befassen.

Trotzdem habe ich mich entschieden, über sie zu schreiben. Ich will ihr zumindest auf literarischer Ebene die Möglichkeit geben, sich zu rächen. Warum rächen? Das wird noch deutlich werden. Ich schreibe Worten eine magische Kraft zu. Ich glaube, Literatur kann wie ein kleines Armageddon Tote ins Leben zurückführen. Literatur kann die Posaune spielen, deren Klang als Zeichen des Armageddon gilt. So wachen die Toten auf und haben wieder die Freiheit lebendiger Menschen, das zu tun, was sie vorhatten, wodurch sie den Lauf der Geschichte verändern können.

Dieses Buch habe ich geschrieben, um den Toten eine zweite Chance zu geben. Ich muss mich nicht aus Angst vor ihnen abschirmen. Ich lebe mit ihnen. Sie kehren jede Nacht zurück, um ihre Rechte zu fordern. Deshalb will ich ihnen zumindest einen Teil davon in der Literatur zurückgeben.

4

Sarah saß jeden Abend vor ihrem Laptop und suchte nach neuen Videos über die Proteste im Iran. Da das Internet vom Regime stark verlangsamt wurde, konnten viele ihre Videos nur schwer hochladen. Trotzdem gab es immer neue auf YouTube. »Neu« hieß nicht zwangsläufig aktuell; sie waren neu, weil sie erst kürzlich hochgeladen wurden.

Mit der Zeit lernte sie, wie die Videos einzustufen waren. Viele Aufnahmen zeigten ein und dieselbe Szene aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie waren am leichtesten einzuordnen. Andere dagegen zeigten etwas, wovon es nur ein Video gab, oftmals ein Gefecht oder einen Steinhagel zwischen Polizei und Protestierenden. Die waren schwerer einzuordnen.