Das Erbe der Baumeisterin - Alis Hawkins - E-Book

Das Erbe der Baumeisterin E-Book

Alis Hawkins

0,0

Beschreibung

Die Handelsstadt Salster im 14. Jahrhundert: Ihr Können und Ansehen als Zimmermeisterin hat die junge Gwyneth sich hart erkämpft – doch stets im Schatten ihres Ehemanns Simon, eines Baumeisters. Als ihm die Ehre zuteilwird, Salster zu einer weithin anerkannten Stätte des Wissens zu machen und eine Universität zu erbauen, ist Gwyneth fest entschlossen, ihn zu unterstützen. Aber seitdem sie ein Kind geboren hat, das »anders« zu sein scheint, haften ihr und dem kleinen Sohn dunkle Gerüchte von einem Fluch an. Immer mehr entfremdet sich auch Simon von ihnen – und dann geschehen auf der Baustelle der Universität schreckliche Unfälle, für die ein Sündenbock gefunden werden muss. Gwyneth ahnt: Ihr härtester Kampf steht ihr noch bevor … 600 Jahre später brennt die altehrwürdige Universität. Restaurierungsarbeiten fördern ein mysteriöses Wandgemälde zutage, das verstörende Bilder zeigt: Ist es der Schlüssel zur Geschichte dieses Ortes? Nach und nach kommt die PR-Agentin Damia dem Geheimnis der Baumeisterin auf die Spur … Ein bildgewaltiger historischer Roman, der Fans von Rebecca Gablé und Sabine Ebert begeistern wird.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 737

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Über dieses Buch:

Sie leben in verschiedenen Jahrhunderten – doch ihre Schicksale berühren sich … Die PR-Agentin Damia Miller steht vor einer nahezu unlösbaren Aufgabe: Sie soll das ehrwürdige Kineton-and-Dacre-College mit einer großen Fundraisingaktion vor dem Ruin bewahren. Doch dafür muss sie Beweise finden, dass diese alte Universität wirklich schützenswert ist – am besten, indem sie ihre lange verloren geglaubte Gründungsgeschichte wiederentdeckt. Bei ihren Nachforschungen stößt Damia auf die faszinierende Lebensgeschichte der Baumeisterin Gwyneth, die im 14. Jahrhundert gemeinsam mit ihrem Mann das College errichtete. So kommt Damia einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur, das sie tief in ihrem Innersten berührt – und ihr Leben von Grund auf verändern wird …

Über die Autorin:

Alis Hawkins wuchs auf einem Bauernhof in Cardiganshire, Wales, auf. Nach dem Studium arbeitete sie als Logopädin, während sie gleichzeitig Romane, Sachbücher und Theaterstücke schrieb. Heute lebt sie mit ihrer Familie an der Grenze zwischen Wales und England.

Die Website der Autorin: https://alishawkins.co.uk/

***

eBook-Neuausgabe Mai 2021

Die englische Originalausgabe erschien erstmals 2008 unter dem Originaltitel »Testament« bei Macmillan New Writing, London. Die deutsche Erstausgabe erschien 2009 unter dem Titel »Das Testament des Baumeisters« bei Goldmann.

Copyright © der englischen Originalausgabe 2008 by Alis Hawkins

Copyright © der deutschen Erstausgabe 2009 Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Volodymyr Baleka, kittu10001, RubenMinjauw

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-96655-444-2

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

***

Sind Sie auf der Suche nach attraktiven Preisschnäppchen, spannenden Neuerscheinungen und Gewinnspielen, bei denen Sie sich auf kostenlose eBooks freuen können? Dann melden Sie sich jetzt für unseren Newsletter an: www.dotbooks.de/newsletter.html (Versand zweimal im Monat – unkomplizierte Kündigung-per-Klick jederzeit möglich.)

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort »Das Erbe der Baumeisterin« an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

***

Besuchen Sie uns im Internet:

www.dotbooks.de

www.facebook.com/dotbooks

www.instagram.com/dotbooks

blog.dotbooks.de/

Alis Hawkins

Das Erbe der Baumeisterin

Roman

Aus dem Englischen von Sibylle Schmidt

dotbooks.

Für Edwina, Sam und Rob – die mein Leben mit Liebe und Lachen erfüllen

Prolog

Kineton and Dacre College, Gegenwart

Es war nur ein kleines, ungefährliches Feuer, ein Schmorbrand, verursacht durch alte Leitungen, die schon seit zehn Jahren zum Austausch fällig waren; eine lästige Zusatzarbeit für die Handwerker, keine beunruhigende Nachricht für die Universität. Doch als zwei Schreiner die angekohlten Bretter aus der Wandtäfelung entfernten, stießen sie auf ein Bildnis, das die Geschichte des Kineton and Dacre College von Grund auf verändern sollte.

Von der freigelegten Wand hinter der Eichenholztäfelung im Tudor-Stil starrte den Männern ein rußgeschwärztes Gesicht mit aufgerissenem Mund entgegen. In dem Schlund rang eine winzige Gestalt mit einem Säugling, der die Arme in die Luft reckte.

Der Schreiner, der das Bild zuerst erblickte, fuhr mit einem unterdrückten Fluch zurück.

Sein Kollege spähte durch die Öffnung. »Großer Gott ...« Er wandte sich um. »Von einem Wandgemälde hat keiner was gesagt, oder?«

Die hautfarbenen Gesichter der Gestalten waren rußverschmiert, was sie noch unheimlicher wirken ließ. Der Schreiner streckte die Hand aus, um sie zu säubern.

»Lass das lieber, Will«, sagte der andere warnend. »Man weiß nie.«

Sein jüngerer Kollege, der es gewohnt war, Anweisungen zu befolgen, ließ die Hand sinken. »Das ist ein Steinmetz«, sagte er stattdessen. »Er hat diesen Zirkel.«

»Das Kind auch.« Sein Kollege wies mit dem Kopf auf die Hände des Kindes, die einen Zirkel umklammerten. »Komm, lass das verdammte Ding in Ruhe. Wir sollten lieber Bescheid sagen.«

Nach viereinhalb Jahrhunderten, in denen das Wandbildnis des Kineton and Dacre College im Dunkeln geblieben war, sollte es nun wieder ans Tageslicht gelangen.

Eins

Salster, in der Woche vor Ostern, im Jahre 1385

Niemals in jenen zwanzig Jahren, in denen Gwyneth of Kineton darauf gewartet hatte, ein Kind zu empfangen, hätte sie geglaubt, dass sie womöglich bei der Geburt sterben könnte. Zwar kannte sie Frauen, denen dies widerfahren war – und hatte sich, wenn auch bitter, damit getröstet, dass ihre Unfruchtbarkeit ihr wenigstens dieses Schicksal ersparen würde –, doch nie und nimmer hätte sie angenommen, dass die Geburt des ersehnten Kindes ihr eigenes Ende bedeuten könnte.

Und doch lag sie nun hier, entkräftet und dem Tode nahe. Das Kind, das all die Monate in ihrem Leib herangewachsen war, rührte sich nicht und schien ihren Tod herbeizuführen.

Mit angezogenen Knien lag Gwyneth auf dem Lager am Boden, verheddert in ihr schweißnasses Hemd. Neben ihr stand der Hocker, von dem sie gesunken war, als sie sich heftig erbrechen musste. Die zwei Hebammen, die bei ihr saßen, sahen sich besorgt an und blickten dann wieder auf die halb ohnmächtige Frau zu ihren Füßen. Sie hatten nicht selten erlebt, dass Frauen mit dem ungeborenen Kind im Mutterleib den Tod fanden, und sie fürchteten, dass auch Gwyneth of Kineton dieses Schicksal ereilen könnte. Da sie nichts Tröstliches mehr zu sagen wussten, blieben beide stumm, ihrer Hilflosigkeit ergeben.

Welten entfernt, in einem Reich der Schmerzen und des Wahns, hastete Gwyneths Geist durch ihr Leben, verharrte hie und da einen kurzen Augenblick, einer Hausherrin gleich, die noch rasch nach dem Rechten sieht, bevor sie sich auf eine lange Reise begibt.

Ihre erste deutliche Erinnerung: Sie nimmt einen Klöpfel aus der Hand ihres Vaters entgegen und wägt sein Gewicht ab.

»Ob sie dich zum Meister machen, ist ungewiss zu dieser Zeit, Gwyneth. Doch das Handwerk vermag dir Speis und Trank zu verschaffen.«

Dreißig Jahre waren seither ins Land gegangen. Eine lange Zeit, um vom Kind zur Frau heranzuwachsen und nun an einem Kind zu sterben.

Wieder sah sie ihren Vater, an seiner Seite Simon. Simon als junger Mann, bevor er und Gwyneth die Ehe schlossen. Ihr Gatte und ihr Vater, Steinmetz und Zimmermeister, lodernde Kraft und beschauliches Handwerk.

Weitere Jahre zogen unbeachtet vorüber, bevor ihr suchender Geist ihn fand: Henry Ackland. Henry, der unter ihrem Dach gelebt und von Simon das Handwerk erlernt hatte. Henry, der wie ein Sohn für sie gewesen war.

Er hatte ihnen einen Besuch abgestattet und ihnen etwas Wichtiges zu berichten gehabt – was war es nur gleich? Er war fort gewesen – viel zu lange! –, doch als er zurückkehrte, hatte er ihnen Neuigkeiten gebracht. Was hatte er gesprochen? Gwyneths Geist suchte ruhelos, musste die Antwort finden. Hatte er von seiner Liebe zu ihrer Pflegetochter Alysoun berichtet?

Ihr Geist huschte weiter. Alysoun, das Kind, das sie davor bewahrt hatte, wegen ihrer Unfruchtbarkeit zu verbittern. Damit dieses Kind leben durfte, hatte ein Elternteil sterben müssen, und nun forderte ihr eigenes, ungeborenes Kind offenbar dasselbe. Das war in gewisser Weise gerecht.

Alysouns Vater war von einem Dach gestürzt, das Gwyneth entworfen hatte. Und sie hörte nun erneut den kurzen Schrei, den Aufprall des Körpers auf der harten Erde.

Gwyneth hatte stets gesagt, dass sie diese Laute bis zu ihrem eigenen Sterbetag hören würde.

Michael Icknield hatte noch eine Stunde gelebt, hatte sich verzweifelt ans Leben geklammert. Alle legten die Arbeit nieder und kamen an seine Seite. Man wagte es nicht, ihn zu bewegen, weil man seine Qualen nicht verschlimmern wollte. Die Steinmetze fielen auf die Knie und beteten um ein schnelles Ende für Michael oder aber um ein Wunder.

Ein Wunder. Simon hatte es ein Wunder genannt, dass Gwyneth doch noch ein Kind empfangen hatte. Oder war die Schwangerschaft vielleicht eher ein Fluch gewesen? Würde Simon nun Frau und Kind zugleich verlieren? Vielleicht würde er sich erneut verheiraten und den Sohn bekommen, um den er so lange gebetet hatte.

War sie schon unterwegs in die andere Welt, dass sie auf ihr Leben blicken konnte, als sei es bereits vergangen?

Wieso holten die Hebammen nicht den Priester?

Für Michael hatten sie den Priester geholt. Der Mann tat, was in seinen Kräften stand, doch Michaels Gehirn hatte durch den Sturz Schaden genommen: Er konnte weder Beichte noch Buße sprechen. Da war nur noch jener tierartige Wille gewesen, am Leben zu bleiben.

Aus den umstehenden Arbeiterhütten kamen die Frauen, durch die plötzliche Stille aufmerksam geworden. Als sie die stummen Männer und die verkrümmte Gestalt am Boden erblickten, wandten sich einige von ihnen ab und scheuchten die neugierigen Kinder fort zum Spielen.

Gwyneth wusste, dass Icknields Kind nun eine Waise war, und nachdem man den leblosen Steinmetz fortgetragen hatte, ging sie ohne ungebührliche Hast zu den Frauen und sprach mit ihnen.

Und jetzt, so schien es, musste sie dieser Entscheidung und überhaupt allem Rechnung tragen, was sie in ihren neununddreißig Jahren gesagt, gedacht und getan hatte. Doch in Wahrheit bereute sie nur eines: ihre Gier nach einem Kind, denn diese Gier hatte ihr das Mitgefühl geraubt.

Führte Simons dringlicher Wunsch nach einem Sohn nun dieses zweifache Sterben herbei? Hatten die flehentlichen Bitten ihres Gatten, sein inständiges Beten, seine Weigerung, selbst Gottes Nein hinzunehmen, zu Gwyneths Ende geführt?

War der Allmächtige etwa so gnadenlos?

Der verbliebene Rest ihrer Kraft setzte sich gegen diese Ungerechtigkeit zur Wehr. Wenn Gott ihr ein Kind geschenkt hatte, dann wollte er auch, dass sie am Leben blieb.

»Hilf mir, oh Gott!«, stöhnte Gwyneth, bemüht, sich der Ohnmacht zu entwinden.

Die Hebammen, wachgerüttelt durch dieses Anzeichen von Lebenswillen, packten Gwyneth unter den Armen und hievten sie erneut auf den Gebärhocker. Bei diesem rüden Ruck, der sie zwang, sich aufzurichten, entfuhr Gwyneth ein Schrei. Doch als er in ihren Ohren widerhallte, spürte sie auch einen heftigen unbekannten Schmerz, und warme Flüssigkeit strömte aus ihr heraus.

Die ältere Hebamme beachtete Gwyneths Klagen nicht, schob deren Hände beiseite und tastete nach dem Kind. Und Gwyneth vernahm über ihren eigenen Schmerzensschreien, wie die Hebamme ausrief: »Der Kopf ist unten! Der Kopf ist unten!«

Den stechenden Schmerzen zum Trotz hätte Gwyneth beinahe laut aufgelacht vor Erleichterung. Bald würde der Schmerz überstanden sein. Sie würde nicht sterben. Und bald würde sie ihr Kind sehen, im Arm halten, sein zartes kleines Gesicht an ihrem spüren. Bald, bald ...

Simon of Kineton, nichtsahnend, dass eine Geburt nur dann glücklich verlaufen war, wenn nach den verstummten Schmerzensschreien der Frau das Schreien eines Kindes zu vernehmen war, wusste nichts davon, dass seine Frau beinahe mitsamt seinem ungeborenen Kind gestorben wäre. Die Empfängnis hatte seinen Glauben wiederhergestellt. Er war der festen Überzeugung, dass er später an diesem Tag seinen neugeborenen Sohn zur Taufe tragen würde.

Während Gwyneth verzweifelt um Geist und Leben rang, zeichnete ihr Gatte. Die Linien flossen aufs Papier, ausgeführt von sicherer Hand; kühne Linien, die so gar nichts mit den ordentlichen, peinlich genauen Plänen zu tun hatten, die man von ihm, dem Baumeister, erwartete. Während sein Stift schwungvoll übers Papier huschte, überschlugen sich in Simons Kopf die Ideen für dieses bereits halb entworfene Bauwerk. Denn er hatte den Auftrag tatsächlich erhalten: in Salster eine Universität zu errichten. Für Richard Daker, einen der mächtigsten Männer von ganz London.

Gestern erst – gestern, am Tag, als sein Sohn sich anschickte, zur Welt zu kommen! – hatte ihn diese Nachricht endlich erreicht.

Simon war im Begriff, über dem Tor zum Pförtnerhaus das Kreuz und das Horn zu vollenden, das Wappen des Richters vom Oberhofgericht, für den er in London ein hochherrschaftliches Anwesen erbaut hatte. Als Baumeister zog er stets Witterung und Jahreszeit in Betracht und hatte mit den Steinmetzarbeiten abgewartet, bis die Bausaison beendet war.

»Master Kineton.«

Als Simon sich auf dem Weidengerüst umwandte, erahnte er aus dem Tonfall des Mannes, dass man ihn bereits mehrmals angesprochen hatte.

»Verzeiht, Freund«, sagte er. »Ich habe Euch nicht gehört.«

»Nicht der Rede wert, Master. Ich habe hier einen Brief für Euch, von Master Ackland.«

Simon steckte sein Werkzeug in den Gürtel, schritt die steile, schwankende Weidenrampe hinunter und klopfte sich dabei den Steinstaub von den Händen.

Er nahm den Brief entgegen, brach das Siegel und blickte auf Henrys ausladende Handschrift. Der Junge hatte sich den verschwenderischen Umgang mit Tinte und Papier nie abgewöhnt, obwohl er von dem Mönch, der ihn das Schreiben gelehrt hatte, deshalb nicht selten Prügel bezogen hatte.

Von Master Ackland an seinen Meister und Freund Simonvon Kineton, mit Gruß und Hochachtung.

Sir,

Master Daker, der indessen sämtliche Pläne für seine Universität geprüft hat, wünscht Euch alsbald in Salster zu sehen. Ich genieße sein Vertrauen und weiß, dass er hocherfreut ist über Eure Pläne. Doch er will Euch nun kennen lernen. Bitte lasst mich wissen, wann Ihr eintreffen könnt.

Dieser Bursche hier, Robin Yewell, ist in geschäftlichen Angelegenheiten für mich unterwegs und wird mir Eure werte Antwort überbringen.

Ich hoffe fürwahr, dass Ihr und die Euren so wohl seid, wie ich es bin.

Geschrieben am Dienstag zwei Wochen vor Ostern.

Henry! Der Bettelknabe, den Simon sein Handwerk gelehrt hatte, schien ihm diese Gunst nun doppelt zu vergelten. Sein einstiger Lehrbursche, damals ein dürres, ausgehungertes Kerlchen, war indessen Baumeister des Königs.

Vor vielen Jahren – wie lange war es her? Elf oder zwölf Jahre? – hatte Simon an einem Kloster eine Tagesfahrt von Westminster entfernt gearbeitet. Er war gerade damit beschäftigt, das himmelwärts gewandte Gesicht eines Heiligen für die Kanzel zu meißeln, als er spürte, dass er beobachtet wurde. Als er aufsah, erblickte er einen schmutzigen Jungen mit lapislazuliblauen Augen, der ihn eingehend betrachtete. Der Bursche gehörte zu der Meute, die immer auf dem Gelände herumlungerte, bei den Steinmetzen bettelte und darauf wartete, dass die Mönche Brotreste verteilten.

»Wartest du darauf, dass ich dir etwas gebe?«, fragte Simon.

»Nein, Meister. Ich habe Euch nur zugeschaut. Um zu sehen, wie Ihr das Gesicht in den Stein zeichnet.«

Hätte der Knabe »wie Ihr das Gesicht in den Stein meißelt« gesagt, so hätte sein Leben einen anderen Verlauf genommen. Doch dass der Bursche sah, was Simon fühlte – dass er nämlich etwas zum Vorschein brachte, was dem Stein innewohnte –, berührte Simon zutiefst. Er hatte mit zahllosen Steinmetzen gearbeitet, doch keiner von ihnen hatte je dieses Gefühl gekannt.

»Hast du schon einmal mit Stein gearbeitet?«

Wenn der Junge auf Baustätten herumlungerte, mochte er sich vielleicht schon einmal mit einem Nagel und einem Kiesel an einem Bruchstück versucht haben.

Der Bursche schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich kann Holz schnitzen.« Verlegen förderte er aus seiner zerlumpten Kleidung ein kleines Holzstück zutage und reichte es Simon.

Simon betrachtete es eingehend, und wieder tat sein Herz einen Sprung. Auf dem Stück Holz, das kaum größer war als die Kelle eines Schöpflöffels, erkannte er in winzigem Maßstab, doch getreulich wiedergegeben, die Jungfrau Maria, die er selbst für die Klosterkirche gemeißelt hatte.

Dabei hatte er Gwyneth vor Augen gehabt, wie sie einen Säugling in Armen hielt. Die Traurigkeit seiner Frau über ihre Unfruchtbarkeit hatte er hier umgewandelt in Zärtlichkeit für das Neugeborene, ihre Kraft, mit der sie Holz zu bearbeiten verstand, in den sicheren Griff, mit dem sie das Kind hielt, und die weiche Sanftheit ihres Leibes – die ihm so viel Freude bereitete – in die Wärme und Herzlichkeit der Mutter Gottes. Und dieser Bettelknabe hatte all das erkannt und in seine Schnitzerei übertragen.

»Hast du das wirklich selbst geschnitzt?«, fragte Simon mit rauer Stimme.

»Ja, Master.«

»Weißt du, wer die Madonna in der Kirche geschaffen hat?«

»Nein, Master.«

Der Knabe hat die Wahrheit gesprochen, dachte Simon nun, während er zeichnete. Er hat die Madonna damals nicht geschnitzt, um ihrem Schöpfer zu schmeicheln, sondern weil er sie schön fand. Henry war außerstande, jemanden zu täuschen.

Von diesem Tag an hatten sich mühelos Aufgaben für den Jungen an der Baustätte finden lassen. Er hatte einen wachen Geist und geschickte Hände, und bald darauf wurde es Simon gestattet, Henry für die üblichen Gebühren als Lehrburschen zu nehmen.

Henry lebte acht Jahre lang bei der Familie und erlernte nach und nach Simons Meisterschaft im Umgang mit Stein. Und nun, da er selbst ein Meister war, hatte er Simon vor einigen Monaten von Richard Dakers Plänen zum Bau einer Universität in Salster berichtet. Während Simon in London am Anwesen des Richters arbeitete, war Henry in Salster im Auftrag des Königs mit Stadtmauer und Toren beschäftigt. Salster war nur einen halben Tagesritt von der Küste entfernt und brauchte solide Mauern, für den Fall, dass die Franzosen weiter ins Inland vordringen würden.

Die Kunde von Dakers Plan hatte die beiden Bauhütten in Salster erreicht – die Steinmetze der einen erbauten die Klosterkathedrale, die anderen die Stadtmauer und die Brücke an der Pilgrim’s Gate – und würde in Bälde, wie Daker wusste, jeder Bauhütte und jedem Baumeister in ganz England bekannt sein.

Als Simon von Dakers Vorhaben erfuhr, überließ er die Arbeiten an der Residenz des Richters sofort anderen und stahl sich aus dem sonnendurchstrahlten Gebäude davon. Die düstere Bauhütte zog ihn beinahe magisch an, und er verbrachte immer mehr Zeit dort. Lehrburschen, die für gewöhnlich Werkzeug zu reinigen hatten, mussten nun plötzlich Pergament abschaben. Doch selbst wenn sie sich fragten, was ihr Meister wohl mit großen Zeichenblättern im Sinn hatte, obwohl es keine Lehrgerüste mehr anzulegen und kein Sims zu behauen gab, so waren sie doch klug genug, nicht zu fragen.

Man fand nun Zeichnungen auf Simons Arbeitstisch, kühne Entwürfe, die keine Ähnlichkeit aufwiesen mit den Bauwerken, die er sonst zu erschaffen pflegte. Er zeichnete Wände, die wie in einem Labyrinth gerundet waren und von riesigen runden Fenstern durchbohrt wurden; Kuppeldächer, mit denen englische Handwerker keinerlei Erfahrung hatten; Mauern, so farbig gestreift wie ein buntes Kleidungsstück. Simon hatte niemals außerhalb von England gearbeitet, war nie gereist, um die Ideen der Steinmetze auf dem Festland zu studieren; er hatte diese Formen in Skizzenbüchern von Steinmetzen gesehen, die südliche Länder bereist und jene dicht an dicht erbauten Häuser der Ungläubigen und der Kreuzfahrer besichtigt hatten.

Doch nach und nach sah Simon ein, dass eine derart kühne Fremdheit nicht beheimatet war in Salster, wo die Gebeine angelsächsischer Heiliger in der Erde ruhten. Und die Zeichnungen, die sich auf seinem Tisch zu häufen begannen, gerieten sichtbar englischer, mehr nach dem Geschmack eines Volkes, das Wert auf seine eigene Tradition legte, nachdem es so viele Jahre gegen Frankreich gekämpft hatte.

Und so widmete sich Simon nun eingehend seinen Entwürfen, um seine Unruhe zu bezähmen, während er die Geburt seines Sohnes abwartete.

So versunken war er in sein Zeichnen, dass er nicht hörte, wie die Hebamme ins Zimmer trat. Als er sie unvermittelt neben sich stehen sah, erschrak er so sehr, dass er seine makellose Zeichnung mit einem Krakel verunzierte.

Er sprang auf. »Ist er da?«

Die Hebamme seufzte und ordnete ihre Haube, was sie vor dem Betreten des Zimmers versäumt hatte. »Eure Gemahlin hat einen Sohn geboren, ja«, antwortete sie, »und sie ist am Leben« – ein scharfer Blick traf Simon –, »obwohl es schien, als würde sie sterben.«

»Doch jetzt ist sie wohlauf?«

Die Hebamme steckte einen Zipfel ihrer Haube fest und sah Simon prüfend an. Konnte es wahrhaftig sein, dass dieser Mann nicht wusste, wie gefährlich es für eine Frau war, ein Kind zu gebären in einem Alter, in dem andere bereits Enkel hatten, die ihnen an den Nerven zerrten?

»Die Herrin ist unversehrt«, antwortete sie, ohne Simon aus den Augen zu lassen.

»Ich bin Euch zu großem Dank verpflichtet für Eure Mühe«, versicherte Simon hastig, dem der unbehagliche Blick der Hebamme entging, den ein aufmerksamerer Mann wohl bemerkt hätte. »Nun muss ich aber nach meiner Frau sehen.«

Mit großen Schritten eilte er hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Die im Wohngemach allein gelassene Hebamme starrte verwirrt auf die Zeichnungen und fragte sich, wie dieser unerfahrene Vater wohl mit seinem Sohn zurechtkommen würde.

Zwei

Kineton and Dacre College, Gegenwart

Das Feuer war an sich kein bemerkenswertes Ereignis, und die Kandidaten, die vor dem Büro des Rektors auf ihr Vorstellungsgespräch für die Stelle des Marketingmanagers warteten, hätten auch weiter keine Notiz davon genommen. Doch als zwei aufgeregt wirkende Handwerker ins Büro des Dekans marschierten, blickte Damia Miller auf.

Sie saß in dem komfortabel ausgestatteten Vorzimmer und konnte nicht umhin, einige Gesprächsfetzen mitzuhören. »Wandbild ... hinter der Täfelung ... sehr sonderbar ... unheimlich ... sieht aus, als sei das nicht alles ...«

Welche Vorahnung bewog Damia Miller zu ihrem Verhalten, das ihr im darauf folgenden Gespräch den begehrten Posten einbrachte? Eine Vorahnung, die sie dazu veranlasste, dem Rektor in sicherer Entfernung über den Hof zum prachtvollen Oktogon der Universität und die gewundene Treppe hinauf in die Aula zu folgen. Eine Vorahnung, die dazu führte, dass Damia mit ihrem Fotohandy mehrere Aufnahmen von der grauenerregenden Fratze machte, die hinter der Wandtäfelung aufgetaucht war: ein Gesicht, das aus seinem aufgerissenen Schlund ein Kind erbrach.

Diese Wandmalerei, erklärte Damia dem Rektor in ihrem Vorstellungsgespräch, verweise auf ein dunkles Geheimnis, ein Rätsel, eine Geschichte, die so weit zurückreiche in die Vergangenheit, dass sie unterdessen in Vergessenheit geraten sei. Wer war dieser Steinmetz? Was verbarg sich hinter dieser grotesken Geburtsdarstellung?

Dieses Geheimnis und seine Geschichte, die es zu enthüllen galt, verkündete Damia, könnte womöglich der werbewirksamste Trumpf der Universität sein.

Und sie sei genau die richtige Person, um ihn entsprechend auszuspielen.

Drei

Kineton and Dacre College, Gegenwart

Als der Cutter später den Film bearbeitete, sah er als Erstes eine kleine, grazile Gestalt, deren dunkle Haut – zu hell, um schwarz zu sein, aber zu dunkel, um als weiß durchzugehen – und deren Zöpfchenfrisur sie im Ambiente des grauen Septembermorgens besonders exotisch erscheinen ließen.

Damia dagegen nahm die Fernsehleute nur am Rande als verschwommene Gestalten mit Kameras und Kabeln wahr. Ihr Blick war vielmehr auf das gerichtet, was von den Kameras gefilmt wurde: eine Gruppe von Männern und Frauen, die sich vor der Universität postiert hatten mit Plakaten, auf denen PACHTSTREIK AM KINETON AND DACRE COLLEGE und 600 JAHRE TRADITION SOLLEN VERRAMSCHT WERDEN stand.

Als Damia auf die Streikenden zuschritt, wäre es ihr lieber gewesen, die Demonstranten hätten Parolen skandiert, doch sie blieben still, als sie ihnen vorüberging. Und die Streikenden wiederum hätten angesichts von Damias aufrechter Haltung und ihrem gelassenen Gang nicht vermutet, dass ihre feindseligen Blicke und das eisige Schweigen ihr einen Schauer über den Rücken jagten.

Den Fernsehleuten jedenfalls konnte sie nicht so leicht entkommen. Sie versperrten ihr den Durchgang zum Innenhof, drängten sich um Damia, hielten ihr ein Mikrofon unter die Nase und wollten wissen, wer sie sei und ob sie wisse, wie man mit »diesen armen Leuten hier« – den Pächtern – umgesprungen sei.

Damia Millers einzige Antwort bestand darin, dass sie die Hand hob, um die Fragen abzuwehren.

Edmund Norris, Rektor des Kineton and Dacre College, fand es wiederum erheblich schwerer, sich der Fragen von Damia Miller zu erwehren.

»Es tut mir aufrichtig leid, dass Sie an Ihrem ersten Tag mit dieser Sache konfrontiert werden, Damia, aber der Pächterstreik ist lediglich Folge eines Kommunikationsfehlers. Sobald wir ein paar juristische Details abgeklärt haben, wird das alles ein Ende finden.«

»Welche juristischen Details?«

»Wirklich, Damia, Sie müssen sich damit nicht befassen. Es handelt sich lediglich –«

»– um ein kleines internes Problem?«

Der Rektor wich ihrem Blick aus, und es war klar, was hier vor sich ging: Sie testeten beide ihre Grenzen aus. Aber Damia konnte sich noch keine Nachgiebigkeit erlauben.

»Dr. Norris –«

»Edmund.«

»Gut, Edmund. Wenn Sie mich nicht mit den Interna vertraut machen wollen, kann ich ebenso gut auf der Stelle wieder verschwinden. Ich bin nicht hier, um Bettelbriefe zu verfassen und dafür zu sorgen, dass wir in den Ferien genügend Tagungen und Sommerkurse kriegen. Ich dachte, das hätte ich bereits im Vorstellungsgespräch klargestellt.«

Der Rektor nickte knapp.

»Sie haben mich eingestellt, damit ich der Universität ein neues, modernes Image verpasse.« Damia legte eine betonte Pause ein. »Nun, dieses kleine Fiasko da draußen ist nicht gerade dienlich für den guten Ruf, und damit bin ich äußerst unzufrieden. Wenn Sie mir nun bitte die juristischen Details präzise darlegen wollen – danach können wir dann darüber sprechen, wie wir die Sache angehen wollen.«

Damia hatte ruhig und konzentriert zugehört, als Norris ihr die Hintergründe für den Pächterstreik erläuterte, doch als sie später die Tür zu ihrem neuen Büro hinter sich schloss, war es vorbei mit ihrer Contenance.

Was für ein Idiot!, wütete sie stumm und lehnte sich von innen an die Tür. Was für ein hirnrissiger Vollidiot!

Es war ihr völlig unverständlich, wie ein hochintelligenter Mann wie Norris – ein international anerkannter Altphilologe – so blind sein konnte. Er hatte an sämtliche Pächter der Universität einen Formbrief verschickt, in dem diese höflich gebeten wurden, ein beiliegendes Dokument zu unterzeichnen, mit dem sie nach bestem Wissen und Gewissen bestätigten, dass die Universität seit jeher ihr Verpächter war und dass weder sie noch ihre Vorpächter, von denen sie ihren Pachtbesitz erworben oder ererbt hatten, jemals an eine andere Person oder Körperschaft Pacht dafür bezahlt hatten. Wie konnte Norris so leichtsinnig sein, wo doch bereits ein flüchtiger Blick auf die Pächterliste genügte, um festzustellen, dass sich unter den Pächtern ein gewisser Robert Hadstowe befand, der an ebendieser Universität, die ihn jetzt zu hintergehen suchte, seinen Abschluss gemacht hatte?

Und zwar in Jura.

Hadstowe hatte umgehend – und zutreffend – geschlussfolgert, dass die Universität Grundstücke verkaufen wollte, für die sie aus unersichtlichen Gründen keinen Eigentumsnachweis erbringen konnte. Weshalb nun die Pächter aufgefordert wurden, diese Lücke zu schließen und damit ihre eigene Position zu untergraben. Hadstowe hatte sofort die anderen Pächter informiert und vorgeschlagen, Norris mit einem Pachtstreik an den Verhandlungstisch zu zwingen. Die stumme Mahnwache vor den Toren, die ein Medienecho finden würde, war nun zweifellos das neueste Druckmittel.

»Wieso sind Sie nicht bereit zu verhandeln?«, hatte Damia den Rektor gefragt.

Das unbehagliche Schweigen, das nun eintrat, verdeutlichte ihr erneut, dass der Rektor keineswegs bereit war, sie in alle notwendigen Entscheidungsprozesse einzuweihen.

»Edmund?«

»Wir haben die auffindbaren Nachfahren aller ehemaligen Rektoren der Universität benachrichtigt und sie darum gebeten, uns sämtliche Dokumente über die Universität zuzusenden, die sich noch in ihrem Besitz befinden.« Norris verstummte.

»Und nun hoffen Sie, dass irgendwelche Eigentums- und Schenkungsurkunden auftauchen, die diese Erklärung überflüssig machen, die von den Pächtern unterzeichnet werden soll?«

»Ja.«

Damia hätte Verhandlungen vorgezogen, doch wenigstens war die Position des Rektors eindeutig.

Vier

Salster, Mai 1385

Salster, einen viertägigen Ritt von London entfernt. Verglichen mit der Hauptstadt des Königs eine kleine Stadt, jedoch lebhaft und florierend. Eine Stadt, die geprägt war von Mönchen und Geistlichen, von einem Kloster und Universitäten. Auf der Ebene an einem Flussdelta gelegen, war sie von Land umgeben, das so ertragreich war wie ihr Handelsleben.

Simon, der sich Salster auf seinem müden Ross näherte, lächelte.

Die Stadt war reich geworden durch die Pilger. Alle bereicherten sich – von den Händlern, die in den Straßen Tand und Pilgermarken aus Zinn verhökerten, bis zu den behäbig grinsenden Wirten der Gasthäuser: Das Geld verschwand so schnell aus dem Säckel der Reisenden, als seien gerissene Diebe am Werk. Sogar Simon, der im Umgang mit dreisten und wortgewandten Londonern erfahren war, wunderte sich über die Zudringlichkeit der Leute, die hier um seine Aufmerksamkeit und sein Geld buhlten. Angesichts der jammernden Bettler und Dirnen, die in engen Gassen unverhohlen ihr Gewerbe ausübten, hätte er sich auch im Straßentheater eines Predigermönchs befinden können. Die Versuchung – welchem Laster, welcher Sünde mag unser Pilger anheimfallen, was wird seinen Säckel leeren und ihn mit Scham erfüllen? Gier, Lüsternheit, Völlerei, Selbstsucht: Hier konnte alles befriedigt werden.

Simon, mit dem gewissen Hochmut eines Londoners ausgestattet, war erstaunt über den Anblick, der sich ihm bot, als er sich umsah. In Salster gab es um ein Vielfaches mehr Gebäude aus Stein, als es für eine Stadt von dieser Größe üblich war. Solide dreistöckige Häuser, eins ums andere, in deren Kellergewölbe Schlachter, Hornarbeiter, Bäcker, Messerschmiede, Lederarbeiter, Kerzenmacher oder Silberschmiede ihrer Arbeit nachgingen und ihre Türen aufgesperrt hatten, um Licht und Kundschaft einzulassen, während sich draußen im Rinnstein Innereien und Abfälle ihres Gewerbes sammelten. Steinerne Kirchen, kaum zweihundert Schritte voneinander entfernt, kündeten vom hohen Alter der Stadt; Simon allerdings war der Ansicht, dass neuere Städte, die für gewöhnlich nur über halb so viele Gotteshäuser verfügten, deshalb nicht schlechter bestellt waren. Die hoch aufragenden neu errichteten Mauern, welche Henry nach Salster geführt hatten, umschlossen die Stadt wie eine Rüstung aus Stein; sie waren ein würdiger Schutz für die jüngst errichteten stolzen Kaufmannshäuser.

Simon, der es gewohnt war, an seinen Baustätten ungehindert umherzustreifen, achtete zunächst nicht auf die finsteren Blicke, die ihm die Steinmetze ob seiner forschenden Betrachtung zuwarfen. Als ihm deren Unmut schließlich auffiel, merkte er, dass er in seiner kostspieligen Kleidung, die nicht mit Steinstaub bedeckt war, nur mit Messer und Geldbörse am Gürtel, nicht als Steinmetz zu erkennen war und so für einen beliebigen Pilger gehalten wurde, der gaffend durch die Stadt streifte.

Er wandte sich von den Baustätten ab und ließ sich mit dem Strom der anderen Fremden zur Klosterkathedrale treiben, in der die Gebeine des Dernstan ruhten, eines Heiligen und Wundertäters.

Wie schon so oft in ihrer fünfhundertjährigen Geschichte wurde die Kathedrale auch zurzeit umgebaut. Robert Copley, Bischof von Salster, von dessen ehrgeizigem Streben und dessen Weltzugewandtheit sogar Simon vernommen hatte, war von der Vorstellung beseelt, dass seine Kathedrale alle anderen in England überragen sollte. Es war ihm sogar gelungen, den unentbehrlichen Baumeister des Königs für sein Vorhaben zu gewinnen, Henry Yevele, einen ebenso genialischen wie zum Jähzorn neigenden Mann.

Als Simon das Klostergelände betrat, fiel sein Blick auf das neue Hauptschiff der Kathedrale, von dem bislang nur die Außenwände errichtet waren. Durch das Gerüst hindurch schimmerte der Kalkstein weiß in der Sonne. Vor seinem inneren Auge sah er die Wände, wie sie sich, von den Gerüsten befreit, in gewaltige Höhen aufschwingen würden. Simon, Baumeister aus ganzer Seele, empfand innige Freude beim Anblick solchen Schöpfungsreichtums.

Die Mauern, die sich von der älteren Apsis an der Ostseite erstreckten, in ihrer Klarheit kaum gestört durch schlanke Strebepfeiler, öffneten sich wie Pergament zu einem Juwel des Lichts, zu Fensterbogen, deren Weite und Höhe Simon erstaunte, auch wenn sie noch nicht verglast waren. Als er sich vorstellte, wie die Seitenschiffe von Licht durchflutet sein würden, wenn die Gläubigen dort dem Opus Dei der Mönche lauschten, erlebte er einen Augenblick erhabenen Glücks.

Dieses Hauptschiff, sinnierte Simon, würde den Charakter der Andacht verändern. Die Gebete würden nicht länger beschränkt von trutzigen Wänden mit kleinen Fenstern und wuchtigen Pfeilern, nicht länger gedrückt von überspannenden Gewölben, unter denen sich die flehende Seele unfrei fühlte. Die Gläubigen würden sich vielmehr hinaufgehoben fühlen zu einem lichtdurchfluteten Gefühl der Präsenz Gottes, und ihre Augen und Seelen würden sich dem Himmel nähern können in jener erhabenen, erhellten Höhe, die der geniale Baumeister für sie geschaffen hatte.

Wie gebannt beobachtete er die betriebsamen Steinmetze und ihre Handlanger, die Lehrburschen, die mit gewetztem Werkzeug eilig herbeiliefen oder auf der Werkbank frisch behauene Steine auf Schubkarren transportierten. Der Parlier des Baumeisters schritt umher, begutachtete Steine, markierte sie und gab Anweisungen mit der sicheren Stimme eines Mannes, der es gewohnt ist, Befehle zu erteilen. Simon hielt Ausschau nach dem Mann, der die Aufsicht über die Baustätte hatte, konnte ihn jedoch nirgendwo ausmachen. Da Yevele im Auftrag des Königs häufig unterwegs war, musste er einen anderen Baumeister in die Arbeit eingewiesen haben.

Und dann entdeckte Simon ihn unversehens. Ein hochgewachsener Mann mit Vollbart wie Simon selbst, war er auf den ersten Blick von den Steinmetzen zu unterscheiden, die geringere Aufgaben zu verrichten hatten. Er trug keine Kappe oder Haube wie die anderen, und sein langes gelocktes Haar fiel ihm über die Schultern. Simon wandte sich rasch ab, als der Mann in seine Richtung blickte, denn er kannte ihn. Hugh of Lewes war sein Name. Hugh war offenbar zurückgekehrt aus Frankreich, wo er im Auftrag des Königs dieses und jenes beaufsichtigt hatte. Simon fand es aufschlussreich, ihn nun hier vorzufinden. Hugh of Lewes war nicht gerade ein Freund des Klerus, und Simon hatte gehört, dass er sich mit mehr als nur einem französischen Prälaten angelegt hatte. Doch um mit Yevele arbeiten zu können, würde mancher Mann allerhand in Kauf nehmen.

Simon kehrte der Baustätte den Rücken und strich durch sein langes Haar, das auch er ohne Kopfbedeckung trug. Es ist nicht so üppig wie Hugh von Lewes’ Locken, dachte er bei sich, aber er war auch noch kein alter Mann, und wenn man ihm seinen Willen ließ, würde er ein Bauwerk erschaffen, das diesem Kirchenschiff ebenbürtig war.

Als Simon Richard Daker kennen lernte, verstand er, weshalb Henry Ackland so erpicht darauf war, dass sein Pflegevater Baumeister dieses Mannes wurde; Henry hatte seine Verehrung für Reichtum und Vornehmheit, die aus seiner Zeit als Bettlerjunge herrührte, nie ganz abschütteln können.

Daker, der Simon um eine Spanne überragte, hatte olivfarbene Haut und jenes vornehme und galante Gebaren, das auf seine Herkunft aus südlicheren Gefilden schließen ließ, wo der Ozean nicht eisig grau war wie in Simons Vaterland, sondern azurfarben schimmerte.

Dakers Kleidung war zwar aus feinstem englischem Tuch geschneidert, doch der Schnitt wies darauf hin, dass dieser Mann Wert darauf legte, sich überall ungehindert bewegen zu können, ohne darauf achten zu müssen, ob er sich beschmutzte.

Nachdem Daker seinen Gast empfangen und ihm Wein und süße Küchlein kredenzt hatte, kam er unumwunden zur Sache.

»Eure Entwürfe haben mich erstaunt, Master Kineton. Von Henry Ackland weiß ich, dass Ihr schon lange darauf wartet, etwas Erhabenes erbauen zu dürfen, doch sogar Henry – der Euch für einen der besten Steinmetze des Landes hält – konnte mich nicht auf das vorbereiten, was ich dann zu sehen bekam.«

Daker hielt unvermittelt inne. Sein Arm ruhte auf der Sessellehne, und nun betrachtete er Simon eingehend, die Faust unters Kinn gestützt. Simon bemerkte, dass Dakers Augen einen eigenartig zwielichtblauen Farbton hatten, der in sonderbarem Gegensatz zu seiner südlichen Hautfarbe stand.

»In welchen fernen Ländern habt Ihr derlei Gebäude erblickt?«, fuhr Daker nun fort.

»Ich habe England noch nie verlassen«, antwortete Simon ruhig.

Daker zog eine Augenbraue hoch. »Dann seid Ihr ein noch außergewöhnlicherer Mensch, als Henry es mir schilderte. Bislang sind mir lediglich englische Steinmetze begegnet, die an der überlieferten Bauweise nur wenig verändern wollten.«

»Das ist so unsere Art«, entgegnete Simon unverblümt. »In der Baukunst kann man nicht zu viel wagen, wenn man das Gebäude nicht gefährden will. Man muss auf das Bewährte zurückgreifen.«

»Doch Eure Entwürfe«, Daker griff nach einem Stapel Papieren, die neben seinem Sessel auf dem Boden lagen, und schwenkte sie, »tun das aber gerade nicht. Sie versuchen sich an gänzlich Neuem.«

»Nein. Ich habe lediglich alte Techniken neu angewandt –«

»Aber diese achteckige Aula?«

»Seid Ihr nicht in Ely gewesen, Meister Daker? Kennt Ihr den achteckigen Laternenturm der Kathedrale nicht?«

Daker schüttelte den Kopf, und Simon musste sich vergewärtigen, dass die Feinheiten seines Gewerbes einem Laien häufig verborgen blieben.

»Neu an meinen Entwürfen ist lediglich die Art, wie jedes einzelne Element eingesetzt wurde«, sagte er vorsichtig.

Daker blickte ihn forschend an, und Simon spürte, dass sein Gegenüber weitere Äußerungen, eine klare Aussage erwartete. Doch er schwieg.

»Master Ackland behauptet, Euer Talent sei niemals ausreichend gewürdigt worden«, sagte Daker schließlich. »Weshalb seid Ihr in all den Jahren niemals in Diensten des Hofes gestanden, Master Kineton? Ihr wart doch einst Baumeister des Königs, nicht wahr?«

Falls Daker nun Ausflüchte und Widerwillen erwartet hatte, so wurde er enttäuscht; auf diese Frage war Simon vorbereitet.

»Ich bin ein freier Mann, Master Daker, und was die Bauweise eines Gebäudes betrifft, so unterwerfe ich mich niemandem, nicht einmal dem Bauherrn. Wer meine Entwürfe gesehen und mir einen Auftrag erteilt hat, der muss mich dann allerdings ungestört arbeiten lassen. Das gilt auch für den König.«

»Und Euer Vater hatte genau dieselben Ansichten, weshalb Euch die Gunst des Königs verweigert blieb, nicht wahr? Und zwar des alten Königs, nicht des neuen?«

Ergrimmt spürte Simon, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg. Daker spielte also Katz und Maus mit ihm. Warum piesackte Daker ihn mit dieser Geschichte, wenn er sie doch schon von Henry kannte?

»Mein Vater wurde bestraft, weil er das Gebaren eines vornehmen Herrn nicht beherrschte«, erwiderte er schroff. »Er wusste nicht, wie er sich zu betragen hatte, wenn der König befahl, dass ein Bauwerk nach seinem Gutdünken gestaltet werden sollte und nicht nach den soliden Prinzipien der Baukunst. Anstatt dass mein Vater sagte ›Gewiss, Eure Majestät‹ und dann nach seinem besseren Wissen verfuhr, bemühte er sich, dem König die Gründe für seine Entwürfe darzulegen.«

»Worauf der König eine zweite Meinung hören wollte und Euch fragte?«

Wieso fragt er, wenn er das schon weiß?

»Ja.«

»Und Ihr habt Eurem Vater beigepflichtet?«

»Ja.«

»Warum?«

Simon knetete seine Wange, weil sein Gesicht sich unangenehm starr anfühlte.

Er sah die Szene, die sich vor zwanzig Jahren abgespielt hatte, lebhaft vor seinem inneren Auge: das besagte Bauwerk, den Aufriss der Türme, für die er so einen hohen Preis bezahlt hatte, die geplatzten Äderchen im Gesicht des Königs, als er sich erhob, während Simons Vater ihm eine Lektion in Baukunst erteilte. Simon spürte, wie der Zorn ihn packte und seine Hände, die den Weinbecher hielten, zu zittern begannen. Zwanzig Jahre waren eine lange Zeit, gemessen am Leben eines Mannes; an seinem Weg zur Vergebung gemessen jedoch, waren sie so schnell vergangen wie ein Augenzwinkern.

Warum?

Weil die schlichte Frage des Königs an Simon – »Ist diese Meinung auch die Eure?« – zugleich ein Befehl gewesen war: »Nehmt die Schmach der Belehrung von mir, sonst droht Euch die Missachtung des Königs.« Simon war Lehrbursche und Geselle bei seinem Vater gewesen; damals war er bereits Meister, doch vor allem sah er sich in diesem Augenblick als Sohn. Und kein Mann sollte versuchen, einem Sohn die Treue zum Vater zu rauben.

»Ja, das ist auch meine Meinung.«

Wäre Simon damals ein wenig versöhnlicher gewesen, hätte er seinen Widerstand mit »Eure Majestät« und »Ich bedaure« gemildert, wäre vielleicht alles anders gekommen. Hätte er, an der Seite seines Vaters, den Blick des Königs nicht trotzig erwidert, stünde er dann heute in den Diensten des Herrschers und könnte jene Mischung aus Wissen und Eingebung, welche ihn zu seinen jüngsten Entwürfen inspiriert hatte, in Bauwerke umsetzen?

Sein Geist löste sich von derlei nutzlosen Erwägungen. Sosehr er auch in jenen zwanzig Jahren gehadert hatte mit den Schranken, in die man ihn verwiesen hatte – die Treue zu seinem Vater bereute er nicht.

Simon löste sich aus seiner Erinnerung und sah wieder Richard Daker an. »Wäre der Bauherr seinerzeit ein anderer Mann gewesen«, sagte er langsam, »so hätte mein Vater nur erklärt, dass derlei Vorstellungen sich nicht in die Tat umsetzen ließen. Doch für den König nahm er sich Zeit, legte die Gründe dar und erläuterte ihm einige Prinzipien unseres Handwerks.« Er zögerte einen Augenblick. »Der König verstand nicht, dass dieses Erklären eine Geste der Ehrerbietung war.«

»Könige erfahren von früh auf, dass sie Ehrerbietung erwarten dürfen«, erwiderte Daker milde. »Die Herkunft des Königs sah keine Schulung im Umgang mit Baumeistern vor. Denn die Männer Eurer Zunft – Ihr Baumeister, ingéniateurs«,-er benutzte das französische Wort, »wähnt Euch doch erhaben über alle Stände, nicht wahr?« Seine Stimme klang milde, doch sein Blick unter den dunklen Brauen war scharf.

Verwirrt durch Dakers unergründliches Ansinnen, entschied sich Simon, die Feinheiten der Redekunst dem Weinhändler zu überlassen. »Gewiss, manche Menschen behaupten, wir seien über die Maßen stolz«, räumte er ein, »aber seid Ihr denn nicht auch stolz auf Euer Gewerbe?«

Daker lächelte, als sei er zufrieden, dass das Blatt sich gewendet hatte, und beugte sich ein wenig vor, die Arme auf die mit Schnitzwerk verzierten Sessellehnen gestützt. Gwyneth, dachte Simon bei sich, hätte viel um solche gewandten Umgangsformen gegeben.

»Doch, Master Kineton, aber deshalb betrachte ich einen Mann nicht von oben herab, wie Ihr es vielleicht tut. Ohne Baumeister kann nichts erbaut werden. Wünschen wir uns ein Bauwerk nach unserem Gefallen, so müssen wir einen wie Euch beauftragen, und zwar zu Euren Bedingungen.« Den Blick unverwandt auf Simon gerichtet, fuhr er fort: »Einen von Euch ›Nehmt-mich-wie-ich-bin-oder-gar-nicht-denn-ich-werde-mich-nicht-beugen-um-wohlgefällig-zu-sein‹.« Er hielt inne. »Oder seid Ihr etwa bereit, Euch zu beugen, um wohlgefällig zu sein, Simon of Kineton?«

Die Frage hing zwischen ihnen wie der erste Faden eines Spinnennetzes.

»Nein.«

»Nicht einmal dann, wenn Ihr euch nur so viel beugen müsstet«, Daker drückte Daumen und Zeigefinger zusammen, »um alles zu erlangen, wovon Ihr je geträumt habt?«

Simon umklammerte die Lehnen des Sessels. Dieses Gespräch war ihm zu feinsinnig. Tief atmend sah er Daker an, als fürchte er, jegliche Bedeutung könne sich in Luft auflösen, sobald er den Blick abwandte.

»Ich habe nie darüber nachgesonnen, wie alles hätte kommen können, wäre ich ein anderer Mensch«, antwortete er. »Ich habe einfach abgewartet.«

Sein halbes Leben hatte er mit Warten zugebracht: Warten auf einen Sohn und auf eine Gelegenheit wie diese. Und nun, da sie sich endlich bot, so spät im Leben wie die Geburt seines Sohnes, war er begriffsstutzig. Würde er diese Chance verspielen, weil er außerstande war zu verstehen, was im Gehirn des Weinhändlers vor sich ging?

»Und hierauf habt Ihr gewartet, Simon of Kineton?«, fragte Daker, drehte den gläsernen roten Weinkelch in Händen und blickte Simon an. »Meint Ihr, indem Ihr diese Universität erbaut und Euch somit der Macht der Kirche widersetzt, könnt Ihr Euch an der Krone rächen?«

Simon starrte ihn an. Er spürte, dass man ihn auf die Probe stellte, doch wie ein zerstreuter Knabe, der von seinem Bibellehrer geprüft wird, fürchtete er die Folgen einer falschen Antwort.

»Ich übe mein Handwerk aus freien Stücken aus«, sagte er dann langsam, »ich bin nicht mehr dazu gezwungen. Da Henry Euch offenbar mein Leben in allen Einzelheiten geschildert hat, wisst Ihr wohl auch, dass ich andere Mittel habe, um für meine Familie zu sorgen.«

»Eure Besitzungen im Westen, ja.«

Land, das seinem Vater, Thomas Mason, zugefallen war, als dessen Lehnsherr dem Schwarzen Tod erlegen war. Land, auf dem es sowohl riesige Schafweiden als auch guten Stein zum Bauen gab.

»Ich bin als Baumeister tätig, weil es mir Freude macht, zu sehen, wie meine Entwürfe in Stein zum Leben erstehen – nicht aus Not«, fuhr Simon fort. »Für mich ist ein Gebäude etwas Lebendiges, das einem bestimmten Zweck dient – wie ein Werkzeug oder der Körper eines Menschen.«

Er hielt inne, und in seinen Fingerspitzen fühlte er, wie er diesen Mann in Stein meißeln würde, derweil sein Geist nach Worten suchte, die seine Gedanken auszudrücken vermochten. Wie würde er das grau gemaserte schwarze Haar meißeln, das so lebhaft schimmerte wie Purbeckstein? Wie seine Kraft und Geschmeidigkeit einfangen, die es am hohen Kragen seines Rocks lockig wirken ließ wie das Haar eines Jungen? Der Rock würde ihm nicht schwerfallen, denn Simon besaß ein besonderes Talent, weiche Stoffe in hartem Stein zu verewigen; doch das gelockte, üppige Haar und die feinen männlichen Züge, die Simon an einen alten asketischen Heiligen erinnerten, wären eine Herausforderung für Simons Meisterschaft.

»So wie sich der Charakter eines Mannes an seinem Gesicht ablesen lässt«, sprach er langsam weiter, »so sollte man auch den Charakter eines Bauwerks an seinem Entwurf erkennen können. Betrachtet nur einmal die Anlage des Längsschiffs der Klosterkirche – wie viele Menschen werden dort stehen, während der Chor die Messe vorträgt? Um die zwanzig? Oder fünfzig? Weniger wären nicht genug angesichts dieses prachtvollen Orts, an dem die Stimmen von hundert Mönchen sich zum Schöpfer erheben. Doch diese Weite ist angemessen – eine Beschränkung wäre hier verfehlt. Gäbe es in dieser Kirche hingegen nur einen einzigen Priester, der alle Tage für eine Handvoll Gläubige die Messe spräche, so wäre dieses Bauwerk der Lächerlichkeit preisgegeben. Man würde Gott durch Licht und Raum nicht ehren, sondern ihn verhöhnen. Und dennoch –« Simon bemerkte das Lächeln, das um Dakers Lippen spielte, brachte es jedoch nicht mit seinen Worten in Verbindung –, »die Proportionen, die der Klosterkirche ihre Erhabenheit verleihen, werden auch angewandt in der kleinen Pfarrkirche. Der Mensch findet unwillkürlich Gefallen an bestimmten Verbindungen von Länge, Höhe und Breite.«

Doch welche Verbindungen dies genau waren, darüber schwieg er sich geflissentlich aus.

Ein Schweigen trat ein, während beide Männer über die Haltung des anderen nachsannen. Schließlich ergriff Simon wieder das Wort.

»Und Ihr, Master Daker, was ist Euer Anliegen?«

Daker sah Simon an, ohne zu antworten. Dann wandte er den Blick ab, schenkte ihnen beiden Wein nach und holte tief Luft, als wolle er sprechen, nur um erneut in Schweigen zu versinken. Simon begriff, dass Daker unsicher war, wie weit er sich ihm anvertrauen wollte.

»Der Erwerb des Wissens«, sagte der Weinhändler schließlich, »wird in England von der Kirche gelenkt. Hier herrscht die Kirche mit ihrer Macht weitaus stärker als in Frankreich oder Italien über das Lernen und die Verteilung des Wissens, einer gestrengen Mutter gleich. Und so hat sie, wie es bei gestrengen Müttern geschieht, ein frommes und abhängiges Kind herangezogen.«

Er hielt inne und sah Simon an, der unwillkürlich nickte, um Daker zum Weiterreden zu ermutigen.

»Wie Ihr wisst, muss ein Junge zunächst Geistlicher werden, bevor er studieren kann. Um Scholar, Magister und Doktor zu werden, muss ein Mann ein Ehrenamt in der Kirche innehaben, damit für seinen Lebensunterhalt gesorgt ist. Und allen anderen sagt man, sie sollten nicht, nein, sie dürften nicht eigenständig denken, denn das bliebe den studierten Theologen überlassen.« Daker hielt inne und fuhr dann fort: »Ketzerei, Ungehorsam, Verrat – das seien die Folgen des ungelehrten Denkens, sagt man uns.«

»Doch die Kirche gerät in Zwiespalt, wenn auch die Theologen eigenständig denken und sich von der Lehre zu weit entfernen«, erwiderte Simon, der sein vorheriges Zögern nun ganz vergaß. »Denn dies hat Wyclif getan, und er wurde der Ketzerei bezichtigt, nicht wahr?«

Daker, bemüht, sein Erstaunen zu verbergen, fragte: »So seid Ihr also vertraut mit den Schriften von John Wyclif?«

Simon lächelte, erfreut über seinen Schachzug. »Mit seinen Ideen jedenfalls bin ich vertraut. Ich war in London, als Wat Tyler und der Priester John Ball mit ihren Gefolgsleuten in die Stadt kamen. Es hieß, John Ball predige die Lehren von Wyclif. Und mir schien, dass es lohnenswert sei, Wyclif Gehör zu schenken, wenn er einen einfachen Mann wie John Ball zur Rebellion bewegen konnte.«

»Jawohl!«, rief Daker aus, nun sichtlich von Leidenschaft erfasst. »Und er wurde wegen seiner Schriften verfolgt – in denen er die Kirche verurteilt –, nicht wegen seiner ketzerischen Ansichten über das Abendmahl!«

Die beiden Männer starrten sich an, wohl wissend, dass es nun kein Zurück mehr gab. Daker, der die Hände im Schoß gefaltet hatte, blickte kurz auf seinen Weinkelch und sah dann entschlossen auf.

»Wenn Ihr mein Baumeister sein wollt, Master Kineton«, sagte er, »müsst Ihr wissen, mit wem Ihr es zu tun habt. Auch ich hörte John Ball predigen und bekenne mich zu all seinen Ansichten. Ich bin ein wohlhabender Mann, betrachte mich jedoch all jenen nicht verbunden, die Reichtümer anhäufen und verehren. Reichtum muss weise genutzt werden, und wie John Ball so meine auch ich, dass dies oft genug nicht der Fall ist; bei den Majestäten ebenso wenig wie bei den Kirchenobersten.« Er unterbrach sich und starrte einen Augenblick ins Leere, bevor er weitersprach.

»Ich teile John Wyclifs Ansicht, dass jeder Mensch seinen Zugang zu Gott allein finden muss, ohne die Hilfe von moralisch verkommenen, korrupten Priestern. Und aus diesem Grund meine ich auch, dass die Bibel in unserer eigenen Sprache lesbar sein muss. Darüber hinaus«, fuhr er fort und sah Simon unverwandt an, »ist es meine Überzeugung, dass man in seiner eigenen Sprache lernen soll, nicht auf Latein. Wie Ihr wohl wisst, beherrsche ich zwei Sprachen, Englisch und Italienisch. Und ich weiß, dass es nicht möglich ist, in beiden Sprachen auf dieselbe Weise zu denken. Nicht einmal mir gelingt das.« Daker blickte Simon eindringlich an. »Wenn ich Englisch spreche, bin ich zurückhaltender, beherrschter. In Italien, wo ich die Sprache auf dem Schoß meiner Mutter erlernt habe, fühle ich mich freier –«

»Und wenn Engländer auf Latein lernen müssen, denken sie zwangsläufig mit den Eigenheiten dieser Sprache«, beendete Simon seinen Satz. »Seht mich nicht so verdattert an, Master Daker! Ich hatte über derlei Belange noch nie nachgedacht, doch nun merke ich, dass es sich damit ähnlich verhält wie mit der Arbeit an Steinen. Unterschiedliche Steine können nicht in derselben Weise bearbeitet werden. Alle besitzen ihre eigene Schönheit, doch jeder Stein erfordert ein bestimmtes Wissen. Und ich verstehe, dass es mit den Sprachen nicht anders ist.«

»In Oxford gibt es Männer, die überzeugt sind von John Wyclifs Ideen und sie ihrerseits verbreiten wollen. Diese Männer sind bereit, in Salster an meiner Universität zu lehren. Auf Englisch.«

»So weit sind Eure Pläne also bereits fortgeschritten?«

»Es ist zwecklos, eine Universität mit einem bestimmten Ziel erbauen zu lassen, wenn man dieses Ziel nicht erreichen kann.«

Die beiden starrten sich an, jeder auf eine Äußerung des anderen wartend. Schließlich erhob sich Daker.

»Lasst uns diese Universität gemeinsam erbauen, Simon of Kineton, und ich versichere Euch, dass ich mich nicht in Eure Baukunst einmischen werde.«

Auch Simon erhob sich, streckte Daker jedoch nicht die Hand hin, sondern sagte unvermittelt: »Und die Kirche? Glaubt Ihr wirklich, dass sie tatenlos zusehen wird? Im Bistum eines der mächtigsten Bischöfe des Landes?«

»Ganz im Gegenteil. Ich bin mir wohl bewusst, dass ich mit heftigstem Widerstand zu rechnen habe. Doch ich bin zu allem bereit.«

Nun reichte Simon ihm die Hand. »Dann bin ich es zufrieden.«

Fünf

Kineton and Dacre College, Gegenwart

Von: [email protected]

An: [email protected]

Betreff: Wie läuft’s in New York?

Hallo, du! Wie geht’s, wie steht’s? Hast du die Wohnung gekriegt? Ich würde es dir wünschen, die klang ja wirklich toll. Die Sache hier im Akademikerstädtchen ist ziemlich spannend. Scheint, als hätte ich in ein Wespennest gestochen.

Zum einen ist die Uni finanziell in weit mieserem Zustand, als man mich glauben machte. Offenbar wurden Gelder für neue Studentenwohnungen beantragt, damit man alle Studenten bis zu ihrem Abschluss hier unterbringen kann. Die Gelder wurden bewilligt, aber wie man dann die Verteilung und das Bauprojekt handhabte, scheint eine totale Katastrophe gewesen zu sein. Die haben wohl nicht geglaubt, dass ich den Job annehmen würde, wenn sie mir offenbaren, dass sie kurz vor der Pleite stehen. Dennoch – es ist eine Herausforderung. Wenn ich denen aus der Patsche helfen kann, werde ich hier als Superheldin dastehen.

Zum anderen streiken die Pächter der unieigenen Immobilien gegenwärtig, weil der Rektor in einer Hals-über-Kopf-Aktion Land verkaufen wollte (da muss irgendwie noch mehr dahinterstecken), weshalb von dieser Seite derzeit kein Penny zu erwarten ist. (Wir haben allerdings noch ein paar Wochen Zeit, bis das dramatisch wird, weil sie hier noch diese altmodische Zahlungsweise am Quartalstag haben. Wenn wir die Sache also bis zum Monatsende geklärt kriegen, geht alles noch mal glimpflich ab.)

Zum Dritten scheint es irgendwelche Machtkämpfe in der Führungsetage der Uni – sprich: der Hochschulleitung – zu geben; es geht wohl um Meinungsverschiedenheiten über die Zukunft der Universität. Ich durchschaue das Ganze noch nicht so richtig, rechne aber ständig damit, von einem wild gewordenen Akademiker in der Bibliothek an die Bücherregale gedrückt und zur Parteinahme gezwungen zu werden ... Wenn du also von meinem plötzlichen Ableben in Kenntnis gesetzt wirst, weißt du, was passiert ist ...

An Positivem gilt zu erwähnen, dass hinter der Wandtäfelung in der Aula unlängst ein vollständig erhaltenes mittelalterliches Wandgemälde entdeckt wurde. Als ein Schmorbrand entstand, wurde ein Teil der Täfelung entfernt, und mittlerweile ist auch der Rest des Bildes freigelegt. Von den acht Wänden der Aula bestehen vier aus Fenstern, aber die anderen vier sind von diesem Gemälde bedeckt – riesige ovale Szenen, je zwei an einer Wand. Das ist ein ziemlich aufregender Fund, wie du dir sicherlich denken kannst ...

Die Restauratoren kleben nun natürlich förmlich dran, scheinen aber bislang nicht den blassesten Schimmer zu haben, was es inhaltlich damit auf sich hat. Einige Szenen sind ziemlich bizarr – ich packe sie in den Anhang, damit du mal ein Profiauge draufwerfen kannst. Vielleicht kannst du uns ja sagen, womit wir es hier zu tun haben.

Damia hielt inne und schlug die Hände vors Gesicht. Vielleicht kannst du uns ja sagen, womit wir es hier zu tun haben? Erbärmlich. Jämmerlich.

Genau genommen handelte es sich hier nicht um eine Trennung auf Probe. Sie hatten sich nicht darauf geeinigt, dass sie sich beide auf andere Beziehungen einlassen konnten; sie hatten nicht darüber gesprochen, dass sie erst einmal abwarten wollten, wie es sich anfühlte, durch einen Ozean und fünftausend Kilometer getrennt zu sein. Catz und sie hatten nie unter einem Dach gewohnt; obwohl sie seit vier Jahren zusammen waren, hatten sie nie in derselben Stadt gelebt. Catz hatte sich an die Künstlergemeinde in London gebunden gefühlt, und Damia hatte wegen ihrer Stelle in Salster bleiben müssen. Doch sie waren wohl beide davon ausgegangen, dass sie zusammenbleiben würden. Bis Damia auf das Kinderthema zu sprechen kam ...

Sie löschte den letzten Satz.

Offenbar tappen alle im Dunkeln, was dieses Wandgemälde angeht, weil die Uni kein historisches Archiv hat – die ältesten Unterlagen stammen aus dem Jahr 1850. Man vermutet, dass sämtliche früheren Akten im Bürgerkrieg von Cromwells Soldaten zerstört wurden – die Universität hielt offenbar zum König –, aber das erklärt natürlich nicht die fehlenden zwei Jahrhunderte.

Wie ich dir schon erzählt habe, halte ich mithilfe der Unileute nach einem Haus für mich Ausschau. Ich hab mich jetzt mal mit den Einzelheiten befasst: Ich kriege einen saftigen zinslosen Zuschuss als Anzahlung. Bei den Häuserpreisen in Salster müssen die sich was einfallen lassen. Morgen will ich mir ein kleines Haus mit Terrasse in der Innenstadt, innerhalb der Stadtmauern, anschauen. Ich werd dir dann davon berichten.

Bis bald

Alles Liebe

Mia

Damia schickte die Mail ab und lehnte sich zurück. Sie versuchte sich Catz in New York vorzustellen, aber die einzigen Bilder, die ihr in den Sinn kamen, stammten aus actiongeladenen NYPD-Folgen oder aus Friends; sie verfügte über keinerlei Bildsprache für Greenwich Village, wo Catz derzeit mit einem alten Freund von der Kunstakademie zusammenwohnte. Damia klickte auf ihren Posteingang und sah nach, wann Catz ihr zum letzten Mal geschrieben hatte. Vor einer Woche.

Sie öffnete den Anhang an der Mail, die sie an Catz geschickt hatte, und starrte auf das erste ovale Bild der Wandmalerei. Einer der Restauratoren hatte sich danebengestellt, um das Größenverhältnis zu demonstrieren; die gemalten Szenen waren über zwei Meter fünfzig hoch. Die einzelnen Bilder waren jeweils durch ein Geflecht aus gemalten Weinreben mit dem nächsten verbunden und schienen einen Zyklus darzustellen: Geburt, Sünde, Tod und Wiederauferstehung.

Und was für eine Geburt! Als die Handwerker nach dem Brand die Wandtäfelung entfernt hatten, hatten sie als Erstes einen Säugling mit weit aufgerissenem Mund erblickt, der erbittert zu protestieren schien gegen diese Welt, die ihn mit Kälte und grellem Licht empfing.

Doch das Bizarre an diesem Gemälde war der Geburtsvorgang als solcher. Dieses Kind wurde nicht von einer Frau geboren, sondern von einem Mann – einem stattlichen, kräftigen Mann, an dessen Gürtel Winkelmaß und Zirkel hingen, das Werkzeug eines Steinmetzen. Und das Kind erschien wie der magisch gezeugte Sprössling einer heidnischen Gottheit im weit aufklaffenden Mund des Mannes.

Die symbolische Bedeutung dieser Darstellung war vollkommen unklar und fand nicht ihresgleichen in der Kunst des Mittelalters. Der Restaurator, der auf dem Foto zu sehen war, hatte in Abwandlung eines Zitats aus dem Johannes-Evangelium – »welche nicht von dem Geblüt noch von dem Willen des Fleisches noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind« – eine mögliche Deutung gewagt. Das Kind sei nicht von Gott geboren, so sagte er, sondern aus dem Willen eines Mannes, oder anders ausgedrückt: Es wurde erschaffen wie Adam von Gott.

Doch so faszinierend die Fotos auf dem Bildschirm auch waren – sie blieben Fotos und strahlten nichts von der Kraft und Intensität aus, die Damia empfunden hatte, als sie zum ersten Mal vor den Bildern an den freigelegten Wänden der Aula gestanden hatte. Obwohl sie wegen der Absperrungen der Restauratoren auf Abstand bleiben musste, hatte die Bildkraft der Darstellungen sie gefesselt, und aus unerfindlichen Gründen war sie absolut überzeugt davon, dass diese Wandbilder nicht nur als Dekoration geschaffen worden waren. Der Charakter dieses zentralen Raums der Universität wurde durch die Gemälde so grundlegend verändert, dass Damia vermutete, dieses außergewöhnliche achteckige Gebäude mit seinem Laternendach sei aus Gründen, die durch den Lauf der Zeit im Dunkeln blieben, einzig zu dem Zweck errichtet worden, diese acht ovalen Gemälde auszustellen, welche die Restauratoren scherzhaft als »Sündenzyklus« bezeichneten.

Als Damia die Bilder betrachtete, sehnten sich ihre Finger danach, die Wand zu berühren; sie spürte förmlich, wie die Struktur des Mauerwerks sich an ihren Fingerspitzen anfühlen würde. Ihr Körper verlangte danach, die Absperrung zu durchbrechen, den Nachklang der feuchten, erdigen, metallischen Aromen einzuatmen, die dem Maler in die Nase gestiegen waren, als er den Sünder in seinem Käfig malte; einen brutalen, gewalttätigen Tod darstellte; den symbolischen Fluss der Taufe in Blau-, Grün- und Brauntönen schuf. Wie mochten diese Farben gerochen haben – Kupfergrün, Rußschwarz, Lapislazuliblau? Ihre Nase war an die feinen Unterschiede von Catz’ Ölfarben gewöhnt, aber hier waren Mineralfarben verwendet worden, ein ganz anderes Material.

Als Rahmen und Hintergrund für dieses Kunstwerk hätte man sich kein besseres Gebäude vorstellen können. Wie die Bilder des Zyklus war auch die achteckige Aula des Kineton and Dacre College einzigartig. Kein anderes britisches Universitätsgebäude aus dem Mittelalter hatte eine achteckige Aula; und Laternendächer gab es zwar gelegentlich in der kirchlichen Baukunst, zu jener Zeit jedoch nicht in weltlichen Bauten.

Das Kineton and Dacre College hatte so wenig Ähnlichkeit mit den Oxsterbridge Colleges aus jener Zeit, wie das Wandgemälde Ähnlichkeit mit der weltlichen oder geistlichen Kunst jener Epoche hatte.

Damia begann, eine weitere E-Mail zu schreiben.

Von: [email protected]

An: Mailing-Liste (Alumni)

Betreff: Faszinierender Fund an der Toby

Liebe Tobys,aus dem Netz oder der Presse habt ihr sicher erfahren, dass an der Toby ein sensationeller Fund aus dem Mittelalter gemacht wurde. Hinter der Wandtäfelung in der Aula hat man einen vollständig erhaltenen Zyklus von Wandgemälden aus dem Mittelalter entdeckt. [hier klicken für Fotos] Bislang stehen Restauratoren und Historiker noch vor einem Rätsel, was die Bedeutung dieses ungewöhnlichen Kunstwerks betrifft.

Wenn Tobys in aller Welt ihren Verstand und ihr Wissen in die Waagschale werfen, wird dieses Rätsel gewiss in Bälde gelöst werden können. Deshalb wollen wir euch bitten, euch doch auf der Uni-Website als Teilnehmer des Projekts ›Wandgemälde‹ anzumelden. Als Teilnehmer habt ihr Anspruch auf:

• ein E-Mail-Paket mit Sonderinfos, die ihr nirgendwo anders im Netz finden könnt

• regelmäßige monatliche Berichte über die Fortschritte bei der Deutung und Restaurierung des Gemäldes

• Zugang zu einem Forum nur für Mitglieder, auf dem ihr selbst schreiben und die Ideen anderer studieren könnt

• exklusive Toby-Wandgemälde-Merchandise-Artikel, die von der Uni nur an angemeldete Mitglieder versandt werden.

Wenn ihr auf den Link unten klickt, könnt ihr euch anmelden. Schickt diese E-Mail bitte weiter an andere Tobys, mit denen ihr in Kontakt steht.

Alles Gute und viel Glück!

Damia Miller

Leiterin »Projekt Wandgemälde«

Sie hatte Norris wegen dieses Titels nicht befragt, doch da sie Initiatorin und Organisatorin vom »Projekt Wandgemälde« war, fand sie es durchaus passend, sich selbst zur Leiterin zu ernennen.

»Merchandise-Artikel«, schrieb sie auf einen Notizblock. »Mousepads, Becher, Klebezettel, Postkarten, gerahmte Fotos in limitierter Auflage.« Ein Konzept begann in ihrem Kopf Gestalt anzunehmen: Sie versuchte ein Gefühl des Besonderen zu schaffen, das Flair, der einzigen Gruppe anzugehören, die schamlos exklusiv Anspruch hatte auf die Beschäftigung mit dem Rätsel des Wandgemäldes.

Nicht alle Bilder waren für Damias Zwecke geeignet. Das zweite Oval beispielsweise – das mit der Darstellung der grotesken Geburt verbunden war – fand sie zu konventionell. Eine Mutter-Kind-Szene: eine Madonnengestalt in Grün und Weiß, die verzückt auf das in Linnen gehüllte Kind in ihren Armen blickte. Dieses Motiv hatte nichts Geheimnisumwittertes.

Das dritte Oval dagegen kam ihren Vorstellungen eher entgegen: Eine Horde hämisch kreischender Dämonen mit Leibern von der Farbe getrockneten Blutes scharte sich um ein am Boden liegendes, zappelndes Kind, steckte ihm die Knochenfinger in die Ohren, stocherte nach seinen hervortretenden Augen, bedrängte das hilflose Wesen wie Schakale eine zuckende Beute.

»Das Toby-Rätsel«, schrieb Damia, einem Impuls folgend, unter ihre Liste von Merchandise-Artikeln, »könnt ihr es lösen?«