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Der ehemalige CSI-Beamte Craig Steel bekommt einen Anruf von einer gewissen Gretha Swan, die ihn um Hilfe bittet. Craig, der freiwillig aus dem Dienst der CSI geschieden und in die Fußstapfen seines toten Bruders getreten ist, ahnt nicht, dass ihn seine eigene Vergangenheit bald einholen wird. Auf der Maynland Farm, die er eigentlich veräußern soll, haben sich einst schreckliche Dinge ereignet, die sich nun erneut manifestieren. Sybille Prew dringt in Craigs verschlossene Seele, holt dessen Seelenschmerz an die Oberfläche und zwingt ihn noch einmal hinzusehen. Craig fühlt den Schmerz der Trauer ein zweites Mal und öffnet sich endlich. Als er sich bereit erklärt zu helfen, überschlagen sich die Ereignisse. Neben angenehmer Erotik bringen Angst, Trauer, vernichtende Gefühle und die Schreie der verzweifelten Kinder Maynlands alle weiteren Personen an den Rand ihrer eigenen Leistungsfähigkeit.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Das Erbe der Gretha Swan Monika Litschko Copyright: © 2014 Monika Litschko published by: epubli GmbH, Berlin
Als ich New York einen letzten, wehmütigen Blick zuwarf und mich gemächlich auf den Weg nach Maynland machte, um ein riesiges Anwesen zu begutachten, ahnte ich nicht, dass etwas Gewaltiges auf mich zukommen würde. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich nur an das Geld, welches mein mageres Konto bereichern würde, wenn ich diesen Kasten an den Mann bringen konnte. Eine Gretha Swan hatte angerufen und mich gebeten, ihr bei dem Verkauf einer großen Ranch behilflich zu sein. Bei der Summe, die sie mir anbot, fragte ich nicht, wie sie gerade auf mich und New York gekommen war. Außerdem sagte mir Maynland gar nichts. Nachdem ich gegoogelt hatte, war ich leider auch nicht schlauer. Also rief ich Gretha Swan zurück und wusste fünf Minuten später, dass ich in einer Einöde landen würde, die fünf Autostunden entfernt lag. Kein New Yorker begab sich freiwillig an solche Orte. Wir besuchten lieber Coney Island, denn dort gab es viele Vergnügungsparks und den größten U-Bahnhof der Welt. Oder wir stiefelten durch den Central Park, den wahrscheinlich größten Park der Welt, sagt man. Mich selber zog es oft nach Chinatown, denn ich liebte die chinesische Küche. Gretha Swan, dieser Name ging mir runter wie Öl. Ihre Stimme war samtig gewesen und ich sah vor meinem geistigen Auge eine attraktive Frau, die mich, Craig Steel, herzlich empfangen würde. Ich warf einen Blick in den Rückspiegel und nickte mir zu. „Gut siehst du aus für deine fünfundvierzig Jahre. Die grauen Schläfen machen dich interessant, nicht alt. Sie wird dich mögen, alter Knabe.“ Irgendwie hatte ich mich in Gretha Swans Stimme verliebt und fieberte dem Ende meiner Reise entgegen. Ich wollte einfach wissen, wer die Frau hinter dieser samtigen Stimme war. Mein Handy klingelte. „Steel!“ „Mr. Steel, hallo, hier ist Gretha Swan!“ „Mrs. Swan, hallo!“ Gretha Swan gab ein leises Lachen von sich. „Entschuldigen Sie bitte, dass ich während der Fahrt störe. Aber ich dachte, dass es besser wäre, wenn ich jemanden zu Ihnen schicke, der Sie hierher begleitet. Wir sind weit draußen und daher schwer zu finden. Billy Prew würde vor Ihnen herfahren, wenn Sie das möchten.“ Ich schaltete einen Gang höher und antwortete: „Das ist mir auch recht. Ich bin in etwa einer Stunde da.“ Gretha Swan fragte noch nach meinem Kennzeichen und bat mich vor Tobys Diner auf Billy zu warten, dann legte sie auf.
Nach einer knappen Stunde hatte ich mein Ziel erreicht. Maynland war ein kleines Kaff, das eingebettet in einer hügeligen Landschaft ruhte, welche von grünem Weideland umschlossen war. Tobys Diner war nicht schwer zu finden und ich parkte direkt davor. Während ich auf Billy wartete, sah ich mir den Ort genauer an. Neben dem Diner gab es noch einen kleinen Lebensmittelladen, eine Tankstelle, ein Café und eine heruntergekommene Spelunke. „Das ist ja eine Stadt für Tote“, murmelte ich und rieb mir die Schläfen, denn von der langen Fahrt hatte ich Kopfschmerzen bekommen. Alte Männer saßen vor ihren Häusern und beobachteten mich aufmerksam. Hin und wieder sagte einer von ihnen etwas und erntete heftiges Kopfnicken. Ich ging davon aus, dass sich wohl selten Fremde in dieses Kaff verirrten. Irgendetwas störte mich an dem Gesamtbild, und wenn dieser Billy nicht endlich auftauchte, würde ich mir etwas zu essen besorgen. Genügend Kaffee hatte ich noch in meiner Thermoskanne. „Mit der Pünktlichkeit haben es diese Hinterwälder nicht so“, schimpfte ich. „Entschuldigung, aber hier läuft alles ruhig und gemächlich ab.“ Ein roter Lockenkopf schob sich durch das Seitenfenster meines Buik und schaute mich neugierig an. „Sie sind Craig Steel, nehme ich an? Mein Name ist Billy Prew. Sorry, Sybille Prew. Mrs. Swan hat mich gebeten, Sie in Empfang zu nehmen. Aber erst sollten wir einen Kaffee trinken und etwas essen.“ Ich war so überrascht von Sybille Prew, dass ich, während sie redete, keinen Laut von mir gab und stieg der Höflichkeit halber aus meinem Buik. „Richtig, ich bin Craig Steel und etwas überrascht, denn ich hatte einen Mann erwartet.“ Sybille lachte und reichte mir die Hand. „Alle nennen mich Billy, schon seit meiner Geburt. Hier in Maynland habe ich mich gleich unter diesem Namen bekannt gemacht.“ Meine Augen wanderten über Billys Erscheinung, die durchaus meinem Geschmack entsprach. 170 cm, keine 90 60 90 Maße, sondern weibliche Rundungen. Ein Vollblutweib mit großen Brüsten und einem Hintern, der fast die Jeans sprengte, die sie trug. Roter Lockenkopf, Sommersprossen und klare grüne Augen, welcher Mann wäre da nicht ins Schwärmen geraten. „Genug gesehen?“ Billy stolzierte vor meiner Nase auf und ab. „Ich wollte Sie nicht so anstarren“, sagte ich entschuldigend. „Aber mir gefallen Frauen, die nicht den Trend der dürren Models mitmachen. Diese Hungerhaken, die sich von einem Apfel am Tag ernähren und sich hohlwangig, mit spindeldürren Armen und Beinen immer noch zu dick finden.“ Billy sah mich überrascht an. „Könnte mir nie passieren, dafür esse ich zu gerne. Entschuldigung angenommen. Wollen wir nun ins Diner gehen, dort gibt es leckere Burger?“ Schmunzelnd folgte ich ihr und heftete meinen Blick auf ihr strammes Hinterteil.
Tobys Diner machte einen sauberen, einladenden Eindruck und war gut besucht. Wir setzten uns an einen Tisch, der am Ende des Diners stand, und machten es uns gemütlich. Eine ältere, etwas stämmige Blondine steuerte sofort auf uns zu. „Was kann ich euch denn bringen?“ Neugierig taxierte sie mich und zückte anschließend ihren Block. „Rita, das ist Craig Steel“, stellte Billy mich vor. „Craig ist ein guter Freund und wird eine Weile auf Maynland bleiben.“ Rita rückte ihre Brille zurecht, die ihr auf die Nasenspitze gerutscht war, und nickte mir zu. „Hallo, Mr. Steel. Neue Gesichter fallen hier sofort auf. Ich habe die alten Trottel dort drüben beobachtet, stören Sie sich nicht an deren Gesten. Wenn Ihnen der Totenschein schon aus der Hosentasche gucken würde, wären Sie auch erpicht auf etwas Abwechselung, bevor Sie ihn einlösen müssten.“ Ich musste lachen, denn Ritas trockener Humor gefiel mir. „Schon gut, so empfindlich bin ich nicht, aber die Sache mit dem Totenschein werde ich mir merken.“ Rita zwinkerte mir zu und lobte die guten Burger, die Tobys Diner zu bieten hatte. „Mein Toby ist der weltbeste Burgerbrutzler, den es weit und breit gibt in dieser Einöde.“ Natürlich bestellten wir diese und bekamen den Kaffee gratis dazu.
Der Burger war wirklich vorzüglich und ich lobte ihren Toby gebührend, obwohl ich ihn noch nicht kennengelernt hatte. Als Rita außer Sichtweite war, fragte ich Billy: „Warum bin ich plötzlich ein guter Freund und kein Makler mehr? Hat Gretha Swan das so angeordnet?“ Billy wischte sich mit einer Serviette den Mund ab und schaute mich nachdenklich an. „Ja, Gretha Swan möchte nicht, dass jemand von ihrem geplanten Verkauf erfährt.“ Was hatte sie da gesagt? „Sagen Sie bitte noch einmal Gretha Swan“, forderte ich sie auf. Billy sah mich zerknirscht an und sagte mit einer samtweichen Stimme. „Gretha Swan.“ Ich fasste es nicht, dass mir das nicht sofort aufgefallen war. „Bevor Sie jetzt etwas sagen, lassen Sie es mich erklären“, sagte Billy bittend. Da ich diese Frau mochte, gab ich ihr die Chance. „Ich hoffe, Sie haben eine gute Geschichte zu erzählen. Wenn nicht, entschädigen Sie meinen Aufwand und ich fahre wieder“, entgegnete ich mit fester Stimme. „Ich werde Ihnen alles erklären, versprochen“, antwortete Billy, „aber nicht hier. Fahren Sie hinter mir her, auf der Maynland Farm können wir alles Weitere bereden. Sie sind eingeladen, ich bezahle.“ Die Logik der Frauen, ich schüttelte den Kopf, stimmte aber zu. Billy bezahlte und wir verabschiedeten uns von Rita, die auch gleich einen Rat auf Lager hatte. „Wenn Sie mal Durst haben, ich meine so Richtigen, dann kommen sie zu mir. Dort drüben bei Jo, da gibt es nur warmes Bier, aber bei mir, da bekommen Sie echtes Feuerwasser.“ Sie bückte sich und zauberte eine Flasche Whisky hervor. „Aber pssst, eigentlich darf ich das gar nicht.“ Mahnend hob ich meinen Zeigefinger. „Rita, Rita, natürlich werde ich vorbeikommen. Wer trinkt schon warmes Bier, wenn er weiß, wo es einen guten Whisky gibt. Bis bald.“
Ich stieg in meinen Buik und folgte Billy durch Maynland. Das letzte Gebäude, welches ich in mir aufnahm, war eine alte Kirche, die einen verlassenen Eindruck machte und in dessen Fenstern sich die untergehende Sonne rötlich spiegelte. Von da an starrte ich nur noch auf eine staubige, öde Landstraße, die wie eine Schlange durch die Prärie kroch. Billy, alias Gretha Swan, hatte recht behalten. Wer sich hier nicht auskannte, würde sich unter Garantie verfahren. Billy bog irgendwann rechts ab, dann wieder links und lotste mich in einen schmalen Waldweg. Nach ein paar Minuten lichtete sich der Wald und gab den Blick auf eine riesige Ranch frei. Das Hauptgebäude entsprach genau dem Stil einer waschechten Ranch, die man aus alten Western kannte, nur viel voluminöser. Die Ställe lagen etwas abseits, waren aber auch stattlich. Neben dem Wohnhaus gab es noch zwei kleinere Nebengebäude, die bestimmt den Bediensteten zur Verfügung standen. „Mama Mia, was für ein Schuppen!“, rief ich überrascht. „Das gibt jede Menge Asche, oder auch nicht. Wer will schon hier wohnen? Craig, das wird ein hartes Stück Arbeit.“
Wir parkten vor der großen Veranda des Hauptgebäudes und stiegen aus. „Na, wie gefällt Ihnen die Farm?“, fragte Billy neugierig. „Ein imposantes Anwesen, das muss ich zugeben“, antwortete ich ehrlich. „Aber schwer an den Mann zu bringen. Zu abgelegen.“ Billy nickte. „Ich weiß. Kommen Sie, wir gehen erst einmal hinein.“ Immer wieder einen Blick auf ihren Allerwertesten werfend, folgte ich ihr die Stufen hoch auf die Veranda. Blumen, wohin ich sah. Eine kleine gemütliche Sitzgruppe stach mir schon allein wegen ihrer Farbe ins Auge. Sie stand eingebettet in diesem Blumenparadies, weiß und rustikal, mit lachsfarbenen Auflagen. „Gemütlich!“, sagte ich anerkennend. Billy lächelte erfreut. „Das war meine erste gute Tat hier. Vorher sah es trist und verwahrlost aus. Kommen Sie, wir gehen hinein.“
Wir betraten eine große Diele, an deren Ende wohl der Wirtschaftsraum lag. Rechts von mir tat sich ein riesiges Wohnzimmer auf, an dem ein ebenso großes Esszimmer grenzte. Die Tür links war geschlossen, aber ich vermutete, dass sich dahinter die Küche verbarg. Seltsamerweise waren alle Möbel mit weißen Tüchern abgedeckt. „Wohnen Sie hier?“, fragte ich unsicher. Billy hob die Schultern und antwortete: „Ich wohne schon auf Maynland, aber nicht in diesem Haus. Zurzeit bewohne ich ein kleines Nebenhaus, dort fühle ich mich sicherer. Aber nur bedingt.“ Wenn ich das verstehen sollte, musste ich passen. Aber ich fragte erst mal nichts und betrachtete weiter die Aufteilung des Hauses. Eine alte Holztreppe mit einem wertvollen, handgearbeiteten Geländer führte in das obere Stockwerk. Was mir besonders auffiel, waren die zahlreichen Bilder, die in der Diele, im Treppenaufgang und soweit ich das erkennen konnte, auch im Wohnzimmer an den Wänden hingen. Sie zeigten Maynland und seine Umgebung, aber auch Personen, die bestimmt einmal hier gelebt hatten. Bei noch intensiverer Betrachtung stellte ich fest, dass es vorwiegend Bilder von Erwachsenen waren, die zusammen an einer Seite der Wand hingen. Die gegenüberliegende Wand wiederum zeigte Bilder von Kindern, die saßen oder standen. An der Kopfwand des Wohnzimmers hing ein extrem großes Gemälde. Es zeigte ein weißes, in einer Waldlichtung eingebettetes Mausoleum. „Gruslig, gruselig“, sagte Billy und starrte auf das Gemälde. „Oben sieht es nicht anders aus.“ Wir stiegen die Stufen empor und ich stellte fest, dass Billy nicht übertrieben hatte. Bilder über Bilder hingen aneinandergereiht, mit ähnlichen Motiven wie unten an den Wänden. Ich besichtigte riesige Schlafräume, zwei Kinderzimmer, ein weiteres kleineres Wohnzimmer, so wie zwei Bäder. „Das ist wirklich unheimlich“, sagte ich leicht benommen. „Man bekommt eine Gänsehaut bei diesen vielen Bildern. Zeigen Sie mir auch Ihre Unterkunft?“ Billy stimmte erleichtert zu. „Ich gehe nicht gerne in dieses Haus, es bereitet mir höllische Angst. Eine Nacht habe ich hier verbracht, das reicht.“ Zusammen verließen wir das seltsame Haus und suchten Billys Unterkunft auf.
Sie führte mich in ein kleines Wohnzimmer, welches schlicht und einfach eingerichtet war. Aber immerhin mehr Persönlichkeit besaß, als das Vorherige. „Mr. Steel möchten Sie einen Kaffee oder Tee?“ Ich entschied mich für einen Kaffee und fiel müde in einen alten Ohrensessel. In der Küche hörte ich Billy mit Tassen klappern und vertrieb mir die Zeit, indem ich mich umsah. Was in dem Hauptgebäude zu viel an Bildern war, fehlte hier komplett. Ich war irgendwie gespannt auf Billys Geschichte. Außer dem gemütlichen Ohrensessel standen noch vier Stühle um einen runden Holztisch, eine Anrichte, die direkt neben der Tür stand und jedem Antiquitätenhändler einen Jubelschrei entlockt hätte, sowie eine große Stehlampe mit einem zerschlissenen roten Schirm. „Klein, aber fein“, murmelte ich, „aber meinen Geschmack trifft es nicht. Der Kamin ist gewaltig, das muss ich zugeben.“
Ein einfacher Holzkasten auf der Anrichte weckte mein Interesse. Ich warf einen prüfenden Blick in Richtung Küche und stand auf. Vorsichtig öffnete ich den Kasten. „Warum um alles in der Welt braucht sie eine Knarre?“, murmelte ich entsetzt, als ich die silberne Pistole entdeckte. Ein Gefühl, welches ich nur zu gut kannte, breitete sich in meinem Magen aus und verteilte sich im ganzen Körper. „Bullshit reiß dich zusammen“, ermahnte ich mich.
Bevor ich meine Gedanken weiter fortsetzen konnte, kam Billy mit dem Kaffee zurück. „Sie haben die Waffe entdeckt! Sie gehört aber auch mit zu meiner Geschichte. Keine Angst, ich will niemanden umbringen, und wenn Sie sich wieder setzen, werde ich Ihnen alles erzählen.“ Ich kam mir ertappt vor und setzte mich. Billy schüttete den aromatisch duftenden Kaffee in die Tassen und lehnte sich zurück. „Mr. Steel, Sie müssen mir versprechen, dass Sie mich zu Ende erzählen lassen.“ Ich nahm einen Schluck aus meiner Tasse und nickte. „Ok, das werde ich. Fangen Sie an.“ Billy nippte noch einmal an ihrem Kaffee, stellte die Tasse zurück und schlug die Beine übereinander.
„Also, ich bin sechsunddreißig Jahre, geschieden, kinderlos, komme aus Atlanta und seit etwa sechs Wochen wohne ich auf der Maynland Farm, die ich von meiner Mutter geerbt habe. Sie wiederum hat die Farm von ihrer Mutter, Gretha Swan geerbt, mit der sie seit Ewigkeiten keinen Kontakt mehr hatte. Komisch, nicht wahr? Mein Vater, Peter Prew, verließ uns, als ich drei Jahre alt war und meine Mutter erzog mich bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr alleine. Ich studierte Psychologie und arbeitete längere Zeit in einer Einrichtung für psychisch kranke Menschen. Vor gut zwei Jahren habe ich mich unbefristet beurlauben lassen, um meine todkranke Mutter zu pflegen, die an Krebs erkrankt war.“ Billy machte eine Pause, bevor sie weiter sprach. „Erst in dieser Zeit habe ich von Maynland erfahren, vorher wusste ich noch nicht einmal, dass diese Farm existiert. Kurz und knapp, mit der Farm habe ich auch eine stattliche Geldsumme geerbt, die es mir ermöglichte, die Farm sanieren zu lassen. Aber was ich hier erlebt habe, lässt mich an meinem Vorhaben zweifeln.“ Neugierig geworden zündete ich mir eine Zigarette an. „Wollen Sie auch?“, fragte ich und hielt ihr das Päckchen hin. Sie zog ein Stäbchen aus der Schachtel und ich beugte mich vor, um ihr Feuer zu geben. „Und weil hier etwas nicht in Ordnung ist, möchten Sie verkaufen?“, fragte ich. „Ich möchte nicht verkaufen, Mr. Steel. Noch nicht. Lassen Sie mich weiter erzählen.“ Langsam wurde ich kribbelig, aber ich nickte abermals.
„Was ich Ihnen jetzt erzähle, weiß ich nur von meiner Mutter. Gretha Swan, meine Großmutter, war eine herrschsüchtige Frau, die ihre Tochter nicht besser als die Dienstboten behandelte. Nur die zwei Jahre jüngere Schwester meiner Mutter behandelte sie liebevoll. Ihr Name war Susan und meine Großmutter liebte sie über alles. James Swan, mein Großvater, nahm sich noch vor Susans Geburt das Leben. Als Psychologin vermute ich, dass Susan das Ergebnis eines Seitensprungs gewesen ist, und mein Großvater dieses wusste. Mit zwölf Jahren starb Susan an einer Lungenentzündung und Gretha Swan brach zusammen. Zehn Jahre später ließ Gretha ein Mausoleum bauen und Susans sterbliche Überreste exhumieren, damit sie in dem Mausoleum beigesetzt werden konnte. Als man ihren Sarg freilegte, erstarrten die Totengräber, denn Susans Sarg war zum größten Teil verrottet, aber ihr Körper, der schmutzig war von der Erde des Friedhofes, war unversehrt. Es sah so aus, als würde sie schlafen. Meine Großmutter ließ einen Glasdeckel für den neuen Sarg anfertigen und bahrte sie, sichtbar für alle, in dem Mausoleum auf. Doch irgendwann drehte sie wohl ganz durch und niemand durfte mehr das Mausoleum besuchen. Sie verriegelte es und bewahrte den Schlüssel an ihrem Körper. Man sah sie Tag und Nacht zu Susan gehen. Meine Mutter hatte Peter Prew, einen Tischler, kennengelernt, und als sie mit mir schwanger war, verließen die beiden Maynland. Gretha erzählte sie nichts von ihrer Schwangerschaft. Sie heirateten in Atlanta, den Rest wissen sie ja. Meine Mutter hat mir Gretha Swan verheimlicht, aus Furcht, ich hätte sie kennenlernen wollen. Für mich war sie immer eine tote Großmutter gewesen. Zwanzig Jahre, nachdem meine Mutter die Farm verlassen hatte, erhängte sich Gretha und meine Mutter erbte alles. Aber sie betrat die Farm nicht mehr und rührte auch das Vermögen nicht an. Sie bezahlte einen Mann aus Maynland, der sich um die Farm kümmerte, er ist leider letztes Jahr verstorben. Vor knapp zwei Monaten habe ich meine Mutter beerdigt und ihr Erbe angetreten. Mr. Steel, ich habe meinen Job gekündigt, um hier ganz neu anzufangen, aber das ist unmöglich.“ Ich räusperte mich. „Billy, was hat das jetzt mit mir zu tun? Obwohl, Ihre Geschichte hört, sich gruselig an, das muss ich zugeben. Aber ich bin Makler und kein Ahnenforscher.“ Billy sah mich traurig an. „Ich weiß, Mrs. Steel. Aber als ich hier ankam und die Maynland Farm das erste Mal sah, wurde mir schwindelig und Angst kroch in mir hoch. Ich tat es ab als Stress und machte mir im Hauptgebäude ein Zimmer zurecht. Mitten in der Nacht wurde ich geweckt von Geräuschen, die mir unbekannt waren. Ich stand auf, um nach dem rechten zu sehen, aber alles, was ich fand, war eine alte Puppe, die im Wohnzimmer auf dem Boden lag und eine offene Haustür. Ich habe die Tür verschlossen und bin wieder nach oben gegangen, um weiter zu schlafen, aber das war unmöglich, denn ich hörte Schritte und Kinderlachen. Aus Angst habe ich mein Zimmer verschlossen und darauf gewartet, dass es endlich hell wird. Die Pistole habe ich im Hauptgebäude gefunden und einfach an mich genommen. Ich wollte nur noch aus diesem Haus und habe mich dann hier eingerichtet. Nachmittags bin ich spazieren gegangen und habe wohl unbeabsichtigt den Weg zum Mausoleum gewählt. Als ich es sah, war es zu spät. Alles ging so schnell. Ich sah auf einmal 3 D, anders kann ich es nicht beschreiben. Obwohl ich noch weit entfernt stand, kam das Mausoleum auf mich zu. Das alles dauerte nur Sekunden und ich lief so schnell ich konnte zurück. Schlafen kann ich kaum noch, denn ich höre immer wieder Kinderlachen, höre Kinder weinen und Stimmen Erwachsener, die Namen rufen. Ich sehe Schatten in der Nacht, die vor der Farm stehen, so als würden sie Wache halten. Aber eines weiß ich hundert prozentig, ich bin nicht verrückt.“
Sie hatte es geschafft, ich hatte tatsächlich eine Gänsehaut bekommen. „Also Billy, was wollen Sie nun von mir? Sagen Sie es einfach.“ Billys Oberkörper straffte sich, als sie weiter sprach. „Ich habe den Fall ihrer kleinen Nichte verfolgt. Lucy wurde jahrelang vermisst und später für tot erklärt. In dem Haus einer Familie Kent kam es plötzlich zu seltsamen Begebenheiten. Die Kents fanden Dinge, die, wie sich später herausstellte, Lucy gehörten. Sie Craig haben jedes Teil sofort wiedererkannt. Daraufhin beauftragte ihr Bruder einen Parapsychologen, der sofort vermutete, dass Lucy in dem Haus ermordet wurde. Craig, ich weiß, dass Sie mit unheimlichen Dingen konfrontiert wurden und bitte Sie deshalb um Hilfe. Wen sollte ich sonst fragen? Menschen, die so etwas noch nie erlebt haben, würden mich für verrückt erklären.“
Das widerliche Gefühl in meinem Magen machte sich wieder bemerkbar, aber dieses Mal heftig. „Wenn Sie alles wissen, Billy, dann müssten Sie auch wissen, dass mein Bruder dabei ums Leben gekommen ist“, sagte ich scharf. „Ich habe meine Nichte und meinen Bruder verloren. Einen Monat später hat sich seine Frau erschossen, reicht das?“ Wütend stand ich auf und ging zur Tür. „Ich gehe“, sagte ich müde. „Sie waren früher beim CSI, das weiß ich auch!“, rief Billy mir nach. „Als die Sache mit ihrer Nichte passierte, waren sie nervlich am Ende und haben Ihren Job aufgegeben. Makler ist das ihr Traumberuf? Oder ist es jetzt an der Zeit, sich endlich anderen Wahrheiten zu stellen? Denn nur so kann man ein Trauma aufarbeiten, Mr. Steel. Und wollen Sie gar nicht wissen, warum ich so viel über Sie weiß?“
Ich hatte mich am Türrahmen abgestützt und trommelte nervös mit den Fingern gegen das weiß lackierte spröde Holz. „Sagen Sie es, los“, antwortete ich lahm, „anscheinend wissen Sie ja schon alles."Langsam drehte ich mich um und schaute ihr ins Gesicht. „Craig, ich habe damals Dr. Dorn vertreten, der aus Krankheitsgründen ausgefallen war. Er arbeitete zwei Mal die Woche als Psychologe für die CSI und betreute deren Mitarbeiter. Dadurch habe ich fast alles, was ihren Fall betraf, mitbekommen. Zwar auf Umwegen, das gebe ich zu, aber Sie taten mir furchtbar leid und ich wollte Ihnen helfen. Alle sprachen von diesem Fall und davon, dass der Geist ihrer Nichte sich in einem Haus gezeigt hätte. Und dass Sie und Ihr Bruder mit der Hilfe eines Parapsychologen die sterblichen Überreste ihrer Nichte gefunden hätten. Alles erfuhr man auch nicht, nur noch, dass Ihr Bruder dabei ums Leben gekommen war. Hätte Dr. Dorn nur ein paar Tage später seinen Dienst wieder aufgenommen, wäre ich Ihre Ansprechpartnerin gewesen, denn Ihnen wurden Pflichtstunden bei Dorn aufs Auge gedrückt, damit man checken konnte, inwieweit sie noch stabil waren. Aber als es ans Eingemachte ging, haben sie Ihre Dienstmarke abgegeben. Das ist jetzt drei Jahre her und Sie schlagen sich seitdem als Makler durch.“
Ich war beeindruckt. „Sie haben mich ja gut studiert“, sagte ich ironisch und setzte mich wieder. „So sehr hat Sie der Fall fasziniert?“ Billy schüttete uns noch einen Kaffee ein und antwortete: „Eingebildet sind Sie gar nicht. Nein, ich habe Sie schnell wieder vergessen, außerdem war ich eine Ungläubige, was diese Dinge angeht. Damals wollte ich nur dem Menschen Craig Steel wieder auf die Beine helfen. Aber als ich diese eine Nacht in Grethas Haus verbracht hatte, und später diese Stimmen hörte und die Gestalten sah, da fielen Sie mir wieder ein und ich dachte über Ihren Fall nach. Craig erzählen Sie mir davon, bitte, und verzeihen Sie mir, dass ich nicht sofort mit offenen Karten gespielt habe.“
Diese Frau legte mich lahm, rüttelte mein Innerstes auf und zerrte an meinen Grundsätzen. Aber ihre fordernde Art tat mir irgendwie gut, denn plötzlich hatte ich das Gefühl, mit einem Menschen zu reden, der ehrlich an meiner Geschichte interessiert war. Kein routiniertes Gespräch zwischen einer Psychologin und einem Patienten, es war ein Gespräch von Mensch zu Mensch. „Also gut, mittlerweile wissen Sie schon so viel über mich, da will ich Ihnen den Rest nicht vorenthalten.“ Ich sah die Erleichterung in Billys Augen und begann zu erzählen.
„Mein Bruder Raoul war zwei Jahre älter und Makler von Beruf. Komisch, nicht wahr? Ich bin quasi in seine Fußstapfen getreten. Er und Renée lebten gut von diesem Job, ich bis heute noch nicht. Als Lucy zur Welt kam, kümmerte sich Renée fortan um die Kleine und Raoul führte sein Maklerbüro alleine weiter. Lucy verschwand an Renées Seite, als diese sich in einem Kaufhaus umsah, und einen Augenblick nicht auf die Kleine achtete. Wir stellten eine Einheit zusammen, die fieberhaft nach Lucy suchte, leider vergebens. Jeder brauchbare Hinweis erwies sich als Flop. Wir haben fast zwei Jahre recherchiert, dann stellten wir die Suche ein. Irgendwann ließ Raoul Lucy für tot erklären und er und Renée gingen getrennte Wege, was ja meistens so ist.“
Jetzt kam der schwierigste Teil meiner Geschichte und ich zündete mir noch eine Zigarette an. Billy lehnte ab, als ich Ihr das Päckchen hinhielt. „Danke, eigentlich rauche ich nur selten“, sagte sie und fragte stattdessen, wie es mit einem Bier wäre. Nichts lieber als das“, antwortete ich dankbar und schaute ihr hinterher, als sie sich erhob und in der kleinen Küche verschwand.
„Hier, bitte.“ Billy und reichte mir eine Flasche, die eiskalt war. Sie selber nahm einen großen Schluck und schaute mich entschuldigend an. „Sorry, aber ich bin so aufgeregt.“ Ich tat es ihr gleich und setzte ebenfalls meine Flasche an. „Und ich habe Durst.“ Billy lächelte. „Ein humorvoller Craig Steel. Ehrlich, das macht Sie viel sympathischer.“ Ich hielt die Flasche hoch. „Wenn ich noch zwei davon trinke, werde ich tierisch witzig.“ Billy zwinkerte mir zu. „Sollen Sie haben.“ Sie setzte sich wieder und sah mich gespannt an.
„Was jetzt kommt, konnte ich Dorn nicht erzählen. Psychologe hin oder her, er hätte mich für arbeitsunfähig erklärt und ich wäre suspendiert worden, da brauchen wir uns nichts vormachen. Alles nicht zu Erklärende, was einem Menschen widerfährt, ist krank. Der Mensch ist krank, die Geschichte erfunden und es folgt ein Leben im Abseits.“ Billy sah mich aufmerksam an. „Das stimmt, Craig“, sagte sie ehrlich, „so habe ich das noch nicht gesehen. Erzählen Sie weiter.“
Ich nahm noch einen Schluck von dem eiskalten Bier und räusperte mich. „Vor drei Jahren, dieser Zeitraum ist Ihnen ja bekannt, meldete sich ein Mr. Kent bei Raoul. Er behauptete, dass in seinem Haus merkwürdige Dinge passieren würden. Er hatte das Haus ein Jahr zuvor erworben, Raoul selber hatte es ihm verkauft. Mr. Kent beschrieb die Kleidung, die Lucy am Tag ihres Verschwindens getragen hatte. Diese lag plötzlich vor seiner Haustür. Eine Haarspange, einen Haarreif und einen roten Rucksack, fanden die Kents morgens in ihrem Badezimmer. In dem Rucksack befand sich ein kleiner Anhänger aus Leder, der eingearbeitet war. Auf ihm standen Lucys Name und Anschrift. Kent glaubte erst an einen Scherz seiner Tochter, denn er hatte von dem Fall Lucy ja nichts mitbekommen. Aber als die Familie eines Abends ein Mädchen sah, welches stumm und bewegungslos auf dem Flur stand und sie nur ansah, bekamen sie es mit der Angst. Als Mrs. Kent auf sie zuging, floss dem Kind Wasser aus Mund und Nase. Dann war sie plötzlich genau so geheimnisvoll verschwunden, wie sie gekommen war. Raoul hatte mich sofort benachrichtigt und ich suchte die Kents auf. Die Kleidungsstücke gehörten eindeutig Lucy. Wir mussten Kent mit zum Präsidium nehmen, so will es das Gesetz. Aber es stellte sich schnell heraus, dass er es nicht gewesen sein konnte, denn die Familie lebte zuvor in Kanada.“ Billy stellte endlich ihre Flasche ab, die sie die ganze Zeit in beiden Händen gehalten hatte, und schluckte nervös. „Wie alt war Lucy, als sie verschwand?“, fragte sie. „Lucy war sechs Jahre alt“, antwortete ich dumpf, „und ein Sonnenschein. Nicht nur für ihre Eltern, auch für mich. Ich hatte ein Alter erreicht, wo ich gerne eine eigene Familie gehabt hätte und Kinder. Doch die richtige Partnerin, mit der ich dieses Ding hätte durchziehen können, fehlte mir dazu.“ Billy wurde verlegen und strich sich eine widerspenstige, rote Locke aus der Stirn. „Was nicht ist, kann noch werden“, sagte sie tröstend, „Sie sind doch im besten Alter. Frauen mögen große Männer mit grauen Schläfen.“ Trotz aller traurigen Umstände konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. „Und Sie?“, fragte ich, ohne zu zögern. Billy griff prompt nach ihrer Flasche und nahm einen kleinen Schluck. „Ich weiß nicht, kann sein“, antwortete sie, „kommt auf den Charakter des Mannes an. Das ist ja nicht unser Thema, erzählen Sie weiter.“
„Also gut. Wir konnten anhand von Raouls Unterlagen die Vorbesitzer ausmachen, eine Familie Greenberg, die mit ihren drei Kindern nach Ohio umgezogen war. Und jetzt kommt es. Sie wohnten gerade drei Monate dort, als der Vater seine Kinder beim gemeinsamen Abendbrot erschoss. Dann muss er seine Frau nach draußen gezerrt haben. Dort übergoss er sie mit Benzin und zündete sie an. Sie verbrannte bei lebendigem Leibe. Als Nachbarn die Polizei riefen, war es schon zu spät. Man fand ihn erschossen neben der verkohlten Leiche seiner Frau. Kein Motiv, kein Abschiedsbrief, nichts. Aber aus ärztlichen Unterlagen ging später hervor, dass Mrs. Greenberg an starken Wahnvorstellungen litt und wir gingen davon aus, dass sie Lucy etwas angetan hatte und ihr Mann dieses wusste, mit der Schuld aber nicht mehr leben konnte. Er musste an diesem besagten Abend durchgedreht sein und wollte seine Frau höchstwahrscheinlich für ihre Taten bestrafen. Unter anderem kam ans Tageslicht, dass Mrs. Greenberg ihren jüngsten Sohn für eine Banalität bestraft hatte, in dem sie ihm heißes Wasser über die Füße goss. Als ihre Tochter dazu kam und ihrem Bruder helfen wollte, fasste sie dem Mädchen in die Haare und schlug ihren Kopf gegen die Wand. Mrs. Greenberg wurde kurzer Hand in ein Sanatorium gesteckt, aus dem sie aber schnell wieder entlassen wurde, da die Medikamente, die man ihr gab, eine gute Wirkung zeigten. Die Familie blieb seitdem unauffällig. Aber ich denke, dass sie nie aufgehört hatte, ihren Kindern wehzutun.
Billy starrte mich mit großen Augen an. „Das ist ja grausam. Oh, mein Gott, und dann kam Ihr Bruder auf den Gedanken, einen Parapsychologen anzusprechen, stimmt es?“ Ich nickte. „Ja, er wollte wissen, was mit seiner Lucy geschehen war, denn bei den Kents häuften sich die Kindserscheinungen. Die Familie zog in ein Hotel, welches Raoul für sie ausgesucht hatte, selbstverständlich übernahm er auch die Kosten. Neben Raoul und mir zogen der Parapsychologe Alwin Parkert, seine Assistenten Donna Brows, Jim Nobten, der für alles technische zuständig war und das Medium Kassandra Neltyn in das Haus der Kents ein. „Und dann haben sie alle gemeinsam Lucys Geist gesehen?“, fragte Billy ängstlich. Ich winkte ab. „Nein, nicht sofort. Das ganze Haus wurde mit Kameras und Tonbändern ausgestattet, das übernahm Jim Nobten. In den ersten Tagen hatten wir gar keine Aktivitäten, aber am fünften Tag, dem Tag, an dem wir fast aufgegeben hätten, zeichnete die Kamera im Wohnzimmer einen Schatten auf, der menschliche Umrisse hatte und der Größe eines sechsjährigen Kindes entsprach. Sie oder ihr Schatten stand nur da und schaute in die Kamera, so als hätte sie gewusst, dass wir da waren, um sie zu finden. Auf dem Wohnzimmerteppich war ein großer, nasser Fleck, da wussten wir, dass es real gewesen war. Lucy hatte dort gestanden. Dr. Parkert hörte die Tonbänder ab und spielte sie uns später vor. Lucys Stimme war zwar etwas verzerrt, aber wir hörten alle diese drei Sätze. „Es ist so kalt, ich habe Angst. Ich will ein trockenes Kleidchen anziehen. Daddy, hilf mir.“
Billy sah mich mit einem gequälten Blick an. „Mein Gott, nein, wie schrecklich. Craig, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich bin so verstört, ich …“Ihre Mundwinkel zuckten und sie senkte den Kopf, damit ich ihre aufkommenden Tränen nicht sehen konnte. „Soll ich meine Geschichte hier enden lassen?“, fragte ich vorsichtig, denn weinende Frauen machten mich nervös. „Nein, bitte erzählen Sie weiter. Für einen Augenblick glaubte ich, Lucys Angst und die Verzweiflung Ihres Bruders, körperlich zu spüren. Möchten Sie noch ein Bier? Ich brauche jetzt noch eins und ein Sandwich.“ Mein Magen knurrte schon eine ganze Weile und ich antwortete: „Bier und Sandwich ist eine gute Idee, denn ich habe einen Bärenhunger.
Während Billy in der Küche hantierte, warf ich einen Blick aus dem Fenster. Die Sonne war nicht mehr zu sehen und die Maynland Farm hüllte sich langsam in Dunkelheit. „Billy, warum haben Sie die Veranda so hübsch hergerichtet, wenn Sie das Hauptgebäude nicht mehr betreten?!“, rief ich. „Falls mal jemand vorbei schaut. Es soll wenigstens von außen so aussehen, als würde ich dort wohnen“, antwortete sie. „Bis jetzt hatte ich Glück.“ Das war ein einleuchtendes Argument und ich beobachtete weiter die Umgebung. Jetzt, wo ich Billys Geschichte kannte, wirkte die Farm noch unheimlicher auf mich. „Wie manipulierbar doch die Seele eines Menschen ist“, murmelte ich und setzte mich wieder, denn Billy kam mit kaltem Bier und den Sandwiches aus der Küche. „Ich hoffe, Sie mögen Hühnchen?“ Unschlüssig hielt sie den Teller fest. „Keine Angst, ich esse alles, ohne Ausnahme“, beruhigte ich sie. „Nur Ratten, Hunde, Katzen und Insekten lehne ich ab.“ Endlich lachte sie wieder. „Ich auch.“ Das Sandwich schmeckte mir, und ich sagte nicht Nein, als sie mir ein weiteres anbot.
Nach dem Essen rauchte ich in Ruhe eine Zigarette und trank mein Bier dazu. „Möchten Sie jetzt den Rest meiner Geschichte hören?“ Billy nickte und bat mich um eine Zigarette. „Sie bekommen jede zurück, versprochen. Meine liegen im Auto und das steht leider vor dem Gruselkasten.“ Ich winkte ab. „Dann haben wir dort wenigstens eine Reserve“, sagte ich scherzhaft. „Ich habe genug Zigaretten, keine Angst.“ Nachdem ich ihr Feuer gegeben hatte, setzte ich meine Geschichte fort.
