Das Erbe der Lichtnomaden - Arun M. Bertozzi - E-Book

Das Erbe der Lichtnomaden E-Book

Arun M. Bertozzi

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Beschreibung

Arun M. Bertozzi entführt uns nach Albanthar - in eine Welt voller Licht und Schatten, in eine Zauberwelt aus geflügelten Sturmfrauen, gefrässigen Trollen, heissblütigen Feuerländern, nebelbleichen Dunkelelfen und bezaubernden Höhlennixen. Kradla Dunkelmaid bringt Tod und Verderben über ganz Albanthar und nur eine kleine Gruppe aus ungleichen Auserwählten hat die Kraft, sich der dunklen Hexe entgegenzustellen. Doch sie sind allein, von ihren Völkern verbannt. Alles, was den Auserwählten im Kampf gegen das Böse zur Seite stehen kann, ist die Botschaft der letzten Lichtnomaden, versteckt in einem verloren gegangenen Buch, dem Buch des Lichts... Durch die Kraft seiner bilderreichen Sprache gelingt es dem Autor, Albanthar vor dem inneren Auge des Lesers zum Leben zu erwecken. Der Leser taucht ein in eine bunte, faszinierende neue Welt, die grausam und schön zugleich ist. Arun M. Bertozzis Figuren sind nicht einfach nur Fantasiewesen - der Autor arbeitet die Charakterzüge der Figuren präzise heraus und gibt ihnen einen eigenen Sprechstil, den man auf jeder Seite sofort wiedererkennt. Schnell rückt man als Leser immer näher an die Figuren heran, fühlt ihren Schmerz und teilt ihre Freude. Am liebsten möchte man aus diesem Fantasy-Abenteuer nicht mehr auftauchen, auch nicht an den Stellen, wo man die Grausamkeit der Welt Albanthars erfährt, denn: Arun M. Bertozzi gelingt es, in seinem Roman eine magische Atmosphäre zu schaffen, in der die Hoffnung auf die Kraft des Lichts nie ganz erlischt.

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Seitenzahl: 673

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für alle, die mir in dieser Geschichte als Charakter-Vorlage gedient haben

Danke!

Akasha – Für die unverzichtbaren Inputs, die strenge Reflektion und das Einhauchen von Tiefe in die weiblichen Charaktere.

Elisa, Vaishnavi und Sonja – Für die Muse.

Der Stephen-Ibiza -Yoga-Märchenstunde-Crew.

Heidi Kähmer – Für das Lektorat.

Cornelia Jud - Für die Korrektur

Satyananda – Für die Toleranz beim Stehlen von Zeit seiner Liebsten.

Daniel und Verena – Für die finanzielle Unterstützung.

INHALT

I. Sturm

II. Wald

III. Erde

IV. Feuer

V. Wasser

VI. Dunkelheit

VII. Stein

Register

Charaktere

Orte

Götter / Religionen / Wesen

Karte

I. Sturm

1. Vaya Eulenkind

Wor-la fruchtbare Lebensspenderin!

Wor-la gnadenlose Todbringerin!

- aus dem heiligen Buch der Sturmfrauen

Die Schreie einer qualvollen Geburt mischten sich mit dem Tosen des Meeres und dem Klagen des heranziehenden Sturmes. Fensterläden schlugen unruhig an die schiefen Hütten.

„Atmen und pressen, atmen und pressen!“, klang es immer wieder eindringlich. Die Gebärende quälte sich auf dem großen, flachen Geburtsstein. Die Hüterinnen der Geburt hatten sich im Kreis um den Stein versammelt und sangen die Lieder von Worla, der Lebensspenderin.

Die Gesänge der Hüterinnen umhüllten die werdende Mutter schützend wie eine unsichtbare Decke. Rund um die Anhöhe neben dem Dorf hatten sich die Frauen der Gemeinschaft versammelt. Der Sturm fegte über sie hinweg und ihre Stimmen wurden vom Wind in die Ferne getragen. Ayana, eine der Hüterinnen der Geburt, konnte ihre Worte hören und sie teilte die Befürchtungen der Frauen.

„Ist es diesmal ein Mädchen? Große Göttin - es muss ein Mädchen sein! Wenn es dieses Mal kein Mädchen ist, bei Wor-la, dann...“

Die Flüsterstimmen drückten große Sorge aus und die Frau, die schon viel zu lange auf dem Stein lag, schrie laut auf.

Stunden vergingen, der Sturm tobte und das Kind schien die gequälte Mutter nicht verlassen zu wollen. Ayana ließ die Hand der Gebärenden los, um zu beten. Sie hob ihr kahles Haupt, streckte ihre Arme zum Himmel und flehte ihre Göttin an:

„Wor-la, lass das Kind den Sturm der Welt erblicken und ich flehe dich an, lass es ein Mädchen sein!“

Dunkle Wolken zogen wild über sie hinweg und der Wind peitschte ihr ins Gesicht. Die Gebärende auf dem Stein schrie erneut. Eine Hüterin trocknete die Stirn der werdenden Mutter sorgfältig mit einem Tuch und redete beruhigend auf sie ein.

Ayana beendete ihr Gebet und erblickte plötzlich ein leuchtender Nebel am Horizont.

„Was hat dieses Zeichen zu bedeuten?“ Ihr Herz pochte laut. Aus dem Nebel erhob sich ein heller Fleck, der sich näher auf sie zubewegte. Der Fleck wurde zu einem Vogel, der sich in weiten Kreisen immer tiefer zur Erde senkte.

Seine riesigen Flügel trotzten dem starken Wind. Der Vogel kreiste bald in unmittelbarer Nähe über dem Stein. Ayana erkannte eine mächtige Eule, die mit schlagenden Flügeln direkt auf dem Bauch der Gebärdenden landete. Die Frauen um den Stein wichen erschrocken zurück.

Sonnengelbe Augen sahen Ayana streng an. Atemlos bewunderte sie das weiße Gefieder. Es glitzerte wie frisch gefallener Schnee. Ayana spürte eine seltsame Kraft von dem Tier ausgehen. Die Eule zog die Flügel eng an ihren Körper und stieß ihre Krallen in den Bauch der Sturmfrau. Die Gebärende bäumte sich auf. Ayana sah, wie Blut aus dem Bauch floss und langsam auf den Gebärstein tropfte. Die Krallen der Eule färbten sich rot. Eine Hüterin wollte der werdenden Mutter helfen, doch Ayana hielt sie an ihrem Umhang fest:

„Warte, Hiira!“

Plötzlich wurde es still. Der Wind legte sich und die Luft schien sich in atemloser Erwartung zu verdichten. Dann spreizte die Eule die Flügel und ihr Kreischen durchschnitt die Stille. Der gewölbte Bauch der Frau entspannte sich. Sie weitete ihre Beine. Fasziniert schaute Ayana dem Geschehen auf dem Stein zu:

„Macht weiter mit dem Ritual – das Kind wird kommen!“

Erneut zog Wind auf. Die Hüterinnen der Geburt schlossen den Kreis um den Stein und begannen mit ihren Instrumenten die uralten Geburtsmelodien zu spielen. Der Wind wurde stärker. Die Gesänge vermischten sich mit den rhythmischen Schlägen der Trommeln. Die Eule kreischte erneut auf, während die Gebärende ihr Kind zur Welt brachte. Zur ersten Stunde des Tages des neuen Mondes verließ das Neugeborene den warmen Schoß seiner Mutter. Ayana nahm das Kind entgegen und hob es triumphierend hoch.

„Ein Mädchen! Es ist ein Mädchen!“, rief sie erleichtert. Die Sturmfrauen um den Stein jubelten. Die Eule sah das neugeborene Mädchen einen Moment lang eindringlich an. Dann lösten sich ihre Krallen aus dem Bauch der Mutter und sie erhob sich in die Weite des Himmels.

Vaya, durch die Ereignisse ihrer Geburt auch Eulenkind genannt, wuchs in einem Dorf an den verwegenen Küsten des östlichen Sturmlandes auf.

Sie war ein auffallend hübsches Mädchen mit langem schwarzem Haar und smaragdgrünen Augen. Ihre Haut hatte die Farbe von Milch und sie war der ganze Stolz ihrer Mutter. Vaya liebte ihre beiden älteren Brüder von ganzem Herzen. Seit sie sprechen konnte, nannte sie die beiden „Bruder groß und Bruder größer“. Sie verstand damals noch nicht, warum ihre Brüder keine eigenen Namen besaßen. Ihre nur wenige Jahre älteren Brüder nahmen sie oft an die rauen Klippen Sturmlands mit. Zusammen erspähten sie Fische und Vögel in der wilden Brandung des Nordmeeres. An klaren Tagen erkannten sie in weiter Ferne die weißen Küsten Eislands. Ihre Brüder erzählten ihr dann die Legenden des sagenumwobenen Landes. Aber auch jene Geschichte, welche sie am liebsten mochte: Jene ihrer Geburt, welche ihr den Namen Eulenkind beschert hatte. Vaya fühlte sich an der Seite ihrer Brüder geborgen. So wuchs sie in den ersten Jahren ihres Lebens glücklich auf.

Doch das Glück der Geschwister sollte nicht lange währen.

Eines verregneten Tages kamen die im ganzen Land gefürchteten Sittenstürmerinnen in ihr Dorf. Sie nahmen alle Knaben mit, denen schon sieben und mehr Jahresringe in die Haut gebrannt worden waren. Die herben, mit spitzen Speeren bewaffneten Frauen brachten die Knaben nach Holderon, der Hauptstadt und dem religiösem Zentrum Sturmlands. Hinter vorgehaltener Hand gab es vereinzelten Widerstand gegen die Sittenstürmerinnen. Doch die meisten Mütter und Schwestern nahmen die Entwendung der Knaben als gegebene Tradition hin. Bis auf einige versteckte Tränen gaben sie ihre Söhne und Brüder widerstandslos frei. In Sturmland durfte nicht über die Sittenstürmerinnen gesprochen werden.

***

Jahre, nach dem sie fortgebracht worden waren, vermisste Vaya ihre Brüder immer noch. Allein stand sie an den Klippen, blickte mit Tränen in den Augen in die Brandung und erinnerte sich an ihre gemeinsame Zeit.

Als sie am Abend ins Dorf zurückkehrte, mit der Mutter am Tisch saß und freudlos in ihren Kartoffeln herumstocherte, wagte sie, die verbotene Frage zu stellen:

„Mutter, was haben die Sittenstürmerinnen mit Bruder groß und Bruder größer gemacht?“ Die Mutter schluckte schwer, strich sich nervös über den kahlen Kopf und legte ihren Holzlöffel vorsichtig auf den Tisch. Drückende Stille breitete sich im Zimmer aus. Sie blickte Vaya mit trüben Augen an und schien im Innersten mit sich zu kämpfen. Die Lippen zitterten, als sie leise sprach:

„Mein Kind. Bald werden wir dir den elften Jahresring stechen. Deshalb ist die Zeit gekommen, dir zu erzählen, was mit deinen Brüdern geschehen ist. Es ist besser, du weißt es jetzt, denn nicht fern ist der Tag, ab welchem auch du in den Traditionen unseres Landes leben wirst.“

In der Hoffnung, dass ihr nun die Frage, welche sie schon lange quälte, beantwortet werden würde, horchte Vaya gespannt auf:

„In ganz Sturmland ist es seit jeher Brauch, die männlichen Nachkommen bereits in ihrer Kindheit von ihren Familien zu trennen.“ Die Mutter seufzte.

„Deine Brüder werden in einem ärmlichen Stadtteil Holderons hinter bewachten Mauern zu ihrer späteren Bestimmung erzogen. Ihre Bildung wird nicht die gleiche sein wie die deine, Vaya. Du wirst zu einer Frau heranwachsen und ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft werden. Du wirst gebären, beten und vielleicht eines Tages heilen und zaubern.“ Wieder hielt sie inne und spielte nervös mit dem Löffel. Es schien Vaya, als lege sich eine schwere Wolke über den Raum. Die Mutter zögerte und fuhr dann leise fort:

„Die Bestimmung der Männer ist, nun ja – ist einfacher. Sie erfüllt zwei Zwecke. Sie helfen uns bei der Fortpflanzung und sie beschützen uns. Aber dies - wie soll ich es sagen, Vaya - nicht in ihrer ursprünglichen Form.“

„Was bedeutet 'nicht in ihrer ursprünglichen Form', Mutter?“, fragte Vaya gespannt.

„Schon den Sturmknaben wird gelehrt, dass ihr Leben nur diesen einen Wert hat: An jenem Tag, an welchem sie fruchtbar sind, dauert es nur noch wenige Jahre, bis sich ihre erste Bestimmung, die Befruchtung, erfüllt. Danach sterben die Sturmmänner. Doch nach ihrem Tod werden sie wiedergeboren und finden ihre zweite und endgültige Bestimmung.“

Vayas Augen weiteten sich mit wachsendem Erstaunen.

„Aber wie sterben die Männer nach der Befruchtung?“ Die Mutter senkte die Augen traurig.

„Das wirst du noch früh genug erfahren. Belaste dich nicht schon jetzt mit solchen Gedanken. Was geschehen muss, muss geschehen.“ Sie stand auf und räumte schweigend den Tisch ab. Vaya beobachtete die anmutigen Bewegungen ihrer kahlköpfigen Mutter und fragte sich zum ersten Mal in ihrem Leben, ob sie selbst als erwachsene Sturmfrau auch kahlköpfig sein würde.

Als die Mutter sich bereits zu Bett gelegt hatte, saß Vaya noch lange am Tisch. Draußen hatte sich der Tag verabschiedet. Sie entzündete eine Kerze und starrte in das flackernde Licht.

Mit traurigem Herzen dachte sie an ihre Brüder zurück.

***

Vaya hatte ihr zwölftes Lebensjahr erreicht und war zu einem wachen und neugierigen jungen Mädchen herangewachsen. Sie saß mit der Mutter am Tisch und aß Hirsebrei und eingelegtes Gemüse.

„Mutter, ist es nicht an der Zeit, dass du mich in unsere Traditionen einweihst? Werde ich auch einmal so aussehen wie du? Und muss nicht auch ich den Befruchtungsakt durchführen?“ Die Mutter biss sich nervös auf die Lippen und schwieg. Vaya hakte energisch nach:

„Du musst mir davon erzählen!“ Die Mutter schenkte ihnen Wasser nach und seufzte schwer. Als befürchte sie, jemand würde ihnen zuhören, sprach sie mit gedämpfter Stimme:

„Also gut, mein Kind. Ich werde es dir erzählen. Wir Sturmfrauen verändern uns am Tag des Morphs. Aber das wirst du früh genug erfahren. Von der Befruchtung jedoch möchte ich dir erzählen.“ Vaya wollte etwas erwidern, doch die Mutter sprach unbeirrt weiter:

„In unseren heiligen Schriften steht, dass in Holderon zu jedem dritten Vollmond die Paarungsrituale abgehalten werden müssen. Nach dem Akt wird der Befruchter, wie wir unsere Männer in dieser Phase des Lebens nennen, von derjenigen Frau getötet, bei welcher er gelegen hat. So war es auch mit deinem Vater.“ Vaya starrte ihre Mutter entsetzt an.

„Du hast einen Sturmmann getötet?“

Die Mutter erhob ihre Stimme.

„Bei Wor-la! Wir Frauen und auch die Männer nehmen unser Schicksal widerstandslos an und auch du wirst das tun!“ Sie blickte Vaya fordernd an, senkte dann ihren Blick und sprach leise und beinahe traurig weiter.

„So kommt es, dass am Morgen nach einer Paarungsnacht unzählige Sturmfrauen mit den ausgewählten Männern Hand in Hand zu den Klippen im Norden der Stadt gehen und sie dort in die Tiefe stoßen. Du wirst es selbst erleben, wenn du den Tag des Morphs hinter dich gebracht hast, meine Tochter.“

Vaya war der Appetit gänzlich vergangen. Sie blickte erstarrt zu ihrer Mutter. Ein beängstigender Gedanke schoss ihr durch den Kopf und ihr Herz verkrampfte sich:

„Bruder groß und Bruder größer werden demnach vom selben Schicksal heimgesucht?“ Das Eulenkind schaute ihre Mutter mit wässrigen Augen an. Diese sprach jetzt sanft und tröstend.

„Nach ihrem Tod leben die Seelen der Sturmmänner in Form von Wind und Sturm weiter und dienen uns Frauen so, wie sie uns auch vor ihrem Tod gedient haben. Die Windgeister, wie wir die Männer nach der Opferung nennen, werden von den gebildeten Frauen für ihre Rituale heraufbeschworen und stehen nun in dieser Form den Herrinnen des Sturmes bei. So verlassen uns unsere Männer und Brüder nie. Sie sind uns aber im Leben wie im Tod zu Gehorsam verpflichtet. Iss jetzt auf, meine Tochter, ich werde dir zu einem anderen Zeitpunkt mehr erzählen.“ Vayas Appetit kehrte den ganzen Tag nicht wieder. In der Nacht fand sie keinen Schlaf, wand sich im Bett und glaubte, traurige Gesänge im Rauschen des Windes zu hören.

Als Vaya ihr dreizehntes Lebensjahr erreichte, hämmerte es an einem verregneten Herbstmorgen laut an die Tür. Vaya dachte, es sei der Wind, welcher zu dieser Jahreszeit pausenlos über das Dorf fegte. Doch als das Eulenkind die stillen Tränen ihrer Mutter sah, wusste sie, dass auch ihr Tag gekommen war. Wie ihre Brüder einst von den Sittenstürmerinnen mitgenommen wurden, würde nun auch sie fortgehen müssen. Als die Mutter die Tür öffnete, stand dort Ayana, einst eine der Hüterinnen bei Vayas Geburt. Inzwischen war Ayana eine Priesterin des Windtempels zu Holderon. Mit ihren eisblauen Augen musterte sie Vaya von Kopf bis Fuß.

„Komm mit mir, Eulenkind!“, forderte die Priesterin sie auf. Vaya trat zurück und versuchte, sich hinter der Mutter zu verstecken. Die hochgewachsene Frau in ihrem wallenden weißen Umhang erfüllte Vaya mit Angst. Ayanas haarloser Kopf schimmerte feucht unter dem Regen, den die Herbststürme mit sich gebracht hatten. Ihr Umhang tropfte und der weiße Sturmstab wirkte auf das Eulenkind furchteinflößend.

Ihre Mutter bat die Priesterin nicht herein. Stattdessen drehte sie sich zu Vaya und nahm sie in die Arme. Vaya klammerte sich weinend an die Mutter. Diese löste sich sanft, aber bestimmt von ihr und sprach:

„Geh jetzt, meine liebe Tochter. Finde die Küste deiner Bestimmung. Möge Wor-la dich beschützen, Eulenkind.“

Sie hängte ihr den einfachen Wollumhang über die Schulter und übergab sie der Priesterin.

So verließ Vaya ihre Heimat und wurde von Ayana durch das kahle Sturmland nach Holderon gebracht. Unterwegs passierten sie ärmliche Dörfer und kleine Siedlungen. An vielen Häusern klopfte Ayana an die Tür, um die ältesten Töchter abzuholen. Bald zählte Vaya zwei dutzend Mädchen, welche stumm und verängstigt hinter der kühlen Priesterin hergingen.

An einem Morgen, einige Tage später, führte sie der Pfad einen steinernen Hügel hinauf. Als sie den Grat erreicht hatten, sahen sie in der Ferne endlich ihr Ziel. Holderon reichte von den Klippen des Nordmeeres bis tief ins Land hinein. Vaya war beeindruckt von der Größe der Stadt. Auf einer Anhöhe in der Mitte Holderons erhoben sich die schlanken Türme des Windtempels weit in den dunklen Himmel. Für einen Augenblick sandte die Sonne ihre Strahlen durch die schnell hinwegziehenden Wolken. Da leuchteten die Türme, als wären sie aus purem Gold. Vaya fühlte sich, als blicke sie in die Welt ihrer Göttin.

Nachdem sie durch die ärmlichen Siedlungen der Vorstadt hochgestiegen waren, erreichten sie am späten Nachmittag die Außenmauern des inneren Bezirks. Ein eisernes Tor öffnete sich vor ihnen. Mehrere Soldatinnen lehnten sich an die Mauer und beobachteten den Einzug der jungen Sturmfrauen mit steinernen Mienen.

Als Vaya durch das hohe Tor trat, öffnete sich eine belebte Gasse vor ihr. Im Gegensatz zu den Siedlungen vor der Stadt wirkte diese sauber und gepflegt. Schnellen Schrittes wurden sie von Ayana über gepflasterte Straßen durch enge Gassen geführt. Aus den Fenstern der hohen Häuser wurden ihnen neugierige Blicke zugeworfen. Erwachsene Sturmfrauen gingen ihren Geschäften nach, redeten, feilschten und priesen ihre Waren an.

Die Mädchen gingen an kleinen Geschäften vorbei, in welchen die erstaunlichsten Dinge feilgeboten wurden. Mehrmals blieb Vaya stehen und betrachtete die seltsamen Waren fasziniert. Da gab es Zauberbücher, feinsten Sturmlandblumensirup und Heilkräuter aller Art. Vaya entdeckte Geschenke für Sturmmänner zur Paarungsnacht, Blumen in allen Farben und fein duftendes Gebäck. Sie war tief beeindruckt von dem Angebot.

Plötzlich tat sich eine dunkle Gasse auf. Diese war unbelebt und wurde von grimmigen Soldatinnen bewacht. Schwere eiserne Tore waren in dicke Mauern gefasst.

„Wer lebt hinter diesen Mauern, Priesterin?“, wollte Vaya von Ayana wissen. Die Priesterin runzelte die Stirn:

„Hier beginnt die Männerstadt.“ Wortlos gingen sie weiter. "Bruder groß, Bruder größer?", schoss es Vaya durch den Kopf. Der Gedanke, dass ihre Brüder hinter diesen düsteren Mauern lebten, versetzte Vaya einen schmerzvollen Stich ins Herz. Eine Zeit lang gingen sie an den Mauern der Männerstadt entlang. Vaya versuchte sich vorzustellen, wie es wohl dahinter aussehen würde, doch keine Bilder traten in ihr Bewusstsein.

Ihr Weg führte bald eine steile Treppe hinauf, weg von der Männerstadt. Das Eulenkind drehte sich immer wieder um, doch es gelang ihr nicht, über die Mauern zu blicken.

Oben angekommen, standen sie auf einem weitläufigen Plateau. Ayana sprach mit feierlicher Stimme:

„Dies ist der Platz der Göttin.“ In der Mitte des Platzes sprudelte ein runder Zierbrunnen mit einer hohen Statue Wor-las. Am anderen Ende erhoben sich die Türme des Windtempels. Ohne das goldene Licht der Sonne wirkten die grauen Tempelmauern kalt und abweisend. Vaya zog ängstlich ihren Nacken ein. Ob sie wollte oder nicht, hier war ihr neues Zuhause.

Die Sturmmädchen wurden als Novizinnen in die Tempelschule aufgenommen. In den ersten Monaten vermisste Vaya ihre Mutter schmerzlich. Doch bald fand sie Freundinnen unter den anderen Mädchen. Zu Dutzenden schliefen die Schicksalsgefährtinnen in den Hallen des Tempels. In besonders stürmischen Nächten rückten sie enger zusammen und wärmten sich ihre Körper und die Seelen. Doch die tiefste Verbindung entwickelte Vaya zu Ayana. Im Laufe der Zeit liebte sie die strenge, aber gütige Priesterin wie eine Mutter.

Vaya fand Halt in den strengen Regeln des Tempels und bald nahm sie, wie alle ihres Volkes, ihr Schicksal widerstandslos an.

In den folgenden Jahren wurde sie in der rigiden Religion Sturmlands unterwiesen. Die Mädchen mussten hart arbeiten und mehrmals täglich auf den Knien beten: Bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang, bei starkem Wind und während Stürmen, zur Mitternacht und vor jeder kargen Mahlzeit. Doch Vaya gewöhnte sich schnell an das spärliche Essen und den harten Alltag.

Als Vaya bereits das zweite Jahr in der Tempelschule war, bekam sie von Ayana den eigens für sie gefertigten Sturmstab überreicht. Dies war eine große Ehre im Leben einer Sturmfrau. Das Eulenkind war stolz und lernte voller Eifer den Zauber des Stabes kennen. Vaya lernte schneller als die anderen Mädchen und bald gelang es ihr, die Spirale an der Spitze des Stabes zum Erglühen zu bringen. Auch lernte sie mit der „Stimme der Winde“ andere Lebewesen zu bezaubern und aus Sturmstaub die Feuerbälle für Sturmlands Kriegerinnen herzustellen. Vaya Eulenkind war zur großen Freude Ayanas eine äußerst geschickte Novizin. So wurde sie früher als die anderen Mädchen auf das wichtigste Ritual der Sturmfrauen, den Tag des Morphs, vorbereitet.

Sie war inzwischen zu einer wahren Schönheit herangewachsen: Groß und anmutig ihre Gestalt, ihre Haut blass und ebenmäßig. Die seltsamen grünen Augen erinnerten Ayana an den Blick in einen tiefen Brunnen. Ayana und auch Herikla, die Hohepriesterin, schenkten Vaya von Anfang an besondere Aufmerksamkeit, nicht zuletzt wegen der Ereignisse bei ihrer Geburt. Ayana wollte Vaya durch den Tag des Morphs begleiten und ihr danach die Beschwörung der Windgeister lehren. Sie hoffte, dass Vaya als ausgebildete Sturmfrau in die Geheimnisse des Tempels eingeweiht und zur Priesterin gesalbt werden würde.

***

In ihrem fünfzehnten Lebensjahr setzten ihre ersten Blutungen ein. Somit erfüllte sie die letzte Voraussetzung. Vaya war fruchtbar und für den Tag des Morphs bereit.

Sie kniete in der großen Halle vor Herikla, der mächtigsten Frau Sturmlands. Stolz standen die Priesterinnen zwischen den Säulen und hielten ihre Sturmstäbe in Vayas Richtung. Vaya dachte an ihre Mutter. Wie stolz sie wäre, wenn sie ihre Tochter jetzt sehen könnte! Kurz kam Traurigkeit in Vaya hoch. Doch dann stand Herikla von ihrem geschwungenen Thron auf und strich ihr sanft tröstend über das dunkle Haar.

„Bald wirst du kahl sein, mein Kind, und für immer eine von uns sein. Ich erkläre dich würdig für den Tag des Morphs!“ Die Priesterinnen schlugen mit ihren Stäben an die Säulen. Dumpfe Töne erfüllten die Halle. Ayana blickte voller Stolz auf ihren Schützling.

„Sie wird eine wunderbare und mächtige Priesterin werden!"

Vor Anbruch des Tages der Sommersonnenwende wurde Vaya mit den anderen würdig erklärten Novizinnen zu den Klippen gebracht.

Als sie durch die leeren Gassen Holderons gingen, kam Ayana zu ihr und nahm sie bei der Hand. Vaya fragte sie leise:

„Ayana, wird es weh tun?“ Die Priesterin schaute sie mitfühlend an:

„Hab keine Angst, Eulenkind. Du bist stark. Der Schmerz wird nicht lange dauern. Möge Wor-la bei dir sein.“

Bei den Klippen angekommen, zogen die Priesterinnen den geweihten Mädchen im fahlen Licht des Morgens die Umhänge aus. Dutzende jungfräulicher Sturmfrauen standen, zum Nordmeer gewandt, nackt in der Kälte. Wind kam auf. Vaya glaubte, die Windgeister im Angesicht der aufgehenden Sonne singen zu hören. Ihr Leib zitterte vor Kälte, Angst und aufgeregter Erwartung.

Als die ersten Sonnenstrahlen über das Meer glitten und die jungen Sturmfrauen sanft berührten, fielen diesen die Haare aus.

Der Wind trug die blonden, braunen, roten und schwarzen Strähnen wild tanzend ins karge Land hinein. Vaya beobachtete, wie den anderen Novizinnen über den Schulterblättern zwei Beulen wuchsen. Einige der Mädchen wimmerten unter starken Schmerzen und schrien, als sich ihre Haut über den Geschwülsten spannte und aufplatze. Vaya sah, wie aus den blutigen Wunden der Novizin neben ihr zwei feingliedrige Flügel zum Vorschein kamen.

Während sich die anderen jungen Sturmfrauen neben ihr im taufeuchten Gras krümmten, stand Vaya verwirrt da. Plötzlich spürte sie, dass ihr statt der erwarteten Flügel rasend schnell neues Haar aus dem soeben kahl gewordenen Kopf wuchs.

„Etwas stimmt nicht. Etwas stimmt mit mir nicht!“, dachte sie in aufkommender Panik. Vaya fasste sich verzweifelt an den Kopf.

Die kühlen Augen Heriklas weiteten sich entsetzt, als sie Vaya sah. Ihr neues Haar war schneeweiß und fiel ihr bereits über die Schultern.

Herikla streckte ihren Sturmstab in die Höhe. Ihr langes Gewand flatterte im Wind, als sie mit bebender Stimme schrie:

"Sie ist da! Die weiße Hexe ist unter uns. Die Prophezeiung hat sich erfüllt!

Wehe dir, oh Sturmvolk!

Die weiße Hexe, die Vorbotin des Krieges,

einst am Tag des Morphs wird sie unter euch erscheinen.

Sie ist das Zeichen für das Ende der Dinge, wie sie waren.

Wehe dir, oh Sturmfrau, wenn die weiße Hexe unter euch weilt."

Als Vaya erschrocken die bekannte Prophezeiung aus Heriklas Mund hörte, erhob sich plötzlich eine große weiße Eule von den Klippen. Sie flog zu Vaya und kreiste direkt über ihr. Vaya vernahm eine Stimme tief in ihrem Inneren.

„Eulenkind, hab keine Angst!“ Vaya wurde ganz ruhig.

Herikla, wie aus einem Schock erwachend, eilte bestimmten Schrittes zu Vaya. Die anderen Mädchen waren von der eigenen Verwandlung so eingenommen, dass sie nicht wahrnahmen, was mit Vaya gerade geschah. Das Eulenkind blickte zum Himmel. Sie suchte die Eule, doch diese war verschwunden. Herikla blieb vor Vaya stehen und sah sie mit ihren stahlblauen Augen hart an. Ohne ein Wort zu verlieren, ließ sie Vaya zurück in den Tempel bringen und befahl, sie im Verließ einzusperren

Während Vaya im feuchten Kerker zitterte, war Ayana draußen an den Klippen bei den anderen Novizinnen. Sie wachte über die

Heilung der Wunden. Ayana machte sich im Stillen große Sorgen um Vaya. Am liebsten wäre sie bei ihr gewesen, doch Herikla hatte ihr befohlen, bei den anderen Novizinnen zu bleiben. Für Ayana dauerte es eine Ewigkeit, bis die Metamorphose endgültig vollzogen war. Eine Novizin nach der anderen fiel erschöpft in eine tiefe Ohnmacht. Ayana wachte pflichtbewusst über die ohnmächtigen Mädchen, doch ihre Gedanken wanderten immer wieder zu Vaya.

Als viele Stunden später die Sonne im Osten versank, wachten die verwandelten Sturmfrauen wieder auf. Erleichtert beobachtete Ayana, wie die Ersten von ihnen die Augen öffneten und vorsichtig ihre Flügel spreizten. Sie glitzerten im letzten Licht des Tages in allen Farben des Regenbogens. Noch geschwächt von der Verwandlung, erhoben sich die neugeborenen Sturmfrauen. Die ersten spreizten ihre Flügel und flogen unsicher in den Abendhimmel. Doch mit schnell zunehmender Kraft erhoben sie sich immer höher. Die Sturmfrauen flogen durch das Sternenzelt einer klaren Nacht, getragen von der Freude, den Tag des Morphs hinter sich gebracht zu haben.

Ohne dass Ayana sie noch einmal sehen durfte, wurde Vaya noch in derselben Nacht verbannt. Drei Priesterinnen suchten sie in ihrer Zelle auf und brachten sie von Holderon weg. Sprachlos folgte Vaya den Frauen in die Einöde des westlichen Sturmlands. Dort ließen sie die Priesterinnen alleine zurück und gaben ihr unmissverständlich zu verstehen, dass sie eine Rückkehr nach Holderon oder zu ihrer Mutter nicht überleben würde.

Trotz der Prophezeiung hatte Herikla befohlen, die weiße Hexe nicht zu töten. Zu unklar war der Hohepriesterin die Prophezeiung und zu offen schien ihr, welche Rolle das verwandelte Eulenkind darin spielen könnte.

Doch seit jenem Tag war Herikla voller Sorge um die Zukunft ihres Volkes. Sie hatten Zeichen erhalten. Ihre Welt war bedroht. Wie konnte alles bleiben wie es war, wenn sich die Prophezeiung erfüllt hatte?

Jeden Tag blickte Herikla mit angsterfülltem Herzen vom höchsten Turm des Tempels zu Holderon Richtung Westen.

Voller Sorge dachte sie darüber nach, welche finsteren Mächte nun in Dunkelland erwachen würden.

2. Steiner Blumenfresser

Die Sonne brannte auf die Hochebene von Stornok. Nur das Summen einzelner Insekten und der Schrei eines hungrigen Geiers zeugten vom Leben im steinigen Tal. Die riesigen Bergechsen verharrten steif im Schatten von Fels und Stein.

Umringt von schneebedeckten Gipfeln neigte sich gelbes Gras kraftlos unter der Sonne. Von einer trügerischen Stille umgeben, lag Stornok reglos in den Bergen Steinlands. Wie ein stummer König thronte der höchste Berg, der mächtige Storn-Kah, über dem scheinbar verlassenen Tal.

Als sich am Abend die Sonne hinter dem Storn-Kah zurückzog, schenkte sie seinem Haupt eine Krone aus blutrotem Licht. Als das Zwielicht endgültig der Dunkelheit wich, begann auf Stornok das Leben.

Es erwachte mit roher Gewalt in den Höhlen am südlichen Ende der Ebene. In unzähligen Gängen und feuchten Kammern hauste die größte und gefährlichste Steintrollkolonie Albanthars. Doppelt so groß und mindestens dreimal so schwer wie ein ausgewachsener Mensch, ließen sie die Höhlen erzittern. Ihr Gang war so gebückt, dass ihre langen Arme beinahe den Boden berührten. Bei jeder ihrer plumpen Bewegungen schnaubten sie durch ihre platten Nasen und klapperten mit ihren knöchernen Halsketten. Bis das Licht der Abenddämmerung wich und den Himmel der Finsternis übergab, wagten sich die Trolle nicht aus ihren Grotten. Die sonst furchtlosesten aller Geschöpfe ängstigten sich vor dem grellen Himmelskörper wie ein furchtsamer Bauer vor einem Troll. Die Sonne war tödlich für einen Steintroll. Bei der sanftesten Berührung ihrer Strahlen erstarrten die Trolle auf ewig zu Stein.

So kam es, dass auf der Hochebene Generationen versteinerter Trolle verharrten. Bewegungslos standen sie da, in der stummen Hoffnung, eines Tages zu zerfallen, um als Kieselsteine von kalten Bergbächen doch noch in die Welt getragen zu werden. In den bizarrsten Stellungen zu Stein geworden, lagen sie brach wie Mahnmale, um die anderen Trolle an ihren einzigen Feind zu erinnern. Viele der Versteinerten waren mitten in ihren Bewegungen abrupt verwandelt worden. Es waren die Gierigen gewesen, die sich zu spät von einem köstlichen Bauern hatten losreißen können oder die Langsamen, welche nach der Jagd die schützenden Höhlen nicht mehr rechtzeitig erreicht hatten. Es gab auch Liebespaare, welche inmitten ihres Aktes zu bewundern waren und sogar einen Kreis von versteinerten Tänzern, welche bei einem ausgelassen Ringeltanz einst von ihrem gelben Feind überrascht worden waren.

Steintrolle ernährten sich am liebsten von Menschenfleisch. Sie mochten es gebraten, gekocht oder auch roh. Ihr Jagdrevier dehnte sich bis zu den Flüssen am Fuße der Berge aus. Dort lebten Bauern in kleinen Dorfverbänden und verstreuten Siedlungen. Da schon viele Bauern kläglich in den Gedärmen eines Trolles verendet waren, bauten die Menschen ihre Siedlungen immer weiter entfernt. So wurde es für die Trolle von Generation zu Generation schwieriger, vor dem ersten Tageslicht wieder in ihren schützenden Höhlen zu sein.

Die Trolle verehrten den Storn-Kah, auf welchem sie den Sitz ihres Gottes, den lichtverschlingenden Trollvatarr, glaubten. Sobald der Gott die Sonne verschlungen und er seine Schwärze wie eine Decke über das Tal legte, kamen sie zu Hunderten auf die Hochebene hinaus. Zu Ehren ihres Gottes schlugen sie ihre großen Trommeln und meldeten sich ins Leben zurück.

Die Lodernde Luzia, wie die Trolle die Sonne bezeichneten, hatte den Himmel verlassen. Grunzend dankten sie Trollvatarr dafür, dass er sie gefressen hatte. Im Gleichklang mit den Trommeln schlugen sie auf ihre dicken Bäuche und baten ihren Gott mit dieser Geste um eine erfolgreiche Jagd. Als die Trommeln verstummten, fielen sie polternd auf ihre Knie. Auf den haarlosen Körpern spiegelte sich das bleiche Licht des Mondes.

Kein Laut war mehr aus den schwülstigen Trollmündern zu hören. Nur die gewaltige Stimme von Meltrollkor, ihrem mächtigsten Schamanen, durchschnitt die Stille:

„Trollvatarr, spucke die Lodernde Luzia erst dann wieder aus, wenn wir, deine demütigen Steine, wieder in den Höhlen deines Körpers in Sicherheit sind.“ Das Echo seiner Worte hallte dröhnend an den Felsen wider. Es war das Zeichen, welche die Meute in Bewegung brachte. Jubelnd und grunzend sprangen die Steintrolle auf und zogen mit hungrigen Mägen von dannen.

Als die bulligen Jäger in der Mitte der Nacht im Tal ankamen, hasteten sie Richtung Norden über die Ebene. Sie überfielen den Weiler des letzten mutigen Bauern, der es noch gewagt hatte, in der Nähe der Trolle zu hausen. Grunzend schlossen die Trolle einen immer engeren Kreis um den Bauernhof. Ihre steingrauen Körper waren vor dem Schwarz des Nachthimmels nicht zu erkennen. Als die Bauernfamilie der Trolle gewahr wurde, war es bereits zu spät. Ihr Schicksal war besiegelt. Die Bauern schrien und versuchten sich mit aller Kraft zu wehren, doch die Trolle waren zu zahlreich und hatten sie in kurzer Zeit überwältigt. Während die schwächeren Trolle ihren Hunger am zähen Bauern stillten, labten sich die stärksten an der knackigen Bauerstochter. Bauerstöchter galten als besonderer Leckerbissen.

Doch einem der Trolle schien das nächtliche Mal nicht zu munden. Er folgte seiner Witterung und schlich sich in die Vorratskammern des Hofes.

Dort fraß er sich mit allerlei Früchten und seinem Lieblingsgericht, dem frischgebackenen Apfelkuchen der Bauersfrau, satt. Es war nicht das erste Mal für den jungen Troll. In den heimeligen Vorratskammern erlebte er die glücklichsten und zugleich gefährlichsten Nächte seines Lebens. Allzu oft vergaß er in seinem seligen Genuss die Zeit, machte sich zu spät auf die Heimreise und hätte beinahe das Schicksal seiner versteinerten Ahnen geteilt. Der Troll namens Steiner unterschied sich äußerlich nicht von den anderen. Weil er jedoch schon als Trollkind Menschenfleisch verabscheute, war er der Außenseiter seiner Sippe. Ein wahrer Troll fraß keine Früchte und kein Gemüse!

Steiner wurde schon in seinen jungen Jahren vom Trollthing, dem Ältestenrat, in die tiefsten Höhlen zum Schamanen Meltrollkor gesandt. Dort hatte sich Steiner unter Beschimpfungen und Drohungen täglichen Heilungsritualen unterziehen müssen. Nach jedem Ritual wurde ihm ein bitteren Sud verabreicht, der Steiner benommen machte und bis zum heutigen Tag Übelkeit in ihm erzeugte, wenn er sich daran erinnerte. Immer wieder hatte ihm der Schamane das Schlimmste für seine Zukunft prophezeit:

„Frisst du nicht bald einen knusprigen Bauern, wirst du krank werden und zu Staub zerfallen!“ Doch Steiner änderte sich nicht. Sein Körper trotzte den Prophezeiungen und er wurde ebenso groß und stark wie seine Artgenossen. So kam der Tag, an dem Meltrollkor die Hoffnung für den jungen Troll verlor. Die letzten bösen Worte des Schamanen sollten ihn lange begleiten:

„Verschwinde aus meiner Höhle. Geselle dich zu deinem Grünzeug, Blumenfresser!“ Zu Steiners Leidwesen behandelten ihn die anderen Trolle von diesem Tage an noch unfreundlicher. Keiner seiner Sippe nannte ihn jemals wieder bei seinem richtigen Namen. Sie nannten in fortan nur noch „Blumenfresser“.

Doch daran dachte Steiner in dieser Nacht nicht. Als er seinen letzten Apfelkuchen verspeist hatte, ging er befriedigt zu seinen Kameraden zurück. Der Geruch von Blut stieg ihm in die Nase. Er versuchte, nicht zu würgen. Seine Artgenossen, die Bauernresten von ihren Lippen leckend, beäugten ihn misstrauisch.

In der letzten Dunkelheit der Nacht trotteten die Trolle gesättigt zurück in ihre Höhlen. Kroll, ein älterer Troll mit einem überaus bösartigen Charakter, verspottete Steiner auf dem gesamten Rückweg:

„So, Blumenfresser, hast wieder mal diese kleinen widerlichen Früchte in dich reingestopft. Dein Atem stinkt nach Apfel, ich riech es bis hierher.“ Dabei rümpfte Kroll theatralisch die Nase unter dem dröhnenden Lachen der anderen Trolle. Als sie in der Dämmerung die erste Höhle erreichten und sich in ihr ausruhten, spottete Kroll, nicht müde werdend, weiter:

„Blumenfresser stinkt! Blumenfresser stinkt!“ Das Lachen der anderen Trolle spornte Kroll immer mehr an:

„Steckst du dir die Äpfel auch in deinen dicken Arsch, Blumenfresser?“

Steiner, sonst ein gutmütiger Troll, ertrug den Spott nicht mehr. Wutentbrannt sprang er Kroll an. Wie große Felsen knallten die Trolle zusammen. Das Echo hallte laut von den Wänden ab. Die beiden schlugen brutal aufeinander ein. Die anderen Trolle feuerten Kroll lautstark an:

„Kroll, Kroll, gib's dem Blumenfresser toll!“

In den Wirren des harten Kampfes bewegten sie sich immer näher zum Höhlenausgang, gefährlich nah zum tödlichen Licht.

Steiner, inzwischen außer sich vor Zorn, stieß Kroll mit voller Wucht gegen das Loch. Dabei verlor er selbst den Halt und die Streitenden fielen gemeinsam unter die Strahlen der Lodernden Luzia. Kroll verwandelte sich bei der ersten Berührung der Sonne sofort zu Stein und rollte nun als echter Felsen über den Abhang zur Hochebene hinunter.

Steiners Haut brannte, als wären glühende Kohlen auf ihn gefallen. Doch zu seinem großen Erstaunen rollte er lebendig weiter. Das haltlose Rollen und die heißen Strahlen ließen ihn keinen klaren Gedanken fassen. Plötzlich wurde sein Fall durch eines der versteinerten Liebespaare hart gestoppt. Steiners Kopf schlug an die Pobacke des Liebhabers und er blieb bewusstlos liegen. Eine Biene setzte sich auf seine Nase und summte unbeschwert vor sich hin. Weiße Schönwetterwolken zogen über den Himmel. Der Storn-Kah blickte gleichgültig auf die Geschehnisse im Tal, während Steiner wie ein abgewiesener Verehrer ohnmächtig neben dem versteinerten Liebespaar lag.

Seines Bewusstseins beraubt und schwer atmend, lag er auf dem Boden. Zur Bewegungslosigkeit erstarrt, unterschied er sich kaum mehr von seinen versteinerten Ahnen – bis etwas sehr Ungewöhnliches geschah.

Zum ersten Mal in seinem Leben träumte der Troll. Für gewöhnlich verarbeiteten Trolle ihre Erfahrungen und Erlebnisse lediglich in einem ausgeprägten Schnarchen. Steiner war der erste Träumer seiner Art. Verwirrt fand sich Steiner in seinem jungfräulichen Traum wieder.

„Wo bin ich? Bin ich zu Stein geworden?“ Da er das Träumen nicht kannte, entschied er für sich, dass er wohl doch zu Stein geworden war und nun im Reiche Trollvatarrs wandelte. Doch etwas stimmte nicht. Er hatte sich das Jenseits eindeutig anders vorgestellt. Es war zu grell für das Reich seines lichtverschlingenden Gottes. Dieser hätte niemals solch ein helles Jenseits erschaffen. Ein neuer, beängstigender Gedanke erfasste ihn:

„Bin ich im Reich der Lodernden Luzia?“ Ihr Reich war in der trollischen Spiritualität das Schreckensreich. Den Trollkindern wurde, wenn sie ihre Fleischportion nicht fertig essen wollten, damit gedroht, dass sie nach ihrem Tod als Strafe im Reich der Lodernden Luzia würden wandeln müssen. Ausnahmslos jedes Trollkind verschlang danach auch die letzten Reste der bäuerlichen Gedärme.

„Oh nein, dies ist nun meine Strafe!“, dachte Steiner mit aufkommender Angst. Auch die versteinerten Trolle, welche plötzlich wieder lebendig schienen, blickten ihn mit vorwurfsvollen Gesichtern an.

Plötzlich sah er einen leuchtenden Nebel in der Ferne. Aus dem Nebel erhob sich ein heller Fleck. Steiner glaubte die Konturen eines fremden Wesens zu erkennen. Tief gebeugt, als sei es in einem ständigen Gebet, bewegte es sich auf Steiner zu. Der Troll erkannte eine Gestalt, die vollständig in einen Leinenumhang gehüllt war. Nur zwei Hände, die sich auf einen Stock stützten, waren unter dem Umhang zu sehen.

Als das Wesen vor ihm stand, streifte es seine Kapuze vom Kopf. Steiner blickte zu seinem Erstaunen in das mit tiefen Narben gezeichnete Angesicht eines jungen Menschen. Er hatte geglaubt, dass nur alte Menschen solche Furchen hätten und gebeugt gehen würden. Doch so genau wusste er dies nicht, denn er hatte sich nie richtig für die Menschen interessiert.

„Der sieht aber mitgenommen aus," dachte sich Steiner. Der erstaunte Troll blickte dem Fremden in die Augen. Sie leuchteten wie Sterne und bereiteten Steiner ein solch wohliges Gefühl im Bauch, als hätte er gerade drei Apfelkuchen verspeist. Der Mensch sprach zu ihm mit einer hohen Stimme, die von sehr weit her zu kommen schien:

„Bist du Steiner Blumenfresser?“ Steiner nickte benommen. Der

Fremde fuhr mit ruhiger Stimme fort:

„Hör mir gut zu, junger Steintroll. Mein Name ist Sorkor, und ich sage dir, dass du bald aus deiner Kolonie verstoßen wirst. Wenn dieser Tag kommt, dann verlasse Stornok und gehe auf der großen Straße immer Richtung Westen. Suche die weiße Hexe.“ Die Stimme wurde leiser und war kaum noch verständlich.

„Warte auf sie am Schrein des Namenlosen Kundschafters - bei den Eichen - es ist sehr wichtig, dass du sie findest...“

Der vernarbte Mensch sprach weiter, doch Steiner konnte ihn nicht mehr verstehen. Er schwand aus seinem Traum wie ein schwacher Morgennebel, der sich in den ersten Sonnenstrahlen auflöst.

Steiner kam verwirrt zu sich. Warum sollte er Stornok verlassen müssen? Das konnte er sich nicht vorstellen. Voller Erstaunen blickte er auf seinen Leib und stellte fest, dass er Arme und Beine bewegen konnte.

„Warum liege ich hier im Sonnenlicht und bin nicht zu Stein geworden?“

Die Lodernde Luzia brannte gnadenlos auf ihn nieder. Steiner bekam es mit der Angst zu tun. Sein Körper bebte, er atmete schwer und fühlte sich immer bedrohter.

Von der Furcht getrieben stand er auf und rannte stolpernd den Hang hinauf. Oben angekommen, sprang er in einem großen Satz in die Höhle zurück und verschwand in der erlösenden Dunkelheit der Trollkolonie.

3. Die weiße Hexe

Unermüdlich brandeten die Wellen tosend an die Küste. Der Sturm ließ das Nordmeer ruhelos schäumen. Oberhalb der senkrecht abfallenden Klippen trotzte eine einsame Hütte seiner ungebändigten Kraft.

Darin saß die weiße Hexe vor einem kleinen Feuer und lauschte dem heulenden Gesang des Windes. Klagend besangen die geopferten Sturmmänner ihr eigenes Schicksal.

Wie ein alter Fluch kroch schmerzhafte Einsamkeit in Vaya hoch. Alles hatten sie ihr genommen; Bruder groß und Bruder grösser, die Mutter, Ayana und die Zukunft.

Stille Tränen rollten über die silbern schimmernden Wangen. Das weiße Haar, lang bis zu den Hüften, nahm das sanfte Orange des Feuers an. Der ausgezehrte Körper zitterte vor Kälte. Den Umhang enger um sich ziehend, rückte sie näher an die spärlichen Flammen.

Seit langer Zeit hatte sie kein anderes Lebewesen mehr gesehen. Vaya fühlte sich allein. Auch die Eule, die sie seit ihrer Geburt begleitete, war ihr seit Monden nicht mehr begegnet. Seit einiger Zeit jedoch suchte ein junger Mann sie in ihren Träumen auf und versuchte, ihr etwas mitzuteilen. Manchmal erlebte sie ihn so wirklich, dass sie glaubte, der Mann existiere tatsächlich. An anderen Tagen tat sie ihn als zu inneren Bildern gewordene Sehnsüchte ab.

Sie schürte das Feuer mit dem verbliebenen Reisig. Ihre Gedanken kreisten um ihre verlorenen Lieben, und eine schmerzvolle Last legte sich auf sie. Sie war der Schwermut so überdrüssig wie der andauernden Kälte in der beengenden Behausung. Um sich dem Schlaf des Vergessens hinzugeben, legte sie sich nahe zu den Flammen. Die Gesänge der Windgeister begleiteten sie in einen Traum:

Das Feuer wurde immer grösser und bald züngelten die Flammen bis zum Dach. Schnell brannte das Stroh lichterloh. Sie wollte fliehen. Doch unfähig sich zu bewegen, versengte die Hitze ihre Haut. Vaya glaubte zu verbrennen und schrie aus ihrer tiefsten Kehle den Namen ihrer Göttin:

„Wor-la!“

Als würde Wor-la ihr antworten, fand der Wind einen Weg durch die Spalten in den Wänden. Um Vaya wirbelnd, drängte er die Flammen zurück. Plötzlich sah sie eine Gestalt in den verbliebenen Rauchschwaden. Zunächst nur unscharf, doch bald so deutlich, als würde diese lebendig vor ihr sitzen. Neugierig blickte sie in die erschöpften Augen des jungen Mannes mit dem vernarbten Gesicht. Mit schwacher Stimme sprach er:

„Du bist die verbannte Sturmfrau?“ Vaya nickte stumm.

„Die Zeit ist gekommen. Verlasse Sturmland, gehe nach Asragath,... finde das Buch des Lichtes und nimm es an dich... sonst sind wir alle verloren.“

Abrupt löste er sich in Rauch auf. Nur die Worte „Asragath, Asragath“ hallten wie ein fernes Echo nach. Erschrocken wachte Vaya auf.

Sie lag wieder alleine vor dem Feuer, das unbeirrt vor sich hin flackerte. Verwirrt setzte sie sich auf. Ihre Hände zitterten. Lange schaute sie in die Flammen und rang mit sich selbst.

„Werde ich verrückt - oder habe ich ein Zeichen empfangen? Ist es nur die lange Einsamkeit, die mich von hier fort drängt?“

Vaya blickte zu ihrem Sturmstab und betrachtete die große silberne Spirale, die kunstvoll an die Spitze gesetzt worden war. Seit langem stand der Stab ungenutzt in der Ecke.

„Er ist das Einzige, was sie mir gelassen haben“, dachte sie trotzig, stand auf und nahm ihn in die Hände. Den Griff fest umfassend, trat sie vor die Hütte. Als sie zu den Klippen ging, fühlte sich die Erde unter ihren nackten Füssen so kalt an, als wäre jegliches Leben daraus gewichen. Gefährlich nah stand sie am Abgrund und blickte auf das Meer hinaus. Sie hob den Stab und hielt ihn mit ausgestreckten Armen in die Luft. Frostige Böen peitschten ihr entgegen und ließen ihr Haar wild tanzen. Den Kopf in den Nacken gelegt, rief sie mit bebender Stimme:

"Wor-la.! Wor-la! Große Mutter des Sturms, zeig mir meinen Weg!“

Der Wind steigerte sich plötzlich zu einem tobenden Orkan. Sturmböen bauten sich um Vaya auf und schlossen sie kreisförmig ein. Es schien, als befinde sie sich im Auge des Sturms, der sie wie eine schützende Mauer umgab. Der Orkan tobte immer lauter um sie herum und riss Steine aus den Wänden der Hütte. Er entwurzelte einen verdorrten Baum und riss ihn mit sich ins Land hinein. Vaya drehte sich zur Hütte um und sah ungläubig, dass eine Böe das Strohdach anhob und es in sich zusammenfallen ließ. Augenblicke später brannte das Stroh lichterloh.

Der Orkan legte sich so schnell, wie er gekommen war. Erstarrt stand sie da und beobachtete, wie die Flammen an ihrer Behausung nagten und die bereits geschwächte Hütte in sich zusammen fiel. Bald zeugte nur noch ein Haufen rauchender Steine von ihrer Existenz.

Dunkle Wolken zogen über Vaya hinweg. Sie glaubte zu hören, wie die Windgeister ihr ein Abschiedslied sangen und entschloss sich, den vertrauten und zugleich verhassten Ort hinter sich zu lassen.

Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, verließ sie die Klippen und drehte sich nicht mehr um. Asragath war der einzige Hinweis, den sie der Botschaft hatte entnehmen können.

Das Volk der Sturmfrauen lebte isoliert im hohen Norden Albanthars und wusste nur wenig von anderen Ländern. Was Vaya in der Tempelschule über Asragath vernommen hatte, war nichts Gutes gewesen. Es sei eine schmutzige und gefährliche Stadt weit im Süden hinter Sturmlands Grenzen, hatte man ihr erzählt.

„Asragath ist ein Ort, den die Männer für Männer geschaffen haben“, erinnerte sie sich an Ayanas Worte.

Eine halbe Wegstunde von ihrer ehemaligen Behausung entfernt, erreichte sie einen kahlen Wald. Auf einem Ast saß die weiße Eule. Ihre Blicke trafen sich. Vaya spürte tiefe Verbundenheit und ein beinahe vergessenes Gefühl wärmte ihr Herz. Dann erhob sich die Eule und flog in die Wolken. Vaya schaute ihr nach, bis sie nicht mehr zu sehen war.

„Wer bist du?“, fragte sie still zum Himmel hin und setzte ihren

Weg mit neuem Mut fort.

Nach einem halben Tagesmarsch veränderte sich die Landschaft.

Sie befand sich am Rande einer breiten Senke, welche von langen, spitzen Steinen durchzogen war. In der Ferne erkannte sie die

grauen Steinhäuser Holderons. Auf der felsigen Anhöhe inmitten der Stadt ragte der Windtempel wie ein mächtiges Monument empor. Das Leben der Sturmfrauen war ihr fremd geworden. Mit gesenktem Kopf, schwankend zwischen Trauer und Wut, folgte sie mit schnellen Schritten dem Pfad, der sie zur Schlucht in Richtung Süden führte.

4. Verbannt

Als Steiner die Höhle erreicht hatte, empfingen die anderen Trolle ihn mit feindseligen Blicken. Ein Troll, der nur Obst fraß, darüber hatten sie versucht hinwegzusehen, aber ein Troll, dem die Lodernde Luzia nichts anhaben konnte, das war für sie reinste Ketzerei. Steiner entzog sich der Feindseligkeit, welche ihm entgegenschlug. Verängstigt verkroch er sich in seiner Grotte. Doch die bösen Blicke blieben an ihm haften wie die Erde der Hochebene an seinen Füssen.

Noch am selben Tag wurde er vor den Trollthing beordert. Mit eingezogenem Nacken, sich nervös auf die schwulstigen Lippen beißend, stand Steiner in der großen Höhle der Versammlung. Er hatte die Höhle mit der primitiven Steinkunst an den Wänden immer gemocht. Trotz seiner Abneigung gegenüber der Jagd faszinierten ihn die gemeißelten Skulpturen von jagenden Trollen, die vom flackernden Feuer tanzend zum Leben erweckt wurden.

Doch heute sah er nur geifernde Fratzen in den tanzenden Flammen. Unter den Skulpturen standen hunderte Trolle und richteten ihre grauen Augen unversöhnlich auf den Ketzer.

Beinahe die ganze Kolonie war versammelt. Ihr Tuscheln fraß sich erbarmungslos in Steiners Ohren. Am oberen Ende der Halle saßen auf einem erhöhten Felsen die Ältesten um einen großen, runden Tisch aus Stein. Die fünf Trolle des Rates strichen sich mit ihren breiten Pranken behäbig über ihre langen Bärte. Sie musterten Steiner voller Missbilligung. Er hob seinen Kopf und blickte verunsichert zu den Ältesten. War auch der gemeine Troll vollständig haarlos, so wuchsen den Angehörigen des Rates auf unerklärliche Weise lange Bärte. Sie waren in der Trollkultur das Symbol höchster Verehrungswürdigkeit. Dieses Symbol der Macht wirkte auf Steiner in diesem Augenblick besonders furchteinflößend. Die haarigen Gesichter ängstigten Steiner so sehr, dass er seinen Kopf wieder senkte und starr den Boden fixierte. Er ahnte, dass sein Urteil bereits gefallen war.

Meltrollkor, der Sprecher des Things, erhob seine klobige Hand. Das Gemurmel wich absoluter Stille. Seine Stimme dröhnte und klang in Steiners Ohren wie der Donner eines heftigen Gewitters: „Blumenfresser! Du bist einen Bund mit der Lodernden Luzia eingegangen. Du hast dich dem Bösen verschrieben, unseren Glauben an Trollvatarr verspottet und somit uns alle. Du bist eine Gefahr für unsere Sippe!“ Zustimmendes Grunzen erfüllte die Halle.

„Du wirst den Körper Trollvatarrs für immer verlassen und unter der Lodernden Luzia wandeln. Bis unsere versteinerten Ahnen zu Sand geworden sind, seist du von Stornok verbannt, Blumenfresser!“

Meltrollkor machte eine abschätzige Handbewegung in Steiners Richtung. Es war das Zeichen für die Meute. Bevor Steiner etwas erwidern konnte, stürzten sich die Trolle auf ihn und zerrten ihn zur äußersten Höhle. Steiner versuchte mit aller Kraft, sich zu wehren, doch die Trolle waren zahlreich und voller Zorn. Mit geeinten Kräften warfen sie ihn unter den freien Himmel. Steiner schlug donnernd an einen Felsen. Benommen rappelte er sich auf und versuchte zurück zu gelangen. Doch der Trollmob versperrte ihm den Weg. Verzweifelt bettelte er, sie mögen ihn nur noch einmal hineinlassen. Doch er stieß auf steinerne Herzen. Erniedrigt wandte er sich ab und stieg unter den lodernden Strahlen Luzias den Abhang hinunter. Immer wieder drehte er sich um, doch die unnachgiebigen Gesichter im Dunkel der Höhle raubten ihm die letzte Hoffnung. Seine Heimat war für ihn verloren.

Ziellos stolperte er über die Hochebene. Als ihn die Sonnenstrahlen zu schmerzen begannen, verbrachte er den Rest des Tages im Schatten einer dicken, versteinerten Trollfrau. Er lag ruhelos in ihrem spärlichen Schutz und erinnerte sich an seinen Traum:

„Das Narbengesicht hat mir prophezeit, dass dies geschehen wird. Ich bin ein Verstoßener. Ein Blumenfresser. Ein Sonnenwandler.“

Als die Schatten länger wurden, stand er mit schweren Gliedern auf und fasste einen Plan. Zuerst würde er in die Ebene hinabsteigen, bei den Bauern Äpfel stehlen und sich dann auf die Straße nach Westen begeben. Er würde tun, was das Narbengesicht ihm gesagt hatte: Zum Schrein des Namenlosen Kundschafters gehen und die weiße Hexe finden. Wenn ihn schon seine Sippe nicht mehr wollte, vielleicht wollte ihn ja die weiße Hexe und er würde bei ihr ein neues Zuhause finden.

„Weiße Hexe, Steiner Blumenfresser ist auf dem Weg zu dir!“, sprach er laut zu sich selbst und machte sich auf den Weg.

5. Bösar-Klup

Häuptling Bösar-Klup, der niederträchtigste Mooskobold aus Waldland, schreckte aus seinem Traum hoch. Er strich sich mit seinen haarigen Händen die moosgrünen, struppigen Strähnen aus dem Gesicht. Trotz der kalten Nacht war er schweißgebadet. Die eichenbraune Haut wirkte fahl. Dicke schwarze Ringe zeichneten seine glasig gelben Augen. Er fasste sich an seine Brust und fühlte warmes Blut an seinen Fingern.

Gehetzt blickte er sich im Baumhaus um. Die Alte war nirgends zu sehen. „Es war nur ein Traum.“ Erleichtert atmete er aus und versuchte, sich zu beruhigen. Doch der Traum war zu durchdringend gewesen, als dass er ihn hätte verdrängen können. Er erinnerte sich an jede Einzelheit und die Wunde, welche sich wie ein alterndes Geschwür in seine Brust fraß, bewies ihm, dass er sich nichts eingebildet hatte. Mit glühenden Fingernägeln hatte sie den blutigen Stern in seine Brust geschnitten. Als würden ihre Nägel immer noch darin stecken, fühlte er einen brennenden Schmerz. Sein Herz pochte laut.

Er wusste seit geraumer Zeit, dass sie auch über seine Träume fähig war, ihn ernsthaft zu verletzen. Schon allzu oft hatte ihn das stinkende Weib in den Nächten heimgesucht. Sie hatte ihn mit ihren blutunterlaufenen Augen so lange fixiert, bis er sich nicht mehr bewegen konnte und ihm dann ihre Befehle erteilt. Bösar-Klup wusste aus bitterer Erfahrung, dass er diese ohne Widerspruch zu befolgen hatte. Ansonsten würde sie ihn wieder und wieder heimsuchen.

Er wischte sich mit dem Hemdsärmel das Blut von der Brust und verzog schmerzvoll sein zerfurchtes Gesicht. Ihre Worte drehten sich wie eine endlose Spirale in seinem Kopf:

„Bösar-Klup, mein treuer Mooskobold. Sammle deine Krieger! Eile zum Schrein des Namenlosen Kundschafters am Eichenkreuz. Finde dort die weiße Hexe. Jung, mit langem, schneeweißem Haar, milchweißer Haut und grünen Augen. Sie trägt den Stab der Sturmfrauen in ihrer Hand. Töte sie! Töte sie um jeden Preis! Wenn du scheiterst, wirst du selbst durch die Pforte des Todes gehen! Töte die weiße Hexe, koste es, was es wolle!“

Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, als könnte er so die Erlebnisse der Nacht einfach von sich abschütteln. Schwerfällig erhob er sich von seinem Bett und stolperte über sein am Holzboden zusammengekauertes Weibchen. Fluchend trottete er zur rußigen Feuerstelle. Mit zitternden Händen entfachte er die Glut und füllte den Topf über den aufkommenden Flammen mit Moosschnaps. Als dieser zu brodeln begann, nahm er ihn vom Feuer und füllte sein Trinkhorn.

Die Hitze des Getränks nicht beachtend, leerte er gierig ein Horn nach dem anderen in seinen Schlund. Dann ging er zu dem Loch in der Wand und schob den schmutzigen Vorhang beiseite. Seine Stirn nachdenklich in Falten gelegt, blickte er in den Wald hinaus. Es war kurz vor Morgengrauen. Gerne hätte er noch mehr von dem Gebräu getrunken. Es wärmte ihn und seine Angst löste sich mit jedem weiteren Schluck. Von Schmerz und Schnaps benommen, versuchte er, seine Hosen vom Boden aufzunehmen. Zweimal fielen sie ihm aus den Händen. Er setzte sich zurück auf den Bettrand und betrachtete seine Kleider, welche über den ganzen Raum verteilt lagen. Sie kamen ihm so schäbig vor, wie er sich an diesem Morgen fühlte. Die grobgewebte Wollhose im Grün des Waldes lag vor ihm. Das mit Löchern übersäte Hemd aus Hanf fand er unter dem Bett. Das ungewaschene Lederwams lag im Ruß vor der Feuerstelle, neben ihm der breite Gurt, in welchen er in den letzten Jahren viele neue Löcher hatte stechen müssen. Er senkte den Blick auf seinen Bauch. In den schwabbelnden Ringen hatte sich trockenes Blut mit Haaren vermischt. Er machte sich nicht die Mühe, es abzuwischen. Bösar-Klup betrachtete den zerbeulten Helm, das morsche Schild und das rostige Schwert an ihrem Platz an der Wand.

„Ich brauche ein neue Ausrüstung“, dachte er, froh darüber, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Er sammelte alles zusammen und zog sich an. Es kostete ihn viel Kraft. Er füllte nochmals das Trinkhorn, leerte es in einem Zug und warf es krachend an die Wand. Der Knall ließ das vor dem Bett angekettete Weibchen erschrocken zusammenzucken.

Bevor er seine Behausung verließ, ging er nochmals zum Bett und spuckte auf sein Weibchen. Sein Weibchen war so eng umschlungen in seine Decke gehüllt, als wollte es sich damit vor der Bosheit seines Mannes schützen. Doch die vermeintliche Rüstung bot ihm nur wenig Schutz. Zum Glück des Weibchens hatte Bösar-Klup in dieser Frühe keine Zeit, sich näher mit ihm zu beschäftigen. Von seinen Träumen getrieben, trat er nach draußen und blickte vom Vorbau aus in die Tiefe.

Der Wald lag schweigend vor ihm. Er hörte nur seinen eigenen Atem, als er das Lager beobachtete. Still lag es da, wie ein gefährliches Tier kurz vor dem Erwachen. Die grünen und braunen Zelte waren ebenso wie die Holzhütten so geschickt mit den Gewächsen des Waldes verwoben, dass ein Opfer der Mooskobolde lange brauchte, um diese zu entdecken. Meistens war es für die Wesen, die den Mooskobolden in die Falle gingen, bereits zu spät, als sie erkannten, dass der Wald um sie herum nicht nur aus Bäumen bestand. Durch die Haut in den verschiedensten Brauntönen und das dunkelgrüne struppige Haar verschmolzen die Mooskobolde mit den Bäumen, die sie umgaben. Sie waren eins mit dem Wald, in dem sie lebten. Das machte sie zu äußerst erfolgreichen Jägern. Zudem jagten sie meist in großen Gruppen und machten so mit ihrer Anzahl den kleinen Wuchs wett. Mooskobolde waren zwar stämmig und kräftig gebaut, aber nur halb so groß wie ein erwachsener Mensch. Trotzdem galten sie in ganz Albanthar als gefürchtete Gegner. Bösar-Klup erinnerte sich gerne an die Geschöpfe, welche ihm in die Falle getappt waren. Unzählige Menschen, Gnome und einmal sogar eine Gruppe Feuerländer auf einer Handelsreise.

Für gewöhnlich raubten sie die Gefangenen zuerst aus und verfütterten sie dann an ihre Wölfe. Den Gefangenen blieb nur eine Chance, dem grausamen Tod durch die Wölfe zu entgehen: Wenn Bösar-Klup sie als Sklaven verkaufen konnte. Die Feuerländer hatte er für viele schimmernde Perlen an Rugus III., den König von Regenland, verkauft. Darauf war Bösar-Klup besonders stolz. Die Erinnerungen an seine großen Taten beruhigten den Häuptling. Sie gaben ihm das Gefühl von Macht zurück. Dieses Gefühl verdrängte für einen Augenblick die Ohnmacht, die ihn seit seinem letzten Traum zerfraß. Doch seine Taten hatten auch die Aufmerksamkeit der stinkenden Alten erweckt. Als Folge hatte sie ihn vor einigen Jahren zu ihrem Untertan gemacht. Seither hatte er für sie vor allem junge Menschenfrauen jagen müssen. Dutzende Frauen hatte er in den vergangenen Jahren der Hexe ausgeliefert. Für welchen Zweck, das hatte er nie erfahren. Doch er hatte der Alten jegliche Forderungen erfüllt, ohne diese jemals zu hinterfragen.

Als er in der Ferne über den hohen Bäumen das erste Licht des Tages wahrnahm, kehrten die Befehle seiner Peinigerin wie brennende Pfeile in sein Gedächtnis zurück. Er beschloss, keine Zeit mehr zu verlieren, stieg die wackelige Leiter hinab und hetzte zum Zelt seiner Hauptmänner. Wütend trat er dem vordersten Schlafenden mit den Stiefeln in den Bauch. Dieser schreckte unter qualvollem Stöhnen auf und stand sofort, wenn auch etwas wackelig, vor seinem Häuptling.

„Wenn die ersten Sonnenstrahlen auf das Lager scheinen, sind alle Krieger abmarschbereit!“, schrie er.

„Die Speerträger vorne, in der Mitte die Schwertträger und am Ende die Bogenschützen!“ Sein Speichel spritzte dem Hauptmann ins Gesicht. Dieser senkte das Haupt:

„Tiere und Weiber lassen wir hier. Stelle fünf Kobolde aus jeder Einheit ab, um das Vieh und die Weiber vor Diebstahl zu schützen.“ Seine Stimme wurde bedrohlich ruhig, als er dem Hauptmann zuflüsterte:

„Schaffst du es nicht, meinen Befehl zu befolgen, gehst du durch die Pforte des Todes.“

Bösar-Klup kümmerte es nicht, dass er seine nächtliche Peinigerin in seiner Drohung nachahmte. Als wäre er zu einem knorrigen Baumstumpf geworden, blieb der Hauptmann wie angewurzelt stehen. Außer dem triefenden Speichel, welcher ihm aus den Mundwinkeln floss, schien er vollends erstarrt. Unerwartet hieb ihm Bösar-Klup die Faust direkt ins Gesicht. Der harte Schlag ließ den Hauptmann taumeln. Plötzlich aus seiner Starre befreit, hetzte er durch das Zelt und stieß, nach dem Vorbild des Häuptlings, seine Stiefel in die Bäuche der anderen Hauptmänner. Dabei schrie er ihnen hysterische Befehle zu. Befriedigt davon, wie viel Angst die anderen Kobolde vor ihm hatten, verließ Bösar-Klup das Zelt.

Er stieg zurück in sein Baumhaus und lebte seine wiedergewonnene Macht an seinem Weibchen aus. Das leise Wimmern des Weibchens verstärkte sein Hochgefühl und verdrängte die stinkende Alte aus seinen Träumen.

Als er von seinem Weib ließ, war es draußen schon fast hell. Er trank den letzten Schluck Moosschnaps, gab dem Weibchen nochmals einen Tritt und verließ innerlich gelöst die Baumhöhle. Seine Wut kehrte jedoch schnell zurück. Die gelben Augen zu Schlitzen verzogen, beobachtete er, wie seine Krieger wild durcheinander rannten. Schilde und Speere lagen herum, ein Krieger stolperte über den anderen, Pfeile und Bogen zerbrachen unter trampelnden Füssen. Wutentbrannt stieg er zum Waldboden hinab. Er ließ den Befehlsempfänger zu sich rufen. Als dieser mit blinzelnden Augen geduckt vor seinem Häuptling stand, schrie er ihn zum zweiten Mal an diesem Morgen an:

„Du dreckiger Waldwurm hast versagt! Ich habe dir befohlen, die Soldaten abmarschbereit antreten zu lassen! Diesen Befehl hast du nicht ausgeführt. Ich werde dir zeigen, wie es einem Mooskobold geht, der meine Befehle missachtet!“

Bösar-Klup rief seine Leibwachen zu sich und befahl:

„Bringt diesen Versager zur Grube.“ Nun war es der Hauptmann, welcher schrie:

„Nein nicht in die Grube, Bösar-Klup, mein Häuptling, bitte nicht die Grube! Es war doch schon fast vollbracht! Nein, Herr, bitte, bitte...!“

Bösar-Klup berührte das Flehen in keiner Weise. Er verharrte völlig regungslos. Dann wandte er sich einem anderen Hauptmann zu und richtete die weiteren Befehle an ihn.

Die Wachen brachten den zum Opfer gewordenen Hauptmann an den Rand des Lagers. Der Verurteile schrie verzweifelt und wehrte sich mit aller Kraft. Doch Bösar-Klups Wachen waren die kräftigsten ihrer Art und bald war der Widerstand des Opfers gebrochen. Sie schleiften ihn am Waldboden entlang zur Grube. Diese sank zwischen zwei mächtigen Eschen tief in die verwurzelte Erde. Im dunklen Loch hielten die Mooskobolde drei Blutkrallen gefangen. Große, schwarze Wölfe aus den Bergen Dunkellands.

Vor einigen Jahren hatte ihm die stinkende Alte sein jetziges Weibchen als Geschenk gesandt. Die Dunkelelfen, welche das Weibchen lieferten, hatten drei junge Blutkrallen als Vermählungsgeschenk mitgebracht. Bösar-Klup hatte sich damals in der Nähe der bleichen Dunkelelfen unbehaglich gefühlt. Doch als diese wieder heimreisten, hatten ihm beide Geschenke außerordentlich Freude bereitet. Seither hatte er die Blutkrallen stets gut gefüttert. Neben den Gefangenen gab es immer den einen oder anderen seiner Mooskobolde, welchen er bestrafen konnte. Auch seinem Weibchen hatte er genügend seiner bösartigen Aufmerksamkeit geschenkt. Doch hätte er damals auch nur geahnt, was die Verbindung mit der Hexe aus Dunkelland für ihn bedeuten würde, er hätte die Geschenke dankend abgelehnt. Er hätte es zumindest versucht.

An der Grube angekommen, warfen die Wachen den Mooskobold ohne zu zögern in die Tiefe. Er versuchte, sich an den Wurzeln, die wie dünne Finger aus der Erde ragten, festzuhalten, landete jedoch hart in der Dunkelheit. Schreie drangen hinauf und mischten sich mit Bösar-Klups Lachen. Der gepeinigte Hauptmann schrie, bettelte und wimmerte, als spitze Zähne und rote Augen vor ihm in der Dunkelheit dämonisch glänzten. Ein stechender Aasgeruch drang ihm in die Nase. Als er in eines der roten Augenpaare blickte, verstumme er jäh. Der direkte Blickkontakt mit einer Blutkralle betäubte sein Opfer und machte es wehrlos. Die Wölfe zerbissen das Gesicht des Erstarrten und rissen ihn, ohne dass er einen weiteren Laut von sich gab, in Stücke. Bösar-Klup hielt sich seinen haarigen Bauch und lachte aus seinem ganzen verkommenen Herzen. Lange war der Häuptling nicht mehr so erheitert gewesen. Das Schauspiel, das sich in der Grube abspielte, war Balsam für seine gepeinigte Seele und ließ ihn den Schmerz auf seiner Brust vergessen.

Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch die alten Eichen und die hohen Birken, als Bösar-Klup zum Lager zurückging. Dort stellte er befriedigt fest, dass seine Armee abmarschbereit stand. Mit neu gewonnenem Selbstvertrauten verlor Bösar-Klup jeglichen Zweifel und war sich sicher, seinen Auftrag schnell zu erledigen.

Mit erhobenem Kopf stand er vor seinen Kriegern, weit über hundert an der Zahl. Seine Schreie hallten durch die Bäume und weckten auch den letzten schlafenden Waldbewohner:

„Wir ziehen nach Osten! So schnell wie möglich müssen wir das Eichenkreuz erreichen. Bewegt euch!“

Als sie an ihm vorbeizogen, beobachtete Häuptling Bösar-Klup seine Armee mit abschätzigen Blicken. Er empfand tiefste Abneigung für seine eigene Rasse, wie sie so gebückt mit ihren dreckigen Rüstungen, den schmutzig gelben Augen und spitzen Zähnen speicheltriefend an ihm vorbeihetzten. Bösar-Klup spuckte aus. Er freute sich schon jetzt auf die nächste Fütterung der Blutkrallen.

6. Das Höhlenorakel