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Am 31. Oktober 1517 veröffentlichte Martin Luther 95 Thesen wider den Ablasshandel der Katholischen Kirche und leitete damit die Reformation ein. Die Wirkung, die von diesem Ereignis auch 500 Jahre später noch ausgeht, beruht auf dem historischen Verständnis der damaligen Geschehnisse. Doch was, wenn alles ganz anders gewesen wäre? Lassen Sie sich entführen in eine Geschichte, erzählt, um zu neuen Gedanken über Vergangenheit und Zukunft zu gelangen und die Frage aufzuwerfen: Muss Reformation weitergehen und wenn ja, wohin?
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Seitenzahl: 292
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Vorwort
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
Kapitel 73
Kapitel 74
Kapitel 75
Nachwort
Dies ist natürlich nicht die „wahre“ Geschichte der Reformation. Vielleicht gibt es so etwas wie wahre Geschichte auch gar nicht, da diese immer ihre Interpretation zum Bestandteil hat, angestrengt von Menschen, die das Geschehen nicht miterlebt haben und sich anhand von Überlieferungen welcher Art und Qualität auch immer dessen zu bemächtigen versuchen. Hinzu kommt, dass die geschilderten Ereignisse eine so lange Zeit zurückliegen, dass sich deren Verlauf selbst Geschichtswissenschaftlern nicht mit letzter Klarheit erschließt. Insofern ist es ohnehin nicht in Aussicht gestellt, auch den entlegensten Winkel in jenem Dickicht vergangener Epochen mit Mitteln der modernen Illuminationstechnik auszuleuchten. Dennoch würde es dem Leser von Hilfe sein, sich vorab mit den wichtigsten historischen Daten zu diesem Thema vertraut zu machen, was im Zeitalter, da globale Informationsströme nach Gigabit je Sekunde bemessen werden, keine unüberwindliche Hürde darstellen sollte.
Die hier beschriebene ist die Geschichte von Menschen, die allen Widerständen und Unwägbarkeiten zum Trotz ihrer Überzeugung gefolgt und den Weg gegangen sind, den ihnen diese in Notwendigkeit vorgeschrieben hat. Auch wenn wir heute – sei es aus Erfahrung, aus Kenntnis eigener Unzulänglichkeiten oder zu deren Rechtfertigung – eher geneigt sind, jeglichem Handeln zunächst einmal niedere Beweggründe zu unterstellen, sollten wir uns einer von solcherart Wohlwollen getragenen Sichtweise nicht vollständig verschließen. Anderenfalls unterlägen wir dem Zwang, uns jener pessimistischen Grundeinstellung zu verschreiben, die sich schließlich in selbsterfüllender Weise die eigene Bestätigung verschaffen wird.
Diese Erzählung steht weder im Anspruch, eine historisch präzise Darstellung zu liefern, noch die hundertunderste Biografie des Reformators Martin Luther zu sein. Sie hält sich zwar in wesentlichen Punkten an die historischen Fakten, gesteht sich darüber hinaus aber das Recht auf ebenjene Freiheit zu, die Kunst aus dem Rahmen bloßer Dokumentation heraushebt. Dementsprechend ist das Anliegen dieses Textes darin zu sehen, den Blick von Tatsachen zu lösen und auf Möglichkeiten zu richten, die sich aus zum Teil geringen Abweichungen von vorgefertigten Standpunkten ergeben.
Die Hoffnung des Autors besteht darin, dass die hier geführten Darstellungen vor dem Auge des Historikers nicht völlig des Universums bestätigter Sachlage verwiesen werden müssen. Sollte dies dennoch der Fall sein, so möge sich zumindest ein Philosoph finden, der dem geneigten Leser die Bestätigung vermitteln kann, dass Wahrheit nicht immer das ist, was sie auf den ersten Blick zu sein scheint, und eine höhere Komplexität aufweist, als sich mit den Attributen „richtig“ und „falsch“ beschreiben lässt. Vor dem Hintergrund dieser Tatsache steckt wohl ein Funken Wahrheit in jeder Geschichte, sodass diese hier vielleicht doch die „wahre“ Geschichte der Reformation ist.
Der Abend senkte sich über die ewige Stadt. Die Sonne, die hinter dem pinienbewachsenen Hügel des Palatin ihre Bahn für den heutigen Tag vollendet hatte, legte in einem letzten Gruß atmosphärischer Brechung einen fahlen Schimmer auf die Fassaden der altehrwürdigen Gemäuer, welche diesem einen matten Glanz als Erwiderung darbrachten. Als untrügliches Zeichen dafür, dass dieser Vorgang, zumindest im Moment, keine Umkehrung erfahren würde, verebbte das bunte Treiben auf den Straßen und Plätzen in die Häuser, um dort für die Nacht in Ruhe zu erstarren. Der Mond, inzwischen aufgezogen, um über diese Stätte zu wachen, der durch die sich verdichtende Wolkendecke hindurch in den sanften Wellen des Tibers jedoch nur ein blasses Spiegelbild seiner selbst zu zeichnen vermochte, und ein vom Meer her aufkommender Wind, dessen Annehmlichkeit der Kühle alsbald ins Gegenteil umschlagen würde, waren Vorboten einer Nacht, die niemand im Freien zu verbringen gedächte. Geziemtes Wohl einem jeden, der sich am heimlichen Herd der Gemütlichkeit hingeben konnte, oder, falls fremd an diesem Ort, sich rechtzeitig eine Bettstatt gesichert hatte. Einige wenige, die bislang keiner dieser beiden Gruppen zuzuordnen waren, irrten noch scheinbar ziellos umher, darauf hoffend, diesem Zustand eine Änderung zu verschaffen. Sie klopften an Türen und baten um Einlass und ein Lager für die Nacht oder fanden sich in Gruppen zusammen, um den zu erwartenden Wetterunbilden in gemeinschaftlichem Trotz entgegenzutreten.
Niemand achtete auf den Schatten, der sich im Gegensatz zur stochastischen Bewegung der übrigen Nachtschwärmer im Schutze der Dunkelheit zielgerichtet seinen Weg bahnte, und das sollte auch niemand, denn die Mission, die ihn an diesen Ort geführt hatte, musste, wie er im Augenblick selbst, im Schatten bleiben, auf unbestimmte Zeit. Immer wieder hatte er sich umgesehen, um sicherzustellen, dass ihm niemand folgte; jetzt, da er das Ziel seines Weges beinahe erreicht hatte, galt es darüber hinaus, sich jedem fremden Blick zu entziehen. Er hielt kurz inne, bis die letzten Passanten seines Weges der ihren gegangen waren, und legte die finalen Schritte, die ihn von seinem Bestimmungsort trennten, zügig, aber dennoch geräuschlos zurück. Unbeobachtet erreichte er einen kleinen Eingang, der zu den Vatikanischen Gärten führte und an dem man ihn bereits erwartete. Abgesehen von einem leisen Klicken beim Umdrehen des Schlüssels im Schloss wurde die Pforte lautlos geöffnet und, nachdem er eingetreten war, in ebensolcher Weise wieder geschlossen. Alle anderen Geräusche, die den Tag angefüllt hatten, waren inzwischen in der abendlichen Stille versunken; lediglich das Zirpen einer Grille erging sich dem gegenüber noch in verzweifeltem Widerstand.
Das schwache Licht des Mondes, das durch eine Baumlücke hindurch auf ein kurzes Stück des Pfades fiel, den die beiden zurückzulegen hatten, erhaschte einen einzelnen Blick auf den geheimnisvollen Besucher. Er trug eine schwarze Kutte, deren Kapuze er über den Kopf bis tief ins Gesicht gezogen hatte. Die kleine verbleibende Öffnung wurde von einem ebenso schwarzen Bart ausgefüllt. Mehr war in dem dahingegangenen Moment, bis er wieder im Dunkel verschwunden war, nicht zu erkennen. Blindlings folgte er seinem Führer, der sich hier bestens auskannte und trotz der Pechschwärze der inzwischen herniedergesunkenen Nacht zielsicher den Weg fand; finden musste, denn ein Licht hatte er nicht entzündet. Nach wie vor war jede Entdeckung dieses Vorhabens streng zu vermeiden, ein Vorhaben, das fünfundzwanzig Jahre zuvor seinen Anfang genommen hatte, aber den Lauf der Geschichte für die nächsten Jahrhunderte beeinflussen sollte. Es war der 26. Oktober 1518.
Francesco war ein Junge wie jeder andere, beinahe wie jeder andere. Er entstammte einer Großfamilie, wie es zu jener Zeit nicht an Alltäglichkeit entbehrte, und hatte, nachdem er dem Alter der Träumereien entwachsen war, beschlossen, es seinem Vater gleichzutun und Jurist zu werden. Auch nichts Ungewöhnliches.
Sein voller Name lautete Francesco Todeschini Piccolomini und er war der Neffe von Enea Silvio Piccolomini, der, als Francesco neunzehn Jahre alt war, zum Oberhaupt der Katholischen Kirche gewählt worden war. Und hier begannen die Unterschiede, die Francescos Werdegang in eine andere Richtung würden laufen lassen als den seiner Altersgenossen.
Enea Silvio Piccolomini war ein großer Mann, gesegnet mit einem wachen Geist und vielerlei Begabungen. Er war Schriftsteller, Historiker, Poet, Gelehrter und nicht zuletzt auch Jurist; vor allem aber war er ein großer Humanist, der sich stets dem Dienst an seinen Mitmenschen verpflichtet gefühlt hatte. Er war weit gereist, war als päpstlicher Diplomat ein oft und gern gesehener Gast an den Höfen deutscher Fürsten und, als er im Jahre 1455 nach Rom zurückkehrte, mit Wissen und umfangreicher Erkenntnis über die Probleme ausgestattet, die den europäischen Kontinent in den nächsten Jahrzehnten, vielleicht Jahrhunderten bewegen würden und denen er in bedeutenden Schriften Abhandlung verschafft hatte.
In erster Linie aber war er ein Mann der Kirche und in dieser Eigenschaft bereitete ihm die fortschreitende Entwicklung von Wissenschaft und Welterkenntnis zunehmende Sorge. Nicht dass er der Wissenschaft mit Ablehnung gegenübergestanden hätte, im Gegenteil, aber er erkannte frühzeitig, dass im Ergebnis deren Entwicklung immer mehr Menschen immer mehr Fragen stellen würden, auf welche die Herren im Vatikan Antworten zu geben hätten. Jedenfalls wenn sie beabsichtigten, ihren Dienst auch künftig mit Erfolg zu versehen. Von der Notwendigkeit dieses Dienstes war er zutiefst überzeugt, war es doch ein Dienst am Menschen, den sein humanistisches Weltbild mit Erfordernis belegte. In diesem aufgehend, brachte er es schließlich zum höchsten Amt, das für seinesgleichen erreichbar war, ein Amt, dem er unter dem Namen Pius II. mit Weisheit gerecht wurde.
Die Weisheit eines jeden Anführers zeigt sich darin, dass er diese weitergibt und vor allem rechtzeitig nach einem Nachfolger sucht, der sein Werk fortzuführen imstande ist. In dem jungen Francesco fand er diesen Mann, besonders wohl auch deshalb, weil er sich selbst in ihm wiedererkannte. Er erzog ihn in seinem Sinne, achtete darauf, dass dieser die beste Ausbildung erhielt und schickte ihn auf Reisen, wie er selbst es früher getan hatte. Bezüglich des Strebens nach umfassender Erkenntnis war er fest davon überzeugt, dass es zu deren Erlangung nicht genügte, sich hinter den Mauern des Vatikans zu verstecken, und es zu deren Umsetzung notwendig war, sich der Unterstützung starker Verbündeter auf dem gesamten Kontinent zu versichern. So legte er ein wesentliches Augenmerk darauf, dass Francesco die vor Jahren geknüpften Verbindungen zu den europäischen Herrscherhäusern am Leben erhielt.
Der junge Francesco machte ihm große Freude. Er war wissbegierig und verinnerlichte alles, was sein Onkel ihm beibrachte. Vor allem aber stellte er Fragen, die man als Träger päpstlicher Würde zu beantworten wissen musste, insbesondere vor dem Hintergrund, dass sie auch jederzeit von anderen gestellt werden könnten:
„Onkel, wie kann man als Papst eigentlich unfehlbar sein?“
„Um unfehlbar zu sein, muss man sich der eigenen Fehlbarkeit bewusst sein“, hatte jener darauf geantwortet. Francesco hatte zwei Tage benötigt, um diese Antwort zu verstehen, aber danach wusste er, was das Wort „Weisheit“ bedeutet und würde es auch nie wieder vergessen.
Pius II. förderte die Karriere seines Neffen mit allen Kräften. Er ernannte ihn nach Abschluss dessen Jurastudiums zum Kardinal, vielleicht sogar in der Hoffnung, dass dieser seine unmittelbare Nachfolge antreten könnte. Leider verstarb er, als sein Neffe ein Alter von fünfundzwanzig Jahren erreicht hatte, zu jung, um dieses hohe Amt bekleiden zu können.
Nach dem Tod seines Onkels fühlte sich der junge Francesco irgendwie allein. „Dein Name wird für große Veränderungen stehen“, hatte ihm jener in voller Überzeugung mit auf den Weg gegeben und das belastete ihn sehr. Er hatte zwar alles Wissen um die bestehenden Probleme der Welt und der Kirche, aber keinen Plan und vor allem noch keine so dringend benötigten Unterstützer zur Umsetzung der anstehenden bedeutsamen Aufgaben. Sein Onkel hatte ihn gelehrt, dass eine Zeit gekommen war, die weitreichende Erneuerungen innerhalb der Kirche notwendig machen würde, eine Erkenntnis, welche einem scharfen und weiten Blick entsprang, von dem man aber nicht wusste, wie viele und vor allem welche außer ihm eines ebensolchen Blickes fähig waren. Sich den falschen Leuten in den Weg zu stellen, konnte ein derartiges Vorhaben im Keime ersticken lassen und zudem für den Aussäenden eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellen.
Während Francesco auf die Gelegenheit wartete, den von seinem Onkel in ihn gesetzten Erwartungen gerecht zu werden, gingen die Jahre dahin. Er hatte sich eigentlich schon damit abgefunden, sich dieses Vermächtnisses als unwürdig zu erweisen, doch zwei einschneidende Ereignisse innerhalb einer vergleichsweise kurzen Zeit, bezogen auf die bisher tatenlos vertane, gaben ihm einen neuen Impuls.
Deren erstes fand am 11. August 1492 statt. An diesem Tag wurde ein neuer Papst gewählt, der sich den Namen Alexander VI. gab und mit bürgerlichem Namen Rodrigo Borgia hieß. Die Familie, der er entstammte, stand in einem solchen Maß für Tyrannei und Korruption, dass man ihr zur zweifelhaften Ehre diese Begriffe notfalls erfunden hätte. Das Amt, in einem so abgekarteten Wahlverfahren erschlichen, dass es seinen Stammesvätern ein breites Lächeln ins unwiederbringlich verlorene Gesicht gezaubert hätte, übte er in deren Tradition aus. Francesco war ob dieses Oberhauptes der Kirche, deren glühender Diener er war, von tiefer Bestürzung ergriffen, stand dieser Papst doch für das genaue Gegenteil dessen, was sein Onkel ihn gelehrt hatte. Dieser Mann war lüstern von weltlichen Machtansprüchen und von ausschweifendem Lebenswandel. Die berechtigte Abscheu, die jeder sittsame Mensch vor diesem Konglomerat sämtlicher Charakterlosigkeit hegen musste, würde auch auf jeden von dessen sich in täglicher Demut übenden Gefolgsleuten zurückfallen. „Unsere Aufgabe ist es, Seelen zu retten“, hatte ihm sein Onkel immer wieder eingeschärft. Jetzt war ein Punkt erreicht, an dem sich dieses Ziel seiner Verfehlung zuneigte, da diejenigen Meinungen, welche dem Klerus ohnehin eher mit Abneigung gegenüberstanden, auf diese Weise mit einem Überangebot an Nahrung versorgt wurden. Es musste etwas geschehen.
Ein weiteres Ereignis, das diesem Ansinnen endgültig die Richtung weisen würde, ließ nicht lange auf sich warten.
Am 19. August 1493 verstarb Kaiser Friedrich III. aus dem Hause Habsburg, der letzte in Rom vom Papst gekrönte deutsche Kaiser. Seine Beisetzung würde am 6. Dezember desselben Jahres stattfinden. Francesco, der die von seinem Onkel aufgebauten Verbindungen zu diesem Haus fortgeführt hatte, reiste als offizieller Vertreter des Vatikans nach Wien, um an der Zeremonie teilzunehmen.
Der Stephansdom war, soweit man das beurteilen konnte, nahezu bis auf den letzen Platz besetzt. Im Eingangsbereich stand noch eine Gruppe von Menschen, die nicht davor zurückschrecken würden, der Veranstaltung notfalls im Stehen beizuwohnen, falls sich keine geeignete Sitzgelegenheit mehr finden ließe. Francesco war von derlei Problemen verschont. Er hatte einen Ehrenplatz auf der Empore mit bester Sicht auf das Geschehen, dessen Beginn er nun erwartete.
Als vielseitig interessierter Mann ließ er seinen Blick immer wieder zwischen den gotischen Architekturelementen und den an Zahlreichtum weiterhin zunehmenden Besuchern hin und her wandern, während seine Ohren unfreiwillige Zeugen allerlei mehr oder weniger belangloser Gespräche um ihn herum wurden. Irgendwann verstummten die Gespräche und auch der Blick verlor an Rastlosigkeit, doch anstatt bedingungslos dem Geschehen zu folgen, das der beschwerlichen Reise an diesen Ort zum Anlass erhoben worden war, wurde er immer wieder von einer Gruppe junger Männer angezogen, die in einem der Seitenschiffe Platz genommen hatten. Der Kleidung nach waren sie Augustiner-Mönche, was insofern nicht verwunderlich war, da in Wien eine Niederlassung dieses Ordens bestand. Was Francescos Aufmerksamkeit einforderte, war, dass sich unter ihnen einer befand, welcher der gesamten Veranstaltung gegenüber seine Teilnahmslosigkeit bekundete. Während sich seine Ordensbrüder an den Gesängen und Gebeten beteiligten oder aufmerksam den Worten von der Kanzel lauschten, saß jener in sich zusammengesunken in der Bank. Möglicherweise hatte er ja ein körperliches Gebrechen oder unterlag einer momentanen Unpässlichkeit. Selbst als die Zeremonie vorüber war und sich seine Ordensbrüder bereits zum Gehen gewandt hatten, saß jener immer noch regungslos da, so als hätte er neben dem gesamten Geschehen auch dessen Ende versäumt. Niemand schien von ihm Notiz zu nehmen. Die übrigen Gäste, die unter Wiederaufnahme ihrer anregenden Gespräche dem Ausgang zustrebten, gingen an ihm vorbei, ohne ihm Beachtung zu schenken. Selbst seine Ordensbrüder hatten das Gotteshaus bereits ohne ihn verlassen.
Nachdem sich das Gebäude so weit geleert hatte, dass man als einzelner Mann gegen den Strom der zum Ausgang drängenden Massen ankämpfen konnte, ohne von diesem mitgerissen zu werden, stieg Francesco von der Empore herunter und bewegte sich auf jenen Bruder zu. Der hatte die von rückwärtiger Seite stattfindende Annäherung nicht bemerkt.
„Friede sei mit Euch, mein Sohn“, hatte Francesco ihn angesprochen. In diesem Moment schreckte der andere auf und versuchte, in einer reflexartigen Bewegung einen Gegenstand unter seiner Kutte zu verbergen.
„Friede auch mit Euch“, hatte er die Begrüßung erwidert, nachdem er die Sekunde des Schrecks überwunden hatte. Francesco musterte ihn und konnte die zuvor gestellte Vermutung akuter körperlicher Beschwerden bei seinem Gegenüber verwerfen.
„Was habt Ihr da, mein Sohn?“, fragte Francesco und richtete einen strengen Blick auf die von der Kutte bedeckte Hand. Der andere zögerte zunächst, aber die Ehrfurcht vor dem Mann, der ihm gegenüber an Jahren wohl das Doppelte aufzubieten hatte, zwang ihn schließlich, sein Geheimnis preiszugeben. So langsam wie es ihm gelang, seinen verbliebenen Zweifel abzuschütteln, zog er die Hand hervor und gab den Blick auf das angesprochene Objekt frei.
Es war ein Buch, auf dessen Einband das Wort „Pentalogus“ zu lesen war und das man aufgrund defizitärer Gebrauchsspuren für ein druckfrisches Exemplar hätte halten können. Allerdings deuteten die schon fortgeschrittenen Zersetzungserscheinungen des Papiers, insbesondere im Bereich des oberseitigen Schnittes, eher darauf hin, dass es bereits auf ein längeres, wenn auch unbeachtetes Dasein an einem nicht hinreichend schattigen Ort zurückblicken konnte. Francesco erstarrte für einen Moment. Nach dessen Überwindung forderte er eine Erklärung ein:
„Warum versteckt Ihr das? Habt Ihr es gestohlen?“
Im Gesicht des Angeklagten breitete sich eine der betroffenen Verlegenheit geschuldete Rötung aus.
„Ich… ich hätte es doch zurückgegeben.“
„Woher habt Ihr es denn?“
„Aus der Bibliothek des Klosters.“
„Ihr wisst, dass solches nicht erlaubt ist?“
„Das weiß ich wohl. Aber…“
„Warum musstest Ihr es stehlen, mein Sohn? Ihr hättet es doch jederzeit lesen können. Und andere auch.“
„Ich gehöre nicht dem hiesigen Konvent an. Ich muss in zwei Tagen nach München zurückkehren. Dort gibt es dieses Buch nicht, aber ich musste es unbedingt lesen.“
„Ihr stammt aus deutschen Landen?“, fragte Francesco, der diesen Umstand bereitwillig aufgriff und ihm angemessene Huldigung verschaffte, indem er mit dieser Frage das in Latein begonnene Gespräch auf Deutsch fortsetzte.
Francesco war diese Sprache von seinem Onkel gelehrt worden, um dessen Nachfolge in der Pflege der Beziehungen zum Hause Habsburg antreten zu können. Er hatte sie lieben gelernt und nutzte jede Gelegenheit, sie zu praktizieren, nicht zuletzt, da ihm deren Beherrschung schon oftmals zu Nutzen gereicht hatte.
„Ja“, antwortete der andere, der deutliche Anzeichen der Verwunderung nicht verbergen konnte, plötzlich mit seiner Muttersprache konfrontiert zu werden. Selbst unter den Ordensbrüdern wurde zur Kommunikation das Latein bevorzugt.
„Warum musstet Ihr es unbedingt lesen?“, führte Francesco das Gespräch auf den eigentlichen Punkt zurück.
„Weil es von einem Mann geschrieben wurde, den ich sehr verehre.“
Francesco wurde von Rührung überwältigt, denn auch er verehrte jenen sehr. Ein Zeichen, das er unmittelbar zu deuten wusste.
„Mein Sohn, ich muss jetzt weiter, aber ich würde Euch gern heute Abend aufsuchen. Ließe sich das einrichten?“
„Nach der Abendmesse, aber ich weiß nicht, ob der Prior seine Einwilligung geben wird“, kam als Antwort, die ein unterschwelliges Beben nicht verbergen konnte. Dieses war offensichtlich der Furcht geschuldet, dass seine von zwei Augen entdeckte Verfehlung derer weiteren offenbart werden könnte.
„Ich glaube schon, dass er meinem Gesuch entsprechen wird. Wisst Ihr, wer ich bin?“
Der andere musterte ihn, kam aber zu keinem eindeutigen Ergebnis.
„Nein“, war die demensprechende Antwort.
„Ich bin Abgesandter des Vatikans, Kardinal Piccolomini.“
Die Augen des Ordensbruders weiteten sich und ein Lächeln umspielte seine Lippen. Er war diesem ehrbaren Herrn zwar noch nie begegnet, dennoch wusste er jetzt, mit wem er es zu tun hatte: Mit dem Neffen des Mannes, dessen Buch er gerade in Händen hielt. Ein Blick in Francescos Gesicht und ein nachfolgender auf die krampfhaft umklammerte Kostbarkeit versicherten den Angesehenen, dass dessen jugendlicher Bruder im Geiste von dieser Erkenntnis übermannt worden war.
„Ich erwarte Euch, heute Abend.“
„Wie ist Euer Name?“
„Johann von Staupitz.“
Die Glocke von St. Stephan hatte gerade sechs Uhr geschlagen, als Francesco das in wenigen hundert Metern Entfernung zu diesem gelegene Kloster erreichte. Dass er vom Prior persönlich empfangen wurde, bestätigte ihm, dass sein Erscheinen an diesem Ort mit Wohlwollen bedacht wurde. Er war genügend Welt- wie Kirchenmann, um sich einem kurzen Gespräch mit jenem und einigen segnenden Worten einzulassen, bevor er sich zu der Person führen ließ, die seinem Besuch an dieser Stätte in der Verantwortung stand.
Der Prior, noch bewegt von der Gunst, die ihm zuteil wurde, hatte es sich nicht nehmen lassen, den hohen Gast höchstselbst zur Zelle des fremden Ordensbruders zu geleiten, dessen Bedeutung ihm zwar noch nicht einging, die dennoch ein Streiflicht des Glanzes auch auf ihn fallen ließ. Nach einem dreimaligen Klopfen an die Tür wurde diese aufgetan und man begab sich in die bescheiden eingerichtete Stube, in der es nichts gab, das dessen Bewohner vom eigentlichen Zweck seines Da- und Hierseins, der Bewusstwerdung in Gebet und Meditation, hätte ablenken können.
Nachdem erwähnter Bewohner den hohen Gast erkannt hatte, warf er sich vor ihm zu Boden, doch mehr als ein schwaches „Verzeiht meine Verfehlung, Euer Eminenz“ vermochte er nicht hervorzubringen, bevor er vom Empfänger dieser Unterwerfung unterbrochen wurde.
„Steht auf, mein Sohn. Deswegen bin ich nicht gekommen. Außerdem stellt es keine Verfehlung dar, sich Wissen anzueignen.“
Diese Worte verwunderten den jungen Mönch sehr, glaubte er doch, der Besuch sei nur zu dem einen Zweck angestrengt worden, einen Schuldspruch über ihn zu verhängen.
„Weswegen dann?“
„Ihr seid jung, klug, wissbegierig, das sehe ich. Glaubt mir, dass mich die Zeremonie am heutigen Tag mindestens ebenso gelangweilt hat wie Euch, doch Ihr habt die Zeit nutzbringender verwendet als ich. Da Ihr inzwischen wisst, wer ich bin, kann ich Euch sagen, dass Ihr mich an einen Mann erinnert, in den der Verfasser Eurer Lektüre ehemals große Hoffnungen gesetzt hatte.“
„Ihr redet dabei von Euch?“
„So ist es.“
„Und warum erzählt Ihr mir das?“
„Weil ich über der Bürde dieser Hoffnung alt geworden bin, vielleicht zu alt, um ihr Rechtfertigung zukommen zu lassen, hoffentlich nicht zu alt, um dem, was getan werden muss, zumindest Initiierung zu verschaffen.“
„Wovon sprecht Ihr?“
„Es mag sein, dass die alltäglichen Probleme des Vatikans nicht immer bis in jeden Orden seiner hingebungsvollen Diener dringen, aber ich, der ihnen tagtäglich gegenübersteht, weiß davon zu erzählen. Die Kirche steht am Scheideweg. Anstatt sich ihrer eigentlichen Aufgabe zu widmen, ist sie zum Instrument weltlicher Machthaber geworden. Sie ist unterwandert von Korruption und so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass es ihr nicht mehr gelingt, die Menschen zu erreichen, geschweige denn, ihnen zu dienen. Mein Onkel hat das alles vor vielen Jahren schon vorausgesehen und erkannt, dass Veränderungen notwendig sind. Dieses Vermächtnis hat er in meine schwachen Hände gelegt, aber ich fürchte, mir fehlt die Kraft und vielleicht auch die Zeit, mich dessen wert zu erweisen. Es gibt sicherlich einige, die ebenso denken, aber wem kann man unter den jetzigen Umständen in Rom vertrauen? Und dann seid Ihr mir heute begegnet. Plötzlich spüre ich die Kraft, die mich schon längst hätte antreiben sollen, aber ich brauche Verbündete, diesen Kampf zu bestreiten, auch und insbesondere außerhalb Roms. Ich kenne das Land, aus dem Ihr kommt, ich spreche dessen Sprache, wie Ihr hört, ich habe es, meinen dienstlichen Geschäften geschuldet, oft bereist. Dort sind mir Menschen von freierem Denken begegnet als in Rom, Menschen wie Ihr. Seid mein erster Verbündeter, helft mir, das Erbe eines bedeutenden Mannes anzutreten, denn viel Zeit bleibt mir dafür wohl nicht mehr, der Sache selbst wohl noch weniger.“
Francesco hielt inne. Ein Moment der Stille verharrte im Vorbeiziehen. Dann war es Zeit für eine Antwort.
„Aus Euren Worten spricht Weisheit, aber überschätzt Ihr nicht meine schwachen Kräfte. Ich bin nur ein einfacher Mönch.“
„Wir mögen uns vom Rang her unterscheiden, aber wir sind demütige Diener derselben Kirche. Und glaubt mir, wenn nicht bald gehandelt wird, wird diese Kirche nicht bestehen können. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Einfachheit für diese Aufgabe nur zum Nutzen gereichen kann. Und Schwäche? Auch ich fühle mich oftmals schwach, ohnmächtig sogar, aber Gott wird denen Kraft schenken, die seine Werke tun. Dass wir uns heute begegnet sind, hat mir Kraft gegeben.“
„Eure Worte sind wahr, daran besteht kein Zweifel. Aber gebt mir Zeit, so wenig davon auch verfügbar sei.“
„Das Schwerste ist, den ersten Schritt zu tun. Den habt Ihr getan, denn Ihr habt Euch der Wahrheit geöffnet. Geht zurück in Euer Land, studiert die Schrift, strebt nach Wissen und Erkenntnis, bewegt andere Menschen. Das ist, was Ihr zuvörderst zu tun hättet. Alles Weitere wird sich ergeben. Und dann, studiert auch das.“
Bei diesen Worten zog er ein Paket hervor, das in ein Leinentuch gewickelt war. Er legte es auf das Pult, das zu Gebet und Lektüre Verwendung fand, und schlug dessen Einhüllung vorsichtig zurück. Es beinhaltete ein Buch, auf dessen ledernen Einband in goldenen Lettern das Wort „Europa“ geprägt war, ein weiteres bedeutsames Werk des großen Gelehrten Enea Silvio Piccolomini.
„Kennt Ihr dieses?“
„Nein, aber ich habe davon gehört.“
„Also wisst Ihr auch, wer es verfasst hat?“
Die Antwort bildete ein stummes Nicken. Der solcherart Bedachte war im Moment der verbalen Äußerung unfähig. Vorsichtig nahm er es in die Hand und schlug es unter Aufbietung jeglicher verfügbaren Vorsicht und Ehrfurcht auf.
„Nehmt es, es gehört Euch.“
„Euer Eminenz, das kann ich nicht annehmen.“
„Doch Ihr könnt. Ich habe schon oft darin gelesen, aber in Euren Händen und Eurem Geist wird es Wunder wirken. Nehmt es.“
„Wie kann ich Euch danken, Herr?“
„Ihr habt meine Worte gehört. Handelt danach. Und wenn Ihr das Buch studiert habt, werdet Ihr sie umso mehr verstehen. Schart Leute um Euch, die ebenso denken wie Ihr, wie wir. Seid strebsam und berichtet mir regelmäßig über Eure Fortschritte.“
„Das will ich tun.“
Nachdem Francesco ihm seinen Segen zugesprochen hatte, verließ er diese Stätte. Draußen hatte die Dunkelheit bereits zu stocken begonnen, aber sein inneres Licht war gerade eben wieder aufgeglommen und leuchtete seinen Weg in Gleiße aus. Er fühlte sich elektrisiert, wenngleich die physikalische Beschreibung dieses Zustandes noch dahingehender Jahrhunderte zu harren hatte.
Johann von Staupitz entstammte zwar einer adligen Familie, verfügte über eine entsprechende Bildung und beherbergte vielerlei Interessen, dennoch war ihm ein Leben als einfacher Mönch vorgezeichnet. Da sich ein freier Geist aber nicht einsperren lässt, auch oder insbesondere nicht hinter hochzölligen Klostermauern, wurde ihm alsbald deutlich, dass seine eigentliche Bestimmung an höherem Punkte angesiedelt war als an jenem bodenverhafteten, den der entsprechend dem Ordenszeremoniell gesenkte Blick über weite Strecken des Tagesschemas fixierte.
Im Jahr 1490 war er den Augustiner-Eremiten beigetreten, drei Jahre später hatte er jene Begegnung mit Kardinal Piccolomini in Wien, die seiner Überzeugung nach nur einer göttlichen Fügung entsprungen sein konnte und, ihn unzweifelhaft auf den Zielpunkt seines Handelns auszurichten, als Anlass nur auszuweisen hätte. Dieses Erlebnis war für ihn von derart einschneidender Wirkung, dass er fortan alle Kraft aufbrachte, um diesem Zielpunkt auf höchst direktem Weg entgegenzustreben. Er studierte die Schriften, wie es ihm von seinem väterlichen Gönner angetragen worden war. Gleichzeitig arbeitete er an seinem Aufstieg in der klösterlichen Hierarchie, denn es bedurfte einer standsicheren Verbindung aus Wissen und Einfluss, um jene Dinge bewirken zu können, deren unfragliche Notwendigkeit er in dem Maße verinnerlicht hatte, dass nichts, ihm auf seinem Weg Einhalt zu gebieten, in der Lage gewesen wäre. Innerhalb weniger Jahre brachte er es zum Prior. Er nahm ein Studium auf, das er drei Jahre später mit seiner Promotion zum Doktor der Theologie abschloss.
Kardinal Piccolomini hatte die Entwicklung seines Schützlings mit dem gleichen Wohlwollen verfolgt wie einst sein Onkel die seine. Er, Francesco, würde aber dafür Sorge tragen, dass man die Ernte deren Früchte rechtzeitig einführe. Er hatte die Erfahrung, die Mittel und vor allem die notwendigen Verbindungen, dies zu bewerkstelligen. Kaum, dass ihn die Nachricht der erfolgreichen Graduierung erreicht hatte, fasste er den Plan für das weitere Vorgehen. Nachdem die intellektuelle Reife seines willigen Verbündeten ihren Zenit erreicht hatte, musste jenem nun ein Umfeld geschaffen werden, diese nutzbringend einsetzen und vor allem weitergeben zu können. Das Gefühl der Ohnmacht, sich allein einer kaum zu bewältigenden Aufgabe gegenüberstehen zu sehen, hatte Francesco so tief geprägt, dass bezüglich dessen neuerlichen Durchlebens Verzicht zu üben er jederzeit den Vorzug gegeben hätte. Glücklicherweise kannte er jemanden, der ihm dabei von Hilfe sein konnte.
Die Reisevorbereitungen waren schnell getroffen, unproblematisch für einen Mann in seiner Position, zumindest weit weniger problematisch als die Umsetzung der Notwendigkeit, deren Ziel vor einem gewissen Personenkreis in Rom verborgen zu halten. Manch einer hätte sich bei einem derartigen Vorhaben des äußersten Bestrebens nach Geheimhaltung befleißigt, aber Francesco war lange genug im Amt, um der Aussichtslosigkeit einer solchen Strategie versichert zu sein. Den geheimen Augen und Ohren würde nicht einmal die Planung jedweden abtrünnigen Verhaltens entgehen, geschweige denn, dass ein Mann in seiner Position Rom hätte unbemerkt verlassen können. Also kehrte er die Sache ins Gegenteil, strengte eine offizielle Mission an, sandte sogar einen Boten voraus, um seinem Gastgeber sein Erscheinen anzukündigen. Die räumliche Abgeschiedenheit dessen Residenz vom Zentrum der Welt würde ihm dann die Gunst gewähren, seine eigentlichen Pläne verwirklichen zu können.
Über dem linken Ufer der Elbe, die an dieser Stelle ihren regelmäßig geschwungenen Verlauf aufgibt – möglicherweise, um die Nähe zu diesem bedeutsamen Ort in Gänze auskosten zu können –, erhebt sich Schloss Hartenfels zu Torgau. Es gibt sicherlich fürstliche Residenzen von höherer Strahlkraft, aber die architektonische Schlichtheit dieses Domizils spiegelte in nahezu vollkommener Weise den Charakter seines Herrn wider: Ein mächtiger Mann, mächtig genug, als dass er dieses mit verzweifelter Ausdauer stetig hätte zur Schau tragen müssen. Er war ein Herrscher mit vortrefflichen Eigenschaften, die ihm, der wie viele seines Standes zuvor und auch noch nach ihm den Namen Friedrich trug, den Beinamen „Der Weise“ eingebracht hatten oder zumindest noch einbringen würden. Darüber hinaus war er der Katholischen Kirche treu ergeben, was ihn für einen hochrangigen Vertreter des Vatikans zu einem zuverlässigen Helfer machte.
Dennoch war zur Umsetzung des Vorhabens alle Diplomatie vonnöten, auf die Francesco dank seiner langjährigen einschlägigen Tätigkeit zurückgreifen konnte, denn Kurfürst Friedrich war von konservativer Natur äußerster Prägung. Insbesondere war er glühender Anhänger des Ablasshandels, dem er eine reiche Sammlung von Reliquien verdankte – nun ja, in wirtschaftliche Not würde ihn das mitnichten bringen, dennoch war es beredter Ausdruck seines Standpunktes. Auch wenn die aktuelle klerikale Misere nicht alleinig auf dieses zwiespältige Erscheinungsformat der Heilsbringung zurückzuführen war, in den Augen all jener aber, bei denen es das Streben nach Seelenheil und das tagtägliche Ringen um die Grundlagen der physischen Existenz in ernsthafte Konkurrenz hatte treten lassen, war es der entscheidende Ansatzpunkt des Abrisswerkzeugs, mit dem man dem Kirchenbau zu Leibe rücken würde. Dass solches zum Einsatz käme, musste mit allen Mitteln verhindert werden, soweit war Francesco mit sich überein, aber dazu bedurfte es der großflächigen Entfernung jeglicher Hebelwirkung versprechenden Angriffsfläche. Er hatte dies erkannt, war sich aber nicht sicher, ob sich sein Gegenüber trotz seines Namenszusatzes ebenfalls dieser Erkenntnis verschrieben gab. Es würde möglicherweise nicht von leichter Hand sein, einen solchen Mann an der gestellten Aufgabe auszurichten, zumindest nicht, wenn jenem die Hintergründe des Vorhabens zu Bewusstsein kämen.
Ungeachtet des vergleichsweisen Komforts, dessen Genuss ein Mann seines Standes für sich zu beanspruchen hatte, war die Reise von Rom über die Alpen mit gewissen Anstrengungen verbunden. Auch wenn er – im Gegensatz zu einigen seiner Amtskollegen, die jeden Tag die von ihrem Dienstherrn bereitgestellten Annehmlichkeiten bereitwillig in Empfang nahmen – dem entbehrungsreichen Leben auf der Landstraße noch nicht gänzlich entwöhnt war, spürte er mit jedem verstreichenden Lebensjahr den diesem zu zollenden Tribut mit zunehmender Deutlichkeit. Immerhin dauerte eine solche Reise mehrere Tage und im bereits Einzug gehalten habenden Herbst war das Wetter in bergigen Regionen auch nicht immer angenehm. Umso wichtiger war es deshalb, am Zielpunkt die notwendigen Ressourcen vorzufinden, um Körper und Geist Rehabilitierung zu verschaffen.
Hinsichtlich dessen hatte sich sein Gastgeber in dieser Rolle als Vertreter von Vollkommenheit erwiesen. Als Francesco gegen Abend des 12. Oktober 1500 in der kurfürstlichen Residenz eintraf, war der Bankettsaal hergerichtet, als stünde eine Krönungsfeierlichkeit an, erleuchtet von tausend Kerzen und von aufspielenden Musikanten in dezenten Klang gehüllt. Serviert wurden Fasan und gebratene Täubchen auf silbernen Tellern und der Kurfürst hatte seinen Mundschenk nach dem besten Wein geschickt, den der Keller zu bieten hatte. Bevor man am nächsten Tag zur geschäftlichen Tagesordnung übergehen würde, genoss man den Abend nach bestem Vermögen, nicht zuletzt, um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen; eine Tradition, die bis in die heutige Zeit überdauert hat. Über den kulinarischen und geistig erbauenden Annehmlichkeiten breitete sich irgendwann der Schleier der Müdigkeit aus; zuerst bei dem weitgereisten Gast, der alsbald sein Nachtgemach aufsuchte.
Der nächste Tag war angefüllt mit reichlich Aktivitäten verschiedener Art. Der Kurfürst hatte es sich nicht nehmen lassen, seinem Gast die Sammlung aller Schätze zu präsentieren, welche dieser Wohnsitz beherbergte. Nach dem Besuch der Messe, der im Tagesplan des Kurfürsten einen indisponiblen Platz einnahm, wandelte man durch den Schlossgarten und unternahm eine Flussfahrt in der kurfürstlichen Gondel. Zwischendurch gab es wiederum gutes Essen und nun auch anregende Gespräche unter Männern, die schon mit wenigen Worten die Welt hätten verändern können.
„Euer Besuch ehrt mich sehr, aber verratet Ihr mir nun dessen eigentlichen Anlass?“, gab sich der Kurfürst bemüht, mehr in Erfahrung zu bringen, als ihm am Abend zuvor sein von den Strapazen der Reise noch gezeichneter Gast zugestanden hatte.
„Der Heilige Vater in Rom würdigt Euch als seinen ergebenen Diener sehr. Genügt das nicht?“
„Dies wäre mehr, als ich erwarten dürfte.“
„Insbesondere schätzt man Euer Bemühen um das Wohl Eurer Untertanen.“
„Sollte dies nicht jedem Herrscher am Herzen liegen?“
„Das schon, aber viele Herrscher sind darauf bedacht, ihr Volk in Einfalt zu verhaften. Es lässt sich dann leichter regieren.“
„Und was bringt Euch zu der Vermutung, dass ich von diesem Prinzip abzuweichen gedenke?“
„Nun, mir ist zu Ohren gekommen, Ihr plant die Gründung einer Universität.“
„Dies ist richtig, die Entscheidung dazu entspringt aber einer Notwendigkeit.“
„Welcher Art?“
„Universitäten begründen zu einem großen Teil das Ansehen der deutschen Fürstentümer. Denkt nur an die bedeutenden ihrer Art, Tübingen, Heidelberg, Ingolstadt, Prag. Wir hatten diejenige in Leipzig, derer wir aber nach der Teilung unseres Herrschaftsgebietes verlustig gegangen sind. Wir brauchen dringend eine derartige Einrichtung, um uns Geltung zu verschaffen.“
„Der Zweck heiligt die Mittel und das Resultat heiligt den Zweck. Ihr werdet damit viel Gutes bewirken.“
„Was erweckt Euer gesondertes Interesse an diesem Plan?“
„Es gibt da einen jungen ehrgeizigen Mann. Er ist Prior der Augustiner in Tübingen und wurde vor Kurzem von der dortigen Universität zum Doktor der Theologie promoviert. Ich möchte ihm zu einem Amt verhelfen, in dem er seine Fähigkeiten unter Beweis stellen kann.“
„Ihr scheint ein großes Interesse an ihm zu haben?“
„Das ist in der Tat so. Wenn Ihr ihn bei der Auswahl der Würdenträger mit berücksichtigen würdet, wäre ich Euch sehr verbunden.“
„Befähigte Leute sind nicht immer leicht zu finden. Deshalb bin ich für jede Empfehlung aus berufenem Munde dankbar. Wie ist sein Name?“
„Johann von Staupitz.“
Ein stummes Nicken und ein sanftes Lächeln des Kurfürsten versicherten Francesco, dass er auf williges Entgegenkommen gestoßen war.
