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1939 muss die elfjährige Hannah mit ihrer Familie aus Berlin fliehen, denn sie ist Jüdin. Ein Schiff soll sie nach Kuba bringen, doch nur die Wenigsten dürfen die St. Louis dort verlassen. Auch Hannahs Familie wird auseinandergerissen.
2014 sucht die elfjährige Anna nach den Wurzeln ihres bei 9/11 verstorbenen Vaters. Ein Brief ihrer Großtante enthält Fotos und erste Hinweise. Doch erst als sie zusammen mit ihrer Mutter von New York nach Kuba reist, kommt sie der Geschichte ihrer Familie wirklich nahe ...
Was bedeutet es, auf der Flucht zu sein, seine Heimat zu verlieren, die Liebsten? Einfühlsam und sprachgewaltig erzählt Armando Lucas Correa die Geschichte zweier Mädchen, die zwei Kontinente und mehr als sechs Jahrzehnte trennen, die aber so vieles verbindet: die Liebe zu ihren Vätern, ihr Überlebenswille, die Hoffnung.
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Seitenzahl: 514
Veröffentlichungsjahr: 2017
1939 muss die elfjährige Hannah mit ihrer Familie aus Berlin fliehen, denn sie ist Jüdin. Ein Schiff soll sie nach Kuba bringen, doch nur die Wenigsten dürfen die St. Louis dort verlassen. Auch Hannahs Familie wird auseinandergerissen. 2014 sucht die elfjährige Anna nach den Wurzeln ihres bei 9/11 verstorbenen Vaters. Ein Brief ihrer Großtante enthält Fotos und erste Hinweise. Doch erst als sie zusammen mit ihrer Mutter von New York nach Kuba reist, kommt sie der Geschichte ihrer Familie wirklich nahe … Was bedeutet es, auf der Flucht zu sein, seine Heimat zu verlieren, die Liebsten? Einfühlsam und sprachgewaltig erzählt Armando Lucas Correa die Geschichte zweier Mädchen, die zwei Kontinente und mehr als sechs Jahrzehnte trennen, die aber so vieles verbindet: die Liebe zu ihren Vätern, ihr Überlebenswille, die Hoffnung.
Armando Lucas Correa lebt in Manhattan und arbeitet dort als Herausgeber des wichtigsten Magazins der spanischen Gemeinschaft in den USA, People en Español. Zuvor arbeitete er auf Kuba als Herausgeber eines Kulturmagazins. Für seine journalistische Arbeiten wurde er bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem von der National Association of Hispanic Publications und der Society of Professional Journalism. Das Erbe der Rosenthals ist sein erster Roman.
http://www.armandolucascorrea.com/
Armando Lucas Correa
DAS ERBE DER ROSENTHALS
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ute Leibmann
Roman
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige E-Book-Ausgabe des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»The German Girl«
Für die Originalausgabe:
Original English language edition Copyright © 2016 by Armando Lucas Correa. Originally published in Spanish as »La niña alemana«
All rights reserved including the right or reproduction in whole or in part in any form. This edition published by arrangement with the original publisher, Atria Books a division of Simon & Schuster, Inc., New York.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Dr. Ulrike Brandt-Schwarze, Bonn
Umschlaggestaltung: Kirstin Osenau unter Verwendung einer Vorlage von: Estudio Ediciones B/Alejandro Colucci
eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-4769-2
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Meinen Kindern Emma, Anna und Lucas
Für Judith Köppel Steel und Herbert Karliner, die im Alter meiner Kinder waren, als sie 1939 im Hamburger Hafen an Bord der St. Louis gingen
Ihr seid meine Zeugen.
Jesaja 43,10–11
Erinnerungen sind das, woran man sich nicht länger erinnern möchte.
Joan Didion
Berlin, 1939
Ich war knapp zwölf, als ich mir vornahm, meine Eltern umzubringen.
Ich war fest dazu entschlossen. Ich würde mich ins Bett legen und warten, bis sie eingeschlafen wären. Dieser Zeitpunkt war nicht schwer abzuschätzen, denn alles lief inzwischen nach einem immer gleichen Ritual ab: Nach dem Abendessen, das in letzter Zeit nur noch aus einer Schüssel heißer, fad schmeckender Suppe bestanden hatte, würde Papa zunächst die großen Doppelfenster verschließen und dann die schweren bronzegrünen Vorhänge zuziehen. »Wir können nichts daran ändern«, würde er wie schon seit Tagen sagen. »Es ist vorbei. Wir müssen das Land verlassen.«
Darauf würde unweigerlich Mamas Geschrei folgen. Ihre Stimme würde sich überschlagen, während sie Papa mit Vorwürfen überschüttete und hektisch auf und ab lief. Seit vier Monaten hatte sie unsere Wohnung kaum einmal verlassen und sich in ihr wie in einer Trutzburg mitten in einer untergehenden Stadt zurückgezogen. Irgendwann wäre sie erschöpft. Dann würde sie die Arme um Papa schlingen, und ihr leises Gejammer würde verebben.
Von da an müsste ich bloß ein paar Stunden abwarten. Sie würden keinerlei Widerstand leisten. Mir war klar, dass Papa bereits aufgegeben hatte und selbst aus dem Leben scheiden wollte. Bei Mama würde es schwieriger werden, doch sie nahm immer so viele Schlaftabletten, dass sie tief und fest schlafen würde, umhüllt vom Duft von Jasmin und Geranien. Obwohl sie ihre Tablettendosis nach und nach erhöht hatte, wachte sie immer noch mitten in der Nacht schreiend und weinend auf. Ich schoss dann hoch und wollte nachschauen, was los war, aber durch die halb offene Schlafzimmertür konnte ich nur sehen, dass Mama untröstlich in Papas Armen hing wie ein kleines Mädchen, das sich von einem furchtbaren Albtraum erholen muss. Allerdings war Mamas schlimmster Albtraum das Wachsein.
Mein Weinen hörte niemand mehr, keiner beachtete es. Papa sagte immer, ich sei stark. Ich würde schon alles überstehen, egal, was passierte. Mama dagegen nicht. Der Schmerz nagte an ihr, bis nichts mehr von ihr übrig wäre. Sie war das Kind im Haus, in einer Wohnung, in die das Tageslicht kaum mehr eingelassen wurde. Seit vier Monaten hatte Mama jede Nacht geweint – seit die Stadt von Glasscherben bedeckt war und über allem der beißende Geruch von Schießpulver, Metall und Rauch hing. Damals hatten meine Eltern angefangen, unsere Flucht zu planen. Sie beschlossen, das Haus zu verlassen, in dem ich geboren war, und verboten mir, in die Schule zu gehen, wo mich ohnehin niemand mehr mochte. Dann hatte Papa mir meinen zweiten Fotoapparat geschenkt.
»Damit kannst du dir einen Weg aus dem Labyrinth suchen, so wie Ariadne mit ihrem Faden«, hatte er mir zugeflüstert.
Jedenfalls fand ich, dass es wohl das Beste wäre, meine Eltern loszuwerden.
Ich überlegte, ob ich Aspirin unter Papas Essen mischen oder Mamas Schlaftabletten klauen sollte. Ohne ihre Pillen würde sie keine Woche durchhalten. Das Problem war nur, dass ich selbst an meinen Plänen zweifelte. Wie viele Aspirin würde Papa wohl schlucken müssen, bis er ein Magengeschwür und innere Blutungen bekam, die zum Tod führten? Wie lange konnte Mama tatsächlich ohne Schlaf überleben? Alles, was mit Blutvergießen zu tun hatte, kam von vornherein nicht infrage, weil ich kein Blut sehen konnte. Also wäre es vermutlich am besten, sie zu ersticken. Mit einem dicken Daunenkissen vielleicht. Mama hatte schließlich schon mehrfach den Wunsch geäußert, dass der Tod sie im Schlaf überraschen möge. »Lange Abschiede kann ich nicht ertragen«, sagte sie immer und starrte mich eindringlich an. Oder sie packte mich, wenn ich ihr nicht richtig zuhörte, am Arm und drückte ihn mit der wenigen Kraft, die ihr noch geblieben war.
Einmal fuhr ich nachts aus dem Schlaf hoch, und mir war, als hätte ich das Verbrechen bereits begangen. Ich sah die leblosen Körper meiner Eltern vor mir, konnte aber keine einzige Träne vergießen. Ich fühlte mich befreit. Nun konnte mich niemand mehr zwingen, in irgendein heruntergekommenes Viertel zu ziehen und meine Bücher, die Fotografien und Kameras zurückzulassen. Und ich brauchte auch nicht mehr in der furchtbaren Angst zu leben, dass meine eigenen Eltern mich vergiften könnten.
Ich begann zu zittern. »Papa!«, rief ich. Doch niemand erschien zu meiner Rettung. »Mama!«
Es gab kein Zurück. Was war aus mir geworden? Wie hatte ich nur so tief sinken können? Und was sollte ich mit ihren Leichen machen? Wie lange würde es dauern, bis sie verwest wären?
Jeder würde glauben, dass sie sich selbst umgebracht hätten. Niemand hätte auch nur den geringsten Zweifel daran. Schließlich hatten meine Eltern in den letzten Monaten unter ihrer Situation furchtbar gelitten. Die Leute würden in mir eine arme Waise sehen – ich dagegen wüsste, dass ich eine Mörderin war. Mein Verbrechen stand sogar im Lexikon; ich hatte es nachgeschlagen. Ein grässliches Wort! Schon beim bloßen Aussprechen überlief mich ein Schauer. Patrizid – Elternmord. Ich brachte es kaum über die Lippen. Ich war eine Mörderin.
Es war ganz einfach, mein Verbrechen, meine Schuld, meine Qual zu benennen. Aber was war mit meinen Eltern, die vorhatten, mich loszuwerden? Wie bezeichnet man Leute, die ihre Kinder umbringen? Ist das ein so unvorstellbares Verbrechen, dass es dafür nicht einmal einen Begriff im Wörterbuch gibt? Kämen sie nach einem solchen Verbrechen glimpflich davon, während ich nicht nur die Schuld an ihrem Tod, sondern auch noch die Last dieses widerwärtigen Begriffs tragen müsste? Offenbar konnte man seine Eltern und Geschwister töten, nicht aber seine Kinder.
Ich sah mich durch unsere Wohnung schleichen, die mir immer enger und dunkler vorkam, in einem Haus, das bald nicht mehr uns gehören würde. Ich sah hinauf zu der unerreichbar hohen Zimmerdecke und ging durch die Flure, vorbei an Bildern einer Familie, die bald verschwinden würde. Aus Papas Arbeitszimmer fiel ein Lichtstreifen in den Korridor. Ich stand da, starr und hilflos, unfähig, einen Schritt zu tun, und sah, wie sich meine bleichen Hände im Licht golden verfärbten.
Ich schlug die Augen auf und war in meinem Schlafzimmer, umgeben von zerlesenen Büchern und Puppen, mit denen ich nie gespielt hatte und nun auch nicht mehr spielen würde. Ich schloss die Augen wieder und spürte, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis wir auf einem Ozeandampfer fliehen würden, ohne festes Ziel, fort aus diesem Land, das nie unsere Heimat gewesen war.
Letzten Endes habe ich meine Eltern nicht umgebracht. Das war gar nicht nötig. Die eigentlichen Schuldigen waren sie selbst. Sie zwangen mich, mich mit ihnen gemeinsam in den Abgrund zu stürzen.
Der Geruch in unserer Wohnung war unerträglich geworden. Ich konnte nicht verstehen, wie Mama es hier aushielt, zwischen den Wänden mit der moosgrünen Seidentapete, die auch noch das letzte bisschen Tageslicht schluckte. Es roch nach Eingesperrtsein.
Ich ahnte, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb. Den Sommer würden wir nicht mehr hier in Berlin verbringen. Mama hatte Mottenkugeln in die Wandschränke gehängt, als wolle sie sich ihre Welt möglichst lange bewahren. Der durchdringende Geruch hing in der ganzen Wohnung. Ich hatte keine Ahnung, was sie mit den Mottenkugeln noch schützen wollte, denn wir würden ohnehin alles verlieren.
»Du riechst wie die alten Tanten auf der Großen Hamburger Straße!«, neckte Leo mich. Leo war mein einziger Freund, der einzige Mensch außerhalb meiner Familie, der mir ins Gesicht schaute, ohne mich anspucken zu wollen.
Der Frühling in Berlin war kalt und regnerisch, trotzdem ging Papa oft ohne Mantel aus dem Haus. In letzter Zeit nahm er nicht mehr den Fahrstuhl, wenn er die Wohnung verließ, sondern ging die Treppenstufen hinunter, die unter seinen Schritten knarrten. Ich dagegen sollte die Treppe nicht benutzen. Papa nahm die Treppe nicht etwa, weil er es eilig hatte, sondern weil er den anderen Hausbewohnern nicht im Fahrstuhl begegnen wollte. Die fünf Familien, die in den Stockwerken unter uns wohnten, warteten alle darauf, dass wir endlich auszogen. Menschen, die einmal unsere Freunde gewesen waren, behandelten uns nicht länger freundlich. Die gleichen Nachbarn, die sich früher bei Papa bedankt hatten oder sich bei Mama und ihren Freundinnen hatten beliebt machen wollen, die Mamas guten Geschmack gelobt hatten und sich bei ihr Rat holten, welche Handtasche wohl am besten zu welchem Paar Schuhe passte, blickten nun auf uns herab und konnten uns jederzeit denunzieren.
Mama verbrachte ihre Tage, ohne die Wohnung zu verlassen. Jeden Morgen nach dem Aufstehen steckte sie sich ihre Rubinohrringe an und strich ihr glänzendes, dichtes Haar nach hinten, um das sie ihre Freundinnen immer beneidet hatten, wenn sie den Wintergarten des Hotels Adlon betrat, in dem der Nachmittagstee serviert wurde. Papa nannte Mama immer »die Göttliche«, denn sie war eine begeisterte Kinogängerin und ließ sich keine Premiere im Filmpalast entgehen, bei der die echte Göttin der Leinwand mitspielte – die göttliche Greta Garbo.
»Sie ist deutscher als die meisten Deutschen!«, betonte Mama immer, wenn sie über »die Göttliche« sprach, die in Wahrheit Schwedin war. Doch in Zeiten des Stummfilms kümmerte es sowieso niemanden, aus welchem Land ein Filmstar kam.
Wir hatten die Garbo entdeckt. Wir hatten immer schon geahnt, dass man sie eines Tages anbeten würde. Wir schätzten sie schon lange – deshalb nahm Hollywood überhaupt Notiz von ihr. Und in ihrem ersten Tonfilm sagte sie dann in akzentfreiem Deutsch: »Whisky – aber nicht zu knapp!«
Wenn meine Eltern aus dem Kino zurückkamen, hatte Mama manchmal noch Tränen in den Augen. »Ich mag es, wenn eine Geschichte traurig ausgeht – im Kino jedenfalls«, erklärte sie. »Komödien sind nichts für mich.«
Nach solchen Kinobesuchen lag sie verzückt in Papas Armen, hob eine Hand an die Augenbraue, hielt mit der anderen die Schleppe ihres weich fließenden Kleides hoch, warf den Kopf zurück und fing an, Französisch zu sprechen. »Armand … Armand«, wiederholte sie dann mit träger Stimme und starkem Akzent, genau wie die göttliche Garbo selbst. Und Papa nannte sie »meine Camille«.
»Espère, mon ami, et sois bien certain d’une chose, s’est que, quoi qu’il arrive, ta Marguerite te restera«, antwortete Mama dann und kicherte hysterisch. »Dumas klingt doch furchtbar auf Deutsch, oder?«
Aber inzwischen ging Mama ja nicht mehr aus.
»Zu viele zerschlagene Fensterscheiben«, lautete ihre Entschuldigung seit dem schrecklichen Pogrom im letzten November, bei dem Papa seine Arbeit verloren hatte. Er war in seinem Büro in der Universität verhaftet worden. Man hatte ihn auf die Polizeiwache in der Grolmanstraße gebracht und dort festgehalten – aus welchem Grund, wurde uns nie gesagt. Er hatte sich eine fensterlose Zelle mit Leos Vater, Herrn Martin, geteilt. Nach ihrer Freilassung trafen die Männer sich nahezu täglich, was Mama noch mehr beunruhigte, denn sie befürchtete, dass die beiden eine Flucht planten, auf die sie noch nicht vorbereitet war. Angst hielt Mama davon ab, ihre Festung zu verlassen. Sie lebte in einem Zustand ständiger Anspannung. Früher hatte sie immer den eleganten Salon des Hotels Kaiserhof besucht, das nur ein paar Straßen von unserem Haus entfernt lag, doch inzwischen wimmelte es dort von Leuten, die uns hassten – jenen Menschen, die sich selbst für »rein« hielten und die Leo »Barbaren« nannte.
Früher hatte Mama gern mit ihrer Heimatstadt Berlin angegeben. Wenn sie zum Einkaufen nach Paris fuhr, stieg sie immer im Ritz ab. Und wenn sie Papa zu einem Vortrag oder Konzert nach Wien begleitete, übernachteten sie im Imperial.
»Aber wir in Berlin haben das Adlon, unser Grandhotel Unter den Linden. Die Göttliche hat dort gewohnt und das Adlon durch ihren Film unsterblich gemacht.«
In diesen Tagen schaute Mama nur noch aus dem Fenster und versuchte sich zu erklären, was dort draußen geschah. Wo waren ihre glücklichen Jahre hin? Zu was für einem Leben hatte man sie verurteilt – und warum? Es kam ihr so vor, als müsste sie für die Vergehen anderer büßen: für ihre Eltern und Großeltern – für jeden ihrer Vorfahren durch die Jahrhunderte.
»Ich bin eine Deutsche, Hannah. Ich bin eine Strauss. Alma Strauss. Ist das nicht genug, Hannah?«, sagte sie zu mir, erst auf Deutsch, dann auf Spanisch und Englisch und schließlich auf Französisch, als hätte sie Zuhörer und müsste ihre Aussage in jeder der vier Sprachen, die sie fließend beherrschte, deutlich machen.
Ich hatte mich an jenem Tag mit Leo verabredet, um in der Stadt Fotos zu machen. Wir trafen uns nachmittags immer in Frau Falkenhorsts Café am Hackeschen Markt. Wenn die Besitzerin uns sah, lächelte sie uns freundlich zu und nannte uns »kleine Ganoven«. Das gefiel uns. Verspätete sich einer von uns, musste der andere schon mal eine heiße Schokolade bestellen. Manchmal verabredeten wir uns auch in dem Café am Ausgang des Bahnhofs Alexanderplatz. Dort gab es Regale voller Süßigkeiten in Silberpapier. Wenn Leo mich ganz dringend sprechen wollte, wartete er vor dem Zeitungskiosk in der Nähe unseres Hauses auf mich, denn wir wollten auf keinen Fall den Nachbarn in die Arme laufen, die zwar unsere Mieter waren, uns aber dennoch aus dem Weg gingen.
Ich folgte brav den Anweisungen meiner Eltern, mied die mit Teppich ausgelegte Treppe, die neuerdings immer staubiger wurde, und nahm den Fahrstuhl. Er hielt im dritten Stock.
»Hallo, Frau Hofmeister«, grüßte ich die Nachbarin und lächelte ihrer Tochter Gretel zu, mit der ich früher oft gespielt hatte. Gretel war immer noch traurig, weil sie vor Kurzem ihren niedlichen weißen Hundewelpen verloren hatte. Sie tat mir leid.
Wir waren gleich alt, aber ich war ein ganzes Stück größer als sie. Gretel hielt den Blick gesenkt, und Frau Hofmeister sagte tatsächlich zu ihr: »Lass uns lieber die Treppe nehmen. Wann ziehen diese Leute endlich aus? Sie bringen uns alle in eine unmögliche Situation!«
Sie benahm sich, als könnte ich sie gar nicht hören, als wäre da niemand im Fahrstuhl. Als existierte ich gar nicht. Das wäre ihr wohl auch am liebsten gewesen – wenn ich gar nicht existiert hätte.
Dabei gehörte das Haus, in dem die Familie Hofmeister, die Dittmers, Hartmanns, Brauers und Schulzes wohnten, doch uns. Wir hatten ihnen die Wohnungen vermietet. Das Haus war schon lange vor Mamas Geburt im Besitz ihrer Familie gewesen. Eigentlich hätten eher die anderen Familien ausziehen müssen! Sie kamen nicht von hier. Wir schon. Wir waren deutscher als sie.
Das Fahrstuhlgitter schloss sich, und der Fahrstuhl fuhr langsam abwärts. Beim Herunterfahren konnte ich Gretels Füße sehen.
»Schmutziges Pack!«, hörte ich noch.
Hatte ich das richtig verstanden? Was hatten wir getan, dass wir uns so etwas anhören mussten? Welches Verbrechen hatten wir begangen? Ich war nicht schmutzig. Ich wollte auch nicht, dass andere Leute mich für schmutzig hielten. Ich stieg aus dem Fahrstuhl und versteckte mich unter der Treppe, damit ich ihnen nicht noch einmal begegnen musste. Ich sah sie aus dem Haus gehen, Gretel schaute immer noch zu Boden. Sie drehte sich einmal kurz um, als ob sie nach mir Ausschau hielte. Vielleicht wollte sie sich auch bei mir entschuldigen, aber ihre Mutter schob sie weiter.
»Was guckst du da?«, schrie sie Gretel an.
Ich rannte die Treppe hinauf und konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Tränen der Wut und Hilflosigkeit, weil ich Frau Hofmeister nicht hinterherschreien konnte, dass sie viel schmutziger sei als ich. Wenn wir ihr nicht passten, sollte sie doch ausziehen! Schließlich war es unser Haus! Vor lauter Wut hätte ich am liebsten gegen die Wände geschlagen und den wertvollen Fotoapparat zertrümmert, den mein Vater mir geschenkt hatte. Ich stürmte in unsere Wohnung.
Mama verstand gar nicht, warum ich so wütend war. »Hannah! Hannah!«, rief sie mir nach, aber ich ignorierte sie.
Ich lief in das kalte Badezimmer, knallte die Tür hinter mir zu und drehte den Brausekopf über der Wanne an. Ich konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Vollständig bekleidet und mit Schuhen stieg ich in die glänzend weiße Badewanne. Mama rief weiter nach mir, gab es aber schließlich auf. Ich hörte nur noch das heiße Wasser auf mich niederprasseln. Ich ließ es mir in die Augen rinnen, bis sie wehtaten, in Ohren, Nase und Mund.
Dann zog ich Kleider und Schuhe aus. Alles war viel schwerer als sonst, wegen des Wassers und weil ich schmutzig war. Ich seifte mich ein und rieb mir Mamas Badesalz auf die Haut, bis sie brannte, dann rubbelte ich mit einem weißen Handtuch darüber, um auch noch die letzten Spuren der Unreinheit zu tilgen. Meine Haut war so rot, als würde sie sich jeden Moment abschälen. Ich drehte das Wasser noch heißer, bis ich es kaum mehr aushielt. Irgendwann stieg ich aus der Wanne und ließ mich auf die kalten schwarz-weißen Fliesen sinken.
Zum Glück waren die Tränen versiegt. Ich trocknete mich ab und rubbelte dabei fest über die Haut, in der ich mich nicht mehr wohlfühlte. Hoffentlich löste sie sich ab, nachdem ich sie so viel heißem Wasser ausgesetzt hatte. Vor dem beschlagenen Spiegel untersuchte ich genauestens jede einzelne Pore: Gesicht, Hände, Füße, Ohren – alles –, um zu prüfen, ob sich noch irgendwo Spuren der Unreinheit verbargen. Wer war hier schmutzig?
Zitternd kauerte ich mich in eine Ecke des Badezimmers und fühlte mich wie eine fleischgewordene Fliese. Hier war der einzige Ort, an dem ich mich verstecken konnte, denn letzten Endes war mir klar, dass sie mich immer als unrein betrachten würden, egal, wie gründlich ich mich wusch. Ob ich mir nun die Haut verbrannte, die Haare abschnitt, die Augen ausstach, mich taub stellte, mich anders anzog, anders sprach oder einen anderen Namen wählte – es würde nichts ändern.
Vielleicht wäre es gar keine schlechte Idee gewesen, an die Tür der ehrenwerten Frau Hofmeister zu klopfen und ihr zu zeigen, dass ich keinen noch so winzigen Schmutzfleck an mir hatte. Dann hätte ich auch sagen können, dass sie ihre Gretel nicht von mir fernzuhalten brauchte, dass ich keinen schlechten Einfluss auf ihre Tochter ausübte, die im Übrigen genauso blond und unbefleckt war wie ich.
Ich ging in mein Zimmer und kleidete mich ganz in Weiß und Rosa – die Farben, die mir am reinsten erschienen. Dann ging ich zu Mama und umarmte sie, weil ich genau wusste, dass sie mich verstand, auch wenn sie selbst lieber zu Hause blieb, um keinem Menschen zu begegnen. Ihr Zimmer war eine Festung geworden, in der sie, geschützt von dicken Mauern und doppelten Fenstern, hauste.
Ich musste mich beeilen. Leo lief bestimmt schon durch den Bahnhof und suchte mich, während er den Leuten auswich, die zu ihren Zügen rannten.
Wenigstens konnte ich sicher sein, dass er mich für rein hielt.
New York, 2014
An dem Tag, an dem mein Vater für immer verschwand, war meine Mutter mit mir schwanger. Sie war gerade im zweiten Monat und hätte noch die Möglichkeit gehabt, das Baby loszuwerden, tat das aber nicht. Sie verlor nie die Hoffnung, dass Dad eines Tages zurückkehren würde, sogar, als sie den Totenschein in der Hand hielt.
»Erst will ich einen Beweis sehen, eine DNA-Spur, dann können wir darüber reden«, sagte sie den Leuten immer.
Vielleicht lag es daran, dass Dad ihr selbst in mancherlei Hinsicht fremd geblieben war – ein geheimnisvoller Einzelgänger, ein Mann, der nicht viele Worte machte –, jedenfalls glaubt sie, dass er jeden Augenblick wieder auftauchen könne.
Dad verschwand, ohne zu erfahren, dass ich unterwegs war.
»Hätte er gewusst, dass er eine Tochter bekommt, wäre er noch hier bei uns«, erklärte meine Mutter beharrlich jedes Jahr im September, solange ich mich erinnern konnte.
An dem Tag, als Dad nicht mehr zurückkehrte, wollte Mom in unserem geräumigen Esszimmer ein Abendessen für sich und ihn vorbereiten. Von dort aus kann man die Bäume im Morningside Park sehen, wenn sie von den Straßenlaternen in bronzefarbenes Licht getaucht werden. Mom hatte vorgehabt, ihm dann die große Neuigkeit zu erzählen. An jenem Abend deckte sie trotzdem den Tisch, weil sie nicht wahrhaben wollte, dass er nicht mehr kommen würde. Doch die Flasche Rotwein blieb ungeöffnet. Die Teller standen tagelang unberührt auf dem weißen Tischtuch, und das Essen landete im Mülleimer. Am späten Abend ging sie zu Bett, ohne etwas gegessen zu haben, ohne zu weinen und ohne die Augen zu schließen.
Wenn sie mir von diesem Abend erzählte, senkte sie den Blick. Wäre es nach ihr gegangen, stünden Teller und Weinflasche wahrscheinlich heute noch auf dem Tisch – und womöglich auch das längst verdorbene, verdorrte Essen.
»Er wird schon zurückkommen«, behauptete sie beharrlich.
Sie hatten darüber gesprochen, eines Tages Kinder zu bekommen. Sie hatten es als eine vage, in der Ferne liegende Möglichkeit betrachtet, ein Zukunftsprojekt, einen Traum, den sie noch nicht aufgegeben hatten. Sicher war nur, dass, sollten sie eines Tages Kinder bekommen, der Junge Max heißen müsse und das Mädchen Anna. Das war das Einzige, was Dad von ihr verlangte.
»Das bin ich meiner Familie schuldig«, hatte er ihr erklärt.
Sie waren schon seit fünf Jahren zusammen, aber sie konnte ihn nie dazu bringen, ihr etwas über seine Jugend auf Kuba oder über seine Familie zu erzählen.
»Sie sind alle tot«, war das Einzige, was er dazu sagte.
Auch nach so vielen Jahren ließ das meiner Mutter keine Ruhe.
»Dein Vater ist ein Rätsel. Aber er ist mir das liebste Rätsel meines Lebens.«
Ihr Versuch, dieses Rätsel zu lösen, war ihr Weg, sich von der Last zu befreien. Die Suche nach einer Antwort war ihre ganz persönliche Strafe.
Ich behielt seine kleine silberne Digitalkamera. Zuerst betrachtete ich stundenlang die Bilder, die er auf der Speicherkarte hinterlassen hatte. Nicht eines von ihnen zeigte Mom. Wozu auch, wenn sie doch immer bei ihm war? Die Fotos waren alle von derselben Stelle aus aufgenommen worden, von dem schmalen Balkon vor unserem Wohnzimmer. Es gab Bilder vom Sonnenaufgang. An regnerischen Tagen, an klaren Tagen, an dunklen oder nebligen Tagen. Orangefarbene oder blauviolette Sonnenaufgänge. Weiße Tage, an denen der Schnee alles bedeckte. Immer die Sonne. Die Morgendämmerung hinter den Häusersilhouetten des schlafenden Harlems, Schornsteine, aus denen weißer Rauch aufsteigt, der East River zwischen zwei Inseln. Wieder und wieder die Sonne – golden und majestätisch, manchmal warm, dann wieder kühl –, so wie man sie durch unsere Balkontür sehen kann.
Mom hat mir mal gesagt, dass das Leben ein Puzzlespiel ist. Sie wacht auf und versucht, das passende Teilchen zu finden, sie probiert alle möglichen Kombinationen aus und legt sich ihre weit entfernten Landschaften zusammen. Ich dagegen nehme sie wieder auseinander, Teilchen für Teilchen, um herauszufinden, wo mein Ursprung ist. Ich schaffe mir meine eigenen Puzzlebilder aus den Fotos von Dads Kamera, die ich mir zu Hause ausgedruckt habe.
Von dem Tag an, als ich herausfand, was tatsächlich mit Dad geschehen war, und Mom begriff, dass ich nun für mich selbst sorgen konnte, verbarrikadiert sie sich in ihrem Schlafzimmer. Ich bin seither zu ihrer Hüterin geworden, ihr Schlafzimmer zu ihrem Zufluchtsort. Das Fenster, das zum Innenhof hinausgeht, hält sie ständig geschlossen. In meinen Träumen sehe ich, wie sie von den Tabletten, die sie vor dem Zubettgehen nimmt, tief und fest einschläft, umgeben von ihren grauen Laken und Kissen. Sie sagt, die Tabletten würden ihren Schmerz lindern und sie betäuben. Manchmal bete ich – so leise, dass ich es selbst kaum wahrnehme –, dass sie einfach immer weiterschlafen und ihr Schmerz für immer aufhören möge. Ich ertrage es nicht, sie leiden zu sehen.
Jeden Morgen, bevor ich zur Schule gehe, bringe ich ihr eine Tasse schwarzen Kaffee ohne Zucker ans Bett. Abends sitzt sie mit mir am Esstisch wie ein Geist, während ich ihr erfundene Geschichten über meinen Schulalltag erzähle. Sie hört zu, führt den Löffel zum Mund und lächelt mich an, um mir zu zeigen, wie dankbar sie dafür ist, dass ich noch bei ihr bin und Suppe für sie koche, die sie aus Pflichtgefühl herunterschluckt.
Mir ist klar, dass sie jeden Augenblick verschwinden könnte. Was würde dann aus mir?
Wenn der Schulbus mich nachmittags vor unserem Apartmenthaus absetzt, hole ich immer als Erstes die Post. Danach bereite ich das Abendessen für uns beide zu, mache meine Hausaufgaben und schaue nach, ob Rechnungen zu bezahlen sind. Die gebe ich dann Mom.
Heute kam ein großer Umschlag mit gelben, weißen und roten Streifen und der roten Aufschrift: »Bitte nicht knicken«. Der Absender ist eine Adresse in Kanada, adressiert ist der Brief an Mom. Ich lasse ihn auf dem Esstisch liegen und ziehe mich in mein Zimmer zurück, um die Lektüre weiterzulesen, die wir heute in der Schule bekommen haben. Erst nach ein paar Stunden fällt mir ein, dass ich den Umschlag immer noch nicht aufgemacht habe.
Ich klopfe an die Tür zu Moms Zimmer. Mitten in der Nacht?, denkt sie wahrscheinlich und stellt sich schlafend. Keine Reaktion. Ich klopfe noch einmal.
Die Nächte sind ihr heilig. Sie versucht einzuschlafen, durchlebt in Gedanken die Vergangenheit und grübelt darüber nach, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn das Schicksal es besser mit ihr gemeint hätte.
»Da ist heute ein dicker Brief angekommen. Ich glaube, wir sollten ihn zusammen aufmachen«, sage ich, doch es kommt keine Antwort.
Behutsam schiebe ich die Tür auf, um Mom nicht aufzuschrecken. Sie hat das Licht ausgeschaltet und döst im Halbdunkel vor sich hin. Ihr Körper scheint kaum Gewicht zu haben und liegt verloren mitten auf der breiten Matratze. Ich vergewissere mich, ob sie noch atmet, ob sie überhaupt noch lebt.
»Kann das nicht bis morgen warten?«, murmelt sie, aber ich rühre mich nicht vom Fleck.
Sie schließt die Augen, macht sie dann wieder auf und dreht sich zu mir hin. Das Licht, das aus dem Flur ins Zimmer fällt, blendet sie, weil ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt sind.
»Von wem ist er denn?«, erkundigt sie sich, aber das weiß ich nicht. Ich dränge sie, mit mir zu kommen, das werde ihr bestimmt guttun.
Schließlich gelingt es mir, sie zu überreden. Unsicher, auf wackligen Beinen, steht sie auf und streicht sich die langen schwarzen Haare glatt, die schon seit Monaten nicht mehr geschnitten wurden. Sie stützt sich auf meinen Arm, während wir gemeinsam zum Esszimmertisch schlurfen, um das Päckchen näher anzuschauen. Vielleicht ist es ja ein Geburtstagsgeschenk für mich. Vielleicht hat sich irgendjemand daran erinnert, dass ich demnächst zwölf werde, dass ich fast erwachsen bin, dass es mich gibt.
Mom lässt sich auf den Stuhl sinken, und ihr Gesichtsausdruck sagt: Warum hast du mich aus dem Bett geholt und meinen ganzen Rhythmus durcheinandergebracht?
Als sie den Absender sieht, nimmt sie den Umschlag vom Tisch und drückt ihn an ihre Brust. Sie reißt die Augen auf und sagt mit feierlicher Stimme: »Er ist von der Familie deines Vaters.«
Wie bitte? Aber Dad hatte doch gar keine Familie. Er war mutterseelenallein auf dieser Welt und hat sie auch allein verlassen – ohne jeglichen Anhang. Ich weiß noch, dass seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sind, als er neun war. Er hat das Tragische immer schon angezogen, hat Mom mal gesagt.
Nach dem Tod seiner Eltern wurde er dann von Hannah erzogen, einer alten Tante, die inzwischen vermutlich längst gestorben ist. Wir hatten keine Ahnung, ob er telefonisch, per Brief oder E-Mail Kontakt zu ihr gehalten hatte. Jedenfalls war sie wohl alles, was ihm von seiner Familie geblieben war. Ihr zu Ehren war ich Anna genannt worden.
Das Päckchen ist zwar in Kanada abgeschickt worden, kommt aber ursprünglich aus Havanna, wie sich herausstellt, der Hauptstadt der Karibikinsel, auf der Dad geboren ist. Denn als wir es aufmachen, sehen wir, dass es noch einen zweiten Umschlag enthält. Und auf diesem Umschlag steht in großen zittrigen Buchstaben: »Für Anna von Hannah«. Das ist kein Geschenk, denke ich. Vermutlich irgendwelche Dokumente oder was weiß ich. Es hat wohl nichts mit meinem Geburtstag zu tun. Oder der Umschlag ist von dem Menschen, der Dad als Letzter lebend gesehen und sich entschlossen hat, uns endlich seine Sachen zu schicken. Nach zwölf Jahren.
Ich bin so aufgeregt, dass ich nicht stillsitzen kann. Immer wieder stehe ich auf, laufe im Zimmer hin und her und setze mich dann wieder. Ich drehe an einer Haarsträhne herum, bis sie völlig verknotet ist. Es kommt mir beinahe so vor, als wäre Dad wieder bei uns. Mom macht den zweiten Umschlag auf. Darin befinden sich alte Fotos und jede Menge Negative, zusammen mit einer Zeitschrift – ist das Deutsch? –, die im März 1939 erschienen ist. Auf der Titelseite ist ein lächelndes blondes Mädchen im Profil abgebildet.
»Das deutsche Mädel«, übersetzt meine Mutter den Titel der Zeitschrift. »Sie sieht aus wie du«, sagt sie dann mit sonderbarem Gesichtsausdruck.
Die Fotos bringen mich auf die Idee, dass ich nun ein neues Puzzle anfangen kann. Es wird mir Spaß machen, mich mit all den Bildern zu beschäftigen, die uns von der Insel geschickt wurden, auf der Dad geboren ist. Ich freue mich über den Inhalt des Briefes, aber eigentlich hatte ich gehofft, ganz andere Dinge zu finden: Dads Armbanduhr vielleicht, die ein Erbstück von seinem Großvater Max war und immer noch funktioniert hat, oder seinen weißgoldenen Ehering oder die randlose Brille. Das sind die Gegenstände, die ich mit Dad in Verbindung bringe, denn er trägt sie auf dem Foto, das ich immer bei mir habe und jede Nacht unter mein Kopfkissen lege, das einmal Dad gehört hat.
Dieses Päckchen dagegen hat nichts mit Dad zu tun. Jedenfalls nicht mit seinem Tod.
Wir kennen die Menschen auf den Bildern nicht, keinen von ihnen. Es ist schwer, auf diesen kleinen verschwommenen Aufnahmen überhaupt etwas zu erkennen. Sie sehen aus, als hätten sie bereits ein Schiffsunglück überlebt. Dad könnte eine der Personen sein. Nein, das ist unmöglich.
»Diese Fotos sind mindestens siebzig Jahre alt«, erklärt Mom. »Ich glaube, da war selbst dein Großvater noch nicht auf der Welt.«
»Wir müssen sie morgen entwickeln lassen«, sage ich und bemühe mich, mir meine Aufregung nicht anmerken zu lassen, um Mom nicht nervös zu machen. Sie betrachtet die geheimnisvollen Bilder genauer und versucht, die Gesichter aus der Vergangenheit zu enträtseln.
»Anna, die sind von vor dem Krieg«, sagt sie nun so ernst, dass es mich fast erschreckt. Jetzt bin ich noch verwirrter. Welchen Krieg meint sie?
Wir gehen die Negative durch und finden dabei eine verblichene alte Postkarte. Mom nimmt sie so vorsichtig in die Hand, als könne sie jeden Moment zu Staub zerfallen.
Auf der einen Seite ein Schiff, auf der anderen eine Widmung.
Mein Herz klopft wie wild. Das könnte ein Hinweis sein, doch auf der Karte steht das Datum 23. Mai 1939. Also hat sie wohl kaum etwas mit Dads Verschwinden zu tun. Mom geht mit der Karte so behutsam um wie ein Archäologe mit einem Ausgrabungsfund, als müsse sie sich gleich Seidenhandschuhe anziehen, um sie nicht zu beschädigen. Zum ersten Mal seit Langem wirkt sie wieder lebendig.
»Es ist höchste Zeit herauszufinden, wer Dad ist«, sage ich und gebrauche dabei die Gegenwartsform, genau wie Mom es immer tut, wenn sie von ihm spricht. Ich betrachte das Gesicht des deutschen Mädchens.
Ich weiß genau, dass mein Vater nicht mehr zurückkommen wird, dass ich ihn an jenem sonnigen Septembertag für immer verloren habe. Dennoch möchte ich mehr über ihn erfahren. Ich habe doch niemanden sonst, nur meine Mutter, die zurückgezogen in ihrem dunklen Zimmer lebt und sich ihren düsteren Gedanken hingibt. Ich weiß, dass es manchmal keine Antworten gibt und wir das hinnehmen müssen, aber ich kann nicht verstehen, wieso Mom nicht mehr über ihn herausgefunden hat und versucht hat, ihn besser kennenzulernen, als sie geheiratet haben. Inzwischen ist es dafür zu spät. Aber so ist Mom nun mal.
Nun haben wir ein Projekt. Ich jedenfalls habe eins. Ich glaube, wir werden bald eine wichtige Spur finden. Mom geht in ihr Zimmer zurück, aber ich bin jetzt bereit, sie aus ihrer passiven Haltung aufzurütteln. Ich klammere mich an diese Sendung einer entfernten Verwandten, die ich nun unbedingt kennenlernen will. Ich lehne die kleine Postkarte an meine Nachttischlampe und dimme das Licht. Dann lege ich mich ins Bett, ziehe mir die Decke bis zum Kinn hoch und starre das Bild an, bis ich einschlafe.
Die Postkarte zeigt einen Ozeandampfer der Hamburg-Amerika-Linie, der den Namen St. Louis trägt. Die Widmung ist auf Deutsch: Alles Gute zum Geburtstag, Hannah. Und unterschrieben ist sie mit: Der Kapitän.
Berlin, 1939
Als ich die schwere, dunkle Holztür von innen aufriss, kam ich versehentlich an den bronzenen Türklopfer. Sein dumpfes Dröhnen hallte durch das stille Haus, in dem ich mich nicht länger sicher fühlte. Ich wappnete mich innerlich für den Lärm draußen auf der Französischen Straße. Überall hingen rot-weiße Fahnen mit dem schwarzen Hakenkreuz, Menschen schoben sich über die Bürgersteige und rempelten einander an, ohne sich zu entschuldigen. Jeder schien irgendwohin zu fliehen.
Irgendwann hatte ich die Hackeschen Höfe erreicht. Vor fünf Jahren hatten sie einem von Papas Freunden, Herrn Michael, gehört. Doch die Barbaren hatten ihn enteignet, und er musste die Stadt verlassen. Wie jeden Mittag erwartete Leo mich vor Frau Falkenhorsts Café, das sich im Innenhof des Gebäudekomplexes befand. Da stand er mit seiner typischen verschmitzten Miene und wollte sich gerade über mein Zuspätkommen beklagen.
Ich holte meine Kamera aus der Tasche und fotografierte ihn. Er nahm verschiedene Posen ein und lachte. In diesem Moment ging die Tür des Cafés auf, und ein Mann mit rot geflecktem Gesicht kam heraus, begleitet von einem warmen Luftstoß und dem Geruch von Bier und Tabak. Ich schob mich dichter an Leo heran – sein Atem roch nach heißem Kakao.
»Wir müssen hier weg«, sagte er. Ich lächelte und nickte.
»Nein, Hannah. Wir müssen von allem weg«, wiederholte er und schloss damit ganz Berlin ein.
Diesmal verstand ich, was er meinte: Keiner von uns wollte noch länger in dieser Stadt leben, umgeben von all diesen Flaggen, den Soldaten in ihren Uniformen, dem Gedränge und Geschubse. Ich gehe mit dir, wohin du willst, dachte ich, während wir die Hackeschen Höfe im Laufschritt verließen.
Wir rannten gegen den Wind an, gegen die Fahnen und Autos. Ich versuchte, mit Leo Schritt zu halten. Er schlängelte sich beim Laufen geschickt durch die Menschenmenge und wich all denen aus, die sich für rein und unbezwingbar hielten. Wenn ich mit Leo zusammen war, gab es tatsächlich Momente, in denen ich weder den Lärm aus den Lautsprechern noch das Geschrei und die Sprechgesänge der Marschierenden hörte. In diesen Momenten war ich einfach nur erfüllt von einem unbändigen Glücksgefühl – auch wenn ich wusste, dass es nicht anhalten würde.
Wir ließen Stadtschloss und Dom hinter uns und liefen auf die Brücke. Wir beugten uns über das Geländer und schauten auf die Spree hinunter. Das Wasser war ebenso dunkel wie die Mauern der Gebäude, die den Fluss säumten. Ich ließ meine Gedanken schweifen, dem leichten Auf und Ab der Strömung hinterher. Mir war, als könnte ich mich hineinwerfen und forttragen lassen – und dabei noch unreiner werden. Dabei war ich an diesem Tag ganz rein gewaschen. Niemand würde es wagen, mich anzuspucken. Ich war genau wie sie. Wenigstens äußerlich.
Auf Fotos hat das Wasser der Spree immer einen silbernen Glanz, und die Brücke zeichnet sich am Rand des Bildes dunkel ab. Ich stand gerade in der Mitte der Brücke, über dem kleinen Bogen, als Leo aufgebracht nach mir rief.
»Hannah!«
Wieso musste er mich aus meinen Tagträumen reißen? Nichts konnte in diesem Moment wichtiger sein, als einfach mal abzuschalten, meine Umgebung auszublenden und mir vorzustellen, dass wir nirgendwohin gehen mussten.
»Da macht jemand Fotos von dir!«
Erst jetzt bemerkte ich den schlaksigen Mann mit dem kleinen Bauchansatz. Er hielt eine Leica auf mich gerichtet und stellte sie gerade schärfer. Ich wandte mich ab und ging ein Stück weiter, damit er mich nicht so leicht fotografieren konnte. Vermutlich gehörte er zu den Barbaren und wollte uns melden, oder er war ein Spitzel, der für die Polizeiwache auf der Iranischen Straße arbeitete und uns denunzieren wollte.
»Er hat dich auch fotografiert, Leo. Nicht nur mich. Was will er von uns? Können wir noch nicht mal in Ruhe hier auf unserer Brücke stehen?«
Mama wollte nicht, dass wir überhaupt in der Stadt herumliefen, denn es wimmelte überall von Spitzeln und Polizeikräften, die nicht gerade zimperlich vorgingen. Niemand verbarg seinen Hass auf uns. Wir wurden angepöbelt und beleidigt von denen, die sich als Vorbilder der Pflichterfüllung und Gesetzestreue betrachteten. Die Barbaren griffen uns an und beschimpften uns, von uns dagegen wurde erwartet, dass wir ruhig blieben und stumm ihre Tritte einsteckten.
Anscheinend hatten sie uns angesehen, dass wir zu den Unreinen gehörten, und uns denunziert. Ich lächelte dem Mann mit der Leica zu. Er hatte einen unglaublich großen Mund. Aus seiner Nase tropfte eine zähe, durchsichtige Flüssigkeit. Er wischte sie mit dem Handrücken ab und drückte mehrmals auf den Auslöser seiner Kamera. Ja, machen Sie doch so viele Bilder, wie Sie wollen! Schicken Sie mich ruhig ins Gefängnis!
»Komm, wir schnappen uns seine Kamera und werfen sie in den Fluss!«, flüsterte Leo mir zu.
Ich konnte meinen Blick nicht von diesem erbärmlichen Kerl abwenden, der mich mit gierigen Blicken betrachtete und kurz davor war, sich auf den Boden vor meinen Füßen zu werfen, um den besten Winkel zu erhaschen. Am liebsten hätte ich ihn angespuckt. Seine dicke, feuchte Nase ekelte mich an. Sie war so riesig, wie sonst die Nasen der Unreinen auf der Titelseite des Stürmers karikiert wurden, der Zeitschrift, die uns verachtete und sich so großer Beliebtheit erfreute. Wahrscheinlich gehörte der Mann zu den Leuten, die alles darum geben würden, um von den Barbaren anerkannt zu werden. »Abschaum« nannte Leo diese Leute immer.
Ich fing an zu zittern. Leo lief los und zerrte mich an der Hand hinter sich her wie eine Puppe. Der Mann winkte und versuchte, uns einzuholen. Ich hörte ihn rufen: »Mädchen! Wie heißt du? Ich brauche deinen Namen!«
Glaubte er wirklich, dass ich freiwillig stehen bleiben und ihm meinen Namen, mein Alter und meine Adresse sagen würde?
Wir versuchten, uns unauffällig unter den Verkehr zu mischen, und überquerten die Straße. Eine überfüllte Straßenbahn fuhr vorüber. Wir sahen den Mann immer noch auf der Brücke stehen. Wir lachten, und er rief uns tatsächlich ein »Auf Wiedersehen« hinterher.
Wir machten uns auf den Weg zu unserer Lieblingskonditorei, dem Café Hirsch auf der Schönhauser Allee. Dort konnten wir uns den ganzen Nachmittag den Bauch mit Süßigkeiten vollschlagen, ohne Angst haben zu müssen, dass uns irgendjemand beleidigte. Leo hatte eigentlich immer Hunger, und auch mir lief das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an die Pfeffernüsse dachte, die es dort auch außerhalb der Feiertage gab. Ich mochte am liebsten die mit Zuckerstreuseln, während Leo die mit Zimtüberguss vorzog. Nach dem Essen hatten wir nicht nur die Finger weiß verschmiert, sondern auch kleine Zuckergussbärtchen unter der Nase und machten uns einen Spaß daraus, den Hitlergruß auszuführen. Leo stellte sich hin wie ein Verkehrspolizist, der das Stoppzeichen macht, indem er den Arm senkrecht emporstreckte und zu einem L knickte. Leo ist ein richtiger Spaßvogel, sagte Mama immer.
Kurz vor dem Café von Georg Hirsch blieben wir wie erstarrt an der Straßenecke stehen: Auch hier waren die Fensterscheiben eingeworfen worden, und die Hauswand war mit Beschimpfungen beschmiert. Ich machte ganz viele Fotos. Ich konnte Leo ansehen, wie betroffen er war. Eine Gruppe Barbaren kam im Gleichschritt um die Ecke marschiert und sang ein Loblied auf völkische Reinheit und das Land, das nur ihnen gehören sollte. Adieu, Pfeffernüsse!
»Ein weiteres Zeichen dafür, dass wir gehen müssen«, sagte Leo traurig.
Gehen – damit meinte Leo nicht diese Straßenecke, die Brücke oder den Alexanderplatz. Sondern er meinte, dass wir ganz fortgehen und das Land verlassen sollten.
Womöglich warteten sie schon zu Hause auf uns und wollten uns einsperren. Auf jeden Fall aber würde Mama mit uns schimpfen – wir würden nicht ungeschoren davonkommen.
Am Stadtbahnhof Hackescher Markt stiegen wir gleich in den ersten S-Bahn-Waggon ein. Wir saßen gegenüber von zwei Damen, die sich die ganze Zeit darüber beklagten, wie teuer alles geworden sei. Sie jammerten über die Lebensmittelkürzungen und darüber, wie schwer es heutzutage sei, richtigen Kaffee zu finden. Jedes Mal, wenn sie gestikulierend die Arme hoben, zog ein milder Schweißgeruch, vermischt mit dem Duft von Rosenwasser und Tabak, durchs Abteil. Der Vorderzahn der einen Frau war mit Lippenstift beschmiert, sodass es beim Reden aussah, als hätte sie sich geschnitten. Während ihr Mund auf und zu ging, fing ich unwillkürlich an zu schwitzen. Das ist kein Blut, sagte ich mir immer wieder, während ich ihren großen Mund anstarrte. Anscheinend fühlte sie sich durch meinen eindringlichen Blick gestört, denn sie wedelte mit der Hand in meine Richtung, dass ich wegschauen sollte. Ich senkte den Kopf und versuchte, den muffigen Geruch zu ignorieren, der von ihr ausging. Dann kam der blau uniformierte Schaffner und ließ sich unsere Fahrscheine zeigen.
Zwischen Bahnhof Zoo und Savignyplatz schauten wir aus dem Fenster und betrachteten die rußigen Fassaden der Häuser. Schmutzige Scheiben, auf einem Balkon klopfte eine Frau einen fleckigen Teppich aus, an den Fenstern standen Männer und rauchten, und überall hingen die rot-weißen Fahnen mit dem schwarzen Hakenkreuz. Leo zeigte auf ein schönes Haus in der Fasanenstraße, in der Nähe des S-Bahn-Übergangs. Immer noch stieg Rauch aus dem Dach der zerstörten Kuppel. Niemand sonst beachtete das verwüstete Gebäude. Wahrscheinlich hatten sie ein schlechtes Gewissen. Sie wollten lieber nicht sehen, was aus der Stadt wurde. Auch die Frau mit dem lippenstiftverschmierten Vorderzahn wandte den Blick ab. Weder wollte sie den Rauch wahrnehmen, noch wagte sie es jetzt, uns in die Augen zu schauen.
An der nächsten Station stiegen wir aus und liefen ein paar Häuserblocks zurück bis zur Fasanenstraße. Als wir das Haus mit der feuchten, brüchigen Stuckfassade erreicht hatten, traten wir durch einen Seiteneingang in den Innenhof. Noch ehe wir unter Herrn Brauns Fenster angekommen waren, konnten wir schon sein Radio hören, das wie üblich auf voller Lautstärke lief.
Herr Braun war ein widerlicher alter Mann, der sehr schlecht hörte. Leo nannte ihn »den Grobian« oder auch »den Barbaren«, so wie er auch die anderen vermeintlich reinen Männer in ihren Braunhemden als Barbaren bezeichnete. Wir hockten uns unter das Fenster des Grobians, mitten zwischen dreckige Pfützen und Zigarettenstummel. Hier war unser Lieblingsversteck. Manchmal sah der Grobian uns allerdings und rief uns das mitJ beginnende Schimpfwort hinterher, das Leo und ich lieber nicht aussprachen. Denn, wie Mama immer sagte, waren wir doch in erster Linie Deutsche.
Leo verstand nicht, wieso ich die schlammigen Pfützen, die feuchten Zigarettenstummel, das brüchige Mauerwerk oder die Scherben der kaputten Fensterscheiben fotografierte. Ich fand, dass jedes dieser Bilder mehr wert war als Fotos von den Barbaren oder ihren fahnengeschmückten Gebäuden – ein solches Berlin wollte ich gar nicht sehen.
Nicht einmal der Qualm, der aus dem brennenden Gebäude emporstieg, konnte den schlechten Atem des Grobians überdecken, der nach einer Mischung aus Knoblauch, Tabak, Schnaps und Schweinewurst roch. Er schnäuzte sich in einem fort und spuckte. Ich weiß nicht, was mich mehr ekelte – der widerliche Geruch aus seiner Wohnung oder der Anblick seines Gesichts. Immerhin bekamen wir dank seiner Taubheit mit, was gerade in Berlin vor sich ging.
Zu Hause durften wir nämlich kein Radio mehr hören, wir durften weder Zeitungen kaufen noch das Telefon benutzen.
»Das ist gefährlich«, warnte Papa mich. »Wir wollen uns lieber keinen Ärger einhandeln.«
Der Grobian verstellte mehrmals den Radiosender. Die Nachrichten – oder die Befehle, wie Leo sie immer nannte – begannen in ein paar Minuten, und bis dahin würde der Grobian in der Wohnung herumlaufen und Krach machen. Schließlich setzte er sich dicht ans Fenster. Leo zog mich rasch zur Seite, als der Grobian hinausschaute, gerade noch rechtzeitig. Wir konnten uns das Lachen kaum verbeißen, denn inzwischen kannten wir seine Gewohnheiten ganz genau.
Leo wusste, dass ich am liebsten den ganzen Tag mit ihm verbracht hätte und mich in seiner Gegenwart sicher fühlte. Wenn wir zusammen waren, dachte ich nicht mehr daran, wie meine Mutter zu Hause vor sich hin welkte oder dass Papa gerade seine ganze Kraft daran setzte, unser Leben zu ändern.
Leo war überaus wissbegierig. Er ging nicht, sondern rannte, immer hatte er es eilig, immer ein Ziel vor Augen, das er erreichen oder mir zeigen wollte. Er wagte sich in die unterschiedlichsten Viertel vor, um sich ein Bild davon zu machen, was gerade in unserer Stadt geschah, die täglich weiter auseinanderbrach. Manchmal mischte Leo sich auch unter die Horden grölender Barbaren, die mit ihren Fahnen durch die Straßen marschierten, aber ich traute mich nicht, ihn zu begleiten. Wenn wir zusammen waren, redete Leo meistens schnell und aufgeregt auf mich ein, als könne er voraussehen, dass uns nicht mehr viel Zeit blieb. Die einzigen Momente, in denen wir wirklich zur Ruhe kamen, waren hier, unter dem Fenster des Grobians, wenn wir dem alten Radio lauschten, das auf voller Lautstärke lief.
Leo war zwei Monate älter als ich, weshalb er sich für reifer und erwachsener hielt. Ich ließ ihm diese Illusion, weil er mein einziger Freund war, der einzige Mensch, dem ich ganz und gar vertrauen konnte.
Manchmal spionierte er seinem Vater hinterher, wenn dieser sich mit meinem Vater traf. Seit die beiden Männer einander im Polizeirevier in der Grolmanstraße begegnet waren, wo es laut Leo nach Urin stank, heckten sie irgendeinen Plan aus. Leo erzählte mir von Ideen, die mir Angst machten und die ich lieber ignorierte. Wir ahnten, dass unsere Väter irgendetwas Großes vorhatten, wussten aber nicht, ob sie uns in ihren Plan einschlossen oder nicht. Ich glaubte nicht, dass sie uns im Stich lassen oder uns auf eine besondere Schule außerhalb Berlins schicken würden – oder gar in ein anderes Land, so wie einige von Leos Nachbarn es mit ihren Kindern getan hatten. Doch unsere Väter führten irgendwas im Schilde, da war sich Leo sicher. Und das machte mir Angst.
Herr Martin war Steuerberater, hatte jedoch all seine Kunden verloren. Leo und er teilten sich ein Zimmer in einer Pension in der Großen Hamburger Straße 40. Ihr Haus befand sich gleich neben einem Asyl, in dem Frauen, Kinder und alte Leute untergebracht waren – all jene Menschen, mit denen man nichts anzufangen wusste. In das Viertel, in dem Leo jetzt wohnte, hätte Mama freiwillig keinen Fuß gesetzt.
Leos Mutter war es gelungen, nach Kanada zu fliehen, zu ihrem Bruder, der Schwägerin und Nichten und Neffen, die sie vorher noch nie gesehen hatte. Leo und sein Vater machten sich jedoch keine Hoffnungen, ihr in absehbarer Zeit folgen zu können. Sie suchten nach anderen »Möglichkeiten zur Flucht«, wie Leo es formulierte. Mein Vater war Teil dieser Verschwörung. Leo zufolge hatte auch er Geld nach Kanada geschickt, seit man unsere Bankkonten in Berlin eingefroren hatte.
Das zumindest war eine gute Nachricht. Leo und ich wären mit jeglicher Entscheidung unserer Eltern einverstanden gewesen, vorausgesetzt, sie schloss uns beide gemeinsam sowie unsere beiden Familien ein. Leo war sich sicher, dass meine Eltern seinen Vater finanziell unterstützten, da dieser in Berlin nicht mehr arbeiten konnte und mittellos war. Er glaubte auch, dass sie ihm ermöglichen würden, ebenfalls zu fliehen.
Leo hatte sich angewöhnt, seinen Vater zu den vormittäglichen Treffen mit Papa zu begleiten. Er tat so, als höre er den beiden gar nicht zu, und gab vor, sich mit etwas ganz anderem zu beschäftigen, damit die beiden ihre Gespräche und Planungen nicht unterbrachen. Ich zog ihn mit seinen Aktivitäten als »Spion der Martin-Rosenthal-Verbindung« auf, doch Leo nahm seine Aufgabe sehr ernst und hielt Augen und Ohren offen.
Allerdings wollte er auf keinen Fall, dass ich ihn in seiner neuen Wohnung besuchte.
»Wozu, Hannah? Es lohnt sich wirklich nicht.«
»Es kann dort auch nicht schlimmer sein als in dem Durchgang beim Grobian, wo wir immer Radio hören.«
»Frau Dubiecki möchte nicht, dass wir Besuch bekommen. Sie ist eine alte Hexe und nutzt unsere Notlage gnadenlos aus. Keiner der Hausbewohner kann sie leiden. Und Papa würde sich bloß wieder ärgern. Außerdem gibt es nicht einmal einen Platz, wo man sich ordentlich hinsetzen kann.«
Er zog ein Stück Brot aus der Tasche, brach ein großes Stück ab und steckte es sich in den Mund. Er bot mir etwas an, aber ich hatte in der letzten Zeit keinen Appetit mehr. Ich aß nur, wenn ich unbedingt musste. Leo dagegen ließ sich das Brot schmecken, und ich betrachtete ihn, während er kaute.
Leo schien aus jeder Pore Energie zu verströmen, er hatte lebhafte braune Augen, und seine Haut war immer leicht rötlich und gut durchblutet, seine Wangen leuchteten.
»Bei mir sieht man wenigstens, dass ich Blut in den Adern habe«, brüstete er sich schon mal. »Du bist so blass, dass du fast durchsichtig bist! Ich kann in dich reinsehen, Hannah!« Ich wurde rot.
Leo machte nicht viele Gesten, und das brauchte er auch nicht, denn wenn er redete, drückte schon sein Gesicht unzählige Gefühle aus. Ich konnte gar nicht anders, als ihm zuzuhören. Er bombardierte mich mit seinen Worten – er machte mich nervös, brachte mich aber auch zum Lachen und zum Zittern – alles auf einmal. Wenn man Leo zuhörte, war es immer, als könnte alles um einen herum im nächsten Moment explodieren.
Leo war hoch aufgeschossen und schlaksig. Obwohl wir gleich groß waren, wirkte er durch seinen ungebärdigen schwarzen Lockenkopf immer ein paar Zentimeter größer. Wenn er etwas Wichtiges sagen wollte, biss er sich vorher oft so fest auf die Lippen, dass es aussah, als würden sie gleich anfangen zu bluten. Seine großen, weit geöffneten Augen schauten immer ein wenig verschreckt, und er hatte die längsten und dunkelsten Wimpern, die mir je begegnet waren. »Deine Wimpern sind immer schon vor dir da«, neckte ich ihn manchmal. In Wahrheit beneidete ich ihn natürlich um seine Wimpern, denn über meine eigenen war ich ganz unglücklich, weil sie so hell waren, dass man sie kaum sah. Genau wie bei Mama.
»Du brauchst keine langen dunklen Wimpern«, tröstete Leo mich. »Nicht bei deinen riesigen blauen Augen.«
Der ekelhafte Gestank erinnerte mich wieder daran, dass wir immer noch in dem Durchgang hockten. Der Grobian schlurfte über uns in seinem Zimmer auf und ab. Er verließ seine Wohnung nur, um einkaufen zu gehen.
Leo hatte mir mal erzählt, dass der Grobian früher ein paar Straßen weiter in der Metzgerei von Herrn Schemuel gearbeitet hat. Dann hat er eines Tages selbst den Besitzer denunziert. Als die Barbaren an die Macht kamen, fühlte er sich wohl groß und mächtig – plötzlich verfügte ein kleiner, unbedeutender Mensch wie er über die Macht, andere Existenzen zu vernichten.
In jener schrecklichen Nacht im November, über die alle immer noch redeten, hatten sie Herrn Schemuel erst die Ladenfenster eingeworfen und dann seine Metzgerei ganz geschlossen. Seit jener Nacht hing dieser beißende Geruch über der Stadt: ein übler Gestank nach gebrochenen Kanalrohren, Abwasser und Qualm. Herr Schemuel wurde verhaftet, und seitdem hat man nichts mehr von dem Mann gehört, der früher das beste Fleisch im ganzen Viertel verkaufte.
Und jetzt hatte der Grobian keine Arbeit mehr. Was hatte es ihm also genutzt, Herrn Schemuel zu denunzieren?
Die Barbaren hatten Berlin übernommen. In jedem Häuserblock gab es einen sogenannten Blockleiter, der die Aufgabe hatte, alle Andersdenkenden zu beobachten, zu melden und ihnen das Leben unmöglich zu machen – Leuten wie uns, die aus Familien stammten, die nicht mit ihrer Vorstellung von einer Familie übereinstimmten. Wir mussten uns ihnen gegenüber äußerst vorsichtig verhalten, genau wie gegenüber den Spitzeln, die meinten, sich selber retten zu können, indem sie uns denunzierten.
»Es ist besser, wenn man in seiner Wohnung bleibt, hinter verschlossenen Türen und Fenstern«, sagte Leo immer. Aber wir beiden schafften es nicht, uns ruhig an einem Fleck aufzuhalten. Wozu auch – wenn doch unsere Eltern uns demnächst sowieso irgendwohin schicken würden?
Mir sah man meine Herkunft allerdings nicht an. Ich konnte auf den Parkbänken sitzen, die uns eigentlich verboten waren, und auch in die Straßenbahnabteile einsteigen, die den reinrassigen Deutschen vorbehalten waren. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich auch eine Zeitung kaufen können.
Leo war der Meinung, dass ich mit meinem Aussehen überall durchgehen würde. Äußerlich hatte ich keines der typischen Kennzeichen, obwohl alle vier Großeltern das Stigma trugen, das den Barbaren so verhasst war. Bei Leo war es genauso. Sie hielten ihn für einen der ihren, obwohl er selbst glaubte, dass seine Nase oder sein Blick ihn verraten würden. Dabei konnte es ihm vollkommen egal sein, ob jemand seine Abstammung erkannte, denn er war äußerst geschickt darin zu fliehen und konnte schneller rennen als der berühmte amerikanische Sprinter Jesse Owens.
Mein Aussehen, das mir ermöglichte, meine Herkunft zu verbergen, wurde mir allerdings von meinen eigenen Leuten übel genommen. Sie dachten, dass ich mich für sie schämen würde. Niemand mochte mich. Ich gehörte nirgendwo richtig hin, doch das störte mich nicht, solange ich nur Leo hatte.
Wir versteckten uns oft unter dem Fenster des Grobians, um herauszufinden, was in der Welt vor sich ging. Hatten wir nachmittags einmal keine Zeit für einen Abstecher dorthin, machte sich Leo sofort Sorgen, er könnte eine wichtige Neuigkeit verpassen, irgendeine Entwicklung, die unser Schicksal bestimmen würde.
Der Sohn des Bäckers, der stolz auf seine riesige Hakennase war, tauchte im Hofdurchgang auf und störte uns. Er war ein Freund von Leo. Ich sah zu Boden. Wenn Leo mit ihm spielen wollte, sollte er doch. Ich würde mir schon eine andere Beschäftigung suchen.
»Triffst du dich schon wieder mit ihr?«, rief Leos Freund. »Komm raus aus diesem dreckigen Loch, und lass das deutsche Mädel in Ruhe!« Als er mich so nannte, betonte er sorgfältig jede Silbe und zog eine Grimasse. »Gib dich nicht mit ihr ab. Die hält sich für was Besseres. Komm mit, wir schauen uns die Schlägerei an der Straßenecke an. Die prügeln sich da halb tot. Mach schon!«
Leo forderte ihn auf, leiser zu sprechen und zu verschwinden.
»Liebchen, mein Augenstern!«, flötete der Bäckerjunge, als wären Leo und ich ein Liebespaar, aber dann machte er sich davon.
Leo versuchte, mich zu trösten. »Mach dir nichts draus«, sagte er leise. »Er ist bloß ein Gassenjunge!«
Ich wäre am liebsten nach Hause gegangen und hätte meine Nase vergrößert, mir die Haare gelockt und schwarz gefärbt. Ich hatte genug davon, dass die Leute mich für ein Mädchen hielten, das ich nicht war. Vielleicht war ich gar nicht die Tochter meiner Eltern, sondern in Wahrheit ein Waisenkind – ein arisches Waisenkind, das von einem reichen Judenpaar adoptiert worden war, das sich für etwas Besseres hielt, weil es Geld, Juwelen und Grundbesitz hatte.
Die Nachrichten, die aus dem Radio des Grobians schallten, rissen mich aus meinem Selbstmitleid. Es gab schon wieder neue Gesetze und Vorschriften, nach denen wir uns zu richten hatten. Bei jeder neuen Verfügung, die aus dem Radio dröhnte und mir in den Ohren klang, zuckte ich zusammen.
In Zukunft sollten wir all unsere Besitztümer registrieren lassen. Viele von uns müssten ihre Namen ändern und ihre Häuser, Grundstücke und Unternehmen verkaufen – zu Preisen, die sie uns vorgaben.
Wir waren Monster. Wir stahlen anderen Leuten das Geld. Wir hatten die Menschen, die weniger besaßen als wir, zu Sklaven gemacht. Wir zerstörten die Kultur des Reiches. Wir hatten dem deutschen Volk das Blut ausgesaugt. Wir stanken. Wir glaubten an einen anderen Gott. Wir waren Krähen. Wir waren unrein. Doch wenn ich Leo und mich anschaute, konnte ich nichts erkennen, was uns von Gretel unterschied.
Die Säuberung Berlins hatte begonnen. Die schmutzigste Stadt Europas würde bald mit kräftigem Strahl gereinigt werden.
Sie mochten uns nicht. Niemand mochte uns.
Leo zog mich hoch, und wir verließen unser Versteck. Ich trottete ziellos hinter ihm her.
Der Grobian erschien am Fenster und blickte mit selbstgefälliger Miene in den Hof. Genau wie alle anderen war er offenbar zufrieden, dass endlich die große Säuberungsaktion nahte. Der Moment war gekommen, in dem die unerwünschten Elemente vernichtet würden, zerquetscht, verbrannt, erstickt, bis keiner mehr unter ihnen war, der ihre Reinheit und Vollkommenheit bedrohte.
Und in dem selbstzufriedenen Bewusstsein, besser zu sein als alle anderen, ja geradezu gottähnlich, zog der Grobian die Nase hoch und spuckte einen dicken Rotzklumpen aus dem Fenster, der auf das Pflaster des Innenhofs klatschte.
New York, 2014
Heute bin ich früher als sonst wach geworden. Ständig muss ich an das Gesicht des deutschen Mädchens auf der Zeitschrift denken – es sieht mir wirklich ähnlich. Die verblichene Postkarte mit dem Passagierdampfer habe ich auf meinen Nachttisch gestellt, gleich neben das Foto von Dad.
Dieses Bild von Dad ist mein Lieblingsfoto. Es kommt mir so vor, als ob er mich von dem Bild direkt anschaut. Es zeigt seine schwarzen, zurückgekämmten Haare, die buschigen dunklen Augenbrauen und die großen Augen hinter der randlosen Brille. Auf seinen schmalen Lippen liegt die Andeutung eines Lächelns. Ich finde, Dad ist der bestaussehende Mann der Welt.
Immer wenn ich etwas auf dem Herzen habe, wenn ich mich zum Beispiel über irgendwas in der Schule geärgert habe und meine Sorgen mit jemandem teilen will, halte ich das Foto unter meine Nachttischlampe. Die Lampe habe ich schon ganz lange. Sie hat einen Schirm, der sich dreht, und die grauen Einhörner auf dem Schirm galoppieren so lange im Kreise herum, bis das Licht ausgeschaltet wird und ich einschlafe.
Manchmal trinke ich auch mit Dad zusammen Tee, wir teilen uns einen Schokoladenkeks, oder ich lese ihm ein Stück aus unserer Schullektüre vor.
Wenn ich ein Spanischreferat vortragen muss, übe ich vorher mit Dad. Er ist der beste Zuhörer der Welt, versteht alles und bleibt immer entspannt.
Mom hat mir erzählt, dass Dads Lieblingskinderbuch Robinson Crusoe war. Deshalb hat sie mir dieses Buch auch zum ersten Schultag geschenkt. Sie hat mir ihre schmalen Hände auf die Schultern gelegt, mich ernst angeschaut und gesagt: »Damit du schnell lesen lernst!«
