Das Erbe - Frank Merck - E-Book

Das Erbe E-Book

Frank Merck

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Beschreibung

Begegnungen eines Moralisten mit einem Obdachlosen und einer Wegameise. In der Höhle eines Dachappartements verarbeitet Mica seine Trennung. Überlebenswille und die Suche nach Menschlichkeit kämpfen um seine gebeutelte Seele. Die Schuld am Kältetod eines Obdachlosen wird Auslöser seiner Selbstreflektion und Wegweiser aus der Niederlage. Eng mit dem Scheideweg der Gesellschaft verbunden führt ihn die innere Odyssee zu einer roten Ledertasche. Sie begleitet den Umbruch aus der egomanischen Welt und wird Symbol der Befreiung. In einer veränderten Zukunft erkennt er Zusammenhänge, die ihm existenzielle Antworten abverlangen. Selbstbewusst wandert Frosch, eine optimistische Wegameise, nach Australien aus. Zahlreiche Verluste begleiten ihre rastlose Reise. Die Lebensplanung scheint abgeschlossen, als Zweifel ihr positives Gemüt zerfressen und innere Zwänge sie zur Umkehr bewegen. Leon, der Bärtige liegt erfroren in der Passage. Tief durchdringt sein Abschiedsbrief Micas Leben und entwickelt sich zum fundamentalen Wegweiser. Posthum erfüllt Leon eine letzte Pflicht. Nach einem Wiedersehen mit Mica kann sich seine Zufriedenheit entspannt zurücklehnen. Der Roman sucht die Abrechnung mit bestehenden Lebensformen und negativen Entwicklungen.

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Seitenzahl: 114

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Frank Merck

Das Erbe

Der Evolution, in der Hoffnung sie schreitet voran.

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Das Erbe

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11 Frosch

12

13

14 Leon

15

16

II. Frei

17 Einheit

18

19

20

21

22

Impressum neobooks

Das Erbe

D A S E R B E

F R A N K M E R C K

Der Evolution. In der Hoffnung, sie schreitet voran.

Nachfolgender Text enthält zutiefst negative Gedanken. Destruktiv und subversiv erreichen sie toxische Form. Sanguinikern und Melancholikern wird von der Lektüre abgeraten.

l. Gefangen

Ameisen leben in Kolonien. Ein Zehn-Sekunden-Gedächtnis brachte sie hundertvierzig Millionen Jahre weit. Ihre Biomasse übersteigt bei weitem die, der menschlichen Rasse. Ihre Bauten zählen zu den Meisterwerken der Ingenieurskunst. Ein einzelner Mensch erscheint intelligent, Menschenmassen dumm. Bei Ameisen verhält es sich umgekehrt.

Nein, hab ich gesagt. Als glatter Schnitt durchtrennen die Worte Micas Traum. Ihre endgültige Schärfe verhindert eine Rückkehr ins Unterbewusste. Tief klafft die Wunde. Aus dem schlafenden Leben gerissen versucht Micas Blick das Fenster zu schließen. Bestimmend hält ihn wohlige Wärme unter der Decke. Fernes Treiben, ein Bistro unter Platanen und der gleichmäßige Fluss selbstverständlicher Freiheit beschweren die Lider. Die hochgeschraubten Frequenzen der weiblichen Stimme, jeden Widerspruch ausschließend, überfordert holten ihn zurück. Könnte er Träume kontrollieren, würde er ihnen die Flucht in die südfranzösische Stadt verbieten, zu Leben, Liebe, Essen, in gedankenlos schattig, heiße Leichtigkeit, in mit unerschütterlicher Verliebtheit gesättigte Luft, durchdrungen vom kräftigen Knoblauchgeruch der moules marinières, leichtsinnig treibend. Er kann sie riechen, ihren Körper, die verwehenden Aromen einer warmen Nacht. Im Regal versteckt sich das Kochbuch mit dem abgeschriebenen Rezept. Zerfleddertes, oft benutztes Relikt. Liebe traf Nahrung. Besteckloser, sorgenfreier Geschmack. Skizzen, in eine tiefstehende Sonne gemalt, kommendes Treiben der Gaukler

und Lebemenschen erahnend. Abendstunden. Abermals gefriert Schrille Micas Gedanken. Gegenwart fröstelt. Gleichgültigkeit nimmt sich die Jacke, stellt den Kragen. Es genügt nicht, einfach nur zu sein. Verharrende Momente sind keine Momente, werden Körper. Eingenistet als ewiges Vermächtnis erreichen kleinste Gesten ihre Bestimmung. Ein warmer Fluss gelebter Empfindung brennt irreversible Erinnerung, schlägt Kerben in Stahl, verewigt als Algorithmus. Vergeblich, um ihre Existenzlosigkeit wissend, sucht Mica eine Delete-Taste, wühlt schläfrig und unmotiviert in den Ratschlägen seiner Vernunft. Erfolgloses nach vorn denken. Tief vergraben im verblassten Leben ruht der Schlüssel zur Sorglosigkeit. Selbstschutz und Überlebenstrieb befehlen ein Einmauern gelebter Träume, dazu verurteilt die Höhepunkte der Vergangenheit zu vergessen. Ihre Schönheit zerfetzt seine Seele, vergiftet das Blut. Täglich. Sekündlich. Nässe eines dunkelkalten Schwefelnebels durchdringt Organe und zerfrisst Gefäßwände. Ein Blick zurück ist reiner Schmerz. Vergessen. Vernichten. Restlos. Zerrissenheit quält, spaltet. Kreisende Gedanken zerfetzen Klarheit im Ansatz. Hoch und kantig türmt sich der Berg aus Scherben. Kleinteilig, rasiermesserscharf, unwiderruflich zerstört. Instinktiv lässt sich Mica hineinfallen, umarmt, drückt, liebkost ihn, hält ihn fest. Hält sich fest. Wühlt nach den vergrabenen Jahren. Fühlt dumpf frische Schnitte, neue Wunden. Leuchtend rot überzieht Verletzung das Glas, lackiert makellos glänzend Splitter. Überdeckt, zerläuft, hellt auf, tropft und übermattet Spiegelungen mit rosagelbem Plasma. Entsetzt wendet sich Mica ab. Verstand setzt sich zur Wehr. Hoch über dem Horizont leuchtet Vergessen. Seine letzte Chance verfestigt sich zur Pflicht.

Als er sich von seiner Matratze erhebt, schwingt noch das Echo der schneidenden Stimme zwischen den Wänden. Unfähig weitere Aggression zu ertragen durchquert er das Zimmer, zieht intuitiv am Fenstergriff und überschwemmt den Raum mit der aufreizenden Freiheit des Alltags. Helle Schallwellen durchstechen die eingedrungenen Geräusche. Die Glocke einer neuen Religion ruft zum Gebet, durchbohrt sein Ohr, hin zum Empfinden. Jemand denkt an ihn. Der Empfangston der Kurznachricht lenkt seinen Blick. Sehnsucht lässt Finger den Touchscreen finden. Versenden elektronischer Seelenfetzen war Sprachersatz seiner resignierten Lebensform. Zwanglos, cool und unkonkret hingeworfene Fragmente befehlen die Hand, lenken seien Nähe lechzenden Willen. Freiheit verwandelte sich in Unterwerfung. Die erwartungsvolle Anspannung fordert blinden Gehorsam, unfähig zu erkennen, dass nicht Geschwindigkeit und Zeit, sondern Nähe und Intensität, Sinn entfalten. Das Grundnahrung gewordene Elixier aus Außenweltkontakt, Selbstbestätigung und Gefühlsuche, stärkt ihn. Einsamkeit bevormundet. Im Tal wachsender Gletscher, Alltag gewordene Realität.

Freiheit. Ohne Besitz, ohne Bindung. Nichts, das verloren geht. Authentische Befreiung liegt nicht in Besitzlosigkeit. Jenseits von Materiellem sollte sich Freiheit wärmer anfühlen. Freier. Selbstgemachte Zwänge und freudlose Plackereien einer grotesk gewordenen, sozialen Marktwirtschaft warten auf ihre Erfüllung, täglich. Die Fratzen ihrer makellosen Gesichter lächeln Mica täglich entgegen. Rudimentäre Ansprüche liegen auf den Opfertischen des Maximierungswahns. Zufriedenheit, Gerechtigkeit und Loyalität verströmen ihr Blut über Hochglanzböden der Glaspaläste. Moderne Galeerenführer, Oligarchen, Aufsichtsräte, gewählte Politiker und skrupellose Lobbyisten betreiben erfolgreich die gefeierte Ausbeutung. Rücksichtslos und perfide katapultieren sie Gewinne in schwindelerregende Höhen. Unbemerkt werden Menschenrechte zu Grabe getragen, ihre Enthauptung verheimlicht, ihr bereits totes Leben auf die höchsten Fahnen geschrieben. Sie sind zur Makulatur vertrocknet. Kapitalismus hat Fahrt aufgenommen, längst menschlicher Entwicklung enteilt. Zurückgelassene Suchende erwarten Antworten. Sie finden sich nicht mehr in Maschinenhirnen globaler Unternehmen. Vergeblich versuchen sich Politiker und Staaten am Spagat zwischen Mensch und Unternehmen, zwischen Nationalismus und Globalisierung. Ekel übermannt Mica. Globalisierung. Die einmalige Chance die Menschheit zusammenzuführen sieht er vertan. Maximierungswahn prescht über Würde und Moral, überrollt erbarmungslos persönliche Empfindung. Liebe, Zuversicht, Respekt, Angst, Freude, Schmerz, Zufriedenheit, Trauer und Natürlichkeit sterben den Tod auf den Abstellgleisen des menschlichen Brachlands. Hysterische Selbstverwirklichung ersetzt gesunden Menschenverstand. Zwischen Wellnessoasen und Après Ski fehlt Zeit. Zeit zu denken. Nachzudenken. Während Faust mit Jetlag auf Bali relaxt, feiert Goethe mit Hansi im Ötztal. Sie rütteln keinen wach. Dadaisten, Existenzialisten, Philosophen, Einfache und Ehrliche verstecken sich hinter frisch getünchten Fassaden der Resignation. Wacht auf. Schluss damit. Zeit schläft nicht. Kultur ist bereits zu einem Furz vergangener Vier-Sterne-Menüs verkommen.

Der Ausverkauf der Demokratie schreitet voran. Kein Aufbegehren. Kein Schrei. Destruktiv gewordene Normalität empört sich nicht mehr. Verlockend blenden Annehmlichkeiten mit falschen Versprechen, verzerrt durch rosafarbene Luxusbrillen des Konsums. Mica fragt sich, ob sein Bewusstsein trügt oder sein Gehirn schwarz malt. Eindringlich und zweifelsfrei spürt er dennoch Scheinmoral und Knechtschaft der Spaßgesellschaft. Er ist sich sicher und wird oft wütend. Es scheint, als drehe sich die Erde in die falsche Richtung. Er will sie anhalten, den Gegenimpuls versetzen.

Niemals, niemals wird er sich daran gewöhnen. An die Plastikflut, die CO2 Werte, an Aufrüstung und Krieg, an die Machterweiterung der Despoten, das Bienensterben, die Überfischung, die Phosphatanreicherung, den Rechtsruck, die zunehmende Handlungsunfähigkeit von Staaten, an das ungelöste Endlager. Niemals.

Die Welt verliert den Verstand. Aber hey, alles im grünen Bereich. Alles cool, alles bestens. Immer locker bleiben. Ist halt heute anders als früher. Geh mit der Zeit. Häng nicht einer glorifizierten Vergangenheit nach. Du willst doch nicht wirklich zurück. Du kannst die Uhr nicht anhalten. Uns geht’s super. So gut, wie noch nie. Genieße das Leben.

Monsunartige, hypnotische Politik, weit entfernt von Sonnenschein und Sein. Fake News, Kapitalismus-Schere, Gentrifizierung, Tafeln als Versorgungsnorm. Vereinzelt durchbrechen stumme Schreie und lautlose Hilferufe den vernetzten Kontrollverlust. Unüberhörbar. Omnipräsent. Sich vervielfachend. Die Welt verlor ihr Gehör. Aufschrei und Empörung bleiben aus. Auf dem Heldenpodest überstrahlt der goldene Schein des Kapitals mit fadenscheinigen Argumenten die Realität. Auf Hochglanz poliert verspricht er oberflächlichen Sinn. Noch nie gab es länger Frieden, nie weniger Hunger, nie weniger Armut. Besänftigende Worte überstreichen das aus dem Ruder gelaufene System mit frischem Gelb und begeistern die Massen. Die höchstentwickelte Spezies degeneriert in armselige Intelligenz, ohne Weitblick. Grundgesetz, Menschenwürde, Respekt, Glaube, Demut und Achtung liegen bereits auf dem wachsenden Scheiterhaufen der Menschlichkeit. Pyromanische Kinder aus Wirtschaft und Politik streichen mit Schwefelhölzern der Dummheit an den Reibeflächen der Selbstbereicherung. Nur noch eine Frage der Zeit, bis anfangs wärmendes Feuer hohe Flammen schlägt und ein Flächenbrand die Ignoranten überrascht. Der Ratschlag, den Ball flach zu halten, vermag Micas Sichtweise nicht zu ändern. Was hindert uns daran, kreativ, vorwärts und zukunftsorientiert zu handeln, Chancen zu nutzen, Technologien unterstützend, nicht gewinnbringend, einzusetzen? Die Nachkriegszeit sollte überwunden sein. Tücher der Vergangenheit liefern genügend Stoff um Flügel zu nähen. Wir müssen Veränderung wollen, Ungleichheiten beenden, gerechter verteilen, künstliche Intelligenzen sinnvoll einsetzen, Menschlichkeit zum obersten Gebot küren und Visionen entwickeln. Wir sollten in der Lage sein, den Scheiterhaufen abzutragen. Mica versteht nicht, dass sich intelligente Köpfe vor die Karren von Vergangenheit, Kapital und Ökonomie spannen lassen. Was ist mit Freiheit, Ökologie, Liebe, Kultur und Empathie? Was mit Respekt? Wann beginnen wir, uns um unser Wohl zu kümmern und beenden monetäre Maximierung. Einst wurde Phantasie zu einem hohen Gut erklärt. Die zehn Gebote, Love and Peace, Buddha, Mahatma Ghandi und Jesus Christus sind vor der sinnentleerten, narzisstischen Spaßgesellschaft ins Exil geflohen. Befreien wir sie. Moralische Grundpfeiler sind politisch, ökonomisch und ökologisch zwingend für eine positive Entwicklung der Menschheit. Nicht gestern. Nicht morgen. Heute. In den meisten Köpfen sprießt die Saat von Bodyforming, habgierigem Egoismus und verlängerter Lebenszeit. Gebt euch doch endlich zufrieden, mit dem was ihr habt. Erkennt die Unwichtigkeit eures kläglichen Versuchs, alles dominieren zu wollen. Sekündlich entfernen wir uns weiter von einer lebenswerten Gesellschaft. Das System Gier funktioniert seit Anbeginn der Menschheit. Ändern wir es!

Mica möchte Löwenzahn-Stiele aufdröseln, die sich kringelnd im Wassereimer schlängeln, den Frühling riechen, sich eins fühlen. Nicht Ärschen den gleichen putzen und sich im Schleim der Mitläufer suhlen. Unten im Tal lauert Revolution. Er verspürt den Wunsch, die Menschheit ins Eiswasser zu tauchen, sie zur Besinnung zu bringen, wachzurütteln. Vergesst das Geld, die überhebliche Selbstbereicherung, den Egoismus. Nach vorn führt der Weg, zu ureigenen Gefühlen. Begreifen wir, dass wir sterblich sind. Fühlen wir uns groß. So groß, wie ihr wirklich sind. Wir sind Mikroben im Universum, ein Lidschlag der Unendlichkeit. Wir sind Nichts. Wenn wir das begriffen haben, aber erst dann, blicken wir in dieses Nichts. Versuchen wir es zu verstehen. Vertrauen wir ihm.

Unverständnis setzt die Gegenwehr frei. Äußere Bedingungen wurden verändert, Moral und Würde ausgeblendet, die Welt war fremd. Zwischen Gewinnsucht und Überheblichkeit versucht er aufsteigende Übelkeit einzudämmen, während sich in den Schaltzentralen der Macht, die lockeren Köpfe von einst bereichern. Liebe existiert nur noch in der Vergangenheit. Eine lebenswerte Umgebung wurde ins Gegenteil verkehrt. Er vermisst die Rückbesinnung auf den Menschen, den Mensch als Mitte. Er wartet auf die Wiedergeburt, auf die Renaissance der Renaissance.

2

Mica fixiert den roten Punkt der neuen Nachricht, öffnet sie und liest. Fraukes Antwort. Er muss zurückschreiben. Ihr, die auf sein bescheidenes Getippe wahrscheinlich zwangsweise geantwortet hat. Sie steht oben in seiner Prioritätenliste. Er bewundert ihre außergewöhnliche Stärke. Mit Würde und Stolz trägt sie ihre harten Schicksalsschläge. In der Faust das Schwert, die Spitze nach oben gerichtet, ihr Wille kampfbereit. Der Anblick lässt seine Verzweiflung zur Bagatelle schrumpfen. Unlust und Müdigkeit, seine permanenten Begleiter, nehmen kurzzeitig Abstand. Das erste Mal seit seiner Trennung sieht er in die neblige Vorahnung von Zufriedenheit. Ihr Mut richtet ihn auf. Aufkeimende Gewissensbisse wischt er zur Seite. Freude über ein glimmendes Staubkorn dominiert.

Mica zelebriert die Zubereitung von Spaghetti Bolognese. Zusammen mit einem guten Bordeaux werden sie regelmäßig zu seinem privaten Fest, seinem Anker. Fehlende Tischgesellschaft kompensiert er mit Chats mit seinem Sohn, inzwischen im vierten Semester Bioinformatik oder mit Frauke. Ihre elfte, von zwölf Chemo-Therapien ist geschafft. Sie ist gut drauf. Wie macht bleibt ihm ein Rätsel. Und was meint sie mit: … den Absprung schaffen, ist halt schwierig, es kann noch schlimmer kommen. Er ist der Schwache, sie die Starke. Seine Antwort hält er für einen guten Gedanken. Die Reaktion abwartend, beschließt er der Ursache des penetranten Hupkonzerts vor seinem Fenster auf den Grund zu gehen. Argentinien-Kroatien 0:3. Hupende Kroaten. Überrascht, dass so viele Kroaten das Städtchen bewohnen wischt er eine E-Mail ins Nirgendwo. Stellenanzeigen liest er keine mehr. Zu stark wuchs die Frustration beim Lesen. Ähnlich ausgeprägt, wie bei Immobilien-Anzeigen. Zuerst muss er seinem Geist eine Heimat finden.

Der Gang ins Mikro-Bad. Schon wieder eine keifende Mutter und ihr Glaube, dass sie durch erhöhte Lautstärke ihrem Erziehungsauftrag gerechter wird. Der Habicht seines konstanten Gedankenstrudels zieht in schwülwarmer Luft seine Kreise. Der treue Begleiter lässt sich durch eine hysterische Stimme nicht aus der Ruhe bringen. Ihm fremdes Existieren. Das Zerlegen seiner Vergangenheit, auf der Suche nach Lebensresten, nach der Zukunft, war lästige Routine geworden. Automatisch befeuern Synapsen immer gleiche Gedanken, während die Bürste monoton Zahnreihen schrubbt.

Einladungen zu Mainstream-Vergnügen, Grillabende, Sommerfeste, Geburtstage bleiben Micas ungeliebte Abwechslungen. Erfüllung und Spaß wohnen in einer anderen Galaxie. Absagen kommen dennoch nicht in Frage. Sein Verstand muss unter Menschen. Zeit alleine, lässt verdorren, aktiviert alte Muster. Denkweisen beginnen bereits sich dramatisch zu verändern. Seine Fähigkeit eine Unterhaltung zu führen, Smalltalk und Flirtereien zu meistern, droht in den Fluten der Selbstgespräche zu ertrinken. Er war zu einer anstrengenden, zwanghaften Person verkommen. Permanent verliert sein Charakter Qualität, kaum noch jemand zuzumuten. Unfähig seine Insel, seinen Pol zu finden. Wissend, dass er es muss. Freizeittermine betrachtet er als Übung einer unbestimmten Zukunft. Er droht sich in endloses Selbst zu verlieren. Treffen mit Immer-gut-drauf-Pia, Öko-Relaxt-Bernd, Weisheits-Paul, Trauer-Elke und Psycho-Jürgen zählt er als Versuch sein desolates Sozialverhalten aufzufrischen. Ehrliche Offenheit verleiht Ruhe im kraftlos schwebenden Treiben. Eine Atempause im Nirgendwo.

Sein Mund gibt Putzflüssigkeit frei. Herausgespien, als rötlicher Schaum Richtung Abfluss wabernd. Mica wartet. Wartet. Wartet lange, bevor er den reinigenden Wasserstrahl entlässt.