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Ein Grafensohn erbt den Prinzentitel von Oranien. Karl V. besteht auf einen Konfessionswechsel und Ausbildung an seinem Hof in Brüssel. Wilhelm von Oranien wird Berater des Kaisers und Oberbefehlshaber der Maas-Armee. Seine Loyalität wird auf eine harte Probe gestellt, als Philipp II. von Spanien den Herrschaftsbereich vom Kaiser übertragen bekommt. Intrigen, Liebe und eine Ehrenhaft in Frankreich formen den jungen Prinzen zu einem Mann, der für die Unabhängigkeit seines Landes kämpft. Zu Zeiten der Reformation kein leichtes Unterfangen. Schon früh steht er den Mächtigen im Weg.
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Seitenzahl: 706
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Nebelschwaden zogen wabernd durch das Tal. Langsam nahm der Stoff seines Umhanges die Feuchtigkeit auf, der lässig über seiner Schulter hing. Wilhelm ist kein Junge, den so etwas abschrecken könnte. Mit seinen elf Jahren ging er jeden Tag, bei Wind und Wetter, mit seinem Hund spazieren. Sie tobten im Schlosspark, er warf einen Stock und sein Hund apportierte und forderte Wilhelm zum wiederholten Male auf den Stock zu werfen. Ricco bekam er als Welpen zu seinem ersten Geburtstag von seinem Cousin Rénè von Chalon, Fürst von Nassau, aus Orange in Frankreich geschenkt, als dieser zu Besuch auf Schloss Dillenburg war. Wilhelm fand es zu kichern, wenn dieser kleine Welpe ihm mit der Zunge durch sein Gesicht leckte, während er in seinem Bettchen lag und auf die nächste Mahlzeit seiner Mutter wartete. Dieser Welpe war selbst kaum älter als er und suchte immer wieder einen Spielkameraden. Wilhelm war dafür die ideale Beute. Ricco gelang es immer wieder sich zu ihm in sein Bettchen zu schleichen. Dann schmiegte er sich vorsichtig zu ihm an seinen Körper, leckte mal seine Hand oder auch durch sein Gesicht. Doch meistens bewachte er ihn und schlief friedlich neben ihm ein. So wuchsen die beiden zufrieden und glücklich auf. Ricco war für Wilhelm da und Wilhelm kümmerte sich immer liebevoller um Ricco, je älter er wurde. Wilhelm erinnerte sich nicht an den eigentlichen Besuch seines Cousins, dem Mann, der dafür Sorge tragen würde, dass er bald nach Brüssel reisen würde. Er soll dort seine Ausbildung unter höfischen Bedingungen fortsetzen. Er würde als Prinz von Oranien in den Büchern fortgeführt. Ein Prinz! Mit dieser Vorstellung, einem mulmigen Gefühl im Bauch und ganz viel Aufregung, kam der Tag seiner Abreise immer näher. Für ihn war wichtig, dass sein Hund mitkonnte, alles andere war pures Abenteuer. Es war dieser eine Tag, wo er ihn geschenkt bekam, wo letztlich die Entscheidungen für sein zukünftiges Leben durch seinen Cousin und seine Eltern gelegt wurden, der ihn in helle Aufregung versetzte. Seine Mutter hatte ihm immer von einem großen, stattlichen, aufrichtigen Mann erzählt, der sein Cousin war. Er verstand erst später, wieso und weshalb jetzt alles so kommen musste, wie es gekommen war. Juliana, seine Mutter erzählte den Besuch seines Cousins aus Orange immer mit Wehmut und ein bisschen Trauer in den Augen. Mit seinen elf Jahren konnte er zwar immer noch nicht alles verstehen, doch wie seine Mutter auf die Erzählung von Rénè reagierte, das konnte er sehen, hören und fühlen.
„Wilhelm, dieses Geschenk soll auf dich aufpassen, dir immer ein treuer Begleiter sein und genauso musst du auf ihn aufpassen“ sagte Rénè zu ihm als er vor ihm kniete.
Wilhelm verstand es noch nicht, er war zu klein. Jahre später spürte er, was sein Cousin damit meinte, wenn ihm seine Mutter zum wiederholten Male erzählte. Seine Mutter, Juliana zu Stolberg, eine liebevolle und immer um ihren Sohn bedachte Mutter, schaute Rénè an und ließ ihren Gedanken freien Lauf. Sie war von ihrem Neffen sehr angetan. Seine Art zu sprechen, immer mit einem leichten französischen Akzent, ließ bei jeder Unterhaltung eine Melodie in ihren Ohren erklingen. Seine Art sich zu kleiden, entsprach nicht immer der aktuellen höfischen Etikette, doch wann war er denn direkt an des Kaisers Hof. Die große stattliche Figur, gut durchtrainiert und das offene etwas längere blonde Haar, machten Rénè schon in ihren Augen zu einem attraktiven jungen Mann. Auch die Selbstsicherheit und Gestik ließen keinen anderen Schluss zu.
„Weißt du Rénè, wenn ich dich anschaue, sehe ich deine Mutter vor mir. Sie hat ihr Leben deiner Erziehung geopfert und war deinem Vater immer eine treue und liebevolle Ehefrau. Wie kam es, dass sie so plötzlich verstarb?“ Dabei fiel ihr eine Strähne ins Gesicht. Sie streifte sie hinter ein Ohr. „Wir waren wie Schwestern zueinander und haben uns immer sehr viel zu erzählen gehabt. Nicht selten gingen unsere Gespräche immer um dich, deine Leidenschaft für das Reiten und Fechten, aber auch um deine Lernbereitschaft, ein solch großes Fürstentum zu verwalten und auszubauen. Sie war sehr stolz auf dich. Und sie fehlt mir“ fuhr sie in ihrem Gedanken fort, während Rénè Wasser in die Augen stieg.
„Glaub mir Tante, sie fehlt! Sie fehlt an allen Ecken. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mir alles über den Kopf wächst. Ich werde dieses Jahr achtzehn, habe noch keine Frau und kenne nur Schlachten, Festmahle und Trinkgelage mit meinen Freunden. In Südfrankreich ist es schön, und Orange eine wunderschöne Stadt mit viel Leben und Umtriebigkeit, doch mir fehlen die Wälder, die Wilhelm bestimmt irgendwann unsicher machen wird“, während er dies so sagte, schweifte sein Blick über das Dilltal und er nahm die Farben und das Licht der untergehenden Sonne in sich auf.
Beide Hände ruhten auf dem Sims und berührten leicht mit den Fingerspitzen die bleiverglaste Scheibe des Fensters. Überall fing die Natur an, sich auf das noch vor ihnen liegende Jahr, vorzubereiten. Leichter säuerlicher Geruch lag in der Luft, als der Regen die Erde am Tag vorher gut durchtränkt hatte. Das Feuer in Wilhelms Zimmer gab eine angenehme Wärme und knisterte in Ruhe vor sich hin. Gedankenversunken bekam Rénè nicht mit, dass sein Onkel, der Graf Wilhelm von Nassau-Dillenburg, das Kinderzimmer betrat. Er hatte mittlerweile das Eintreffen seines Neffen mitgeteilt bekommen. Man hatte es ihm in den Stallungen seines Schlosses übermittelt. Freudestrahlend ließ er seine Stallknechte stehen und eilte hinüber in das Hauptgebäude, das prachtvoll über dem Tal zu sehen war, hinein in die große Halle, in der er seinen Neffen vermutete. Doch die Halle war leer. Er hörte die Stimmen aus einem der oberen Zimmer. Vermutlich war er bereits von Juliana zu Wilhelms Kinderzimmer geführt worden. Und als er in das Kinderzimmer kam, sah er seinen Neffen über seinen Sohn gebeugt, mit einem Welpen in der Hand.
„Rénè!“ begrüßte sein Onkel ihn, „wie schön, dass du schon da bist. Wir haben eigentlich erst in ein bis zwei Tagen mit dir gerechnet. Wie geht es unserer fürstlichen Durchlaucht?“ fragte er mit leichter Ironie im Unterton.
Wilhelm mochte seinen Neffen und er war auch der einzige, der ihn so necken durfte. Rénè kam zu dem Titel und dem Reichtum durch seine Mutter, Claudia von Chalon. Sie war die Schwester von Philibert von Chalon, der unter Karl V. als Feldherr Neapel gegen die Franzosen verteidigte und zur Belohnung das Reichsfürstentum Montpellier und Les Baux erhalten hatte. Nach dem Tod Philiberts fiel seiner Mutter, Ehefrau von Heinrich III von Nassau, das Erbe zu. Somit wuchs sein Erbe als Sohn eines reichen Fürstenhauses auf. Rénè wurde als kein Armer geboren. Neben dem Fürstentum in Südfrankreich umfasste es noch große Teile der Niederlande, was ihn auch zu dem ersten Prinzen von Oranien machte.
Rénè schmunzelte als er seinen Onkel wahrnahm und antwortete ebenso ironisch: „Wie soll es einem so armen Fürsten und Prinzen wie mir schon gehen, wenn ich einen so reichen Grafen als Onkel bezeichnen kann. Etwas müde von der Reise, hungrig und durstig, aber sonst wohl auf. Wie geht es dir lieber Onkel?“ mit diesen Worten nahm er seinen Onkel in die Arme und küsste ihn auf die linke, rechte und wieder auf die linke Wange, so wie es die französische Herzlichkeit gebot.
Diese Herzlichkeit seines Neffen erwärmte das Herz eines doch stetig alternden Mannes. Er legte eine Hand auf die Schulter seines Neffen und sie bewegten sich Richtung Türe.
„Dass dir Julia noch nichts angeboten hat, nicht sehr gastfreundlich!“ und warf einen auffordernden und doch liebevollen Blick zu seiner Gemahlin hinüber, die ihrem Sohn noch die Decke seines Bettes zurecht zog, bevor sie ihm einen gute Nacht Kuss gab.
Sie lächelte ihrem Mann zurück und erwiderte: „Rénè wollte zuerst zu seinem Cousin, um ihm den Welpen zu zeigen, bevor er schläft. Ich komme sofort nach. Geht schon einmal voraus.“
Als Juliana in den großen Festsaal über die hintere Treppe hinunter schreitete, musste sie sich ihr Kleid aus grünem Samt mit schmalen vergoldeten Rändern an Ärmeln und Ausschnitt anheben. Sie hörte schon das Lachen der beiden Männer. Es war ein angenehmes Gefühl, das sie durchflutete. Sie musste grinsen als sie ihren Mann, den kleinen Welpen auf den Armen haltend sah und wie mit einem Baby redete. Dabei knabberte der Welpe an einem seiner groben Finger. Juliana ging zu ihrem Gatten und streifte mit der Hand über seine Schulter und lächelte die Beiden an und fragte:
„Wein habt ihr wie ich sehe. Fehlt nur das Essen. Fasan oder lieber Reh. So wie ich unseren Jäger kenne, hat er bestimmt etwas Gutes erlegt. Was wäre nach eurem Geschmack?“
Die beiden Männer schauten sich an und wie eingeübt: „Reh!“
„Wie ihr Zwei wünscht!“
Juliana rief eine Magd, ein junges Mädel von dreizehn Jahren, die sie gerne unter ihre Fittiche genommen hatte, als ihre Mutter, Ehefrau eines Magisters der Stadt, darum gebeten hatte. Sie war flink, aufmerksam und sehr zurückhaltend, wie sich herausstellte. Sie war froh, dass sie das Mädchen in Dienst genommen hatte. Sie gab ihr den Auftrag und schon war die Magd mit einem Nicken und lächelnd verschwunden. Juliana ging zu Rénè und ihrem Ehegatten zurück und setzte sich etwas Abseits in einen Stuhl. Sie hatte in einem Korb neben sich ihr Stickgarn. Sie stickte ein Jagdmotiv für ihren Mann. Sie war schon über ein Jahr damit beschäftigt. Immer wieder fing sie mal an weiterzusticken, doch so wirklich nahm es noch nicht die Motive an, die sie dafür ausgewählt hatte. Es ging ihr dabei nicht um Schnelligkeit, sondern um die Vielfalt der Motive. Rénè schaute sich in der Halle um und bewunderte die Stickarbeiten seiner Tante. Es hingen bereits drei große Wandteppiche auf der langen Seite der großen Halle. Ihr Mann nutzte jede sich bietende Gelegenheit, seine Besucher über einzelne Szenen darauf sehr ausführlich zu berichten.
„Onkel“, begann Rénè, „ich möchte mit dir etwas sehr Wichtiges besprechen. Du wirst es vielleicht nicht gleich verstehen und mich für verrückt erklären, doch es ist mir vollkommen ernst.“
Wilhelm stellte sein Glas Wein auf einen kleinen Tisch neben seinem Stuhl und schaute überrascht seinen Neffen an. Da er sah, wie ernst es Rénè mit den nächsten Worten war, stand er auf und ging auf ihn zu:
„Also, raus mit der Sprache. Worüber willst du mit mir sprechen!“ und stemmte dabei die Arme in die Hüfte.
„Onkel, es fällt mir nicht leicht es dir anzutragen. Du kennst unsere verwandtschaftlichen Verhältnisse. Achtzehn bin ich, habe keine Frau und werde in den nächsten Jahren bestimmt auch keine finden. Du weißt, dass Onkel Philibert kinderlos verstorben ist. Dadurch bekam seine Schwester, meine Mutter, die mit deinem Bruder verheiratet war, das Fürstentum in Frankreich zugesprochen. Von meinem Vater kamen die Ländereien in Holland noch dazu. In Frankreich ist die Situation sehr angespannt, wie in den angrenzenden Ländern ebenso. Vor allem die Kirche fordert den Kaiser immer intensiver heraus. Es wird mit Sicherheit Krieg geben. Wenn Karl der Fünfte für klare Verhältnisse sorgen will, kann er nicht anders als Krieg zu führen und ich werde dann an der Seite Karls stehen. Ich habe mich für Karl V. entschieden, um ihm als Lehensmann zu dienen, wie schon mein Vater. Ich hätte mich auch dem französischen König anschließen können, immerhin liegt das Fürstentum in seinem Hoheitsgebiet. Doch ich konnte eine Übereinkunft mit ihm treffen, die besagt, dass von meinem Fürstentum aus kein Krieg gegen Frankreich ausgehen darf. Somit bin ich jetzt natürlich zwischen zwei bzw. drei Fronten eingeschlossen. Auf der einen Seite Spanien, auf der anderen Seite Frankreich und mittendrin den Papst. Es ist absehbar, dass der Krieg durch Karl V. initiiert, auch mich treffen wird. Sollte mir also überraschenderweise etwas passieren, und ich keinen Nachkommen haben, möchte ich unsere Besitzungen an Wilhelm, meinen Cousin und damit deinem Sohn, überschreiben. Natürlich muss in diesem Fall der Kaiser noch zustimmen, doch es sollte eine Formsache sein. Ich habe ihm bisher immer gute Dienste geleistet.“
Als Rénè mit seiner Ausführung endete, sah er seinen Onkel am Fenster den Nachthimmel und die kleinen Lichter der Stadt betrachtend, stehen. Seine Tante saß mit offenen Augen und Mund auf ihrem Stuhl, überrascht wegen seines Anliegens. Sie legte das Stickgarn wieder auf den kleinen Tisch neben ihrem Stuhl. Überrascht und verwundert richtete sie das Wort an Rénè:
„Rénè!“ sagte Juliana leise.
„Schweig Julia!“ forderte sie ihr Mann auf, „Rénè hat seine Gründe mit uns darüber zu sprechen. Die Zeiten sind unruhig. Du weißt selbst, wie die katholische Kirche auf Mehrung und Stabilisierung des Vorhandenen ist. Nur ihr katholischer Glaube ist der wahre Glaube. Zur Umsetzung und Durchsetzung ist ihnen kein Mittel unbekannt. Der Papst in Rom ist keine schwache Person. Die Bischöfe und Kardinäle halten den kirchlichen Gerichtshof ab. Die Strafen sind drakonisch. Meist enden sie auf dem Scheiterhaufen. Du kennst die Berichte, die uns wöchentlich erreichen. Selbst eine von mir geführte Grafschaft, die liberal, gerecht und offen geführt wird, muss sich immer wieder gegen die Kirche behaupten. Die Ansprüche der katholischen Kirche sind immens.“
Wilhelm schaute zwischen Rénè und Juliana hin und her, fuhr sich durch seinen Bart und ging dabei auf und ab.
„Die Entscheidung, Rénè, hast du dir gut überlegt?“ fragte Wilhelm seinen Neffen.
„Ja, Onkel! Dies ist auch der Grund meines Besuches. Natürlich wollte ich euch auch noch zu Wilhelm gratulieren. Er ist ein prächtiger Bursche! Ich habe mir die Entscheidung sehr gut und lange überlegt. Ich bleibe dabei. Wilhelm soll mein Nachfolger werden! Er soll der nächste Prinz von Oranien werden!“ Rénè grinste leicht dabei.
„Warum lächelst du?“ fragte Juliana.
„Na, es hat ja auch noch etwas Zeit. Vielleicht wird er es ja auch nie. Solche Sachen kann man nicht vorausplanen. Nur sollte der Fall eintreten, möchte ich es geklärt wissen. Tante zur Beruhigung, so schnell wird mir nichts passieren! Lasst uns Essen. Ich habe Hunger, der Tag war anstrengend!“
Mit diesen Worten ging er auf seine Tante zu und bot ihr seinen Arm an, um sie zu Tisch zu leiten. Wilhelm stand noch am Fenster und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Warum kommt der Junge gerade jetzt mit diesem Anliegen. Es ist durchaus großzügig seinem Sohn mit einer solchen Würde zu versehen. Gleichzeitig ist es eine riesige Bürde. Rénè ist noch jung, er wird noch viel erleben. Wenn die richtige Frau in sein Leben tritt, wer weiß das schon, wie sich die Dinge entwickeln. Also warum kommt er jetzt damit. Er reißt sich aus diesen Gedanken. Hatte er eben etwas von Essen im Unterbewusstsein wahrgenommen?
„Ich glaube Essen hilft in dieser Situation am besten. Also lasst uns Essen!“
Juliana und Rénè saßen sich am Tisch gegenüber. Wilhelm nahm, so wie es alle gewohnt waren, seinen Platz an der Stirnseite ein und gab der Dienerschaft ein Zeichen. Sofort begannen sie mit dem Auftragen der Speisen und füllten die Gläser auf. Es war ein ungewohnt ruhiges Abendessen. Normal unterhielten sich Juliana und Wilhelm über alles Mögliche, doch an diesem Abend lag eine drückende Stimmung im Raum. Wilhelm versuchte das Gespräch etwas aufzulockern.
„Greif zu Neffe. Unser Koch ist ein Künstler in der Küche“, sagte Wilhelm betont stolz.
Rénè genoss sichtlich das fein zubereitete Reh ab dem ersten Bissen.
„Stimmt Onkel, er ist wirklich ein Künstler. Ich habe ein solch delikates Reh noch nie gegessen.“
Juliana versuchte das Gespräch etwas in Bewegung zu bringen:
„Lieber Rénè, ich habe etwas Abwechslung für dich vorbereitet, wie lange können dich deine Geschäfte hier in Dillenburg verweilen lassen?“
„Frauen sind ja gar nicht neugierig! Aber ich denke wir sollten nach diesem guten Mahl erst einmal zu Bett gehen. Lass uns Morgen noch über dein Anliegen sprechen“, sagte Wilhelm und stand auf, um sich in sein Schlafgemach zurückzuziehen.
Rénè ergänzte: „Ja, da hast du Recht. Ich bin auch müde und würde mich gerne zurückziehen!“
„Rénè, unser Diener zeigt dir dein Zimmer. Wir haben uns einen Anbau geleistet. Dort sind sehr schöne Zimmer. Ruhig gelegen und warm“, sagte Juliana und gab dem Diener ein Zeichen.
Rénè stieg die Treppe hinter dem Diener her, einmal links und dann rechts über einen kleinen überdachten Übergang gleich wieder rechts. Als der Diener die Tür öffnete war Rénè überrascht und von der Einrichtung des Zimmers sehr angetan. Ein Feuer prasselte bereits im Kamin. Auch dieses Zimmer war, genau wie die große Halle, mit Wandteppichen verkleidet und strahlte Behaglichkeit aus. „Brauchen sie meine Hilfe, Herr“, fragte der Diener.
„Nein, danke. Ich wünsche eine gute Nacht“, entgegnete Rénè. Als er seine Reisekleidung abgelegt hatte und sich auf das Bett legte, fiel er sofort in einen tiefen und erholsamen Schlaf. Das Feuer sorgte für die nötige Schwere und Träume wurden durch den schweren Rotwein seines Onkels hervorgerufen.
Am nächsten Morgen wachte er auf, Sonnenstrahlen blendeten ihn, das Gehirn arbeitete wieder und da war noch etwas. Ach, der Hunger war wieder da. Es klopfte an der Tür und ein Diener trat ein. Es war der gleiche wie bei seiner Ankunft und dem gestrigen Abend, als er sein Zimmer gezeigt bekam
“ Guten Morgen Durchlaucht. Haben sie gut geschlafen?“ fragte der Diener.
„Ja, vielen Dank. Wie heißt du eigentlich?“ fragte Rénè.
„Thomas nennt man mich, euer Durchlaucht“, kam die Antwort leise aus der Ecke, in der Rénè seine Kleidung gestern Abend einfach über einen Stuhl gelegt hatte.
Rénè warf die Decke von sich und sprang aus dem Bett. „Also Thomas, dann mal her mit meiner Kleidung. Ich habe Hunger und möchte nicht den ganzen Tag hier im Bett verbringen. Sind mein Onkel und meine Tante auch schon auf?“
„Ja, Herr! Sie warten bereits auf sie mit dem Frühstück in der großen Halle“, bekam Rénè als Antwort.
Nachdem Rénè fertig angezogen war, stürzte er aus dem Zimmer und ging schnellen Schrittes, immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe zum Saal hinunter. „Guten Morgen Onkel, Tante! War das eine erholsame Nacht! Ich habe doch zu spüren bekommen, dass die Reise sehr strapaziös war.“
Dabei gab er, sich zu seiner Tante beugend, einen Kuss auf die Wange und lächelte sie an. Er setzte sich wie am Abend zuvor seiner Tante gegenüber an den Tisch. Thomas füllte derweil sein Glas.
„Nun Tante, was hast du für mich als Ablenkung für heute vorgesehen?“ fragte Rénè ungeduldig, während er noch Reste des Rehbratens von gestern auf seinen Teller legte. Wilhelm schaute seinen Neffen an und lächelte.
„Also bevor es hier zu irgendwelchen Ausschweifungen kommt, möchte ich das Gespräch von gestern Abend aufnehmen. Deine Tante und ich haben noch sehr lange über dein Ansinnen gesprochen. Wir sind auch der Meinung, dass du hier sehr weit vorgreifst. Du bist jung, du hast noch alles vor dir. Du wirst auch ein nettes Mädchen finden, die du heiraten wirst, Kinder zeugen und steinalt werden. Da bin ich mir ziemlich sicher. Nebenbei, unser Kaiser wird einen solchen intelligenten Ratgeber und Strategen nicht an die vorderste Linie schicken, damit er sein Leben verliert. Passieren kann es natürlich im Eifer des Gefechtes. Wir schätzen dich als intelligent genug ein, dein Schwert aus diesem Getümmel herauszuhalten. Du bist kein Feigling, ein guter Schwertkämpfer und dem Kaiser treu ergeben. Auf der anderen Seite respektieren wir deinen Wunsch, dass mein Sohn Wilhelm, als dein Nachfolger festgelegt werden soll. Gerne können wir auch ein Schriftstück dazu von meinem Sekretär erstellen lassen. Doch bedenke, selbst im hohen Alter, dann wenn keiner mehr mit einem Nachkommen rechnet, kann sich ein solches Ereignis einstellen. Geschieht das unvermeidliche, und unser Sohn ist noch minderjährig, so müsste das Erbe an mich, als Vormund, überschrieben werden. Wenn er dann volljährig wird, bekommt er das Erbe von mir. Wäre Wilhelm volljährig, so ginge das Erbe direkt an ihn. Sollte dieser Fall, egal wann eintreten, so sei dir versichert, dass es der schlimmste Augenblick eigentlich in unserem Leben wäre!“
Dabei legte Wilhelm seine rechte Hand auf die Hand seiner Frau und streichelte sie liebevoll. Mit diesen Worten herrschte zunächst Stille in der Halle. Rénè war noch am Kauen. Er legte das Messer zur Seite und schluckte den letzten Bissen von dem Reh hinunter.
„Ihr glaubt gar nicht, wie zufrieden ich jetzt bin. Ich weiss natürlich nicht, was das Leben für mich bereithält, aber ich weiss, dass mein Cousin ein würdiger und engagierter Nachfolger von mir wäre. Ich kann mir niemand besseren wünschen. Ich danke euch für diese Zustimmung.“
Dazu erhob er sein Glas und sagte:
„Lasst uns auf den Prinzen von Oranien trinken!“
Sie erhoben ihre Gläser und ließen ein leichtes Klingen durch die Halle gleiten, bevor Rénè zu seinem Onkel blickt und sagt:
„Bitte sage Martin, deinem Sekretär, dass er uns ein solches Schriftstück aufsetzen soll. Dafür bin ich dir sehr dankbar. Zum Wohl“, und stieß mit seinem Onkel erneut an.
Juliana war bei diesen Worten nicht sehr wohl und schaute ihren Neffen noch einige Zeit an.
„So, nach dem Frühstück werden wir ausreiten. Ich habe uns als Ziel erst mal meine Jagdhütte ausgesucht. Von dort gehen wir, nach einer Erfrischung, auf Wildschweinjagd. Die Graukittel haben uns wieder ziemlich viel Schaden verursacht. Mal sehen, wie viele der Wildschweine wir heute Abend präsentieren können“, teilte Wilhelm seinem Neffen mit glänzenden Augen mit. Wilhelm liebte diese Jagden. Rénè war sofort Feuer und Flamme und freute sich schon auf den Wildschweinbraten, den der Koch zubereiten müsste, vorausgesetzt sie können etwas erlegen. Die Wildschweinjagd ist nicht ungefährlich und erfordert viel Geschick, Mut und Ausdauer. Mit allen notwendigen Attributen sind Wilhelm und Rénè gut ausgestattet gewesen. Nicht übermütig, aber hartnäckig.
Die kleine Jagdgesellschaft bestand aus 15 Männern, die bereits im Hof auf ihren Pferden saßen und einigen Jagdgehilfen, die die Hundemeute kontrollierten. Als Wilhelm und Rénè auf ihren Pferden saßen, ging es mit lautem Trompetenfanfaren los. Die Jagd war angeblasen. Das Gebelle der Meute, die wiehernden Pferde und das Rufen von Männern hallte durch den Schlosshof. Es wurde erst leiser, als sie das Tor passierten und über einen Seitenweg die Schlossanlage verliesen.
Erfolgreich und müde kehrte die Jagdgesellschaft am Abend zurück. Wilhelm und Rénè jagten gemeinsam hinter einem Wildschwein her, was die Meute aufgestöbert hatte. Sie mussten schon alles aus ihrem reiterlichen Können herausholen. Niedrige Äste und dichtes Strauchwerk erleichterten nicht gerade die Verfolgung. Doch das Wildschwein wurde auch irgendwann müde. Das war ihre Gelegenheit. Wilhelm überließ es Rénè den Graukittel mit der Lanze zu erlegen. Rénè traf die Sau direkt in die Brust, als sie auf ihn zugelaufen kam. Es war ein hartes Stück Arbeit. Fast eine Stunde lang verfolgten sie das Wildschwein, bis sie es endlich zur Strecke gebracht hatten. Von den Jagdgehilfen war noch nichts zu sehen. Sie waren auch nicht zu Pferd unterwegs. Die Beiden deckten das Wildschwein erst einmal notdürftig mit Ästen von Tannen aus der Umgebung ab. Sie wollten sie nicht ausnehmen, dafür gab es die Gehilfen. Es war ihre Aufgabe. Schließlich bekamen sie auch von den Innereien einen Großteil ab. Sie freuten sich über die gelungene Jagd als sie bei ihrem Grafen ankamen und die prächtige Sau am Boden liegend sahen. Sie gratulierten den Beiden und machten sich über das Aufbrechen der Wildsau. An diesem Tag wurden vier Wildschweine, alles kapitale Tiere, erlegt. Eine erfolgreiche Jagd der beiden Adligen. Sie waren stolz auf das Ergebnis. Als Wilhelm der Jagdgesellschaft das Signal zum Sammeln gab, war allen klar, jetzt ging es zum Abblasen der Jagd ins Schloss zurück. Im Schlosshof angelangt, wurden die erlegten Tiere von den Jagdgehilfen von den Schultern genommen, in Reih und Glied auf dem Schlosshof ausgelegt und mit Tannenreisigen im Maul zum Abblasen der Jagd zur Schau gestellt. Nach einem kräftigen Umtrunk innerhalb der Jagdgesellschaft hatten Wilhelm und Rénè eigentlich nur noch den Wunsch zu schlafen. Unversehrt und hungrig waren sie zurückgeritten. Freuten sich über die erlegten Graukittel und spürten jeden einzelnen Muskel ihres Körpers, der sich nach dieser anstrengenden Jagd auf dem Heimritt gemeldet hatte. Sie verspürten noch nicht einmal mehr Hunger. Juliana nahm sogar an, dass sie mit größter Wahrscheinlichkeit, sogar zu müde zum Kauen gewesen wären. Ein niederschmetterndes und doch zufriedenes Bild, was sich Juliana hier zeigte. Immer wieder prosteten die Beiden mit der Jagdgesellschaft an und sangen sogar noch Jagdlieder. Sie war sehr umsichtig mit Ihnen. Hörte sich die wildesten Jagden nach einer bestimmten Sau an und war überwältigt von der Energie, die sie an den Abend legten und das mit jedem Schluck, den sie zu sich nahmen. So gingen die Tage auf Schloss Dillenburg ins Land. Gemeinsame Ausritte mit seiner Tante und seinem Onkel in die Umgebung von Dillenburg ermöglichten Rénè einen Einblick in das waldreiche Gebiet seines Onkels zu bekommen. Die vorhandene Landwirtschaft schien gesund. Die saftigen Wiesen boten den Kühen genügend Futter. Immer wieder kehrten die Drei in kleinere Herbergen ein, in denen sie sich zwischendurch bei ihren Ausritten stärkten. Rénè bekam hier auch den Vorzug des hiesigen selbstgebrauten Bieres vermittelt. Es war eine trübe, aber intensiv schmeckende Brühe. Rénè interessierte sich für dieses Getränk.
„Sag mal Onkel, habt ihr in Dillenburg auch eine Stätte, wo ihr dieses Bier braut? Ich würde es mir gerne einmal anschauen“, fragte Rénè bei einem Ausritt seinen Onkel.
„Ja klar. Wir haben sogar zwei kleine Brauereien. Mit dem dort gebrauten Bier versorgen wir die Umgebung. Gerade die Herbergen und Schänken sind die hauptsächlichen Abnehmer. Wenn du möchtest, können wir uns eine Brauerei gerne anschauen und uns erklären lassen, wie Bier gebraut wird. Der Ständevorsitzende wird uns bestimmt dazu gerne Gesellschaft leisten. Ich werde ihn informieren, damit er uns alles genau erklären kann.“
Im Laufe der Woche trafen sie sich mit dem Vorsitzenden Rochus Vogt. Er war sehr stolz über das Anliegen seines Grafen und seines Gastes, sich die Produktion des Bieres anschauen zu wollen.
„Euer Durchlaucht“, begrüßte er die Beiden, „mein Herr! Ich bin hocherfreut ihnen die Braukunst in Dillenburg näher zu bringen. Wir sind über das Land hinaus bekannt für unser hervorragendes Bier! Dies möchte ich im Vorfeld schon einmal festhalten.“
Rochus Vogt führte die Beiden durch die Keller eines größeren Gebäudes. Ein schwerer Geruch aus Alkohol und Malz schlug ihnen auf der Treppe nach unten bereits entgegen. Rénè hatte Schwierigkeiten sich an den Geruch und die hohe Luftfeuchtigkeit zu gewöhnen. Vogt war so in seinem Element, dass er Wilhelm und Rénè fast an der Treppe vergessen hätte. Seine Ausführungen wurden immer wieder mit Proben des Getränkes angereichert. Nach über einer Stunde hatten sie es überstanden. Sie stiegen die Treppe hinauf und wurden fast von der frischen Luft erschlagen. Hier zeigte sich, dass das Getränk Bier verheerende Wirkungen auf den Körper haben konnte. Richtig schwummerig war es den Beiden im Kopf. Alles drehte sich, doch die Stimmung war hervorragend. Die beiden Adligen hatten einen Schwips, sie waren betrunken! Rochus Vogt führte sie in die dazugehörige Schänke und bot ihnen einen Tisch in einer Ecke des Raumes an. Hier konnten sie sich noch in Ruhe und mit Kichern und Lachen begleitet weiter unterhalten. Vogt versprach sich sehr viel von dem Besuch des Fürsten von Orange. Vielleicht konnte man ja auch Lieferungen nach Frankreich vereinbaren. Dort gab es mit Sicherheit auch Brauereien, doch bestimmt nicht so gute wie hier in Dillenburg.
„Vogt, sagt einmal, jetzt abgesehen von dem Bierbrauen, was macht eigentlich die Aufnahme des jungen Winzers Marius Schenk in die Gilde. Er hatte euch wohl vor geraumer Zeit bereits den Antrag eingereicht“, sprach Wilhelm den Gildevorstand an.
„Herr, wir haben dem Antrag des Schenk noch nicht zugestimmt, da er ja auch noch keinen Weinberg angelegt hat“, antwortete Rochus Vogt dem Grafen.
„Wie ihr habt ihn noch nicht angenommen? Verratet mir doch mal, was der arme Winzer noch alles machen muss, um in eure Gilde aufgenommen zu werden?“ führte Wilhelm mit leicht erboster Stimme an.
„Wir sind uns in der Gilde noch nicht einig darüber, ob wir überhaupt einen Winzer zulassen sollen. Immerhin hat es Auswirkungen auf unser Brauwesen!“ bekam Wilhelm als Antwort.
„Ihr habt also Angst, dass euch dieser kleine Winzer, mit seinem bisschen Wein den er als Ertrag bezeichnen könnte, eurem Bierumsatz schädigen könnte! Ist das so?“ wollte Wilhelm wissen.
„Nun, …. so in etwa. Ich merke aber auch, dass ihr euch in die Belange der Gilde einmischen wollt! Herr, vergesst bitte nicht, dass wir unabhängig der gesellschaftlichen Ordnung sind. Die Entscheidungen, die wir treffen, sind nur zum Wohle der Stadt!“ antwortete Vogt.
„Rochus, bedenkt aber auch, dass bis es hier zu einem Ertrag kommt, noch gut zwei Jahre vergehen können. Dann ist die Menge noch nicht der Rede wert. Schenk hat von uns eine Parzelle zugesprochen bekommen, auf der er sein Können zeigen kann. Außerdem wisst ihr genauso gut, wie wir, dass die Bevölkerung niemals auf euer Bier verzichten wird. Es ist ein gutes Bier, schmackhaft und bekömmlich und über die Lande hin bekannt. Ihr macht euch ja zum Gespött. Ich möchte hier jetzt bald eine Klärung hören.“ wies Wilhelm den nun etwas kleinlauten Vogt an.
„Wir sitzen in den nächsten Tagen wieder zusammen. Ich verspreche euch, dass wir dann noch einmal darüber beraten werden“, bekam Wilhelm als Antwort.
„Ihr wisst doch auch“, antwortete Wilhelm etwas besänftigter, „wir mischen uns nie in eure Angelegenheiten. Die Gilde hat bisher immer vernünftige und gangbare Entscheidungen zum Wohle der Gilde und der Bevölkerung getroffen. Doch den Bogen zu weit spannen, solltet ihr nicht. Wir möchten uns nicht mehr mit diesem Thema befassen müssen. Euch ist bekannt, dass es durchaus auch andere Wege gibt. Bedenkt dies bei eurer Beratung!“
Wilhelm drehte sich zu Rénè hin und sagte: „So mein lieber Neffe. Für heute hast du glaube ich genügend über Bier und seine Auswirkungen erfahren! Interessiert dich noch etwas am Brauen? Sonst würde ich gerne den Heimweg antreten und mich um weitere Dinge kümmern!“
„Nein, Onkel, alles gut! Ich bin schon etwas müde von dem Bier und würde mich gerne noch kurz erholen. Lass uns gehen!“ antwortete Rénè seinem Onkel und stand vorsichtig und auf den Tisch gestützt auf. „Euch lieber Vogt, habt Dank für die Erklärungen über das Bierbrauen. Ich habe viel dazugelernt und einiges Neues erfahren!“
Langsam gingen Wilhelm und Rénè in Richtung Schloss. Sie mussten Treppen steigen und einige verschlungene Pfade hinaufsteigen. Immer wieder unterbrochen von Verschnaufpausen. Das Bier zeigte noch seine Wirkung. Im Schloss zogen sich beide zu einem kleinen Nickerchen in ihre Gemächer zurück.
Rénè beschäftigte sich viel mit seinem Cousin Wilhelm. Stundenlang konnten sie sich miteinander beschäftigen. Sie lachten und schrien vor lauter Vergnügen. Abends, wenn Wilhelm zu Bett gehen musste, saß Rénè an seinem Bett und erzählte eine Geschichte. Eine Geschichte, die er von seiner Mutter schon erzählt bekommen hatte. Sie handelte von einem Drachen und einem jungen Mann, der, nachdem er den Drachen getötet hatte, zu unermesslichem Reichtum gekommen war. Kein schlechter Gedanke beschäftigte Rénè. Er vergaß alles um sich herum. Er genoss die Ruhe bei Spaziergängen durch die nahegelegenen Wälder des Schlosses. Der Blick, wenn er sich auf einer Anhöhe befand und in das Tal und auf das Schloss warf, beruhigte seine Gedanken und gaben ihm wieder Energie. Viele Dinge, die ihm durch den Kopf gingen, wurden klarer und eindeutiger. Nur selten dachte er an Orange und an seine Ländereien in den Niederlanden. Er wusste, dass diese schöne Zeit irgendwann einmal vorbei sein würde. Nur im Moment bestand noch kein Anlass. Sein Sekretär und Vertrauter, Claude de Bois, versorgte ihn durch einen Depeschenreiter mit allem Wichtigen, was er in seiner Abwesenheit zu erledigen hatte. Es waren keine Schreiben dabei, die seiner besonderen Aufmerksamkeit bedurften. Er genoss die verbleibenden Tage. Martin, der Sekretär von Wilhelm von Nassau-Dillenburg, hatte mittlerweile auch das Schriftstück ihrer Vereinbarung fertiggestellt. An einem Abend besprachen sie es bei kräftigem Wein.
„Lieber Onkel, Martin hat hiermit ein ganz ausgezeichnetes Papier geschrieben! Wenn man es so liest, könnte man meinen, dass ein Advokat an ihm verloren gegangen ist!“ sagte Rénè seinem Onkel.
„Ja, das stimmt! Er hat wohl auch einmal mit der Rechtswissenschaft angefangen zu studieren. Ich habe ihn in Frankfurt getroffen. Er war damals total unglücklich mit dem Studium. Irgendwie hatte er den Spaß und die Energie dafür verloren. Kurzerhand habe ich ihn zu mir nach Dillenburg geholt und hier fühlt er sich sehr wohl. Ich möchte auch nicht mehr auf ihn verzichten! Wie sieht es aus, möchtest du noch einen Schluck Wein?“ führte Wilhelm aus.
„Gott sei Dank, fragst du mich, ob ich noch Wein möchte. Das Bier ist nicht so meine Welt. Ich habe noch am nächsten Tag nach unserem Besuch in der Brauerei einen dicken Kopf gehabt“, und lachte, „gerne nehme ich noch einen Wein! Von wo ist dieser gute Tropfen überhaupt?“ wollte Rénè von seinem Onkel wissen.
„Er kommt von der Mosel. Er ist genau von dem Weingut, wo Marius Schenk herstammt. Sein Bruder hat dort sehr gute Lagen. Alles steil und von der Sonne verwöhnt. Sein Bruder will es hier in Dillenburg auch probieren. Das Gespräch hast du ja mitbekommen als wir in der Brauerei mit diesem verbohrten Vogt darüber gesprochen haben“, antwortete Wilhelm.
„Wenn es klappt, kann ich dich nur zu diesem genialen Schritt beglückwünschen. Hoffen wir mal, dass es hier einen ebenso guten Wein dann direkt vor deiner Tür geben wird!“
„Kommen wir auf die Vereinbarung zurück! Ist sie so für dich in Ordnung und annehmbar?“ wollte Wilhelm wissen.
„Ja, sie schaut gut aus. Es sind alle relevanten Dinge darin fixiert. So können wir es unterschreiben!“ ergänzte Rénè.
Wilhelm und Rénè setzten sich an den Tisch in dem Arbeitszimmer Wilhelms. Wilhelm stellte Feder und Tinte bereit, dann unterzeichneten und besiegelten sie den Wunsch von Rénè von Chalon, Prinz von Oranien. Ein erhabener und doch zugleich ein schwermütiger Akt. Wilhelm nahm noch einen kräftigen Schluck und forderte Rénè dann auf ihm zu folgen. Er wollte sich bei einem kleinen Spaziergang mit seinem Neffen unterhalten. Sie sprachen über die Zukunft. Wilhelm wollte noch einige bauliche Massnahmen am Schloss vornehmen. Die Meinung seines Neffen interessierten ihn, da er doch etwas mehr an Architektur gesehen hatte als er. Natürlich spielte bei all diesen Gedanken der Modernisierung auch die Politik eine gewichtige Rolle. Immerhin bestand die Gefahr, dass die Franzosen sich über den Rhein begeben könnten, um interessante Territorien dazu zu gewinnen. Nassau war dafür ein höchst interessantes Gebiet. Es war ja nicht nur der Einfluss, den dieser Graf Wilhelm von Nassau-Dillenburg inne hatte, sondern auch das Land, welches er zu verwalten hatte. Wilhelm wollte so viel wie möglich über das weitere Vorgehen von Karl V. wissen, wie Rénè die politische Lage einschätzte und wie wahrscheinlich ein Krieg nun gegen die Franzosen wirklich einzuschätzen wäre. Zwei Tage später galoppierte ein Reiter in den Schlosshof. Zwei Bedienstete eilten ihm entgegen und hielten sein Pferd, das schweißig schnaufte.
„Wo finde ich den Prinzen? Ich habe eine wichtige Depeche für ihn?“ keuchte der Reiter sichtlich erschöpft.
„Folgt mir, ich bringe euch zu ihm“, sagte der Pferdeknecht und übergab die Zügel des Pferdes an den Stallburschen. „Absatteln, striegeln und füttern“, bekam der Bursche mitgeteilt.
Er nickte und führte das erhitzte Tier in Richtung Marstall, wo er es zuerst noch etwas zum Auslaufen herumführte. Währenddessen führte ein Diener den Kurier durch einen kleinen Vorraum und weiter in das Empfangszimmer von Wilhelm.
„Bitte warten sie einen Augenblick. Ich werde sie seiner Durchlaucht anmelden!“
Mit diesen Worten ließ er den Kurier in dem Vorraum warten und verschwand durch eine zweite Tür unmittelbar in seiner Nähe. Kurz darauf erschien Rénè. Es hatte nichts Gutes zu bedeuten, wenn ein Kurier so angekündigt wurde.
„Nun, was habt ihr für mich?“
„Euer Durchlaucht“, und machte eine kleine Verbeugung, „der Kaiser wünscht euer Erscheinen. Alles Weitere entnehmt bitte dieser Depeche!“ sagte der Kurier.
Rénè nahm das Schreiben und brach das kaiserliche Sigel auf. Schon die ersten Worte, die er las, ließen ihn nichts Gutes erahnen.
„Habt Dank. Ihr seid bestimmt durstig und hungrig von dem anstrengenden Ritt. Thomas!“ rief Rénè seines Onkels Diener, „bringt diesen erschöpften Reitersmann in die Küche und versorgt ihn mit der uns bekannten Gastfreundschaft! Sollt ihr eine Antwort gleich überbringen?“ fragte Rénè den Kurier, der nur noch nickte. „So sei es. Erfrischt euch und speist, während ich die Antwort für unseren Kaiser verfasse“, antwortete Rénè und setzte sich an den Tisch seines Onkels, während der Kurier von Thomas in die Küche geführt wurde.
Die Feder tunkte er in das kleine Tintenfässchen und begann zu Schreiben. Für diese Zeilen benötigte er keinen Schreiber. Es dauerte auch zu lange. Der Kaiser benötigte seine Anwesenheit in Trier, einer der Reichsstädte, die Karl V. gerne auf seinen Reisen besuchte, bis zum Ersten des Monats. Ungefähr zwölf Tage Zeit für die Strecke von Dillenburg nach Trier. Das war machbar und so sagte er dem Kaiser sein rechtzeitiges Erscheinen zu. Dann faltete er den Brief und verschloss ihn mit seinem Siegel. Thomas war derweil wieder im Zimmer erschienen. Er stand an der Tür, die er hinter sich geschlossen hatte und wartete auf den Antwortbrief des Fürsten, um ihn anschliessend dem Kurier in der Küche zu bringen.
Rénè musste diese Nachricht seinem Onkel umgehend mitteilen. Er fand seinen Onkel und seine Tante im Schlossgarten wandelnd. Als er vor den Beiden stand, berichtete er ihnen von dem Schreiben des Kaisers und seiner Antwort.
„Gut, mein Lieber, es scheint wirklich sehr wichtig! Wann willst du aufbrechen?“ fragte ihn sein Onkel.
„Ich denke morgen sollte reichen. Ich möchte ja auch nicht zu früh am Hofe des Kaisers erscheinen. Tante, ich bedaure euch verlassen zu müssen. Ich habe die Tage beziehungsweise Wochen hier bei euch sehr genießen können. Sie haben mich meinem Cousin sehr nahegebracht und bestätigt, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Habt Dank für alles. Ich denke, ich werde dann jetzt mal packen gehen. Wenn man allein und inkognito reist, kommt man auch schnell voran.“
Mit diesen Worten verbeugte er sich vor den Beiden und ging zurück auf sein Zimmer. Da war wieder dieses Stechen am Herz von Juliana, das sie bereits am Abend seiner Entscheidung empfunden hatte. Als Rénè sein Zimmer betrat, fand er Thomas über seine Reisetasche gebeugt vor.
„Was machst du da Thomas?“ fragte Rénè den überrascht dreinschauenden Thomas.
„Ich habe mir erlaubt euer Durchlaucht Kleidung zu reinigen und werde sie, mit eurer Erlaubnis, nun in eure Reisetasche verstauen“, kam eine gefasste Antwort auf Rénè Frage.
„Sehr umsichtig und vorausschauend. Vielen Dank Thomas!“ sagte Rénè und lächelte geistesabwesend Thomas zu.
Der nächste Morgen, Rénès Abreise, war mit Wehmut behangen. Juliana stand neben ihrem Gatten und tupfte sich Tränen des Abschieds von den Wangen. Es fiel ihr schwer nicht zu weinen. Dieser junge Mann, ihr Neffe, verkörperte für sie ein Ideal an Anmut, Herzlichkeit und Mut. So soll sich ihr Sohn Wilhelm auch einmal entwickeln. Das war ihr Wunsch und ihr Ziel in dessen Erziehung. Sie hatte sich allerdings auch so an seine Anwesenheit gewöhnt, dass es ihr umso schwerer fiel, ihn jetzt abreisen zu sehen.
„Rénè, ich wünsche dir eine gute und sichere Reise. Wir haben uns sehr gefreut über deinen Besuch und würden uns freuen, dich bald mal wiederzusehen!“ gab Wilhelm seinem Neffen zum Abschied mit auf den Weg und zog ihn an sich heran, um ihn ganz herzlich zu drücken.
Es fiel ihm schwer, ihn so überraschend gehen zu lassen. Doch wenn der Kaiser rief, so hatte er als Fürst seinem Kaiser nicht nur zu gehorchen, sondern ihm auch die Treue geschworen und somit sofort Folge zu leisten.
„Mein Lieber, der Abschied fällt mir gerade schwer, doch ich wünsche dir eine gute Reise“ drückte Juliana heraus.
Sie weinte. Nahm ihn in die Arme und küsste ihn auf die Stirn.
Rénè erwiderte die Herzlichkeit und küsste sie mit den Worten auf die Wange: „Tante Juliana, wir sehen uns wieder, versprochen. Es wird bestimmt die Möglichkeit dazu geben. Ich möchte doch meinen Cousin wiedersehen. Sehen, wie er groß wird. Also, nicht mehr weinen“, und wischte ihr mit seinem Taschentuch über die Wange, wo sich gerade eine Träne gelöst hatte. „Habt Dank für die unbeschwerten Tage bei euch. Sobald ich angekommen bin, werde ich euch schreiben. Lebt wohl!“
Mit diesen Worten stieg er auf sein Pferd. Seine Reisetasche hatte Thomas bereits am Sattel befestigt. Auch Proviant hatte er daran verstaut. Wann immer Rénè Hunger auf seiner langen Reise verspürte, konnte er auf dieses Reisegepäck zugreifen.
„Thomas hat hoffentlich an alles gedacht, was ich ihm aufgetragen habe“, sagte Juliana zu Wilhelm und winkte Rénè nach, als er über den Schlosshof in Richtung Stadt ritt.
„So, wie ich Thomas kenne“, ergänzte Wilhelm, „hat er bestimmt noch etwas mehr dazu gepackt. Ich sah ihn vorhin mit einem Bündel unter dem Arm aus der Küche kommend.“
Rénè kam gut voran. Sein Pferd Wirbelsturm, in so mancher Schlacht erprobt, war ein guter Begleiter. Ausdauernd und sicher im Tritt, brachte es seinen Herrn der Zusammenkunft mit seinem Kaiser näher. So manche Herberge bekam er zu sehen. Häufig genug mehr oder weniger ein umgebauter Pferdestall. Kein Komfort und meistens ein noch schlechteres Essen. Die Vorräte, die Thomas ihm mitgegeben hatte, waren bereits aufgebraucht. Am Abend vor seiner Ankunft bezog Rénè Quartier in einer Herberge, die nur noch einen halben Tagesritt von Trier entfernt lag. Die Herberge zum „Fahrenden Wandersmann“ las er auf dem Schild, das an der Hausecke angebracht war. Bestimmt auch wieder so eine miserable Herberge, dachte er. Stieg von seinem Pferd, während er die Zügel von einem Burschen gehalten bekam. Er gab ihm noch ein paar Anweisungen, wie er seinen Wegbegleiter behandelt haben möchte, drückte dem Burschen etwas Geld in die Hand und sagte:
„Denk daran, wenn ich morgen früh weiterreite, möchte ich es genauso vorfinden, wie ich es dir aufgetragen habe. Alles verstanden?“
„Herr, ihr Pferd ist bei mir in guten Händen. Ich werde alles so ausführen, wie ihr es mir aufgetragen habt“, kam als Antwort aus einem mit Dreck verschmierten Gesicht.
Dabei lächelte der Bursche und verschwand mit dem Pferd in der Stallung. Als Rénè sich den Staub des Rittes aus seinem Wams geklopft hatte, öffnete er die Herbergstüre. Lachen, kratzige Musik und eine ordentliche Brise nach Bier kam ihm entgegen. Ein einladendes und freundliches Bild an Herberge offenbarte sich ihm. Es gab also doch noch anständige Herbergen in diesem Land. Nach all der Ruhe und der Beschaulichkeit der Reisetage schien es eine willkommene Abwechslung. Er setzte sich an einen freien Tisch und legte seine Reithandschuhe und seinen Hut auf die Bank neben sich. Ausgelassen war die Stimmung. Bier und Wein taten ihr übriges. Ein junges Mädchen mit roten Haaren kam auf ihn zu und fragte:
„Was soll’s sein Fremder? Wollen sie auch was essen? Mein Vater hat noch etwas Huhn. Ist heute Morgen geschlachtet worden. Aber es ist das letzte Huhn. Sonst gibt es nur noch Käse und Brot.“
Während sie so anbot, fielen Rénè die Sommersprossen in ihrem Gesicht auf. Mit jedem Wort, dass aus ihrem Mund kam, sah er die Zahnlücke vorne. Wahrscheinlich durch einen Unfall herausgeflogen.
„Also, dann bitte das letzte Huhn mit Brot und einen Wein, aber keinen Fusel, wenn ich bitten darf! Habt ihr noch ein Zimmer für die Nacht?“ schloss er seine Bestellung ab.
„Ja, ich denke schon. Ich frage meinen Vater!“ und verschwand mit ihrer mit Wein, Bier und Fett beschmierten Schürze.
Unter ihrem Kopftuch konnte er ihre langen roten Haare heraushängen sehen. Er grinste und dachte bei sich, was für eine Herberge. Hoffentlich wird das Zimmer wenigstens ordentlich und das Bett sauber sein. Diesen Wunsch hatten Reisende in dieser Zeit häufig. Nicht selten kam es vor, dass die Bettwäsche über Tage, vielleicht sogar über Wochen hin, nicht gewechselt wurden. Flöhe und sonstiges Ungeziefer fühlten sich darin besonders wohl. Doch jetzt sollte es erst einmal etwas Wein und Essen sein. Das Mädchen kam zurück, stellte das Essen mit dem Wein auf den Tisch und sagte:
„Noch etwas der Herr? Ach übrigens, wir haben noch ein Zimmer. Das Bett ist frisch bezogen und das Zimmer ist ordentlich. Bezahlt wird im Voraus. Man weiss ja nie, mit was für Gesindel man es zu tun hat.!“
„Ho, ho, junge Maid, sehe ich aus wie Gesindel?“ antwortete Rénè auf die doch burschikose Art des Mädchens. „Ich nehme das Zimmer und zahle auch gut.“
„Entschuldigung der Herr, darf ich mich zu euch setzen? Es ist sonst kein einladendes Plätzchen in dieser Herberge mehr frei, wo man sich dazugesellen würde“, sagte eine tiefe und nicht unsympathische Stimme, als Rénè sich zu dem Mann umdrehte.
„Bitte“ und zeigte auf einen freien Platz, „nehmt Platz. Habe nichts gegen etwas kultivierte Unterhaltung.“
Dies nahm Rénè zumindest an, als er sich ihm gegenüber an den Tisch setzte. Ein Mann in ungefähr seinem Alter. Gut gekleidet und mit einem hellen Blick aus braunen Augen. Sie verbrachten den Abend mit Reden und Lachen und ließen sich noch zwei Krüge Wein kommen, die sie in einer angenehmen Unterhaltung zu sich nahmen. Die Herberge leerte sich und die letzten Besucher torkelten nach draußen. Die Beiden merkten gar nicht, dass sie die letzten Gäste waren. Erst als die junge Rothaarige neben ihnen stand und sie aufforderte den Schankraum Richtung ihrer Zimmer zu verlassen, bemerkten sie den Zustand eines leeren Gastraumes.
Der folgende Morgen begann mit einem riesigen Lärm im Treppenhaus der Herberge. Laut wurde eine Tür zugeschlagen und eine weibliche Stimme schrie über den Flur.
„Du bist ein Schwein. Ich werde dich melden, du Zechpreller. Erst verbringst du mit mir die Nacht und dann willst du nicht zahlen. So nicht! So nicht!“ Mit ihren Holzpantinen stapfte sie wütend die Treppe hinunter. „Das melde ich!“ und wieder schlug eine Tür.
Spätestens jetzt waren die restlichen Herbergsgäste wach. Rénè packte seine Tasche und ging für ein kleines Frühstück in den Gastraum hinunter. Brot und Käse mit etwas Wein wurden angeboten, dem er vor lauter Hunger zustimmte. Auch sein Gesprächspartner von abends gesellte sich zu ihm. Ganz wie selbstverständlich.
„Da war aber jemand sehr aufgebracht!“ und lachte dazu. „Ihr reist jetzt auch weiter? Wohin führt euch eigentlich die Reise? Ich habe es gestern noch Fragen wollen und dann doch wieder vergessen!“
„Nun, um eure Neugierde zu befriedigen“ antwortete Rénè süffisant „ich reise nach Trier!“
„Ach, wollt ihr auch den Kaiser sehen? Er soll ja auch eine Kutschfahrt durch die Stadt machen, um sich seinem Volk zu zeigen!“ entgegnete ihm sein Gesprächspartner.
„Ja, vielleicht!“ gab Rénè kurz zurück. „Ich darf mich jetzt verabschieden, ich habe noch einige Dinge zu erledigen!“
Als er es gesagt hatte, kam es ihm unhöflich vor, einen Fremden so knapp zu behandeln. Als er aufgestanden war, um zu gehen, drehte er sich zu ihm um und sagte: „Entschuldigen Sie, ich bin schon in Gedanken weiter. Ich wünsche ihnen auch eine gute Reise und vielen Dank für ihre Gesellschaft. Es ist sehr angenehm gewesen, mich mit ihnen zu unterhalten. Guten Tag.“
„Fand ich auch. Und ich habe volles Verständnis für sie. Auch ihnen noch eine gute Reise“, entgegnete ihm der Fremde.
Rénè nahm seine Reisetasche, bezahlte seine Rechnung und begab sich vor die Tür der Herberge. Der Stallbursche hatte sich wirklich wie von ihm gewünscht um Wirbelsturm gekümmert. Dafür bekam er von ihm auch einen Dukaten. Der Stallbursche schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an und wollte gerade etwas sagen, als Rénè mit einer Handbewegung die Überraschung wegwischte. Er ist gerne großzügig, wenn es um sein Pferd geht.
„Danke Herr, das ist doch viel zu viel. Ich habe alles so gemacht, wie ihr es mir gesagt habt. Herr! Herr bitte, ich kann das nicht annehmen!“
„Bursche, sei jetzt still. Ich habe dir den Dukaten gegeben, weil du ihn verdient hast. Mein Pferd lässt nicht Jeden diese Arbeiten an sich vollziehen. Da er dir keinen Schaden zugefügt hat, ist es ein gutes Zeichen, dass du sehr gut mit Pferden kannst.“
Rénè schwang sich in seinen Sattel, rückte sich zurecht und gab seinem Pferd mit einem leichten Druck in die Seite das Zeichen loszugehen. Er wollte bis zum frühen Mittag in Trier ankommen. Er brauchte auch noch ein Quartier. Wenn der Kaiser in der Stadt ist, könnte es knapp werden mit Schlafmöglichkeiten. Karl V. hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, keinen festen Ort als seine Hauptstadt zu bezeichnen. Er reiste das ganze Jahr über mit seinem Gefolge durch seinen Herrschaftsbereich. Und der war groß: Er hatte so viele Titel, dass es dafür schon fast ein eigenes Pergament brauchte. Rénè versuchte in Gedanken, während er über eine bewaldete Hügelkette ritt, alle Titel zusammen zu bekommen. Karl der Fünfte, erwählter römischer Kaiser, immer Augustus, Mehrer des Reiches, in Germanien, zu Kastilien, Aragon, León, beider Sizilien, Jerusalem, Ungarn, Dalmatien, Kroatien, Navarra, Granada, Toledo, Valencia, Galizien, Mallorca, Sevilla, Sardinien, Córdoba, Korsika, Murcia, Jaén, Algarve, Algeciras, Gibraltar, der kanarischen Inseln und des Festlandes, des Ozeanischen Meeres, König, Erzherzog zu Österreich, Herzog zu Burgund, zu Lothringen, zu Brabant, zu Steyr, zu Kärnten, zu Krain, zu Limburg, zu Luxemburg, zu Geldern, zu Kalabrien, zu Athen, zu Neopatria und zu Württemberg, Graf zu Habsburg, zu Flandern, zu Tirol, zu Görz, zu Barcelona, zu Artois und zu Burgund, Pfalzgraf zu Hennegau, zu Holland, zu Seeland, zu Pfirt, zu Kyburg, zu Namur, zu Roussillon, zu Cerdagne und zu Zutphen, Landgraf im Elsass, Markgraf zu Burgau, zu Oristan, zu Goziani und des Heiligen Römischen Reiches, Fürst zu Schwaben, zu Katalonien, zu Asturien, Herr zu Friesland und der Windischen Mark, zu Pordeonne, zu Biscaya, zu Monia, zu Salins, zu Tripolis und zu Mecheln, und das für immer.
„Ich habe es zusammenbekommen!“ sprach er zu sich selbst. Er blickte auf sein bisheriges Leben. Vieles wurde ihm zuteil, was andere nie erreichen würden. Sein Vater, Graf Heinrich III von Nassau-Breda, vererbte ihm diese reichen nassauischen Besitzungen. Zudem erzog sein Vater den heutigen Kaiser zeitweise mit. Kaiser Karl V. wurde in den habsburgischen Niederlanden geboren. Hieraus ergab sich dann auch diese Verbundenheit zwischen den beiden Häusern. So wurde sein Vater auch zum Statthalter von Holland, Seeland und Friesland ernannt. Dieser Stand entsprach schon fast einer Normalität. Rénè war aus der zweiten Ehe von Heinrich III mit Claudia von Chalon hervorgegangen. Durch diese Ehe erlangte das Haus Nassau die Anwartschaft auf das Fürstentum von Orange im Süden von Frankreich. Der regierende Regent war damals noch sein Onkel. Als dieser starb, erbte er 1530 das Fürstentum. Seitdem durfte er sich als der erste nassauische Fürst von Orange nennen. 1531 wurde Rénè wie zuvor sein Vater Heinrich III und sein Onkel Wilhelm der Reiche, den er erst vor kurzem besucht hatte, durch den Willen Kaiser Karl V. in den Orden des Goldenen Vlies aufgenommen. Diese ritterliche Ordensgemeinschaft besteht aus 24 der bedeutendsten Adelsgeschlechtern. Kaiser Karl V. wollte sich damit auch der Loyalität seiner größten Fürstentümern sicherstellen. Dadurch wurde dieser Orden zu einem der politisch einflussreichten Orden seiner Zeit. Als sein Vater 1538 starb erbte er auch den niederländischen Besitz. Somit wurde er Statthalter von Holland, Friesland, Geldern und Seeland. Er schaute sich wieder etwas um, er brauchte die Ablenkung. Die Monotonie einer solch langen Reise benötigte Abwechslung. Die Wälder wechselten über zu saftigen Wiesen. In der Ferne sah er einen Bauern, der sein Feld bestellte. Der Ochse, den er vorgespannt hatte, durfte ganz schön schwer ziehen. Den Bauernhof konnte Rénè jetzt auch sehen. Es ist nichts Besonderes. Ein kleines Haus, aus Lehm, Stein und Stroh gebaut, eine Scheune, wo sich die Bretter und Balken wohl mehr nach dem Wind richteten als nach dem Erbauer. In einem Pferch suhlten sich ein paar Schweine, die sich in eine große Pfütze gelegt hatten und vor sich hindösten. Hühner pickten nach Futter den Boden ab und ein kleines Mädchen spielte mit einer jungen Ziege. Der Duft von Dung drang an seine Nase. Er rümpfte die Nase und reitete ruhig weiter. Nichts konnte dieses Idyll zerstören. Er genoss die Ruhe, die ihn umgab. So langsam nahm die Geschäftigkeit auf der Straße zu. Immer mehr Händler mit ihren Wagen, gefüllt mit Waren, dass sie schon fast herunterfielen, das große Geschäft witternd, wenn sie nach Trier kamen, Reisende, die sich zu kleinen Gruppen zusammengeschlossen hatten, um den Widrigkeiten einer langen Reise zu entgehen. Manche sind zu Fuß unterwegs, andere bevorzugten die Bequemlichkeit einer Kutsche, meist mit vier Pferden als Gespann davor. Rénè ist nicht entgangen, dass er mit seinem Vorhaben allein zu seinem Onkel zu reisen, sehr viel Glück gehabt hatte. Kein Gesindel sprang aus dem Unterholz, als er auf den Hauptstraßen geritten war, um ihn auszurauben. Er hatte diesbezüglich die tollsten Geschichten gehört. Es zeigte sich, dass eine Anordnung vom Kaiser schon Früchte trug, die Hauptreisewege zwischen den Städten, durch Patrouillen der Stadtwachen, sicherer zu machen. Karl V konnte stolz auf diese Anordnung sein. Sein Volk war es bestimmt. Die Wachen teilten sich die Strecken hälftig auf. Seitdem wuchsen die Einnahmen der Städte und damit auch die Einnahmen der verantwortlichen Fürsten, Grafen und Herren für bestimmte Gebiete und dadurch auch die Einnahmen des Kaisers. Das verhinderte allerdings nicht die totale Ebbe in seiner Kasse. Viel zu häufig hat er die Fugger seit seiner Krönung anpumpen müssen. Die Fugger waren gewiefte Kaufleute aus Augsburg. Viele Herrscher waren ihre Kunden. Nicht selten konnten sie allerdings das geliehene nicht zurückzahlen und somit wuchs das Vermögen dieser geschäftstüchtigen Banker. Sie hatten zum Beispiel bei einem Kredit an den Kaiser, eine Silber- und Kupferproduktion in Tirol als Entschädigung bekommen. Dadurch bekamen die Fugger sogar die Möglichkeit ihr eigenes Geld zu pressen. Karl hatte eine größere Menge Geld schnell auf einmal bekommen, aber eine stetige Einnahmequelle dafür verloren.
Nach und nach wurden immer mehr Rauchschwaden am Horizont sichtbar. Wie kleine Säulen, die gerade zum Himmel strebten und irgendwo auf ihrem Weg nach oben, vom Wind abgewehrt wurden. Trier, eine alte römische Stadt, näherte sich. Vorbei ist die Ruhe, die er genoss, mit duftigen Wiesen voller Blumen und Blüten oder einem Ritt durch einen Wald, wo das Rauschen der Blätter zu hören war, mit ihrem Vogelgezwitscher. Jetzt war Geschäftigkeit angesagt. Als er den Hügel nach Trier hinunterritt, sah er schon links vor der Stadt eine riesige Zeltstadt. Der Kaiser und sein Gefolge hatten sich ausgebreitet. Wiesen und Brachland von Bauern in Beschlag genommen. Kuriere hatten bereits eine Spur gelegt. Man sah genau, wo sie entlang ritten. Feuerstätten rauchten zwischen den Zelten vor sich hin. Menschen bewegten sich zwischen ihnen hin und her. Es sah aus wie auf einem Ameisenhaufen. Hunde bellten. Und überall Soldaten, die dieses riesige Areal bewachten. Alles zum Schutz des Kaisers und dessen Gefolgschaft. Vor seinem Zelt, es war das größte, das Rénè je gesehen hatte, standen mehr Soldaten als sonst irgendwo. Es konnte nur des Kaisers Zelt sein, dachte er so bei sich und ritt langsam am Rand der Zeltstadt entlang. Viele verschiedene Sprachen drangen an sein Ohr. In der Hauptsache war es aber spanisch, was eigentlich naheliegend war, da Karl V. sehr viele Ländereien in Spanien besaß. Da ein paar Worte Französisch, die ihm vertraut waren. Da waren auch deutsche Sätze zu hören. Ein kunterbunt zusammengewürfelter Haufen an Lakaien, Hofschranzen und jede Menge Wichtigtuer, die sich im Schatten des Kaisers in dem ganzen Tross bewegten. Es war unglaublich. Auf der Brücke zur Stadt kamen ihm wohl Stadträte oder Mitglieder einer Gilde entgegen. Sie taten zumindest so wichtig. Doch es kümmerte Rénè eigentlich im Moment wenig. Er brauchte eine Schlafstätte. Am Stadttor angelangt, fragte er nach einer solchen bei den Wachen nach. Die Antwort überraschte ihn ein wenig und eigentlich nicht so wirklich.
„Herr, ist das euer Ernst? Der Kaiser ist hier und ihr wollt ein Quartier?“ sagte einer der Wachsoldaten.
„So ist mein Anliegen! Könnt ihr mir keinen Hinweis auf eine eventuelle Herberge mit Schlafmöglichkeit geben?“ fragte Rénè.
Ein Offizier, wohl der Vorgesetzte der Wachsoldaten, kam aus seinem Wachhäuschen, da er das Gespräch der Wachen mit Rénè mitbekam.
„Ihr Zwei, zurück auf euren Posten! Ihr wisst genau, welche Vorschriften für uns zurzeit gelten. Also Schluss jetzt!“ flog ihnen ein Befehl entgegen.
Sofort entfernten sie sich von Rénè und gingen wieder ihrem Auftrag nach, die Reisenden zu kontrollieren. Jeder, der in die Stadt reinwollte, musste kontrolliert werden.
Der Offizier kam auf Rénè zu und fragte ihn: „Weshalb haltet ihr meine Soldaten von ihrem Auftrag ab? Wer seid ihr?“
Was Rénè die ganze Zeit für sinnvoll erachtet hatte, nämlich seine Identität für sich zu behalten, musste jetzt wohl preisgegeben werden.
„Ich bin Fürst von Nassau und ich habe nur nach einer Quartiermöglichkeit gefragt!“
Rénè dachte sich, diese Kurzbezeichnung muss dem Offizier reichen, um ihm den entsprechenden Respekt entgegenzubringen und eine auskömmliche Antwort zu erhalten.
„Ihr ergebener Diener, Durchlaucht. Wie euch bestimmt nicht entgangen ist, befindet sich unser Kaiser zurzeit in der Stadt. Mit einem Quartier sollte es nicht so einfach sein. Jeder will irgendwo schlafen. Doch vielleicht habt ihr Glück, wenn ihr bei meiner Stiefmutter, die vor kurzem Ihren Mann verloren und die Herberge übernommen hat, nachfragt. Vielleicht hat sie noch ein Zimmer. Die Küche ist gut, die Zimmer sauber und es liegt nicht allzu abgelegen in der Stadt.“
„Sehr freundlich. Habt vielen Dank für die Auskunft. Ich werde es gerne bei eurer Stiefmutter Herberge probieren. Wie finde ich sie?“ sagte Rénè und beugte sich zu dem Offizier, als er ihm deutete, etwas näher zu kommen.
„Herr, reitet auf der Hauptstraße weiter, dann nehmt die vierte Straße nach rechts und dann seht ihr schon ihr Herbergsschild am Haus hängend. Solltet ihr abgewiesen werden, richtet ihr bitte einen Gruss von mir aus. Mein Name ist Renier, ich bin Offizier der Stadtwache am Haupttor und der Stiefsohn. Das soll genügen. Ich wünsche euch viel Erfolg!“
„Vielen Dank, Renier. Ich weiss es zu schätzen, auch dass ihr es mir vertraulich gesagt habt.“
Renier, der Offizier trat einen Schritt zurück und Rénè konnte mit seinem prächtigen Pferd passieren. Vorsichtig und langsam trottete er die Hauptstraße vorwärts. Immer wieder musste er sein Pferd zügeln, weil Bürger unachtsam den Weg kreuzten, gedankenverloren und rücksichtslos waren. Es war ihm auf Dauer zu mühsam. Er stieg vom Pferd und führte es hinter sich her. Es war zwar nicht weniger wuselig, aber dadurch das Rénè vor ihm lief, verhielt es sich ruhiger. Die vierte Straße hatte er gesagt, ging es Rénè durch den Kopf. Dann endlich kam sie und sofort fiel ihm das Schild am Haus auf. Es hing so tief über der Straße, dass, wenn er zu Pferd hier entlang geritten wäre, sicherlich mit dem Kopf dagegen gestoßen wäre. Er stieg ab und band Wirbelsturm an einem eisernen Ring an der Hauswand fest.
„Ruhig Großer. Hier geht es ein bisschen ruhiger zu als auf der Hauptstraße. Ruh dich aus und ich schau wie wir dich versorgt bekommen.“
Die Tasche nahm er vorsichtshalber mit. Als er die Tür öffnete, sah er in einen leeren Schankraum. Die Tische, Stühle und Bänke waren sauber poliert und sahen einladend aus. Nichts deutete mehr auf eine intensive Nutzung vom Vorabend hin. Er ging zu dem Schanktisch, auf dem ein mittelgroßes Holzfass in einer Schiene lag. Es ist wohl Wein, Rotwein, wie er bemerkte. Aus dem kleinen, in das Fass, eingeschlagenen Zapfhahn, tropfte immer wieder ein Tropfen roter Flüssigkeit. Auch dem Geruch nach war es Rotwein, bestätigte sich Rénè selbstbewusst. Da schwang die Tür hinter dem Tresen auf und eine Magd erschrak beim Anblick von Rénè. Fast hätte sie die Wäsche in ihren Armen fallen lassen.
„Herr, ihr habt mich jetzt ganz schön erschreckt! Wir haben noch geschlossen!“ sagte sie leise, als sie sich wieder beruhigt hatte.
„Ich bin auf der Suche nach einem Quartier für ein paar Tage. Habt ihr vielleicht noch ein Zimmer frei?“
Rénè wurde es langsam warm unter dem Umhang. Als er noch unterwegs war, ging immer wieder ein leichtes Lüftchen und es war angenehm. Doch jetzt in dem geschlossenen Raum und dem knisternden Holz im Kamin, was erst vor kurzem wohl angeschürt worden war, wurde es ihm warm. Er nahm seinen Umhang ab und legte ihn sich über den linken Arm, wo er seine Reistasche auch hielt.
„Ich muss bei meiner Herrin nachfragen. Wartet einen Augenblick“, gab sie zur Antwort.
Wie auf ein Stichwort ging die Türe wieder auf. Fast hätte das junge Mädchen sie in den Rücken gestoßen bekommen.
„Marie, was stehst du hier rum. Soll ich dir Beine machen?“ kam in einem bestimmenden, aber ruhigen Ton. „Herrin, dieser Gast sucht ein Zimmer“, gab sie zur Antwort.
Ihre Herrin, wohl die Besitzerin der Herberge, ist eine Schönheit in Rénè Augen. Und irgendwo hatte er sie schon gesehen. Sie kam ihm so bekannt vor. Aber sie sah in seiner Erinnerung etwas anders aus. Und dann fiel es ihm ein.
„Isabelle, bist du das?“ Er konnte nicht anders als sie direkt mit ihrem Namen anzusprechen. Sie musste es sein. Es konnte gar nicht anders sein. Seine Atmung, sein Blut, alles schien zu stocken. Bilder aus der Vergangenheit liefen vor seinen Augen ab. Vertrautheit, Wärme, Glück und absolute Sorglosigkeit begleiteten das Gefühl, was in ihm aufkeimte.
„Rénè? Bist du es wirklich? Ich glaube es nicht!“ mit diesen Worten fiel sie Rénè um den Hals.
