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Als der Dämon Nitalok die Welt der Engel versklavte, waren die Lyrees gezwungen, ihre geliebte Heimat Lyrell zu verlassen. Sie flüchteten durch magische Portale in die Welt der Menschen. Die wenigen weißgeflügelten Engelsgeschöpfe, die es zur Erde schafften, errichteten, verborgen von den Menschen, kleine Kolonien. Seitdem sind schon über eintausend Jahre vergangen. Doch der Krieg zwischen Nitalok und den Lyrees setzte sich fort. So schickt er seit eintausend Jahren seine Krieger zur Erde, um auch die letzte weiße Schwinge zu vernichten. Ellie ist siebzehn Jahre alt und die Ziehtochter der hohen Priesterin. Obwohl ihr Vater ein hoch angesehener Magier war, verspürt sie lange keine Magie in sich. Als sich endlich ihre Bestimmung zeigt, überhäufen sich die Ereignisse. Nitaloks Krieg scheint sie auf einmal einzuholen und Ellies heile Welt ist in Gefahr. Dazu kommen verwirrende Träume und Visionen, die immer wieder mit diesem verflucht gut aussehenden Magier im Zusammenhang stehen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
In Zusammenarbeit mit
Agentur Buchfunke UG
Kreimers Kamp 28a | 48496 Hopsten
Text: © Mona West
Buchsatz: Laura Nickel
Lektorat/ Korrektorat: Lena Knodt
Umschlaggestaltung: Juliane Buser
https://jb-grafikdesign.de/
©Shutterstock.com, ©Dreamstime.com
Illustrationen: Mona West,
© Yuliia Inshyna Dreamstime.com
Druck: Printed in Germany
ISBN: 978-3-69109-001-7
Alle Rechte vorbehalten
© Mona West 2020
Mona West
Das Erbe von Lyrell
Engelsruf
Prolog
Rhodan konnte nicht genau benennen, was ihn zuerst geweckt hatte. Das stete Vibrieren seines Bettes oder der schrille Alarm des Kommunikators. Er saß aufrecht und brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Wo kam dieses Vibrieren her? Es fühlte sich an, als würde sein Haus unter Strom stehen.
»Ja?«, nahm Rhodan das Gespräch entgegen, nachdem er das Gerät in der Form einer Bohne in sein Ohr gesteckt hatte.
»Du musst sofort herkommen! Die Barrieren! Wir können sie nicht mehr halten«, bellte sein Freund und Mentor Lox ihm ohne Umschweife ins Ohr.
»Du meinst den Elross?«, fragte Rhodan fassungslos.
»Natürlich, was sonst? Es sieht schlimm aus. Ich weiß nicht, was uns erwartet. Wir brauchen jeden fähigen Magier, den wir auftreiben können. Gudil ist auf dem Weg zu dir, beeilt euch!« Bevor Rhodan seinem Freund etwas erwidern konnte, hatte dieser die Verbindung unterbrochen. Zum wiederholten Male ließ eine heftige Vibration sein Haus erzittern. Der Magier zog sich geschwind an und lief in das Erdgeschoss. Bevor er die letzte Stufe erreicht hatte, flog seine Haustür auf und Gudil stürmte, gefolgt von drei weiteren Magiern, in das Innere des Hauses.
»Lox hat mich gerade kontaktiert. Was genau ist hier los? Die Erde vibriert«, empfing Rhodan seinen nächtlichen Besuch.
»Wir haben keine Zeit zu verlieren. Du erfährst alles von Lox. Ich werde für euch ein Portal direkt zu seinem Standort öffnen.« Gudil richtete seinen Blick von Rhodan auf seine Begleiter. »Danach werde ich direkt nach Relya portieren und die Priester holen. Wir werden jeden Einzelnen mit einem Fünkchen Magie brauchen können.«
Rhodan nickte und musste sich am Treppengeländer festhalten, da ein gewaltiger Ruck durch den Boden jagte, der das Haus gefährlich ächzen ließ. »Es wird schlimmer. Kommt das vom Elross? Wenn ja, dann Gnade uns. Was auch immer aus dem Elross will, es ist mächtig.«
»Die Erschütterungen erfassen inzwischen das ganze Land« Gudil holte mit seinem rechten Arm aus. Er murmelte eine Beschwörungsformel, während er einen großen Kreis in der Luft beschrieb. Silberne Fäden zogen sich hindurch, bis er vollständig geschlossen war. Aus der Mitte heraus materialisierte sich eine silberne Scheibe, die rasant größer wurde, bis sie den gesamten Ring ausfüllte. Sanft waberte die Oberfläche wie flüssiges Silber. »Los jetzt! Unsere Männer brauchen euch! Ich komme mit den Priestern nach«, rief Gudil. Rhodan drückte dem Portalmeister zum Abschied die Schulter und durchschritt die silberne Oberfläche.
»Ich dachte, der Elross ist sicher und für die Ewigkeit konstruiert?«, rief ein junger Magier Rhodan zu. Der Junge hatte erst vor Kurzem seine Schwingen bekommen und Rhodan konnte die nackte Angst in seinem Gesicht lesen. Einzelne Schweißperlen hatten sich auf der Oberlippe des Jungen und auf dessen Stirn gesammelt. Seit Stunden versuchten sie, die Barrieren zu stärken, um das aufzuhalten, was aus dem Gefängnis entwischen wollte. »Nichts ist für die Ewigkeit gemacht, Junge. Mach weiter!«
»Was haben die Ältesten da eingesperrt? Ich dachte, dort kämen nur Befallene hinein. Verdammt, was hat die Leute eigentlich krank gemacht? Vielleicht sind sie mutiert – sind jetzt Ungeheuer oder noch schlimmeres.« Die Stimme des jungen Magiers hatte eine schrille Note angenommen.
»Konzentrier dich auf deine Magie und hör auf, hysterisch zu werden!«, rief Rhodan. Ihm tat seine rüde Art schon wieder leid, aber er war genauso gestresst wie alle hier. Er biss sich auf die Lippe. Der Junge hatte nicht unrecht, diese Gedanken waren ihm ebenfalls gekommen. Es war eine Tatsache, dass jemand eine Krankheit von einem der Planeten mitgebracht hatte, die die Lyrees besuchten. Sie waren Forscher und verfügten über die Magie, Portale in fremde Welten zu erschaffen. Keiner wusste, wie sich die Viren auf die Lyree auswirkten.
Der Boden unter Rhodans Füßen erzitterte und brachte ihn ins Straucheln. Er fokussierte seine innere Flamme und ließ sie weiter ausschlagen. Die magische Barriere vor ihm schimmerte durchlässig in Gold, Blau und Rottönen. Die Farben der Magie. Rhodan spürte deutlich den Widerstand, der aus dem Inneren gegen den Schutzzauber drückte. Lange würden sie dem Druck nicht mehr standhalten können. In seiner Nähe spaltete sich die Erde. Ein langer Riss hatte die Grasnarbe geöffnet, wo eben noch der junge Magier gestanden hatte. Rhodan hatte ihn nicht einmal schreien hören. Die Erde hatte ihn schlicht und einfach verschluckt.
»In die Lüfte«, schrie Rhodan und sein Ruf wurde von einem zum nächsten weitergegeben. Im Inneren der Barriere öffnete sich ein Portal. Schwarze Fäden wanden sich aus dem Boden empor. Sie wirkten wie Tentakel aus pechschwarzem Rauch.
»Verdammt, was passiert da?« Rhodan fühlte die dunkle Energie aus dem Inneren. Seine Hände fingen unangenehm zu kribbeln an, als würde sich das Böse einen Weg zu seiner Magie suchen. Er wollte es abschütteln, doch er durfte seinen Zauber nicht unterbrechen. Rhodan sah zu, wie der Spalt langsam größer wurde, bis sich ein schwarzes Tor materialisiert hatte. Es war kein Tor, wie es die Lyree zum Reisen verwendeten. Dieses Ding war düster und angsteinflößend. Es absorbierte regelrecht die Energie des Schutzschildes. So etwas hatte er noch nie erlebt.
Rhodan rechnete mit allem und wappnete sich für das Schlimmste. Ein kurzer Blick nach links und nach rechts. Die nackte Angst überkam ihn, ein Gefühl, welches er nicht ausstehen konnte. Der Wille, dies zu überstehen und sein Volk zu beschützen, war jedoch stärker als die Angst. Er konnte genau diese Entschlossenheit in den Regungen der Gesichter seiner Verbündeten lesen.
Als der dämonische Rauch mit dem Portal verschwunden war, hätte Rhodan beinahe hysterisch aufgelacht. Er hatte mit allem gerechnet, riesigen Monstern, gigantischen, feuerspeienden Drachen – seine Fantasie war in dieser Hinsicht unerschöpflich. Doch nichts von alledem war erschienen. In der Mitte des Platzes stand ein junger Mann, fast noch ein Kind. Der Knabe war von schlanker, eher schlaksiger Gestalt. Er verharrte völlig regungslos, das Gesicht zum Boden gesenkt.
Zu seinen Füßen begann sich das saftig grüne Gras braun zu färben. Fast hätte Rhodan es übersehen, da er auf den Jungen fixiert war. Die Verderbnis, die offensichtlich von ihm ausging, zog immer weitere Kreise. »Scheiße, holt alles aus euch raus. Verbannt das Ding zurück in den Elross«, brüllte Lox, der einige Meter weiter links von Rhodan in der Luft schwebte.
Rhodan kam nicht mehr gegen die dunkle Energie an. Seit der Junge aus dem Portal gekommen war, schien diese Macht um ein Vielfaches verstärkt worden zu sein. Der Magier ließ seine innere Flamme bis zum Äußersten ausschlagen und mobilisierte das letzte Fünkchen seiner Energie. Aus seiner Kehle löste sich ein schmerzerfülltes Brüllen. Es war zu viel dunkle Macht, sie kroch in jede Pore und Rhodan hatte das Gefühl, jedes einzelne seiner Organe würde sich umdrehen.
Plötzlich hob der Junge im Inneren der Barriere seine Arme. Eine Kraftwelle löste sich und rollte über die verdorrte Rasenfläche. Staub wirbelte auf. Die Welle prallte mit einem ohrenbetäubenden Knall gegen die Schutzzauber der Magier. Funken stoben über die magischen Wände und knisternde Tentakel, ähnlich wie Blitze, kletterten über die gesamte Oberfläche bis in die Kuppel. Goldene Funken rieselten wie Sternenstaub auf sie alle herab. Die schützende Barriere war zerstört. Die nächste Schockwelle würde sie alle treffen.
Rhodan schluckte und wusste einen Moment nicht, was er tun oder denken sollte. Eine zweite Schockwelle, die um einiges stärker war als die vorherige, löste sich und raste auf die Magier zu. Sie zerschmetterte die Kämpfer, die der Welle am nächsten waren. Diejenigen, die das Glück hatten und sich weiter hinten befanden, wurden durch die Luft katapultiert. Rhodan sah keine Chance, sich zu fangen. Die Druckwelle riss ihn weg und er krachte unkontrolliert auf den Boden. Seine rechte Seite schmerzte höllisch. Offenbar hatte er sich bei dem Sturz einige Rippen gebrochen. Sein Kopf fühlte sich an, als sei er in Watte gepackt. Klagelaute und Schmerzensschreie drangen dumpf in sein Bewusstsein. Er schüttelte verbissen die Benommenheit ab.
Sein Blick huschte über das Schlachtfeld. Er suchte Bonemias. Ihm durfte nichts passieren, das wäre ihr Ende. Weitere Risse bahnten sich ihren Weg durch den Rasen und hinterließen tiefe Krater. Rhodan hechtete zur Seite und konnte soeben einer solchen Todesfalle entkommen. Er materialisierte erneut seine weißen Schwingen. Schreie drangen an sein Ohr. Das Chaos war ausgebrochen. Blut rauschte laut in Rhodans Ohren und sein Herzschlag galoppierte. Sein Blick flog über die Magier, die am Boden lagen. Einige regten sich und rappelten sich wieder auf, andere lagen bewusstlos im Gras. Seine oberste Priorität war im Moment die Sicherheit von Bonemias. Er musste den Hohen Rat und ihren Herrscher aus dieser Hölle herausschaffen.
Rhodan erblickte seinen besten Freund Katar. Der Arkanmagier verschoss seine Salven auf den Jungen in der Mitte des Kreises, doch sie zerplatzten wirkungslos an dessen Schutzschild. Eine erneute Schockwelle löste sich von dem neuen Feind und brachte Rhodan ins Straucheln. Er überschlug sich mehrmals in der Luft und konnte sich in allerletzter Sekunde abfangen, um nicht wieder auf dem Boden aufzuschlagen. Rhodan konnte sehen, wie sich ein Krater unter Katars Füßen öffnete. Sein Freund verlor den Halt und stürzte. Rhodan überlegte keine Sekunde. Er ging in den Sturzflug und sah, wie sich Katar an eine Baumwurzel klammerte, die aus dem Erdreich herausragte.
»Katar! Nimm meine Hand.«
Ein erleichtertes Lächeln huschte über das Gesicht des Verunglückten. »Gutes Timing, mein Freund«, rief er Rhodan zu und packte die rettende Hand. »Was ist das für ein Ding? Meine Geschosse verpuffen, als würde ich mit Reiskörnern auf ihn schießen. Wie kann der kleine Scheißer so mächtig sein? Ich verstehe das nicht.«
»Keine Ahnung, hast du schon mal solch ein Tor gesehen? Das war kein normales Portal. Wenn er es selbst erschaffen hat, ist mit ihm nicht zu spaßen!« Rhodan legte die Stirn in Falten. »Kommst du klar?«, fragte er seinen Freund, der bestätigend nickte. »Ich war gerade auf dem Weg zu Bonemias. Wir müssen ihn hier wegbringen.«
»Gut so! Ich komme mit. Der Hohe Rat ist auch hier«, rief ihm Katar zu.
Rhodan nickte. »Dann los.«
Katars Miene wirkte skeptisch. »Glaubst du, dass sich Bonemias einfach in ein Loch verkriechen wird und abwartet, bis alles vorbei ist? Unser Herrscher ist ein Dickkopf, das weißt du am besten.«
»Er hat keine andere Wahl. Das Protokoll besagt, dass alle hohen Vertreter aus der Schusslinie gebracht werden müssen.«
Viele Jahre späaeter
Rhodan betrachtete seinen Herrscher fassungslos. Was er vorhatte, glich einem Selbstmordkommando. Frustriert, dass Bonemias ihm die Hände gebunden hatte und er nichts unternehmen durfte, tigerte Rhodan durch die kleine Hütte. Der Raum war spärlich eingerichtet. Ein runder Holztisch, an dem Bonemias, Lox und zwei weitere der Ältesten saßen, nahm den meisten Platz in Anspruch. Im hinteren Teil, der im Moment kaum beleuchtet war, standen ein Doppelbett und eine Kommode. Rhodan lehnte sich gegen die alte Küchenspüle. Das Becken hatte längst seinen Glanz verloren und aus dem angerosteten Wasserhahn tropfte es stetig. »Ihr werdet nicht gehen, Herr!«
»Ich weiß um deine Sorge, mein Junge, aber mir bleibt keine Wahl. Der Krieg dauert nun schon so lange. Ich bin der Einzige, der Nitalok etwas entgegensetzen kann. Ich muss gehen.«
Rhodan sah seinen Herrscher bei diesen Worten ungläubig an. Er wollte nicht respektlos erscheinen, doch er teilte Bonemias Meinung nicht. Ihr Herrscher war langsam in die Jahre gekommen. Keiner wusste, wie alt Bonemias wirklich war, vermutlich nicht einmal er selbst. »Bonemias, bitte.« Rhodan schaute ihm flehend in die grauen Augen. Alles an ihm war in den letzten drei Jahrhunderten Grau geworden.
»Nein!«, brach es mit einer Wucht aus dem Mann heraus. Die Gläser in der Vitrine über der Spüle klirrten, als er mit der Faust auf den Tisch schlug. »Ich werde unser Reich nicht aufgeben und wie ein Feigling fliehen! Dieses Monster hat schon zu viele meiner Leute auf dem Gewissen. Hat sie in seine Armee einverleibt, aus ihnen willenlose Sklaven gemacht. Ihnen ihre weißen Schwingen genommen und unsere geliebte Stadt Relya vereinnahmt. Mein Zuhause! Er vergiftet alles um sich herum. Überall kann man seine düstere Aura wahrnehmen, selbst in den Pflanzen und bei den Tieren. Ich kann das nicht zulassen! Lyrell darf nicht fallen!«, schloss Bonemias und strich sich müde über das Gesicht und den vollen, grauen Bart. Rhodan schüttelte traurig den Kopf und setzte sich wieder an den Tisch. »Ich verstehe Euch. Aber …«
»Wenn du mich verstehst, dann steh mir bei. Du musst nicht an meiner Seite kämpfen, das kann ich von keinen von euch verlangen. Ihr habt schon zu viel gegeben.« Bonemias schaute von Rhodan zu den übrigen Mitgliedern seiner Tafelrunde. Er fokussierte jeden einzelnen seiner treuen Anhänger. »Ich bin der Einzige, der es noch schaffen kann.«
Lox, der bis zu diesem Zeitpunkt geschwiegen hatte, erhob sich von seinem Stuhl und ging einige Schritte um den Tisch, bis er bei Bonemias angekommen war. »Herr, Nitalok hat euch schon einmal fast getötet. Das können wir nicht zulassen. Ihr wart nur einen Steinwurf von der Schwelle des Todes entfernt. Die Priester haben Tage benötigt, um euch wieder ins Leben zu holen. Wir haben nur noch einen Portalmeister, alle anderen sind tot oder zur anderen Seite übergelaufen. Vergebt mir meine offene Meinung, aber der Krieg ist verloren! Wir sollten den Anderen folgen und unser Glück auf Gaia versuchen.«
»Das ist richtig, das solltet ihr tun. Gaia ist ein guter Ort zum Leben. Sollte ich nicht zurückkehren, wirst du meine Nachfolge antreten, Lox. Für mich gibt es nur Lyrell. Ich werde unsere Welt zurückerobern oder mit ihr sterben. Ich habe schon alles mit dem Rat abgeklärt. Alle Mitglieder außer Estelle werden mich begleiten. Ihr braucht eine fähige Priesterin. Estelle wird mit euch gehen.
»Ich gehöre ebenso zum hohen Rat!«, erinnerte ihn Lox.
»Das ist richtig, doch du wirst auf Gaia gebraucht, ich dulde keine Widerrede mehr. Es ist entschieden, ich werde mit meinen Männern noch heute Nacht aufbrechen, und ihr werdet es auch.«
Kapitel 1
Gaia Gegenwart – 16 Jahre zuvor
Rhodan schaute aus dem Fenster auf die kleine Bucht, die sich vor dem Haus erstreckte. Der lange Strand war sauber und das Wasser schimmerte in einem tiefen Blau. Alles wirkte friedlich, eingefroren wie auf einer Postkarte. Der Wind wehte seicht, die Gräser schmiegten sich aneinander und Möwen kreischten am Himmel. Selbst heute, kurz nach dem Millennium, war diese Landschaft unberührt wie vor eintausend Jahren. Es war so ruhig, wie sollte jemand erahnen, dass sich in dem Haus vor wenigen Stunden etwas Abscheuliches abgespielt hatte? Weiße Federn stoben auf und tanzten an Rhodans Hosenbein hinauf, als er sich vom Fenster abwandte und in den Raum blickte. Ihm bot sich ein grauenhaftes Bild. Wieder war ein Engel gefallen. Dieser hier war viele tausend Jahre alt gewesen und hatte seinem Mörder dennoch nichts entgegensetzen können.
Es musste ein erbitterter Kampf um Leben und Tod gewesen sein. Wo Rhodan auch hinsah, überall Blut und Federn. Die Wand zum Wohnzimmer war durchbrochen. Ringsum lagen Trümmerteile und zerschlagene Möbel, als sei eine Bombe in die Luft gegangen. Das Fenster, aus dem er eben noch geschaut hatte, war das Einzige, das heil geblieben war. Die halbe Küche war zerstört. An die Hauswand im Esszimmer erinnerten nur noch einige einsame Bretter, die dem nächsten Windstoß nicht standhalten würden.
Im oberen Geschoss des Hauses hörte er die Schritte seines Kollegen Sedar. Da alles ruhig blieb, setzte Rhodan seine Erkundungen fort. Fassungslos fuhr er sich durch die Haare und stieß einen Fuß frustriert gegen einen Haufen Bretter. Dieser setzte sich in Bewegung, wodurch eine Hand zum Vorschein kam. Hastig sprang er über den Schutt und räumte lose Holzteile beiseite. Unter den Trümmern fand Rhodan eine junge Frau. Sie war übel zugerichtet worden. Ihre Glieder streckten sich seltsam verdreht vom Körper weg. Sie lag da wie eine Marionette, die man achtlos weggeworfen hatte. Langes schwarzes Haar verdeckte ihr Gesicht. Rhodan ging in die Hocke und strich es sanft beiseite.
»Wunderschön und blutjung«, seufzte er leise. Er hatte eindeutig einen Menschen vor sich. Rhodan schätzte sie auf fünfundzwanzig Jahre. Die ozeanblauen Augen vor Schreck geweitet, der Blick starr und leblos. An ihrem rechten Unterarm entdeckte er das Mal des Herren, eine kleine weiße Feder. Rhodan sog scharf die Luft ein und biss sich auf die Lippe.
»Verdammte Scheiße«, stieß er leise aus. Rhodan bemerkte, dass Sedar inzwischen neben ihm stand. Wie lange kniete er hier schon und betrachtete die Frau? »Schleich dich nicht so an mich heran, sonst könnte es passieren, dass ich dich fälschlicherweise für einen Nitaq halte«, knurrte Rhodan, ohne aufzuschauen.
»Kanntest du die Frau?«, fragte Sedar. Rhodan sah von der Toten zu seinem Gefährten und nickte bestätigend. Sedar war beinahe zwei Köpfe größer als er und ein Krieger mit Leib und Seele.
»Ihr Name war Loraine. Sie war die Frau von Lox. Persönlich bin ich ihr nie begegnet. Lox war meist allein oder mit seinem Sohn bei mir«, beantwortete Rhodan die Frage.
»Sie hat das Mal«, bemerkte Sedar, als er sich über Rhodan beugte, um einen genaueren Blick auf die Tote zu werfen. Traurig schüttelte er den Kopf und klopfte seinem Freund auf die Schulter.Der Verlust dieser Frau wog schwer. Es kam nicht mehr häufig vor, dass ein Mensch mit dem Mal geboren wurde.
»Du warst oben im Haus. Irgendeine Spur von Lox oder dem Jungen?«, fragte Rhodan, richtete sich auf und klopfte sich den Staub von seiner schwarzen Jeans. Er war zwar kleiner als Sedar, doch seine Statur war kräftiger und muskulöser.
»Von dem Jungen fehlt jede Spur. Ich denke, dass sie ihn mitgenommen haben. Lox, ja, ich habe ihn gefunden. Er ist oben«, antwortete Sedar und hielt seinen Freund am Arm zurück. »Warte. Es ist kein schöner Anblick. Sie haben ihm …« Er stockte. »Sie haben ihm die Flügel gestutzt und ihn aufgeknüpft.«
Rhodans Augen weiteten sich vor Entsetzen. Hastig löste er sich aus Sedars Griff und lief eilig die Treppe hinauf. Im oberen Stockwerk setzte sich das Bild der Verwüstung fort. Überall lagen weiße Federn, teilweise stammten sie von Lox und teils vom Bett – Als Engel erkennt man den Unterschied. Rhodan ließ seinen Blick langsam schweifen und nahm das ganze Chaos in sich auf. Die Möbel lagen wie stumme Zeugen des Kampfes kreuz und quer im Raum. Die Platte des alten Mahagonischreibtisches war in zwei Hälften gespalten. Glas von zerbrochenen Fensterscheiben lag in tausenden Scherben auf dem Boden. Das Bett war besudelt mit Blut und überall lagen Federn, immer größere Federn.
»Lox!«, hauchte Rhodan. Der Verstorbene hing mit ausgestreckten Armen über seinem Bett. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, ein Brett an die Wand zu nageln, um ihn daran mit Schnüren zu befestigen. Seine Hände hatte man zusätzlich mit großen Nägeln fixiert. Dieser Mord war anders als alles, was Rhodan schon hatte erleben müssen. Sie hatten genau gewusst, wen sie vor sich hatten. Welche Rolle Lox bei den Lyrees auf der Erde spielte. Diese Schändung war eine klare Botschaft, nämlich: Wir kriegen euch alle! Der Anblick seines alten Gefährten schnürte ihm die Kehle zu und der Schmerz bohrte sich wie glühende Eisen in sein Herz. Rhodan zwang sich, weiter in das Zimmer vorzudringen. Er umfasste Lox und begann, ihn von den Nägeln zu befreien. Zuletzt löste er ihn von den Fesseln. Schlaff fiel der Tote in Rhodans Arme. Er fühlte sich wie in Trance und blickte hinab auf Lox´ Gesicht. Es war übersäht mit Blut, blauen Flecken und Kratzern. Das linke Auge war vollständig zugeschwollen und ein großer Schnitt zog sich über die linke Wange. Rhodan setzte sich auf die Kante des Bettes und drückte seinen Freund an die Brust. Die Tränen bemerkte er erst, als sie von seiner Wange tropften.
Wäre das Gesicht des Toten nicht so geschunden gewesen, hätte man denken können, er schliefe. Bittere Galle stieg in Rhodan auf und sammelte sich in seiner Speiseröhre. Er würgte den widerlichen Geschmack hinunter.
Sein qualvoller Schrei durchbrach die Stille. Er drückte den leblosen Körper seines Freundes fester an seine Brust und konnte ein Schluchzen nicht verhindern. Weitere Tränen stahlen sich aus seinen Augen und liefen seine Wangen hinab. Der Magier saß eine ganze Zeit still da und wiegte seinen Freund in den Armen. »Das werden diese Drecksdämonen büßen. Ich werde ihre Flügel brennen lassen! Für dich, mein Freund, und für deine Familie.« Es wurde Zeit, Abschied zu nehmen. Behutsam bettete Rhodan den Verstorbenen auf das große Ehebett. Seine Züge wirkten friedlich, seine Wunden standen dem jedoch entgegen. Mit annähernd vierzigtausend Jahren war Lox einer der ältesten lebenden Lyrees und Rhodans Mentor aus dem alten Reich gewesen. Sein Tod war in jeder Hinsicht ein herber Rückschlag für die Engel. Es gab nicht mehr viele von reinem Blut, die die Prophezeiung des Herren erfüllen konnten.
»Rhodan, komm schnell!«, rief Sedar aus dem Erdgeschoss. Rhodan atmete tief ein und kniff die Augen zusammen. Seine Lippen bildeten einen schmalen Strich, so fest presste er sie aufeinander, als er Lox Hände auf dessen Brust faltete.
Nachdem Sedar wiederholt nach ihm gerufen hatte, sprang Rhodan auf und war kurz darauf bei ihm. Sedar hielt ein kleines Bündel in seinen Armen.
Ein Mädchen schaute ihn neugierig aus ihren großen blauen Kulleraugen an. Ihre schwarzen Haare kringelten sich um den hübschen Kopf und ihre Haut schimmerte in einem zarten Elfenbeinton. Plötzlich verzog sie ihr pausbackiges Gesicht und fing an zu weinen.
»Sie mag dich wohl nicht besonders.« Sedar lachte. Rhodan sah seinen Freund finster an, worauf das Mädchen noch heftiger weinte.
»Ruhig, Kleine, nicht weinen. Onkel Rhodan ist gar nicht so böse, der tut nur so.« Sedar grinste und wiegte das Kind gekonnt in seinen Armen.
»Du bist ein kleines tapferes Mädchen, nicht wahr? Warst mucksmäuschenstill und hast dich nicht fangen lassen. So ein klasse Mädchen. Jetzt bist du in Sicherheit, meine Kleine. Wir kümmern uns um dich. Versprochen.« Sedars dunkle Stimme verfehlte seine Wirkung nicht. Das Kind beruhigte sich und schaute mit wachem Blick von Sedar zu Rhodan.
»Wo hast du sie gefunden? Ich wusste nicht, dass Lox noch ein Kind hat – hatte«, verbesserte er sich. Es war einige Zeit vergangen, seit Rhodan seinen Freund das letzte Mal gesehen hatte. Seine Verpflichtungen als Lewiah hatten ihm oft einen Strich durch die Rechnung gemacht. Er stand wie Sedar im Dienst der hohen Priesterin. Beide hatten den Rang eines Lewiahs. Als Wächter beschützten sie ihr Volk und die Menschen vor Nitaloks Handlangern. Immer wieder schickte Nitalok seine Späher und Krieger auf die Erde, um zu töten – weiße Schwingen wie Lox, Rhodan oder Sedar. Späher verfügten über ein außerordentliches Gespür und waren die gefährlichsten unter den knöchernen Schwingen. Aber die meisten Exilanten gingen lieber in den Tod, als sich Nitalok anzuschließen. So hatte auch Lox bis zu seinem Tod gekämpft, da er unter keinen Umständen einer von ihnen hatte werden wollen.
»Im Keller war ein Versteck, ein kleines Erdloch unter den Dielen. Lox muss bemerkt haben, dass sie im Anflug waren und konnte die Kleine gerade noch verstecken«, mutmaßte Sedar.
»Der Junge war nicht bei der Kleinen? Gibt es vielleicht noch andere Verstecke? Wir müssen das ganze Haus auf den Kopf stellen und ihn suchen.«Rhodan hielt einen Moment inne, als er sich wieder der Anwesenheit des Kindes bewusst wurde. Das Mädchen schien sich in Sedars Armen wohlzufühlen. Sie hatte aufgehört zu weinen und ihre bildschönen Augen wurden immer kleiner. Rhodan streichelte ihr sanft über das Köpfchen. Ihr Haar fühlte sich an wie das Fell eines jungen Kätzchens. »Du musst sie hier wegbringen. Fliege bitte sofort zu Estelle. Ich kümmere mich hier um Lox und seine Frau. Vielleicht finde ich ja doch noch den Jungen.«Sedar nickte und an seinem Rücken materialisierten sich große, prachtvolle Flügel. Auf den oberen Flügeldecken färbten sich die sonst weißen Federn in ein sattes Braun. Er wickelte das Kind enger in dessen Decke und verließ die zerstörte Küche. Draußen entfaltete er endgültig seine Schwingen. Im nächsten Augenblick war Sedar im Schutz der Dunkelheit verschwunden. Ein simpler Illusionszauber tarnte ihn für menschliche Augen. Sollte ihn doch ein Mensch sehen, dann nur als großen Adler oder Bussard.
Rhodan trug Loraine vorsichtig zu Lox ins Schlafzimmer und bettete sie neben ihren Ehemann. Sie lagen friedlich beieinander, im Tode vereint.
»Der Herr sei mit euch und möge euch mit offenen Armen empfangen«, flüsterte Rhodan mit tränenerstickter Stimme. Er schluckte mehrmals, um den Kloß zurückzudrängen, der sich in seinem Hals bildete. Kummervoll betrachtete er seine Freunde und streckte langsam seine Arme mit den Handflächen nach oben. Er hasste seine nächste Aufgabe aus tiefstem Herzen und doch gab sie ihm und seinen verstorbenen Freunden Frieden. Lyrees glaubten fest daran, dass die Seelen der Verstorbenen zurück nach Lyrell gelangten und zu gegebener Zeit wiedergeboren wurden.
Aus seinen Händen schossen blaue Lichtbälle, die auf die Toten zu schwebten und sich kreisförmig um sie herum aneinanderreihten. Rhodan formte immer mehr Lichtkugeln, jede hatte die Größe eines Golfballs. Sie schimmerten hellblau wie kleine Sphären. Langsam gewannen die Kugeln an Größe, bis sie ineinander übergingen. Das Gebilde glich einer Wasserblase und hüllte die toten Körper völlig ein. Ein gleißendes Licht erhellte das Schlafzimmer. Rhodan drehte seinen Kopf zur Seite, um seine Augen zu schützen. Als er sich wieder umdrehte, war von den Verstorbenen nichts als weiße Asche übrig.
Kapitel 2
Gegenwart
Der trübe Novembertag hatte das kleine Örtchen Glen Eve samt seiner Einwohner seit den frühen Morgenstunden fest im Griff. Ellie nutzte die kurze Auszeit vom Regen und vom Unterricht, um sich auf dem Gelände des Internats, in dem sie seit ihrer Kindheit lebte, die Beine zu vertreten. Zu viele Gedanken schwirrten ihr im Moment durch den Kopf.
»Ellison Fay Fildon, bleib stehen!«
Verdammt, auch das noch!, dachte Ellie, als sie die Stimme ihrer Tante hörte. Sie klang mehr als sauer und Ellie wusste genau, weswegen. Estelle eilte ihr mit großen Schritten über den feuchten Rasen hinterher. Die Absätze ihrer hellblauen Pumps versanken bei jedem Schritt im feuchten Nass und sie fluchte leise vor sich hin, weil sie sich ihre guten Schuhe ruinierte.
Estelle war eine schöne Erscheinung: Zierlich und mit kleiner Stupsnase, auf der meistens eine Lesebrille saß. Ihre haselnussblonden Haare trug sie wie jeden Tag elegant zu einem klassischen Dutt hochgesteckt. Die Schulleiterin war keine normale Sterbliche, sondern ein Engelwesen und leitete das Internat für Halbblüter wie Ellie. Estelle gehörte zum alten Volk. Ellie beneidete ihre Tante um ihre Makellosigkeit, nicht nur was das Äußere anging. Estelle stammte aus Lyrell und war eine mächtige Priesterin. Diese blieben zeitlos schön und alterten äußerst langsam. Wie gern wäre Ellie eine von ihnen. Doch Lyrell war für sie alle unerreichbar. Wie es heute dort aussah, konnte keiner sagen, da sie seit über eintausend Jahren nicht mehr in ihrer Heimatwelt gewesen waren.
»Ellie, ich rede mit dir!«
Die Siebzehnjährige war bei der Priesterin aufgewachsen und konnte sie mühelos einschätzen. Sie wusste, ihre Tante war in diesem Moment aufgebracht. In einem solchen Gemütszustand sollte man Estelle nicht ignorieren.
»Kannst du mir verraten, warum einer deiner Mitschüler mit Verbrennungen zweiten und dritten Grades bei mir im Krankenflügel saß? Ich musste eine Menge Energie aufwenden, bis ich seine Hände soweit in Ordnung gebracht hatte, dass er wieder einen Stift halten kann«, schimpfte Estelle, als sie ihre Nichte eingeholt hatte.
»Was geht mich das an? Ich weiß nicht, wovon du redest«, blaffte Ellie zurück und lief unbeirrt weiter.
Estelle stieß einen kurzen Seufzer aus, setzte ihr nach und hielt ihre Nichte am Handgelenk zurück. Mit ihrem autoritären Lehrerblick, den Ellie nicht leiden konnte, sah Estelle zu ihr.
Ellie schüttelte die Hand ihrer Tante ab und verschränkte die Arme vor der Brust. Estelle stellte sich ihr entgegen und stemmte die Hände in ihre Hüften. »Nein? Na da seid ihr zwei euch zumindest einig. Er sagte, er hätte sich verbrüht.« Estelle machte eine bedeutungsvolle Pause. »Aber ich habe euch wenige Minuten vor dem Vorfall zusammen im Hof gesehen. Auch, dass du wenig später weggelaufen bist.«
Ellie begegnete ihrem Blick, hielt aber ihr Pokerface aufrecht. Die Ahnung ihrer Tante war zwar begründet, dennoch würde sie nicht einknicken. Gewalt wurde an ihrem Internat nicht geduldet. Ellie würde höchstens wie Chris und River zum Küchendienst verdonnert werden.
»Da war nichts. Miles sagt die Wahrheit«, erwiderte sie kühl. Sie wusste es zu schätzen, dass Miles nichts verraten hatte. Dennoch, er war ein riesen Idiot und selbst schuld.
Estelle sah ihre Nichte lange an. Ihr Blick ließ vermuten, dass sie versuchte, aus dem Mädchen schlau zu werden.
Ellie setzte ein Lächeln auf und warf ihre dunklen Locken zurück. »War´s das jetzt? Ich wollte noch rüber zum Sportplatz. Die Jungs trainieren für das kommende Spiel und ich möchte ein paar Fotos schießen.«
Estelle sah das Mädchen prüfend an und nickte seufzend. Ellie merkte, wie ihre Ohren anfingen zu glühen. Sie hoffte inständig, dass sie ihrer Tante nicht auffielen und sie sie nicht wie eine Leuchtreklame für ihr Fehlverhalten schuldig sprachen. Sie hasste es, Estelle anzulügen, doch diese Angelegenheit wollte sie erst einmal für sich behalten. Sie hatte es als Zögling der Schulleiterin schon schwer genug.
»Ellie?«, rief Estelle ihr hinterher. Die Angesprochene drehte sich um und sah sie abwartend an. Estelles Blick war nun weicher. »Du kannst mit allem zu mir kommen, das weißt du.« Sie machte eine kurze Pause und lächelte. »Du wirst eine wundervolle Feuermagierin werden.«
Ellie schaute Estelle ernst an und nickte, ehe sie ihren Weg wieder aufnahm.
Ellie stapfte über den feuchten Boden. Es hatte die vergangene Nacht geregnet und der Himmel wollte seine Schleusen bis in den Mittag hinein nicht schließen. Die Luft roch sauber und fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an. Seit dem Vorfall mit Miles brannte in ihr eine unbekannte Hitze. Sie war froh, dass Estelle nicht weiter nachgebohrt hatte.
Feuermagie, hallte das Wort in Ellies Kopf nach. Die gleiche Magie wie bei ihrem Vater. Ellie lebte seit ihrer frühesten Kindheit bei Estelle in Glen Eve. Kanadas Wälder waren ihr Zuhause. An ihre Eltern und ihren älteren Bruder hatte sie keine Erinnerungen. Außer ein paar Fotos und Erinnerungsstücke war ihr nichts geblieben. Sie waren gestorben, als sie noch keine zwei Jahre alt gewesen war, seitdem kümmerte sich Estelle um das Mädchen. Sie waren nicht blutsverwandt, dennoch hatte sich Estelle dem Waisenkind angenommen, da sie mit Lox, Ellies Vater, eine tiefe Freundschaft verbunden hatte. Die ersten fünf Jahre hatte Ellie bei Estelle im Haus gelebt, welches keine zehn Minuten zu Fuß vom Internat entfernt lag. Als kleines Kind hatte sie oft mit ihrer Tante dorthin gemusst und deshalb wenig Kontakt zu gleichaltrigen Kindern gehabt. Es war nicht immer einfach, Estelles Schützling zu sein, da sie viel arbeitete und oft unterwegs war. Während andere Kinder zu Hause bei ihren Müttern blieben oder den Kindergarten besuchten, hatte Ellie viel Zeit im Internat verbracht.
Dieses Internat war ausschließlich für die Nachkommen der Lyrees bestimmt. Wie jedes Halbblut musste Ellie mit gerade sieben Jahren endgültig in das Wohnheim des Internats umziehen. Es war ihr extrem schwergefallen, denn Estelle hatte kurz vorher ein Baby bekommen und Ellie hatte das kleine Wesen vergöttert. Sie hatte ihre Cousine Louisa überall mit hingeschleppt und sie wie eine große Schwester im Kinderwagen stolz spazieren gefahren. Unter der Woche verhinderte eine Ausgangssperre Besuche zu Hause, doch die Wochenenden verbrachte Ellie auch jetzt noch regelmäßig bei ihrer Familie. Louisas Vater hatte sich kurze Zeit nach der Geburt von Estelle getrennt und war seither verschwunden. Ellie fand es umso wichtiger, für ihre kleine Cousine da zu sein. Inzwischen war Louisa elf Jahre alt und lebte ebenfalls im Internat. Auch jetzt noch hatten sie eine sehr enge Beziehung zueinander. Sie waren wie Schwestern. Halbengel benötigen eine besondere Ausbildung, die man an Schulen für Menschen vergebens suchte. Am Internat lernten sie im Kindesalter, wer ihre Feinde waren und wie wichtig es war, die Menschen aus ihrem Krieg herauszuhalten.
Dies ging nur, indem sie ihre wahre Natur vor den Menschen geheim hielten. Meistens war das nicht sonderlich schwer, denn Menschen verschlossen die Augen vor allem Merkwürdigen, was um sie herum passierte, und fanden ihre eigenen Erklärungen für diese Vorkommnisse. Im Zweifelsfall griffen die Lyrees auf Illusionszauber zurück, um eine andere Wahrheit vorzutäuschen. Längere Beziehungen mit Menschen gingen Engel selten ein.
Die meisten Lyrees fühlten sich unter Sterblichen nicht wohl und lebten lieber versteckt vor ihnen und Nitaloks Spähern in kleinen Kolonien. Glen Eve war solch eine Siedlung. Es lag umgeben von Wäldern im Herzen Kanadas und wurde durch eine Bergkette geschützt. In Glen Eve lebten an die zweihundert Engel und Halbengel. Die meisten von ihnen waren Schüler.
Einige wenige Engel bildeten die Ausnahme, sie zogen tatsächlich die Anonymität der Großstädte vor und lebten mitten unter Menschen. Gegen Späher halfen Schutzzauber.
Ellie erreichte den Sportplatz und setzte sich mit ihrer Digitalkamera in eine überdachte Trainerlounge. Einige Jungen aus ihrem Jahrgang spielten europäischen Fußball. Eine beliebte Sportart an dieser Schule.
»Na? Wen hast du denn da vor der Linse?«, fragte eine vertraute Stimme und ließ Ellie zusammenzucken. Vanessa, die hinter ihr stand, beugte sich über ihre Schulter.
»Bist du des Wahnsinns, dich so anzuschleichen?«, schalt Ellie ihre beste Freundin und fasste sich gespielt erschrocken an die Brust. Sie hatte gar nicht bemerkt, wie tief sie in ihre Gedanken versunken gewesen war.
Vanessa lachte. »Sag schon, wer ist es?«, bettelte sie. Ellie seufzte demonstrativ und verzog ihren Mund zu einem schiefen Grinsen. Mit dem letzten Motiv auf dem digitalen Display hielt sie Vanessa die Kamera hin.
»Chris? Oh, er sieht so gut aus in diesen Shorts«, schwärmte Vanessa und sah sehnsuchtsvoll von der Aufnahme auf das Original. Als hätte Chris ihren Blick gespürt, drehte er den Kopf zu ihr und lächelte Vanessa an. Das Mädchen schmunzelte, hob die Hand zum Gruß und schüttelte amüsiert ihren Kopf.
»Er ist so toll«, sagte sie mit einem sehnlichen Aufseufzen. »Ach und das Foto möchte ich haben«, setzte Vanessa nach und nickte bestimmt.
»Geht klar«, lachte Ellie und schaute ebenfalls zu Chris. »Halt ihn fest, er gehört zu den Guten.«
Vanessa hatte wie Ellie eine schlanke Figur. Ellie mochte das lebhafte Blitzen in den dunkelbraunen Augen ihrer Freundin. Der gebräunte Hautton erinnerte an die südländischen Wurzeln ihres menschlichen Vaters. Lächelnd betrachtete Ellie ihre beste Freundin, die sich inzwischen zu ihr auf die Bank gesetzt hatte. Sie hob die Kamera und machte ein Foto von Vanessa.
»Okay, das Bild möchte ich auch haben. Und beim nächsten Mal bitte eine Erlaubnis von mir einholen, dann hätte ich meine Haare vielleicht effektvoll nach hinten werfen und ganz lasziv in die Kamera schauen können«, scherzte Vanessa.
Neidlos schaute Ellie auf das Display. »Nein, so passt das. Diesen Blick bekomme ich nicht auf gestellten Fotos.« Sie legte ihren Fotoapparat neben sich auf die Bank und löste zwei Knöpfe ihres fliederfarbenen Wollmantels. Normalerweise war Ellie eine Frostbeule und mochte diese nasskalte Witterung nicht, nun machte ihr stattdessen die Hitze zu schaffen. Sie öffnete ihren Kragen weiter und zupfte am Pullover, um kühle Luft hineinzubekommen.
Ellie verbrachte viel Zeit draußen. Sie brauchte ihre tägliche Dosis purer Natur und genoss die schönen Ausblicke - wie jener, der sich ihr in diesen Augenblick bot, als River in kurzen Shorts vorbeigetrabt kam. Er zeigte ein breites Lächeln und wusste nicht einmal, wie er auf Mädchen wirkte. Ellie mochte ihn.
»Was war da heute mit dir und Miles? Ich dachte, du wolltest nichts mehr mit ihm zu tun haben?«, wechselte Vanessa das Thema und holte Ellie aus ihren Gedanken.
Sie mochte Vanessas unverblümte Art, direkt zu sagen, was sie dachte. Ihre Freundin war in der Regel offen und freundlich, konnte aber auch anders. Durch ihre selbstsichere Art vermochte es Vanessa, die meisten Menschen um ihren kleinen Finger zu wickeln. Dadurch kam sie bei den Mitschülern natürlich besser an als die oftmals mürrisch dreinschauende Ellie. Dabei war sie nicht ständig so schlecht gelaunt oder todernst, wie sie aussah. Sie vergaß nur hin und wieder ihre Mimik und wirkte dadurch auf andere unerreichbar und teilweise sogar arrogant – vor allem, wenn sie sich konzentrierte. Früher war Ellie für die älteren Semester bloß die Göre der Direktorin gewesen. Heute gehörte sie ja selbst zu den Älteren. Die Akzeptanz ihr gegenüber hatte sich mit den Jahren gebessert. Die Anzahl ihrer Freunde blieb dennoch überschaubar, aber sie genügte ihr. Einige wenige gute Freunde waren besser als viele falsche. In der Hinsicht hatte sie einiges an Lehrgeld zahlen müssen. Sie hatte einige Fehlschläge hinter sich, die im Nachhinein verletzend gewesen waren.
Als vierzehnjähriges Mädchen war sie schwer verliebt in einen Jungen gewesen, der schon Sechzehn gewesen war. Ein Mitglied des Schwimmteams. Ellie hatte ihr Glück kaum fassen können, dass sich einer der begehrtesten Jungen der Schule auch für sie interessierte. Er hatte sich ihr bereits Wochen vor den Prüfungen angenähert und ihr eine rosarote Brille aufgesetzt. Aber nachdem Ellie ihm seine Klausur von Estelle besorgt hatte, war sie von ihm fallengelassen worden wie eine heiße Kartoffel. Es hatte Wochen gedauert, bis sie diese Krise überstanden hatte. Der Liebeskummer ließ sie Tage lang nicht aus dem Bett kommen, und ohne Vanessa wäre sie eingegangen wie ein welkendes Blümchen. Er hatte das alles nur wegen der verdammten Prüfungen gemacht. Mit ihren Gefühlen gespielt und sie vor allen anderen lächerlich gemacht. Nachdem Ellie ihr Herz bei Vanessa ausgeschüttet hatte, hatte ihre beste Freundin den Typen vor versammelter Mannschaft zusammengefaltet. Auch hatte ihn Estelle selbstredend noch mal zur Prüfung antreten lassen.Zehn Jahre Internatsleben hatten Spuren hinterlassen und Ellie war bei neuen Freundschaften zurückhaltender geworden. Sie war fast achtzehn und bestimmt nicht schüchtern. Oft wollte sie bloß ihre Ruhe und vermied Konfrontationen. Dass ihr dabei womöglich gute Gelegenheiten entgingen, nette Menschen kennenzulernen, war ihr bewusst.
Vanessa und Ellie hatten sich im ersten Schuljahr kennengelernt. Damals war die Welt so einfach gewesen. Vanessa hatte Ellie mit ihren großen Zahnlücken gefragt: »Willst du meine Freundin sein?« Ellie, der ebenfalls die oberen Schneidezähne gefehlt hatten, hatte nicht lange überlegt, mit den Schultern gezuckt und salopp gemeint: »Ok.« Diese Freundschaft hatte bis heute Bestand.
Beide Mädchen hatten sich zu eigenständigen Persönlichkeiten entwickelt. Für Vanessa wurde Mode zu ihrem Credo. Sie war eine wahre Shoppingqueen und schleppte ihre Freundin durch die Geschäfte. Doch noch viel lieber recycelte sie alte Kleidung und wertete sie neu auf.
Ellie hingegen interessierten Make-up und Schuhe nicht sonderlich, sie besaß gerade einmal sechs Paar, hauptsächlich Sneaker, Chucks oder, wie jetzt im Winter, dicke Boots. Sie schminkte sich nur zu besonderen Anlässen. Die übrige Zeit trug sie bestenfalls etwas Mascara und Kajal. Sie selbst fand, dass ihre Augen mit der tiefblauen Iris das schönste Merkmal an ihr waren.
»Ellie? Was war mit Miles? Ich habe euch rausgehen sehen. Hast du ihm endlich die Meinung gesagt?«, bohrte Vanessa nach und holte Ellie aus ihren Gedanken.
»Miles ist ein Vollidiot.« Sie seufzte. Sie hatten am letzten Wochenende mit Chris und Miles einen schönen Abend im Kino gehabt, danach war Ellie von Miles regelrecht gestalkt worden.
»Was war los?«, fragte Vanessa leicht ungeduldig.
Ellie schnaubte. An dem Kinoabend und auch davor hatte sie Miles nett und aufmerksam gefunden. Sie mochte die Art, wie er lachte und sie betrachtete. Aber seit dem Wochenende schien er sich immer in ihrer Nähe aufzuhalten. Wenn Ellie mit jemandem seines Geschlechts redete, durchbohrte er den armen Kerl mit bösen Blicken. Ständig war er zur Stelle, um Türen aufzuhalten oder ihre Tasche zu tragen. Ganz zu schweigen von den unzähligen Nachrichten und Telefonanrufen. Inzwischen fühlte sie sich verfolgt und checkte dauernd ab, ob Miles in der Nähe war.
»Wenn er bisher nicht verstanden hat, dass ich nichts mehr von ihm will, nun ja …«Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. »… nach dieser Begegnung weiß er es bestimmt!« Ellie bemerkte Vanessas drängenden Blick und redete weiter. »Er hat mich vorhin nach dem Unterricht an der Tür des Klassenraums abgefangen und die ganze Zeit bequatscht. Er wollte mit mir reden.« Sie verdrehte die Augen. »Miles führte mich in den Innenhof der Schule. Ich bin eigentlich nur mitgegangen, um ihm noch einmal deutlich zu machen, dass ich nichts mehr von ihm will und kein Interesse habe. Wie konnte ich nur auf sein Geschleime hereinfallen? Mann, er war vor dem Date so aufmerksam«, erzählte sie weiter und dachte an die Situation zurück.
Miles sah generell nicht schlecht aus, doch der Funke war bei Ellie nicht übergesprungen. Außerdem war diese Stalkernummer alles andere als förderlich für eine aufkeimende Beziehung. Bevor Miles einen Ton sagen konnte, hatte Ellie das Wort an sich genommen und versuchte Miles ruhig zu erklären, warum sie nicht mit ihm zusammen sein wollte. Doch dieser hörte ihr scheinbar kein bisschen zu und kam ein ganzes Stück näher.
»Ach komm schon, du weißt doch gar nicht, was du da sagst«, säuselte Miles. Diese Nähe war ihr zu viel. Sie roch sein Aftershave. Ellie mochte diesen Duft. Sie drückte ihren Rücken durch und atmete tief ein, um wieder zu Verstand zu kommen. Langsam wurde sie wütend auf sich selbst und ihre beschissenen Hormone. So hatte sie sich das Treffen nicht vorgestellt.
»Oh doch, mein Freund, ich weiß genau, was ich sage und ich wiederhole es gerne für dich: Das mit uns wird nichts!«
Miles ignorierte ihre Worte. Unbeirrt redete er weiter auf Ellie ein. »Weißt du, dass ich seit dem siebten Schuljahr in dich verliebt bin? Aber seit letztem Sommer ist es endgültig um mich geschehen.« Er rückte immer näher an Ellie heran. Sie spürte seinen Atem auf ihrer Wange und fühlte sich von seinem Duft ein wenig benebelt. Ellie beförderte sich selbst ins Aus, als sie sich gegen die Mauer lehnte und keinen Fluchtweg ließ. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Ihr war nicht wohl in dieser Situation. Sie wünschte, er würde endlich aufhören und verschwinden.
»Wie du in deinem blauen Bikini am Wasser gelegen hast, die Sonne schien auf deinen perfekten Körper. Weißt du eigentlich, wie heiß du bist?« Miles flüsterte die letzten Worte nur noch.
»Sei still, hör auf mir so etwas zu erzählen!«, forderte Ellie. Zwischen ihren Körpern war keine Handbreit Platz mehr und sie sah das Verlangen in seinen grünen Augen aufblitzen. Auf einmal fühlte sie sich nicht mehr so stark. Immerhin hatte sie ihn vor dieser Stalker-Sache gemocht und anziehend gefunden. Ihre Atmung beschleunigte sich und ihr Kopf war wie leer gefegt. Sie war eben nur ein Wesen aus Fleisch und Blut.
Falsch! Falsch! Falsch! Das ist so falsch! Ihre fehlende Reaktion wertete Miles wohl als Einverständnis und drückte seinen Mund auf ihren. Ellie erwiderte seinen Kuss erst, doch seine feuchten Lippen lagen unbequem auf ihrem Mund und es fühlte sich nicht richtig an.
Falsch! Falsch! Falsch!, hämmerte es wieder in ihrem Kopf. Miles presste seinen Unterleib an ihren und fixierte ihren Kopf mit seiner rechten Hand. Sie spürte deutlich seine Erregung und seine Zunge an ihren Lippen. Wie ein Eindringling schob sie sich in ihren Mund.
Dies wirkte wie eine kalte Dusche und riss Ellie aus ihrer Starre. Dieser furchtbare, erzwungene Kuss, Miles Hände auf einmal überall auf ihrem Körper. Das war zu viel. Ellie schubste ihn weg und spürte noch immer seine Hände, die sich besitzergreifend um ihre Brüste gelegt hatten. Erschrocken über sich selbst und geschockt über sein Verhalten schaute sie ihn an.
Teuflisch grinsend hob er seine Hände zu einer entschuldigenden Geste. Am liebsten hätte sie ihm in diesen Moment eine reingehauen. Überlegen lächelte er sie an und schürte damit ihre Wut noch mehr. Entweder war der Kerl äußerst selbstverliebt oder seine Aufmerksamkeitsspanne glich der einer Amöbe, denn er ignorierte alle Warnsignale, die sie aussandte. Ihre zitternden Hände nahm er in seine und hielt sie zärtlich fest. Streichelte ihr beruhigend mit dem Daumen über den Handrücken.
Wut brodelte in Ellie hoch und drohte überzukochen. Sie umfasste ihrerseits seine Hände und er lächelte sie siegessicher an.
»Was zum Henker bildest du dir ein?«, zischte sie leise. Hitze breitete sich in ihrem Bauch aus, stieg immer weiter hoch, floss an ihren Armen entlang und hinunter zu den Händen, mit denen sie seine festhielt.
Miles schrie schmerzerfüllt auf. Erschrocken ließ Ellie von ihm ab und sah, wie sich große Blasen an seinen Händen bildeten. Teilweise platzten sie auf und krebsrote Haut erschien darunter.
Miles schaute ebenso entsetzt auf seine Hände. Schock und Unglaube spiegelten sich in seiner Mimik.
Ellie wusste, dass sich soeben ihre Gabe zum ersten Mal offenbart hatte. Sie allein hatte Miles Hände so zugerichtet. Erschrocken über sich selbst stieß sie Miles zur Seite und rannte los. Sie konnte nicht mehr verstehen, was er ihr hinterherbrüllte, da das Rauschen in ihren Ohren zu laut geworden war.
»Oh Himmel, du hast was?«, fragte Vanessa aufgeregt, als Ellie ihr alles erzählt hatte. »Dann also Feuer, hm? Ich gratuliere dir.«
Ellie lächelte gequält und schaute auf ihre Hände hinab, als könnte sie dort irgendetwas sehen.
»Oh Ellie, das ist toll. Vergiss den Typen! Du hast so lange auf deine Gabe gewartet. Du wandelnde Fackel …« Stolz legte Vanessa einen Arm um ihre Freundin und lehnte den Kopf an ihre Schulter. »Das hat der Spinner außerdem verdient.«
Ellie ging die ganze Szene nicht aus dem Kopf. Sie hatte lange nicht gewusst, in welche Richtung sich ihre Gabe entwickeln würde und bereits daran gezweifelt, überhaupt eine zu besitzen.
Feuer also, dachte sie und lächelte.
»Wir sollten wieder zum Unterricht. Die alte Harris lässt uns sonst wieder bei Estelle antanzen, wenn wir zu spät kommen«, meinte Vanessa lustlos und zog Ellie von der Bank. Ein weiteres Treffen mit ihrer Tante wollte die neu erwachte Feuermagierin vermeiden. Mit einem letzten Blick auf die Fußballer traten die Mädchen den Rückzug ins Internat an.
Kapitel 3
»Halbblüter erlangen in der Regel ihre magischen Fähigkeiten in der Pubertät. Die Magie ist in unserer DNA verankert«, dozierte die Geschichtslehrerin Mrs Harris vor Ellies Klasse. »Auch bei den Lyrees erwacht die Magie erst in der Pubertät. Allerdings muss ein Engel gut einhundert Jahre länger darauf warten. Warum ist das so Miss Fildon?« Ellie schreckte bei ihrem Namen auf. Sie hatte diese Geschichten schon hunderte Male gehört und langweilte sich fast zu Tode. Leider versäumte sie es auch, ihrer Dozentin zuzuhören.
»Weil in Lyrell die Zeit relativ ist, da sie ein annähernd unsterbliches Leben führen. Aber das hat sich ja jetzt gegessen, da Nitalok da ist und lieber uns Halbblüter stehlen lässt, weil wir …«
»Das ist genug Miss Greenwood!«, platzte Mrs Harris Vanessa ins Wort, die ihrer besten Freundin aus der Patsche helfen wollte. »Ich hatte die Frage an Miss Fildon gestellt.«
Vanessa grinste ihre Dozentin entschuldigend an und wollte etwas Passendes erwidern, doch Mrs Harris war wieder mitten in ihrem Vortrag. »Nicht alle Halbblüter werden mit einer Gabe geboren«, fuhr sie fort »Hin und wieder kann es vorkommen, dass sie sich nicht manifestieren möchte.«
»Genau, wie bei unserer Direktorentochter«, ätzte Sonja eine Bankreihe hinter den Freundinnen. Zum Glück wusste Ellie nun, dass sie im Unrecht war und würde es ihr auch nicht so schnell auf die Nase binden. Gewöhnlich erwachte die Gabe zwischen dem vierzehnten und dem siebzehnten Lebensjahr. Ellie war beinahe achtzehn und etwas spät dran. Sie hatte in letzter Zeit oft daran gezweifelt, ob sich ihre Magie jemals offenbaren würde. Es erleichterte sie, dass nun diese unbekannte Energie durch ihre Adern floss. Mit dem Element Feuer konnte sie sich anfreunden, es gefiel ihr und sie wusste, zu was andere Magier mit dieser Begabung im Stande waren. Dass sich ihre Magie beim ersten Mal so stark gezeigt hatte, war nicht ungewöhnlich. Sie würde lernen müssen, damit umzugehen.
»Sie alle wurden für den Krieg geboren.« Mrs Harris umfasste die gesamte Klasse mit einer ausschweifenden Geste.
»Nur Dumpfbacke nicht. Sie wird hier irgendwann die Klos putzen«, stichelte Sonja erneut. Ellie sah zu Vanessa, die sie mit erzürntem Blick anschaute. »Lass dir das Gerede nicht bieten!«, zischte sie ihr zu.
»Ignoriere die Ziegen, die Harris hat uns eh schon auf dem Kieker«, wiegelte Ellie ab, wobei es ihr einiges an Selbstbeherrschung abverlangte, sich an ihre eigenen Worte zu halten.
»Die Gesetze der Magie funktionieren hier auf der Erde anders. Während in Lyrell die Magie allgegenwärtig ist, reagiert diese bei uns sehr sensibel. Die meisten Dinge sind an Zauberformeln gebunden und können nur mit einem Spruch gewirkt werden. Welche Spezialisierungen gibt es?« Die Dozentin richtete ihre Frage an die gesamte Klasse und forderte einen jungen Krieger auf, zu antworten. Es gab insgesamt vier unterschiedliche Spezialisierungen: Heiler, Krieger, Windläufer und Magier. Letztere splitteten sich nochmals in Feuer- und Elementarmagier, diese konnten sich die Naturkräfte aus ihrer Umgebung zu Eigen machen, um zum Beispiel Blitze zu erschaffen. Die Zaubersprüche der Magier waren von allen Gaben am schwersten zu erlernen.
Krieger waren auffallend kräftig und standen im Kampf immer an vorderster Front. Sie beherrschten ihre Waffen mit einer Schnelligkeit, die das bloße Auge oft nicht erfassen konnte.
Windläufer waren schneller als alle anderen, zu Fuß und in der Luft. Sie hatten eine enorme Ausdauer und Treffsicherheit. Aus weiter Entfernung verfehlten sie kaum ein Ziel und sahen mit ihren Augen scharf wie ein Adler. Ihre Affinität zu Tieren ermöglichte es ihnen, diese zeitweise als Verbündete einzusetzen oder zum Kundschaften vorauszuschicken.
Heiler zogen ihre Kraft aus ihrer Verbindung mit der Natur. Sie waren keine großen Kämpfer - aber trickreich. Hier eine Wurzel, da ein giftiger Stachel. So brachten sie manchen Gegner zu Fall. Heiler waren passive Kämpfer und in der Erschaffung von Schilden unschlagbar. Das hohe Priesteramt war die Vollendung des Heilers und wurde in der Gemeinschaft hoch angesehen. Hohe Priester waren äußerst selten und unter Halbwesen nicht zu finden. Sie beherrschten langanhaltende und effektive Barriere- und Schockzauber, letztere konnten für den Gegner sogar tödlich sein.
Nach der Mittagspause hetzten die Mädchen den langen Korridor der Schule entlang und schlüpften gerade rechtzeitig in das Klassenzimmer, bevor Mrs Harris die Tür schließen konnte. Ellie hasste Freitage, denn da hatten sie den ganzen Tag Unterricht bei der Geschichtslehrerin. Diese blickte die Freundinnen vorwurfsvoll über ihre Brillengläser hinweg an und begann sogleich mit ihrem Unterricht. »Sonja, bitte sammeln sie die Hausarbeiten ein und legen sie diese auf mein Pult«, forderte sie ihre Schülerin auf.
Mrs Harris war eine der ältesten Halbblüter, die in Glen Eve lebten. Estelle hatte Ellie erzählt, dass sie eine der ersten Halbengel war. Äußerlich wirkte sie wie eine Frau mittleren Alters. Nicht mehr jung aber auch noch nicht richtig alt.
An das Referat hatten anscheinend nicht alle Mitschüler gedacht. Erschrockenes Tuscheln und Unruhe erfüllte den Raum. Ellie legte ihre Hausarbeit auf ihr Pult und lehnte sich entspannt zurück. Sie hatte das Referat seit einigen Tagen fertig. Sonja lief an ihrem Tisch vorbei und fegte wie beiläufig mit einer Hand über Ellies Tisch. Wie in Zeitlupe konnte Ellie sehen, wie Sonjas Finger ihren vollen Kaffeebecher streifte. Das flüssige Braun breitete sich quer über ihrer Hausarbeit aus. »Oh Scheiße!«, fluchte Ellie und versuchte ihren Aufsatz vor der Kaffeeflut zu retten. Hektisch riss sie die Zettel von der Tischplatte und hatte im nächsten Moment nur die Hälfte ihrer Arbeit in der Hand. Die andere hielt Sonja zwischen ihren Fingern.
»Oh Mann, das tut mir so leid. Ich wollte das nicht. Das tut mir wirklich, wirklich leid«, jammerte sie und fixierte Ellie mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, aus dem die Genugtuung nur so troff.
»Du blöde Schnepfe!«, schrie Ellie und stand abrupt von ihrem Stuhl auf. Erbost funkelte sie Sonja an. »Das hast du mit Absicht getan, ich hab es genau gesehen!« Ellie ignorierte, dass Vanessa ihr beruhigend die Hand auf ihren Arm gelegt hatte.
»Das war ein Unfall!«, beteuerte Sonja unschuldig und so laut, dass es alle in der Klasse deutlich hören konnten. Doch sie ließ ihre Kontrahentin bei ihrer fadenscheinigen Entschuldigung nicht aus den Augen. Ihre Miene strafte sie Lügen.
»Gib mir das!«, zischte Ellie und entwand ihr die zweite Hälfte ihrer Arbeit. Dabei zerriss das aufgeweichte Papier ein weiteres Mal. »Na klasse, danke schön!« Ellie setzte sich wieder, als sie die mahnenden Blicke ihrer Lehrerin bemerkte. Hitze stieg Ellie in die Magengegend und breitete sich unangenehm in ihr aus. Ihre Hände brannten, als würden sie von innen heraus glühen. Es fühlte sich an, als hätte sie an einem heißen Sommertag dicke Winterhandschuhe an, nur dass sie diese nicht abstreifen konnte. Ellie atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Sie durfte hier nicht wegen dieser Eule ausflippen.
»Miss Fildon, gibt es irgendein Problem?«, fragte Mrs Harris von ihrem Pult aus und fixierte das Mädchen mit ihren kleinen grauen Augen. »Meine Hausarbeit ist ruiniert«, antwortete Ellie zerknirscht und hielt die feuchten Teile nach oben, während Vanessa mit einem Taschentuch den Kaffee vom Tisch wischte.
»Daran konnte man sicher nichts mehr ruinieren«, flüsterte Sonja gehässig, die noch immer neben ihrem Tisch stand.
»Echt jetzt?«, zischte Vanessa. »Verpiss dich endlich und lass Ellie in Ruhe!«, drohte sie leise, dass es nur die Angesprochene hören konnte. Achselzuckend stolzierte Sonja weiter und legte die Arbeiten ihrer Mitschüler auf dem Lehrerpult ab.
»Ich muss meinen Aufsatz noch einmal ausdrucken, darf ich ihn heute Nachmittag in ihr Fach legen?«, fragte Ellie.
»Ich bin mir sicher, dass sie mir auch mündlich den Inhalt ihres Aufsatzes wiedergeben können, Miss Fildon.«
Ellie schaute entgeistert zu ihrer Lehrerin. »Wie bitte? Das ist unfair. Ich hatte meinen Aufsatz hier.« Zur Bestätigung wedelte sie mit den Resten ihrer Hausaufgabe, von dem noch immer der Kaffee tropfte. »Hier sind einige andere, die ihn gar nicht abgegeben haben!«
»Diese Schüler werden eine passende Note erhalten, seien sie versichert. Was ihr Missgeschick angeht – ich habe ihnen schon unzählige Male vorgebetet, dass offene Getränke in meinem Unterricht nicht gestattet sind. Vielleicht merken sie es sich für das nächste Mal.« Mrs Harris war inzwischen aufgestanden und stützte sich mit den Händen auf ihrem Pult ab. Ihr Blick war unnachgiebig auf Ellie gerichtet. »Das Thema war: Wie kam Nitalok an die Macht. Also bitte Miss Fildon, ich höre?«
Ellie vernahm ein schadenfrohes Kichern aus der hinteren Reihe. War ja klar, dass sich Sonja in ihrer Glanzleistung sonnte.
»Bitte treten sie nach vorne Miss Fildon«, forderte Mrs Harris ihre Schülerin auf und setzte sich wieder hinter ihr Pult. Ellie hielt dem Blick ihrer Lehrerin stand.
Diese Frau ist menschlich ein Desaster und sollte langsam an die Rente denken, dachte sie, seufzte tief und ging langsam nach vorne. Ihr Körper brannte, dass es wehtat. Es musste das Feuer in ihr sein. Sie atmete tief durch und zwang sich zur Ruhe. Das würde Sonja bereuen.
»Soll ich direkt bei Nitalok anfangen oder wollen sie auch ein wenig aus der Vorgeschichte hören?«, richtete Ellie ihre Frage an Mrs Harris. Diese nahm sie über ihre Brillengläser hinweg ins Visier. Eine furchtbare Angewohnheit. Ellie fand es unmöglich, wenn das jemand tat. Estelle konnte das ebenfalls sehr gut und sie benötigte nicht einmal eine Brille als Sehhilfe. Sie trug diese nur als modisches Accessoire.
»Halten sie sich am besten an ihren Aufsatz. Denken sie bitte daran, sie sollten mindestens drei Seiten schreiben.«
Ellie nickte und wischte sich ihre schwitzigen Hände an der Jeanshose ab. »Lyrell, die Welt des alten Volkes, war einst ein Ort voller Schönheit. Ihre Einwohner waren stolze Wesen mit imposanten weißen Schwingen.« Ellie fixierte bei diesen Worten Sonja, die ihr mit einem blasierten Lächeln antwortete und übertrieben gähnte. »Die Natur kam der Flora und Fauna der Erde entfernt nahe. Angeblich wurde Lyrell nach dem Abbild der Erde geschaffen, nur besser - ohne die Menschen. Die Lyrees lebten in einem Refugium voller Licht, leuchtenden Farben und fantastischer Geschöpfe. Es gab Pflanzen, die im Dunkeln leuchteten, fliegende kleine Drachen mit Kristallschuppen und es gab Magie. Das mit dem Abbild der Erde ist meiner Meinung nach alles Schwachsinn«, bemerkte Ellie mit einem Schulterzucken.
»Schwachsinn? Was willst du damit sagen?«, hakte die Lehrerin nach.
»Na ja warum sollte jemand ein Abbild der Erde schaffen? Ich denke, es ist Zufall, dass sich unsere Welten ähneln. Vielleicht liegt es daran, dass sie durch den Kosmos verbunden sind. Wenn man recht überlegt, hat die Erde nichts mit Lyrell gemeinsam. Es sind zwei Planeten mit Atmosphäre, auf der menschliches Leben möglich ist.«
»Steht das so in ihrem Aufsatz?«, fragte Mrs Harris pikiert.
»Ähm nein, das ging mir gerade durch den Kopf«, antwortete Ellie wahrheitsgemäß.
Missbilligend schaute die Gelehrte ihre Schülerin über die Brille hinweg an. »Halten sie sich bitte an ihren Aufsatz und fahren sie fort. Ihre persönliche Meinung ist im Moment nicht gefragt.«
Das saß! Was geht hier ab? Die Alte ist ja heute voll in Fahrt und hat mich auf dem Kieker. Ellie knirschte mit den Zähnen und untersagte sich eine flapsige Bemerkung. Aus dem hinteren Klassenzimmer vernahm sie leises Gelächter und Getuschel von Sonja und ihrem Gefolge.
»In Lyrell waren jedes Wesen und jede Pflanze von einer sanft schimmernden Aura umgeben. Im Vergleich zur Erde war Lyrell dünn besiedelt. Der Planet war außerdem kleiner als unserer. Die Lyrees lebten weit verstreut in kleinen Dörfern. Größere Städte gab es kaum. Sie nutzten sie lediglich als Umschlagplätze zum Tauschen und Handeln. Eine dieser Städte war Relya, die Hauptstadt Lyrells. Sie thronte kolossal und freistehend auf dem gewaltigen Plateau eines Gebirges – dem Gaghilgebirge. Sie bildete die Begegnungsstätte für alle Bewohner und war gleichzeitig der Regierungssitz des Rates der Ältesten.«
»Thronte kolossal und freistehend«, äffte Sonja Ellie gackernd nach.
»Entschuldigen Sie, Miss Fildon«, unterbrach Mrs Harris den Vortrag. Erleichtert atmete Ellie aus und freute sich, dass Sonja endlich eine Abreibung für ihre Gehässigkeiten bekommen würde, doch ihre Lehrerin nahm einen von Ellies Mitschülern ins Visier.
»Mr. Rogers! Können sie mir erklären, warum Relya eine so hohe Bedeutung für die Lyrees hatte?« Ein blonder Junge schreckte bei seinem Namen aus einem Nickerchen und sah schuldbewusst von der Lehrerin zu Ellie.
»Da ihr Kollege anscheinend zu müde ist, um meine Frage zu beantworten, können sie das sicher für ihn übernehmen, Sonja.« Ellie war nicht entgangen, dass Mrs Harris ihre Mitschülerin mit Vornamen ansprach.
Hoffentlich bekommst du jetzt dein Fett weg, du blöde Kuh!, ätzte Ellie in Gedanken.
Die Angesprochene grinste überlegen und setzte sich gerade hin.
»Vor Nitaloks Herrschaft wurde jedem Lyree die Ehre zu Teil, mindestens einmal in seinem Leben Relya aufzusuchen. Wie sie es heute unter Nitaloks Herrschaft machen, weiß niemand. Jedenfalls war dies der bedeutsamste Tag im Leben eines Engels. Es war der Tag, an dem sich entschied, in welche Richtung sich sein oder ihr Leben verändern würde. Die heilige Zeremonie des Lewi. Heranwachsende besuchten die Hauptstadt, um das Ende ihrer Jugend zu feiern. Die Aufnahme in den Kreis der Erwachsenen wurde im heiligen Tempel der Stadt festlich begangen. Der Tag, an dem sie ihre Flügel bekamen, um damit bestenfalls in den Rang eines Lewiahs aufzusteigen«, zelebrierte Sonja im allerbesten Lehrbuchstil, was Harris Brust vor Stolz und Entzückung anschwellen ließ.
Vanessa zog eine Grimasse und steckte sich ihren Finger in den Hals. Ellie kicherte leise und stimmte ihrer Freundin stumm zu. Mrs Harris gab Ellie ein Zeichen, mit ihrem Vortrag fortzufahren.
»Um die Vorgeschichte abzukürzen: Lyrell war ein friedvolles Paradies. Dies änderte sich vor gut 1500 Jahren. Es fing harmlos an
