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Ein Jahr in Kenia: Nur wenige Monate nach ihrer Hochzeit beschließen Margaret und Patrick, sich auf ein großes Abenteuer einzulassen. Sie wollen gemeinsam nach Afrika gehen, um dort als Journalist und Arzt zu arbeiten. Doch sehr bald erkennt Margaret, wie wenig sie von diesem fremden Kontinent weiß – und wie wenig von ihrem Mann Patrick.
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Veröffentlichungsjahr: 2012
Mehr über unsere Autoren und Bücher:www.piper.de Für Ginger Barber Übersetzung aus dem Amerikanischen von Mechthild Sandberg Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe 1. Auflage 2011 ISBN 978-3-492-95902-5 © 2009 by Anita Shreve Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel »A Change in Altitude« bei Little, Brown and Company, New York. Deutschsprachige Ausgabe: © 2011 Piper Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: Cornelia Niere, München Umschlagabbildung: andrea hübner, quadratiges.de Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Teil 1
Am Samstag steigen wir auf den Mount Kenya. Nicht am kommenden Samstag – am nächsten.«
Patrick machte seine Ankündigung, als er das Gästezimmer des Großen Hauses betrat, wo sie vorübergehend wohnten, da es in ihrem eigenen kleinen Cottage einen ärgerlichen Rohrbruch gegeben hatte. Er machte sie ohne großes Trara, eher beiläufig, etwa als ginge es um die Einladung zu einer Party in zwei Wochen. Sie waren jung, beide achtundzwanzig, und sie lebten seit drei Monaten in Afrika.
Trotz der Hitze hatte Patricks Hemd sich seine Bügelfalten bewahrt. James, dessen schwarze Haut einen Stich ins Bläuliche hatte, wusch ihre Kleider in einer Wanne, hängte sie zum Trocknen auf und bügelte sie mit so heißem Eisen, dass der Stoff unter ihm zischte. Nicht einmal der Äquator konnte James’ Bügelfalten etwas anhaben.
Patrick stellte Arzttasche und Aktenkoffer auf den Boden. Zum Zeichen des Respekts hatte er sich den Bart abrasiert, aber das dunkle Haar trug er länger als die meisten.
»Arthur arrangiert alles. Wir brauchen vier Tage. Für den Proviant nehmen wir Träger mit.«
Als die Toilette in ihrem Cottage plötzlich den Geist aufgegeben hatte, waren Margaret und Patrick bei ihren Vermietern, Arthur und Diana, untergekommen, die gut fünfzig Meter entfernt in dem größeren Haus auf dem Anwesen wohnten.
»Zelten wir?«, fragte Margaret.
»Es gibt Hütten.«
In wenigen Minuten würde Margaret sich zum Abendessen umziehen. Unter ihrer Hand fühlte sie die markante Stickerei der Bettdecke. »Da muss ich mir Wanderstiefel kaufen«, sagte sie.
Draußen vor dem Flügelfenster lärmten die Vögel, ein schrilles Krakeelen bis zum frühen Abend, wenn der Tag plötzlich erlosch, im Sommer wie im Winter stets zur gleichen Stunde. In Afrika fühlte sich Margaret oft geblendet, als hätte etwas Gleißendes ihre Augen getroffen.
»Wer kommt alles mit?«, fragte sie.
»Arthur und Diana. Du und ich. Arthur erwähnte noch ein anderes Paar, aber ich habe die Namen vergessen.«
»Und du kannst dir die Tage freinehmen?«
Patrick zuckte mit den Schultern, er hatte flexible Arbeitszeiten. Er kam zum Bett und drückte eine tiefe Mulde in die weiche Matratze, als er sich neben Margaret setzte. Trotz der Hitze trug er eine lange Hose, auch dies ein Zeichen des Respekts. In Kenia traten die afrikanischen Männer in Anzügen vor ihre lehmverputzten Flechtwerkhütten, um Matatus, Sammeltaxis, zu fahren, Altmetall zu verkaufen oder Fleisch zu hacken. Sich salopp zu kleiden, hieß, damit protzen, dass man sich das leisten konnte, und den Amerikaner heraushängen lassen. Nur amerikanische und deutsche Touristen kleideten sich wie Kinder.
»Alles in Ordnung?«, fragte Patrick.
Er hatte sehr helle blaue Augen, die auf Sonne empfindlich reagierten. Im Freien trug er immer eine dunkle Brille.
»Mir geht’s gut«, sagte Margaret.
»Du wirkst so still.«
»Wie war dein Tag?«
»Er hat hauptsächlich im Krankenhaus stattgefunden. Wann gibt es Abendessen?«
Der Haushalt lief mit der Präzision eines Uhrwerks. Sie waren seit fünf Tagen Dianas und Arthurs Gäste; ein ordentlicher Installateur war offenbar schwer aufzutreiben. Zuerst musste eine schriftliche Nachricht geschickt – der Installateur hatte kein Telefon – und das Problem geschildert werden. Ein Preis musste ausgehandelt und die Beförderung geregelt werden. Der Installateur, den Diana gern haben wollte, war, wie es hieß, zu Besuch bei seiner Frau in Limuru. Es war ungewiss, wann er zurückkommen würde.
Margaret hätte gern gefragt, ob sich nicht ein anderer Installateur finden lasse, aber das hätte so ausgesehen, als schätzten sie die gastfreundliche Aufnahme nicht. Immerhin wurden ihnen hier Kost und Unterkunft geboten.
»Um sieben«, antwortete Margaret auf die Frage nach dem Abendessen.
Patrick fragte, ob sie schon einmal einen Berg bestiegen habe, und ergriff ihre Hand. Es geschah oft, dass er unvermittelt nach ihrer Hand fasste, im Beisein anderer ebenso wie wenn sie allein waren. Es hieß, ich muss gerade an dich denken.
Obwohl Patrick und Margaret seit zwei Jahren zusammen waren – seit fünf Monaten verheiratet –, waren jedem von beiden weite Gebiete der Vergangenheit des anderen unbekannt. Margaret erzählte Patrick, dass sie einmal auf den Mount Monadnock geklettert war, einen unbedeutenden Gipfel in Neu-England. Patrick sagte, er sei noch nie auf einen Berg gestiegen, schließlich sei er ein Großstadtjunge aus Chicago.
Der Geruch von kochendem Pferdefleisch drang ins Schlafzimmer. Es war ein abstoßender Geruch. Margaret wusste, dass sie sich nie an ihn gewöhnen würde. Das Fleisch war für die Hunde.
»Brauchen wir da – ich weiß nicht – Anleitung?«, fragte Margaret.
»Ach, Arthur wird schon alles in die Hand nehmen.«
Das Fleisch hatte James wahrscheinlich früher am Tag von der Duka, einem kleinen Laden, mitgebracht, in die blutgetränkten Seiten der Kenya Morning Tribune verpackt. Es würde sich kaum von dem Rindfleisch unterscheiden, das Margaret für sich und Patrick einkaufte, die Steaks zu frisch, nicht abgehangen und deshalb zäh, mit einem Geschmack nach totem Tier.
»Wie hoch ist der Mount Kenya?«
»Ungefähr fünftausendeinhundert Meter.«
»Mehr als fünf Kilometer hoch.«
»Na ja, wir sind ja hier schon um die sechzehnhundert Meter über dem Meeresspiegel. Und ich vermute, auf der Fahrt in die Berge werden wir auch noch etwas an Höhe gewinnen.«
»Also ist der Kilimandscharo höher?«, fragte Margaret.
»Höher, aber leichter zu besteigen. Ich glaube, da kann man ganz gemütlich zum Gipfel hinaufspazieren. Immer im Kreis herum. Das dauert eine Weile, aber es ist für die meisten Amateure zu schaffen. Es ist angeblich ziemlich langweilig.«
Patrick zog die schmutzverkrusteten braunen Lederschuhe aus, die er jeden Tag trug. Wenn er sie am Abend vor die Tür stellte, waren sie am Morgen sauber.
»Und wir spazieren nicht?«
»Wir klettern. An manchen Stellen wird es ganz schön anstrengend.«
Margaret stellte sich Dianas Landrover vor, wie er, vollgepackt mit Ausrüstung, durch die schimmernden lindgrünen Teeplantagen fuhr, die sie nur von ferne gesehen hatte.
Das Gästezimmer schien für einen Schriftsteller oder Gelehrten gedacht. Margaret setzte sich manchmal an den massigen geschnitzten Schreibtisch, auf dem eine uralte Schreibmaschine stand. Sie hatte sie einmal ausprobiert und war bei jedem klappernden Anschlag der Tasten zusammengezuckt, als würde etwas Zartes, schüchtern Suchendes mit Trommelschlag angekündigt.
Der Schreibtischstuhl hatte geschnitzte Armlehnen und eine fast silbrige Patina. An den Wänden hingen Fotografien von Leuten, die sie nicht kannte, ein hölzerner Schild, der vielleicht in einem Kampf benutzt worden war, und ein Fächer strahlenförmig angeordneter Speere. Die in Leder gebundenen Bücher sahen alle gleich aus und waren, ihrem Zustand nach zu urteilen, häufig gelesen worden. Margaret stellte sich einen frühen Siedler vor, dem in Nairobi das gedruckte Wort einzig in Form der Bücher verfügbar gewesen war, die er bei Laternenlicht immer wieder gelesen hatte. Bisweilen nahm sie eines von ihnen zur Hand.
Auf der anderen Seite des Raums stand ein Frisiertisch mit bodenlangem Volant von der Art, wie man sie manchmal in alten Filmen sah. In der Glasplatte spiegelten sich Kristalldosen mit silbernen Deckeln. Vielleicht war dies das Zimmer von Dianas Eltern gewesen, die das Haus in den späten Vierzigern des vergangenen Jahrhunderts gebaut hatten. Sie waren nach dem Krieg aus England hierhergekommen, um sich in der Pferdezucht zu versuchen. Margaret nahm eine Fotografie des Paares zur Hand, beide so extravagant gekleidet, als wollten sie zu einem Fest im Muthaiga Country Club. Das Gesicht des Vaters war wettergegerbt; die Mutter hatte ein hübsches, zartes Lächeln. Als Kind hatte Diana wahrscheinlich ständig zu hören bekommen, dass sie ihrem Vater ähnlich sehe.
Margaret musste an die Geschichte von dem jungen Massai denken, dem ein amerikanischer Wohltäter, beeindruckt von seinem Witz und seiner ihm eigenen Intelligenz, die Chance geben wollte, sein Glück in New York zu versuchen. Zwei Monate nach seiner Ankunft sprang der junge Mann aus dem Fenster seiner im zehnten Stockwerk gelegenen Wohnung in den Tod. Sie vermutete, dass die Sehnsucht nach dem Rift Valley dem Massai das Herz gebrochen oder die graue Geometrie der Stadt seinen Verstand verwirrt hatte. Die Anekdote sollte lehrreich sein. Aber Margaret war sich nicht sicher, welche Lehre aus ihr zu ziehen war. Dass man einen Menschen nicht verpflanzen sollte? Oder dass, wenn dies geschah, lebensgefährliche Verstörung drohte?
Einmal, als Patrick und Margaret über ein langes Wochenende in die Serengeti gefahren waren, hatten sie bei ihrer Rückkehr das Schlafzimmer ihres Cottage ausgeräumt vorgefunden. Unberührt war einzig die Schublade mit Margarets Unterwäsche, in der sie ihre Pässe aufbewahrte. Es bewies, wie richtig der Rat war, den man ihnen gleich zu Beginn ihres Aufenthalts erteilt hatte: Bewahrt eure Wertsachen in der Wäscheschublade auf; kein afrikanischer Mann würde die Unterwäsche einer Frau anrühren. Die Polizei kam, sah sich das Schlafzimmer an, wies auf ein eingeschlagenes Fenster und sagte: Aha. Einbruch. Ob es Leute gebe, die sie nicht mochten? Ihnen übel wollten? Der Fall wurde nie geklärt.
Patrick und Margaret kauften ein neues Bett und ließen zwischen Schlafzimmer und Wohnzimmer ein Schloss anbringen. Sie erfuhren später von dem Inspektor, dass hier fast alle solche Schlösser hatten; ob denn vorher nie jemand sie darauf aufmerksam gemacht habe? Es war der dritte Diebstahl innerhalb von sechs Wochen. Beim Einkaufen war Margaret ihr Portemonnaie aus der Strohtasche gestohlen worden, und eines Morgens, als Patrick auf dem Weg zum Krankenhaus aus dem Haus ging, fand er ihren gebraucht gekauften Peugeot auf Betonklötzen vor. Alle vier Räder waren in der Nacht abmontiert worden.
Rein intellektuell konnte Margaret die Diebstähle verstehen. Zwischen denen, die sich ein komfortables Leben leisten konnten, und denen, die es nicht konnten, bestand ein steiles Gefälle, und ganz oben, auf unsicherem Boden, der jederzeit bröckeln konnte, standen die Ausländer. Aber in ihrem Herzen saß die Angst; moralisch gesehen stellten sich die Diebstähle als eine Art berechtigter Ausgleich dar. Sie hatte sich angewöhnt, ihre Handtasche fest unter den Arm zu klemmen, und fand sich widerwärtig dabei. Sie gab James großzügige Trinkgelder dafür, dass er ihre Kleider wusch. Sie war ziemlich sicher, dass das nicht Usus war, aber sie fühlte sich besser, wenn sie es tat. James wies das Geld nie zurück.
Patrick fragte Margaret nicht, wie sie den Tag verbracht hatte; zu heikel, da sie bisher keine Arbeit gefunden hatte. Ihm machte das offenbar nichts aus, ihr schon. Hätte er sie gefragt, so hätte sie ihm erzählt, dass sie mit ihrer Kamera durch die staubigen Straßen von Langata gezogen war und fotografiert hatte: die Askaris in ihren langen Soldatenmänteln, die Panga Macheten zur Hand, oder die Schilder mit der Warnung Mbwa Kali, bissiger Hund, an den Toren großer Häuser. Auch den anmutigen Fall der Jacarandazweige und das Feuerwerk violetter, scharlachroter und pinkfarbener Bougainvilleen, die hier wie Unkraut gediehen und Steinmauern und Hausdächer überzogen, fing sie mit ihrer Kamera ein. Sie wusste, dass Patricks Entscheidung, sich in Langata, einer Ausländeroase, niederzulassen, den anderen Ärzten am Krankenhaus suspekt war. Aber Margaret hatte sich rein durch Zufall in das Cottage in Langata verliebt.
Sie war auf der Fahrt zu einer Wohnungsbesichtigung gewesen, als ihr der Peugeot auf einer gepflasterten Straße stehen blieb. Arthur, der sich auf der Heimfahrt von der Arbeit befand, hielt an, um sich zu erkundigen, ob sie Hilfe brauche. Sie hätte sich denken können, was ihn dazu bewog – Beschützerinstinkt und, vielleicht, der Gedanke an eine günstige Gelegenheit: eine junge Weiße im Rock am Straßenrand neben ihrem liegen gebliebenen weißen Peugeot, erst kürzlich gekauft, aber eindeutig gebraucht; vielleicht ein Montagsmodell. Der Peugeot hatte ohne Warnung einfach schlappgemacht.
Arthur kurbelte das Fenster hinunter und rief: »Alles in Ordnung?«
Margaret ging zu der Stelle, an der er angehalten hatte, Vertrauen von Weiß zu Weiß. Hätte sie den Mann weitergewinkt, fragte sie sich später, wenn er Afrikaner gewesen wäre? Arthur ließ nicht locker, und sie war froh über seine Hilfe. Er versuchte, den Wagen zu starten, für den Fall, dass nur der Tank leer war; Margaret war schließlich eine Frau. Er werde von zu Hause aus anrufen, sagte er; er sei auf dem Heimweg. Er kenne einen Mechaniker, der sich um sie kümmern werde. Das waren seine Worte. Er wird sich um Sie kümmern.
Margaret sah sich den Mann an. Er hatte mittelbraunes Haar und dunkle Augen, ein Grübchen im Kinn und ein ungezwungenes Lächeln. Die untere Gesichtshälfte passte irgendwie nicht zur oberen.
In Arthurs Mercedes begegnete Margaret zum ersten Mal der unerwarteten Schönheit der gepflegten Gärten und hohen Hecken von Langata, einem Vorort von Nairobi.
Arthur bog ab und hielt vor einer langen Einfahrt an. Ein Askari im Soldatenmantel über bloßen Beinen sprang herbei und öffnete das Tor. Arthur nahm keine Notiz von dem Mann. Herabgefallene Jacarandablüten bildeten einen purpurfarbenen Teppich auf dem Weg zum Haus, einem einstöckigen Steinbau mit Fenstern, die von gemauerten Pfosten geteilt waren. Eine lebhafte Landschaft leuchtender Blüten, deren Namen sie nicht kannte, umgab sie. Hinter dem Garten dehnte sich ein gewaltiger Himmel in einem satten Blau, wie sie es nie gesehen hatte. Es musste, dachte sie, mit der äquatorialen Sonne, einem bestimmten Lichteinfall, zu tun haben.
Arthur bot Margaret etwas zu trinken an und erledigte dann die erforderlichen Telefonate. Der Wagen wurde abgeschleppt und zu einer Werkstatt zur Reparatur gebracht. Margaret wurde sich plötzlich ihrer eigenen bloßen Beine bewusst, als Arthurs Frau Diana ins Zimmer kam, offenkundig irritiert über den fremden Gast, von dem ihr nichts gesagt worden war. Arthur erklärte, und Margaret sah zum ersten Mal Dianas Lächeln: eine ungeahnte Überraschung. Margaret rief Patrick im Krankenhaus an, um ihm zu sagen, dass sie in Langata zum Abendessen eingeladen waren. Sie musste in Arthurs Beisein telefonieren und gab sich deshalb enthusiastischer als sie wirklich war, tat beinahe überwältigt. Vom anderen Ende hörte sie Patricks milde Einwände.
Bei diesem ersten Abendessen erfolgte eine weitere Einladung. Auf dem Anwesen stand ein Gästehaus leer. Arthur nannte einen Betrag, der geringer war als der, den Patrick und Margaret für eine Wohnung veranschlagt hatten. Diana schlug vor, Margaret und Patrick, die mit dem Bus gekommen waren, sollten über Nacht bleiben und sich das Cottage am Morgen, bei Tageslicht, ansehen. Patrick war skeptisch, als sie später im Bett lagen – vielleicht hatte er, noch vor Margaret, gehört, wie leise ein Schloss zuschnappte. Sie hielten einander fest umschlungen in dem fremden Bett, als müssten sie sich als Paar bestätigen, als wäre ein Akt des Widerstands geboten.
Am Morgen besichtigten sie das Gästehaus, ein weiß verputztes Cottage mit rotem Schindeldach, von rosa und orangefarbenen Bougainvilleen umwachsen. Im Wohnzimmer stand ein kleiner Tisch, über dem eine üppige gelb-rote Khanga, eines der typischen bunt bedruckten Tücher, lag. Die Küche hatte eine quer geteilte Tür, das Schlafzimmer ein eigenes Bad. Der geschliffene Holzfußboden war in einem komplizierten Parkettmuster verlegt. Die Wände waren weiß, die Fenster durch Streben unterteilt. Selbst in Amerika – oder gerade in Amerika – hatten Patrick und Margaret nie in einem so schönen Haus gelebt. Bevor der Wagen sie im Stich gelassen hatte, hatten sie im Ngong Road Hotel über einem Nachtklub gewohnt, und davor unter gruseligen Umständen im Nairobi Hotel gehaust, wo Waschbecken und Toilette dreckverkrustet waren und die Kakerlaken flüchteten, sobald Margaret die Tür zum Badezimmer öffnete. Sie vermutete, dass Patrick an jenem Morgen ihr Verlangen nach dem Cottage spürte und deshalb seine leisen Bedenken aufgegeben hatte.
Das Gästehaus stand so weit entfernt vom Haus Arthurs und Dianas, dass man nicht um seine Unabhängigkeit fürchten musste. Man würde einander bestimmt nicht ins Gehege kommen, meinte Diana: Arthur sei als Verkaufsleiter von Colgate-Palmolive den ganzen Tag mit seiner Arbeit beschäftigt; Diana selbst züchtete Rhodesian Ridgebacks und hatte wenig Zeit für anderes. Das hörte sich alles gut an. Jedenfalls in Margarets Ohren.
Am selben Nachmittag hatte James ein Foto von Margaret und Patrick gemacht. Das Bild zeigte Margaret in einem Sessel gleich an der Tür ihres neuen Cottage in Afrika. Sie trug ein leichtes weißes Sommerkleid. Ihre Haut war tiefrot – indianerrot, hatte ihre Mutter immer gesagt. Ihr Haar wirkte schmutzigblond, in Wirklichkeit war es hellbraun mit einem Messingschimmer. Ihre glänzende Haut sah aus wie lackiert.
Hinter ihr stand Patrick in einem kurzärmeligen weißen Hemd mit Schlips. Seine Haut hatte eine gesunde Sonnenbräune, sein Haar, vielleicht frisch gewaschen, vielleicht auch nicht, sah auf dem Foto strähnig aus. Sein Gesicht war im Schatten, eine Sonnenbrille schirmte die Augen ab.
James war ernst bei der Arbeit mit Margarets Nikon, aber als er ihr den Apparat zurückgab, lachte er.
Im Großen Haus, wie Patrick und Margaret es heimlich nannten, bereitete James die Mahlzeiten zu, deckte den Tisch, trug das Essen auf, räumte das Geschirr ab und spülte es. Patrick und Margaret hatten keine Hausangestellten. Erst vor Kurzem hatte Diana ihnen James ins Cottage hinübergeschickt, damit er sich um ihre Wäsche kümmerte. Margaret war von Anfang an geraten worden, für diese Arbeit jemanden einzustellen, aber ihr schien es eine zu intime Angelegenheit, um sie einer fremden Person zu überlassen. Sie hatte versucht, in der Badewanne zu waschen, aber sie hatte es nie geschafft, den ganzen Schaum herauszuspülen. Als Patrick am Hals einen Ausschlag bekam, kapitulierte sie. Doch sie kochte weiterhin selbst und Patrick spülte ab. Kein Anlass, sich auf die Schulter zu klopfen. Nur scheinbar lobenswert. Keine Hausangestellten zu haben, hieß, einem Afrikaner einen Arbeitsplatz zu verweigern.
Als sie am Abend, nachdem zum ersten Mal von der Bergtour die Rede gewesen war, beim Essen zusammensaßen, sprach Arthur, im feuchten Haar noch die Furchen des Kamms, von Hypoxie.
»Die Lunge füllt sich mit Blut«, erklärte er Patrick und Margaret. »Jedes Jahr sterben vier oder fünf Menschen beim Aufstieg auf den Mount Kenya. Meistens erwischt es die durchtrainierten deutschen Bergsteiger, die in Nairobi nicht schnell genug aus dem Flugzeug springen können und sofort den Berg hinaufpreschen. Sie bekommen Probleme, weil sie dem Körper keine Zeit gelassen haben, sich auf die Höhe und die dünnere Luft einzustellen. Je langsamer man aufsteigt und je mehr Zeit man sich nimmt, desto ungefährlicher ist es.«
»Na, da werde ich ja nichts zu fürchten haben«, bemerkte Margaret.
Arthur ließ den Scherz unbeachtet. »Unterwegs werden wir auf Park Rangers treffen. Sie sind immer zu zweit. Wenn sie einen aufhalten, kommen sie so dicht heran, dass sie einem genau ins Gesicht sehen können, und bombardieren einen im Schnellfeuertempo mit Fragen: Welches Datum haben wir heute? Wie spät ist es? Wo wohnen Sie? Wenn du nicht prompt antwortest, nehmen sie dich rechts und links beim Ellbogen und schleppen dich den Berg hinunter, ob du willst oder nicht. Das ist die einzige Rettung.«
Eigentlich, dachte Margaret, war Arthur kein Panikmacher. Er konnte gönnerhaft sein – manchmal hatte sie den Eindruck, dass die Gönnerhaftigkeit eine Art Sport für ihn war –, doch er und Patrick hatten schon lebhafte Diskussionen geführt, die bis in die Nacht hinein dauerten. Patrick gab nie nach, wenn er ein Argument mit Fakten untermauern konnte.
»Wir fahren gegen Mitte des Vormittags in Nairobi los«, fuhr Arthur fort. Er trug ein weißes Hemd mit bis zu den Ellbogen hochgekrempelten Ärmeln und eine gestreifte Krawatte. Die Blässe seines Gesichts, die in Afrika ungewöhnlich wirkte, verdunkelte ein dauerhafter Bartschatten.
Diana, in einem leichten blauen Baumwollkleid, hatte die ledrige Haut einer Frau, die sich viel im Freien aufhält. Sie hatte sich vor einigen Tagen aus rein praktischen Gründen das hellblonde Haar kurzschneiden lassen und dadurch etwas Knabenhaftes bekommen.
»Wir nehmen die Thika Road und werden dann, denke ich, eine angenehme Nacht in der Lodge in Naro Moru verbringen«, sagte Arthur. »Von dort aus fahren wir weiter zum Parktor, wo wir den Landrover stehen lassen. Am Tor heuern wir den Führer und die Träger an, die den Proviant und die Ausrüstung befördern. Sie sollen übrigens sehr kompetent sein. Dann geht es direkt hinauf zum Point Lenana. Es ist einer der schnellsten und steilsten Anstiege, aber für Amateure durchaus zu schaffen. Für den Weg brauchen wir vier Tage und drei Nächte, unsere Übernachtung in der Lodge nicht mitgerechnet.«
Es gab Lamm mit Minzsoße. Der Tisch war nach englischer Art edel gedeckt. Unter Margarets Gedeck lag ein Tischset mit einer Abbildung der Westminster Abtei. Patrick hatte die St. Pauls-Kathedrale. Jeder am Tisch hatte sein eigenes silbernes Salzfässchen mit winzigem Löffel dazu. Der Wein, bei dem Arthur sehr großzügig war, funkelte in geschliffenen Kristallgläsern. Das Porzellan war vermutlich Wedgwood oder Staffordshire. Im Cottage gab es kein einheitliches Service und viele Stücke waren angeschlagen.
Zwei Kinder kamen zur Tür herein. Edward und Philippa, neun und sieben, wurden von einer Ayah namens Adhiambo betreut. Sie liefen tagsüber in Schuluniformen herum, als lebten sie in Kent und nicht einen Steinwurf entfernt von Wäldern, die von Antilopen, Löwen und Büffeln bevölkert waren. Diana wollte auch in der Ferne nicht auf eine britisch geprägte Erziehung verzichten.
Adhiambo, die mit den Kindern zusammen eintrat, trug ein rotes Kopftuch und einen rosa Pulli, der ursprünglich Teil eines Twinsets gewesen sein mochte. Sie hatte breite Hüften, aber sie war jung, drei-, vierundzwanzig vielleicht, vermutete Margaret, die allerdings meist hoffnungslos scheiterte, wenn sie versuchte, das Alter von Afrikanern einzuschätzen. Am Kinn hatte sie eine tiefe Narbe, und ihr Lächeln, das schlechte Zähne zeigte, war scheu. Aber in ihrem Blick lag etwas, das Margaret nicht recht deuten konnte – etwas Unbeugsames, vielleicht auch nur Beharrliches.
»Sagt Mami gute Nacht«, befahl Adhiambo den Kindern.
Schon in den Schlafanzügen gingen sie zu ihrer Mutter und nahmen Küsse und Umarmungen entgegen, die wahrhaftig und hungrig wirkten, kleine Risse in der eisernen Kontrolle. Auch Arthur forderte Umarmungen und Küsse. Margaret wusste schon, dass dies zum abendlichen Ritual gehörte. Philippa mit ihrem langen braunen Haar sah aus wie ihr Vater; Edward, flachsblond, ähnelte Diana vor der Verwitterung. Anfangs hatte Margaret diese Überkreuzung der Geschlechter irritierend gefunden. Diana begann vom Reiten zu sprechen; Arthur von Tennis. In Minutenschnelle waren die Kinder und ihre Ayah verschwunden.
»Nehmt auf jeden Fall Gamaschen mit, für den Vertical Bog«, fuhr Arthur fort. »Und Mützen, Handschuhe und Parkas gegen die Kälte.«
»Was ist der Vertical Bog?«, fragte Patrick.
»Ein Sumpf.« Arthur schien, ganz untypisch für ihn, einen Moment um eine Erklärung verlegen. Er breitete die Arme aus. »Sie wissen schon – ein Sumpfgebiet.«
»Außerdem Sonnenbrillen gegen Schneeblindheit«, fügte Diana hinzu. Sie schien durch Rumoren in der Küche abgelenkt. Schon vorher war sie einmal vom Tisch aufgestanden. James und Adhiambo waren nicht die einzigen Hausangestellten. Es gab noch mehrere Männer, die in den Zwingern beschäftigt waren, und den Askari am Tor. »Und laufen Sie unbedingt Ihre Stiefel vorher ein.«
Patrick warf Margaret einen kurzen Blick zu.
»Ich habe gar keine Stiefel«, sagte sie. »Ich besorge mir gleich morgen welche.«
Arthur rechnete. »Sie haben zehn, elf Tage. Das müsste eigentlich reichen, um sie einzulaufen, wenn Sie dranbleiben. Ziehen Sie zwei Paar Socken über.«
»Ich habe vielleicht Stiefel, die Ihnen passen«, meinte Diana mit einem Blick auf Margarets Füße in den Sandalen. Dann runzelte sie die Stirn. »Hm, vielleicht doch nicht.«
Margaret bemerkte James, der geduldig an der Tür wartete, um den Tisch abzudecken.
Nach dem Essen wurden in einem Zimmer, das Diana den Salon nannte, Drinks gereicht. Margaret trank einen Brandy, während sie versuchte, Arthur einen Rusty Nail zu beschreiben, Scotch mit einem Schuss Drambuie. Diana saß Margaret auf einem überdimensionalen Chintzsofa gegenüber und schien darauf zu brennen, endlich loszulegen. Womit allerdings, war Margaret unklar. Es war offenbar Dianas natürlicher Zustand. Sie lebte nicht den Moment, sondern war ihm immer schon voraus. Diana war keine schöne Frau, aber sie war hübsch. Margaret schätzte sie und Arthur auf Anfang bis Mitte dreißig.
»Wie haben Sie beide sich kennengelernt?«, fragte sie.
Arthur, der beim Tisch mit den Getränken stand, antwortete prompt, als wiederholte er eine alte Ehelegende. »Wir sind uns in London auf einem Fest begegnet. Innerhalb von fünf Minuten hatten wir herausbekommmen, dass wir uns beide insgeheim danach sehnten, nach Afrika zu gehen. Diana, weil sie nach Kenia zurückwollte, wo sie aufgewachsen war. Ich, weil ich so weit wie möglich von London wegwollte.«
Margaret fiel auf, dass keiner von beiden den anderen ansah, während Arthur seine kurze Geschichte erzählte. Vielleicht hörte Diana nicht zu. Vielleicht bereute sie es, diese Sehnsucht offenbart zu haben.
Arthur hob sein Glas. Die anderen taten es ihm nach, obwohl ja eigentlich kein Toast ausgebracht worden war. Auch Arthur schien ein ruheloser Mensch zu sein, ständig unter dem Zwang, überschüssige Energie zu zügeln.
Im ehelichen Vergleich, vermutete Margaret, fand Diana wohl, dass sie aus dem besseren Stall komme. Sie fragte sich, ob das viel zählte. Flüchtig dachte sie an ihre eigene Ehe. Patrick war irischstämmiger Amerikaner dritter Generation, typische Erbmerkmale seiner Familie waren der Hang zur Medizin, das spitz zulaufende Kinn, das schwarze Haar, das erst sehr spät grau zu werden begann, und die überraschend hellblauen Augen. Ob die äußeren Anlagen sich zu Schönheit einten, hing davon ab, wie sie sich zusammenfügten, Patrick schien ein Gutteil davon mitbekommen zu haben. Patricks Vater, ein Gynäkologe, sprach immer noch mit einem leicht irischen Akzent, der auf seine Patientinnen ungemein beruhigend wirkte.
Margaret selbst kam aus einer gutbürgerlichen Bostoner Unitarierfamilie von gewisser historischer Bedeutung. Ein entfernter Verwandter von ihr hatte während des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs das Offizierspatent erhalten. Ihre Mutter hatte hinter ihrer Schlafzimmertür eine Plakette hängen, die das bezeugte, obwohl sie selbst fanatische Demokratin war und das schon seit Franklin D. Roosevelt.
Arthur wandte sich Patrick zu. »Und was wird aus uns allen, wenn Kenyatta stirbt?«
»Es wundert mich, dass wir dieses Gespräch nicht schon längst einmal geführt haben«, antwortete Patrick.
Die Briten schienen von der Rechtmäßigkeit ihrer Präsenz in Kenia bedingungslos überzeugt zu sein. Die Amerikaner waren es nicht. Der Unterschied, vermutete Margaret, lag in Vietnam.
Während mit Kenyatta kurzer Prozess gemacht wurde, zählte Margaret, die nichts Besseres zu tun hatte, siebzehn unterschiedliche Muster auf Stoffen und Porzellan. Sie sah sich im Zimmer um: Es hatte Strebenfenster wie das Cottage, aber da endete die Ähnlichkeit mit dem anderen Haus schon. Die Möbel im Salon waren mit Schnitzereien und Ornamenten überladen, massig und dekorativ zugleich.
»Wer sind die anderen beiden?«, fragte Margaret.
»Die auf die Tour mitkommen? Saartje und Willem van Buskirk. Habe ich Ihnen das noch nicht gesagt?« Diana schien verwundert über das Versäumnis.
»Er ist bei der Hilton-Gruppe«, erklärte Arthur. Was Saartje machte, wurde nicht erwähnt. »Wir setzen uns diese Woche irgendwann mal zusammen, um zu planen. Sie werden Ihnen gefallen. Geradlinig. Ganz umkompliziert. Ich vermute, Willem hat den Mount Kenya schon mal gemacht.«
»Daran erinnere ich mich gar nicht«, sagte Diana.
»Er ist in der Schweiz viel geklettert, bevor sie nach Bombay gegangen sind.«
Diana nickte, und Margaret fragte sich besorgt, welches Tempo sie in Gesellschaft eines erfahrenen Kletterers erwartete.
»Abgesehen von Hypoxie«, erläuterte Arthur weiter, »bekommt fast jeder Probleme. Akute Höhenkrankheit. Kopfschmerzen. Schwäche. Übelkeit. Schwindel.«
»Und das soll Spaß machen?«, fragte Margaret.
»Ich erzähle Ihnen das alles, weil wir aufeinander aufpassen müssen«, sagte Arthur mit leichtem Tadel. »Wir müssen auf die Anzeichen achten.«
Margaret nickte angemessen kleinlaut.
»In den Hütten haben zwischen zehn und dreißig Leute Platz«, fuhr Arthur fort. »Geschlafen wird im Allgemeinen auf Pritschen. Es gibt Latrinen, wenn man sie so nennen möchte. Für Zimperliche ist die Reise nichts.«
»Die Kikuyu glauben, der Berg sei heilig«, warf Patrick ein, und Margaret war dankbar für die Unterbrechung in der Reihe der Schreckensbilder. »Angeblich wohnt ihr Gott Ngai auf dem Berg, der in ihrer Sprache Kirinyaga heißt.«
Margaret hatte einen Arzt fotografiert, der kürzlich in Roxbury, dem ärmsten – und nicht zufällig beinahe völlig schwarzen – Viertel Bostons, mehrere kostenlose Ambulanzen zur Impfung und ärztlichen Versorgung von Säuglingen und Kleinkindern eingerichtet hatte. Ihre Zeitung, ein alternatives Bostoner Wochenblatt, hatte ihr den Auftrag am Morgen erteilt. Sie hatte Mühe, den Arzt vorteilhaft abzubilden: Er trug eine Brille mit extrem dicken Gläsern, und die Deckenbeleuchtung war viel zu grell. Nachdem sie genug Aufnahmen gemacht hatte, um sicher sein zu können, dass wenigstens eine dabei war, die der Redakteur verwenden konnte, bemerkte Margaret einen zweiten Arzt, der an der Tür stand und ihr bei der Arbeit zusah. Als Margaret fragte, wo sie eine Cola und ein Sandwich bekommen könne, antwortete der Mann an der Tür als Erster. »Kommen Sie mit«, sagte er. »Ich zeige Ihnen die Kantine. Da wollte ich sowieso hin.«
Margaret packte ihre Ausrüstung zusammen, während die beiden Ärzte irgendeine dienstliche Angelegenheit besprachen. Dann folgte sie dem zweiten Arzt zur Tür hinaus. »Patrick«, sagte er und bot ihr die Hand.
»Margaret«, sagte sie.
Bei einem Thunfischtoast erzählte er ihr, dass er gerade seine Facharztausbildung in Tropenmedizin abschließe. Sein Interesse an Tropenkrankheiten habe er während des Studiums entdeckt und sei seither zweimal in Afrika gewesen. Er war, fand sie, ein ausgesprochen schöner Mensch, und der ungewöhnliche Schnitt seines länglichen Gesichts faszinierte sie. Vielleicht, dachte sie, hatte sie sich in dieses Gesicht verliebt, noch bevor sie sich in den Mann verliebt hatte. Vor ihrem gemeinsamen Aufbruch nach Afrika hatte Margaret sein Gesicht mindestens hundert Mal fotografiert. Anfangs war Patrick neugierig, dann nur noch schicksalsergeben und schließlich leicht ungeduldig wie etwa mit einem Kind, das immer wieder dasselbe Spiel spielen will.
Als Patrick sie fragte, ob sie mit ihm nach Kenia gehen wolle, hatte sie sofort Ja gesagt. Ihr Job bei der alternativen Zeitung langweilte sie; sie hatte es satt, Kongresssitzungen und Folksänger in irgendwelchen Kaffeehäusern in Cambridge zu fotografieren. Er hatte sich vertraglich an das Nairobi Hospital gebunden, das er jederzeit als Forschungsstätte nutzen konnte, solange er dafür im Umland freie Sprechstunden abhielt, wann immer er darum gebeten wurde.
Sie heirateten in aller Eile im Garten eines Hauses in Cambridge. Margaret trug ein langes, weißes Baumwollkleid und steckte sich die Haare hoch. Nach der Trauung saßen sie auf Gartenstühlen aus Plastik und einem eleganten Sofa, das eigens herausgetragen worden war, mit ihren Gästen beisammen und tranken Champagner. Patrick und Margaret thronten in der Mitte des edlen Sofas, wehrten freundliche Spötteleien ab und blickten hin und wieder zu den Sternen hinauf.
Bei dem Abschiedsessen im Haus ihrer Eltern am Abend vor ihrem Abflug nach Nairobi konnte Margaret sich nicht vorstellen, wie sie es aushalten sollte, ihre Eltern und ihren zwölfjährigen Bruder Timmy, der sechzehn Jahre nach ihr geboren war – ein glücklicher Unfall, wie ihre Mutter erklärt hatte –, ein ganzes Jahr lang nicht zu sehen. Sie bat sie immer wieder, sie in Afrika zu besuchen. Nie zuvor hatte jemand in der Familie das Wort Liebe gebraucht, aber die Bindung zwischen ihnen war tief.
Im Flugzeug hatte Margaret ein wenig Heimweh. Während des Flugs über den fremden Kontinent im Licht der aufgehenden Sonne, während sie das Gesicht ans Fenster drückte und ihr Atem ihren Blick trübte, hielt Patrick ihre Hand. Falls er besorgt war, sagte er es nicht.
Vom Flugzeug aus sah sie all das, worüber sie gelesen hatte, um sich auf die Reise vorzubereiten: den Nil, ein langes, braunes Band; den Turkana See, ehemals Rudolf-see; das Rift Valley, einer Mondlandschaft ähnlich in seiner Weite und Unwirtlichkeit; und dann plötzlich die Ngong Berge und das Hochland, auf dem Nairobi erbaut war. In der Ferne konnte sie über den Wolken den Mount Kenya erkennen und, weiter südlich, sogar den Kilimandscharo. Kurz bevor die Maschine aufsetzte, schob Patrick ihr einen silbernen Ring mit einem kleinen Brillanten in der Mitte auf den Finger, vor der Hochzeit war er nicht dazu gekommen. Sie landeten an Margarets Geburtstag.
Am Morgen nach dem ersten Gespräch über die Tour auf den Mount Kenya wurde Margaret draußen vor Dianas Haustür von einem schillernden Pfau begrüßt. Der Vogel wirkte, so nah gesehen, überirdisch, wie ein Trugbild. Er starrte sie gleichgültig an. Was er wohl von ihrer eigenen glanzlosen Erscheinung hielt?
Wieder hatte ein Jacarandabaum seine abgeworfenen Blüten zu einem königlichen Teppich ausgelegt. Die Luft war kühl, wie frisch gereinigt. Margaret trug über ihrem gelben Baumwollkleid eine weiße Jacke mit Gürtel. Um zehn würde sie die Jacke ablegen müssen. Am Mittag würde sie nur noch im Haus sein wollen. Spätestens um drei würde sie von einem kühlen Bad im Pool des InterContinental träumen. Um sechs würde sie die Jacke wieder anziehen, und um elf würden sie und Patrick unter Daunendecken schlafen. Alles eine Sache der Höhenlage, hatte Patrick einmal erklärt.
Margaret sog den Geruch brennenden Laubs ein, als sie zum Auto ging, das Patrick ihr dagelassen hatte. Er hatte vor mehr als einer Stunde den Bus in die Stadt genommen. Der Peugeot stand neben dem Cottage mit der immer noch defekten Toilette. Sie setzte sich hinein und stellte ihre Strohtasche links auf den Beifahrersitz. Als sie hier angekommen war, hatte sie beinahe eine Woche Probefahrten gebraucht, um sich beim Fahren auf der linken Straßenseite auch nur halbwegs sicher zu fühlen.
Im Duft des Rauchs, den sie in den Wagen mitgenommen hatte, lehnte sie sich zurück und schloss die Augen. Sie fragte sich, ob Matthew, der Gärtner, Marihuana mit den Gartenabfällen verbrannte, als wäre Cannabis nicht mehr wert als dürres Holz. Absurd, dachte sie, und war dennoch ziemlich sicher, dass der Rauch irgendetwas Einschläferndes enthielt. Sie atmete tief ein. Ein nostalgischer und exotischer Duft.
Sie schreckte hoch, als ans Fenster geklopft wurde. Arthur, in Anzug und Schlips, bedeutete ihr, das Fenster herunterzulassen.
»Der Mercedes springt nicht an. Ich habe die Werkstatt schon angerufen. Können Sie mich ins Büro mitnehmen? Ich muss Diana den Rover hierlassen, damit sie die Kinder holen kann und dergleichen.«
Kein Gedanke daran, abzulehnen.
»Steigen Sie ein. Ich schulde Ihnen sowieso noch etwas.«
Margaret nahm ihre Strohtasche vom Sitz. Arthur stieg ein. Besitzergreifend legte er seinen Arm auf die Rückenlehne hinter ihr und wandte sich ihr halb zu. Arthur das Alphatier. Patrick würde sich niemals so verhalten, wenn nicht seine eigene Frau am Steuer saß, davon war sie überzeugt. Patrick würde, anders als Arthur, schön gerade sitzen, den Blick freundlich geradeaus gerichtet.
Sie kamen an der Duka vorüber, wo die afrikanischen Männer in gebügelten Hemden und langen Hosen herumstanden, die meisten rauchend, viele lachend. Die Männer waren, das wusste Margaret, Hausangestellte und trafen sich hier zu einer morgendlichen Pause, nachdem sie die Einkäufe für den Tag erledigt hatten. Die meisten waren wahrscheinlich schon seit halb fünf auf den Beinen, sie mussten ja in aller Frühe die Mahlzeiten für die Familien und die Hunde zubereiten. Waren die anderen Afrikaner hier auch vor allem vom Volk der Luo wie James? Das musste sie bei Gelegenheit erfragen. Sie wusste schon, dass in diesem Land, wenngleich zutiefst frauenfeindlich und in Klassen gespalten, die über Geld definiert wurden, die wahre Feindschaft, die Mann von Mann und Frau von Frau trennte, die zwischen den einzelnen Stämmen war. Den Turkana, Nandi, Kalenjin, Kisii, Kipsigis, Kikuyu, Luo, Massai und anderen. Die Stammeszugehörigkeit war das, was zählte.
»Den Kreisverkehr scheinen Sie ja noch nicht gemeistert zu haben«, bemerkte Arthur mit hochgezogenen Brauen, als Margaret anhielt, um einem schief hängenden, völlig überladenen Matatu die Vorfahrt zu lassen.
»So ein Kreisel ist aber auch etwas komplett Unnatürliches.«
»Für eine Amerikanerin vielleicht. Ich glaube, Sie brauchen mehr Übung.«
»Danke, dass Sie mich darauf aufmerksam machen.«
Er gab einen Laut wie »Pah« von sich, der typisch englisch war und nicht zu buchstabieren. Es bedeutete in etwa: Seien Sie nicht kindisch. Seien Sie nicht so empfindlich.
»Wo kann ich Sie absetzen?«, fragte Margaret.
»Beim Mather House. Ich hoffe, Diana hat Ihnen gesagt, dass Saartje und Willem heute Abend zum Essen kommen? Wir wollen die Tour besprechen.«
Arthur wies zu der Straße, der Margaret folgen sollte.
»Hat sie. Und ich kaufe mir jetzt Stiefel.«
»Sie werden den Mount Kenya bezwingen.«
Margaret war perplex. »Ich glaube nicht, dass ich der Mensch bin, um irgendetwas zu bezwingen, am wenigsten einen Berg. Auf jeden Fall bin ich nicht hergekommen, um etwas zu bezwingen.«
»Woher kommen Sie?«
Sie warf ihm einen kurzen Blick zu. Er beobachtete sie, wie sie vermutet hatte.
»Ich bin in einem kleinen Ort nördlich von Boston aufgewachsen, habe in der Nähe von Boston studiert und seitdem in Boston gelebt.«
»Warum Boston?«
»Da bin ich in der Nähe meiner Familie, und es ist eine Großstadt.«
»Sie sind nicht so fürs Ländliche, wie?«
Margaret lachte. »Anscheinend nicht.«
»Boston kenne ich nicht.« Sein Englisch hatte eine Färbung, die an eine Industriestadt in Nordengland denken ließ. »Aber ich war viel in Arizona.«
»In Arizona?«
»Dianas Eltern sind da vor ungefähr zehn Jahren hingezogen. Sie haben so was wie ein kleines Gut – Sie würden es wahrscheinlich eine Ranch nennen –, gleich außerhalb von Phoenix. Dianas Vater spielt Golf. Sie sind seiner Gesundheit wegen dort. Das Klima tut ihm gut. Er hat ein beginnendes Emphysem. Trotzdem raucht er immer noch jeden Tag eine ganze Schachtel. Und ist stolz darauf, dass er es geschafft hat. Denn früher waren es mal drei.«
Wieder sah Margaret zu ihm hinüber. Er starrte aus seinem Fenster. Er hatte etwas Selbstgefälliges an sich, das vielleicht eine Europäerin ansprach, eine Amerikanerin aber eher abstieß.
Sie hatte den dritten Kreisverkehr in zwanzig Minuten hinter sich gebracht, als Arthur den Arm hob. »Es ist gleich dort.«
Sie bog in eine kreisförmig angelegte Einfahrt am Stadtrand ein, die zu einem Bürokomplex führte. Der Bau ähnelte einer Schule aus den Sechzigerjahren – ein funktioneller Betonbunker ohne Charme. »Tja.« Arthur schien nur ungern auszusteigen. »Sie wollen weiter zum Stiefelkauf.«
»Richtig.«
»Gehen Sie zu Sir Henry’s.« Arthur zog einen kleinen Notizblock aus einer Innentasche seines Jacketts. Er schrieb die Adresse auf und reichte ihr den Zettel. »Fragen Sie nach Tommy. Der wird sich um Sie kümmern. Sagen Sie, Sie kommen von Arthur.«
Da war es wieder. Er wird sich um Sie kümmern.
»Sonst nichts?«, fragte Margaret. »Einfach nur Arthur?«
»Er weiß dann schon Bescheid.«
Askaris wachten vor den Geschäften in der Kimathi Street. Margaret drückte einem Parkboy acht Schillinge in die Hand, damit er auf ihren Wagen aufpasste. Sie ging an einem skandinavischen Geschäft vorüber, in dem ein Afrikaner Silber putzte. Im Fenster stand ein Schild mit der Aufschrift 50 Schillinge, worauf es sich bezog, war nicht zu erkennen. Eine Tür weiter war ein Laden, der sich Crystal Ice Cream nannte und als Spezialgericht des Tages eine Portion vegetarischer Samosas anbot. Ein Mann hustete und spie eine schleimige Masse auf den Gehweg. Margaret musste einen Bogen schlagen, um sie zu umgehen. Ein Stück weiter wartete ein Händler mit allerlei Trödel. Sie blieb nur aus Höflichkeit stehen, entdeckte dann aber eine kleine goldene Teekanne und überlegte, wem sie sie schenken könnte. Vor der Bank stand eine Phalanx von Askaris mit Panga Macheten und angeleinten Hunden, die ausgesprochen gefährlich aussahen. Die vielen Afrikaner, die in die Bank hineinwollten, schoben sich mit äußerster Vorsicht an den Hunden vorbei.
Sie warf einen Blick auf den Zettel, den Arthur ihr mitgegeben hatte. Sir Henry’s, schätzte sie, musste am anderen Ende der Kimathi Street sein. Sie überquerte die Fahrbahn und hielt im Weitergehen nach dem Geschäft Ausschau. An der Kreuzung Kenyatta und Kimathi lagen Männer auf dem grünen Mittelstreifen, einige fest schlafend. Bedienstete in weißen Hemden und Schlipsen gossen, ohne sonderlich auf sie Rücksicht zu nehmen, das Gras und die Palmen. Sie kam an einem Mann in einer weißen Kufiya vorüber, dem mehrere verschleierte Frauen in langen, schwarzen Buibuis folgten, die sie von Kopf bis Fuß verhüllten. Margaret wollte sich gar nicht vorstellen, wie heiß es in der tropischen Mittagssonne unter dem dicken Stoff sein musste.
Vor einem Laden namens The Village fiel ihr eine schlichte Halskette mit vier Glasperlen ins Auge, die zweihundert Schillinge kosten sollte. Hinter sich sah sie, im Fenster gespiegelt, einen hochgewachsenen dünnen Massai mit großen Löchern in den Ohren vorübergehen. Er trug nichts als eine rote Decke über dem Körper und hatte einen Speer dabei. Auf der Fahrbahn jenseits wartete eine junge Weiße in lindgrünem T-Shirt auf einem Motorrad an der Ampel. Sobald die Ampel umschaltete, brauste sie davon.
Die Afrikanerin, die am Stand der Wohltätigkeitslotterie marktschreierisch um Käufer warb, erinnerte Margaret an Versteigerungen in Amerika. Als die Frau sich aufrichtete, sah sie, dass sie schwanger war. Hinter ihr war ein Woolworth, bei dem man Kochtöpfe, antiquarische Bücher, gebrauchte Autoreifen und Küchenmaschinen kaufen konnte. Margaret ging hinein und besorgte sich einen Führer für den Mount Kenya. Als sie wieder herauskam, bemerkte sie eine Mutter, die mit ihren drei Kindern an die Hausmauer gelehnt auf dem Gehweg saß. Margaret hatte sie schon mehrmals gesehen, und immer hatte sie dasselbe Kleid an. Das Kleinste, nur mit einem schmutzigen Hemdchen bekleidet, stand auf, kauerte sich nieder und verrichtete sein großes Geschäft. Neben der Frau stand ein Blechbecher mit einigen Schillingen darin. Margaret, die ihr Wechselgeld noch in der Hand hielt, ließ es in den Becher fallen. »Asante sana«, sagte die Frau matt. Sonst hatte die Bettlerin, wenn Margaret ihr etwas gab, immer die Hände zusammengelegt wie zum Gebet und »asante sana« wiederholt, bis Margaret außer Hörweite war. Patrick hatte sie davor gewarnt, Bettlern Geld zu geben, es könne leicht zu hässlichen Szenen kommen, wenn andere Bettler zusammenliefen, um auch etwas zu ergattern.
Margaret, die plötzlich Durst bekommen hatte, machte einen Abstecher auf die andere Straßenseite zum New Stanley Hotel, einem hohen, weißen Gebäude voller Touristen mit Fotoapparaten, Safarijacken, Feldstechern und Landkarten. Familien warteten auf die Ankunft der zebraartig gestreiften Minibusse, das Englisch der Touristen mischte sich mit dem Swahili der Träger. Ein Familienvater, ein Mann von vielleicht fünfzig, zählte die Filmdosen, die er in den Taschen hatte. Neben ihm standen seine Frau, in einer Polyesterbluse, und die beiden Söhne, von denen der eine, ein Teenager, schon jetzt gelangweilt schien, während der andere, vielleicht zehn oder elf, aufgeregt herumsprang und es offenbar kaum erwarten konnte, die Löwen zu sehen.
In einer anderen Gruppe bohrte eine Frau, die der Sprache nach aus dem Mittleren Westen der USA kam, mit einem Zahnstocher in ihrem Gebiss herum. Sie sei völlig fertig, erklärte sie, von der Anstrengung, den Inhalt von vier Koffern in zwei hineinzuquetschen. Mehr Gepäck war auf einer Safari nicht erlaubt.
»Ich bin immer noch ganz außer Atem«, sagte sie.
»An welchem Tag ist dieses Jahr eigentlich die Antrittsrede?«, fragte der Mann neben ihr.
»Welche Antrittsrede?«
»Na, die von Jimmy Carter. In Amerika.«
»Woher soll ich das wissen?«
Ein anderer Mann stellte einen Koffer zu denen, die auf ihre Abholung warteten.
»Ich hab nur diesen kleinen Koffer mit«, bemerkte er. »Was Sie hier an mir sehen, werde ich die nächsten drei Tage anhaben.«
Margaret sah blaue Turnschuhe, eine braun-weiß gemusterte Hose und ein weiß gepaspeltes rotes Polohemd.
»Ich hab gehört, dass es da Unmengen Elfenbein gibt«, sagte er.
Margaret trank im Thorn Tree Café ein großes Glas Eistee. Nie, schien ihr, hatte ihr Eistee so gut geschmeckt. Sie rieb die Minze zwischen den Fingern und las die Nachrichten am Schwarzen Brett neben ihr. Sheenaz, ich brauche meine Waschmaschine wieder. Peter Shandling, wenn Sie diese Nachricht erhalten, melden Sie sich bitte bei Mark im New Stanley Hotel. Gesucht: Bedienungen für ein Fest der Schweizer Botschaft am 19. Fragen Sie im InterContinental nach Roger.
Im Thorn Tree Café war es einer Afrikanerin nicht gestattet, ohne männliche Begleitung an einem Tisch Platz zu nehmen. Tat sie es doch, wurde sie aufgefordert, das Lokal zu verlassen. Es spielte keine Rolle, ob sie Bankerin, Journalistin oder Unternehmerin war und vielleicht genauso heftig nach einem großen Glas Eistee lechzte wie Margaret. Afrikanerinnen konnten nur Prostituierte sein.
Ein dunkelhäutiger Mann in einer bestickten Kufiya und einer Jacke mit Nehrukragen starrte sie so unverfroren an, dass es ihr nicht möglich war, ihn genauer zu beobachten. Von den Sprachen, die sie um sich herum hörte, konnte sie fünf identifizieren: Englisch, Swahili, Urdu, Deutsch und Französisch. Es mussten, dachte sie, noch mindestens vier oder fünf weitere darunter sein, die sie nicht einordnen konnte.
Sie sah sich die Speisekarte an. Die Preise waren beeindruckend. Merkten die Touristen eigentlich nicht, dass sie geneppt wurden?
Am Nebentisch erklärten vier Leute dem Kellner ihre Wünsche in so übertriebenem Detail, als verstünde er kein Wort Englisch. Nachdem er gegangen war, verdrehte eine der Frauen die Augen.
Zu Margarets Linken unterhielten sich zwei afrikanische Studenten in ausgezeichnetem wenn auch nicht akzentfreiem Englisch. Den größten Teil des Gesprächs bekam sie nicht mit, aber sie schnappte etwas auf, das sie entsetzte. In der Universität seien fünfzig Studenten verhaftet worden, berichtete einer der jungen Männer. Sie seien alle umgebracht und in einem Massengrab verscharrt worden.
Margaret konnte es nicht glauben. War das ein Gerücht oder war es eine Tatsache? Wenn es stimmte, wieso wussten dann sie und Patrick und alle anderen nichts davon? Wieso stand es nicht in allen Zeitungen? Margaret saß ganz still und versuchte, mehr zu hören, aber die Studenten sagten nichts mehr. Vielleicht hatte einer von ihnen bemerkt, dass sie lauschte. Vielleicht hatte der andere zum Schweigen gemahnt.
Auf ihrer Suche nach dem Stiefelgeschäft übersah Margaret zwei Mal das diskrete Schild, das nicht gerade dazu gedacht war, Kunden anzulocken. Sie öffnete endlich die Tür aus glänzendem Holz und nahm die Sonnenbrille ab, als sie in den Laden trat. Etwas Besseres würde in Nairobi wohl nicht zu finden sein, wenn man ein Geschäft für Maßkonfektion suchte. Die Männer hinter den Verkaufstischen und in dem kleinen Ladenraum waren Weiße. Ihr fiel gleich auf, dass neben Herrenbekleidung auch Damenmode ausgestellt war. Sie würde sich nicht auf Arthur berufen, auch wenn sie beim Abendessen vielleicht würde sagen müssen, sie hätte es getan und wäre daraufhin hervorragend bedient worden.
Sie konnte sich in Ruhe umschauen, ohne dass jemand sie ansprach. Aber dann musste sie doch um Hilfe bitten. Sie brauche Wanderstiefel, erklärte sie. Sie wolle in zehn Tagen auf eine Klettertour gehen und brauche etwas Festes, aber gleichzeitig Elastisches, das bequem war und sich dem Fuß anpasste. Der schlanke junge Verkäufer schnalzte mit den Fingern. Ein afrikanischer Mitarbeiter kam mit einem Messgerät. Sie zog ihren staubbedeckten Fuß aus der Sandale.
»Kann ich vielleicht ein Tuch haben?«, fragte sie.
Die Bitte war offenbar nicht ungewöhnlich. Auf einem Messingtablett wurden ihr zwei Tücher gebracht, eines feucht und eines trocken. Nachdem sie ihren Fuß gesäubert hatte, verschwand der Afrikaner, und der englische Verkäufer schob ihren Fuß behutsam in das Messgerät. Die Hand an ihrer Ferse und ihrer Sohle hatte etwas Wohltuendes. Er bat sie, aufzustehen, und nahm ihre Maße auf, Zahlen, deren Bedeutung sie nicht verstand. Dann wurde sie gebeten, sich wieder zu setzen und einen Moment zu gedulden. Der Mann kam mit einem Paar seidener Socken zurück, die er Margaret achtsam über die Füße zog. Es war wie eine kurze Massage, und sie überlegte schon, ob sie nicht noch ein zweites Paar Schuhe brauchte. Das Lammfellfutter der Stiefel umhüllte weich ihr Bein bis zur Wadenmitte. Geduldig zog der Verkäufer die Senkel fest und schnürte sie. Der zweite Stiefel folgte.
»Jetzt gehen Sie mal eine Weile im Laden herum«, meinte der Verkäufer. »Lassen Sie sich Zeit. Es ist ganz wichtig, dass der Schuh bei einer Bergwanderung richtig sitzt.«
Margaret hatte das Gefühl, auf Wolken zu gehen, als sie durch die schmalen Gänge des Ladens schritt. Sie glaubte nicht, dass sie je ein bequemeres Paar Schuhe besessen hatte. Einmal bückte sie sich, um das weiche Leder zu berühren, und als sie sich wieder aufrichtete, lächelte der Verkäufer.
»Sie sind wunderbar«, sagte sie.
»Sie haben feste Sohlen und sind um die Knöchel stabil. In denen kommen Sie den Mount Kenya leicht hinauf und wieder hinunter.«
Margaret nickte kurz.
»Sie haben gar keine Lust auf die Tour, stimmt’s?«
Sie war überrascht. »Ja, stimmt.«
»Sie haben sich dazu überreden lassen.«
»So ungefähr.«
»Keine Angst, es wird schon klappen. Das reine Honigschlecken wird es sicher nicht, aber irgendwann ist es vorbei, und dann haben Sie es geschafft und können es vergessen.«
»Woran haben Sie gemerkt, dass ich die Tour lieber nicht machen würde?«
»Zu uns kommen oft Frauen, die Wanderstiefel suchen. Ihre Gesichter verraten alle mehr oder weniger das Gleiche.«
»Was denn?«
»Furcht.«
Er half ihr aus den Stiefeln und den Socken, und Margaret hatte das Gefühl, ihre Füße wären in kaltes Wasser getaucht worden. Als sie zum Verkaufstisch trat, reichte ihr der Verkäufer ein Blatt mit graviertem Briefkopf, auf dem der Preis diskret mit Bleistift vermerkt war. Warum Bleistift? Erwartete man, dass sie handeln würde? Sie musste schlucken, als sie den Betrag sah, aber sie schrieb den Scheck ohne Zögern aus. Patrick würde es verstehen.
Der Verkäufer kam mit dem Paket, in dem wohlverpackt und verschnürt die Stiefel lagen, um den Tisch herum.
»Es war mir ein Vergnügen«, sagte er und verneigte sich knapp.
»Danke.«
»Sind Sie im Urlaub hier?«
»Mein Mann ist am Nairobi Hospital beschäftigt.«
Der Verkäufer lächelte. »Dann hoffe ich, dass Sie oder Ihr Gatte uns wieder beehren werden.«
»Das kann gut sein.«
Margaret war schon fast zur Tür hinaus, als sie sich entschloss.
»Heißen Sie Tommy?«
Der Verkäufer war sichtlich überrascht. »Ja.«
»Arthur hat mich hergeschickt«, sagte sie.
Margaret ging zum Crystal Ice Cream zurück und bestellte zwei vegetarische Samosas und eine Fanta. Mit den Samosas auf einem Pappteller setzte sie sich an einen kleinen Tisch mit roter Resopalplatte. Am Nebentisch saßen zwei Asiaten – Pakistanis oder Inder –, die das Mark aus abgenagten Hühnerknochen saugten und dann die Knochen selbst verspeisten.
Ende der Leseprobe
