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Ein Videoblogger wird ermordet. In den Händen der Leiche findet die Polizei das Manifest von Hanne Bergstrom. Hanne Bergstrom hat die Formel für einen perfekten Staat entwickelt. Sie will eine globale Ordnung über das Internet erschaffen - unter der Herrschaft einer künstlichen Intelligenz. Gemeinsam mit einem Team von Hackern baut sie ihre Formel zu einer gewaltigen Bewegung aus. Doch die Polizei ermittelt gegen sie: Ist sie für ihre Vision zur Mörderin geworden? Oder wurde der Videoblogger von jemandem aus ihrem Team getötet? Ein packender Thriller über große Ideen für eine bessere Welt, heimtückische Intrigen und eine kämpferische, junge Frau, gejagt von den Schatten ihrer Vergangenheit.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Julius van Caspar
Das Erwachen der Formel
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Inhaltsverzeichnis
Titel
01 Video
02 Blumen
03 Visionen
04 Konferenz
05 Rede
06 Klingel
07 Computer
08 Gier
09 Verfassungsschutz
10 Nacht
11 Wahl
12 Verhör
13 Gerechtigkeit
14 Schule
15 Talkshow
16 Clemens
17 Jakob
18 Polizei
19 Ago
20 Rache
21 Vertreibung
Impressum neobooks
Das Erwachen der Formel
von
Julius van Caspar
Kurz vor seinem Tod richtete Felix Ballhorn die Kamera auf sich und lachte aus vollem Herzen „Hier ist euer Herr Schmitz“, redete er mit zuckriger Stimme los. „In letzter Zeit bekomme ich wieder tausende Nachrichten. Mit Morddrohungen, Verschwörungstheorien und Sexfantasien. Und heute lese ich euch die schlimmsten Nachrichten vor. Damit wir alle was zu lachen haben.“
„Herr Schmitz“, so nannte sich Felix Ballhorn im Internet. 50.000 Abonnenten hatte er und es wurden täglich mehr. Zum Leben reichte es zwar nicht, doch irgendwann würde er die magische „Millionen Marke“ knacken, dachte er und drückte seine Daumen dabei zusammen, bis ihm vor Glück die Finger schmerzten.
„Hört mal, was mir gestern geschickt wurde.“ Er begann von einem zerknitterten Zettel vorzulesen:
„Das ist die Vision einer neuen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die von einer Idee regiert wird. Das ist die Vision eines intelligenten Computerprogramms, das uns Menschen beherrscht. Für globalen Frieden und Gerechtigkeit. Das ist die Vision der Formel.“
Grinsend rückte er die Kappe auf seinem Kopf zurecht und streckte den Zettel nach vorne. „Da ist wohl einer nicht zum Arzt gegangen – trotz der vielen Visionen. Aber einen Moment, es wird noch besser.“
„Die Menschheit hat versagt. Machen wir so weiter, rotten wir uns aus. Lasst uns über ein System nachdenken, das uns retten kann. Vor unserer eigenen, menschlichen Dummheit! Ein Computer-System, das alle Nationen vereint. Das System der Formel.“
Felix Ballhorn verbeugte sich und zerknüllte prustend den Brief. Er stoppte die Aufnahme und sein Grinsen war verschwunden. Was für eine hirnlose Scheiße, dachte er. Jeden Tag hat irgendwo auf der Welt irgendjemand eine gefühlt geniale Idee, möchte die Menschheit retten, oder eigentlich nur sich selbst. Genau wie dieser Spinner hier. Wen interessiert das schon? Wir sind zu viele, dachte Ballhorn, während er nach seinem Manuskript für den nächsten Teil des Videos suchte. Zu viele Menschen, die zu viel Gedankenmüll produzieren, zu viele Geschichten, zu viele Daten für ein wabbliges Gehirn und zu viele, die stinkenden Abfall aus sich herauspressen. Wichtig ist es nicht unterzugehen. Sich dagegen zu wehren – mit aller Kraft – ein Niemand zu sein. Wie könnten wir auch alle jemand sein, bei 7,47 Milliarden Leuten, die über den Planeten stolpern? Je größer eine Masse ist, desto schwieriger wird es aus ihr herauszustechen. Und umso erdrückender ist es, nur ein Schatten dieses hektischen Schwarms zu sein. Felix Ballhorn stand kurz vor seinem 30sten Geburtstag. Er musste sich beeilen, endlich außergewöhnlich zu werden.
Ein Quietschen ließ ihn aufschrecken. Es klang, als wäre es direkt aus seinem Zimmer gekommen. Hinter ihm ragte ein Regal mit Computerspielen, Comics, und originalverpackten Actionfiguren bis unter die Decke. Daneben lehnte eine lebensgroße Stormtrooper-Figur. Das Soldatenkostüm mit weißer Plastikrüstung und Helm war zu so etwas wie seinem Markenzeichen geworden und immer im Hintergrund seiner Videos.
„Hallo?“, rief er und lauschte gegen die Wände. Bis auf die eigenen Atemzüge und das Pochen an seinem Hals, war da nichts. Draußen rauschte ein Auto vorbei. Er tapste in den Flur und sah sich in Bad und Küche seiner 33 Quadratmeter Einzimmerwohnung um. „Hallo“, flüsterte er. Niemand antwortete – nicht einmal ein verdächtiges Geräusch. Er nahm den Schlüssel von der Kommode, sperrte zweimal ab und ließ ihn stecken. Der Schuhabtreter lag schräg im Flur und er rückte ihn mit dem Fuß gerade. Sein Herz pochte noch immer zu laut und er drückte die Hand dagegen, um es zu beruhigen. So wie das damals seine Mutter gemacht hatte, wenn er nicht einschlafen konnte.
Zurück in seinem Zimmer fiel ihm zum ersten Mal dieser eigenartige Geruch auf. Es roch nach abgestandener Luft und alter Bettwäsche. Doch da war noch etwas anderes, süßlicher und feiner, wie die verschwommene Spur eines Billigparfüms. Er ging zum Fenster und atmete hinaus in die Nacht. Ballhorn drückte den Rahmen wieder zu und der Gestank hatte sich verflüchtigt.
„Keine Panik“, murmelte er, als er am Schreibtisch durch seine Notizen scrollte. Er kontrollierte sein Gesicht im Bildschirm der Kamera. Erst die Zähne, die Zunge und die Nasenlöcher – gerade bei der Nase konnte man nie gründlich genug sein –, dann strich er sich über die gezupften Augenbrauen, und rückte die Kappe mit dem Aufdruck „Fire“ zurecht, sodass seine dunkelblaue Haarsträhne genau richtig herausguckte. Noch einmal betrachtete er sein Spiegelbild. Erst ehrlich lachend, dann nachdenklich, zornig, gutmütig und schließlich ironisch grinsend. Das Ironische gefiel ihm am besten. Die Stormtrooper Figur neben dem Regal gaffte ihn wie immer missmutig an. „Lach doch auch mal, Junge“, raunte er dem Deko-Kostüm scherzhaft zu und drückte den Aufnahmeknopf.
„Dieser Formel-Typ ist echt die Härte“, begann er. „Er hat mir sein „Manifest“ gestern als Brief an meine private Adresse geschickt. Keine Ahnung woher er die hat. Das ist verdammt gruslig. Ich bin seriöser Videoblogger und berichte hier über Nachrichten und Computerspiele. Ich verbreite keine Verschwörungstheorien und werde auch an keiner hirnverbrannten Revolution teilnehmen! Uns geht es gut. Und ich will, dass das verdammt noch mal so bleibt.“
Felix Ballhorn hielt inne und suchte sein Lächeln. Für einen Augenblick schien es ihm, als könne er den fremden Duft wieder riechen. Dieses leicht süßliche Parfüm.
„Deine Formel‘ interessiert keine Sau. Verstanden? Stell dich auf `nen Berg und halt `ne Predigt. Aber lass uns in Ruhe.“
Hinter sich hörte er ein Knacken, dieses Mal etwas leiser, doch weil die Aufnahme gerade so gut lief, blickte er weiter in die Kamera. Hätte er sich umgedreht, möglicherweise wäre ihm aufgefallen, dass sich die Finger des lebensgroßen Stormtrooper-Kostüms zu bewegen begannen.
„So und jetzt folgen: Die Top 10, der dümmsten Mails, die mir je geschrieben wurden. Ach, und nächste Woche gibt es dann einen ganz besonderen Einblick in die Welt der Internetaktivisten.“
Plötzlich ging es ganz schnell. Der Stormtrooper sprang aus der Ecke und streckte ihn mit einem Schlag gegen den Hals nieder. Der Angreifer kniete sich über ihn und presste seine Hände an Felix Ballhorns Luftröhre, während er ihn mit den Beinen fixierte. Das Licht an der Kamera leuchtete unbeeindruckt rot.
Ballhorn versuchte zu schreien. Er brachte keinen Ton heraus. Benommen schlug er mit Armen und Beinen nach dem Eindringling. Er zappelte und wand sich. Wenn er das überleben sollte, dachte er in seinen letzten Atemzügen, bekommt das Video seines Todeskampfes sicherlich millionenfache Klicks. So etwas ist Gold wert. Zum Glück nimmt die Kamera alles auf.
„Hey Leute, hier ist euer Herr Schmitz. Ihr glaubt nicht, was mir bei meinem Videodreh passiert ist. Plötzlich kommt diese Gestalt aus dem Nichts. Der Freak ist in meine Wohnung eingebrochen und hat sich in meinem Stormtrooper-Kostüm hinter mir versteckt. Dann kam er angeschlichen. Stellt euch das mal vor! Seltsam nur, wie er reingekommen ist. Die Wohnung war verschlossen. Na ja, jedenfalls hat er mir eins verpasst. Zack, lag ich auf dem Boden. Ich hatte Todesangst, das könnt ihr mir glauben!“ „Brutaler Angriff auf Videoblogger“, könnte er es betiteln, oder „Killer im YouTube-Zimmer“. Vielleicht ließe sich sogar noch ein Produkttipp unterbringen. Einbruchssichere Schlösser oder Pfefferspray, dachte er, bis ihm die Sinne schwanden und er nach mehrmaligem Zucken regungslos auf dem Boden erstarrte. Der Kostümierte lockerte den Griff, streifte die Handschuhe ab und fühlte nach dem Puls des Internet-Stars. Felix Ballhorn war tot.
Das Ladenfenster der Schillergasse 23 war dekoriert mit Farnen, Gummibäumen, Yuccas, Birkenfeigen, Orchideen und Kakteen, sodass man kaum hineinblicken konnte. Die vom Rost zerfressene Hausnummer hing schief daneben. Auf einem bohnengrünen Schild stand in abgewetzten Lettern: „Blumen- und Pflanzenhaus Familie Rott“. Wobei die Bezeichnung „Haus“ bei weitem übertrieben war, da es sich um einen einzigen Verkaufsraum mit angrenzendem Arbeitszimmer und Lager handelte. Auch von „Familie Rott“ war lediglich eine vertrocknete Witwe übriggeblieben, die selten selbst im Laden stand, und den Verkauf ihrer schlecht bezahlten Aushilfe überließ. Wer immer sich in das Geschäft wagte, betrat eine üppige Oase, die mehr an ein Tropenhaus erinnerte, als an einen Blumenladen.
Hanne Bergstrom platzierte fünf Rosen auf einem Bambusbrett und fuhr mit dem Messer über die Stiele. Mit einer beiläufigen Handbewegung warf sie einige Zweige, Gräser und Blätter zu den Blumen, genauso wie ein Koch, der Salz und Kräuter in seine Brühe schnippt. Sie schnürte die Blumen zusammen und präsentierte sie einem Mädchen vor dem Tresen.
„Das ist ja ein Paradies hier“, meinte die Kundin, ohne sich von der Ecke mit den Orchideen, Agaven, Jasminblüten und Magnolien zu lösen.
„Stimmt. Das macht 18,50 Euro“, sagte Hanne lächelnd. Sie zeigte gut gelaunt auf die zwei Messingdosen vor der Kasse.
„Falls du was spenden willst. Die eine Dose ist für ein Schulprojekt in Tansania. Die andere ist für prekäre Blumenverkäuferinnen, die sich um das Pflanzenhaus hier kümmern. So ein Paradies ist schließlich auch immer bedroht.“
Hanne wickelte die Blumen in Papier, nahm das Geld und bevor die Kundin ging, warf sie einige Münzen in die Dose mit Hannes Namensschild, und in die Büchse daneben, auf die Hanne das Foto eines abgemagerten, schwarzen Babys geklebt hatte.
Es schien, als schluckten die Pflanzen alles Lärmen, Brummen und Stinken der Stadt. Ein Duft von Blüten, feuchter Erde und tropfenden Blättern durchtränkte die Luft. Hanne war gern allein. Sie atmete tief ein, und die Gedanken stoppten für einen Moment. Sie war Ende zwanzig, hochgewachsen, hatte flachsblonde, schulterlange Haare, eine grotesk große Brille auf der schmalen Nase und wenn sie redete, warf sie ihre Stirn in Falten, um ihren Worten mehr Bedeutung zu unterstellen. Das Blumen- und Pflanzenhaus war ihre liebste Zuflucht. Während der Schichten vergaß sie die gescheiterten Bewerbungen nach dem abgebrochenen Studium. Die Enge ihrer Pärchen-Wohnung, die mit ihren auserzählten Ikea-Möbeln, überpinselten Schimmelflecken, geduckten Decken und dem falschen Mann auf der Couch, nichts als Stagnation versprach. Im Grün des Blumenladens erinnerte wenig an die Betonwelt vor dem Schaufenster. Sie zog einen Arbeitshocker heran und ließ sich auf die Sitzfläche fallen. Hanne trug ein einfarbiges Top, mit knielangen Jeanshosen, die ihre stoppeligen Beine entblößten. Sich die Körperhaare wachsen zu lassen, war für sie ein Statement. Eine Revolution im Kleinen.
Eine „Eilmeldung“ von 23 Toten vibrierte auf ihrem Smartphone. Ein Anschlag irgendwo. Enttäuscht schob sie das Gerät zurück auf die Kasse und starrte das erloschene Display an wie eine Leiche. Oder waren es 24 Tote gewesen? Sie hatte es schon vergessen. Hanne wusste, dass es unwahrscheinlich war, aber vielleicht hatte Herrn Schmitz ihre Idee ja gefallen. Sie versuchte sich vorzustellen, dass er ihr jeden Moment antworten würde und etwas ihre Leben wie Zahnräder ineinanderschob. Sicher hatte er ihre eindringliche, handgeschriebene Nachricht bereits aus seinem Briefkasten gefischt. Nur was, wenn er die Idee nicht verstand, quälte sie sich. Was, wenn die Formel als Witz im Internet verpuffen würde? Wie verlockend war es, neue Gedanken zu verspotten, wenn man selbst keine besaß! Als Absender des Briefes hatte sie ein Pseudonym verwendet und nur eine Mailadresse zur Kontaktaufnahme hinterlegt: [email protected].
„Meine Formel“, murmelte sie und als sie aufsah, stand zu ihrem Erstaunen schon wieder jemand im Laden. Die Lichtschranke der elektronischen Klingel musste ausgefallen sein, weil sie den Mann nicht hatte kommen hören.
Er war wenige Jahre älter als sie und unter den stoppelig abstehenden Haaren musterte sie ein zusammengekniffenes Augenpaar. Die Hände vergrub er in der Bauchtasche seines Kapuzenpullovers. Es schien Hanne, als reichten sich seine Finger hinter dem Stoff einen Gegenstand hin und her, dessen Konturen sich immer wieder dadurch abzeichneten.
„Blumen“, meinte er stockend.
„Du verkaufst Blumen?“
Hanne seufzte lächelnd. „Ne, wir machen hier Autoreparaturen. Das sieht man doch. Lass deinen Wagen einfach auf der Straße stehen und gib mir den Schlüssel. Ich fahre ihn gleich rein.“
Der Mann zeigte keine Regung. Nur seine Hände hörten auf in der Bauchtasche zu kramen, als müsste er über etwas nachdenken, das seine ganze Konzentration beanspruchte.
„Ich wollte einen Strauß kaufen.“, sagte er und zog die rechte Hand heraus, um auf die Blumenkübel am Fenster zu zeigen. Die andere Hand hielt er weiter unter seinem Pullover versteckt. Daneben drückte sich etwas durch die Tasche. Es besaß etwa die Größe eines Geldbeutels, doch war eher länglich und hatte unregelmäßige Ecken und Kanten.
Hanne hüpfte von ihrem Hocker. Während sie zu den Kübeln mit Amaryllis, Rosen, Gerbera und Lilien steuerte, spürte sie, wie seine Blicke jede ihrer Bewegungen verfolgten. Auf ihrem Arm stellten sich die Härchen auf.
„Guck, hier steht alles, was wir an Schnittblumen haben. Genau 15 verschiedene Sorten. Für wen soll der Strauß denn sein?“
Er antwortete nicht und glotzte sie weggetreten an. Sein Kopf war etwas zu klein für den 1,92 Meter Körper, als hätten die Wachstumshormone kurz nach den Schultern keine Lust mehr gehabt den Menschen vernünftig zu Ende zu bauen. Seine Mimik war festgefroren in einem unentschiedenen Zustand zwischen Lächeln, Wut und ein bisschen Glückseligkeit.
„Hallo? Was willst du denn für Blumen?“
Sie wedelte mit der Hand vor seiner Nase, bis er aufschreckte und sich ein Grinsen abmühte. Es wirkte, als würde er eines der Smileys aus Chatprogrammen nachahmen.
„Was ist das denn, was du gerade gemurmelt hast: Die Formel?“ Sie bemerkte, dass die linke Hand in seinem Pullover zu zittern begann.
„Willst du Blumen kaufen, oder warum bist du hier? Wie gesagt, eigentlich sind wir auch ein Autohaus. Das mit den Blumenkübeln ist nur Tarnung. Also ich könnte dein Auto …“
Er entschuldigte sich und zeigte auf die gelben Chrysanthemen. „Vielleicht solche. Ist für meine Mutter. Sie liegt drüben im Krankenhaus und hat nicht mehr lange.“
Hanne mühte sich ein freundliches Verkaufsgesicht ab. Der Mann jagte ihr starkes Unbehagen ein. Sie konnte sich nicht genau erklären warum. Seine bloße Anwesenheit störte sie ungemein. Perverse Typen gab es ja genug, aber was sollte so einer in ihrem Blumenladen? Misslaunig pickte sie ihm aus den Eimern einen sommerlichen Strauß zusammen und eilte in den Arbeitsraum hinter dem Tresen, um einige Zweige und eine Strelitzie dazu zu stecken. Im Verkaufsraum sah sie ihn hin und her laufen, während sie das Grün um die Blumen steckte.
„Es tut mir leid, aber…“, rief er zu ihr hinein. „Du siehst einer Bekannten von mir ziemlich ähnlich. Wie heißt du denn?“
Sie band ein rotes Papier um das Bouquet und überreichte ihm den Strauß, den er behutsam mit der rechten Hand auf den Tresen legte, ohne die linke Hand aus der Bauchtasche zu nehmen. Anschließend drückte er mit der gleichen Hand einen Geldbeutel aus der Jeans. Er entdeckte die beiden beschrifteten Trinkgelddosen.
„Meinen Namen kann ich dir leider nicht verraten. Ich bin Datenschützerin.“ Sie musste schmunzeln. „Und deine Bekannte kenne ich nicht.“
„Ich bin erst vor kurzem in die Gegend gezogen“, meinte er.
„Naja mein Lieber, in einem Blumenladen wirst du wohl keine neue Freundin kennenlernen“, antworte Hanne und schnippte ihm die zwanzig Euro aus der Hand.
„Wir sammeln für Kinder in Tansania. Und für den Blumenladen und seine Verkäuferin. 230 Euro haben wir schon. Davon kann man mindestens 30 Schulbücher kaufen. Also für die Kinder.“
Sie zeigte auf die zwei Messingdosen. Er nahm den Strauß und drehte sich noch einmal zerstreut nach ihr um, bevor er den Laden in Richtung Krankenhaus verließ. Dieses Mal surrte die elektronische Klingel, als seine Beine die Lichtschranke passierten.
„Geiziges Arschloch“, dachte Hanne. Sie zog einen Flachmann unter dem Tresen hervor und nahm einige Schlucke, um wieder gute Laune zu bekommen.
Es war eine dieser schwarzen, dampfigen Nächte, als Kommissar Wiebke zum Tatort gerufen wurde. Ein Toter, wahrscheinlich erdrosselt, die Eltern hätten ihn gefunden. Vor dem Haus sah Wiebke seinen neuen Partner im Blinklicht der Streifenwagen. Paul Zweideck, ein kräftiger Bursche, frisch von der Hochschule der Polizei hatte entweder aus Höflichkeit gewartet oder weil er sich nicht alleine nach oben traute. Sie würden sich ausgezeichnet verstehen, hatte der Chef gemeint und jeden Vorwurf an Kommissar Wiebke ausgespart. Was konnte er auch dafür, dass sich seine Partner so häufig mit ihm zerstritten?
„Dann wollen wir uns den armen Teufel mal angucken“, Wiebke reichte Paul die Hand und stampfte nach oben. Ein süßlicher Gestank drang ihm entgegen, ein Geruch, der einem den Atem nimmt, bei dem sich die Lunge vor Ekel zusammenzieht und weigert, die Luft in sich einzusaugen. Diesen Geruch brauchte er niemandem erklären.
„Der liegt hier schon länger“, raunte er Paul auf der Treppe zu, um trotzdem irgendetwas zu sagen. Kommissar Wiebke konnte sich genau erinnern, wann er den Geruch zum ersten Mal in der Nase hatte. Sein erster Mordfall. Wie die Jahre vergingen. Heute hatte er graue Schläfen, eine kreisrunde Brille und eine sich ausbreitende Glatze auf dem Hinterkopf. Nur groß und hagerer war er noch immer.
Der arme Teufel lag mit aufgerissenen Augen auf dem Boden, sein Hals war blau geschwollen. Die Kollegen schossen Fotos und nahmen Abzüge. Wiebke wartete vor der Tür und machte Anweisungen. Paul beobachtete abwechselnd ihn und die Leiche, die man durch den offenen Wohnungsflur sehen konnte, so als müsse er sicher gehen, dass der Tote sich nicht plötzlich wieder bewege.
„Man gewöhnt sich daran. Es zeigt einem, dass man gebraucht wird.“ Die letzten Worte hätte Kommissar Wiebke am liebsten wieder zurück in seinen Mund gezogen. Es war nicht gut, im Beruf zu viel von sich selbst Preis zu geben. Paul schien zu sehr mit den eigenen Gedanken beschäftigt und nickte abwesend. Die Welt war wieder einmal im Chaos versunken. Und er, Kommissar Wiebke, musste ihr die Ordnung zurückbringen. Welche Irrungen des Lebens wohl dazu geführt hatten, dass dieser arme Teufel hier tot in seinem Schlafzimmer verrottete, dachte er.
„Sein Abschiedsbrief?“ Der Kollege der Spurensicherung hielt ihm einen in Plastikfolie eingepackten Zettel vors Gesicht. „Dachten wir auch erst. Aber der ist nicht von ihm. Der Brief lag auf seinem Schreibtisch. Er muss ihn kurz vor seinem Tod gelesen haben. Ziemlich verrückter Quatsch steht da drinnen. Ist wahrscheinlich von einem Fan.“
„Habt ihr den Briefumschlag noch?“, schaltete sich Paul ein. Wiebke sah ihn verwundert an. „Na den Briefumschlag! Guckt mal im Müll nach. Vielleicht brauchen wir seine Adresse.“
Wiebke zuckte nachgiebig mit den Achseln und der Kollege im Schutzanzug verschwand zurück in der Wohnung. Er wollte Paul nicht entmutigen. So war er schließlich auch einmal gewesen, forsch und voller Tatendrang. Der Kommissar hielt sich den Brief nah vor die Augen, um die Überschrift zu entziffern: „Die Formel. Mit künstlicher Intelligenz in eine bessere Welt.“
Die Taschenlampe funkelte über den Beton der Landstraße. 1000 Lumen. Hanne bog ihre Hand hinauf und das Licht fiel in eine Gruppe magerer Fichtenstämme. Ob hier der Wald beginnt, überlegte sie und stolperte in Richtung der Bäume. Der Seitenstreifen reflektierte signalweiß, durchbrochen von ein paar blutroten Tropfen, die hinunter die Straße führten. Sie folgte der Spur. Die Lampe wackelte hin und her, und so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte das Zittern ihrer Hand nicht beruhigen. An den Rändern des schmalen Lichtkreises war es stockfinster. In ihrer Angst lauerten überall dort, wo die Taschenlampe nicht leuchtete, Raubtiere, Mörder und Vergewaltiger, die nur darauf warteten, sie anzufallen. Zwar konnte sie einen Teil ihrer Umgebung besser wahrnehmen, doch die restliche Welt verschwand in einem undurchdringlichen Schwarz. Sie beschloss die Taschenlampe auszuknipsen und rieb sich die weißen Flecken aus den Augen. In der Ferne hörte sie Rufe. Sie tat ein paar Schritte, die Arme hielt sie vor sich, ohne zu wissen wohin. Sie fühlte sich wie gefangen in einer fremden Egoperspektive, vielleicht aus einem anderen Menschenleben, als sei ihr eigentliches Wesen weit entfernt von den Schatten dieses Waldes. Nur wo befand sie sich? Die Rufe kamen näher. Doch da war noch etwas anderes: Ein Keuchen wie von einem Tier. Irgendwo im Gebüsch. Sie verließ die Straße und tastete sich den Straßengraben hinab. Inzwischen konnte sie die flauen Konturen ihrer Umwelt schemenhaft erkennen. Direkt vor ihr lag etwas im Moos und bewegte sich kaum merklich auf und ab. Sie holte die Taschenlampe hervor und das Licht stach ihr ins Gesicht. Ein Junge, kaum sechs Jahre alt, mit triefender Wunde am Kopf starrte ihr entgegen. Sein Ausdruck hatte etwas Liebevolles und zugleich Hoffnungsloses, Verlorenes, als wollte er alles auf einmal sagen, was das Leben so ausmachte. Von seinen Pupillen floss es die Wangen hinunter, während ihm das Blut über die Stirn strömte und in den Waldboden sickerte, zu den Würmern und Wurzeln. Es war meine Schuld, dachte sie. Die Taschenlampe fiel ihr aus der Hand und sie fing an zu rennen, so schnell sie konnte, bis zwei kalte Arme nach ihr packten. Hanne versuchte sich loszuschlagen. Der Griff um ihre Hüften ließ nicht locker.
„Komm zu dir, Hanne!“
Die Stimme redete weiter, bis sie aufhörte zu kämpfen und erschöpft um Atem rang. Als sie die Lider öffnete, erkannte sie den Kühlschrank wieder, die Plastikstühle, den Metalltisch, den Blumenkalender und Clemens. Er schob sie vorsichtig auf einen Stuhl und setzte sich in seinem gemusterten Schlafanzug daneben.
„Du machst Sachen, Hanne“, sagte er und zwang ihr einen Kuss auf den Mund. Es schmeckte meeresbitter. Sie schlug benommen nach seinem Gesicht. „Vorsicht, du fällst noch vom Stuhl“, lachte Clemens schwach. „Ich dachte, das mit dem Herumlaufen wäre vorbei.“
Am nächsten Tag kämpfte sich Hanne Bergstrom trotz Kopfweh und Krämpfen im Unterleib zum Frühstückstisch und schlürfte den Kaffee mit Sojamilch, den ihr Clemens aufgebrüht hatte. Sie vertiefte sich schweigend in ihren Laptop, und ignorierte seine Fragen nach dem Abendessen – „wir könnten doch Couscous-Salat machen!“ – bis er sich beleidigt aufs Sofa verzog.
„Die erste Konferenz der Formel“, hieß die Überschrift ihres aktuellsten Textes. Der Artikel hatte noch immer keine Kommentare, doch ihr Mail-Programm listete mehrere neue Nachrichten auf. Zu ihrer Überraschung hatten sich über Nacht zehn Personen anonym für das erste Treffen ihrer Gruppe am nächsten Tag angemeldet. Sie googelte gerade nach schlecht besuchten Kneipen in der Nähe, die sich als mögliche Treffpunkte eignen könnten, als ihr Chatprogramm aufleuchtete, mit einer Nachricht von „Deroga17“.
„Hallo Kämpferin.“
„Hallo“, schrieb sie zurück, ohne auf die ungewöhnliche Ansprache des fremden Profils einzugehen.
„Hab deine Seite durchforstet“, schrieb der Nutzer weiter. „Spannende Ideen hast du. Willst du die Konferenz morgen in Berlin machen?“
Sie schickte einen Daumen nach oben. „Wer bist du denn, Deroga?“, schrieb sie hinterher.
„Ich komm mal zu dem Treffen. Dann lernen wir uns kennen. Schreib mir wo und die genaue Uhrzeit“, antwortete der Nutzer nach einer Weile. „Am besten wäre etwas Abgeschiedenes, ohne Überwachung, ohne Polizei. Und Mittag passt bei mir gut.“ Deroga hängte einen Link an die Nachricht. „Vielleicht ja dort?“
„Ich veröffentliche drei Stunden vorher die Koordinaten. Kannst du alles auf dem Blog nachlesen.“
Sie tippte einen zwinkernden Smiley in das Chatprogramm.
„Alles klar“, antwortete Deroga. „Und zu deiner Frage nach meiner Person: Ich bin ein Freund. Wenn die Polizei gleich kommt, darfst du ihnen nichts von mir erzählen.“
Hanne hackte Fragezeichen in ihre Tastatur, als die Wohnungsklingel hell läutete. Sie hörte Clemens, der aus dem Wohnzimmer in den Flur trottete.
„Die Leute sind nicht immer die, für die sie sich ausgeben“, schrieb der Nutzer zurück, bevor er offline ging.
Deroga17, murmelte Hanne. Sie hatte diesen Namen noch nie gehört. Zögernd klickte sie auf den Link in der Nachricht. Es erschien eine Fotogalerie des verlassenen Instituts für Anatomie, samt Hörsaal mit Bänken, Pulten und Tafel. Sie drückte auf die Satellitenbilder. Gleich neben dem Botanischen Garten, in einem der gepflegtesten Viertel der Stadt, verbarg es sich hinter einer Mauer aus Unkraut. Es war perfekt.
„Hanne?“, rief Clemens. „Es ist für dich!“
An der Wohnungstür standen zwei Polizisten. Als sie Hanne entdeckten, stoppte das Gespräch.
„Kommissar Wiebke, angenehm.“
Ein hagerer Mann in seinen frühen Sechzigern reichte ihr die Hand. An seinem rechten Handgelenk trug er eine Bandage, als quäle ihn eine Sehnenscheidenentzündung, wie einen Büroarbeiter.
„Dürfen wir reinkommen?“ Bevor Hanne etwas erwidern konnte, bat Clemens die Kommissare herein. Sie versetzte ihm einen Tritt. „Was soll das? Ich will die nicht in der Wohnung“, zischte sie ihn an. Die Beamten waren schon vorgegangen. Sie setzten sich an den Küchentisch und Hanne folgte ihnen. Der jüngere von beiden wich ihren Augen aus und blähte seine Brust auf, um etwas selbstbewusster zu wirken. Er hatte sich als Paul Zweideck vorgestellt, vertiefte sich sogleich in sein Notizbuch und beobachtete die Situation, ohne etwas zu sagen.
Kommissar Wiebke lächelte Hanne gütig an, als hätte er in seinen Berufsjahren schon alles erlebt und wüsste genau, wie sie sich fühlte und warum sie ihre Hände gegeneinander rieb. Vielleicht arbeitete er tatsächlich meistens im Büro, überlegte Hanne. Möglicherweise war er einer, der kaum noch vor die Tür ging und seine Fälle am Computer und in Verbrecherdatenbanken löste. Oder er saß deshalb so viel vor dem PC, weil sein Einsatzgebiet im Netz lag. Cyberkriminalität. „Die Polizisten sind nicht die, für die sie sich ausgeben“, hatte Deroga geschrieben. Hanne spürte wie ihr kalt wurde. Clemens kochte stumm das Wasser für den Kaffee und begann klimpernd in den Schränken nach Filtern, Pulver und Tassen zu wühlen.
„Ganz schön frisch für Anfang Mai. Ich sehe ja, dass sie sich schon für den Sommer angezogen haben mit ihren Shorts“, begann Kommissar Wiebke mit einem der Eröffnungssätze seiner Verhörtaktik, die den Verdächtigen in ein lockeres Gespräch verwickeln sollten. Hanne antwortete nicht. Sexistisches Arschloch, dachte sie.
„Wissen Sie, warum wir hier sind?“, fuhr der Kommissar fort.
„Bei allem Respekt, mein lieber Herr Wachmann. Sie wissen also selbst nicht, warum Sie hier sind. Wollten Sie einfach mal einen Gratis-Kaffee bei mir abstauben und mich mit Kommentaren zu meinem Outfit langweilen, oder wie muss ich das verstehen?“, entgegnete sie. „Bevor ich mit Ihnen rede, will ich wissen, was Sie von mir wollen.“
Der Beamte seufzte.
„Ihnen wird nichts vorgeworfen. Ich würde nur gerne von Ihnen erfahren, was es mit folgender Internetseite auf sich hat, die auf ihren Namen läuft: www.the-formula“, buchstabierte er umständlich.
Hanne spürte, wie ihre Finger gegen die Tischplatte zuckten.
„Ja“, antwortete sie schließlich. „Die gehört mir.“
Sie fragte sich, ob sie darauf bestehen sollte, nur im Beisein eines Anwalts zu antworten, doch es schien ihr im Moment keinen Sinn zu machen.
„Ich bin Künstlerin. Und das ist ein Projekt von mir. Ich will simulieren, wie sich im Netz eine globale Regierung unter der Herrschaft einer künstlichen Intelligenz und ohne nationale Grenzen entwickeln kann.“
Clemens sah sie fragend an. Sie hatte ihm bisher nichts von der Formel erzählt. Sie war sich sicher, dass er das Konzept sowieso nicht kapieren würde. Der Kommissar dagegen nickte, als hätte er etwas davon verstanden und wechselte in einen väterlich-besorgten Gesichtsausdruck.
„Sie müssen verstehen: Es ist ein Mord geschehen. Sagt Ihnen der Name Felix Ballhorn etwas? Er wurde vor zwei Tagen tot in seiner Wohnung aufgefunden. Wir sind hier auf Ihre Mithilfe angewiesen.“
Hannes Herz schlug jetzt so wild, dass sie kaum Luft bekam. Sie versuchte zu antworten, aber brachte nur ein „Ja“, heraus.
„Sie haben Herrn Schmitz, so heißt er als Videoblogger, kurz vor seinem Tod einen langen Brief geschrieben. Ist das richtig?“
Was hatte es für einen Zweck den handgeschriebenen Brief zu leugnen? Die Polizei hätte ihre Handschrift sofort abgleichen können.
„Herr Felix Ballhorn wurde mit Ihrem Brief in der Hand vor seiner Videokamera erdrosselt. Der Täter hat sich mit bisher unbekannten Mitteln Zugang zu der Wohnung verschafft.“
Kommissar Wiebke suchte wieder Augenkontakt.
„Ihr Brief besaß keine Marke. Deshalb gehen wir davon aus, dass Sie ihn selbst bei Ballhorn eingeworfen haben. Nun fragen wir uns: Woher kannten Sie seine private Adresse?“
Hanne ließ sich Zeit, bevor sie antwortete.
„Der wohnt hier gleich um die Ecke. Ich habe ihn häufig beim Einkaufen gesehen und beobachtet, wie er zurück in seine Wohnung ging.“
Sie versuchte dagegen anzukämpfen, doch an ihrer Wange kroch eine Träne hinunter. Eilig wischte sie sich übers Gesicht.
„Kannten Sie Herrn Schmitz denn persönlich?“ Sie verneinte. Clemens schob die Kaffeekanne auf den Tisch, reichte jedem der Beamten eine Tasse und stellte sich hinter Hanne. Er legte seine Hände auf ihre Schultern und begann sie unruhig zu massieren, bis sie ihn wegschlug.
„Ich habe ihm diesen Brief geschrieben, damit er meine Idee auf seinem Videokanal vorstellt. Ich brauchte Aufmerksamkeit für mein Projekt. Das ist alles. Ich hatte keine Ahnung, dass jemand ihn ermorden will. Das müssen Sie mir glauben.“
Der Kommissar musterte sie eingehend, dann notierte er wieder etwas mit seiner bandagierten Hand in das Notizbuch.
„Ganz ruhig. Diese Fragen sind reine Routine. Wo waren Sie am Donnerstagabend vor einer Woche. 13. April. Können Sie sich da noch erinnern?“ Sie verneinte, doch Clemens schaltete sich mit bebender Stimme ein.
„Wir haben hier was gekocht, weißt du nicht mehr? Couscous-Salat. Und dann haben wir einen Film geschaut und sind auf dem Sofa eingeschlafen. Das war alles.“
Die Polizisten schrieben etwas in ihre Hefte. Hanne konnte sich genau erinnern, was sie an jenem Donnerstag gemacht hatte. Sie hatten sich gestritten und Hanne war aus der Wohnung gestürmt. Sie brauchte etwas Zeit für sich und war stundenlang durch die Stadt spaziert. Ihre Gedanken hatten sich im Kreis gedreht und sie war unfähig gewesen, eine Entscheidung zu treffen. Spät in der Nacht schlüpfte sie zurück zu Clemens ins Bett. Wäre er dabei aufgewacht, hätte sie wahrscheinlich Schluss gemacht. Am Morgen hatte er sie mit Brötchen und frischem Kaffee geweckt.
„Wenn Ihnen was einfällt, rufen Sie sofort an“, beschwor sie der Kommissar beim Aufstehen.
„Alles könnte wichtig sein! Und noch etwas: Bitte behalten Sie die Information über den Tod von Felix Ballhorn für sich. Seine Familie bat uns, die Sache noch nicht öffentlich auszubreiten. Und wir sollten ihren Wunsch respektieren.“
Die Polizisten nahmen einen letzten Schluck Kaffee, reichten dem Paar die Hände – erst Hanne, dann Clemens – und verschwanden mit ihrem Streifenwagen. Clemens räumte die Tassen in die Spülmaschine und schaltete den Fernseher an, als wäre nichts geschehen. Hanne blieb sitzen und ihr Herz pumpte weiter mit 140 Schlägen pro Minute. Der Geruch von Beamten-Lederjacken hing noch immer zwischen den Stühlen.
„Couscous-Salat? Ernsthaft? Ich hasse Couscous-Salat“, rief sie ins Wohnzimmer, bevor sie sich ins Bett verkroch. Warum habe ich ihnen nichts vom Chat mit Deroga17 erzählt, dachte sie und grübelte vor dem Einschlafen, ob der Geheimdienst die Polizisten geschickt hatte. Die Leute sind nicht die, für die sie sich ausgeben, hatte Deroga geschrieben. Aber wer war schon Deroga?
Das Quietschen der Straßenbahnen drang dumpf in den Hörsaal. Durch die blühenden Bäume vor dem Fenster strahlte die Sonne auf die Sitzreihen und verwandelte die staubige Luft in leuchtende Funken. Hanne Bergstrom hatte sich auf das Pult gesetzt und die Arme verschränkt. Draußen pfiffen Amseln ihr Lied. Sie griff einen Betonbrösel vom Pult und warf ihn in die Sitzreihen. Der Staub wirbelte in Fontänen nach oben. Sie dachte an die beiden Polizisten und Clemens falsches Alibi. Wie immer wollte er sie beschützen. Auch wenn sie beide wussten, dass er das nicht konnte. Ob sie irgendwann jemand finden würde, der sie wirklich verstand? Sie schloss für einen Moment die Augen und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Felix Ballhorn war tot. Es machte sie weder traurig noch wütend oder ängstlich. Gleichzeitig fühlte sie eine Schwere, wie eine düstere Vorahnung, die sich in ihrem gesamten Körper ausbreitete. Vor ihr bauten sich die leeren Sitzreihen des Hörsaals auf. Bisher war niemand zu dem Treffen gekommen. Was gab es auch für einen Grund, an einem sonnigen Tag in einen verrotteten Hörsaal einzubrechen, um über all das Böse zu reden, das unser Leben bestimmt? Warum sollte man den Frühling nicht einfach Frühling sein lassen und glücklich sein, dass man satt und fett war, gesund, oder es zumindest warm hatte. Ist nicht alles andere nur der Wahn komplizierter Geister, die es verlernt haben Glück zu fühlen, und wie Junkies an Nachrichtentickern hängen, um sich neue Sorgen zu spritzen? Wie könnten wir über jeden Toten trauern, bei 150 000 Menschen, die täglich auf unserem Planeten verrecken? Namenlose Alte, Mordopfer, Unfälle und verhungerte Kindstode, die keinen Sinn ergeben. Hanne schleuderte einen weiteren Klumpen nach vorne und der Staub zischte auseinander.
Aus dem Flur hörte sie schleppende Schritte, die sich dem Hörsaal näherten. Ein kugeldicker Mann in zerlumpter Latzhose trat an die Tür und blieb misstrauisch stehen. Er musterte sie halb spöttisch, halb zornig und schaufelte in lauten Zügen Luft durch seine aufgedunsene Nase. Sein gelblich, grauer Zottelbart lockte sich an den Backen weit nach außen und schloss wie ein Kranz mit seinem Haupthaar ab, das sich schon weit hinter die Stirn verlagert hatte. Um seinen wuchtigen Schädel hatte er ein rot-weiß gepunktetes Leinentuch geknotet.
„Was wird das hier?“, brummte er. Hanne rutschte vom Pult.
„Hallo. Ich bin Hanne. Kommst du wegen der Formel? Dann setz dich dahinten hin.“
Sein Mund formte sich zu einer riesigen Öffnung und er hustete und lachte gleichzeitig.
„Was ist es denn dieses Mal? Bist du hier um Stimulanzien zu verticken? Also wenn du etwas Tetrahydrocannabinol hast…“
Hanne verneinte irritiert. „Wir wollen über Politik reden. Über ein neues politisches System. Und Sie? Was wollen Sie hier?“
Wieder lachte er laut auf und zeigte seine fauligen Zähne. „Das hatte ich noch nicht. Ich bin Manfred“, er reichte ihr die klebrige Hand. „Das hier ist mein Revier, weißt du. Eigentlich musst du immer den Manfred fragen, bevor du reinkommst! Ich muss gucken, dass nichts havariert, sonst werfen sie mich raus. Aber macht nur eure Sache mit der Politikos. Ich setze mich da hinten hin und passe auf.“
Er schlurfte keuchend in eine der oberen Reihen und begann sich eine Zigarette auf der Bank zu drehen. Er zückte ein Klappmesser und schnitt den Tabak an der Spitze vorsichtig ab. Mit einem Streichholz zündete er die Zigarette an und pustete lächelnd Rauch in Hannes Richtung, während er das Messer mit einer lässigen Handbewegung zusammenklappte.
„Politik. Das hatte ich noch nicht. Finde ich gut. Dachte, euch hat der Kapitalismus schon vollkommen betäubt.“
Hanne zwang sich ein Lächeln ab und vertiefte sich in ihre Notizzettel.
„Politik“, murmelte er. „Wusstest du, dass Politik nur der Spielraum ist, den die Wirtschaft ihr lässt? Hat Heidegger mal gesagt. Oder war es Hildebrandt?“ Er kratzte sich am Bart. „Also was zünden wir als erstes an? Einkaufszentren? Banken?“ Hanne hob die Schultern ohne aufzusehen.
Es dauerte zermürbende 10 Minuten, bis sie endlich wieder Schritte hörte. „Die Formel?“ Ein Junge mit asiatischen Zügen und dünnem Bart steckte seinen Schopf in den Hörsaal. Er wirkte ausgesprochen jung, trotz seiner hohen Stirn und der tiefdunklen Ringe um die Augen. Hanne winkte ihn herein und reichte ihm die Hand.
„Noch sind wir eine intime Runde. Nimm schon mal Platz. Wie heißt du?“
„Jonas Simon. Also einfach Jonas“, antwortete er und setzte sich in die erste Reihe. Gleich darauf betrat eine Frau mittleren Alters den Hörsaal und nahm sich den Platz neben Jonas. Sie trug eine Kurzhaarfrisur, ein geblümtes Kleid, das über eine Schnur unter ihren Brüsten zusammenhielt und einen goldenen Ring um den Finger.
„Beate“, rief sie in die Runde und ergänzte zu Jonas gewandt: „Das ist ja so aufregend.“ Hanne nickte ihr freundlich zu, und sie winkte strahlend zurück.
„Hallo zusammen“, fing Hanne an. „Ich würde sagen, wir warten noch fünf Minuten und dann…“
Ein stämmiger Typ mit Rollkragenpullover und eine jüngere Frau traten ein. Der Mann hatte seine dunkelbraunen Haare zu einem Seitenscheitel gekämmt, dazu trug er eine breit gerahmte Brille. In seinem Ohr steckte ein Piercing, das so gar nicht zu seinem bubenhaften Erscheinungsbild passen wollte. Seine Begleiterin, eine vorwurfsvoll dünne Frau mit rosafarbenem Spaghetti-Top, tätowierten Armen und jungenhaften, etwas zu breiten Schultern, blieb kurz hinter ihm stehen.
„Ist das die Konferenz?“ Hanne bejahte und bedeutete den beiden sich hinzusetzen.
„Habt ihr schon die Handys eingesammelt?“, fragte er weiter und holte einen Beutel aus seinem Mantel. Er schritt eilig durch die Reihen und bat jeden, sein Smartphone hineinzuwerfen, wobei die Frau ihn begleitete. Manfred zuckte nur mit den Achseln, als er ihn aufforderte sein Handy abzugeben.
„Der Beutel hier hat eine strahlenabweisende Schicht. Ist abhörsicher. Man weiß ja nie. NSA, BND, Mossad“, meinte er. Manfred beulte seine Taschen nach außen und lachte ihn teerartigen Schleim hustend an.
„Ich bin immer abhörsicher! Wenn du mir dein Handy gibst, kann ich es auch abhörsicher machen. Ich brauche nur einen Ziegelstein dafür. “
Er ignorierte Manfred, ging nach vorne ans Pult und reichte Hanne die Hand. „Du musst Hanne sein. Freut mich dich zu treffen. Jakob Aldermann, und das ist meine Kollegin Ronja. Sie arbeitet auch bei uns.“ Hanne begrüßte beide.
„Sie arbeitet bei euch?“ fragte sie, nachdem sie ihr Handy in den Beutel gelegt hatte. „Was macht ihr denn?“
„Codes schreiben. Hacken. Pizza essen. Solche Sachen eben.“ Er schmunzelte und nahm mit Ronja zwei Reihen hinter Jonas und Beate Platz. Die Konferenz konnte beginnen.
Hanne trat ans Pult und sortierte ihre Notizen vor sich, bis sich eine erwartungsvolle Stille über den verfallenen Hörsaal legte. Sie sog die Luft des ehemaligen Instituts für Anatomie noch einmal tief ein, bevor sie begann. Es roch modrig und nach Baustelle.
„Als Kind durfte ich manchmal mit meinen Eltern die Nachrichten gucken. Ich habe den Mann vor der blauen Wand nie verstanden. Warum kann es keinen Frieden geben, und warum können nicht alle genug zu essen haben, habe ich meine Eltern damals gefragt. Sie haben gelacht und geantwortet: Das ist kompliziert. Und dann haben sie weiter Fernsehen geglotzt. Aber so kompliziert ist das nicht: Unsere Welt ist krank. Jedes Kind versteht das. Wir sitzen heute in dieser verlassenen Universität, weil wir das ändern wollen. Weil wir wissen, dass wir es ändern können! Weil es unsere Verantwortung ist, endlich zu handeln. Weil es an der Zeit ist, alles neu zu denken. Für einen radikalen Umsturz.“
Hannes Stimme bebte vor Aufregung. Mit jedem Satz beruhigte sich ihr Herzschlag. Ihr war, als könnte sie sich von oben beobachten, während sie unten am Pult stand. Jakob Aldermann lächelte sie an, Beate hatte ihr Strickzeug gezückt, und Manfred klappte sein Messer mechanisch auf und zu.
„Unsere Demokratien sind fleischlose Hüllen. Sie sind Huren der Industrie, der Banken und der Geheimdienste. Unser System schafft Ungerechtigkeit, Elend und Konflikte. Klar, es ergibt alles irgendwo Sinn. Es kann dir immer jemand schlüssig erklären, warum die Dinge so sind, wie sie sind und nicht anders sein können. Doch das sind Lügen der Eliten. Wir können die Welt verändern! Ja, dieses System funktioniert, aber es funktioniert nicht gut. Manchmal ist das einzig Richtige, die Gesetze zu brechen.“
Ein Knirschen ließ Hanne innehalten. An der Schwelle zum Hörsaal stand ein bekanntes Gesicht. Sie brauchte einige Momente, bis sie es zuordnen konnte. Es war der merkwürdige Mann, der ihr im Blumenladen begegnet war. Um seinen Hals hing ein Fotoapparat. Er machte einige Schritte auf sie zu und wippte unsicher mit dem kleinen Kopf. Ihr Blut pochte an die Schläfen.
„Setz dich zu den anderen“, meinte Hanne, ohne sich etwas anmerken zu lassen.
„Wie heißt du?“
„Ago“, meinte er trocken.
„Ich bin zufällig vorbeigekommen und wollte eigentlich nur ein paar Fotos von dem Institut machen.“
Er deutete auf seine Kamera. Mit seiner enormen Körpergröße schien er viel zu lange Beine für die Stuhlreihen zu haben. Trotzdem quetschte er sich umständlich zwischen die Bänke. Seine Miene versteifte sich in demselben unentschiedenen Ausdruck, der Hanne schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen irritiert hatte. Nur seine Pupillen schienen jedes Detail seiner Umwelt gierig einzusaugen.
Sie wühlte in den Blättern vor sich und das Knistern des Papiers kam ihr unendlich laut vor.
„Also, wo war ich? Formel. Dummheit der Masse. Moment.“ Sie räusperte sich und begann weiter aus den Notizen vorzulesen, bis die zweifelnden Stimmen in ihrem Kopf verstummten und nur noch die eigenen Worte darin widerhallten.
„Die Welt ist global geworden. Wir können jederzeit mit jedem kommunizieren. Und dennoch errichten Menschen Mauern zwischen Nationen, bringen sich gegenseitig um, lassen Flüchtlinge an ihren Grenzen verrecken, schreiben einander vor, wie sie zu leben haben, wen sie zu lieben haben, und zanken sich über Religionen, die alle das Gleiche aussagen und merken nicht, wie die Banken ihr Geld entwerten. Lasst mich eines von Anfang an klarstellen: Menschen sind Idioten. Sie sind Volldeppen. Trottel. Arschlöcher. Besonders in größeren Gruppen. Sie sind dumm, leicht beeinflussbar, emotionale Wracks und fehlgeleitet. Mach ihnen Angst und sie geben freiwillig alle Freiheitsrechte ab. Gib ihnen ein Feindbild und sie werden dir bedingungslos folgen.“
Jakob flüsterte seiner Begleiterin kichernd etwas zu. Hanne schlug ihren Fuß gegen das Pult und es war wieder ruhig. Sie rückte ihre Brille zurecht und las weiter, während ihre Stirnfalten auf- und abtanzten.
„Ihr fragt euch vielleicht: Was ist die größte Dummheit dieser außerordentlich dämlichen Menschen? Größer noch als ihre Arroganz, ihre Weinerlichkeit und ihr Narzissmus? Es ist ihr Nationalismus. Nationalismus hat uns nichts als Leid gebracht und tut es immer wieder. Meiner Meinung nach gibt es nur eine Möglichkeit, diese größte Dummheit der Menschen zu brechen.“
Hanne hielt kurz inne.
„Lasst uns die Nationalstaaten endlich abschaffen! Jeden Einzelnen und ein für alle Mal. Wer braucht Grenzen in einer globalen Welt, wenn sie jedem, überall die gleichen Chancen einräumen würde? Reichen euch Fußballclubs nicht? Da kann man sich auch kloppen und zusammen stumpfe Lieder singen.“
Einige kicherten. Sie registrierte wie Ago unauffällig sein Handy über die Tischkante hob und mehrmals darauf drückte. Schließlich steckte er es zurück in seinen Rucksack und für einen kurzen Augenblick blitzte etwas Metallisches hinter dem Reißverschluss hervor. Hanne beschloss nicht weiter darüber nachzudenken.
„Die Formel macht Nationalstaaten überflüssig und vereinigt alle Menschen als ein Volk mit gleichen Rechten. Die Formel ist eine Plattform, die einen globalen Staat im Internet gründet. Die weltweiten User der Formel verbinden sich online über das Programm der Formel, eröffnen eigene Parlamente, wählen Minister und Regierungen, veranstalten Abstimmungen und verteilen das Geld gerecht, das sie selbst als Steuer in die Formel einzahlen. Die User der Formel erschaffen mit einem Mausklick einen globalen Staat ohne Grenzen, der Nationalstaaten überflüssig machen wird. Es gibt einen einfachen und plausiblen Grund, weshalb diese Vision einer Weltregierung, die schon Denker wie Kant, Lessing und Herder vor mir hatten, jetzt Wirklichkeit werden könnte: Das Internet.“
Bis auf das Getuschel von Jakob und Ronja gab es keine Regung in ihrem kleinen Publikum und langsam kam die Nervosität in Hanne zurück. Ago schien unter dem Tisch etwas zu tippen und schüttelte immer wieder den Kopf. Eine Sekunde dachte sie darüber nach, ihn rauszuwerfen, konzentrierte sich aber schließlich wieder auf ihre Rede.
„Doch die Formel will keine globale Demokratie erschaffen. Sie ist eine globale, konstitutionelle Monarchie. An der Spitze der Formel steht ein digitaler Monarch. Die Formel gibt uns hitzköpfigen und kurzsichtigen Menschen nicht die absolute Macht. Wer immer sich der Formel anschließt, akzeptiert das System der Formel, ihr Programm, als seinen einzigen und allmächtigen Herrscher. Die Formel besitzt eine künstliche Intelligenz, die darauf programmiert ist, eine gerechte und glückliche Gesellschaft zu erschaffen, die sich nicht selbst vernichten kann – so wie wir Menschen das gerne tun. Wir haben alle etwas Dunkles in uns. Jeder hat etwas gut zu machen. Menschen sind fehlbar. Macht korrumpiert. Die Formel wird unser digitaler Anführer. Sie entscheidet: Wer kriegt was und warum. Die Menschenrechte stehen unlöschbar in ihrem Code. Sie ist der moralische Kompass, der Gesellschaftsvertrag, den wir als Menschen direkt miteinander schließen für einen globalen Staat.
Wir schaffen Nationen ab und damit die Kriege. Wir verpflichten die Menschen zum gerechten Wirtschaften, weil die Formel ihr Geld automatisch umverteilt, sobald sie zu große Ungerechtigkeit registriert. Wir retten die Natur, weil das Gehirn der Formel Umweltwerte misst und Industrien abstraft, wenn sie unserem Lebensraum schaden. Wer sich auf diese Einschränkungen einlassen kann, darf Bürger der Formel werden. Nur wenn der Mensch versagt, greift der automatische Monarch ein: Die Formel.“
Jakob und seine Begleiterin Ronja fingen an zu klatschen. Hanne bat sie mit der Hand um Ruhe. Noch war die Rede, an der sie Monate gearbeitet hatte, nicht zu Ende.
„Viele werden jetzt sagen: Klar, das klingt interessant, doch so ein radikaler Neubeginn lässt sich niemals erreichen. Und ja, ich habe weder Waffen noch das Geld welche zu kaufen. Ich brauche sie auch nicht! Das Internet gibt uns, dem Volk, eine riesige, weitgehend ungenützte Macht. Wir können uns verbrüdern zu Millionen – losgelöst von nationalen Grenzen. Wir User sind die mächtigste Armee der Erde. Wir können dafür sorgen, dass ein globaler Staat aller Menschen entsteht – unter der Herrschaft eines vernünftigen Prinzips. Das Mittel dazu ist ziviler Ungehorsam und Gewaltfreiheit. Danke Gandhi und danke Thoreau.
Ein Staat ist nur mächtig, solange er Geld hat. Ein Staat ohne Geld ist handlungsunfähig. Der größte Nutzen eines Staates ist, dass er Geld von seinen Bürgern sammelt und verteilt, damit wir in einer sicheren Umgebung leben. Wenn ein Staat kein Geld mehr hat, ist er obsolet. Unsere heutigen Staaten müssen den größten Teil des Geldes, das wir ihnen geben, als Schulden an die Banken zahlen. Unsere Steuern stärken nicht die Bürger, sondern das Kapital. Deshalb müssen wir unser Geld einem neuen System geben. Die Formel sorgt für eine ideale Verteilung des Geldes, ohne Schulden, Korruption und Krieg.
Am Anfang existiert die Formel neben den Nationalstaaten. Die Bürger der Formel zahlen eine geringe Steuer an unser System und erhalten dafür Vorteile, wie eine Krankenversicherung. Je mehr Menschen sich der Formel anschließen, desto mächtiger wird das unsichtbare Netz der Formelbürger, das sich schleichend um die Nationalstaaten schlingt, bis es sie von innen zersetzt. Verwehrt der falschen Macht euer Geld und eure Dienste und gebt es einem System, das sich euch anpasst.
Sorgen wir dafür, dass unsere Kinder einmal in den Nachrichten keine Kriege, Flüchtlingstote und Zerstörung sehen. Sorgen wir dafür, dass unsere Kinder nicht mehr stolz auf ihre Nationen sein werden, sondern stolz auf ihren Planeten. Die Zukunft gehört denen, die handeln! Lasst uns alle vereinen. Fo fo formula!“
Hanne reckte ihre Faust in die Luft und schrie noch einmal.
„Fo fo Formula!“
Eine schreckliche Stille breitete sich vor ihr aus. Sie senkte die Hand und verschränkte die Arme vor der Brust. Ganz hinten hörte sie Manfred husten. Oder war es ein Lachen? Plötzlich fing Beate an zu applaudieren. Jonas klopfte auf seine Bank und auch Jakob und Ronja klatschten erst zögerlich und dann immer lauter in ihre Hände. Als der Applaus abschwoll, meldete sich Manfred lächelnd.
„Transformation“, meinte er, während er an einer Zigarette nuckelte und eine weitere Weizenbierdose aus seiner Latzhose fischte. „Die Gesellschaft hat sich desaströs verändert, ohne es selbst zu merken, da stimme ich dir zu.“ Er ließ die Dose zischen und nahm einen Schluck. „Doch glaubst du wirklich mit Computern die Welt retten zu können? Wieso können nicht die Menschen selbst für Umverteilung und Umweltschutz sorgen? Wieso brauche ich dafür ein solches Formel-Programm? Und wer führt den Diskurs darüber, was die Gerechtigkeit ist, von der du sprichst? Ab welchen Prozentzahlen fängt sie an? Gebt einfach mal jemandem wie mir einen Euro. Das würde mehr transformieren.“
Er lachte laut, als hätte er einen Witz gemacht, und riss dabei sein riesiges Maul auf.
„Ja, warum willst du das machen?“, rief Ago dazwischen.
„Weil Menschen versagen. Immer wieder. Es liegt in ihrer Natur. Sie sind nicht fähig, sich zu einigen und Frieden zu wahren. Ich will es wieder gut machen“, sagte Hanne. „Ich glaube, was uns fehlt, ist eine Utopie. Eine echte Vision von der Zukunft. Demokratie, Kommunismus, Monarchie und auch der globale Kapitalismus. Es ist alles gescheitert. Und jetzt gibt uns die Technik endlich die Chance auf eine bessere Gesellschaft. Computer sind keine Feinde, wie unsere Großväter dachten, sondern nützliche Werkzeuge. Eine moderne Utopie muss digital sein.“
Plötzlich stand Jakob Aldermann auf und schritt langsam zum Pult, neben sie.
„Ich mag das“, sagte er und musterte ihre Aufzeichnungen und dann sie.
„Ich mag wie du redest. Deine Begeisterung. Den Wahnsinn. Ich mag, was du sagst. Die Idee ist umwerfend: Einfache Menschen wie du und ich erschaffen ihren eigenen, globalen Staat im Internet. Und sie ordnen sich einem moralischen Prinzip, einem intelligenten Programm unter. Ein Staat im Internet ist hoch riskant und anfällig für alle Arten von Manipulation. Der Code müsste Open Source sein, eine Blockchain, mit eigenem Geldsystem und ohne jeglichen Fehler. Niemals dürfte das Vertrauen der Bürger in die Technik und das Programm der Formel erschüttert werden. Du bräuchtest ein Team der besten Programmierer, die sich darum kümmern. Eine große Community, die den Code ständig überwacht. Einen Ort, an dem die hochsensiblen Daten von Millionen von Bürgern sicher verwahrt sind, gut verschlüsselt. Das ist ein Mammutprojekt. Fast nicht zu bewältigen. Eigentlich vollkommen unmöglich.“
Er schmunzelte sie an.
„Und deshalb würde ich gerne bei dir mitmachen.“
Jakob Aldermann legte seinen Arm um ihre Schultern und sie roch, dass er Parfüm aufgelegt hatte. Etwas blumiges, herbes, das sie an schlechten Sex erinnerte.
„Und du bist also der Typ, der ‚die besten Programmierer‘ hat und das ‚Unmögliche‘ möglich machen kann? Ganz schön beeindruckend, der Herr“, sagte Hanne etwas abschätzig und stieß seinen Arm weg. Er musste lachen.
„Einer der Besten steht gerade vor dir. Und ja, da lässt sich sicher jemand von uns finden, der die Formel programmieren könnte.“
„Von euch?“
„BCC. Blind Copy Club. Wir sind eine bescheidene Gruppe von – nun ja, wir werden gerne Netzaktivisten genannt, Hacker oder auch Kriminelle. Im Grunde sind wir ganz normale Mädchen und Jungs, die sich mit Computern auskennen und die Vision eines „freien“ Internets noch nicht ganz aufgegeben haben.“
Seine weiten Pupillen leuchteten tief schwarz.
„Ich hatte wirklich gehofft, dass ein Programmierer zu dem Treffen kommt“, sagte sie und konnte ihr Lächeln nicht mehr verbergen.
Die anschließende Diskussion zog sich über zwei Stunden. Jakob schlug vor, dass ein neues System eine neue virtuelle Währung bräuchte, die völlig unabhängig von Börsenkursen und Kryptowährungen wie Bitcoin sein müsste. Manfred wurde mit der Zeit immer stiller und konzentrierte sich auf das Drehen und Rauchen von Zigaretten, die er mit seinem Klappmesser stutzte. Nur dann und wann lachte er unvermittelt auf oder stellte eine komplizierte Frage, die niemand verstand. Ago dagegen blieb weitgehend stumm. Unter ihm kippte der offene Rucksack nach hinten und etwas Hartes schlug auf den Boden. Er fasste hinunter, griff sich das matt glänzende Teil und steckte es unbemerkt zurück. Der leblose Ausdruck auf seinem Gesicht verfestigte sich.
„Ich kann einen Auftritt in der Universität organisieren“, rief Jonas Simon überschwänglich und versprach, bei seinen Kommilitonen für die Idee zu werben, Flyer zu drucken und die Formel mit seinen Wirtschafts-Kenntnissen zu unterstützen.
