Das Erwachen des Phoenix - Harald März - E-Book

Das Erwachen des Phoenix E-Book

Harald März

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Beschreibung

In einer schicksalhaften Nacht wird Erif wider Willen in einen Überfall verwickelt, bei welchem der Phönix, eine uralte Kreatur, erwacht. Die Ereignisse überschlagen sich und Erif kommt mit dem Leben davon. Doch das Wesen ist verschwunden und hat ihn durch seine Berührung verändert. Ohne andere Ziele beschließt Erif dem Ursprung und Verbleib des Phönix auf den Grund zu gehen und tritt eine Reise an, auf welcher er mehrmals mit der Vergangenheit konfrontiert wird und sich mächtigen Gegnern gegenübersieht. Begleitet wird er dabei mitunter von Drib, einem Feuerfalken, welchen er seltsamerweise wie einen Menschen versteht. Und was hat es mit der jungen Frau auf sich, der er während des Erscheinens des Phönix zur Flucht verholfen hatte? Beschäftigt mit seiner Reise, bemerkt Erif nicht, dass ein dunkles Geheimnis aus alter Zeit danach trachtet den Kontinent in seinen Bann zu ziehen. Ohne es zu wissen, spielt er bei alledem eine größere Rolle als im bewusst ist. Wird Erif dieser Prüfung gewachsen sein?

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Seitenzahl: 1212

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Harald März

Das Erwachen des Phoenix

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ein Wanderer der Nacht

Der Wächter des Steines

Ein harter Kampf

Eine brenzlige Situation

Das Ende einer Suche

Die Macht des Steines

Die Gefangene

Ein unverhofftes Wiedersehen

Das Begehren des Fürsten

Unter Freunden

Sucht ihn!

Rückkehr nach Tsorf

Der König von Tsorf

Genesung

Die schwarzen Jäger

Aufbruch nach Latípac

Die unerwünschte Eskorte

Drib

Finstere Experimente

Von Alkohol und Schuldgefühlen

Eine falsche Fährte

Auf Reisen

Langsamer Fortschritt

Überfall

Flammentanz

Das Ziel in Sicht

Ein Pferdedieb

Neue Witterung

Ein durchtrenntes Band

Erste Anhaltspunkte

Die letzte Etappe

Latípac – Zentrum des Hochkönigreiches

Ein Wink in die richtige Richtung

Das hochkönigliche Archiv

Finstere Pläne

Die Nadel im Heu

Süden

Aufbruch

Suche in Latípac

Erinnerungen

Ein glücklicher Zufall?

Der kleine Dieb schlägt wieder zu

Der Beute auf den Fersen

Der Schatten der Vergangenheit

Yllub

Die verwundenen Wege des Schicksals

Das volle Fass

Der schlimmste Gegner

Der Eindringling

Legenden und Geschichten

Sich kreuzende Wege

Zwiegespräche

In den Lüften

Spaziergänge und Gespräche

Stellung beziehen

Nahe dem Ziel

Der nächste Schritt

Hinterhalt

Ein unerwartetes Scharmützel

Wiedersehen mit den schwarzen Soldaten

Zorn

Ein Wiedersehen

Dneirfs Geschichte

Auf dem Weg nach Tsorf

Ein ungewöhnlicher Brief

Seltsame Emotionen

Ruobràh

Feuer und Eis

In den Fußstapfen eines Freundes

Der älteste der Feuerfalken

Blutige Fluchthilfe

Am Rande des Wahnsinns

Die Klauen der Finsternis

Am Eisweiher

Letzte Vorbereitungen

Enthüllung

Nos

Die Barriere der 100 Magier

Bittere Einsicht

Das zweite Herz

Hoher Besuch

Eine Idee

Harter Weckruf

Ein Trunkenbold zu Pferde

In der Haut der besten Freundin

Ein Freund in Not

Die Eiskneipe

Der dunkle Fleck der Vergangenheit

Kampf unter Freunden

Eine königliche Leihgabe

Das Fest im Eissaal

Tanz auf Eis

Überfall

Zeit zu handeln

Rücken an Rücken

Loyalität

Der wahre Angriff

Das wahre Gesicht des Dämons

Das Verhör

Der schwarze Bruder

Über die Grenze

Das Ende des Versteckspiels

Verzweifelte Rettungsaktion

In der Höhle des Löwen

Der Gebieter des Phönix

Trauriges Geständnis

Rückkehr

Weit abgeschlagen

Mentor und Schüler

Rückkehr

Der Verräter

Eriseds finsteres Aufgebot

Die wahre Form

Atempause

Die Ruhe vor dem Sturm

Der Anfang vom Ende

Ein schicksalhafter Kampf

Das Seelenschwert

Dem Horizont entgegen

Impressum neobooks

Ein Wanderer der Nacht

Erif wachte auf. Etwas hatte ihn geweckt. Sein Magen knurrte deutlich hörbar. Ja, dieses Geräusch hatte ihn geweckt, das und der Hunger. Erif kannte den Hunger nur zu gut. Er war ihm die letzten Monate ein ständiger Begleiter gewesen. Im Grunde hatte Erif sich schon an das ständige Hungergefühl gewöhnt, doch die letzten paar Tage war es besonders stark gewesen. Lange würde er das wohl nicht mehr aushalten.

Er richtete sich auf und blickte in den Himmel. Es war eine klare Nacht. Die Sterne funkelten besonders hell in dieser Nacht. Ihr kühler Glanz wurde nur vom weiß leuchtenden Vollmond überboten. Erif besah sich seiner Umgebung genauer. Er saß unter einer großen Weide im Graß. Der Baum stand mitten auf freiem Feld. Das nächste Waldstück lag mehrere Wegminuten entfernt, war aber aufgrund des Vollmondlichts gut erkennbar. Ursprünglich hatte er dort sein Lager aufschlagen wollen, doch am Abend war ihm jeder einzelne Schritt wie eine Qual erschienen.

Erif blickte nach Süden, von wo er gekommen war. Leise konnte er das sanfte Plätschern des Revir hören. Den seichten Fluss hatte Erif am Tage überquert. Bisher hatte er sich immer in dessen Nähe gehalten um wenigstens nicht an Durst leiden zu müssen. Doch da der Hunger die letzten Tage übermächtig zu werden schien, hatte er kurzerhand beschlossen den nahe gelegenen Wald aufzusuchen um sein Jagdglück auf die Probe zu stellen. Recht viele andere Möglichkeiten hatte er schließlich nicht mehr, wenn er überleben wollte, denn die nächste Stadt lag mehrere Tage entfernt. Er sollte wenigstens in der Lage sein ein paar Beeren oder Pilze zu finden.

Erif legte sich wieder in das kühle Gras und versuchte weiter zu schlafen. Doch kaum hatte er die Augen geschlossen, so meldete sich sogleich sein Magen wieder. Nein, er konnte nicht mehr schlafen. Wieder richtete er sich auf und ließ seinen Blick über die vom blassen Mondlicht erleuchtete Landschaft schweifen.

Plötzlich bemerkte er ein flackerndes Licht zwischen den Bäumen des Waldes. Ein Lagerfeuer. Irgendjemand musste sich dort für die Nacht niedergelassen haben.

Erif zögerte kurz, entschloss sich aber dann das Lagerfeuer aufzusuchen. Schlafen konnte er ohnehin nicht mehr und zu verlieren hatte er nichts. Selbst wenn er auf eine der berüchtigten Räuberbanden treffen würde, könnte die Situation nicht mehr sehr viel schlimmer werden, denn wenn er nicht bald etwas zu Essen fand, würde er auch nicht mehr sehr viel länger am Leben sein. Und wo es Lagerfeuer gab, gab es meist auch etwas Essbares.

Den Blick noch immer auf das flackernde Licht gerichtet, tastete er mit seiner Hand im Gras nach seinen Sachen. Nach wenigen Augenblicken hatte seine Hand gefunden wonach sie suchte. Erif hielt den Gürtel gegen den Mond. Es war ein lederner Waffengurt an dem sich ein Schwert samt Scheide und ein kleiner Lederbeutel zur Aufbewahrung von Geld befanden. Letzterer war schon seit zwei Monate leer, eine leere Zierde des Gürtels. Erif hatte überlegt ihn einfach wegzuwerfen, da er nun vollkommen nutzlos war und geldgierige Wegelagerer im schlimmsten Falle noch zu einem Überfall verleiten konnte. Dennoch hatte er den Lederbeutel behalten. Er schüttelte den Kopf. Es war komisch, aber je weniger man hatte, desto mehr schätzte man seinen Besitz und wenn er noch so nutzlos war.

Erif legte sich den Gurt an und zurrte ihn fest. Seine rechte Hand umschloss den Griff des Schwertes und zog es mit einem singenden Geräusch aus der Scheide. Er betrachtete die geschliffene Klinge. Das Schwert war etwas weniger als drei Ellen lang und Maß an seiner breitesten Stelle nahe dem Heft drei Daumenbreit. Von dieser Stelle aus verlief die zweischneidige Klinge gerade und verjüngte sich am Ende zu einer tödlichen Spitze. Die Parierstange des Schwertes war schmucklos, bot jedoch genug Schutz um die Finger zu schützen.

Als Erif das Schwert im Mondlicht drehte, konnte er kleine dunkle Flecken auf dem Metall erkennen. Rost. Kein Wunder, schließlich war es schon eine Weile her, dass das Schwert mit Waffenöl behandelt worden war. Obendrein war das Metall von niedriger Qualität, dafür hatte es bei seinem Kauf wenig gekostet, so hatte man ihm jedenfalls gesagt. Er verzog die Meine und schob unliebsame Erinnerungen zur Seite.

Langsam schloss Erif die Augen und schöpfte in seinem Inneren nach Kraft. Nachdem er mit seinem Geist die Energie erfasst hatte, leitete er sie durch seine Hände in die Waffe. Er öffnete währenddessen die Augen und starrte auf die Klinge. Langsam bildeten sich die dunklen Rostflecken zurück, bis sie schließlich vollends verschwunden waren. Mit einem kaum merkbaren Lächeln ließ er den Energiefluss wieder zur Ruhe kommen und schlussendlich versiegen.

Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen und seine Beine gaben nach. Seine Hände ließen das Schwert fallen und griffen hastig nach dem Stamm der Weide. Sie fanden Halt. Keuchend lehnte Erif sich gegen die raue Rinde.

Nach einigen Augenblicken konnte er seine Umgebung wieder normal wahrnehmen. „Ist der Körper schwach, so ist es auch der Geist“. Ja, das hatte er früher oft gehört, jedoch nie richtig verstanden. Nun konnte er nur zu gut nachvollziehen, was damit gemeint war.

Vorsichtig löste er sich wieder vom Stamm der Weide. Leichter Schwindel machte ihm zu schaffen. Dies lag aber nicht mehr an der magischen Erschöpfung sondern an schlichter Unterernährung. Erif bückte sich und hob das Schwert auf. Nachdem er es noch einmal eingehend inspiziert hatte, ließ er es zurück in die Scheide gleiten. Die Waffe war wieder in beinahe einwandfreiem Zustand. Zwar bedürfte der Rest seiner Kleidung auch einiger Zuwendung, aber dafür reichte seine magische Energie nicht mehr aus. Das Schwert hatte Priorität, denn es war wichtig um sein Leben im Notfall verteidigen zu können. Selbst wenn es gegen den Hungertod nur wenig auszurichten vermochte.

Erif wandte sich dem Waldstück zu und suchte zwischen den Bäumen nach dem kleinen, flackernden Licht. Als er es wieder ausfindig gemacht hatte, setzte er sich in Bewegung. Die ersten Schritte waren noch schwankend, nach einigen Metern hatte er jedoch einen sicheren Gang. Sanfter Wind wehte ihm entgegen. Erif bewegte sich in gerader Linie auf das verheißungsvolle Leuchten zu. Mit jedem Schritt kam der vom blassen Vollmondlicht erhellte Waldrand näher. Zugleich stieg Beklommenheit in ihm auf. Er hasste es zu betteln, hatte aber leider keine andere Wahl.

Der Wächter des Steines

Mit einem lauten Knacken brach einer der Äste in der Feuerstelle. Funken erhoben sich aus der Glut und tanzten dem Nachthimmel entgegen. Die wenigsten Menschen wussten heutzutage noch die rohe Schönheit der Elemente zu schätzen. Gold war oftmals ihr einziges Interesse. Oder Macht.

Naidraug saß auf einem grauen Felsen inmitten einer Waldlichtung und starrte mit seinen dunkelblauen Augen gedankenversunken in sein Lagerfeuer. Ein sanfter Windhauch spielte mit seinen langen grauen Haaren und seinem braunen Mantel.

Er blickte in den Nachthimmel und betrachtete die Gestirne. Es war eine klare Vollmondnacht. In solchen Nächten spürte er sein Alter deutlich in den Knochen. So lange suchte er schon und doch hatte er ihn nicht gefunden. Und noch nie war die Suche gefährlicher als jetzt. Sogar sein Haus hatte er verlassen müssen um seinen Häschern nicht in die Hände zu fallen. Doch der Gesuchte zeigte sich einfach nicht. Egal wieviele Reisen er unternommen und wieviele Städte er besucht hatte, seine Suche fand kein Ende. Wo musste er denn noch suchen um ihn zu finden, ihn, den Gefallenen mit dem zerbrochenen Schwert.

Nachdenklich warf Naidraug einen dünnen Ast in das Lagerfeuer. Gierig leckten die Flammen am trockenen Holz. Nachkommen hatte er keine, also gab es niemanden der die Suche für ihn fortsetzen konnte. Er musste wohl oder übel einen geeigneten Schüler ausfindig machen. Bis zuletzt hatte er gehofft diese Aufgabe selbst erfüllen zu können.

~ Es kommt jemand! ~ Die Stimme riss Naidraug aus seinen Gedanken. Hastig griff er in seine Manteltasche und holte ein kleines Holzkästchen hervor. Das unscheinbare Behältnis hatte keinerlei Verzierung und auch keinen offen erkennbaren Schließmechanismus. Naidraug nahm das schmucklose Holzkästchen in beide Hände und drehte mit der einen Hand im Uhrzeigersinn und mit der anderen gegen den Uhrzeigersinn. Nach einigen Umdrehungen ertönte ein leises Klicken. Mit seinen Fingern fuhr er nun über die Oberfläche des Kästchens, bis er eine leichte Erhebung an einer Seite ertastete. Nachdem er auf diese Stelle gedrückt hatte, klickte es erneut.

Naidraug öffnete das Behältnis indem er nun die obere Holzplatte zur Seite schob. Der Innenraum des Kästchens war mit weißem Samt ausgekleidet. In der Mitte lag ein ovaler feuerroter Stein eingebettet. Er nahm den glattgeschliffenen Stein aus dem Gefäß und betrachtete ihn mit gerunzelter Stirn im Schein des Feuers. Das Äußere des rötlichen Minerals war klar und durchscheinend. Nach und nach trübte sich dann der Stein. Der dunkelrote Kern war vollkommen undurchsichtig.

Ein kurzer Lichtschimmer huschte über das Mineral. Hätte man es nicht besser gewusst, hätte man es auch für eine Reflexion der Flammen halten können. Aber Naidraug wusste es besser. Begleitet wurde der Lichtschimmer von derselben Stimme die er vorher schon in seinem Kopf vernommen hatte.

~ Es kommt jemand! ~

Also hatte ihm seine Müdigkeit keinen Streich gespielt. Naidraug konzentrierte sich auf den Stein. Von wo?

~ Direkt vor uns. ~

Wann wird er uns erreichen?

~ Jetzt! ~

Plötzlich hörte er ein lautes Knacken aus dem Dickicht. Gegenüber von Naidraug betrat ein junger Mann die Lichtung. Das Erscheinen des Mannes traf ihn so unvermutet, dass er keine Zeit mehr hatte den Stein wieder in das Holzkästchen zurückzugeben. Hastig verbarg er das rote Mineral und das Kästchen in seiner Manteltasche. Naidraug betrachtete den nächtlichen Besucher. Dieser hatte die hektische Bewegung Naidraugs anscheinend nicht bemerkt, genauso wenig wie den juwelenähnlichen Stein.

Der Ankömmling trug einen alten, zerrissenen Mantel. Darunter konnte Naidraug einen Wams und eine Hose aus zerknittertem Leder erkennen. Beide befanden sich in einem ähnlichen Zustand wie der Mantel des Fremden. An seiner Hüfte ragte deutlich sichtbar ein Schwertheft hervor. Schlammverkrustete Stiefel rundeten die ärmliche Erscheinung des jungen Mannes ab.

Naidraug musterte das Gesicht seines Gegenübers genauer. Dunkelbraune Strähnen seines fettigen Haars hingen dem nächtlichen Besucher in sein Gesicht. Die Wangen wirkten eingefallen. Er erweckte den Eindruck als hätter er in den letzten Wochen wenig gegessen.

Der Fremde fixierte Naidraug mit seinen hellbraunen Augen. „Guten Abend.“ Während er sprach wankte er kaum merklich.

„Guten Abend“, erwiderte Naidraug den Gruß des Fremden. Naidraug sammelte aus seinem Inneren magische Energie und betrachtete seinen Gesprächspartner mithilfe seiner magischen Wahrnehmung. Nach wenigen Augenblicken konnte er eine magische Aura ausmachen. Allerdings war diese äußerst instabil, vermutlich aufgrund des offensichtlichen Nahrungsentzugs. Ein magischer Angriff war somit höchst unwahrscheinlich. Selbst wenn der unterernährte Mann versuchen sollte einen Zauber zu sprechen, so würde er danach nahezu in Ohnmacht fallen. Naidraug tastete die fremde Aura weiter ab. Er konnte keine Hinweise auf schlechte Charaktereigenschaften finden. Eine Seltenheit in der heutigen Zeit. Er stoppte seine magische Begutachtung. Sein Gegenüber schien nichts davon bemerkt haben, schließlich hatte er nur wenige Augenblicke benötigt und war dabei sehr subtil vorgegangen. Zudem war diese Form der Aurasicht eine seltene Gabe. Eine magische Aura zu spüren war eine Sache der Übung. Sie allerdings zu sehen und darin den Charakter eines anderen Menschen ablesen zu können, war ein angeborenes Talent.

„Was macht ein Wanderer zu so später Stunde noch allein unterwegs?“ Dieser Mann stellte keine Gefahr für Naidraug dar. Er war körperlich und mental geschwächt und hatte allem Anschein nach auch noch einen guten Charakter. Somit sollte er auch keiner von Naidraugs Häschern sein.

Der Fremde machte einen Schritt auf Naidraug zu.

„Er sucht nach Essen. Herr, könntet ihr mir bitte etwas zu essen geben. Ich habe mehrere Tage nichts mehr zwischen den Zähnen gehabt, ausser der Luft, welche ich atme. Ich verspreche euch nicht weiter zu belästigen und zu verschwinden, wenn ihr mir zu essen gegeben habt. Aber bitte, gebt mir etwas um meinen Magen zu füllen.“

Als er fertig gesprochen hatte, machte er noch einen Schritt auf Naidraug zu und verharrte. Naidraug glaubte in den hellbraunen Augen des Fremden stumme Verzweiflung erkennen zu können. Der junge Mann tat ihm leid und gleichzeitig faszinierte er ihn. Der Fremde hatte ein Schwert, war verzweifelt vor Hunger und traf mitten in der Nacht einen alten Mann, der alleine im Wald an einem Lagerfeuer saß. Viele andere hätten schon längst ihr Schwert gezogen und versucht sich damit ihr Essen zu verschaffen. Doch der Fremde schien nicht einmal mit dem Gedanken zu spielen.

Naidraug griff lächelnd in seine Tasche.

„Natürlich Junge, du kannst etwas von meinem Proviant haben. Setz dich zu mir, du siehst ja ganz abgemagert aus.“

Mit einem Nicken deutete Naidraug auf einen weiteren Baumstumpf an der Feuerstelle. Währenddessen zog er ein Papierpäckchen aus einer seiner Manteltaschen. Er schob das Papier auseinander und enthüllte den Inhalt. Pökelfleisch. Der junge Mann macht unwillkürlich einen weiteren Schritt auf Naidraug zu als der das Pökelfleisch sah. Der Duft des Fleisches breitet sich rasch aus. Das Knurren seines Magens konnte Naidraug bis zu Feuerstelle hören. Dennoch rang, der Fremde mit sich.

„Aber… Ich, ich kann mich doch nicht zu Euch setzen. Ich bin ein Bettler. Ich würde euch nur den Abend verderben.“

„Nicht doch. Du würdest mir nicht den Abend verderben. Ich sitze ohnehin nicht gerne alleine am Lagerfeuer. Deine Gesellschaft würde mich sehr erfreuen.“

„Aber…“

Sein nächtlicher Besucher war hartnäckiger als er gedacht hatte. Er schien sich selbst für schäbig zu halten.

„Nun gut, lass uns einen Handel abschließen. Du bekommst von mir etwas zu essen, wenn du dich zum Lagerfeuer sitzt und mir im Austausch dafür deine Geschichte erzählst. Was hältst du davon?“

Naidraug hielt dem Fremden das Pökelfleisch entgegen und holte mit der anderen Hand noch etwas Brot hervor.

„…Abgemacht.“

Der junge Mann ging mit zögerlichen Schritten auf Naidraug zu und nahm das Pökelfleisch und das Brot entgegen. Danach setzte er sich gegenüber ans Lagerfeuer. Gierig begann er über das Fleisch und das Brot herzufallen. Naidraug sah ihm dabei schweigend zu. Es dauerte nicht lange und Brot und Pökelfleisch waren verzehrt. Der Fremde hob den Kopf und blickte Naidraug über das Lagerfeuer hinweg an. Ob er wohl ein Soldat war? Seine Kleidung und das Schwert würden dies nahelegen. Warum befand er sich aber dann halbverhungert mitten in der Einöde?

„Wie heißt du Junge?“

„Erif“

„Erif. Mein Name ist Naidraug.“

In Erifs Blick lag Dankbarkeit, aber Naidraug konnte auch erkennen, dass dieser noch lange nicht satt war. Naidraug sammelte seine magische Energie und leitete Sie durch seine Beine in die Erde, direkt zu einer Stelle neben Erif. Dort begann nun langsam eine kleine grüne Pflanze zu sprießen. Sie wuchs immer weiter und hatte schon bald die ersten Blätter. Als das Gewächs schließlich so groß wie die Sträucher am Rande der Lichtung war, hörte es auf zu wachsen. Stattdessen bildeten sich kleine Kugeln in verschiedenen Farben an den Ästen der Pflanze. Nach kurzer Zeit konnte man erkennen, dass es sich bei diesen bunten, kugelförmigen Auswüchsen um Früchte handelte.

Naidraug konnte Staunen im Gesicht seines Gegenübers lesen. Als die Früchte ausgereift waren, befanden sich Äpfel, Birnen, Orangen, verschiedene Beerensorten und noch anderes Obst an dem Strauch.

„Ihr seid ein Erdmagier.“

Die Mundwinkel des alten Mannes zuckten nach oben.

„Anscheinend. Bediene dich und versuch deinen Hunger zu stillen.“

Erif griff unsicher nach einem der Äpfel und zog daran. Die Frucht löste sich leicht vom Strauch. Sofort begann dort die nächste Frucht zu reifen. Dies kostete Naidraug zwar magische Energie, allerdings hielt sich diese Anstrengung in geringen Grenzen.

Sein Gegenüber betrachtete den Apfel kurz, bevor er ihn mit wenigen Bissen verschlang. Danach plünderte er den unerschöpflichen Obststrauch.

Naidraug warf währenddessen ein weiteres Stück Holz in die Feuergrube. Als er wieder aufblickte konnte er einen Schatten zwischen den Baumkronen am Rande des Lagerplatzes entdecken. Er versuchte zu erkennen, was sich da im Geäst verbarg doch dazu war es zu dunkel. Der Schatten erhob sich in die Lüfte und bewegte sich anmutig auf die beiden Lagernden zu. Nun konnte Naidraug erkennen was es war. Ein Vogel. Er hatte rotes Gefieder und einen kurzen von goldgelben Federn geschmückten Schwanz. Ein leichter Goldschimmer war in das Federkleid eingewoben. Mit kaum hörbaren Flügelschlägen kam er immer näher. Das Tier war etwa eine Elle groß und hatte einen etwas längeren Hals als die meisten Vögel und einen leicht gebogenen, spitzen Schnabel. Als der Vogel nahe genug war, ließ er sich auf Naidraugs Schulter nieder. Sogar durch seinen Mantel konnte der Erdmagier den sanften Druck der scharfen Krallen spüren. An die Anwesenheit dieser gefiederten Kreaturen hatte er sich mittlerweile gewöhnt. Sie begleiteten ihn seit dem Tag an dem er zum Wächter des Steines geworden war.

Es dauerte eine Weile bis er die Überraschung seines Gastes bemerkte. Erif hielt inne. Er hatte gerade eine angebissene Birne in der Hand. Den Rest der Frucht konnte Naidraug deutlich in seinem Mund erkennen.

Als er den Blick bemerkte schluckte Erif hinunter.

„Ein Feuerfalke. Ich dachte sei sind nur am Tag aktiv.“

Naidraug fuhr dem Feuerfalken sanft über das weiche Gefieder.

„Diese Tiere kümmern sich nicht um die Tageszeit. Sie sind wach wann immer ihnen danach ist. Man könnte sagen, sie unterwerfen sich dem Zyklus von Tag und Nacht nicht.“

„Gehört der Vogel euch?“

„Nein.“, Naidraug lachte leise, “Du musst wissen, dass Feuerfalken sehr intelligente Tiere sind. Sie wissen, dass niemand volle Gewalt über sie hat. Also kann sie auch niemand besitzen. Würdest du einen von ihnen fangen, so gelänge es dir nicht ihn zu zähmen. Egal wielange du ihn bei dir behalten würdest, bei der erstbesten Gelegenheit würde er flüchten.“

„Wie kommt es dann, dass dieser Vogel scheinbar Eure Nähe sucht? Soweit ich weiß sind Feuerfalken sehr scheue Tiere.“

Der alte Mann wandte seinen Blick vom Feuerfalken ab und sah sein Gegenüber eindringlich an.

„Das liegt daran, dass ich etwas habe, was ihm am Herzen liegt.“

Neugier spiegelte sich in Erifs Gesicht wieder.

„Und was ist es?“

Naidraug lächelte entschuldigend.

„Das kann ich dir leider nicht verraten.“

Erif schien nachhaken zu wollen, ließ es dann aber sein und nahm einen weiteren Bissen von der Birne.

„Schade. Aber wie kommt es eigentlich, dass Ihr hier ganz allein in einem Wald sitzt. Habt Ihr denn keine Begleiter?“

„Nein, ich reise alleine.“

„Das ist aber nicht ungefährlich. Habt Ihr denn nichts von den vielen Räuberbanden in dieser Gegend gehört?“

Der Erdmagier erneuerte sein Lächeln.

„Glaub mir, ich weiß mich zu verteidigen.“

„Das glaube ich Euch. Trotzdem solltet ihr vorsichtig sein. Die nächste Stadt ist einige Tage entfernt. Was ist Euer Reiseziel?“

„Genau genommen habe ich kein spezielles Ziel. Ich befinde mich auf der Suche nach jemandem.“

„Verzeiht mir meine Neugier, aber darf ich erfahren wen Ihr sucht oder könnt Ihr mir das auch nicht verraten?“

„Du hast es erraten, auch das kann ich dir nicht sagen.“

Erif seufzte und verschlang den Rest der Birne.

„Nun aber genug von mir. Die Abmachung war, dass du mir etwas über dich erzählst. Hast du deinen Hunger schon gestillt?“

Erif nickte langsam.

„Ja, ich danke Euch vielmals für Eure Großzügigkeit. Also was wollt ihr wissen?“

„Beginne einfach von vorne und lass ruhig die Stellen aus, welche du mir nicht erzählen möchtest.“

„Da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Seit ich denken konnte, lebte ich in der Magierakademie in Cigam. Später erfuhr ich, dass meine Eltern bei einem Überfall von Räubern auf ihr Dorf ums Leben gekommen waren. Als die Heiler der Akademie das Dorf aufsuchten um die Verletzten zu behandeln, fanden sie mich in den Trümmern eines der zerstörten Häuser. Da ich keine anderen Verwandten hatte, nahmen sie mich in die Magierakademie mit und zogen mich dort auf. Sie meinten ich hätte Potenzial gehabt.“

Naidraug blickte Erif mitleidsvoll an. Als dieser den Blick bemerkte, winkte er ab.

„Nein, nein. So schlimm ist es nicht. Ich konnte mich an meine Eltern nicht erinnern, ich war zu jung, also bereitet mir ihr Verlust weniger Schmerzen als man meinen würde. Nun, wo waren wir?“

Nach kurzer Überlegung hellte sich das Gesicht des Erzählers auf.

„Genau, in der Magierakademie. Dort habe ich mich viele Jahre lang der Magierausbildung unterzogen. Die abschließende Prüfung habe ich jedoch nicht geschafft. Daraufhin habe ich die Akademie bei Nacht verlassen. Um mich über Wasser zu halten, habe ich mich einige Zeit als Tagelöhner verdingt. Eines Tages stieß ich auf eine Gruppe von Soldaten, welche gerade dabei waren Leute zu rekrutieren.“

„Soldaten?“

„Söldner um genau zu sein. Da ich damals schon eine Weile keine Arbeit mehr gefunden hatte, trat ich dieser Gruppe bei. Schließlich versprachen sie Verpflegung, Unterkunft und Sold. Diese Söldner lehrten mich den Umgang mit der Waffe. Ich war etwas mehr als ein Jahr bei ihnen als ich das erste Mal…“

Erif verstummte und ließ seinen Blick sinken. Naidraug versuchte nicht ihn zu drängen. Nach einer längeren Pause begann er wieder zu sprechen.

„Den Rest würde ich gerne für mich behalten.“

Naidraug hatte während der ganzen Zeit schweigend auf seinem Baumstumpf gesessen und zugehört. Er verurteilte den jungen Mann nicht für seine Flucht von der Magierakademie oder seinen Dienst bei den Söldnern. Jeder Mensch hatte seine Gründe warum er bestimmte Dinge tat und andere nicht. Es stand ihm nicht zu darüber zu urteilen.

„Ganz wie du möchtest. Es ist bereits spät. Wenn du keinen Schlafplatz hast, kannst du gerne hier übernachten.“

„Danke vielmals.“

„Gut, dann…“

~ Es kommt jemand! ~

Naidraug hielt inne. Mit seinem Geist tastete er nach dem Stein in seiner Manteltasche. Hastig suchte er mit seinem Blick den Rand der Lichtung ab. Der Feuerfalke auf seiner Schulter tat es ihm gleich.

Aus welcher Richtung?

~ Westen. ~

Der alte Mann schwenkte seinen Kopf in die genannte Himmelsrichtung.

„Stimmt etwas nicht?“

Erif sah ihn nervös an.

Noch ehe Naidraug etwas erwidern konnte, ertönte ein hölzernes Knacken aus dem Wald. Ein Mann mit schwarzer Rüstung betrat die Lichtung.

Ein harter Kampf

Erif bemerkte den Mann erst als er bereits die Lichtung betreten hatte. Der alte Erdmagier hatte anscheinend schon früher gewusst, dass sie Gesellschaft bekommen würden.

Der Neuankömmling hatte sein rotes Haar kurz geschoren, wie es für Soldaten üblich war und trug eine schwarze Plattenrüstung. Die Rüstung musste besonders verarbeitet sein, da sie keine verräterischen Geräusche verursacht hatte, während sich der Mann der Lichtung genähert hatte. Der Feuerfalke löste sich von Naidraugs Schulter und verschwand wieder in den Kronen der Bäume.

„Ich hoffe ich störe eure kleine Unterhaltung nicht.“

Inzwischen war Naidraug aufgestanden und fixierte den Soldaten. Sein Gesicht war zu einer fassungslosen Maske erstarrt. Seine Stimme wirkte dagegen unnatürlich ruhig.

„Würde meine Antwort irgendetwas an dem ändern, was ihr gleich machen werdet?“

Scheinbar kannten sich die beiden, auch wenn ihre Bekanntschaft weit von einer Freundschaft entfernt zu sein schien. Zwar wusste Erif nicht was hier vor sich ging, aber er merkte instinktiv, dass Gefahr drohte. Wen meint er mit ihr? Vorsichtig besah er sich seiner Umgebung genauer. Zwischen den Bäumen dachte er dunkle Gestalten erkennen zu können. Das konnte er sich aber auch nur eingebildet haben.

„Nein, Eure Antwort würde gar nichts ändern. Warum habt Ihr überhaupt versucht zu fliehen? Ihr hättet doch wissen müssen, dass das keinen Sinn hat.“

Mit einer Handbewegung des alten Mannes wuchs ein mannshoher Holzstab neben ihm aus der Erde. Ruckartig zog er ihn aus dem Boden.

„Wie habt Ihr mich gefunden?“

Der Soldat antwortete mit einem boshaften Grinsen.

„Sagen wir, ich habe mich einer Kontaktperson bedient.“

Mit einer lässigen Handbewegung warf er Naidraug einen kleinen silbern glänzenden Gegenstand zu. Dieser fing ihn, lies ihn aber sogleich wieder fallen, nachdem er erkannt hatte was es war. Das Kleinod landete neben der Feuerstelle. Nun konnte es auch Erif erkennen. Es war ein kleiner silberner Ring. Die makellose Oberfläche glänzte hell im Licht der Flammen. Entsetzt starrte Naidraug auf den kleinen Ring. Diesmal war auch die Ruhe seiner Stimme gewichen.

„Habt…Habt Ihr…“

„Ich mache es kurz. Gebt mir den Stein“

Der Soldat macht auf Erif einen selbstzufriedenen Eindruck. Ihn hatte er die ganze Zeit über nicht beachtet.

Langsam erholte sich der Erdmagier wieder von seinem Schrecken.

„Nein.“

Erif wagte nicht zu fragen, was hier vorging.

„Danke, auf diese Antwort habe ich gehofft.“

Unmittelbar nachdem der Soldat aufgehört hatte zu reden, schoss etwas Längliches aus dem Wald, verfehlte Naidraug nur knapp und bohrte sich vor Erifs Füßen in den Boden. Er sprang auf und zog sein Schwert. Vor ihm steckte zitternd ein Speer im Boden. Sofort nachdem er aufgesprungen war packte ihn leichter Schwindel. Er hatte eine zulange Zeit nichts mehr gegessen. Da reichte eine einmalige Mahlzeit nicht aus um seine Schwäche zu beseitigen. Außerdem hatte sein Körper noch keine Gelegenheit das Gegessenen zu verarbeiten.

Naidraug schaute mit besorgter Miene kurz zu ihm und wandte sich dann wieder dem Mann in der schwarzen Rüstung zu.

„Wartet, der Junge ist nur zufällig hier, lasst ihn gehen. Er weiß ohnehin nicht worum es hier geht.“

Zum ersten Mal fasste der Mann nun Erif ins Auge. Der Blick war abschätzig.

„Ich glaube Euch sogar, aber es ist mir egal. Sein Pech, dass er sich zu Euch ans Lagerfeuer gesellt hat.“

Wieder kam ein Angriff aus dem Wald. Diesmal waren es Pfeile. Naidraug wich mit einem Sprung zur Seite aus, während Erif sich hinter seinen Baumstumpf warf. Die Pfeile waren aus einer anderen Richtung gekommen als der Speer zuvor. Vermutlich waren sie von einer Gruppe umkreist. Wer waren diese Leute. War dies vielleicht eine der Räuberbanden.

Erif wagte sich aus seiner Deckung. Der Soldat mit der schwarzen Rüstung hob die Hand. Plötzlich stürmte eine Schar von Bewaffneten schreiend aus dem Wald. Alle trugen sie dieselbe Panzerung wie der erste Soldat. Der Mut drohte Erif zu verlassen. Eine Handbewegung des Erdmagiers reichte aus, um blitzschnell Ranken und Äste aus dem Wald wachsen zu lassen, welche die erst Schar Angreifer sogleich wieder zurück in den Wald schleuderte. Dazu hätte Erif nicht die Magierakademie besuchen müssen um zu wissen, dass es unklug war einen Erdmagier im Wald anzugreifen.

Nun setzte sich auch der Soldat, welcher die Lichtung als erstes betreten hatte in Bewegung. Mit einem ohrenbetäubenden Kampfschrei rannte er auf Naidraug zu. Dieser wirbelte mit seinem Stock umher und wehrte bereits die ersten Angreifer ab.

Mehr konnte Erif nicht mehr sehen, denn nun kamen auch die ersten Angreifer hinter ihm aus dem Wald. Um den ersten brauchte er sich nicht zu kümmern, da dieser an ihm vorbei zu Naidraug lief. Der zweite griff Erif mit einem seitlichen Schwerthieb an. Er wich einen Schritt zurück und griff seinerseits mit einem Ausfallschritt an. Wirkungslos glitt sein Schwert an der Plattenrüstung seines Gegners ab. Dieser lachte hämisch und deckte ihn mit einer Serie von Schlägen ein. Erif hatte Mühe allen Schlägen auszuweichen. Nur wenn er keine andere Möglichkeit hatte parierte er einen Schlag, da ihn dies viel Kraft kostete. An einen Gegenangriff war gar nicht zu denken. Diese Leute waren keine Räuber, dazu waren sie zu gut ausgerüstet, und zu fähig.

Sein Gegner vollführte einen Sprungangriff, verlor dabei aber das Gleichgewicht. Diese Gelegenheit nutzte Erif um ihn mit einem seitlichen Hieb zu attackieren. Die Rüstung konnte er nicht durchdringen, aber durch die Kraft des Angriffs fiel sein Gegner in den Obststrauch von Naidraug. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelten sich die Äste der Pflanze in immer dicker werdende Dornenranken. Bevor der Soldat sich aus dem Gewächs befreien konnte, hatten ihn die Ranken vollständig eingehüllt. Die Schreie des Soldaten wurden von einem lauten Knacken beendet.

Kurz hatte Erif Zeit sich umzublicken. Immer mehr Soldaten kamen von allen Seiten aus dem Wald. Naidraug beförderte seinen Gegner mit einem Stoß zwischen die Augen zu Boden und riss danach die Hand in die Höhe. Mit einem leichten Beben des Bodens, schossen aus verschiedenen Stellen, Steinspitzen aus der Erde, welche die Soldaten zielsicher von unten durchbohrten. Doch für jeden Gefallenen kam sofort wieder einer nach.

Brüllend stürmte der nächste Soldat auf Erif zu und überrumpelte ihn mit schnellen Schlägen. Er konnte nichts anderes tun als ihnen so gut es ging auszuweichen. Dabei wurde er von der Lichtung aus immer tiefer in den Wald gedrängt. Nur knapp entging er einem diagonal geführten Schwertstreich. Sein Angreifer vom Schwung des eigenen Angriffs mitgerissen und verlor für einen Sekundenbruchteil die Balance. Erif nutzte die Chance und rammte ihm das Schwert mit einem geraden Stich in den Kopf. Sofort sackte der Soldat zusammen. Erif zog die Klinge aus dem Kopf. Blut tropfte von der Schwertspitze auf den Boden. Keuchend lehnte er sich gegen einen Baum. Er hatte soeben das erste Mal einen Menschen getötet. Ihm war schwindlig. Der Kampfeslärm von der Lichtung war noch deutlich zu hören.

Als er aufblickte, konnte er vor sich im Wald ein seltsames Gebilde ausmachen. Vielleicht eine Falle?, ging es ihm durch den Kopf. Erif packte sein Schwert fester und näherte sich der Stelle. Es war eine Art Käfig auf Rädern. Vermutlich um Gefangene zu transportieren.

Er wandte sich ab um wieder zur Lichtung zurückzueilen und Naidraug beizustehen, da hörte er plötzlich ein Geräusch aus Käfig. Es war das Atmen eines Menschen. Kurzentschlossen kletterte Erif auf den Wagen und schaute durch die hölzernen Stäbe. Nun konnte er die Umrisse einer Person ausmachen. Er ging einen Schritt zurück und zerstörte das provisorische Schloss mit seinem Schwert. So wie es aussah, war der Wagen hastig zusammengezimmert worden. Er öffnete die Tür und trat ein.

Im Käfig stand eine vermummte Gestalt. Sie war in einen schäbigen braunen Mantel mit Kapuze gehüllt. Ihre Hände waren angekettet, wobei die Länge der Ketten so gehalten war, dass sich die Gestalt nicht setzen konnte.

Erif ging einen Schritt auf den Gefangenen zu, da fingen die Ketten schwach zu leuchten an. Magieabsorbierende Ketten. Das bedeutete, dass der Gefangene magisch begabt sein musste, denn diese Ketten wurden speziell für die Gefangennahme von Magiern gefertigt. Sobald sie angelegt sind, wird dem Zauberer langsam sämtliche magische Energie entzogen. Versuchte dieser Magie zu wirken, so beschleunigt er diesen Prozess nur. Befindet sich eine magisch begabte Person in der näheren Umgebung der Ketten, so beginnt das Metall der Ketten zu leuchten.

Der Umstand, dass die Ketten vor seinem Eintreffen nicht geleuchtet hatten, musste bedeuten, dass dieser Person bereits sämtliche magischen Reserven entzogen wurden.

Er unterzog die Ketten einer knappen Begutachtung, dann holte er mit dem Schwert aus. Sie waren von geringer Qualität und konnten somit mit Waffengewalt zerstört werden. Drei Schläge benötigte er für jede der Ketten. Danach drohte der Gefangene zu Boden zu fallen. Schnell stützte er die Gestalt, damit sie nicht auf den Holzboden aufschlug und legte sie sanft auf den Boden. Nach einigen Augenblicken regte sich die Gestalt und setzte sich auf.

„Bist du in der Lage zu laufen?“

Die Gestalt schien ihn anzustarren nickte dann aber. Noch immer konnte er das Gesicht des Gefangenen unter der Kapuze nicht erkennen. Allerdings war ihm das in der momentanen Situation auch nicht so wichtig. Er fühlte wie ihm die Zeit davonlief.

Plötzlich hörte er schnelle Schritte näher kommen. Erif duckte sich. Die Gestalt tat es ihm gleich. Zwei Soldaten liefen zum Kampfplatz. Währenddessen unterhielten sie sich. Erif lauschte angestrengt um den Wortwechsel zu verstehen.

„…wird schwächer. Gleich haben wir den Mistkerl erledigt. Die Magier sind auch schon in Position.“

„Dann wird er bald Tod sein. Ich wüsste gerne was es mit diesem Stein …“

Nun waren sie außer Reichweite seiner Ohren. Aber was er gehört hatte, gefiel ihm gar nicht. Er musste sofort zurück zur Lichtung und Naidraug beistehen. Erif stand auf und sprang vom Wagen. Schwindel packte ihn wieder, sodass er sich am Wagen abstützen musste. Er blickte noch einmal zum Käfig hinauf. Die Gestalt hatte sich aufgerichtet und beobachtete ihn.

„Verschwinde von hier so schnell du kannst.“

Das war alles was Erif der Gestalt noch zu sagen hatte, bevor er in Richtung Lichtung eilte. Er musste dem alten Mann helfen. Wenige hatten ihn in den letzten Monaten mit solch einer Offenherzigkeit empfangen, wie Naidraug. Er wollte ihn nicht sterben lassen. An die Möglichkeit, dass er dabei sterben könnte, dachte er nicht einmal.

Eine brenzlige Situation

Erif stürzte auf die Lichtung. Die Zahl der Soldaten hatte nicht abgenommen, aber es kämpften nur noch jeweils drei mit Naidraug. Der Rest hielt sich am Rande der Lichtung. Unter ihnen befand sich auch der Soldat, welcher als erstes die Lichtung betreten hatte. Der Mann blutete aus einer Platzwunde am Kopf. Er war scheinbar der Befehlshaber der Angreifer.

Naidraug selbst blutete aus mehreren kleinen Schnitten und wirkte erschöpft. Vermutlich hatte er den Großteil seiner magischen Energie bereits aufgebraucht. Auf der ganzen Lichtung lagen Speere, Pfeile, Schwerter und zahllose Leichen der Soldaten verstreut.

Mit kreisenden Bewegungen leitete Naidraug die Angriffe seiner Widersacher ab. Durch einen Schlag auf den Kehlkopf schaltete er einen seiner Gegner aus. Ein weiterer seiner Angreifer ging durch eine Attacke auf die Schläfe zu Boden. Nachdem er einen Schwerthieb des letzten Soldaten unterwandert hatte, brach er diesem mit dem Stab eine Kniescheibe. Sofort gab das Bein nach und der Soldat ging unter Schmerzensschreien in die Knie.

Wie auf ein stummes Kommando flog eine weitere Pfeilsalve aus dem Wald auf Naidraug zu. Hastig ging er hinter dem knienden Soldaten in Deckung. Die Pfeile trafen den Soldaten tödlich und ließen ihn zusammenbrechen. Naidraug richtete sich auf und stand nun alleine auf der Lichtung. Ein weiterer Pfeilhagel wurde zwischen den Bäumen auf den alten Mann abgefeuert. Zu spät sprang er zur Seite. Ein Pfeil drang tief in seinen linken Oberarm ein. Er schrie vor Schmerz. Abgelenkt von den Schmerzen bemerkte der alte Mann das grüne Glühen hinter seinem Rücken nicht.

„Vorsicht, Kriegsmagier!“

Erif rannte auf Naidraug zu und riss ihn von den Beinen. Über ihren Köpfen flog eine grüne, durchscheinende Kugel vorbei und traf einen Soldaten am Waldrand. Der Getroffenen wurde von der Kraft der Kugel mit rasanter Geschwindigkeit jaulend in den Wald katapultiert. Mit einem dumpfen Knall endete sein Schrei. Vermutlich war er gegen einen Baum geflogen.

Auf Befehl des Anführers bewegte sich einer der Soldaten vom Waldrand zügig auf die beiden zu. Erif sprang auf und stellte sich vor Naidraug. Er durfte nicht zurückweichen. Den leichten Schwindel und die Kopfschmerzen ignorierte er so gut es ging.

Der Angreifer schlug brüllend mit einem vertikalen Schwerthieb zu. Erif ließ den Angriff abgleiten und antwortete seinerseits mit einem Kampfschrei und einem horizontalem Hieb. Der Soldat war durch den Kampfschrei kurz abgelenkt. Dieser kurze Augenblick reichte Erif um ihn zu enthaupten. Zuerst fiel der Kopf seines Gegners zu Boden, dann der restliche Körper.

Mittlerweile hatte Naidraug sich wieder aufgerichtet. Er hatte den Pfeil aus seinem Oberarmgezogen. Die Wunde blutete stark. Ihm schienen Kraft und Konzentration u fehlen um sie zu heilen. Er wandte sich zu Erif. Sein Gesicht verriet seine Müdigkeit.

„Danke. Ich hätte nicht mehr die Kraft gehabt den Zauber abzuwehren.“

Erif wollte gerade etwas erwidern als er sah wie sich der Gesichtsausdruck des alten Mannes änderte. Er konnte Bestürzung erkennen.

„Pass auf!“

Die Warnung kam zu spät. Eine der grünen Energiekugeln traf Erif. Schmerz explodierte in seiner Schulter. Gleichzeitig wurde er von den Füßen gerissen und gegen einen der Bäume am Rand der Lichtung geschossen. Der Aufprall war hart und noch schmerzhafter als der magische Angriff selbst. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst und er spürte wie mehrere Knochen in seinem Körper brachen. Erif glitt zu Boden. Das Atmen bereitete ihm Schmerzen und auch sein Kopf wurde bei jedem Gedanken von einem unerträglichen Stechen gepeinigt. Er versuchte aufzustehen, schaffte es aber erst beim zweiten Versuch.

Nachdem er wieder auf beiden Beinen stand, suchte er mit seinem Blick nach Naidraug. Sowie er ihn sah, bemerkte er, dass der Anführer der Soldaten auf ihn zuging.

Erif humpelte los um den Erdmagier gegen diesen Feind unterstützen zu können, aber der andere Mann war um einiges schneller. Die restlichen Soldaten rührten sich nicht. Als dieser Naidraug erreicht hatte, begann er gnadenlos mit seinem Schwert auf ihn einzuschlagen. Der alte Mann wehrte sich mit seinem Stab so gut er konnte, doch man konnte ihm ansehen, dass er am Ende seiner Kräfte war. Es dauerte nicht lange und sein Widersacher hatte ihm den Stock aus den Händen geschlagen. Mit einem Tritt beförderte sein Gegner ihn zu Boden.

„Ihr hättet uns den Stein besser gleich geben sollen, dann hättet Ihr vielleicht einen angenehmeren Tod erfahren.“

Der Anführer der Soldaten holte mit seinem Schwert aus und ließ es auf Naidraug niederfahren.

„Nein!“

Erif konnte die letzten Schritte mit einem Sprung überwinden und parierte den vermeintlichen Todesstoß. Die Wucht des Angriffs ließ zwar Erifs Schwert brechen, bewahrte allerdings das Leben des alten Mannes vor dem sicheren Tod.

„Was? Du Wurm lebst immer noch? Aber nicht mehr lange!“

Wieder holte der Schwarzgerüstete aus, diesmal galt sein Hieb Erif. Doch bevor er ihn ausführen konnte, stürzte sich der Feuerfalke aus einem der Bäume auf den Mann. Dieser versuchte den Vogel mit seiner Klinge zu treffen und taumelte dabei ein paar Schritte zurück. Blut lief aus dem rechten Auge. Der Feuerfalke hatte eines seiner Augen getroffen.

Eine Verschnaufpause war Erif jedoch nicht vergönnt. Wieder sah er ein grünliches Leuchten zwischen den Bäumen. Die durchsichtige Energiekugel flog zwischen den Bäumen durch direkt auf sie zu. Erif konzentrierte sich und sammelte aus seinem Inneren die letzten Funken magischer Kraft. Als die Kugel immer näher kam, zog er vor ihm und Naidraug eine magische Barriere auf. Das wabernde Gebilde leuchtete in allen Farben als die Energiekugel dagegen prallte, hielt aber stand. Die Kugel verpuffte.

Erif stöhnte. Er konnte die Barriere keinesfalls länger aufrecht erhalten. Das Gebilde zerbrach und löste sich in Nichts auf. Kraftlos sank er auf die Knie. Er konnte nicht mehr. Sein Körper versagte ihm den Dienst. Da nahm er den Blick von Naidraug wahr. Der alte Mann lag am Boden und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Er bewegte seine Lippen, sprach jedoch zu leise damit Erif ihn hätte hören können.

Der Schrei des Feuerfalken riss Erif aus seiner Lethargie. Der Soldat hatte das Tier mit der Breitseite seines Schwertes getroffen. Der Vogel schrie auf und zog sich mit unsicheren Flügelschlägen in den Wald zurück.

Der Anführer der Soldaten wandte seinen Kopf Erif und Naidraug zu und fixierte sie mit einem irren Blick. Sein Gesicht war zu einer wütenden Fratze verzerrt und von Blut verschmiert. Dort wo zuvor sein rechtes Auge gewesen war, befand sich nur noch ein rotes Stück Fleisch.

Er bewegte sich mit schnellen Schritten auf sie zu.

„Zeit zu sterben!“

Das Ende einer Suche

Naidraug konnte seinen Augen nicht trauen. Nachdem Erif, der Junge den er heute das erste Mal getroffen hatte, sie beide mit seiner magischen Barriere geschützt hatte, war er auf die Knie gefallen. Das Heft des zerbrochenen Schwertes, mit dem er ihm gerade das Leben gerettet hatte, hielt er dabei immer noch in der Hand. Er war gefallen und hielt sein zerbrochenes Schwert. Er war es. Er war der Gefallene mit dem zerbrochenen Schwert. Erif war das Ziel seiner Suche.

Mit seinem Blick versuchte Naidraug Erifs Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dieser bemerkte ihn tatsächlich und erwiderte seinen Blick.

„Du bist es, Junge.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, aber zu mehr war er nicht mehr fähig.

„Du bist es. Du sollst ihn haben. Hörst du?“

Erif reagierte nicht, er hörte ihn nicht.

Der Schrei des Feuerfalken brachte den Jungen dazu seinen Blick wieder abzuwenden.

„Nein, tu das nicht. Komm her. Ich habe dir etwas Wichtiges zu sagen.“

Wieder keine Reaktion. Da hörte er die Stimme des Anführers seiner Verfolger.

„Zeit zu sterben!“

Nun wandte auch Naidraug seinen Kopf in Richtung des Mannes. Dieser kam mit gezogenem Schwert auf ihn zu.

„Und mit dir werde ich anfangen, alter Narr.“

Erif stand auf und ging schwankend auf den Mann zu.

Naidraug versuchte zu rufen, brachte es jedoch wieder nur zu einem Flüstern.

„Halte ein. Das darfst du nicht. Du bist viel wichtiger als ich. Du darfst nicht für mich sterben.“

Als Erif sich dem Soldaten in den Weg stellte, packte ihn dieser und warf ihn einfach zu Boden. Er blieb wenige Schritte neben Naidraug liegen, mit dem schmerzverzerrten Gesicht zu ihm gewandt.

„Keine Sorge, du bist Nummer zwei auf meiner Tagesliste.“

Verzweiflung machte sich in Naidraug breit.

~ Wirf mich! ~

Das war die Stimme des Steines. Der alte Mann griff in seine Manteltasche und umschloss den Stein. Er zog die Hand langsam heraus und hielt die Faust geschlossen, sodass der Soldat den Stein nicht erkennen konnte. Die Stimme des Steines hatte recht. Es war die letzte Möglichkeit.

~ Wirf mich auf mein Zeichen! ~

Naidraug sah Erif tief in die Augen. Der Junge wusste nicht, was sich heute Nacht alles für ihn verändern würde. Der Anführer seiner Verfolger war nur noch wenige Schritte von ihnen entfernt.

Plötzlich vernahm Naidraug aus dem Wald den Ruf des Feuerfalken. Hektisch wandte der Soldat seinen Blick in die Richtung aus der er den Schrei vermutete.

~ Jetzt! ~

Mit seiner letzten Kraft warf der Erdmagier den Stein zu Erif, der ihn zu seiner Erleichterung auffing. Der Junge wirkte verwirrt. Naidraug nickte ihm noch einmal kurz zu, bevor er sich wieder zu dem Soldaten drehte. Der Mann wandte sich vom Wald ab und legte die letzten Schritte zwischen ihm und Naidraug zurück.

Als sich sein Henker mit erhobener Klinge über ihm befand, lächelte Naidraug seelig. Er hatte seine Lebensaufgabe erfüllt, auch wenn es im Augenblick seines Todes war. Damit hatte er geschafft, woran alle vorherigen Wächter gescheitert waren.

„Stirb!“ Der Soldat bohrte ihm das Schwert tief in das Herz.

Alles wurde schwarz vor Naidraugs Augen und ein Gefühl der Leichtigkeit verdrängte jeglichen Schmerz. Das war also der Tod.

Die Macht des Steines

„Nein!“

Erif hatte soeben mitansehen müssen wie der Soldat dem alten Mann das Herz durchbohrte. Mit einem letzten Seufzer wich das Leben aus Naidraug.

Der Mistkerl hatte ihn einfach getötet. Eine Träne glitt über Erifs Wange. Er war der nächste der sterben würde. Ob es wohl wirklich ein Leben danach gab?

Wie auch immer, er hatte vor seinem Ende erhobenen Hauptes entgegenzutreten. Langsam richtete er sich auf. Schmerz durchzuckte seinen ganzen Körper. Das Atmen viel ihm schwer und in seinem Kopf schienen tausend Nadeln zu stecken. Es dauerte einige Augenblicke bis er wieder stand.

Seine Hand umschloss immer noch den Stein, welchen der Erdmagier ihm kurz vor seinem Tod zugeworfen hatte. Erif öffnete seine Faust und betrachtete das Mineral genauer. Es war feuerrot. Der Kern war dunkelrot und undurchsichtig. Nach außen hin wurde er klarer. Erif glaubte im Inneren ein schwaches Leuchten ausmachen zu können. Warum hatte der Erdmagier ihm diesen Stein zugeworfen? Was sollte er damit?

Naidraugs Mörder hatte inzwischen seine Klinge wieder aus dem Körper seines Opfers gezogen und sie an dessen Mantel gereinigt. Nun wandte er sich Erif zu. Gerade als er den ersten Schritt auf ihn zumachte, erstarrte er. Er hatte den Stein erblickt.

„Der Stein. Gib ihn mir. Sofort!“

Unwillkürlich schloss Erif seine Hand wieder. Das Mineral war ganz warm. Er würde ihm den Stein nicht geben.

„Hörst du schlecht? Gib ihn her!“

Der Soldat ging einen weiteren Schritt auf ihn zu. Da wurde der Stein immer wärmer. Erif öffnete seine Hand wieder. Das Mineral strahlte. In seinem Innersten schien nun Feuer zu brennen.

„Was machst du da!?“

Der Mann nahm die letzten Schritte zwischen ihm und Erif im Laufschritt. Der Stein war mittlerweile heiß geworden und die Hitze wurde immer unerträglicher. Das Feuer im Inneren des geschliffenen Minerals tobte heftiger und auch das Licht nahm an Helligkeit zu.

Er wollte den Stein fallen lassen, aber er konnte nicht. Seine Hand gehorchte ihm nicht mehr. Auch zu schreien vermochte er nicht.

Der einäugige Soldat schlug mit seinem Schwert zu. Erif sah dem Tode ins Auge. Doch die Klinge prallte knapp vor Erifs Körper gegen eine unsichtbare Wand. Der Angreifer wurde zurückgestoßen und landete in der Mitte der Lichtung. Beinahe wäre er in das Lagerfeuer geflogen.

„Was soll das? Magier! Angriff!“

Aus allen Richtungen flogen nun grüne, durchsichtige Energiekugeln auf Erif zu. Allesamt prallten sie an der schützenden Mauer um Erif ab und trafen stattdessen andere Soldaten.

„Feuer einstellen! Feuer einstellen!“

Schlagartig endete der Angriff.

Der brennende Schmerz, den der Stein in Erifs Hand verursachte war nicht mehr zu ertragen. Die Hand selbst schien aber unversehrt. Keine Anzeichen von Verbrennungen. Das Leuchten hatte an Intensität zugenommen und blendete ihn beinahe. Feine Risse überzogen die glatte Oberfläche des Juwels.

„Formieren! Alle hinter mich!“

Auf das Kommando des Anführers stürmten Unmengen an Soldaten auf die Lichtung und sammelten sich hinter dem Mann. Die Reihen reichten weit bis in den Wald hinein. Alle waren sie in Rüstung und bewaffnet.

Erif stockte der Atem.

„So viele…“

Nur einen kurzen Moment konnte er die Schar der Angreifer beobachten, dann hörte er ein knackendes Geräusch und betrachtete sogleich wieder das Mineral. Die sengende Hitze, welche vom Stein ausging hatte indes weiter zugenommen und auch die Risse waren tiefer geworden. Das Feuer im Inneren tobte. Der Stein würde brechen.

„Alle Mann, Angriff!“

Die Soldaten setzten sich in Bewegung und rannten auf Erif zu. Als sie nicht mehr weit von ihm entfernt waren, zerbrach das Juwel mit einem grellen Blitz. Die Flammen aus seinem Inneren strömten aus dem Mineral und umgaben Erif. Immer mehr Feuer strömte aus dem zerbrochenen Stein. Es wollte gar kein Ende nehmen. Die Soldaten stoppten und wagten nicht weiter vorzurücken. Überall züngelten Flammen. In der Luft, am Boden, auch die ersten Bäume in der Nähe von Erif begannen zu brennen. Die Hitze war gewaltig.

Einer der Soldaten kam vorsichtig näher und hielte sein Schwert in die Flammen. Das Metall schmolz blitzartig. Mit einem Schrei ließ der Mann das glühende Schwertheft fallen.

Das Feuer schaukelte sich weiter auf und die Flammen, welche aus dem zerbrochenen Stein kamen, nährten das Inferno weiter. Da versiegte schlagartig der Strom aus Feuer. Erif war wie in Trance. Die Schmerzen, die Hitze, die Anstrengungen des Kampfes, all das hatte bewirkt, dass er kurz vor der Bewusstlosigkeit stand.

Er ließ seinen Blick schweifen. Überall wo er hinsah, war Feuer. Und er stand in der Mitte. Hier gab es kein Entkommen. Bald würde er verbrennen. Warum ließ sich der Tod solange Zeit.

Mit einem Ruck bewegten sich die Flammen. Sie türmten sich auf und schraubten sich in die Höhe. Über Erif sammelten sie sich. Das gesamte Feuer wurde zu diesem Punkt gezogen. Als sich die gesamte Feuersbrunst dort vereint hatte, nahmen die Flammen Gestalt an. Erif konnte zwei Flügel erkennen, welche sich aus dem Feuer schoben. Auch zwei Klauen und ein Feuerschweif bildeten sich. Zuletzt formte sich der Kopf, welcher auf einem etwas längeren Hals thronte und von einem leicht gebogenen, spitz zulaufenden Schnabel geziert wurde. Die Augen glühten blutrot.

Erif starrte wie gebannt auf die Kreatur. Es war ein riesiger Vogel, dessen Körper rein aus sengendem Feuer bestand. Die majestätische Kreatur reckte den Kopf in die Höhe und stieß einen markerschütternden Schrei aus.

Danach setzte er zum Sturzflug an. Die Soldaten vor Erif waren das Ziel der riesigen Kreatur. Die Männer machten kreischend kehrt und flüchteten. Unter ihnen konnte er den einäugigen Anführer erkennen. Viele stürzten über die Leichen ihre gefallenen Kameraden, welche auf der Lichtung lagen. Doch es gab kein Entrinnen. Der feurige Vogel bewegte sich schnell und hatte schon die ersten Soldaten erreicht. Jeder der von ihm berührt wurde, verbrannte. Übrig blieb nichts als Asche. Sogar das Metall der Rüstungen und Schwerter schmolz. Bäume und Pflanzen zerfielen förmlich zu heißem Staub.

Der Feuervogel flog durch die Reihen der Fliehenden und löschte sie somit alle aus. Die Panikschreie der Soldaten begleiteten das Geschehen.

Innerhalb weniger Augenblicke hatte er das Ende der Heerscharen erreicht und damit fast alle Soldaten vernichtet. Die letzten Flüchtenden zerstreuten sich in kleine Gruppen und flohen in verschiedene Richtungen in den Wald.

Unbeirrt stieg die feurige Kreatur in den Himmel auf und spie Feuer auf die einzelnen Gruppen. Jeder Feuerstoß verbrannte eine der Gruppen zu Asche. Einer der flüchtenden Magier der letzten Gruppe versuchte sich zur Wehr zu setzen und feuerte eine durchsichtige, grüne Energiekugel ab. Er traf, doch die Attacke verpuffte wirkungslos am Körper des Vogels. Dieser antwortete seinerseits mit einem Feuerstoß und tötete damit die letzte Gruppe.

Nachdem er alle Soldaten in Asche verwandelt hatte, wandte sich der Feuervogel Erif zu. Die Kreatur schien ihn zu beobachten. Erif konnte seinen Herzschlag hören. Er hoffte, dass das Wesen ihn verschonen würde. Um ihn herum brannten weite Teile des Waldes. Der Geruch von verbrannter Erde stieg ihm in die Nase. Er wollte nicht auch verbrannt werden.

Erbarmungslos begann der Vogel seinen Sturzflug. Es war vorbei. Erif hatte nicht mehr die Kraft wegzulaufen. Außerdem würde dies ohnehin nichts bringen, wie er gerade gesehen hatte. Sein Körper war wie gelähmt. Sogar den Atem hatte er angehalten.

Das Wesen hatte die weite Distanz zwischen ihm und Erif schnell zurückgelegt. Es kam mit jedem Herzschlag näher. Das Letzte was Erif sah waren die blutroten Augen des Feuervogels, dann berührte er ihn.

Erif fühlte die stechende Hitze. Er brannte, spürte die Flammen auf seiner Haut. Die heftigsten Schmerzen kamen jedoch aus seinem Inneren. Es fühlte sich an als würde das Feuer in ihm wüten, in seinen Knochen, seinen Organen, seinem Geist, seiner Seele.

Ihm wurde schwarz vor Augen. Das letzte was er spürte bevor er das Bewusstsein verlor, waren Hitze und Schmerz.

Die Gefangene

Die Kreatur hatte den jungen Mann erreicht. Plötzlich gab sie ihre Gestalt auf. Flammen hüllten den jungen Mann ein. Er hatte den Kopf in den Nacken geworfen und verzerrte sein Gesicht zu einer Fratze. Es war ein Ausdruck reinen Schmerzes. Dennoch schien er nicht zu verbrennen.

Es folgte ein greller Lichtblitz, danach war das Feuer verschwunden. Der Boden war kreisförmig in einem Radius von mehreren Schritt ausgebrannt. In der Mitte lag der junge Mann ohnmächtig und nackt am Boden. Seine Kleidung war ein Opfer der Flammen geworden. Der von der verbrannten Erde aufsteigende Rauch verhüllte den nackten Körper des Ohnmächtigen.

Aus ihrem Versteck hatte Evol alles genau mitverfolgen können. Ein Schnauben lenkte ihre Aufmerksamkeit ab. Das Pferd, welches Evol neben ihr an einem Baum angebunden hatte, machte sich bemerkbar. Sie konnte Angst aus den Geräuschen des Rappen heraushören. Das war nicht weiter verwunderlich, wenn man bedachte, dass der Wald an vielen Stellen Feuer gefangen hatte. Sanft streichelte sie das Pferd, dabei ließ sie ihren Blick wieder zur Lichtung und dem Bewusstlosen schweifen. Naidraugs Leiche war ebenfalls zu Asche verbrannt. Trauer griff nach ihrem Herzen. Sie hatte den alten Magier lieb gewonnen. Dass die Soldaten ihn töten konnten, war größtenteils ihre Schuld. Wie hatte sie sich nur so dumm anstellen können, dass sie von den Soldaten gefangen genommen werden konnte. Ohne ihren Ring wären sie niemals in der Lage gewesen Naidraugs Aufenthaltsort zu erfahren. Wer ihn trug, wurde von einem Licht am Horizont direkt zu dem Stein Geführt. Der alte Mann selbst hatte ihn ihr anvertraut nachdem er aus seinem Heim hatte fliehen müssen.

Evol stand knapp hinter dem Rand der Lichtung und hielt sich im Dickicht verborgen. Sie streifte die Kapuze des schäbigen braunen Mantels ab, um das Pferd dadurch nicht noch mehr zu beunruhigen. Langsam ging sie auf den Waldrand zu. Ihre magischen Fähigkeiten hatten sich vom Bann der verhexten Ketten noch nicht wieder erholt, also konnte sie die Umgebung nicht mit ihrem Geist sondieren. Sie wiederstand nur mit Mühe dem Impuls sofort zu dem jungen Mann zu laufen.

Behutsam suchte sie mit ihrem Blick den Rand der Lichtung ab. Keine Spur von weiteren Soldaten. Der Feuervogel schien sie alle restlos ausgelöscht zu haben. Wieder richtete sie ihre Augen auf den Bewusstlosen. Dieser lag nach wie vor regungslos am verbrannten Boden, eingehüllt in Rauchschwaden. Hätte er sie nicht zuvor aus dem Käfigwagen befreit, wäre sie vermutlich auch in den Flammen umgekommen. Er hatte ihr das Leben gerettet.

Sie musste unbedingt dafür sorgen, dass der junge Mann in Sicherheit gelangte. Auch wenn er es nicht wusste, nun war er von großer Bedeutung für ihr Volk und den Rest der Menschen. Gerade als Evol ihren Fuß auf die Lichtung setzte, ertönte ein markerschütterndes Krachen. Nicht weit von ihr stürzte ein Baum zu Boden. Der Stamm der mächtigen Eiche hatte den Flammen nicht länger standhalten können.

Das war zu viel für das Pferd, welches Evol aus dem Soldatenlager entwendet hatte. Wiehernd riss es sich mit einem Ruck vom Baumstamm los und stürmte in den Wald.

„Nicht!“

Evol richtete ihren Blick wieder auf den jungen Mann, dann zurück auf die Stelle an der das Pferd im Unterholz verschwunden war. Es half alles nichts. Sie brauchte das Tier. Ohne es wäre es unmöglich den Ohnmächtigen zu transportieren und ihn schnell genug von diesem Ort wegzubringen.

Hastig stürzte sie dem Rappen hinterher. Zu ihrem Glück konnte das Tier nicht ungehindert galoppieren. Die zahlreichen Bäume und die dicken Wurzeln hinderten den Gaul daran, wodurch Evol einigermaßen Schritt halten konnte. Nach einer Weile stellte sich dem Pferd eine Feuerwand entgegen. Sie hatten einen Bereich des Waldes erreicht, der vollkommen vom Feuer eingenommen worden war. Der Rappe scheute. Endlich holte Evol das Tier ein. Sofort griff sie nach den Überbleibseln der zerrissenen Zügel und redete beruhigend auf das Pferd ein. Es dauerte einige Momente bis sie es soweit beruhigt hatte, dass sie es wegführen konnte.

Sie hatten ein kleines Stück des Weges zurückgelegt, da blieb Evol stehen. Aufgrund der Hetzjagd hatte sie komplett die Orientierung verloren. Verzweifelt entschied sie sich für einen Trampelpfad der ihr bekannt vorkam. Mehrmals änderte Evol die Richtung. Es dauerte, aber schließlich fand sie die Lichtung wieder. Unverändert lag, vom Rauch umspielt, in der Mitte der junge Mann.

Sie dankte den Göttern. Nun konnte sie ihn in Sicherheit bringen.

Doch noch bevor sie mit ihrem Pferd die Lichtung betreten konnte, vernahm sie das Getrappel von Hufen. Irgendjemand näherte sich der Lichtung. Am Geräusch konnte Evol erkennen, dass es nur ein Pferd war, dieses aber schnell näher kam.

Da erblickte sie auch schon die Silhouette des Reiters. Ein Mann brach mit seinem dunkelbraunen Pferd aus dem Wald hervor. Als er den Lichtungsrand hinter sich gelassen hatte, ließ er sein Pferd in langsamen Trab verfallen. Sein Blick fiel sofort auf den Bewusstlosen. Fragend musterte er ihn. Der Reiter dirigierte sein Pferd näher zu dem jungen Mann und stieg ab. Nun besah er sich seiner Umgebung, dabei fuhr er sich mit seiner Hand durch das kurzgeschorene blonde Haar. Die Verwirrung stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Indes hatte Evol sich wieder tiefer ins Dickicht zurückgezogen. Sie wollte am liebsten fluchen, obwohl es ihrer Natur widersprach. Jetzt konnte sie wieder nichts unternehmen. Sie beobachtete den Mann. Er trug eine Lederrüstung und hatte ein Schwert an seiner Seite hängen. Ob er wohl einer der Soldaten war? Sie hoffte nicht, denn dann wäre das Schicksal des ohnmächtigen Mannes besiegelt. Kurz spielte sie mit dem Gedanken den Neuankömmling einfach mit ihrem Pferd zu überrennen, doch dazu stand der Mann mit seinem Pferd zu nahe an der Stelle, wo der Bewusstlose lag. Das Risiko seines Todes konnte sie nicht eingehen. Außerdem verabscheite sie den Gedanken den Mann zu töten. Es könnte immerhin nur ein unschuldiger Reisender sein.

Der Reiter öffnete seine Satteltasche und holte eine grobe Wolldecke hervor. Er wandte sich dem am Boden Liegenden zu und wickelte ihn sorgfältig in die Decke. Mit einem leichten Ruck hob er diesen dann auf und setzte ihn in den Sattel seines Reittieres.

Offensichtlich schien der Reiter keine Bedrohung für den jungen Mann zu sein. Allerdings gefiel Evol der Gedanke, dass dieser Mann mit dem Ohnmächtigen sogleich verschwinden würde, überhaupt nicht. An eine Verfolgung war nicht zu denken. Rund um den kleinen Wald befand sich eine weite, flache Steppe. Sie würde sofort entdeckt werden. Dass der Reiter ein ausgebildeter Krieger zu sein schien, beruhigte sie keineswegs.

Nachdem sich der immer noch Bewusstlose sicher im Sattel befand, schwang sich der Reiter hinter ihm in den Sattel. Mit den Zügeln lenkte er das Tier Richtung Osten und trabte los. Nach wenigen Augenblicken war der Reiter wieder im dunklen Wald verschwunden.

Fieberhaft überlegte Evol was sie als Nächstes unternehmen sollte. Um nicht von diesem Unbekannten entdeckt zu werden, musste sie den Wald entweder in entgegengesetzter Richtung verlassen, oder eine Weile warten bis, sich der Reiter weit genug vom Wald entfernt hatte. Sie setzte sich auf den Boden und lehnte sich gegen einen Baumstamm. Müde blickte sie in eine kleine Wasserlacke, welche sich neben dem Baum befand. Dank dem hellen Vollmondlicht, das durch die Wipfel des Waldes drang, konnte sie ihr Spiegelbild an der Wasseroberfläche erkennen. Ihr schulterlanges weiß-blondes Haar war durchdrungen von Schmutz. Auch ihr Gesicht mit seinen sanften Zügen war vom Dreck nicht verschont geblieben. Allein ihre hellblauen Augen waren dieselben wie vor der Gefangennahme.

Selbst wenn ihr der Gedanke widerstrebte, genau genommen musste sie den Soldaten dankbar sein. Hätten diese sie nicht gefangengenommen, wäre sie niemals Zeuge dessen geworden, was sie heute Nacht hier erlebt hatte. Dann würde niemand wissen, dass es bereits geschehen war.

Das verpflichtete sie aber auch ihre Erkenntnisse weiterzugeben, denn diese Nachricht war von äußerster Wichtigkeit für mehrere Personen. Boten waren für diese Aufgabe viel zu unsicher. Diese Information musste sie selbst weitergeben. Dazu musste sie aber zurück in den Norden, in das Königreich Tsorf. Diese Reise würde mehrere Tage, wenn nicht Wochen, in Anspruch nehmen, danach würde es schwierig werden den jungen Mann wieder zu finden. Schwierig, aber nicht unmöglich, versuchte sie positiv zu denken.

Evol hob ihren Blick und starrte durch das Blätterdach in den Nachthimmel. Sie rief sich das Gesicht ihres Retters ins Gedächtnis. Ohne Zweifel würde sie ihn wieder finden, das wusste sie. Doch bis sie zurück war, musste er selbst auf sich aufpassen. Dazu würde er nun mit Sicherheit in der Lage sein.

Damit war die Sache entschieden. Ihr nächster Weg führte sie nach Norden.

Unwillig noch mehr Zeit zu vergeuden, stieg sie in den Sattel ihres Rappen. Ein letztes Mal musste Sie den Drang niederkämpfen alle Vorsicht in den Wind zu schießen und mit ihrem Pferd Richtung Osten zu galoppieren, um die Verfolgung der beiden Männer aufzunehmen. Sie schloss ihre Augen und sandte ein kurzes Gebet zum Schutz des Bewusstlosen an die Götter. Mehr konnte sei momentan wirklich nicht tun.

Langsam trabte sie los. Durch die Baumwipfel konnte sie erkennen, dass sich der Himmel allmählich aufhellte.

Ein neuer Tag würde bald anbrechen.

Ein unverhofftes Wiedersehen

Sonnenlicht weckte Erif. Langsam kam er zu sich. War er Tod? Unverzüglich meldeten sich Schmerzen aus seinem ganzen Körper. Erif krümmte sich. Nein, Tote spürten keine Schmerzen mehr.